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Bilder vom Thüringer Walde

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Autor: Berthold Sigismund
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Titel: Bilder vom Thüringer Walde
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, 2, S. 687–689, 28–30
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[687]
Bilder vom Thüringer Walde.
Von Berthold Sigismund.

Die landschaftliche Natur unsres Gebirges, die manches Große und so viel Lieblichschönes darbietet, ist in der Fremde weit mehr bekannt und gewürdigt, als der schlichte biedere Menschenschlag, der auf diesen Bergen haust. Gar viele Wanderer, die von Berghäuptern, Felsschluchten, Wasserfällen und Waldriesen des thüringer Gebirges mit Entzücken reden, haben den Bewohnern desselben kaum einen flüchtigen Blick geschenkt. Und doch gehört es zu den schönsten Freuden einer Reise, die mannichfaltigen Lebensformen unsrer Brüder zu beobachten und sich in ihr Dasein zu versetzen, namentlich aber sich auf einige Stunden in die Lage und Weltanschauung schlichter, armer Menschen zu träumen. Das Loos der glücklichen Armuth erscheint wirklich zuweilen so reizend, daß man wenigstens auf einige Zeit aus der eignen Haut fahren und sich in eine fremde stecken möchte.

Die ursprünglichsten Formen des thüringer Lebens, die ihre alte Art am treusten bewahrt haben, finden wir mitten im Walde. Es sind die Hirten, Holzhauer, Köhler, Kustelsteiger, Harzscharrer, Rußbrenner, Sägemüller und Steinbrecher. In der Hoffnung, daß es dem geneigten Leser nicht unlieb sein werde, sich auf ein Viertelstündchen in die Lage solcher „Waldleute“ zu versetzen, und daß es Lustreisenden, die das Gebirg besuchen, zur Anregung dienen könne, mit dieser vielfach übersehenen „Staffage“ der Landschaft persönliche Bekanntschaft zu machen, will ich versuchen, einige derselben mit kurzen Andeutungen zu schildern. Den Vortritt mögen haben

1. die Holzhauer,

als die Waldleute, die zuerst im wilden Urforste sich angesiedelt und die ursprüngliche Art ihrer Voreltern, der thüringer Pioniere, am treusten bewahrt haben. Mancher Ort des höhern Gebirgs verdankt ihren Niederlassungen seinen Ursprung; einzelne Dörfchen bestehen noch jetzt zum größten Theile oder fast ausschließlich aus ihren Hütten, einstöckigen, kleinfenstrigen Gebäuden mit grauen Schindeldächern, an deren Außenwand zahlreiche Bauer mit Kreuzschnäbeln hangen und auf deren Thürstufen flachsköpfige Kinder im lustigsten Morgenanzuge Gruppen bilden, bei deren Anblick man nicht selten denkt: Wie schade, daß Ludwig Richter dies Völkchen nicht sieht, um es mit seiner Meisterhand zu verewigen!

Im Sommer trifft man in den Holzmacherorten außer den kleinsten Kindern selten Jemand zu Hause. Die Hausfrau ist im Wald oder auf dem Felde. Das Feld besteht aber in einem meist kaum einige Schritte breiten, steinigen Aeckerchen, das sich dicht am Waldsaume an einem steilen Berghange hinzieht. Zugthiere sind da nicht zu brauchen. Der dürftige Boden wird mit der Hacke bearbeitet, der Dünger muß auf steilen Zickzackwegen in Körben hinaufgetragen werden. Die Frau säet, schneidet mit der Sichel und erntet. Viele Familien haben nur ein Kartoffelfeldchen, auch die wohlhabenden bauen kaum das Brod für einige Monate; wer seine Jahreskartoffeln baut, gilt für einen „gemachten Mann“.

So klein ihr Ackerland, so groß ist ihre Wiese und ihr Garten. Das ist nämlich der Wald. Er liefert den Ziegen Nadelstreu und Gras, er spendet der Küche die werthvollsten Gaben an Beeren und Pilzen. Ganze Körbe voll Schwämme werden für den Winter getrocknet; das ist unser Fleisch, sagen sie schelmisch.

Der Vater und die der Schule entwachsenen Söhne sind alle Tage, die Gott werden läßt, im Walde, es müßte denn der Schnee so lief liegen, daß gar nicht durchzukommen ist. Und das tritt im hohen Winter nicht selten ein; muß doch der menschenscheue Auerhahn zuweilen sein einsames Revier verlassen und tiefer gelegene Stellen suchen.

Sonst waren die Holzhauer leicht an ihrer Kleidung zu erkennen; sie trugen leinene „Waldkittel“ und eine Art kleinen Tyrolerhut, eine Tracht, der man auch noch jetzt häufig begegnet. Seit jedoch der Verkehr mit den großen Städten lebhafter geworden, trifft man bei diesen Waldleuten zuweilen wunderliche Costüme. Der eine trägt einen fadenscheinigen Modefrack, der endlich seine Schöße zur Ausbesserung hergibt und zur Jacke wird, ein Anderer kleidet sich gar in einen ausrangirten Waffenrock; die verschiedensten Waaren der Trödler wandern in die thüringer Wälder, um da zu verenden. So buntscheckig aber auch die Kleidung hin und wieder sein mag, an einem Stück ihrer Tracht sind die Holzhauer immer kenntlich. Das ist der Behälter, in dem sie ihre Lebensmittel in den Wald tragen; seine Beschaffenheit bezeichnet zugleich das Revier, dem die Einzelnen angehören. Die Einen tragen einen leinenen Quersack („Waldsack“) über die Schulter, Andere ein Reff mit einer Schachtel auf dem Rücken, noch Andere eine taschenähnliche Schachtel aus Fichtenrinde („Gutter“) an der Seite.

