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Das heißeste Bad der Welt

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Titel: Das heißeste Bad der Welt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 580
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Badekultur, besonders im heißesten der Kusatsu Onsen
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[580] Das heißeste Bad der Welt. Während die Sommerfrischen eine Erfindung der Neuzeit, eine Folge der Ansammlung von Menschen in Großstädten sind, müssen wir die Bäder unter die ältesten hygieinischen und medizinischen Einrichtungen der Völker rechnen. Kein Wunder! Mineral- oder heiße Quellen fordern ja den Menschen förmlich heraus, die Wirkung ihres eigenartigen Wassers auf den Körper zu versuchen! So finden wir in allen Erdtheilen und bei allen, selbst bei den „wildesten“ Völkern an heißen und warmen Quellen Bäder, die zu Heilzwecken errichtet sind. Selbst in dem dunkelsten Afrika, an Orten wie Kibiro oder Mtagata, kann der Entdeckungsreisende mit Staunen eine Art mehr oder weniger fashionablen Badelebens beobachten, bei welchem auch eine ohrenzerreißende afrikanische Bademusik nicht fehlt.

Kein Volk der Erde aber badet so heiß wie die Japaner. Auf dem letzten Kongreß für Innere Medizin hat Professor Bälz, der nahe an 20 Jahre als Professor der Medizin an der Universität Tokio gewirkt hat, merkwürdige Aufschlüsse über diese Art des Badens gegeben, aus welchen hervorgeht, daß man dort gewöhnlich 40° bis 45° C. heiß badet und daß den daran gewöhnten Japanern diese Prozedur nicht schadet.

Japan, ein an Erdbeben und Vulkanen reiches Land, besitzt auch viele heiße Quellen. Zu den berühmtesten zählt diejenige von Kusatsu, die hoch im Gebirge entspringt und um die das größte japanische Schwefelbad entstanden ist. Die heißeste dieser Quellen liefert Wasser von 70° C. Hitze und darüber, und sie gilt weit und breit als die heilkräftigste. Aus dieser Quelle werden nach Angaben von Bälz Bäder von +54° C. bereitet, in denen man nur 5 Minuten verweilt und die sich gegen den sonst unheilbaren Aussatz heilkräftig erweisen sollen.

Ottfried Nippold, der jahrelang in Japan gelebt hat, giebt in seinen soeben erschienenen „Wanderungen durch Japan“ (Fr. Maukes Verlag, Jena 1893) eine anschauliche Schilderung der Qual, die man in dem heißen Badebassin von Kusatsu zu erdulden hat. Die Badenden nähern sich dem Rande des Beckens, kauern dort nieder und beginnen, sich den Kopf mit heißem Wasser zu begießen. Einige der Badenden wickeln etwas Linnen um besonders empfindliche Stellen des Körpers, um die Haut wenigstens einigermaßen zu schützen. Jetzt naht der Augenblick, wo in das heiße Element gestiegen werden soll. Vielen fehlt der Muth dazu. Es sind im ganzen vielleicht 50 Personen versammelt, von denen die meisten die Sache sicherlich schon mehrmals mitgemacht haben. Trotzdem fällt ihnen der Entschluß jedesmal schwer. Um ihnen denselben zu erleichtern, geschieht das Baden, das Hinein- und Heraussteigen nach dem Kommando eines Bademeisters. Jetzt giebt derselbe das Zeichen zum Einsteigen. Die armen Opfer beantworten dasselbe im Chorus und machen sich an das saure Geschäft. Sie gehen dabei äußerst langsam und behutsam vor, um das heiße Wasser ja nicht mehr als durchaus nöthig, zu bewegen, da es sonst noch mehr brennt. Zoll für Zoll verschwinden die Körper. Endlich sind sie bis an den Hals im Wasser, auch einige Nachzügler sind bis dahin angelangt. Regungslos bleiben sie alle kauern, kaum daß einer mit den Augen zwinkert. Um die Zeit etwas zu vertreiben, verkündet der Bademeister jedesmal, wenn eine Minute vorbei ist. Trotzdem scheint es den Badenden eine Ewigkeit zu dauern. Im Chor wiederholt jedesmal die ganze Schar die Worte des Bademeisters, der übrigens auch mit im Wasser sitzt, augenscheinlich, um zu beweisen, daß dasselbe nichts schadet. „Noch zwei Minuten!“ ruft er, und „noch zwei Minuten!“ wiederholt der ganze Chor. „Noch eine Minute!“ ertönt es von beiden Seiten und diesmal schon bedeutend freudiger. Und jetzt erfolgt das Zeichen, daß die Zeit um ist. Mit einer Hast, die nach der vorherigen Langsamkeit doppelt auffallen muß, entflieht die ganze Gesellschaft der heißen Flüssigkeit. Alle athmen freudig auf, daß die Sache wieder einmal überstanden ist; bis zum folgenden Tage haben sie jetzt wieder Ruhe.

Das Wasser von Kusatsu ist schwefel- und arsenhaltig; seine Wirkung ist äußerst energisch und es greift die Haut an. Bei den Badenden, die länger zur Kur weilen, bilden sich am ganzen Körper Geschwüre, die noch lange an die ausgestandenen Qualen erinnern und eine Nachkur im vollsten Sinne des Wortes erheischen. *