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BLKÖ:Mayseder, Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Maythényi
Band: 17 (1867), ab Seite: 195. (Quelle)
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Mayseder, Joseph (Violinvirtuos und Tonsetzer , geb. zu Wien 26. October 1789, gest. ebenda 21. November 1863). Sein Vater war, wie Dr. v. Sonnleithner berichtet [vergleiche übrigens die Quellen S. 198], akademischer Maler, der in beschränkten Verhältnissen lebte. Der Sohn zeigte in den ersten Knabenjahren Talent für die Musik, und als ein in demselben Hause mit ihm wohnender Professor ihm als Kinderspielzeug eine kleine Violine, wie solche in den Spielwaarenhandlungen zu finden sind, schenkte, verstand es der Knabe, dem ungefügen Instrumente geordnete Töne zu entlocken. Dieß erregte die Aufmerksamkeit seines Geschenkgebers, und dieser brachte es nun dahin, daß der Vater sich herbeiließ, dem Knaben einen ordentlichen Musikunterricht ertheilen zu lassen. Im Juli 1797 erhielt M. den ersten Lehrer, Namens Suche, an dessen Stelle im folgenden Jahre Wranitzky trat. Des Letzteren Unterricht genoß der junge Mayseder durch mehrere Jahre; nun nahm sich Ignaz Suppanzigh des talentvollen Zöglings an, nahm ihn zu den damals beliebten Morgen-Concerten im Augarten, auch zu seinen Quartettaufführungen mit und ließ ihn die zweite Violine spielen. Am 24. Juli 1800, gab Mayseder, damals eilf Jahre alt, das erste öffentliche Violin-Concert im Augarten, dem innerhalb eines Monats noch zwei andere folgten. Die Erfolge seines Spiels waren glänzend. Am 17. October 1802 durfte er sich vor der Gemalin des Kaisers Franz, vor der Kaiserin Maria Theresia, in Laxenburg hören lassen. Im Jahre 1802 nahm er bei Emanuel Förster [Bd. IV, S. 273] Unterricht im Clavierspiele und in der Composition, und brachte es in kurzer Zeit dahin, daß er Sebastian Bach’sche Fugen studiren und spielen konnte. Ein im Jahre 1805, wie sein Biograph berichtet, von Albrechtsberger [Bd. 1, S. 12], Eybler [Bd. IV, S. 120], Haydn [Bd. VIII, S. 108], Koželuch [Bd. XIII, S. 92], Salieri und Weigl ausgestelltes Zeugniß, in welchem bestätigt wird, daß er außerordentliche, sein Alter übersteigende Fortschritte auf der Violine gemacht habe und unter die Reihe der Virtuosen zu zählen sei, scheint die Folge gehabt zu haben, daß er von der Militärpflicht befreit wurde. Auch zählte der kunstsinnige Joseph Fürst Lobkowitz [Bd. XV, S. 345] in jener Zeit zu seinen Gönnern. Im Jahre 1810 wurde M. bei den Hoftheatern als Concert- und Solospieler, im Jahre 1816 in der Hofcapelle als Solospieler angestellt und wirkte in letzterer Eigenschaft seit dieser Zeit regelmäßig an den Kammer-Concerten mit, welche am kaiserlichen Hofe stattfanden. Im Jahre 1835 wurde er zum [196] kaiserlichen Kammervirtuosen ernannt. Im nächsten Jahre rückte er in der Hofcapelle in die Stelle des Directors an der ersten Violine vor. Viele Jahre wirkte er auch als Mitglied des Domchors zu St. Stephan. Seine Verdienste als Künstler und seine oftmalige unentgeltliche Mitwirkung bei den Bürgerspitals-Concerten wurden von Seite des Magistrats im Jahre 1811 durch Verleihung der großen goldenen Salvator-Medaille, im Jahre 1817 durch jene des Ehrenbürgerrechtes anerkannt. Endlich wurde der 73jährige Künstlergreis noch ein Jahr vor seinem Tode von Sr. Majestät dem Kaiser mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Außer der Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates (Wien), die ihn zu ihrem Ehrenmitgliede ernannte, ehrten ihn noch andere Gesellschaften und Vereine durch gleiche Anerkennung. M. war von Jugend an auf eigenen Erwerb angewiesen und gab durch eine Reihe von Jahren zahlreich besuchte Concerte, anfänglich allein, später im Vereine mit anderen ausgezeichneten Künstlern. Von seinen im Vereine mit anderen Künstlern gegebenen Productionen sind anzuführen die sogenannten „Ducaten-Concerte“, für einen auserlesenen Kreis von Zuhörern, welche in der Fastenzeit, 1815, bei dem Kaufmanne Rohrer stattfanden und an denen sich mit M. noch Hummel und Giuliani betheiligten. Als Hummel [Bd. IX, S. 419] im Jahre 1806 nach Stuttgart abging, trat Moscheles an seine Stelle. Später und bis in’s Jahr 1837 gab M. in Gemeinschaft mit Joseph Merk Concerte. Von da an trat er nicht mehr öffentlich auf, und das Publicum hörte ihn nur mehr gelegenheitlich im Theater in den kleinen Opern- und Balletsolo’s. Mit großer Vorliebe aber pflegte M., jedoch nur in Privatkreisen, das Streichquartett. So wirkte er mehrere Jahre an den Streichquartettabenden mit, welche der Musikfreund Zmeskal von Domanovetz in Wien veranstaltete, in deren einem M. auch Beethoven kennen lernte; ferner von 1817–1822 an den Quartettabenden des Herrn Vincenz Neuling, der ein Schüler Mayseder’s war; später an jenen des Hofkriegsagenten Dembscher, die bis in das Jahr 1837 fortgesetzt wurden, und vom Sommer 1843 bis Mai 1856 an jenen, welche Constantin Fürst Czartoryski gab und an denen mit M. noch die Künstler Borzaga, Dobyhal, Durst und Strebinger mitwirkten. Zuletzt war er nur in einem kleinen Kreise, und zwar im Hause seines Schülers und Schwiegersohnes Köchert und bei dem Oberfinanzrathe Franz Ritter von Heintl zu hören, wo er auch wenige Tage vor seinem Tode zum letzten Male gespielt hatte. Auch als Compositeur ist M. thätig gewesen, hat aber, was er schrieb, zunächst für seinen eigenen Vortrag geschrieben. Von seinen Compositionen sind 63 Werke im Drucke erschienen, und zwar: 3 Violin-Concerte, 2 Concertino’s, 6 Polonaisen, 4 Rondeau’s, 20 Hefte Variationen, theils mit Orchesterbegleitung, theils mit concertirendem Pianoforte, 7 Streichquartette, 3 Quintette, 4 Claviertrio’s, 3 Sonaten, 3 Divertissements, 1 Phantasie für Pianoforte und Violine, 1 Trio für Violine, Harfe und Horn, 2 Potpourri’s, 1 Heft Etuden für eine und 3 Duo’s für zwei Violinen. Außer den vorgenannten Werken hat sich, wie sein Biograph Sonnleithner berichtet, mehreres in seinem Nachlasse vorgefunden, darunter eine öfter aufgeführte Concert-Ouverture, [197] ein Werk aus seinen früheren Jahren, ein achtes Quartett in H-moll, ein viertes und fünftes Quintett, in Es und in E-moll, letzteres kaum ein Jahr vor seinem Tode vollendet, und eine große Messe in Es, welche er im J. 1846 für die Hofcapelle schrieb, deren Styl als edel und strenge, erhebend aber doch anmuthig und wahre Andacht weckend bezeichnet wird. Als Virtuos und Quartettspieler übertraf er im Vortrage seiner Concert- und Salonstücke beinahe alle Zeitgenossen, unter den Quartetten spielte er Mozart und Haydn in unübertrefflicher Weise, auch Beethoven, insbesondere dessen erste eilf Quartette gab er mit tiefem Verständnisse, wie er es auch war, der dessen spätere Quartette, von Op. 127 an, für deren Verständniß der große Kreis noch gar nicht empfänglich war, in Kennerkreisen der Erste zur Geltung brachte. An die genannten Meister reihten sich für seine virtuosen Leistungen Kreuzer, Spohr, Onslow, Mendelssohn und Schumann. Für Richard Wagner theilte er mit vielen alten Musikfreunden die Gleichgiltigkeit, welche in Hinsicht auf die Zukunftsmusik sich geradezu zu entschiedener Gegnerschaft steigerte. Da M. von früher Zeit Unterricht im Violinspiele gab, so mehrte sich mit seinem wachsenden Rufe auch die Zahl seiner Schüler und von jenen, die er herangebildet, sind, außer einer großen Menge tüchtiger Dilettanten, Braun, Hafner, Panofka, Trombini, Wolff zu nennen. In seinem Privatleben einfach und anspruchslos, war M., wie Sonnleithner ihn schildert, „einer der Letzten von den Künstlern Altwiens, eine Individualität, wie unsere Zeit sie kaum mehr hervorbringt. ein harmlos einfaches Gemüth, ein Künstler, Bedeutendes leistend, ohne Anmaßung und Selbstüberhebung, ohne Neid und Cabale, ein redlicher Staatsbürger, ein