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Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen II. Section/H08

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Heft 7 des Meissner Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 8 der Section Meissner Kreis
Heft 9 des Meissner Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Tanneberg
  2. Deutschenbora
  3. Munzig
  4. Proschwitz


[57]
Tanneberg
bei Nossen.


Tanneberg liegt im Amtsbezirke Meissen, zwei Stunden von Wilsdruf und zwei und eine halbe Stunde von Nossen an der Dresdner Chaussee, und besteht aus siebenundsechszig Häusern mit etwa fünfhundert Einwohnern.

Der Ort wird eingetheilt in Alttanneberg, welches sich zur Linken des Trübischthales hinbreitet, und in Neutanneberg, das in einzelnen Häusern bis hinab zur Trübisch reicht, über welche sich hier eine Steinbrücke wölbt. Nahe bei Neutanneberg liegt ein grosser Steinbruch und im Thale die Eilenmühle, die nördliche Seite des Dorfes aber, zeigt auf steiler buschiger Höhe die Kirche und das Rittergut, und in kurzer Entfernung die nach Tanneberg gehörige Dammmühle, welche ihr Wasser von einem der Trübisch zueilenden Bache empfängt. Ein Fussweg, der westlich vom Dorfe von der Chaussee ausläuft und über Rothschönberg, Wendischbora und weiter, bis fast nach Topschedel, führt, leitet den Wanderer durch die reizendsten Gegenden. Ueppige Wiesen wechseln mit waldigen Berghängen, deren kahle Gipfel weidenden Schafheerden treffliche Nahrung bieten und in tausend Windungen, bald über Sand bald über Steingerölle hineilend, durchzieht das liebliche Thal die forellenreiche Trübisch, welche im Tharander Walde entspringend, nach achtstündigem Laufe und einem Falle von fünfhundertsechszig Ellen bei Meissen in die Elbe mündet.

Das Rittergut Tanneberg, dessen Gebäude noch theilweise aus dem Mittelalter herrühren, besitzt ein in neuerer Zeit gebautes stattliches Schloss und ausserordentlich fruchtbare Felder und Wiesen. Die ersten Besitzer desselben waren Edelleute des Geschlechts von Tanneberg, von denen 1227 Hermann von Tanneberg, Ritter und markgräflicher Marschall 1301 Friedrich von Tanneberg, und 1321 Hans von Tanneberg genannt werden. In der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts scheint diese Familie ausgestorben oder verarmt gewesen zu sein, da sie nirgends mehr erwähnt wird; das Gut Tanneberg aber befand sich zu dieser Zeit bereits im Besitze des von Otto dem Reichen 1162 gestifteten Cisterzienserklosters Altzelle. Dieses Kloster besass gleich bei seiner Stiftung achthundert Hufen Landes und die Nutzungen einer grossen Anzahl von Flecken und Dörfern im Umkreise von mehr als vier Meilen, für Christiansdorf und Lossnitz aber überliess Markgraf Otto nach Entdeckung daselbst vorhandener Silberadern dem Kloster die Stadt Rosswein. Ein wunderthätiges Marienbild, eine grosse Menge Reliquien, das hier befindliche Fürstenbegräbniss und endlich der weithinverbreitete Ruf der streng religiösen und gelehrten Mönche brachten das Kloster zu grossem Ansehen. Tausende wallfahrteten nach Altzelle, Spenden und Vermächtnisse häuften sich zu ungeheuren Reichthümern und die Zahl der Mönche stieg nach und nach bis auf achtzig. Das Kloster kaufte in Meissen, Thüringen und dem Osterlande eine grosse Menge von Besitzungen, worunter sich seit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts auch Tanneberg befand, gehörte aber auch hinsichtlich seiner Mildthätigkeit zu den ehrenwerthesten Anstalten des Landes, denn kein Hungriger ging ungespeist, kein Reisender ohne gastliche Pflege von hinnen. Ein auf der Universitätsbibliothek zu Leipzig befindliches Wirthschaftsregister des Klosters aus dem Anfange des sechszehnten Jahrhunderts weist nach, dass das Altzeller Kloster in einem Zeitraume von drei Jahren nicht weniger als 34000 Reisende, (20000 zu Fuss und 14000 zu Pferde) beherbergte.

Beinahe vierhundert Jahre hatte das Kloster Altzelle bestanden, als die Reformation einen Mönch nach dem andern aus der Einsamkeit der heiligen Mauern hinaustrieb in das fröhliche Weltleben, obgleich der Abt, Paul Bachmann, sich eifrigst bemühte die lebenslustigen Klosterbrüder zurückzuhalten. Als ihm dies nicht gelang, verfasste der Abt ein Büchlein unter dem Titel: das wilde geyfernte Eberschwein Merten Luther, so mit seinen Riesel umzustossen sucht u. s. w. und später ein zweites: „Schnoptuchlein auf Luthers Geyfer“, worauf der Reformator ebenfalls in derber Weise antwortete. Im Jahre 1542 bestand das Klosterpersonal ausser dem Abte, dem Kaplane und dem Schatzmeister, aus dreizehn Mönchen, neun Laienbrüdern und dreiundneunzig bei der Oekonomie beschäftigten Leuten, und so legte denn 1545 der Abt, Andreas Schmiedewald, freiwillig sein Amt nieder, nachdem er sich aus dem Klostervermögen reichlich versorgt und verschiedene Kirchenkleinodien dem Kloster Marienthal zur Aufbewahrung übersendet hatte. Die Verwaltung des Klostereigenthums war dem Abte schon seit 1541 entzogen und wurde durch einen vom Herzog Heinrich verordneten Sequestrator versehen. –

Jetzt war das Kloster Eigenthum des Landesherrn. Mehrere Mönche hatte derselbe als evangelische Pfarrer angestellt. Der Prior Drechsler wurde Amtsverwalter der Fürstenschule in Grimma, Pater Schmidt Amtsverwalter [58] und der Seckelmeister Vischer Klosterverwalter in Zelle, die ältesten Brüder aber fanden lebenslängliche Pflege. Die Altäre, heiligen Gefässe und das übrige Kirchengeräth schenkte Herzog Moritz an evangelische Kirchen, so empfing Schneeberg die herrliche Orgel, Rosswein den starkvergoldeten Hochaltar, Etzdorf einen kleineren Altar, Belzig einige Altarbilder und die Dresdner Frauenkirche sowie die Kirche zu Mochau die Glocken; die Universität Leipzig aber erhielt des Klosters beträchtliche Bibliothek, dessen Archiv kam nach Dresden und die bedeutenden Klostergüter verwandelten sich in ein Kammergut.

