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BLKÖ:Neuner, Jacob Anton

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Neumeyer, Moriz
Band: 20 (1869), ab Seite: 293. (Quelle)
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Neuner, Jacob Anton (k. k. Regimentsarzt und Leibarzt des Sultans Mahmud II., geb. zu Cilli 39. October 1806, gest. zu Leoben 27. Jänner 1842) Ein Sohn des k. k. Kreisamts-Cassiers Johann Michael Neuner zu Cilli und der Helena gebornen Kamilschegg; er studirte in den Jahren 1819–1824 am Gymnasium seiner Vaterstadt Cilli und hörte in den Jahren 1825 und 1826 am k. k. Lyceum zu Gratz die philosophischen Studien. Nebenbei ertheilte er Privatunterricht, versah in Gratz eine Hofmeisterstelle im Hause des Freiherrn Maximilian von und zu Egkh, auch hörte er im Jahre 1827 die medicinischen Vorbereitungswissenschaften Anatomie und Botanik. Für die medicinische Laufbahn sich entscheidend, wurde er auf Empfehlung des k. k. Stabsfeldarztes Dr. Franz Ketterer zu Gratz von dem obersten Feldarzte Dr. Johann Nep. Isfordink [294] [Bd. X, S. 296] im J. 1827 als feldärztlicher Gehilfe aufgenommen und als solcher beim k. k. Linien-Infanterie-Regimente Nr. 12 in Mailand angestellt. Im Jahre 1828 auf den hohen Curs der k. k. Josephs-Akademie in Wien berufen, wurde er nach Beendigung des fünfjährigen Curses am 14. Jänner 1834 zum Doctor der Medicin und Chirurgie und Magister der Augenheilkunde und Geburtshilfe graduirt und dann zum k. k. Oberarzten und Assistenten der medicinischen Klinik ernannt. Später wurde ihm die Supplirung der Professur der theoretischen Medicin an der k. k. Josephs-Akademie übertragen, welche Stelle er bis zu seiner Abreise von Wien nach Constantinopel besorgte. Sultan Mahmud II. (regierte von 1808 bis 1839), der manche Reformen in seinen Staaten angebahnt und auch ausgeführt, hatte schon im März des Jahres 1838 an die österreichische Regierung das Ansuchen gestellt, ihm drei mit der nöthigen Sachkenntniß ausgerüstete Persönlichkeiten in Vorschlag zu bringen, welche geeignet wären, die Errichtung ordentlicher Quarantain-Anstalten zur Hintanhaltung und Unterdrückung der orientalischen Pest in Constantinopel einzuleiten. Zu diesem Zwecke begab sich mit Allerh. Genehmigung vom 4. Juni 1838 der k. k. Semliner Contumaz-Director Dr. Franz Minas in Begleitung des Consulardolmetschen Wassiljevich nach Constantinopel, wo er, mit kluger Besiegung mannigfaltiger Hindernisse, nach und nach den Grund zu einer Anstalt legte, welche, von ihm überwacht und geleitet, alsbald ihren nützlichen Einfluß fühlbar machte. Die günstigen Resultate des Dr. Minas veranlaßten den Sultan zu einem weiteren Schritte. Er wollte das ganze Medicinalwesen in seinem Staate reorganisiren und ersuchte deßhalb durch seinen Botschafter in Wien, Fethi Ahmed, die österreichische Regierung wolle ihm nun noch zwei tüchtige Aerzte und einen geschickten Pharmaceuten senden. Der k. k. Staatskanzler Fürst Metternich beauftragte seinen langjährigen Hausarzt, den berühmten Professor der Augenheilkunde an der k. k. Josephs-Akademie Dr. Friedrich Jäger [Bd. X, S. 36], einen Leibarzt für den Sultan und einen Director der zu errichtenden medicinisch-chirurgischen Anstalt nebst Pharmaceuten in Vorschlag zu bringen. Es fiel die Wahl auf Dr. Neuner und den Dr. Bernard und den Apotheker Hoffmann, die mit den nöthigen Instructionen von Seite des Fürsten Staatskanzlers am 11. November 1838 ihre Reise von Wien über Gratz, Cilli, Triest, Ancona, Cattaro, Corfú nach dem Piräus machten. Am 3. December langten die Reisenden in Constantinopel an. Nachdem sie sich sofort dem kais. Internuntius, Bartholomäus Freiherrn von Stürmer, vorgestellt, erhielten sie noch an demselben Tage Audienz bei dem Sultan. Der k. k. österreichische Dolmetsch v. Adelburg führte die Doctoren Neuner, Bernard und Minas mit seinem Dolmetschen Wassiljevich und Apotheker Hoffmann zu Pferd in das großherrliche Palais Tophana ein. Unter einem eigenthümlichen, in der unten angeführten Quelle beschriebenen Ceremoniell fand die Vorstellung statt. Der Sultan nahm die Herren sehr huldvoll auf und gedachte der freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen ihm und dem Kaiser von Oesterreich bestünden, anerkannte rühmend die Bemühungen des Contumaz-Directors Dr. Minas und versprach ihnen für ihre Unternehmungen [293] thatkräftigste Unterstützung. Dr. Neuner wurde nun nicht zum Hofarzte, sondern unmittelbar zum Leibarzte des Sultans bestimmt, als welcher er selbst