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BLKÖ:Steinmüller, Joseph

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 38 (1879), ab Seite: 148. (Quelle)
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Steinmüller, Joseph (Kupferstecher, geb. zu Wien 28. Februar 1795, gest. ebenda 27. Juli 1841). Sein Vater stand als Obergärtner in kaiserlichen Diensten. Der Sohn, dem eine sorgfältige Erziehung zu Theil wurde, zeigte früh Neigung und Geschick zum Zeichnen und Bilden und obwohl der Vater zunächst im Sinne hatte, ihn für sein eigenes Geschäft heranzubilden, gelang es doch dem Sohne, seine Erlaubniß zum Besuche der kaiserlichen Akademie der bildenden Künste in Wien zu erwirken. Daselbst machte er unter der Leitung des Professor Hubert Maurer [Bd. XVII, S. 140], später unter jener Leybold’s [Bd. XV, S. 52] vielversprechende Fortschritte, als die Invasion des Jahres 1809, während welcher die Akademie geschlossen blieb, seine Studien unterbrach. Und jetzt schien dem Vater der Augenblick gekommen, seine Autorität zur Geltung zu bringen: der Sohn mußte wider Willen Gärtnerdienste verrichten. Doch dauerte dieß nur so lange, als die Akademie geschlossen war; kaum war sie wieder eröffnet worden, als S. den Besuch derselben auf das eifrigste fortsetzte und bald zu den besten Schülern der Akademie zählte. In Folge seines Fleißes und seiner ausgesprochenen Geschicklichkeit wurde er 1812 als Pensionär in die Kupferstecherschule der Akademie aufgenommen, wo er aber nebstbei die Antiken- und Modellzeichnungssäle fleißig besuchte und sich so mehrseitig für seinen Beruf heranbildete. Nach sechsjährigem Besuch der Akademie verließ er 1818 dieselbe und begann für eigene Rechnung zu arbeiten. Er hatte, um sich fortzubringen, mit mancherlei Drangsal zu kämpfen, namentlich widrige Vorfalle im häuslichen Leben erschwerten ihm sein Fortkommen; endlich aber brach sein Genius sich Bahn, seine trefflichen Leistungen als Kupferstecher lenkten das Augenmerk auf ihn, und nun lieferte er eine Reihe von Blättern, welche ihn in die Reihe der besten Künstler des Grabstichels nicht blos in Oesterreich, [149] sondern überhaupt stellen. Erst 21 Jahre alt, brachte er schon in die Ausstellung in der k. k. Akademie der bildenden Künste im Jahre 1816 seine „Madonna mit dem schlafenden Kinde“ nach dem in der Belvedere-Gallerie befindlichen Bilde von Sassoferrato; von dem in Folio gestochenen Blatte gibt es auch Abdrücke vor der Schrift. – In der nämlichen Ausstellung noch waren von seinem Grabstichel zu sehen: „Christus wird vom Teufel versucht“, nach Tizian, auch ein Folioblatt und schon selten, und dann ein „Brustbild des Erlösers“ nach Andrea del Sarto, auch in Folio. Nun folgten nach längerer Pause im Jahre 1832 eine „Madonna mit dem Kinde mit der heil. Barbara und Katharina“, nach dem in der Eßterházy’schen Gallerie, jetzt in Pesth befindlichen Original von Leonardo da Vinci in Groß-Folio (3 Thlr. 8 Gr.), welches er als Nietenblatt des österreichischen Kunstvereins für das Jahr 1827 gestochen; und im Jahre 1842 eine „Madonna mit dem Kinde und dem heiligen Johannes in einer Landschaft“ nach Raphael’s Original im Belvedere, in Reg.-Folio, welches man als des Meisters Hauptblatt zu betrachten pflegt; es gibt Exemplare vor der Schrift (16 Thlr. 16 Gr.) und mit derselben (8 Thlr. 8 Gr.). Noch sind mir folgende Blätter dieses Künstlers bekannt: eine „Madonna mit dem Kinde und zwei heiligen Frauen“, nach dem im Belvedere befindlichen Original Perugino’s, gleichfalls für den österreichischen Kunstverein als Nietenblatt für 1834 gestochen, und Gegenstück zur vorerwähnten „Madonna“ von Leonardo da Vinci; – „Der h. Joseph neben Maria, welche das schlafende Kind hält“, nach dem in der Gallerie Czernin befindlichen Original von Sassoferrato, halbe Figuren (gr.-Fol.); davon gibt es drei Abdrücke: a) vor der Schrift, ohne Namen, – b) vor der Schrift, mit dem Namen des Künstlers, und c) mit der Schrift; – eine „Amazone zu Pferde, im Kampfe mit den Löwen“, nach der Gruppe des Bildhauers Kiß, von zwei Ansichten (Fol.) und „Theseus, den Minotaurus erlegend“, nach der Marmorgruppe von Canova (Fol.). Außer obigen Kunstblättern stach Steinmüller ferner folgende Bildnisse: Franciscus I. Austr. Imperator.