Verwaist und verödet stand nunmehr die alte berühmte Stiftung Markgraf Ottos, verfallen lag die Gruft in der Sachsens Fürsten fast drei Jahrhunderte hindurch ihre letzte Ruhestätte gefunden und als 1599 ein Blitzstrahl die stolzen Gebäude des Klosters in Flammen setzte, als die prachtvolle Marienkirche in eine Gluthmasse zusammenstürzte, verschwand das berühmte Kloster von der Erde und nur wenige obgleich herrliche Ruinen zeugen noch von seiner einstigen Grösse.

Während Tanneberg Eigenthum des Klosters Altzelle war, soll sich nach der Volkssage, in diesem Dorfe ein kleines Nonnenkloster befunden haben, doch spricht davon weder eine Urkunde noch lässt sich ein anderer Beweis dafür auffinden. Vielleicht befand sich hier ein Spital. Dagegen stiftete hier ein Herr von Schönberg, Besitzer des Rittergutes, das sogenannte Jungfernhaus, einen Zufluchtsort für bejahrte Frauen der Familie, wie ein solches auch in Gnandstein bestand.

Das Rittergut Tanneberg blieb nur kurze Zeit landesherrliches Eigenthum, denn schon 1547 gehörte es dem Junker Nikol von Staupitz, der in einem Erbamtsbuche wegen des Gutes Amtsasse des Meissner Amtes genannt wird. Nach ihm gehörte Tanneberg dem Bürgermeister zu Freiberg und Herrn auf Oberschaar Steinbach und Kleinwaltersdorf, dem reichen Peter Alnpeck, dessen Geschlecht das Gut bis in die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts besass und eine seiner Linien nach dem Gute Tanneberg benannte. Wol durch Erbschaft gelangte von den Alnpecks Tanneberg an Rudolf von Miltitz auf Batzdorf, Robschitz und Eyla und von diesem an die in hiesiger Gegend reichbegüterte Familie von Schönberg. Von den Herren von Schönberg wird als Besitzer Tannebergs zuerst genannt Hans Heinrich von Schönberg, vermählt mit Magdalene von Degenfeld, der 1718 mit Tode abging. Bis 1852 gehörte das Rittergut dem Kammerherrn Gustav Adolf von Schönberg, der jetzige Eigenthümer desselben ist Herr Oberleutnant Carl Friedrich Rudolf von Schönberg-Pötting.

Wie in den Kriegen des funfzehnten und siebzehnten Jahrhunderts litt Tanneberg auch in dem letzten Kriege bedeutend. Die Landleute hatten sich bei der Annährung Russischer Heere namentlich einen schauderhaften Begriff von den Kosaken gebildet, von denen man glaubte, dass sie, je sechs Mann mit Ketten zusammen geschlossen, gleich wilden Thieren auf ihre Gegner losgelassen würden, ja Viele behaupteten, die Kosaken wären mit kleinen grässlichen Feueraugen und statt der Lippen mit Vogelschnäbeln ausgestattet. Der damalige Pastor zu Tanneberg bemühte sich angelegentlichst die Kosaken in ein günstigeres Licht zu stellen, indem er sie als harmlose Naturmenschen schilderte, die, grösstentheils selbst Familienväter, als einfache Hirten mit allen Tugenden genügsamer Menschen ausgerüstet wären und namentlich fremdes Eigenthum ehrten. Als nun endlich die gefürchteten Söhne der Steppe anlangten fand es sich dass sie zwar anderen Menschen ganz ähnlich waren, aber die Tugenden, welche ihnen der Pfarrer zugeschrieben fehlten gänzlich, und der wackere Prediger selbst hatte viel von der Rohheit und Plünderungssucht der von ihm verkannten Nomaden zu leiden.

Die Kirche zu Tanneberg war vor der Reformation dem heiligen Maximius geweiht und stand bis zum Jahre 1539 unter dem Erzpriester zu Wilsdruf, worauf sie der Meissner Ephorie einverleibt wurde. Die Collatur über Pfarre und Schule haftet auf dem hiesigen Rittergute.

O. M.     




Deutschenbora.


Dieses Dorf wurde früher Bor, Bore und Bohra geschrieben und Deutschenbora zum Unterschiede von dem eine halbe Stunde westlich entfernten Dorfe Wendischbora genannt. Der Ort zählt achtundvierzig Feuerstätten mit dreihundertachtzehn Einwohnern, dehnt sich in ziemlicher Länge an einem ostwärts dem Neukirchner Bache zufliessenden kleinen Gewässer hin und liegt, eine Stunde von Nossen entfernt, in einem seichten Grunde an der Freiberg-Meissner Chaussee in hügeliger, fruchtbarer Gegend, die nach Südwesten ziemlich hoch ansteigt und hübsche Aussichten bietet.