Die „Holzmacher“ sind hagere, aber kräftige Gestalten, die mit schweren Tritten bergan steigen, scheinbar langsam und träge, aber doch so fördersam, daß jeder sie begleitende Fremde, der sich keuchend den Schweiß trocknet, ihre Lungen bewundert. Die meisten sind kerngesund, wenn sie nicht einmal das Kreuzweh, die Folge des Bückens und der Durchnässung, plagt. Viele werden alt; ich sah ein Paar siebzigjährige Kumpane, die länger als fünfzig Jahre! mit einander gearbeitet, im Walde thätig; zu schweren Arbeiten waren sie freilich nicht mehr geeignet, der Förster wies ihnen die ihrer Kraft angemessene Arbeit des Durchforstens zu, bei der sie nur dünne Stämme aus den Dickichten zu hauen hatten. So mürrisch auch das wettergebräunte, meist kahlgeschorene Gesicht der Holzhauer aussehen mag, sie sind meist heitere Naturen und jedenfalls offenherzige, biedere, freundliche Leute. Sie lassen sich eine Versäumniß nicht verdrießen, um einen Fremden zu „berichten“, und so schweigsam sie bei der Arbeit sind, so gesprächig findet man sie, wenn sie ihre Rast halten.

„Wir sind die reichsten Leute,“ sagen sie scherzend, „denn wir haben zwei Häuser.“ Der beigefügte Holzschnitt stellt ihre Sommerwohnung dar. Die Lage derselben ist reizend. Der Waldschlag, auf dem sie steht, prangt im Purpurschmucke des Fingerhutes und Weidenröschens, neben manchem alten Fichtenstamm duften die herrlichsten Erdbeeren. In der Nähe ragt der Hochwald, in dem die Vögel so laut singen und schmettern, daß ihr Gesang das Knarren der Säge und den Hall der Aexte übertönt. Der Gesichtskreis ist von waldigen Bergen umschlossen, auf denen man hier und da eine Gruppe von Schindelhäusern erblickt. Die zeltartige, aus Pfählen gebaute und mit Fichtenrinde bekleidete Hütte hat vor vielen andern Bauten im Walde große Vorzüge. Freilich mit einer Vogelheerdhütte der wohlhabenden Städter, die wie ein Landhäuschen alle Bequemlichkeiten bietet, kann sie sich nicht messen, sie läßt aber die mit bloßem Reisig gedeckten und umwandeten Meisen- und Tränkenhütten weit hinter sich. Sie ist etwa zehn Fuß lang und an dem nach dem Bergfuße zugewandten Ende so hoch, daß man zur Noth darin stehen kann. Auf einzelnen Hütten, die ein Holzmacher errichtet, der Sinn für das Schöne hat, findet man als Giebelschmuck einen hirschgeweihähnlichen Baumast aufgepflanzt, der das Wahrzeichen des Forsthauses nachahmt.

Das Innere der Hütte entbehrt all’ der entbehrlichen Unentbehrlichkeiten der gewöhnlichen Wohnungen, des Tisches, der Bank, des Schrankes. Das Rindenzelt ist ja nur Schlafstätte. Auf einer Streu von Tannenreisig, das nicht so stachelt wie das struppige Fichtenreißig, lagern sich die müden Männer, zu deren Füßen in kühlen Nächten ein kleines Feuerchen brennt. Ein Holzklotz vertritt das Kopfkissen, eine Schicht Tannenzweige („Flieschen“) das Deckbett. In einer Sommernacht ruht es sich wirklich schön in einem solchen Rindenzelte, neben dem die Drossel ihr sanftes Schlummerlied flötet und eine Nachtlerche ihre süßen Weisen anstimmt. In regnerischen Nächten freilich läßt das Obdach Manches zu wünschen übrig. Dichter preisen oft das melodische Getrappel der Regentropfen auf ein dichtes Dach; aber wenn die Schauer durchdringen, das Feuer verlöschen und die Streu durchnässen, da muß man wetterfest sein und sich so gut in den Mantel der Geduld zu hüllen verstehen, wie diese kernigen Waldleute.

Wenn die Drossel den Morgen verkündet, erheben sich die Schläfer, die zu zwei bis sechs in einem Zelt übernachten, von ihrem grünen Lager, erfrischen sich an einer kühlen Quelle und bereiten am frisch entfachtem Feuer ihren Morgenimbiß.

So schlicht die Küche der Holzhauer, so hat sie doch durch die fortschreitende Civilisation manche Umänderung erfahren. Was war das Feueranmachen sonst für eine Plage! Man mußte trockene Fichtennadeln und Wurmmehl suchen, mit Schwamm anzünden und durch Schwenken und Blasen mühselig zur Flamme anfachen. Wie flott geht das jetzt mit dem Streichholze! „Wir sparen alle Tage eine Viertelstunde Zeit,“ sagen die dankbaren Arbeiter. Die Aelteren [688] bereiten sich noch immer nach der Väter Sitte eine Morgensuppe, Jüngere ziehen häufig den Kaffee vor. Kartoffeln, die aus dem Vorrathskellerchen unter einem alten Wurzelstocke hervorgelangt werden, bilden die Zukost.

Rasch wird zur Arbeit gegriffen. Man steht im Gedingelohn, und es „will etwas wissen,“ so vielen eßbegierigen Familiengliedern das theure Brod zu schaffen. Die Holzfäller arbeiten stets in Genossenschaften, gewöhnlich „zwei- oder dreispännig“, zuweilen auch „sechsspännig“; einen Trägen oder Ungeschickten nimmt man nicht leicht zum Gespann. Die Gemeinsamkeit spornt zum Fleiß an, das überwachende Auge des Försters zur Pünktlichkeit.