“ Brustbild im Oval (Fol.); – „Ferdinand I., Kaiser von Oesterreich, König von Ungarn u. s. w.“, im kaiserlichen Ornat, nach Robert Theer, 1835 gestochen (Fol.), ein durch die Aehnlichkeit, die geniale Behandlung des Fleisches, wie des sammtenen Ornates gleich vorzügliches Bild; – ein zweites Bildniß desselben Kaisers, Brustbild, die Krone auf dem Haupte, gleichfalls nach Robert Theer, 1832 gestochen (Fol.); – „Kaiser Joseph II.“, nach H. Füger; – „Franz, Herzog von Reichstadt“, halbe Figur nach Ender, oval (Fol.); – „Ludwig van Beethoven“, nach Decker (kl.-Fol.), – und „Fr. Paër, Compositeur“, (kl. Fol.); diese beiden waren auf der Ausstellung des Jahres 1832. Auch stach er mehrere Blätter für das noch heute sehr geschätzte, bei Haas in Wien erschienene Galleriewerk, welches die Kunstschätze der Wiener Belvedere-Gallerie enthält, und zwar eine „Madonna mit dem Kinde“, nach Raphael Mengs (4°.) und eine „Taufe Christi“, nach Guido Reni; und mehrere Blätter für Raphael’s Bibel, welche im Jahre 1842 bei Bohman’s Erben in Prag (kl. Qu.-Fol.) herausgegeben wurde. Steinmüller starb in der Vollkraft seines Lebens, erst 46 J. alt, zu früh für die Kunst, in welcher [150] er so Hervorragendes leistete, und die von ihm noch manches herrliche Werk zu erwarten berechtigt war. Steinmüller muß in seiner Jugend starke Kämpfe zu bestehen gehabt haben, denn in seinem Wesen sprach sich herbe Leidenschaftlichkeit und Unduldsamkeit aus. Seine lange, hagere Gestalt, sein finsteres Antlitz mit dem meist wirren schwarzen Haare, seine nichts weniger als geordnete Kleidung stießen von dem Künstler ab, der auch fast gemieden und wohl auch selber meidend, ganz abgesondert von den übrigen Künstlern, einsam und zurückgezogen lebte. In seiner nur mit dem Nöthigsten dürftig versehenen, unsauberen Wohnung herrschte eine babylonische Unordnung. Ueber seine Verhältnisse schwieg er hartnäckig und insbesondere über sein Geburtsjahr – das aus den Taufbüchern gesucht werden mußte – verweigerte er mit auffallender Absichtlichkeit jede Auskunft, so daß man glauben mochte, er sei außer der Ehe geboren. Hingegen als Künstler nahm er die Sache sehr ernst, und ging an seine Werke mit dem vollen Ernste, den sie verlangten. Seine Arbeiten in Linienmanier gehören zu den vollendetsten ihrer Art; sein Strich ist schwungvoll und sicher, seine Behandlung der verschiedenen Töne ungemein rein und wahr, seine Zeichnung peinlich genau, ohne hart zu sein. In der Behandlung der Gewänder, in der Zartheit der Fleischtöne, die er wunderbar abzustufen verstand, kommen ihm wohl Wenige nach. Steinmüller’s Todesjahr wird verschieden, bald 1841, bald 1843 angegeben; das erstere ist richtig.

Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. V, S. 145. – Nagler (G. K. Dr.), Neues allgemeines Künstler-Lexikon (München 1839, E. A. Fleischmann, 8°.) Bd. XVII, S. 304. – Oesterreichischer Zuschauer, herausgegeben von J. S. Ebersberg (Wien, gr. 8°.), Jahrg. 1338, Bd. I, S. 264, im „Rückblick in die Vergangenheit“. – (Hormayr’s) Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst (Wien, 4°.) XVIII. Jahrg. (1827), Nr. 91, S. 503. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für das gebildete Publicum u. s. w. (Hildburghausen, Bibliographisches Institut, gr. 8°.). Zweite Abtheilung, Bd. X, S. 240. – Handbuch für Kupferstichsammler. ... Auf Grundlage der zweiten Auflage von Heller’s praktischem Handbuch für Kupferstichsammler neu bearbeitet. ... von Dr. philos. Andreas Andresen. Nach des Herausgebers Tode fortgesetzt und beendet von J. E. Wessely (Leipzig 1873, Weigel, Lex.-8°.) Bd. II, zweite Hälfte, S. 548. – Die Künstler aller Zeiten und Völker. ... Begonnen von Prof. Fr. Müller, fortgesetzt und beendigt von Dr. Karl Klunzinger und A. Seubert (Stuttgart 1860, Ebner und Seubert, gr. 8°.) Bd. III, S. 598. – Kunst-Blatt (Stuttgart, Cotta, 4°.) 1828, S. 188 [in einer Besprechung des Haas’schen Gallerie-Werkes, worin es heißt: „Das Werk würde gewonnen haben, wenn Steinmüller mehr geliefert hätte“ (als die zwei oben genannten Blätter)].