Schon im elften Jahrhundert geschieht des Dorfes Deutschenbora Erwähnung, wo es „deutsch Barl“ genannt wird und zu der Zupanie Weythessen oder Weitschen gehörte. Zu jener Zeit besass, nebst anderen [59] Gütern hiesiger Gegend, das Lehngut Deutschbora der edle Wende Bor, ohne Zweifel der Stammvater des späterhin so weitverbreiteten Geschlechts der Herren von Bora, von denen Arnold von Bora 1323 als Meissnischer Vasall, Hans von Bora 1425 und Johann von Bora 1439 erwähnt werden. In der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts kam Deutschenbora in Besitz der Familie von Mergenthal, von der man behauptet, dass sie aus Frankreich eingewandert sei, und solches durch die sechs Lilien des Wappens beweisen will. Der erste Besitzer Deutschenboras aus diesem Adelsgeschlecht war Hans von Mergenthal, welcher 1469 als fürstlicher Kanzler (mit noch sieben anderen Edelleuten) vom Papst Paul II. die Erlaubniss erhielt, in seiner Behausung einen Altar zu errichten und Messe halten zu lassen. Später begleitete Hans von Mergenthal Herzog Albrechten von Sachsen nach dem gelobten Lande, wo er am heiligen Grabe zu Jerusalem, nebst anderen Edelleuten, den Ritterschlag empfing. Seine erste Gemahlin war Elisabeth von Schleinitz aus Ragewitz, nach deren Tode er sich mit Anna von Reinsberg verheirathete, bald darauf aber mit Tode abging und im Kloster Zelle begraben wurde. Ihm folgte 1506 im Besitze von Deutschenbora sein Sohn, Wolf von Mergenthal, der mit Anna von Bieberstein und später mit Anna von Feilitzsch vermählt war, am churfürstlichen Hofe das Amt eines Oberschenken verwaltete und 1556 als hochbejahrter Greis zu Hirschfeld starb, wo die Kirche seine Reste verwahrt. Von den hinterlassenen Kindern heirathete Katharina Hansen von Berbisdorf, kaiserlichen Kammergerichtsassessor zu Speier, und Marsensis Florian von Stangen auf Ehrenberg; der einzige Sohn aber, Abraham von Mergenthal, erbte die väterlichen Güter Deutschenbora, Neukirchen und Hirschfeld, vermählte sich mit Kunigunden von Berbisdorf aus Forchheim, die ihm zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter gebar, und starb um das Jahr 1640. Wolf von Mergenthal, des Vorigen Sohn, war mit Katharina von Vippach aus Markvippach verheirathet und hinterliess das Gut Deutschenbora seinem einzigen Sohne Wolf, vermählt mit Barbara von Schönberg aus Zschochau. Caspar Rudolph v. Mergenthal, Herr auf Deutschenbora und Obereula, herzoglich Sachsen-Merseburgischer Oberaufseher der Niederlausitzer Herrschaften Dobrilugk, Forst, Lübben und Finsterwalde war Wolf von Mergenthals einziger Sohn und vermählte sich mit Magdelene von Wolfersdorf aus Bornsdorf, die ihn mit drei Söhnen beschenkte. Hans Adam, der älteste, starb 1703 zu Nördlingen an einer Lagerkrankheit, Ernst Siegismund, dessen Bruder, verschied bald darauf in Berlin, wo er als Kammerjunker lebte, und so blieb nur noch der jüngste Bruder August Philipp als der Letzte seines berühmten Geschlechts übrig, der seinen Wohnsitz zu Deutschenbora nahm.

August Philipp von Mergenthal hat sich durch das viele Gute, welches er geschaffen, einen ewigen Nachruhm erworben. Er gründete auf einer ihm gehörigen, noch vom deutschen Kriege herrührenden Wüstung ein neues Dorf, dem er seinen Namen gab, schenkte jedem Einwohner etwas Land und pfarrte sie in die Kirche zu Deutschenbora ein. Auch in Deutschenbora erbaute er sechszehn neue Häuser, vermittelte die längst gewünschte Einpfarrung des nahen Dorfes Elgersdorf und erhob die Kirche, welche bisher Filial von Hirschfeld gewesen war, zur selbständigen, indem er 1708 den Magister Baumgarten aus Döbeln als Pfarrer berief. Die Mutter August Philipps von Mergenthal hatte 1698 die Kirche gründlich restauriren und einen neuen Thurm bauen lassen, ihr Sohn verlängerte dieselbe 1739 um neun Ellen, liess grössere Fenster brechen, schaffte eine neue Orgel und eine Uhr mit Glocken an, baute Chor, Kanzel, Altar und Taufstein und legte neben der Familiengruft ein neues Begräbniss für seine Nachfolger an, mit der Bitte die Ueberreste der Mergenthale nicht in ihrer Ruhe zu stören. Man hat diese Bitte, obgleich eine Inschrift des neuen Begräbnisses sie aufrecht erhält, in neuerer Zeit nicht beachtet. Ebenso schuf August Philipp von Mergenthal eine Capelle von acht Personen zur Abhaltung der Kirchenmusik, schenkte zu diesem Zwecke der Kirche zwei schöne Pauken und legirte ein Kapitel von tausend Thalern, dessen Zinsen die Musiker empfingen. Als in den Jahren 1814 bis 1816 das Gut Deutschenbora zur Sequestration kam, ging dieses Legat und mit ihm die Kirchenmusik verloren; aber wenn auch der Posaunenschall, welcher über der Asche des edlen Mannes für alle Zeiten festlich ertönen sollte, verstummt ist vor dem Kritzeln der Advocatenfeder, das Andenken August Philipps von Mergenthal wird nie erlöschen, denn noch jetzt danken sechsunddreissig Familien in Mergenthal und Deutschenbora ihm Obdach und was er durch Wort und That für die Kirche gethan, kann nie vergessen werden. August Philipp von Mergenthal starb, ohne Weib und Kind, der Letzte seines Stammes, im Jahre 1748 als Prälat und Senior des Stifts Meissen. Nach seinem Tode kam Deutschenbora an den Minister von Ende, später gehörte es einem Herrn Wackwitz nach diesem dem Kammerherrn von Leipziger, dann Herrn Johann Georg Krauspe, und jetzt ist Besitzer des Rittergutes Herr Johann Gottlob Leuteritz. Das Gut wurde 1817 auf 101,000 Thaler geschätzt.

