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BLKÖ:Wankel, Heinrich

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Wanke, Franz
Band: 53 (1886), ab Seite: 70. (Quelle)
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Wankel, Heinrich (Arzt und Geolog, geb. zu Prag 15. Juli 1821). Ein Sohn des k. k. Landrathes Damian Wankel. Er besuchte das Gymnasium auf der Prager Kleinseite und zeigte von früher Jugend große Vorliebe für die Naturwissenschaften, vornehmlich für die Mineralogie. Er wendete sich dem medicinischen Studium zu und arbeitete gemeinschaftlich mit seinem Freunde Beneš, einem sehr gewandten Thierzeichner, unter Oberleitung des berühmten Professors Hyrtl drei Jahre lang im anatomischen Cabinete. Wankel und Beneš waren es auch, welche im Verein mit Hyrtl eine Collection anatomischer Präparate für die damals in Organisation befindliche anatomische Schule zu Constantinopel zusammenstellten. Die [71] Vorträge über vergleichende Anatomie, welche Wankel bei Hyrtl hörte, kamen ihm bei der Untersuchung der Slouper Höhle, womit er großen Ruhm erntete, sehr zu Statten. Während seiner Gymnasialstudien hatte er die čechische Sprache völlig vernachlässigt, erst als er in den Jahren 1845 und 1846 Palacký’s „Geschichte Böhmens“ gelesen, erwachte in ihm die Liebe zu seiner Muttersprache von neuem, und nun verlegte er sich mit allem Eifer auf die Erlernung derselben. 1847 erlangte er die medicinische, 1848 die chirurgische Doctorwürde. Das ereignißreiche Sturmjahr erfaßte auch ihn, wie Alle, die den vormärzlichen Druck empfanden, er trat sofort in die Studentenlegion und wurde dem Krankenhause zugewiesen. Auf dem Besuche eines Collegen in Blansko lernte er das dortige Thal, die Grotte und Schlucht kennen und machte dieselben von diesem Augenblicke zum Gegenstande seiner eindringlichsten Studien. Aus diesem Grunde nahm er auch auf das freudigste den Antrag des Altgrafen Salm an, sich als herrschaftlicher Arzt in Blansko niederzulassen. Nach seiner Uebersiedlung dahin im Jahre 1849 war es die erste Arbeit, an die er sich machte, die Slouper Höhle bis ins Einzelne genau zu untersuchen, ein Unternehmen, an das vor ihm noch Niemand sich gewagt. Er fand nun in derselben die Lagerstätte von Knochen vorsintflutlicher Thiere und ließ mit Unterstützung des Altgrafen Salm Grabungen vornehmen, deren Ergebnisse er zuerst bruchstückweise in der Zeitschrift „Lotos“, dann aber in einer größeren selbständigen Arbeit unter dem Titel: „Die Slouper Höhle und ihre Vorzeit“ mit zehn lithographirten Tafeln, wovon eine im Buntdruck (in gr. 4°. und Qu.-Fol.), im 28. Bande der „Denkschriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften mathematisch-naturwissenschaftlicher Classe“, aber auch in Separatausgabe (Wien 1868) veröffentlichte. Als dann 1850 zu Adamsthal das Jubelfest zu Ehren des berühmten Geologen Werner stattfand, hielt er einen Vortrag über die Slouper Höhle und die dort abgelagerte Fauna. Da zeigte er auch das von ihm zusammengestellte Höhlenbärenskelett – das erste in Oesterreich – welches Altgraf Salm der k. k. geologischen Reichsanstalt in Wien zum Geschenk machte. Ein zweites Skelett schenkte Wankel dem Werner-Vereine, nach dessen Auflösung im Jahre 1866 es in den Besitz des Franzens-Museums in Brünn gelangte. Mit dem damaligen Schichtmeister Mládek untersuchte er noch einige andere der benachbarten Höhlen, so die Hugo-Höhle in Jedovnitz, eine Grotte von 66 Klaftern Tiefe, die Mazocha, einen 600 Fuß tiefen und 300 Fuß breiten Abgrund, dessen obere Oeffnung aber nur etwa 40 Fuß im Durchmesser beträgt, und dessen Tiefe von einem Bache durchflossen wird. Von den meisten dieser Höhlen ließ nun Wankel Zeichnungen anfertigen, auf Grund deren er eine Karte ausführte, aus welcher sich dann das ganze unterirdische Quellennetz dieser Gegend erkennen ließ. Den größeren Theil dieser Höhlen und Grotten beschrieb er in einem besonderen Werke, dessen