Vom Frühjahr ab werden Bäume gefällt und in Blocke zerschnitten. Das Umstürzen hoher Fichten, die mit gewaltigem Sausen große Bogen durch die Luft beschreiben und knackend und prasselnd zu Boden fallen, daß es dröhnt und bebt, sehen die Holzhauer mit derselben Lust, wie der Jäger das Niederstürzen eines waidgerecht erlegten Hirsches. Dem Baumfällen folgt das Zersägen, Spalten und Ausklaftern des Scheitholzes. Ein tüchtiger Arbeiter setzt seinen Stolz darein, die Klaftern voll- und ebenmäßig aufzubauen, und der Förster belohnt ihn dadurch, daß er ihm eine gute „Partie“ zuweist. Die Art, wie unsere Holzhauer die Arbeitsbücher führen, in denen sie ihre Klaftern einzeichnen, gibt ein vortheilhaftes Zeugniß für ihren Schulunterricht. Spätestens im Juli beginnt die mühseligste Waldarbeit, das Stockgraben. Vor vierzig Jahren war den Waldleuten diese Arbeit erspart, in jener holzreichen Zeit ließ man die Baumstümpfe stecken und verfaulen. Jetzt werden sie sammt ihren Hauptwurzeln ausgegraben und gespalten. Das Stockgraben ist zum Sprüchwort für eine saure Arbeit geworden; es ist aber nicht nur die beschwerlichste, sondern auch die kunstreichste Arbeit des Holzhauers. Nur der Arbeiter, der außer den kräftigsten Armen auch Scharfblick besitzt, um den Verlauf der oft in den sonderbarsten Windungen fortkriechenden und sich zu Knäueln verstrickenden Wurzeln zu errathen, der durch lange Uebung gelernt hat, wo und wie er den hartnäckigen Gegner zu packen hat, kommt hier rasch zum Ziele. Ich wüßte keine Arbeit im Walde, bei der das Zusehen für den Laien interessanter wäre, als das Stockgraben. Man erzählt auf dem thüringer Walde, daß F. Gerstäcker die gebirgischen Holzhauer in einem Baumfällungs-Wettkampfe durch seine in Amerika gelernten Künste ausgestochen habe; im Stockgraben würde der Vielgewanderte und Vielgewandte kaum den Preis davon tragen, so viel zweckmäßiger die amerikanische Axt auch sein mag, als die altväterische der Thüringer.

Holzhauerhütte im Thüringer Walde.

Die Werkzeuge unserer Holzfäller sind sehr einfach. Eine Schrotsäge ohne Gestell, einige Aexte und Rodehauen nebst einigen eisernen und hölzernen Keilen bilden die ganze Ausrüstung, deren Ankauf fünf bis sechs Thaler und deren Instandhaltung jährlich zwei bis zwei und ein halb Thaler erfordert. Von der Winde, die beim Heben der Stöcke wesentliche Dienste leistet, machen sie nur gelegentlich Gebrauch, wenn ein im Wald anwesender Block-Fuhrmann sie darleiht. Die neuen künstlichen Werkzeuge zum Stockroden, den Waldteufel und den Zahnbrecher, findet man vollends nicht bei Leuten, welche kaum die Anschaffung des schlichten Arbeitszeuges bestreiten können. Wahrscheinlich werden sich die Förster mit der Zeit genöthigt sehen, jene zeitsparenden Apparate herbeizuschaffen, denn es beginnt auch hier an Waldarbeitern zu fehlen. Die Fabriken locken durch ihre weniger mühselige Arbeit Manchen aus dem Walde weg; in den letzten Jahren sind viele Holzhauer zu den Perlenmachern übergetreten. Ja, so unglaublich es den Frauen klingen mag, gar viele der zierlichen schwarzen und weißen Glasperlen, womit mancher Kopfputz und vielerlei Andenken geschmückt sind, werden von derbhändigen Holzhauern gemacht, die ihrem Forste untreu geworden und in den Dienst des Luxus getreten sind.

Zum Frühstück ißt der Holzhauer einen „Keil“ Brod und trinkt einen herzhaften Schluck des köstlichen Wassers aus der nahen Quelle. Nur Einzelne trinken Branntwein, den sie für kraftgebend halten, aber nur sehr mäßig. Auf ein Moospolster gestreckt, pflegt man eine Viertelstunde lang der Ruhe. Sie ist so wohlverdient und erquickend, daß sie vom Wanderer beneidet wird. Man spricht nicht viel dabei, denn die Ruhe ist eine so köstliche Gabe, daß sie mit Bewußtsein und voller Hingabe genossen sein will.

Weit mehr wird nach dem Mittagessen der Unterhaltung gepflogen. Während des Mahles ist dazu keine Zeit. Mit behäbiger Stetigkeit werden die einfachen Gerichte verzehrt, die fast täglich wiederkehren. So lange es Kartoffeln gibt (das ist aber gewöhnlich nur bis zur Mitte des Sommers der Fall), geben diese die Hauptmahlzeit ab. In der Asche gebraten, als Mus („Zämpe“), als Gemüse („Schippel“) und als Suppe, die mit Stockschwamm, Schafgarbe oder Brennnesseln gewürzt ist, kommen sie tagtäglich auf den Tisch oder, wie man eigentlich sagen müßte, auf den Stock, denn ein Baumstumpf dient der Schüssel gewöhnlich zum Gestelle. Fehlen die Kartoffeln, so wird das tägliche Mittagsmahl aus Roggenmehl bereitet und in Form eines mager geschmälzten Breies oder einer mit den oben genannten Waldgewürzen versehenen Suppe genossen. Als Nachtisch dient eine Pfeife „Querreiter“, dessen süßlicher Duft im Walde manchem an feineres Kraut gewöhnten Raucher ein bewunderndes Schnüffeln abgelockt hat. Eine Cigarre erlaubt sich der Holzhauer höchstens zur Kirchweih oder zu Fastnacht. In den sächsischen Forsten ist es anders, dort ist der Glimmstengel nahe daran, den Ulmer zu verdrängen.

„Muß es sein? Ja, es muß sein!“ So überschrieb Beethoven in einer gutgelaunten Minute einen Sonaten-Satz. Dieses Motto fiel mir ein, so oft ich die Holzhauer sich von dem Mittagsruheplatz erheben und ihrer Arbeit zuwandern sah. Es ruht sich so prächtig am Stamme der alten Buche auf dem schwellenden [689] Moose, man ist in süßes Nichtsthun versunken, sogar zu bequem, eine nahe Erdbeere zu pflücken, selbst wenn man keine so „müden Knochen“ in sich trägt, kurz, man begreift wohl, wie schwer es fallen muß, wieder zu dem heißen kahlen Platze zu gehen, zu dem die schwere Axt mit ihrem von vielem Gebrauche blanken Stiele winkt.

