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BLKÖ:Schlanzowsky, Helene

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Schlauf, Ignaz
Band: 30 (1875), ab Seite: 54. (Quelle)
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Schlanzowsky, auch Schlanzofsky, Helene (Ballettänzerin, geb. zu Wien im Jahre 1813). Ihr Vater, ein Pole – dem zu Folge wäre sie Schlanzowski zu schreiben – war beim Ballet angestellt, und zwar Figurant in der letzten Quadrille: später erhielt er von Duport den Posten eines Logenschließers. Die Tochter Helene, die schon als Kind beim Ballet des Kärnthnerthor-Theater [das damals Graf Gallenberg dirigirte, beschäftigt war, zeigte großes Talent zur Tänzerin und Duport wurde ihr Lehrer. Er gab ihr die Tanzstunden – nicht selten in tiefer Nachtzeit – auf dem Podium des Kärnthnerthor-Theaters. Als sie das erste Mal aufgetreten war, fand sie keinen Beifall; das aber schreckte sie nicht ab, die Studien in ihrer Kunst fortzusetzen, so daß sie es wirklich zu künstlerischer Bedeutenheit brachte. Nur war Wien ihr Boden nicht: „denn sie war nicht schön, sie war keine Ausländerin, kam zumal nicht aus Paris, und so fehlte ihr denn der Freipaß für eine prima ballerina in Wien“. Dabei hatte sie eine Fanny Elsler und Fanny Dupuis zu Rivalinen. Wenn es auch Leute gab, die das Talent Helenens vollends anerkannten – das Publicum war in zwei, ja drei Parteien gespalten – so waren doch die große Masse und Jene, welche die Stimmung machen, nicht zu gewinnen. Als sie nach längerer Pause am 6., nach Anderen am 14. December 1833 (und letzteres ist das richtige Datum) in der Rolle der Viviana in dem damals so beliebten Ballete „Die Fee und der Ritter“ auftrat, erntete sie, wie eine damalige Kritik schrieb, „als ein wahres Phänomen ihrer Kunst“ stürmischen Beifall, beispiellosen Enthusiasmus. Man vergesse nicht, Oesterreich lebte eben in jenen merkwürdigen Tagen, in denen das Leben eines Volkes in einem guten Mittagstisch und in einem frischen Trunk aufging und in welchen ein neues Stück oder Ballet ein Weltereigniß bedeuteten. Um die Leistung des Fräuleins Schlanzowsky vollends zu würdigen, möge folgende Stelle eines kunstrichterlichen Berichtes – zugleich ein Beitrag zur Culturgeschichte Wiens im ersten Drittheil dieses Jahrhunderts und ein choreographisches Styl-Curiosum – hier mitgetheilt werden: „Mit beinahe unüberwindlichen Schwierigkeiten“, schreibt der Tanzkritiker, „scheint sie gleichsam zu spielen, die wohlberechnete Bewegung ihrer Arme, welche mit jener der Füße methodisch und graziös vereinigt ist, die vollendete Reinheit, womit sie ihre Battements, Rond de jambes, Brisés, Contretemps battus und Entrechats aller Art wie geperlet und glänzend darstellt; die Sicherheit, womit sie mit beiden Füßen die beschwerlichsten, gewagtesten und anhaltendsten Pirouettes ausführt, wie z. B. jene ganz neuen mit drei Touren auf halber Fußspitze, worauf sie ohne Anstrengung und ohne die Arme zu erheben, noch dritthalb Touren auf der ganzen Spitze macht, [55] dann diese unglaublichen Mouvements fünf Male wiederholt, mit drei Touren en attitude auf halber Fußspitze fortfährt und in derselben attitude mit zwei Touren auf ganzer Fußspitze endigt, wornach sie ungefähr 32 Touren in der ermüdendsten und gefahrvollsten Stellung ausführt, erzeugen nach dem Ausspruche der ältesten und bewährtesten Professoren eine bewundernswerthe, vollkommen neue Wirkung und verrathen eine Kraftentwickelung, die bisher noch kein Künstler zu unternehmen gewagt hat!“ Ich habe wörtlich copirt. Ist das nicht das ganze vormärzliche Oesterreich, wie es leibt und lebt, das um den Pas einer Tänzerin so viele Worte macht! Gewiß aber ist es, daß die Tänzerin Schlanzowsky eine ungewöhnliche Erscheinung ihrer Art war und daß Seyfried’s Charakteristik in seiner „Rückschau“, der von ihr schreibt: „Helene Schlanzowsky – Stählerne Nerven“, so zutreffend ist, wie das Wort von Gentz auf Fanny Elsler: „Sie tanzte Göthe“. Die hervorragendsten Parthien der S. waren in den Balleten: „Das Schweizer Milchmädchen“, – in dem schon genannten „Die Fee und der Ritter“, – „Das Zauberschloß“ und „Die Maskerade“. Jedoch, wie schon bemerkt worden, war Wien nicht der Boden für sie, sie reiste also nach Schluß der Duport’schen Direction nach Mailand, Paris, Berlin, Moskau, Warschau und machte überall Furore; in Warschau hatte sie im Jahre 1837 den Tänzer von Grekowski geheirathet. Im Jahre 1841 tanzten sie und ihr Mann in Wien im Theater in der Josephstadt, im Jahre 1845 oder 1846 war sie, wie Seyfried in seiner „Rückschau“ berichtet, in Neapel, wo ihre schöne Villa durch die Schweizer zerstört wurde und sie ihr halbes Vermögen einbüßte. Die Schlanzowski erreichte, was eben einer Tänzerin erreichbar ist: übertroffen ist sie noch heute von Keiner, aber die Grazien waren nicht an ihrer Wiege gestanden. Nun zog sie sich von der Bühne in’s Privatleben zurück, kehrte in ihre Vaterstadt Wien heim, kaufte ein paar Häuser und lebte daselbst als Hausfrau. In der That erscheinen auch in Hofbauer’s Monographie „Die Alservorstadt“ (Wien 1861) in den Jahren 1841 bis 1857 Nikolaus und Helene Grekowski als Bescher des Hauses Nr. 92 der Alservorstadt (heute VIII., Josephstadt, Laudongasse Nr. 35), sodann als Besitzerin des Hauses Nr. 93 in der Alservorstadt (heute VIII., Josephstadt, Laudongasse Nr. 37) Helene Grekowski allein. Frau Grekowski (-Schlanzowski)lebt noch gegenwärtig in Wien, wo ihre Tochter Emilie an einen Professor der Chemie, Namens Wolfbauer, verheirathet ist. Helenens Gemal, Nikolaus Ritter von Grekowski – nicht Grabowski, wie ihn Seyfried in seiner „Rückschau“ nennt – lebt in Warschau als pensionirter Balletmeister des dortigen Hoftheaters und kommt ab und zu nach Wien, um Frau und Tochter zu besuchen.

Allgemeine Theater-Zeitung. Herausg. von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) 11. December 1833. – Seyfried (Ferdinand Ritter v.), Rückschau in das Theaterleben Wiens seit den letzten fünfzig Jahren (Wien 1864, 8°.) S. 18 u. f., im Artikel: „Ein Theater-Director, wie er sein soll“. – Handschriftliche Mittheilungen des Herrn J. Wimmer.