Ausgabe in deutscher und čechischer Sprache er vorbereitete, doch fand ich dasselbe in den vorhandenen Katalogen nicht verzeichnet. In čechischer und deutscher Sprache veröffentlichte er auch eine kleine Schrift für Touristen, betitelt: „Blansko und Raitz in historischer und naturhistorischer Beziehung“. Die geschichtlichen Daten hat er aus dem altgräflich Salm’schen Archiv und aus der Bibliothek in [72] Raitz geschöpft, aus eigener Anschauung eine malerische naturhistorische Beschreibung der Höhlen, der Kessel und anderer Sehenswürdigkeiten dieser Gegend beigegeben. Als er dann 1853 und 1854 die augenlosen Thiere der krainischen Grotten kennen gelernt hatte, unternahm er nach dieser Richtung auch in den mährischen Höhlen Nachforschungen, die nicht ohne Erfolg blieben, doch harrt das gewonnene Ergebniß in seiner Gesammtheit noch der Bearbeitung; indeß veröffentlichte er schon einen Theil davon, nämlich den Aufsatz „Ueber die Fauna der mährischen Höhlen“, im 6. Bande (1856) S. 467 u. f. der „Verhandlungen des zoologisch-botanischen Vereines zu Wien“ und in den „Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften“ Bd. XLIII, 1. Abthlg., S. 251 u. f. die Monographie „Beiträge zur österreichischen Grottenfauna“. Kleinere Beiträge geologischen und geognostischen Inhalts brachten verschiedene Fachschriften, wie die schon erwähnte Zeitschrift „Lotos“ 1852: „Ueber die Höhlen des Grauwackenkalkes bei Blansko“, 1857: „Excursionen in die Slouper Höhle, Mazocha, Erichs-Höhle, in die Abgründe von Jedovnitz“; 1860: „Ueber die unterirdischen Höhlen bei Hostein in Mähren“; – „Beitrag zur Fauna der mährischen Höhlen“; – „Ueber die Abgründe der Hugo-Höhlen bei Jedovnitz in Mähren“; 1863: „Ueber eine zu Nemčic in Mähren neu aufgefundene unterirdische Höhle“; – die „Gaea: „Funde von Knochen vorhistorischer Menschen in den Höhlen von Bica Skal bei Adomey“; die „Leipziger Illustrirte Zeitung“ 1857: „Blansko und Adamsthal“ (Nr. 729); 1858: „Die neuentdeckte Höhle Ochoz bei Ubetz“ (Nr. 766), mit Plänen von Mládek und Abbildungen des akademischen Malers Friedrich Hawránek. Seine Funde von prähistorischen Menschengebeinen in der Byčí Skala, beziehungsweise die Gleichzeitigkeit des Menschen mit dem Höhlenbären, worüber er in den „Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften mathematisch-naturwissenschaftlicher Classe“ 1868, Bd. LVIII, 1. Abthlg., S. 7 und in den „Mittheilungen der Wiener anthropologischen Gesellschaft“ 1870, S. 101 und 1877, S. 1 und 86 berichtet, steigerten aufs neue seine Aufmerksamkeit für die Anthropologie und besonders für die Urgeschichte des Menschen, welche ja schon durch die in der Pariser Ausstellung 1867 aufgestellten Sammlungen angeregt worden, über die er im Februar des „Lotos“ einen Bericht: „Der Mensch in der postpliocänen Periode und die Pariser Ausstellung“ veröffentlichte. Eine im Jahre 1869 nach dem Orient unternommene Reise, auf welcher er Constantinopel, Syrien, Palästina und Aegypten besuchte, erweiterte seine Anschauungen und bereicherte seine archäologischen Kenntnisse. Nach seiner Rückkehr setzte er die Höhlenforschungen fort, und es folgten nacheinander die Funde in den Kiriteiner Höhlen, in der Höhle Vypustek, und die neuen bis jetzt einzig dastehenden in der Höhle Byčí Skala. Bei den Grabungen in letzterer von Seite des Fürsten Liechtenstein großmüthig unterstützt, entdeckte er das Grab eines Häuptlings aus vorgeschichtlicher Zeit, der auf einem mit Bronze beschlagenen Wagen liegend, auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden war, und dessen Weiber und Knechte mit ihrem aus Bronze und Goldgeschmeide, Glasperlen, Bernstein u. dgl. m. bestehenden Schmucke [73] ihm geopfert wurden. Die „Mittheilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien“ brachten dann 1870 Wankel’s Abhandlung: „Prähistorische Alterthümer der mährischen Höhlen“, mit Abbildungen und Plänen (von Spaček). Kleinere Mittheilungen