zu dessen im Harem wohnenden Familie oder zu den Großen des Reiches nur auf ausdrückliches Begehren des Großherrn sich zu verfügen hatte, während bei den übrigen Mitgliedern sieben Hofärzte den Dienst versahen und abwechselnd Nachtwache hielten. Gleich nach seiner Ankunft in Constantinopel wurde Neuner im kaiserlichen Palaste einlogirt, später erhielt er zur größeren Bequemlichkeit in der Nähe des Palastes ein ganzes Haus zur Wohnung, welches ganz auf Kosten des Großherrn bis auf die geringsten Gegenstände reich und kostbar ausgestattet wurde. Ebenso stand ihm der kaiserliche Marstal zu Gebote. Alle neuen Einrichtungen im Sanitätswesen wurden ihm vorgelegt. Aber nichtsdestoweniger war seine Situation eine ungemein heikliche. Außer dem Sultan und einigen Wenigen von seiner Umgebung hatte er den übrigen Hof und das Volk gegen sich. Ein paar sehr glückliche Curen, die eine an dem zweiten Secretär des Sultans, die andere an der dritten Tochter des Sultans Hadidsche Sultane, die eben vermält werden sollte und sehr schwer krank darnieder lag, befestigten ihn jedoch noch mehr im Vertrauen desselben und machten auch sonst seine Stellung besser; selbst die türkischen Hofärzte, namentlich deren Chef, die ihm mißtrauisch und mit verstecktem Groll begegneten, wurden nun zutraulicher und beugten sich vor der Macht des Wissens, welche der Franke – so heißt jeder Nichttürke in der Türkei – bekundete. Nun schritt N., aber mit aller Vorsicht, an die Reformen im Spital- und Apothekerwesen, von denen namentlich letzteres sehr im Argen lag, Sein in’s Türkische übersetzter Plan der Medicamenten-Regie wurde dem Kaiser vorgelegt und zugleich eine permanente Hof-Sanitätscommission niedergesetzt, welche über alles, was das Staats-Medicinalwesen betrifft, zu berathen hatte. Die Anfänge versprachen bei Ausdauer und energischem Festhalten an dem als gut Erkannten allmäligen Erfolg. Da begann, etwa fünf Monate nach Neuner’s Anwesenheit in Constantinopel, der Sultan zu kränkeln, aber man hatte es so einzurichten gewußt, daß Neuner von dem hohen Patienten ferngehalten wurde. Erst bis der Sultan ausdrücklich nach ihm verlangte, kam er, aber bereits zu spät, vor denselben und fand ihn in einem sehr bedenklichen – da die Krankheit schon weit vorgeschritten war, bereits unheilbaren – Zustande. In der That starb auch Mahmud am 1. Juli 1839 im Alter von 54 Jahren. Neuner hatte schon früher, als er dem Großvezier Chosrew Pascha mittheile, daß für den Sultan keine Rettung mehr sei, um seine Entlassung gebeten. Nach dem türkischen Gesetze werden nach dem Ableben des Sultans alle seine Leibärzte entlassen. Dieß geschah auch dieses Mal, nur Neuner blieb auf seinem Posten. Den ihm bald darauf von Chosrew Pascha gemachten Antrag, auch fernerhin zu bleiben, lehnte N., dessen Eifer für eine Sendung, durch die er Ruf und Vortheil zu erringen hoffte, in ein persönliches Interesse für den Sultan sich verwandelt hatte, um so entschiedener ab, als eben dieser Gegenstand seines persönlichen Interesses ihm durch den Tod entrissen worden. Am 12. August 1839 verließ N. den Schauplatz seiner achtmonatlichen Thätigkeit und kam Mitte September in Wien an, wo er seine frühere Thätigkeit, [296] die Supplirung der Lehrkanzel der theoretischen Medicin am k. k. Josephinum wieder übernahm. Zwei Monate darnach erhielt er von dem neuen Sultan Abdul Medjid den Nischani-Iftichar-Orden (ein großes, mit dem Namenszuge des Sultans bezeichnetes Goldstück in Brillantenfassung). Einige Zeit darnach wurde Dr. Neuner zum Regimentsarzte bei dem 4. k. k. Feld-Artillerie-Regimente befördert, zu welchem er im Frühjahre 1841 nach Leoben, wo eine Abtheilung seines Regiments lag, abging. Auf seinem Posten lebte R. ebenso behaglich als glücklich, als er am 27. Jänner 1842 ohne vorangegangenes Leiden an einem organischen Fehler – das Herz war so klein wie das eines Kindes und ganz verwelkt – auf der Straße plötzlich verschied. Er war erst 35 Jahre alt geworden. N. liegt auf dem Kirchhofe zu Leoben begraben, auf seinem Leichensteine ist eine längere metrische, von Freundeshand in deutscher Sprache verfaßte Inschrift zu lesen, welche mit den Worten schließt: „im fernen Stambul fand er Ruhm und Orden, in seiner Heimat fand er – dieses Grab“.

Steiermärkische Zeitschrift. Redigirt von Dr. G. F. Schreiner, Dr. Albert von Muchar, C. G. Ritter von Leitner, A. Schrötter (Gratz 1844, Damian u. Sorge, 8°.) Neue Folge, VII. Jahrgang, Heft 2, S. 26 bis 73: „Dr. Jacob Anton Neuner. Biographische Skizze“.