Zum Inhalt springen

BLKÖ:Wirer Ritter von Rettenbach, Franz

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Wirch, Johann
Band: 57 (1889), ab Seite: 110. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Franz Wirer von Rettenbach in der Wikipedia
Franz Wirer von Rettenbach in Wikidata
GND-Eintrag: 11741171X, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Wirer Ritter von Rettenbach, Franz|57|110|}}

Wirer Ritter von Rettenbach, Franz (k. k. Leibarzt, geb. zu Korneuburg in Niederösterreich 1771, gest. in Wien 30. März 1844). Sein Vater war Wundarzt in Korneuburg, starb aber, als der Sohn erst zwölf Jahre zählte. Dieser ging nun nach Wien, wo er den Studien oblag und sich dem medicinischen Fache zuwendete, in welchem zu jener Zeit der berühmte Stoll [Bd. XXXIX, S. 161] seine Vorträge hielt, welche Wirer 1787 und in den folgenden Jahren hörte. Als um diese Zeit Kaiser Joseph II. die studirenden Mediciner aufforderte, in den kaiserlichen Feldspitälern ärztliche Hilfe zu leisten, faßte Wirer sofort den Entschluß, als Militärarzt nach Siebenbürgen zu gehen, wo er in ein an der Grenze errichtetes Feldspital eintrat. Schon 1789 wurde ihm die Leitung eines Spitals in der Walachei übertragen. 1791 erhielt er den Auftrag, sämmtliche in Constantinopel befindlichen österreichischen Kriegsgefangenen von dort abzuholen. Mit denselben mußte er nun in Rustschuk Contumaz halten und war während dieser Zeit durch vier Monate in Behandlung von Pestkranken nicht ohne Erfolg thätig. Nach beendigtem Türkenkriege kam er als Bataillonsarzt zunächst nach den Niederlanden in die zur Niederwerfung des dort ausgebrochenen Aufruhrs aufgestellte Armee. Die nächsten Jahre machte er in seiner Stellung die französischen Feldzüge mit. Zur Zeit des Friedensschlusses von Campoformio 1798 leistete er in der Festung Philippsburg am Rhein als Garnisons-Chefarzt den deutschen Reichs- und kaiserlich österreichischen Truppen die ersprießlichsten Dienste. Nach dem Friedensschlusse kehrte er, nachdem er das ihm von Philippsburg angetragene Physicat und die Amtsarztstelle zu Bruchsal am Rhein ausgeschlagen, nach Oesterreich zurück, setzte vorerst seine Studien an der kaiserlichen [111] Josephsakademie in Wien fort, erlangte 1799 daselbst das Doctorat aus der Chirurgie und im folgenden Jahre an der Hochschule jenes aus der Arzeneiwissenschaft. Durch den Besuch der verschiedenen Spitäler Wiens ward er bald mit den ersten Aerzten der Residenz, mit Adam Schmidt, Peter Frank, Closset und Anderen bekannt, mit mehreren derselben befreundet. Allmälig wuchs sein Ruf als praktischer Arzt, und man berief ihn in die hohen, ja höchsten Kreise. Er wurde berathender und Leibarzt mehrerer Mitglieder des ah. Kaiserhauses, so des Erzherzogs Joseph Palatin, des Erzherzogs Rainer. Mit seinem ärztlichen Berufe aber verband er den allerort helfenden des Humanisten, indem er, wo sich ihm Gelegenheit darbot, Anstalten für die arme und leidende Menschheit anregte und mitbegründen half. Als er dann 1821 zufällig eine Bereisung Oberösterreichs und des Salzkammergutes unternahm, erkannte er sofort, daß sich Ischl zu einer Soolbadeanstalt eigne, und rief eine solche – die erste in Oesterreich – ins Leben, wobei er, pecuniäre Opfer nicht scheuend, die regste Thätigkeit entfaltete und Alles that, was den raschen Aufschwung des kaum ins Leben gerufenen Curortes förderte. Welche Aufgabe er aber dabei zu lösen hatte, dafür spricht nur die eine Thatsache, daß im