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BLKÖ:Vittorelli, Jacopo

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 51 (1885), ab Seite: 81. (Quelle)
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Vittorelli, Jacopo (italienischer Poet, geb. zu Bassano 10. November 1749, gest. in Mailand 12. Juni 1835). Ein Sohn vornehmer und wohlhabender Eltern, erhielt er seine Erziehung im Collegium der Adeligen zu Brescia und ging dann nach Venedig, wo er in die Dienste der Republik trat, in denen er bis zum Falle derselben verblieb. Nun begab er sich nach Padua und wurde daselbst während der Dauer des Königreichs Italien Inspector der Studien und Mitglied des damaligen Gelehrten-Collegiums. Nachdem das Königreich Italien aufgehört hatte zu sein, kehrte er in seine Heimat zurück und erhielt von der k. k. Regierung die Stelle des Büchercensors in Mailand, in welcher Eigenschaft er hochbetagt das Zeitliche segnete. Das feierliche Seelenamt fand im Mailänder Dome statt, und der damalige Erzpriester, spätere Bischof von Udine Zacaria Bricito [Bd. II. S. 144], sein Landsmann, hielt ihm die Gedächtnißrede. Der Ruf, ja der Ruhm, dessen Vittorelli sich erfreute, ist, wie aus vorstehender Lebensskizze zu ersehen, nicht in den Leistungen seiner amtlichen Thätigkeit zu suchen, wohl aber in seinem dichterischen Schaffen, mit dem er ziemlich früh vor das Publicum trat. In Vittorelli erblickt man den letzten Repräsentanten der italienischen Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts. Seine letzten Poesien haben dieselbe Gestalt, dieselbe Physiognomie, wie seine ersten, welche in das Jahr 1773 zurückreichen. In diesen früheren Erzeugnissen, von denen die Gedichte Il toppè, II naso, Lo specchio, sämmtlich in den damals beliebten Ottovarime geschrieben, beispielsweise genannt seien, gehen neben großer Lebendigkeit und Leichtigkeit der Behandlung des Stoffes eine seltene Kenntniß und Reinheit der Sprache und ein nicht gewöhnlicher dichterischer Schwung Hand in Hand. Die Dichtungen, die er später veröffentlichte, sind zum größten Theile durch festliche Anlässe hervorgerufen, wie denn noch bis zur [82] Stunde die sogenannten Per le Nozze einen eigenen, von den Literarhistorikern und Forschern noch viel zu wenig berücksichtigten Zweig der italienischen Literatur bilden, der in seiner Vollständigkeit auch kaum irgendwo, selbst nicht in öffentlichen Bibliotheken, nur höchstens bei Privatsammlern anzutreffen sein dürfte. Also solche Per le Nozze brachte auch Vittorelli dar, und diese bestanden dann aus Canzonetten, Sonetten und dergleichen. Aber auch in diesen Gelegenheitsdichtungen bleibt er seinen Vorzügen: Freiheit der Gedanken, Reinheit des Styls und Anmuth des Rhythmus getreu. Italienische Literarhistoriker, unter Anderen Luigi Carrer, thun den Ausspruch, daß Vittorelli’s Sonette vielleicht die vollendetsten sind, welche seit Langem in Italien geschrieben worden. Je nach ihrem Inhalt, sei derselbe düster oder heiter, leidenschaftlich oder ruhig, findet unser Poet immer den richtigen Gedanken, der zum Herzen spricht. Wenn er in der Wahl seiner Stoffe frei ist, wenn er also nicht ein ihm gegebenes, sondern ein selbstgewähltes Thema behandelt, zeigt er sich immer ganz und gar als Dichter. So zählen zu seinen schönsten Sonetten die auf seine Vaterstadt Bassano, auf die Nachtigall, an Vignola, an Sirmione, und dann in seiner späteren Lebenszeit die tiefempfundenen auf Maria, die Gnadenmutter. Wenn nun aber schon der Dichtungen Vittorelli’s gedacht wird, so dürfen neben seinen vollendeten, den Gesetzen der Kunst entsprechenden nicht seine „Anacreontiche ad Irene“ vergessen werden, welche ihn eben volksthümlich