Eine Uhr besitzen die Holzmacher nicht. Der Stand der Sonne und der Vogelsang verkündet ihnen die Tageszeit bestimmt genug. Endlich, endlich! Die „Zippe“ (Singdrossel) stimmt den Feierabendruf an. Nun geht es zur Hütte. Die Abendsuppe wird verzehrt; dann greift Alles zur Pfeife und sieht „discurirend“ die Nacht hereinbrechen. Oft kommt Besuch aus der nächsten Hütte. Das ist ein süßes Plauderstündchen am flackernden Feuer! Man bespricht die Neuigkeiten des Tages; der hat eine Auerhenne gesehen, jener einen „Mordhirsch“, auf den man den Förster aufmerksam machen will; der Eine hat Nachrichten aus dem Dorfe, der Andere spricht seine Muthmaßungen über den Ausfall der Kartoffelernte aus; ein Dritter erzählt, was er vom „Apolijon“ gehört, der Krieg anfangen will; manchmal ergehen sie sich auch in launigen Späßen und barocken Phantasien. Als sich einmal eine Gruppe berieth, was sie sich wünschen würden, wenn ihnen eine Bitte an’s Schicksal frei stünde, war der Vorschlag des Einen: eine Knackwurst, so groß wie ein Fichtenstamm, der des Zweiten: den Floßteich voll Bier, der Dritte wünschte sich bescheiden genug eine Million Finken, aber lauter gute Schläger und Futter für dieselben. Meist dreht sich aber unter den älteren Leuten das Gespräch um die „gute alte Zeit.“

Die alte Zeit, sie war nicht etwa besser, weil sie höhern Lohn gewährte. Bewahre! Sonst waren die Löhne niedriger und im Walde weniger Arme nöthig, denn wer kümmerte sich um die „Stocke“! Einst fehlte es den Holzhauern nicht selten an Arbeit, jetzt ist überall Nachfrage nach Waldarbeitern. „Wir stehen uns,“ sagen die verständigen Waldleute, „mit den 120 Thalern, auf die wir’s bringen können, zwar nicht ganz so gut, als manche Fabrikanten; aber unser Brod ist sicher, und wir brauchen nicht in der Stube zu hocken. Ja, erträglich haben wir’s schon, besser als sonst; aber die alte Zeit war doch die gute Zeit!“ Und nun kommen Geschichten von früheren Jahren, die beweisen sollen, wie viel fröhlicher man sonst gelebt hat, und wie es ehedem doch ganz anders war. Ach, wer fühlte nicht, daß die gute alte Zeit immer da blühte, wo man jung und fröhlich war!

Uebrigens ist auch heutigen Tages die Fröhlichkeit „auf dem Walde“ (so bezeichnet man die höchsten Theile des Gebirges, während die niederen „vor dem Walde“ heißen) keineswegs ausgestorben. Noch klingt die Cither in dem kleinen Stübchen der Holzhauer, noch singt manche Familie an Winterabenden in traulichem Chor geistliche und weltliche Lieder; auch im Kunstgesang schulen sich manche junge Holzhauer neuerdings. An den dritten Feiertagen und zu Fastnacht macht sich der Waldarbeiter bei Spiel und Tanz gründlich lustig; da sieht man einzelne bemooste Häupter, denen man solche Beweglichkeit nicht zugetraut, im raschen Walzer Großes leisten.

Wer in den schlichten Waldleuten besonders abergläubische Menschen vermuthet, irrt sich. Vor einem Menschenalter freilich war’s anders. Da galt ein Holzhauer, der wöchentlich zwei bis drei Klaftern mehr fertig brachte, für verbündet mit dem Bösen. Jetzt lacht man über solchen Wahn.

Mittwoch und Sonnabend machen die Holzhauer früher Feierabend, um in’s Dorf zu wandern. Kaum hat der müde Arbeiter Frau und Kind begrüßt, so sieht er nach seinen Vögeln und freut sich an diesen Lieblingen, den Finken und Kreuzschnäbeln.

Behaglich setzt er sich dann auf die Bank vor den weißgescheuerten Tisch, um einmal mit Manier zu essen; dann verbringt er ein Stündchen, auf der Hausthürschwelle sitzend, mit dem Rauchen aus einer langen Pfeife, wobei er dem Getreibe des Dorfes ernst zusieht. Abends macht er ein vorläufiges Schläfchen auf der Ofenbank oder auf dem Höllsteine, dann labt er sich gründlich in seinem „Federhausen“, das ihm nach längerer Entbehrung gewiß so gut wie ein Eiderdunenbette behagt. Auch sein Haus dünkt ihm wohl im Vergleich mit dem Waldzelt ein wahres Schloß. Der trauliche Ofen, die tickende Wanduhr, die Muskatblätterstöckchen im Fenster – Alles lacht ihn an. Sie sind wirklich meist wohnlich und sauber, diese Holzhauerstübchen, wenngleich manche Fensterscheibe durch Dachspäne ersetzt ist. Die Diele ist rein, und auf weiße Wäsche zu halten, ist Ehrensache dieser Gebirger.

Für den Leser, der sich in eine solche Hütte zu versetzen wünscht, steht hier der Grundriß, nach dem sie alle gebaut sind.

a ist die Hausflur, deren Hinterthür zum Ziegenstall im Hofe führt, b die Wohnstube mit großem Kachelofen und dem Höllsteine, sie ist von zwei kleinen Schiebfenstern erleuchtet, c der Alkoven, das Schlafgemach der Eltern, während die Kinder unter dem Dache, neben dem Heu schlafen, d eine kleine dunkle Küche ohne Heerd (es wird auch im Sommer im Ofen gekocht), e eine Vorrathskammer.