Jahre 1822, in welchem er die ersten Curgäste nach Ischl sendete, die Zahl derselben sich auf 40 belief, während schon die Curliste des nächsten Jahres die kaum glaubliche Zahl von 10.000 Fremden und Curgästen auswies. Dazu trugen aber vornehmlich die trefflichen von ihm unmittelbar ins Leben gerufenen hygienischen Einrichtungen bei, wie die Soolenbadeanstalt, die Muriatti’schen Dampfbäder, die Schlammbäder, die Anstalt zur Bereitung guter Gebirgsmolke und frischer Kräutersäfte, die Schwimm- und Badeanstalt in der Ischl, die Einrichtungen für Körpergymnastik, die von ihm auf eigene Kosten in Ischl und dessen nächster Umgebung hergestellten Spaziergänge und öffentlichen Gärten, an welche Einrichtungen sich die humanitären einer Kleinkinderbewahranstalt, dann einer für alle Zeiten reich dotirten Spinnschule und eines mit den entsprechenden Mitteln ausgestatteten Fremdenspitals anreihten. Indessen blieb, während er für die Badesaison in Ischl eine so segensreiche Thätigkeit entfaltete, sein Wirken in Wien, wo er lebte, nicht minder erfolgreich. Indem wir auf seine im Ganzen weniger belangreiche schriftstellerische Thätigkeit später noch zurückkommen, gedenken wir nur des von ihm zur Cholerazeit ins Leben gerufenen wissenschaftlichen Vereines der Aerzte, dessen Mitglieder ihre Beobachtungen, Erfahrungen und Ansichten über die damals ebenso dunkle als verheerende Seuche gegenseitig austauschten; und wenn seine nach dieser Richtung entfalteten Bemühungen infolge der Verhältnisse jener Zeit eben weniger Erfolge aufweisen, so wurde er doch später der eigentliche Schöpfer und rastlose Beförderer der noch heute bestehenden k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Als Präses dieses Vereines war er auch die belebende Seele desselben, richtete die verschiedenen Sectionen ein, hielt Vorträge oder wohnte solchen in den einzelnen Sectionen bei, förderte die mannigfaltigen Verhandlungen, veranlaßte im allgemeinen Krankenhause die Herstellung eines eigenen Laboratoriums zu dem wichtigen, in die Krankheitslehre tief eingreifenden Zwecke der näheren Untersuchungen krankhafter [112] Stoffe und Producte; bildete ein besonderes ärztliches Comité zu wissenschaftlichen und praktischen Untersuchungen der Elektricität, des Galvanismus und Magnetismus, zunächst im Hinblick auf ärztliche, überhaupt medicinische Zwecke, um diesen so wichtigen Mitteln die ihnen im Arzeneischatze gebührende Stelle bleibend zu sichern. Schließlich begründete er als Präses der k. k. Gesellschaft der Aerzte Wiens eine Stiftung, deren Ertrag dazu bestimmt wurde, älteren zum Erwerbe unfähig gewordenen Aerzten eine wesentliche Unterstützung zuzuwenden. Daß es unter solchen Umständen dem hochverdienten Humanisten und Arzte nicht an äußeren Ehren aller Art fehlte, ist selbstverständlich, nicht nur ärztliche wissenschaftliche Vereine des Kaiserstaates, darunter Wien voran, sondern auch die des Auslandes, wie Berlin, Halle, Zürich, Brüssel, Breslau, Leipzig u. a., nahmen ihn unter ihre Mitglieder auf, die k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien erwählte ihn vorab zum Vice-, dann zum wirklichen Präsidenten und ließ zu seinen Ehren eine Medaille prägen. Die Hochschule Wiens erwählte ihn für das Studienjahr 1836/37 zu ihrem Rector Magnificus; der Markt Ischl stellte Wirer’s Colossalbüste aus Gußeisen auf in den von demselben errichteten englischen Anlagen zu bleibendem Andenken an deren Stifter, den Wohlthäter des Ortes; die