In mehreren Sächsischen Geschichtswerken ist die Behauptung ausgesprochen, Deutschenbora sei der Geburtsort Katharinas von Bora, der Gattin Luthers. Mergenthalsche Geschlechtstafeln erzählen: „Katharina, Hans von Mergenthals aus Deutschenbora Tochter, sei zur Zeit der Reformation in das Kloster Nimptschen gegangen habe daselbst aus Demuth ihren Familiennamen abgelegt und sich nur Katharine von oder aus Bora [60] genannt und später Luther geheirathet; nach anderen Nachrichten aber soll Katharina die Tochter eines Edelmanns, Hans von Bora, gewesen sein, der in der Gegend von Oschatz ein Gut besass. Da das Archiv des Rittergutes Deutschenbora im dreissigjährigen Kriege verloren gegangen ist, indem es mit dem Schlosse verbrannte, so sind hier keine Aufschlüsse darüber zu erlangen, durch einen neuerdings im Archive des Schlosses Gnandstein aufgefundenen Brief der Wittwe Luthers an ihre Schwägerin Elisabeth wird jedoch obige Behauptung sehr unwahrscheinlich, da Katharinas Bruder darin Hans von Bora, (also nicht von Mergenthal) genannt wird und sein Gut im Amte Borna lag. Dass gleichzeitig zwei Nonnen des Namens Katharina von Bora im Kloster Nimptschen gelebt haben sollen dürfte wol kaum anzunehmen sein.

Die Kirche zu Deutschenbora steht unter Collatur des Rittergutes und war früher ein kleines altes Gebäude worin die benachbarten Pfarrherrn von Rothschönberg und Heynitz lange Zeit hindurch abwechselnd, späterhin aber der Pastor zu Hirschfeld allein, Gottesdienst hielten. Wie schon erzählt wurde durch die fromme Mildthätigkeit der Frau Magdalene von Mergenthal und ihres Sohnes August Philipp die Kirche erneut und zur Mutterkirche umgewandelt. Die hiesige Schule, welche für die ganze Kirchfahrt, sowie seit 1835 für das eine Viertelstunde entfernte Dorf Mahlitzsch, das früher nach Krögis eingepfarrt war, bestimmt ist, zählt in zwei Classen etwa hundertdreissig Kinder. Eingepfarrt nach Deutschenbora sind Elgersdorf mit acht Häusern und siebzig Einwohnern, Mergenthal mit zwanzig Häusern und hundertzwanzig Einwohnern und Obereula mit den Bewohnern dreier Grundstücken, die Uebrigen besuchen die Kirche zu Wendischbora. Zum Rittergute Deutschenbora gehören die Dörfer Gertzsch, Mergenthal und ein Theil von Obereula. Das Dorf Deutschenbora enthält einen Flurbezirk von zwölf und drei Viertheil Hufen und drei Mühlen und wurde im dreissigjährigen Kriege von einem Schwarme marodirender kaiserlicher Soldaten überfallen, ausgeplündert und niedergebrannt, wobei mehrere Einwohner den Misshandlungen der rohen Fremdlinge erlagen, welche auch die Kirche bis auf die Mauern zerstörten.

O. M.     




Munzig.


Munzig wird in Urkunden auch Montzig und zur Müntze genannt, wesshalb ein verdienstvoller Sächsischer Historiker sich zu dem falschen Glauben verleiten liess, die einst in hiesiger Gegend wohnenden Daleminzier hätten hier eine Münzstätte gehabt. Der Ort liegt auf einer Höhe des Trübischthales, drei Stunden südlich von Meissen entfernt, und besteht aus vierzig Hausnummern mit dreihundert Einwohnern, von denen sieben Bauergutsbesitzer, die übrigen Häusler sind. Hier befindet sich der äusserste nördliche Punkt, wo der vom Erzgebirge herüberstreichende Gneus sich unter den aufgesetzten thonartigen Gebirgen verliert, wesshalb auch schon in den frühesten Zeiten hier Bergbau getrieben wurde. Alte schriftliche Nachrichten aus dem sechszehnten Jahrhundert beweisen, dass der „Bergbau an der Trübisch“ zu damaliger Zeit bedeutend war, und dafür sprechen auch die zahlreichen alten Halden und Pingen, welche die Stätten ehemaliger Schmelzhütten bezeichnen. So liess Churfürst August einen Stollen einhundert und vier Lachter weit treiben und baute neunzig Lachter unter dem Mundloch die Hütte, welche jedoch bald wieder einging, und 1597 unternahm Hans Schüssler einen ähnlichen Bau, der gleichfalls wieder liegen blieb. Eine bis in die neueste Zeit gangbare Grube, der freundliche Bergmann genannt, baute auf Morgen- und Spatgängen von sechs bis zwölf Zoll Breite, und im Jahre 1795 liess man sich durch die Hoffnung einer noch reicheren Ausbeute zur Erbauung einer neuen Wäsche bestimmen. Die Erze welche hier brechen, sind Bleiglanz, der im Centner funfzig Pfund Blei mit sechs bis sieben Lothen Silber giebt, alsdann Schwefelkies, braune und schwarze Blende und vorzüglich schöner Misspickel (Ferrum arsenico-mineralisatum) in vierseitigen rautenförmigen Prismen von verschiedener Länge und Stärke.

