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Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha

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Textdaten
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Titel: Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 21–22
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[21]

Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha.

Recht inmitten der gesegneten Länder, über welche der deutsche Bund seinen gewichtigen Scepter erstreckt, liegt – einer Insel im Weltmeer gleich, um die sich stürmisch die Wogen brechen – eins von den wenigen ganz glücklichen Ländern, die nicht der Sage angehören. Und doch herrschen hier fast sagenhafte Verhältnisse: vor allen Dingen vollkommene Religionsfreiheit, denn die freisinnigsten und deshalb duldsamsten Geistlichen haben hier Aufnahme gefunden und stehen an der Spitze der Geistlichkeit; kein Concordat ist geschlossen oder hat nur den Schatten einer Möglichkeit; keine politischen Gefangenen schmachten in den für Verbrecher bestimmten Zellen; keine lästige Polizei chicanirt den Fremden, denn die Polizei ist hier wie sie sein sollte; kein militairischer Prunk reizt oder ärgert den Bürger; keine schweren Taxen drücken den Bauer – keine Conduitenlisten existiren; kein schwarzes Buch; kein heimliches Gerichtsverfahren. Dem Gewerbfleiß ist dabei jeder Spielraum gegeben; die Presse frei; die Kunst wird gehoben und gepflegt, und kurz und gut, es ist ein Land, so glücklich, wie wir es wohl in unseren schönsten Träumen für ganz Deutschland erstreben möchten.

Dem deutschen Leser brauche ich aber auch nicht erst zu sagen, [22] daß ich Coburg-Gotha meine, denn er hat nicht so viele Länder durchzurathen, um das rechte zu treffen. Ebenso weiß er, wem es die Coburger zu verdanken haben, daß sie das Alles von sich sagen können.

Ernst II., Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha, wurde am 21. Juni 1818 auf der Rosenau bei Coburg geboren. Er ist der älteste von zwei Brüdern, und Albert, der jüngere, Gemahl der Königin von England. Seit 1842 mit Alexandrine, einer Prinzeß von Baden, vermählt, trat er 1844, nach dem Tod seines Vaters, die Regierung an, und begann sie gleich mit einem charakteristischen Zeichen seiner ganzen späteren Laufbahn. Er machte nämlich einer erbitterten Opposition der Stände dadurch ein plötzliches Ende, daß er diesen einfach sagte: „Ihr habt in den und den Fällen Recht und – sollt es behalten.“

Das Jahr 1848 aber prüfte schon bald seine Kraft, und wacker und edel hat er sich darin gehalten: nachgebend, wo er das Volk berechtigt wußte, muthig und streng, wo er Uebergriffen entgegentrat, mild und verzeihend, als der Sturm vorübergerauscht war und einzelne Opfer aus der Masse, wie das gewöhnlich geschieht, übrig geblieben. Er auch ist der einzige Fürst, der aus jenen bewegten Tagen dauernden Ruhm davongetragen, denn er war glücklich genug, gerade damals ein selbstständiges Commando in Schleswig-Holstein zu haben, als die dänischen Kriegsschiffe (5. April 1849) keck und übermüthig den Hafen von Eckernförde forciren wollten. Doch jene Begebenheit ist zu bekannt, noch ein Wort darüber nöthig zu machen. Unter der gestrichenen Flagge Christian’s VIII. steht jetzt dessen Gallionbild – den dänischen König in riesiger Größe vorstellend – in der Coburger Veste und schaut wehmüthig durch das Glasfenster in den Hof hinaus.

Und treu ist der Herzog von da an der schleswig-holsteinschen Sache geblieben, die dem wahren Deutschen noch einen Tropfen Wermuth in jeden Becher schüttet, den er trinkt; treu und edel hat er die vertriebenen und unglücklichen Opfer jener Zeit, so viele er deren unterbringen konnte, in sein Ländchen aufgenommen. Auch aus Hessen fanden Viele bei ihm Hülfe und Schutz. Leider konnte er nicht Alle aufnehmen, die von fremden und einheimischen Regierungen gemaßregelt wurden – er hätte sich sonst ein neues Königreich erobern müssen.

So warm aber, wie er als erster deutscher Fürst in Frankfurt a. M. gegen jedes den deutschen Brüdern in Schleswig-Holstein gethane Unrecht protestirte, so warm trat er später für jede echt deutsche Sache auf; so im orientalischen Krieg, wo eine neutrale Bewaffnung, so im italienischen, wo eine bewaffnete Neutralität beliebt wurde, und ich brauche wohl kaum noch hinzuzufügen, daß er in neuester Zeit wieder der einzige deutsche Fürst war, der sich den nationalen Bestrebungen unseres Volkes offen und freundlich zeigte, der ihre Berechtigung anerkannte, und in seinem Land dem von der Frankfurter Republik gemaßregelten Ausschuß Obdach verlieh.

Geistig sehr befähigt, mit einem lebendigen Interesse für alles Gute und Schöne, wo er es findet, vereinigt er eine Menge von Eigenschaften in sich, die ihm überall seine Existenz sichern würden, selbst wenn er kein Fürst wäre und mittellos in der Welt stände. Er ist als Regent, General und Politiker gleich tüchtig, und als Regent, General und Politiker arbeitet und strebt er für ein einiges, starkes Deutschland – eine der Hercules-Arbeiten.

Aber auch die Künste hat er deshalb nicht vernachlässigt, sondern sie gehegt und gepflegt. Seine musikalischen Arbeiten und Erfolge sind bekannt, der Literatur bewahrt er ein reges Interesse und selbst in der Oelmalerei hat er sich mit Glück versucht, diese Kunst aber, die ihre Jünger an die Leinwand fesselt, aufgeben müssen, weil er ihr nicht die dazu nöthige Zeit widmen konnte.

Die wirkliche Volkswirthschaft findet dabei an ihm ihren wackeren Vertreter und selbst in der Landwirthschaft besitzt er schätzenswerthe Kenntnisse, wie er denn auch bei dem letzten landwirthschaftlichen Verein in Coburg selber einen Originalvortrag über die Zucht der Pferde hielt.

Was die Persönlichkeit des Herzogs betrifft, so ist er von hoher, stattlicher Gestalt, mit edlen Zügen und offenen, geistreichen großen braunen Augen. Lebendig dabei in seinen Bewegungen wie in seinem Geist, unermüdlich thätig, nie unbeschäftigt, außerordentlich mäßig und einfach in seinem Leben ist er ein kecker Reiter, ein Waidmann durch und durch und mit einem Wort ein Fürst vom Wirbel bis zur Zehe. Das Volk liebt – der Adel haßt ihn – ich wüßte Nichts, was ich noch zu seinem Lobe hinzufügen könnte.