über verschiedene Höhlenfunde, so über die Figur eines Bronze-Stieres u. a., veröffentlichte er in den genannten „Mittheilungen“ 1872, S. 207, 307, 300, 325; 1873: S. 106; 1877: S. 125, dann in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ 1874, Beilage 307 und 312. Im Jahre 1874 begab er sich auf den anthropologischen Congreß in Kiew und veröffentlichte in den mehrerwähnten „Mittheilungen“ 1875, Nr. 1 und 1876, Nr. 5 seine „Skizzen aus Kiew“ und „Ein erratischer Granitblock mit phönizischer Inschrift bei Smolensk“. Die verschiedenen von Zeit zu Zeit stattfindenden Ausstellungen und Gelehrtencongresse benützte Wankel zur Ausstellung seiner eigenen Funde; so brachte er auf die Weltausstellung 1873 in Wien außer dem vollständigen von ihm zusammengefügten Skelette des Höhlenbären zahlreiche Schädel, merkwürdige pathologische Knochen, dann eine vollständige Zusammenstellung der Gehörorgane des Höhlenbären, ferner verschiedenartige von ihm aufgefundene Gegenstände des Opfercultus und des Lebens der prähistorischen Bewohner Mährens. Diese Höhlenfunde, einzig in ihrer Art und dadurch merkwürdig, daß sie ein vollständiges Opferlager in solcher Mächtigkeit darstellen, wie ein ähnliches bisher von keinem Forscher aufgefunden wurde, enthielten die mannigfaltigsten Schmuckgegenstände, dann Waffen und Geräthe aus Bein, Stein, Bronze, Glasfluß, Eisen und Gold, verkohlte Kleidungsstücke, Cerealien, irdene und bronzene Gefäße, Thier- und Menschenknochen u. dgl. m. Diese ungemein reiche und systematisch geordnete Sammlung, welche im Schlosse zu Blansko aufgestellt ist, und deren Verkauf Wankel beabsichtigt, wird von Laien und Fachmännern aus der Nähe und Ferne besucht. Die letzte wissenschaftliche Arbeit, mit welcher sich unser Gelehrter beschäftigte, betraf die Höhle Byčí Skala und ihre Vorzeit und dann den Urnenfriedhof von Tršic und aufgefundene mährische Urnen. Wir sprachen bisher nur von dem Geologen und Archäologen Wankel. Ueber seinem Eifer für die ihm liebgewordene Wissenschaft vergaß er aber nicht seinen Beruf als Arzt. In den Jahren 1850, 1851 und 1855, in welchen die Cholera um Blansko entsetzlich wüthete, widmete er sich ohne Rücksicht auf seine eigene Gesundheit Tag und Nacht seinem schweren Berufe; 1859 stand er im genannten Orte dem Spitale vor, welches Altgraf Salm für die Verwundeten aus dem italienischen Feldzuge dieses , Jahres errichten ließ; 1866 leitete er zuerst die Spitäler in Blansko und Raitz, und nachdem die bis dahin vorgedrungenen Preußen selbst drei Cholera-Spitäler in Blansko, Raitz und Doubrawitz errichtet hatten, wurde ihm auch von diesen die Leitung und Pflege der Verwundeten übertragen. Während ihn Seine Majestät der Kaiser von Oesterreich mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone auszeichnete, fand ihn Preußen mit einem anerkennenden Dankschreiben ab. Zum Schlusse sei noch bemerkt, daß auch die Wissenschaft die Verdienste des Forschers würdigte: die k. k. geologische Reichsanstalt in Wien ernannte ihn zu ihrem Correspondenten, der Werner-Verein, die zoologisch-botanische [74] Gesellschaft in Wien, der Verein „Lotos“ in Prag, die kaiserliche archäologische Gesellschaft zu Moskau, der russische archäologische und anthropologische Congreß u. a. zu ihrem Mitgliede. Schon im Jahre 1849 hat sich Wankel in Blansko mit Elisabeth Schima, der Tochter des vormaligen Oberamtmanns der Herrschaft Gurein, vermält.

d’Elvert (Christian Ritter). Zur Culturgeschichte Mährens und Oesterreichisch-Schlesiens. 2. Theil. [18. Theil der Schriften der historisch-statistischen Section der k. k. mährisch-schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues u. s. w. (Brünn 1868, A. Nitsch, Lex.-8°.) S. 261, 277, 285, 297–299, 303, 309. – Slovník naučný. Redaktoři Dr. Frant. Lad. Rieger a J. Malý, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Ladisl. Rieger und J. Malý ( (Prag 1872, I. L. Kober, Lex.-8°.) Bd. X, S. 29.