Das Rittergut Munzig, welches im Jahre 1822 auf 111,115 Thaler taxirt wurde, und wozu ein nahes Vorwerk nebst den Dörfern Dreissig und Weitzschen gehört, hat über zweihundertfunfzig Scheffel Feld, treffliche Wiesen und Holzungen, hinreichende Triften und hübsche Gebäude. In den ältesten Zeiten gehörte das Gut zur Herrschaft Scharfenberg und es wird behauptet, dass noch im vorigen Jahrhundert Criminalverbrecher nach dem Schlosse Scharfenberg in den Kerker gebracht wurden. Als die Vitzthume wegen ihrer unaufhörlichen Fehden und Wegelagereien durch Friedrich den Streitbaren von der Burg Scharfenberg vertrieben worden waren, kam die Herrschaft an die Familie von Schleinitz (Schkirnitz) von der sie später die von Miltitz erkauften. Munzig scheint um dieselbe Zeit von der Herrschaft Scharfenberg abgekommen zu sein, vermuthlich [61] ebenfalls durch Kauf, denn 1497 gehörte das Gut bereits dem Ritter Ulrich von Ende, dessen Gemahlin, Felicitas von Starschedel ihm drei Söhne gebar. Ulrich von Ende starb 1518 und Munzig kam an Gottfried von Ende, vermählt mit Katharina von Schleinitz, der 1527 mit Tode abging und das Gut auf seinen Sohn Eckbald vererbte. Dieser, Gemahl Margarethas von Saalhausen aus Schweta hatte eine Tochter und vier Söhne, von denen Georg frühzeitig starb, Uz Beicha, Nikol Taubenheim und Gottfried Heinrich Porschnitz und[WS 1] Munzig erhielten; die Tochter, Anna Maria, vermählte sich mit Asmus von Schleinitz auf Ragewitz und Grubenitz.

Gottfried Heinrich von Ende starb im Jahre 1565 und hinterliess ausser seiner Wittwe, Anna von Karras aus Reinhardsgrimma, zwei Kinder, eine Tochter, Veronika, später vermählt mit Sebastian von Helldorf auf Kostewitz, und einen Sohn, Heinrich, Herrn auf Stauchitz, Forschnitz und Munzig. Einer von dessen sechs Söhnen, deren Mutter Marie von Haubitz aus Leipnitz war, Georg, erbte nach des Vaters Tode das Rittergut Munzig und vermählte sich mit Brigitten von Bärenstein, dann mit Hedwig von Miltitz. Sein Tod erfolgte um das Jahr 1666 und Munzig wurde Eigenthum Heinrichs von Ende, dessen Tochter Katharina Dorothea sich mit Christian Erdmann Kölbel von Geysing vermählte, und nach ihres Vaters Tode das Gut erbte. Die Frau von Kölbel zeichnete sich durch ausserordentliche Fruchtbarkeit aus, denn sie beschenkte ihren Eheherrn mit nicht weniger als sechszehn Kindern. Bei diesem Kindersegen war es nicht möglich, das Gut der Familie zu erhalten und so kam dasselbe an die Familie von Schleinitz, der es noch zu Anfang dieses Jahnhunderts gehörte. Später gelangte Munzig an die Herren von Könneritz. Der jetzige Besitzer von Munzig ist der königl. Sächsische Major Herr Carl Wilhelm von Könneritz.

Zum Rittergute Munzig gehören die Dörfer Weitzschen und Dreissig. Weitzschen liegt hoch über dem rechten Ufer der Trübisch, auf einem steilen Berge, der durch ein kleines Nebenwasser als eine Art von Vorgebirge erscheint. Südöstlich vom Orte ist der sogenannte Diebesgrund, ein buschiges Defileè unter der grossen Selingstädter Höhe, und nördlich die lange Leite; an der Trübisch aber befinden sich die sogenannten Munziger Bergwerke. Das Dorf zählt in zwölf Häusern hundert Einwohner die vierzehn Hufen treffliches Land besitzen, viel Obst erbauen, und auch mit hinreichendem Futterboden versehen sind. Weitzschen ist in die Kirche zu Taubenheim eingepfarrt. – Dreissig liegt an einer ansehnlichen Höhe, die sich östlich nach dem Walde herabsenkt, durch welchen der sogenannte Saubach fliesst, und raint mit Gödelitz, Mockritz und Prübern. Nahe am Orte vorüber führt die Döbeln-Meissner Chaussee nach Oschatz, und an dieser Strasse befindet sich kaum hundert Schritte von Dreissig eine Häusergruppe, dabei ein Gasthaus, die Geleitshäuser genannt, wo das Döbelnsche Geleite eingenommen wird. Schon im Jahre 1467 war hier eine Geleitseinnahme, die indessen nicht, wie oft irrthümlich angegeben ist, von einem Beamten des Klosters Altenzelle verwaltet wurde, sondern immer dem Rathe der Stadt Döbeln zustand. Wie das ganze Dorf Dreissig sind auch mehrere dieser Häuser in die Kirche zu Beicha eingepfarrt.

Munzig ist in die Kirche zu Burkhardswalde eingepfarrt, welche unter Collatur des Rittergutes Rothschönberg steht und ein sehr hohes Alter verräth. Neben dem Altare ist noch die Mauerblende vorhanden, welche zur Zeit des Katholicismus die Monstranz verwahrte. Die Parochie war ehemals umfangreicher als jetzt, wesshalb auch ausser dem Pfarrer in früherer Zeit noch ein Diakonus angestellt war. Die Stürme des dreissigjährigen Krieges, welche unheilvoll über die hiesige Gegend wegzogen, trafen auch Burkhardswalde sehr hart und vernichteten unter Anderem auch das Pfarrarchiv mit allen älteren Urkunden. Eingepfarrt nach Burkhardswalde sind ausser Munzig noch die Pernshäuser zu Rothschönberg und zwei Häuser von Schmiedewalde.