oberösterreichischen Stände ernannten ihn aus eigenem Antriebe zum oberösterreichischen Herrn und Landstand; der Monarch zeichnete ihn durch Verleihung des Leopoldordens und Erhebung in den erbländischen Ritterstand aus mit Verleihung des Prädicates Rettenbach, welches wir auch als Bezeichnung schöner Punkte um Ischl, wie z. B. die Rettenbachmühle u. s. w., benützt finden. Bei seiner vielseitigen Thätigkeit als Arzt und Humanist blieb Wirer nur wenig Muße zu schriftstellerischen Arbeiten, und was darüber vorliegt, befindet sich in periodischen Fachschriften abgedruckt. Selbstständig sind nur erschienen: „Ueber Vaccination, Revacctination und den wahren Werth beider. Vortrag, gehalten in der k. k. Gesellschatt der Aerzte“ Wien 1842, gr. 8°.) und „Ischl und seine Heilanstalten. Ein Handbuch für Aerzte und Laien, welche diesen Curort und seine Umgebungen in heilkräftiger oder pittoresker Beziehung zu kennen oder zu besuchen wünschen“ Wien 1842, Pfautsch und Comp., 8°.). Wirer erfreute sich stets einer festen, ungeschwächten Gesundheit, nur im letzten Lebensjahre begann er zu kränkeln, und im Frühling 1844 starb er im Alter von 73 Jahren. Wenn auch sein Denkmal in Ischl durch den Zahn der Zeit zerstört werden soll, Ischl selbst mit den zahlreichen durch ihn ins Leben gerufenen Einrichtungen zu ärztlichen und humanitären Zwecken, das ihm seine Entstehung, seinen Ruf und seine heutige Blüte, vornehmlich gefördert durch den jährlichen Besuch des ah. Hofes, der dort eine eigene Villa besitzt, verdankt, ist das schönste und bleibende Denkmal dieses Menschenfreundes. :Denkmal auf Wirer. Die Bewohner Ischls haben dem Arzte, der sich um den Ort so verdient gemacht, in der Wirer-Anlage ein Denkmal errichtet, das auf einem marmornen Postamente die Büste des Verewigten in Erz trägt mit der einfachen Inschrift: „Das dankbare Ischl seinem Wohlthäter Wirer“. Uebrigens lebt Wirer’s Andenken in dem berühmten Curorte noch durch manche andere demselben dargebrachte Huldigungen fort, indem das durch seine Bemühungen für jeden Kranken eröffnete vormalige Bürgerspital den Namen Wirer-Spital führt, auch mehrere Ruhepunkte, welche herrliche Aussichten gewähren, nach ihm benannt worden sind. Als das oben erwähnte Denkmal am 18. Juli 1839 feierlich eingeweiht wurde, schrieb der bekannte oberösterreichische [113] Dichter Matthias Leopold Schleifer anläßlich dieser Feier ein schwungvolles Gedicht, welches im genannten Jahre in mehreren Wiener Blättern abgedruckt war.

Porträts. 1) Lithographie von Kriehuber (Wien 1841). – 2) Lithograhie ohne Angabe des Zeichners und Lithographen in der im Verlage bei Beck in Wien erschienenen Galerie berühmter österreichischer Aerzte und Naturforscher (4°.).
Medaille. Im Jänner 1843 wurde eine Medaille zu Ehren Wirer’s ausgegeben, welche von einem Graveur des k. k. Hauptmünzamtes in Wien geprägt ist. Dieselbe, aus Bronze verfertigt, zeigt den Kopf des Arztes auf der Avers-, drei allegorische Figuren auf der Reversseite.
Quellen. Wiener Zeitung, 1844, Nr. 108: „Nekrolog“. – Neuer Nekrolog der Deutschen (Weimar 1846, B. F. Voigt, 8°.), XXII. Jahrgang (1844) Bd. I, S. 327, Nr. 100: „Nekrolog“ von Dr. Stertz. – Ischler Fremden-Salon, 1855, Nr. 37 und 38: „Franz Wirer Ritter von Rettenbach“. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) 1845, Nr. 109, S. 75 im Aufsatze über Ischl. – Allgemeine Theater-Zeitung. Von Adolf Bäuerle (Wien, 4°.) 37. Jahrg., 1844, Nr. 81: „Nekrolog“ von Weidmann.