Im Winter ist es in dem mit Fichtenreisig eingemummten Hüttchen traulich warm oder gar heiß. Der Hausherr genießt freilich diese Wärme nur des Abends. Er fährt auf Schlitten Holz an die Meilerstätten und Fahrwege. Dies ist eine nicht ungefährliche Arbeit, wo es steil bergab geht. Dann gibt man dem beladenen Schlitten einen großen, durch Ketten zusammengeschnürten Holzstoß zu schleppen, der als Hemmschuh wirkt. Ein Mann lenkt den Schlitten, ein zweiter den Schlepper; so geht es pfeilschnell die steile „Schleife“ hinab. Bei völliger Unwegsamkeit des Waldes bleibt der Holzhauer daheim und sucht sich durch Schachtelmachen, Schindelspalten oder das Formen von Porzellanfigürchen, das die Kinder vieler Waldleute beschäftigt, einen Nebenverdienst zu erwerben. Im ersten Frühling hilft er bei der Flöße. Er fährt die Scheite an den Waldbach, dessen Fluthen, geschwellt durch den Ablaß eines Sammelteichs, Hunderte von Klaftern an einem Tage thalabwärts befördern. Das Flößen ist die geräuschvollste Arbeit. Das Brausen des über Fälle hinabstürzenden Wassers, das Poltern der wahre Lachssprünge machenden Scheite, die lauten Zurufe der Flößer, unterbrochen von Jauchzen und Singen – das gibt ein Durcheinander, daß man sich in eine Schlacht versetzt wähnt. Von noch fröhlicherem, aber sanfterem Charakter ist die zweite Frühlingsarbeit, bei der die Holzhauer gewöhnlich mitwirken, das Pflanzen. Da hier Mädchen und Frauen helfen, herrscht allgemeine Munterkeit, kaum eine Viertelstunde verstreicht ohne Lied.

Am Sonntag feiert der Holzhauer. Im besten „Staate“ geht er zur Kirche, im Sommer meist eine Blume im Munde. Zu Mittag prangt auf seinem Tische das thüringer Leibgericht, der Kloß aus rohen Kartoffeln, den die Frauen „auf dem Walde“ vorzüglich weiß und locker herzustellen verstehen; neben diesen Bombenhaufen verschwindet fast das niedliche Schweinebrätchen, das einzige Fleischgericht der ganzen Woche. Am Sonntag Abend besucht der Holzhauer das Wirthshaus, um ein Seidel zu trinken. Die Würze dieses die ganze Woche entbehrten Trankes bilden gesetzte Unterhaltungen mit den Kumpanen und die Neuigkeiten, die man in der Gesellschaft hört oder liest. So wenig auch diese Thüringer Wäldler von der großen Welt „draußen im Lande“ wissen, so erfahren sie doch in der Schenke durch die ausliegende Dorfzeitung hier und da Etwas vom Weltgetriebe. Eine gute, nur das Allerwichtigste gebende und der Fassungskraft angepaßte, kleine und spottwohlfeile Wochen- oder Monatszeitung für diese und andere schlichten Glieder des Volkes erscheinen zu sehen, das ist ein Wunsch, der sich oft in mir regte, aber wohl noch lange ein frommer Wunsch bleiben wird. In England hat man seit Jahren dergleichen Zeitschriften „für die Million“, wie sie dort heißen. Ich bezweifle nicht, daß die deutschen „Arbeiter“ ein solches Blättchen für einige zusammengelegte Pfennige halten und am Feierabend lesen würden, wie es die Engländer thun. Die Vereinigung vermag viel. Schon sind durch die Bemühung der Förster Kranken- und Sterbecassen unter den Holzhauern errichtet; vielleicht erleben wir noch, daß Bildungsvereine unter ihnen entstehen. Mancher Städter wird darüber die Achseln zucken, aber das haben Viele auch gethan, als man für die Kinder der ärmsten Classen regelmäßigen Schulunterricht einführte. Nun können alle Erwachsenen lesen, es ist also an der Zeit, ihnen etwas Gutes zum Lesen zu verschaffen. Hier ist ein Feld für edle Wohlthätigkeit, das edle Früchte verheißt. Ist kein Lord Brougham da, um einen Verein zu stiften, der durch eine Pfennigliteratur auch die Aermsten in Verbindung hält mit dem Leben des großen Ganzen?


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Autor: Edmund Hoefer
Titel: Bilder vom Thüringer Walde. Die Köhler
aus: Die Gartenlaube 1860, Heft 2, S. 28-30

[28]

2. Die Köhler.

Ein angenehmer brenzlicher Duft zeigt den Weg zu der Schlagfläche, wo die blaugrauen Rauchsäulen der Meiler emporwirbeln. Ein wilder Pfad zwischen Fichtenstöcken, an denen Fingerhut blüht, und schön grünen Moospolstern führt an einem Quellchen vorbei, das über eine Fichtenrinde in ein Gefäß rinnt, zu einer Stelle, wo inmitten hochaufgebauter Haufen von Scheiten und Stöcken die Meiler ragen.

Thüringer Köhlerhütte.

Die Hütte der Köhler hat eine reizende Lage, mit der Aussicht in einen stillen Waldgrund und auf dunkelgrüne Höhen. Die Herberge der ständigen Köhler des Gebirges steht an Wetterfestigkeit und Bequemlichkeit hoch über den kleinen, zeltähnlichen Reisighütten („Kriechlöchern“) der „Kohlenbrenner“ des niedern Landes, die nur dann und wann an verschiedenen Orten einen kleinen Meiler bauen. Ihre fensterlosen Schrotwände sind aus gespaltenen Stämmen aufgeführt, das Dach ist mit Fichtenrinde dicht bedeckt, die thürlose Pforte, die zugleich das Fenster vertritt, ist schön gewölbt. Der auf drei Bewohner eingerichtete Innenraum ist etwa zwölf Fuß lang, zehn breit und sieben Fuß hoch. Längs der drei vollen Wände strecken sich breite Bänke, die jeden Sonnabend mit frischem Tannenreisig bedeckt werden. Zu Häupten jedes Lagers steht eine kleine verschlossene Lade, welche die Kartoffeln und die mit Mehl und Salz gefüllten Schachteln birgt und zugleich als Kopfkissen dient. Ueber diesen Bänken läuft das „Tresurchen“, ein Bretersims, auf dem die Koch- und Eßgeschirre zierlich aufgepflanzt sind. In der Mitte der Hütte brennt das nie ausgehende Heerdfeuerchen, das Nachts den Ofen und die Betten ersetzt.[1]