O. M.     




Proschwitz.


Proschwitz, in Urkunden des dreizehnten Jahrhunderts auch Borowswicz genannt, liegt am rechten Elbufer auf einem mit Weingeländen bedeckten Gebirge, wohin von der eine halbe Stunde entfernten Stadt Meissen ein Fussweg führt. In früherer Zeit war der Berg von dieser Seite, und namentlich am sogenannten Katzensprunge, (nach Anderen auch Kattensprung, als von dem Kattenvolke herrührend,) nur mit grosser Mühe zu ersteigen, so dass derselbe 1667 zur Erleichterung für die Fussgänger nach Proschwitz und die benachbarten Dörfer durch Anlegung einer grossen Anzahl in den Felsen gehauener Treppenstufen gangbar gemacht werden musste. Im Jahre 1799 liess der Vater des jetzigen Herrn auf Proschwitz einen sehr bequemen breiten Stufenweg von Sandsteinen anlegen, vermittelst dessen man auf 216 Stufen auf die Anhöhen des [62] Rittergutes Proschwitz gelangt. Reizend ist von hier die Aussicht auf das liebliche Elbthal mit dem gegenüberliegenden alten Schlosse von Meissen, nach Osten hin der Stadt Dresden und den gewaltigen Sandsteinkegeln der Sächsischen Schweiz und den noch ferneren Berggipfeln Böhmens, während der Strom zwischen waldigen Höhen und fruchtbaren Rebenpflanzungen in kurzen Krümmungen majestätisch dahinzieht. Das Schloss Proschwitz liegt mit seinen Wirthschaftgebäuden und dem kleinen Dorfe etwas abwärts, wodurch es einen trefflichen Schutz vor Stürmen und Wettern erfährt.

Proschwitz war bereits im elften Jahrhundert Eigenthum des Bisthums Meissen, doch scheint es vorher im Besitz einer adeligen Familie von Proschwitz gewesen zu sein, aus welcher Ekbert von Proschwitz noch 1102 als Zeuge urkundlich erwähnt wird. Der berühmte wunderthätige Bischof Benno weilte gern in Proschwitz und wandelte namentlich oft in dem nahen einsamen Grunde, aber die hier wohnenden Frösche störten den frommen Mann gar oft, in seinen religiösen Gedanken, so dass er einst, entrüstet darüber, den unzeitigen Schreiern ewiges Stillschweigen gebot. Fortan verstummten die Frösche und haben nie wieder in dem Proschwitzer Grunde ihre unmelodischen Stimmen erhoben; doch findet der Naturforscher unserer aufgeklärten Zeit die Ursache dieses Schweigens in der äusserst empfindlichen Kälte, von welcher das Wasser des heiligen Grundes durchdrungen ist. Die Sage behauptet ferner, dass Bischof Benno hier oft den Sorben, welche damals die hiesige Gegend bewohnten und trotz aller Verfolgungen heimlich dem Glauben ihrer Väter anhingen, das Christentum predigte und durch das Feuer seiner Rede, sowie viele Wunderthaten die meisten dieser Heiden für die christliche Kirche gewann. Benno starb als der zehnte Bischof Meissens im Jahre 1106 und das gläubige Volk wallfahrtete noch Jahrhunderte nach seinem im Dome befindlichen Grabe, um des heiligen Mannes Fürsprache bei Gott zu erflehen. Bischof Witigo I. liess Bennos Gebeine 1274 unter eine prächtige Tumba bringen, nach dessen Heiligsprechung durch den Papst Hadrian VI. aber kamen dieselben unter den Hochaltar, zur Zeit der Reformation nach Stolpen, und bald darauf nach München, wo man sie noch heute zeigt. Ob diese Reliquien ächt sind, darüber herrscht freilich Zweifel, denn es wird behauptet, dass bei der ersten Kirchenvisitation, wo auch Bennos Tumba entfernt wurde, Herzog Heinrich und Churfürst Johann Friedrich in ihrer Gegenwart die Gebeine Bennos aus dem Sarge nehmen und in die Elbe werfen liessen, denn mit unerschütterlicher Ueberzeugung glaubte das Volk an die Wunderkraft der Ueberreste des heiligen Mannes die vier Jahrhunderte hindurch so viele Beweise ihrer überirdischen Einwirkung gegeben haben sollten.

Nach der Reformation wurde das Rittergut Proschwitz mit Zubehör Eigenthum der Krone, im Jahre 1554 aber überliess es der Landesherr Churfürst August einem Herrn von Ziegler und Klipphausen, von dessen Familie das Gut 1627 an den Kammerrath Peter Werdermann gelangte. Derselbe erkaufte von dem Prokuraturamte zu Meissen das Patronatrecht über die Kirche zu Zscheila, wohin Proschwitz eingepfarrt ist und in welcher sich noch eine schöne Gruft für die Besitzer des Rittergutes Proschwitz befindet, doch blieb dasselbe nur bis 1698 bei dem Gute, da es in diesem Jahre durch Kauf wieder an die Prokuratur gelangte. Peter Werdermann starb 1674, und von seinen Besitzungen fiel Proschwitz an den Grafen von Beichlingen, dessen Sohn als Premierminister der Churfürsten Johann Georgs IV. und Augusts eine so traurige Berühmtheit erlangte. Nach dem Sturze des Ministers blieb das Gut im Besitze der Gräfin von Beichlingen, geborenen von Miltiz, die im Jahre 1707 das Schloss zu Proschwitz von Grund aus neu erbaute und durch viele segensreiche Verbesserungen sich ein bleibendes Andenken erwarb. Nach ihrem Tode kam das Gut an den Legations- und Consistorialrath von Leisching. Derselbe verkaufte es an den früher in Dänischen Diensten gestandenen General von Arnstädt, von welchem es im Jahre 1791 an den churfürstlich Sächsischen Kammerherrn und nachherigen Hausmarschall Freiherrn von Berlepsch gelangte. Zur Zeit ist Eigenthümer des Rittergutes Proschwitz mit Baselitz, Okrylla und einem Vorwerke in der Nassau der königl. Preussische Kammerherr Herr Friedrich Freiherr von Berlepsch. – Die letzten Besitzer von Proschwitz haben viele neue Bauten Verbesserungen und Verschönerungen vorgenommen. Längst den südlichen Abhängen bis ziemlich an die Ufer der Elbe sich erstreckende zum Rittergute gehörige Weinberge enthalten äusserst guten Boden, der aus verwittertem Granit und Sienit besteht, und vorzügliche Rebsorten. Die Namen dieser Weinberge, Katzensprung, Gottesgabe und Steinberg, erfreuen sich eines längst begründeten Rufes. Im Jahre 1845 kaufte der jetzige Besitzer von Proschwitz das eine Stunde entlegene kleine Rittergut Roitzschberg, was dem Baron von Werthern gehörte und vorzüglich aus Weinbergen mit vier Winzereien bestand. Die Anlagen und Alleen von Kirschbäumen, die auf dem Plateau des Rittergutes Proschwitz sich befinden, bieten zur Zeit der Kirschenreife der Umgegend und namentlich den Bewohnern Meissens eine willkommene Veranlassung die schöne Aussicht daselbst zu geniessen und die parkähnlichen Anlagen und Spaziergänge zu besuchen.