gemacht haben, und welche, kaum erschienen, von Mund in Mund übergingen, welche, von der großen Menge sofort begriffen und kaum bekannt geworden, auch schon ihren Componisten fanden und nun von allen Jenen gesungen wurden, die unfähig waren, dieselben zu lesen. Diese „Anacreontiche“ wurden auch ins Lateinische übersetzt, und zwar zuerst von Abbate Francesco Filippi, dann von Abbate Giuseppe Trivellato, welch Letzteren unser Lexikon im 47. Bande S. 212 enthält. Man hat Vittorelli’s „Anacreontiche“ jenen des berühmten Metastasio [Bd. XVIII, S. 1], der bekanntlich darin Reizendes geleistet, an die Seite gestellt. Carrer in seinem literarhistorischen Essay über Vittorelli vergleicht dessen „Anacreontiche“ mit jenen von Chiabrera und den kleinen Oden von Rolli und schreibt dann: „Unser Bassaneser Poet übertrifft Chiabrera in der metrischen Gestaltung und in der Flüssigkeit des Reimes, den Dichter Rolli aber in der stets gleichen Vollendung des Styls“. Vittorelli’s Dichtungen sind so vorzüglich, daß man sie für Arbeiten Parini’s gehalten hat, so daß eines seiner Gedichte irrig in die Werke desselben aufgenommen wurde. Groß ist die Anzahl der Ausgaben der Gedichte Vitorelli’s, so zählte man deren der „Anacreontiche ad Irene“ bis zum Jahre 1825 nicht weniger denn 29. Die Ausgabe seiner Werke aber, welche den größten Theil seiner Dichtungen enthält, und welcher er seine eigene Erlaubniß beifügte, ist jene von Padua aus dem Jahre 1826 in zwei Octavbänden. In derselben steht dem Original gegenüber die treffliche lateinische Uebersetzung des damaligen Professors am Paduaner Seminar Giuseppe Trivellato. Nach Vittorelli’s Tode wurde zu Bassano 1841 eine neue Ausgabe seiner bereits gedruckten und der nachgelassenen Dichtungen in zwei Bänden veranstaltet, welche weit vollständiger als vorige. [83] Unzweifelhaft die beste und vollständigste bleibt aber die im Verlage der „Encyclopedia italiana“ zu Venedig 1851 erschienene, bei welcher Carrer selbst behilflich war, und welche unter dem Titel: „Rime edite e postume del Vitorelli in das Sammelwerk „Biblioteca classica antica e moderna“ aufgenommen ist. Diese letzte Ausgabe vereint in sich alles in den beiden ersteren Aufgenommene. Eine deutsche Uebersetzung der „Anacreontiche“ erschien unter dem Titel: „Anakreontische Lieder. Metrisch ins Deutsche übertragen von Franz Sachse von Rothenburg“ (Olmütz 1838, 16°.), dessen im 28. Bande, S. 30, in den Quellen, nähere Erwähnung geschieht. Bei der Bedeutenheit Vittorelli’s als italienischer Liederdichter ist es jedenfalls bemerkenswerth, daß ihn Giuseppe Maffei in seiner zu Mailand 1834 herausgegebenen „Storia della letteratura italiana“, in welcher manche dii minorum gentium, als es Vittorelli gewesen, vorkommen, auch nicht mit einer Sylbe erwähnt. Sollte Vittorelli’s Eigenschaft als k. k. Büchercensor ihn um den ihm gebührenden Platz in der italienischen Literaturgeschichte gebracht haben? Immerhin möglich.

Caffi (Francesco). Della Vita e del comporre del poeta lirico J. Vittorelll Bassanese (Venezia, 1835, 16°.). – Larber (Dre.). Vita di Jacopo Vittorelli (Padova 1837). – Montani (Francesco Fabi). Necrologia di J. Vittorelli (Roma 1835, 8°.). – Dandolo (Girolamo). Da caduta della Repubblica di Venezia ed i suoi ultimi cinquant’anni. Studii storici (Venezia 1857, Pietro Naratovich, 8°.) Appendice, p. 107. – Tipaldo (Emilio de). Biografia degli Italiani illustri nelle scienze, lettere ed arti del secolo XVIII e de’ contemporanei ecc. (Venezia 1835, tìpogr. d’Alvisopoli, gr. 8°.) tomo II, p. 60–66. Von Luigi Carrer.
Porträt. Unterschrift: „Jacopo Vittorelli“. Fo Roberti dis. Do Conte incise all’acqua, 4°., schönes seltenes Blatt.