In einer solchen Hütte hauset der Meister, der die Verantwortlichkeit des Geschäftes auf sich hat, mit dem Gesellen und dem Jungen. Im Aeußeren unterscheiden sie sich nur durch das Alter. Ein schwarzer, breitrandiger Filzhut, schwarzbestaubte Kleider von [29] grober Leinwand und Holzpantoffeln bilden ihre ständige Tracht. Ihre schwarzen Gesichter, aus denen das Weiße der Augen grell vortritt, haben einen ernsten, fast düstern Ausdruck; ihre Gestalten sind meist untersetzt, aber kräftig. Wenn man ihnen von ihrem Berufsgenossen erzählt, der sich am Prinzenräuber zum Edelmann getrillt hat, so äußern sie trocken: „Wenn die Gelegenheit nur öfter käme, da sollte es bald mehr Edelleute als Köhler geben!“ Wehe auch dem Kunz, der unter ihre Fäuste geriethe! Die Köhler sind als die stärksten Schubkärrner des Waldes berühmt, sie fahren eine Vierlelklafter über Stock und Stein. In Folge der großen Anstrengung und der Unbilden des Wetters dauern sie selten so lange aus, wie die Holzhauer; kaum bleibt ein Köhler über das fünfzigste Jahr hinaus, wo sich die Gicht einzustellen pflegt, ordentlich waldtüchtig.

Die Lebensweise der Köhler ist eine sehr schlichte. Ihr Trank besteht wochenlang aus Quellwasser und dünnem Kaffee, ihre Kost aus Schwarzbrod und Kartoffeln, oder aus Suppe und Brei aus Kartoffeln oder Mehl, die mit Waldgewächsen gewürzt werden. Ihre größten Leckerbissen, die das Fleisch vertreten, sind die „Beber“, Toaste, die man aus mit Fett bestrichenen und gerösteten Brodstücken herstellt. Eine Pfeife Tabak ist Hauptlabsal; „lieber kein Brod,“ erklären sie einhellig.

Die Arbeit der Köhler ist weit einförmiger und mühseliger, als die der Holzhauer. Sie leben vom Mai bis zum September fast ununterbrochen im Walde; jeden Sonntag kann nur ein Bewohner der Hütte einmal in’s Dorf hinabsteigen. Auch der Sonntag ist nur ein halber Feiertag, denn wenn man auch „zum lieben

Voigtländische Köhlerhütte.

Sonntage“ die schwersten Arbeiten aussetzt, so ist doch immer ein im Gange befindlicher Meiler abzuwarten, der keine Viertelstunde ohne Aufsicht und Nachhülfe bleiben darf. Während der Holzhauer die Nacht ruhig verschläft, muß wenigstens einer der Köhlergenossen wach bleiben, und auch die beiden Anderen müssen häufig ihr Reisiglager verlassen; daher „kennen sie nicht Nacht vom Tage“, d. H. sie benutzen auch die freien Viertelstunden der hellen Zeit zu einem „Nickerchen“ (Schläfchen). Auch vom geselligen Verkehr mit andern Waldgenossen sind die Köhler weit mehr abgeschnitten, als die Holzhauer. Die nächste Köhlerhütte liegt oft eine halbe Stunde fern, und auf so lange Zeit kann man die Meiler nicht wohl verlassen; mit den Holzhauern, die sich meist etwas Besseres dünken, als ihre schwarzen Waldgesellen, ist kein rechter Verkehr möglich. Aber selbst unter sich haben die drei Hüttengenossen der Köhlerei keinen regen Verkehr, sie sind die schweigsamsten unter den schweigsamen Waldarbeitern. Dies rührt zum Theil von ihrer großen Weltfremdheit (sie erfahren zu wenig Neues, um sich Mitteilungen machen zu können), zum Theil aber auch von ihrer zunftähnlichen Verfassung, welche dem Gesellen oder gar dem Jungen den Muth nimmt, in Gegenwart des ernsten, von Amtswegen befangenen Meisters einen Spaß zu machen oder einen Waldjauchzer loszulassen. Daher macht das Zusammenleben der schwarzen Waldleute einen etwas grämlichen, an eine Bärenfamilie erinnernden Eindruck, und man begreift den fremden Handlungsdiener, der sich im Walde verirrt hatte und lieber Hunger und Durst mit seinen Kaffee- und Zuckerproben stillte, als daß er sich den furchtbaren, im Rauch und Feuerscheine gespenstig aussehenden „Räubern“ näherte. Aber die Köhler sind lange nicht so schlimm, wie sie aussehen. „Wenn nur das Herz schwarz ist“, sagte ein Schulmeister zur Entschuldigung, als er bei einer Feierlichkeit in heller Weste erschienen war; von den Köhlern darf man sagen: „wenngleich die Haut schwarz ist, das Herz ist gut“. Ihr geistiger Gesichtskreis ist eng, aber ihre Gutmüthigkeit groß. Sie sind musterhaft gastfrei und, wenn man sie am rechten Zipfel zu fassen weiß, leidlich unterhaltsam. Auch leben sie nicht so unnachbarlich, wie es den Schein hat. Sie verfolgen mit Theilnahme die Geschicke des Kumpans, der die nächste Stätte hat, und sprechen ihre Freude oder ihr Mitleid aus, je nachdem die Beschaffenheit seiner Rauchsäule von gutem oder gestörtem Fortgänge des Meilers Kunde gibt. Auch tauschen die Nachbarn, wenn auch nicht von Angesicht zu Angesicht, doch öfter ihre Gefühle aus, und zwar auf telegraphische Art, durch die „Hillebille“, jedenfalls eins der einfachsten Tonwerkzeuge, die man selbst unter wilden Völkern findet. An einem reckähnlichen Gestelle neben der Hütte hängt ein zur Form einer Messerklinge zugeschärftes, ellenlanges und fußbreites, dünnes Bret aus Buchenholz an zwei Fäden; dieser Holzharmonika wissen die Köhler mit zwei hölzernen Hämmern marschähnlich klippende und klappende Rhythmen zu entlocken und dadurch ihre Gefühle auszudrücken. Ehe man sich zu Tische setzt, wird die Hillebille gerührt, und bald darauf wünscht die des Nachbars gesegnete Mahlzeit; geräth ein Meiler in hellen Brand, so ruft ein Lärmzeichen zu Hülfe.