Das zu Proschwitz gehörige Dorf Baselitz ist nach Wantewitz eingepfarrt und zählt in sechsundzwanzig Häusern etwa hundertfunfzig Einwohner. Okrylla wird schon in einer Urkunde von 1205 als eines der [63] Dörfer erwähnt, welche dem neugestifteten St. Afrakloster in Meissen Getreidezinsen entrichten mussten, und zwar lieferte Okrylla sechszehn Scheffel Korn und sechszehn Scheffel Hafer. Der Ort, welcher einunddreissig Häuser und ziemlich zweihundertfunfzig Bewohner zählt, war bis zum Jahre 1661 Eigenthum des Meissner Prokuraturamtes, wo es Peter Werdermann mit Proschwitz vereinigte. Durch häufige Feuersbrünste heimgesucht, befinden sich jetzt in Okrylla fast durchgängig schöne neue Gebäude. – Merkwürdig ist Okrylla als der Fundort einer rothen Thonerde, welche der bekannte Abentheurer und Erfinder des Sächsichen Porzellans, Johann Friedrich Böttger, zur Anfertigung von Schmelztiegeln benutzte und zu seiner freudigen Ueberraschung bemerkte, dass die Gluth des Feuers den Thon in ein braunes Porzellan verwandelte. Schon im sechszehnten Jahrhundert war übrigens dieser Thon den Meissner Töpfern bekannt, welche daraus treffliche Gefässe, und noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, durch Beimischung eines bei Taubenheim gegrabenen gelben Thones eine Menge feiner Arbeiten, wie Stockknöpfe, Tabaksdosen und dergleichen herstellten.

Nahe bei Proschwitz liegt die Nasse oder Nassau, eine grösstentheils aus Wiesen bestehende Flur, welche der Sitz einer Unzahl schauerlicher Volkssagen und Gerüchte ist. Namentlich des Nachts vermied in früherer Zeit der Landmann die unheimliche Nassau oder betrat sie nur mit Grauen, denn hier trieben tückische Irrwische ihr neckendes Spiel und geisterhafte Gestalten erfüllten den einsamen Wanderer mit Entsetzen. In der niederen Nasse, nach Gröbern und Bohnisch zu, wo eine mit verfallenen Gräben umzogene Anhöhe die Stätte einer alten Burg bezeichnet, war der Spuk am ärgsten und der Furchtsame hütete sich vor Allem, dem verwünschten Schlosse nahe zu kommen. In der Burg soll einst ein Ritter von Karras gehaust haben, ein wilder, zorniger Herr, der wegen einer vermeintlichen Beleidigung, die ihm von dem Churfürsten Moritz wiederfahren war, diesen Fürsten in der Schlacht bei Sievershausen meuchlerisch mit einem Faustrohre erschoss. Die Sage erzählt ferner dieser wilde Ritter habe sein Leben bei einem furchtbaren Wetter eingebüsst, indem ein Wolkenbruch die Wälle des in Mitten der Teiche liegenden Schlosses überfluthete und zugleich ein Wetterschlag die Gebäude anzündete, so dass alle Burgbewohner rettungslos verbrennen mussten. Dass das Schloss der Familie von Karras gehörte ist wol unrichtig, denn auf der unheimlichen Burgstätte befand sich in der Vorzeit das Schloss der Herren von Nassau, die auch das nahe Gröbern besassen. Einer dieses Geschlechts, Ritter Fritzold von Nassau, war ein höchst unruhiger Kopf, der in unaufhörlichen Streitigkeiten mit seinen Nachbarn lebte und 1349 auch mit der Meissner Geistlichkeit Händel bekam, indem er dem Hospitale Zinsen vorenthielt und das Vorwerk Kölln heimsuchte; durch den Hass der Geistlichen aber mögen nun nach Ritter Fritzolds Tode wol auch die meisten Spukgeschichten erfunden worden sein. – Ein Hauptgegenstand abergläubischer Furcht waren auch zwei grosse Gruppen frei auf der Ebene liegender Granit- und Porphyrblöcke, der grosse und kleine Riesenstein genannt, von denen der Steinblock genommen wurde, welcher auf der Räcknitzer Anhöhe bei Dresden das Andenken des Französischen Generals Moreau bewahrt. Das in späteren Jahren für S. Majestät König Friedrich August den Gerechten im Zwinger zu Dresden errichtete Monument ist ebenfalls von dem auf der Nassau vorhandenen Porphyr angefertigt worden. Im Jahre 1807 liess der Besitzer des Rittergutes Proschwitz nicht weit von dem wüsten Schlosse des spukenden Ritters Fritzold mitten in den Wiesencomplex des Rittergutes ein Vorwerk erbauen. Durch die erst vor mehreren Jahren über die Nassau geführte Chaussee von Meissen nach dem Bahnhofe zu Niederau haben diese und viele angrenzende Wiesen grossen Vortheil gebracht, indem die bedeutenden Chausseegräben die Entwässerung des feuchten Bodens bewirkten, wodurch die herrlichsten Auenfelder entstanden sind. Das neue Vorwerk und namentlich die Chaussee haben die Oede und Einsamkeit der Nassau sehr gemindert und die Furcht der Landleute vor dem spukenden Ritter und anderen Unholden ist verstummt. Hier befand sich vor etwa siebzig Jahren auch noch der sogenannte Fürstenteich, einer der grössten Teiche des Landes, welchen Markgraf Wilhelm der Einäugige 1404 anlegen und Herzog Albrecht 1467 vergrössern liess. Ausser vielen anderen Fischarten enthielt der Teich hundert Schock Karpfen, und sein Ablauf, der mehrere kleine Teiche bildete, trieb zwei Mühlen; gespeist aber wurde das bedeutende Bassin durch den Zscheilbach, welcher sein Wasser aus den Oberauischen Teichen in der Burggrafenhaide sammelt und bei dem Katzensprunge in die Elbe fällt. Die Sächsischen Fürsten pflegten hier oft wegen der Fischerei und Entenjagd sich aufzuhalten. Jetzt ist der Teich in Felder und Wiesen verwandelt.