trefflicher Familienvater, ein Mann endlich, von dem man mit Zuversicht sagen darf: er hat keinen Feind“. Zu den heut zu Tage bei Virtuosen üblich gewordenen Kunstreisen konnte er sich nie entschließen, und als er im Jahre 1820 seinen Schüler Vinc. Neuling nach Paris begleitete, trat er auch nicht öffentlich auf, sondern spielte nur in zwei Privathäusern, bei Baron Braun und bei Rudolph Kreutzer, vor einem Kennerkreise, unter denen sich Baillot, Baudiot, Cherubini, Habeneck, Lafont, Mazas, Tolbeque, Viotti nebst anderen Künstlern ersten Ranges befanden. Er trug sein fünftes und sechstes Quartett, das Concert in A und Variationen mit glänzendem Erfolge vor. Seit 13. April 1825 mit Karolina gebornen Tiller verheirathet, hatte er aus dieser Ehe nur zwei Töchter, deren eine an Herrn Köchert vermält ist. M. war 74 Jahre alt geworden und eine anfänglich unscheinbare Erkältung hatte schon nach wenigen Tagen den Tod zur Folge. Um das Andenken des Meisters zu ehren, wurde der Gedanke ausgesprochen oder gar schon der Vorschlag eingebracht, die in den Graben einmündende „Naglergasse“ in eine „Maysedergasse“ umzutaufen; jedoch blieb es nur bei dem Gedanken, denn die Naglergasse hat ihren Namen nicht geändert und eine Maysedergasse gibt es zur Zeit in Wien nicht. Seine letzte Composition, ein Quintett, und zwar das fünfte, in E-moll, hat M. selbst noch 74jährig, am 2. April 1863, in einer Soirée bei Oberfinanzrath Franz Ritter von Heintl vorgetragen, mit welcher Thatsache alle anderen Varianten über [198] die erste Aufführung dieses Tonstückes wegfallen.

Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik (Wien, 4°.) VII. Jahrg. (1861), Nr. 50: „Mayseder und Böhm“; IX. Jahrg. (1863), Nr. 51, S. 801: „Biographische Skizze“ von Leop. von Sonnleithner. – Waldheim’s Illustrirte Zeitung (Wien. kl. Fol.) II. Jahrg. (1863), S. 1206. – Iris (Gratzer Muster- und Modeblatt, schm. 4°.) Jahrg. 1863, Nummer vom 23. December. – Wiener Zeitung 1863, Nr. 40 u. 271, S. 1526. – Wiener Abendpost (4°.) 1863, Nr. 134: „Mayseder’s letztes Werk“. – Mährischer Correspondent 1863, Nr. 270. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Ed. Bernsdorf (Dresden 1856, R. Schäfer, Lex. 8°.) Bd. II, S. 924. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Franz Köhler, Lex. 8°.) S. 598. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. III, S. 616 [gibt irrthümlich das Jahr 1790 als Mayseder’s Geburtsjahr an]. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliographisches Institut, gr. 8°.) Bd. XX, S. 1141. – Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur. In vier Bänden (Leipzig 1833, F. A. Brockhaus, gr. 8°.) Bd. III, S. 61. – BrockhausConversations-Lexikon, 10. Auflage, Bd. X, S. 301. – Fremden-Blatt von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1862, Nr. 45; 1863, Nr. 322, 328, 334 [verschiedene, Mayseder betreffende Notizen]. – Die Presse (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. 69; 1863, Nr. 338 [verschiedene, M. betreffende Notizen]. – Nouvelle Biographie générale ... publiée par MM. Firmin Didot frères sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris 1850 et s., 8°.) Tome XXXIV, p. 558. – Schilling (G. Dr.), Das musikalische Europa (Speyer 1842, F. C. Neidhard, gr. 8°.) S. 227. – Badischer Beobachter (polit. Blatt. kl. Fol.) 1863, Nr. 279 {gibt irrthümlich den 29. October 1789 als Mayseder’s Geburtstag an]. – Der Bote von der Eger und Biela 1863, S. 98. [Daselbst wird Mayseder der Sohn eines Hausmeisters genannt, welche Angabe der „Badische Beobachter“ dahin ändert, daß M. der Sohn eines Hausbesorgers gewesen. Dieses Lexikon hält sich an die gewiß zuverlässige Angabe Sonnleithner’s, welcher zufolge M. der Sohn eines armen Malers war.] – Porträte. 1) Kriehuber (lith.) (Wien, Haslinger, Fol.); – 2) L. Letronne del., B. Höfel sc. 1815 (kl. Fol.); – 3) Lithogr. von Hahn (München, Aibl, Fol.).