Ein solcher Mißfall stößt zwar einem aufmerksamen Köhler selten zu, aber keiner ist bei stürmischen Wetter davor sicher, weshalb stets mit Wasser gefüllte Fässer zur Hand sein müssen. Die Köhlerei ist überhaupt kein so leichtes Geschäft, wie Manche wähnen; der Chemiker des Waldes hat zwar das unsauberste, aber das verantwortungsvollste und den ganzen Menschen am meisten in Anspruch

Harzer Köhlerhütte.

nehmende Geschäft im Forste; schon die zünftige Verfassung deutet an, daß man, während beim Holzhauen Jeder gleich auf eigene Faust zugreift, hier eine gewisse Reife und lange Erfahrung nöthig hat, um als Meister auf eigenen Füßen zu stehen.

Zuerst gilt es, eine „Kohlstätte“ auszuwählen. Sie muß bequem zur An- und Abfuhre liegen, muß eine Quelle in der Nähe haben und trocken und vor dem Winde geschützt sein. Auf dieser Stätte wird ein Kreis von etwa achtzehn Fuß Durchmesser zur Meilerstätte geebnet und in der Mitte, wo der „ Quandelpfahl“ eingerammt ist, etwas erhöht. Rings um diesen Pfahl wird das auf dem Schubkarren zusammengefahrene Holz mit Sorgsamkeit so aufgestellt, daß die einzelnen Stücke möglichst steil und dicht beisammen stehen und daß die massenhaftesten in’s Innere kommen, wo die stärkste Hitze herrscht. In Thüringen baut man ausschließlich „slawische Meiler“, deren stehende Holzstücken durch einen am Grunde freigelassenen Gang, die „Zündgasse“, angebrannt werden. Besonders schwierig ist es, aus den unregelmäßigen Wurzelstöcken, die jetzt fast allein zum Verkohlen kommen, einen wohlgefügten Meiler zu errichten. Der kegelförmige Holzstoß wird mit einem „Rauhdach“ aus Rasenschollen, Heide und Reisig bekleidet und, wenn es gilt, den Luftzutritt zu ermäßigen oder ganz abzusperren, mit einem Erddach aus Dammerde und Kohlengestübe („Lösche“) mehr oder weniger dicht bemäntelt, welches durch eine besondere Holzschaufel glatt geschlagen wird.

Das Anzünden verrichtet stets der Meister, und zwar am Morgen, indem er eine lange Harzfackel durch die Zündgasse bis zum Quandel einschiebt. Die Aufgabe des Köhlers besteht nun darin, zuerst die im Holze vorhandenen Wassertheile auszutreiben und dann die Flamme vom Gipfel des Meilerkegels herabwärts [30] und nach außen zu lenken, so daß die auf der Erde liegenden Holztheile zuletzt in Gluth kommen.

Ist das Feuer am Quandel empor bis zur Haube gedrungen, und dabei der Gipfel des Meilers zu einem Krater eingesunken, so besteigt der Köhler auf einer eigenthümlichen, aus einem Baumstamme gehauenen Treppe seinen Vulcan, füllt dessen leeren Schlund mit Holzstücken und belegt ihn dicht mit Decke.

Bei dem „Auswärmen“ (Abdampfen) des Meilers, wobei er gelbgrauen, wasserdampfreichen Rauch entwickelt und außen feucht wird („schwitzt“), tritt zuweilen ein Umstand ein, der den schwarzen, qualmenden Kegel einem Vulcane noch ähnlicher macht. Wenn nämlich der Wasserdampf nicht gehörig entweichen kann, so sprengt er die Decke und die Schichten des Holzes („er wirft“). Immer sinkt der thätige Meiler, weil das Holz durch Erhitzung schwindet, oben ein, und es muß deshalb von oben nachgefüllt werden.

Ist der Meiler glücklich „abgekühlt“, so beginnt das „Treiben“, bei welchem das Holz bei möglichster Beschränkung des Luftzutrittes unter der festgestampften Erddecke verglimmt. Hier gilt es nun, des Feuers furchtbare Macht, die von Natur immer zur Höhe strebt, niederwärts zu lenken. Dies geschieht durch Einstoßung von Luftlöchern („Räumern“), die man in gürtelförmigen Reihen anbringt. Dabei ist stete Aufsicht und Abwartung unumgänglich. Rauchen die Räumer schwarz, so brennt das Feuer zu matt und muß mehr Luft bekommen; rauchen sie hellgrau, dann erfolgt die Verbrennung zu rasch, und man muß die Decke verdichten oder einige Räumer schließen; sinkt der Meiler ungleichmäßig zusammen, so muß auf der höheren Seite mehr Zug gegeben werden. Beim Kohlen gilt als Hauptregel: was lange währt, wird gut. Steigt aus den Räumern blauer Rauch und erzeugt das Aufschlagen mit dem „Wahrhammer“ (einem langgestielten hölzernen Schlägel) auf den über den Räumern liegenden Theil des Meilers einen hellen, knackenden Schall, so werden diese Zuglöcher verstopft und unterhalb derselben ein Kreis neuer gestochen. Ist der ganze Meiler in Gluth („gar“) so bricht das Feuer an einzelnen Stellen seines Fußes durch.

Dann läßt man ihn, von der Luft abgesperrt, verkühlen und löscht ihn etwa nach vierundzwanzig Stunden. Die Gluth würde zwar allmählich von selbst ausgehn, aber dann würde das „Ausbringen“ (der Ertrag) weniger gut sein. Man entblößt den Meiler von seinem Rauhdache, dessen Zwischenräume der Luft immer einigen Zutritt gewähren, und bedeckt ihn blos mit Erde und Gestübe, welche alle Klüfte und Ritzen luftdicht verstopfen. Nach einiger Zeit holt der Köhler mit Hülfe einer eisernen Spitzhaue (dem „Ziehhaken“) eine Partie Kohlen nach der andern hervor und löscht sie durch Besprengung mit Wasser, wobei er natürlich nicht versäumen darf, die dadurch entstandene Pforte des Meilers wieder zu schließen. Die Zeit, die ein Meiler zur Gare erfordert, hängt von seiner Größe ab; sehr bedeutende Meiler erfordern drei Wochen, die kleinen, in Thüringen erbauten nur drei bis sechs Tage. Eine Köhlerei hat stets zwei bis drei Meiler im Gange, welche alle Stadien des Verkohlungs-Vorganges zeigen.

Das Einreißen eines gelungenen Meilers läßt auch die mürrischen schwarzen Gesichter heiterer erscheinen. Nach dem Ausbringen richtet sich ja der Verdienst. Wenn der Köhler aus vier Klaftern Holz eine Fuhre Kohlen herstellt, bekommt er 1 fl. 36 kr.; gelingt es ihm aber, aus 33/4 oder 31/2 Klaftern eine Fuhre Kohlen zu gewinnen, so erhält er 1 fl. 48 kr. oder gar 2 Gulden Lohn. Das Ausbringen hängt nur leider nicht allein vom Geschick und von der Sorgsamkeit ab, denn bei ungünstiger Witterung kann auch der beste Meister nicht die erwartete Kohlenmasse liefern. Die Herstellung einer guten Kohle ist aber nicht blos Geld-, sondern auch Ehrenpunkt. Der glückliche Meister hängt in seiner Hütte möglichst große Stücke fester, hellklingender Kohle mit demselben Ehrgefühl auf, mit dem der Besitzer einer chemischen Fabrik große Blutlaugensalz-Krystalle in einem Glaspalaste zur Schau stellt.

Die Kohlen werden in „Kohlenfäden“, großen zweispännigen Wagen, deren Breterkasten 24 Tonnen zu 20 Cubikfuß fassen, abgeholt und bei der Eisenhütte vom „Kohlenmesser“ in Empfang genommen. Dieser Beamte führt auch die Aufsicht über die Kohlenstätten und verhängt für die von ihm bemerkten Versehen die im Dienstbuche vorgeschriebenen Strafen. Ein Köhler z. B., bei dem er „blaugehende Räumer“ findet, muß vier Kreuzer büßen. Die beste Aufsicht über die Meiler übt natürlich der Meister, dessen Lohn von deren Gelingen abhängt.

Die Köhler des Thüringer Waldes, die ihr Gewerbe nach urväterlicher Weise betreiben, werden in ihrem Geschicke mehr von der Alles umgestaltenden Zeit berührt, als die meisten übrigen Waldarbeiter. Die Zahl der Holzhauer hat sich, weil man alle Erträge der Forsten besser ausnutzt, in neuerer Zeit vermehrt, und ihr Lohn hat sich mit dem Steigen der Holzpreise etwas erhöht; die Zahl der Köhler dagegen vermindert sich jährlich, und ihr Lohn ist nicht gestiegen.

Manche Köhler sind dem Forst untreu geworden und in den Dienst der Fabriken getreten, wo sie Holz spalten oder Porcellan „quetschen“ (d. h. Porcellanteig in Gypsformen zu Nippfiguren pressen). Gar manches zierliche Figürchen, das auf dem Spiegeltische eines Putzzimmers stolzirt, verdankt der rauhen Hand eines Köhlers sein Dasein, denn auch diejenigen Schwarzen, die ihrem Dienste treu bleiben, „quetschen“, wenn sie nicht Schachteln oder Schindeln machen, im Winter Porcellan.

Aber diese Ausreißer sind nicht die Hauptursache der Verminderung des Köhlergewerbes. Die nächste Veranlassung liegt darin, daß die Forsten nicht mehr ausreichen, um alle hungrigen Oefen zu befriedigen. Manche Reviere, die sonst viel Kohlen brennen ließen, können, weil der Bedarf für Heizung der Zimmer kaum zu befriedigen ist, gar kein „Kohlholz“ mehr ablassen; die holzreichsten Forsten sogar können nur die „Stocke“ (die Wurzelhölzer), die wegen schwieriger Abfuhr keine andern Abnehmer finden, an die Köhler abgeben. Darum sind die Hochöfen und Hammerwerke des Thüringer Waldes, die weit lieber mit den ein besseres Stabeisen liefernden Holzkohlen feuern würden, genöthigt, zu den Steinkohlen zu greifen, und mancher Ofen, der durch seinen Funkenregen sonst ein Waldthal mit fliegenden Sternen überstreute, ist zum Stillstand gekommen, weil er die Mitwerbung der Coksöfen nicht aushalten konnte. Zum Glück kommen die Zwickauer Kohlen trotz des Frachtaufschlages nicht beträchtlich höher, als eine an Heizkraft gleichwertige Masse Holzkohlen, und hoffentlich beseitigen neue Bahnen oder in der Nachbarschaft aufgethane Steinkohlengruben auch diesen Mißtand, denn sonst wäre es um manches noch bestehende Eisenwerk gethan.

Aber die Waldköhlerei geht bergabwärts, unaufhaltsam bergab. Die Porcellanöfen werden mehr und mehr „die Stocke“ ankaufen und dafür Preise zahlen, welche die Eisenwerke nicht geben können, und die Köhler werden immer weniger Holz zur Verarbeitung erhalten. Man kann die Köhler damit trösten wollen, daß neuerdings weit mehr Menschen beim Coksbrennen lohnendere Arbeit finden und daß auch sie bei anderen Geschäften wohl eine wenigstens ebenso gute Stellung finden werden; man mag ihnen erzählen, daß sich aus der rohen Waldköhlerei eine Kunstköhlerei entwickeln wird, welche auch die bisher nutzlos in die Luft gehenden Nebenerzeugnisse des Theers und Holzessigs verwerthet – immer werden sie ungläubig und mürrisch drein blicken und auf ihren Mienen den Gedanken abspiegeln: „Ach, wir letzten Mohikaner! So wenig lohnend, so beschwerlich und unsauber die Arbeit war, wie schön lebt es sich doch im Walde, in unserer traulichen Hütte! Alles, alles geht dahin; wie schade, wie jammerschade!“



  1. Daß auch in den schlichtesten Bauten jedes Gebirg seinen eigenen Styl hat, zeigen die Abbildungen der Harzer und Voigtländer Köhlerhütten.