Das Rittergut und Dorf Proschwitz hatte in dem Kriegsjahre 1813 so Manches zu erleiden, wozu wohl hauptsächlich die hohe Lage unmittelbar über der Elbe, und der Umstand beitrug, dass die Elbbrücke bei Meissen am 12. März desselben Jahres durch Marschall Davoust abgebrannt worden war, wodurch die Passage der Truppen nur auf Schiffbrücken, unmittelbar unter den Proschwitzer Bergen erfolgen konnte. Nach der Schlacht von Lützen legte General v. Blücher in Begleitung mehrerer Preussischer Prinzen, wobei auch Sr. Majestät der jetzige König von Preussen, als damaliger Kronprinz, sowie General v. Gneisenau, sein Hauptquartier [64] am 6. Mai und folgende Tage in das Schloss zu Proschwitz. Bis an das jenseitige Ufer drangen die Franzosen vor.

Am 27. September 1813 rückte des Abends die Französische Division des General Cohorn mit 8000 Mann, als eine Abtheilung des Corps vom Marschall Marmont, aus der Gegend von Grossenhayn in die nächste Umgebung des Dorfes von Proschwitz und bivouakirte auf dessen Feldern. General Cohorn mit seinem Stabe quartierte sich ins Schloss. Die Nacht wurde fouragirt, die sämmtlichen Kühe und ein grosser Theil der Schaafe wurden ins Bivouak geholt und geschlachtet, das Dorf von den Franzosen unter dem Vorwande zu fouragiren, geplündert und viele Excesse begangen. Die auf dem Berge bei Proschwitz befindliche Windmühle wurde von den Franzosen theilweise abgerissen und das Holz davon auf dem Bivouak verbrannt. Alles was an Holz bemerkbar war, wurde aus dem Dorfe geschleppt, und die Wachtfeuer damit versorgt. Schon mehrere Tage vor dem 27. September waren von Französischen Ingenieurs auf den Höhen von Proschwitz Schanzen aufgeworfen und ein Brückenkopf an der Elbe, Meissen gegenüber, unter persönlicher Anwesenheit des Kaisers Napoleon, angelegt worden. Die Kanonen auf die Höhen von Proschwitz zu schaffen wurde ein Weg durch die steilen Weinberge geführt, der sehr schwer zu bewerkstelligen war. Tags darauf, am 28. September früh, rückte die Division des General Cohorn den austürmenden Russen des Sackenschen Corps entgegen, die aus der Gegend um Grossenhayn die Elbe zu erreichen und zu passiren bemüht waren. Vor dem Dorfe Proschwitz und in demselben entspann sich ein ziemlich bedeutendes Scharmützel. Die Franzosen mussten weichen und zündeten die Schäferei vor dem Dorfe an, um ihren Rückzug zu decken, und die Schiffbrücke zu erreichen. Die Kanonen aus den Schanzen, die nur wenig gebraucht und benutzt werden konnten, folgten den Französischen Truppen in schneller Flucht. Die Russischen Jäger und Kosaken verfolgten die Franzosen fechtend bis an die Schiffbrücke, welche sofort, nachdem die letzten Franzosen sie passirt hatten, abgebrochen wurde. Die Russischen Jäger durchsuchten nach der Einnahme des Dorfes das Schloss zu Proschwitz, in der Erwartung noch versteckte Franzosen zu Gefangenen zu machen. Bei dieser Gelegenheit ward Alles das, was annehmlich erschien, mit fortgeschleppt und in das Bivouak vor das Dorf transportirt. Mehrere Todte, die von beiden Seiten auf dem Platze geblieben waren, wurden sofort beerdigt. Das Sackensche Corps blieb 5 Tage in der Umgegend währenddem von den entgegengesetzten Höhen bei Meissen die Franzosen das Dorf mit glühenden Granaten beschossen. Glücklicherweise zündete keine von ihnen. Mehrere Dörfer in der Nähe wurden ein Raub der Flammen. Nach verschiedenen Versuchen die die Russen machten die Elbe zu passiren, gelang es nach 5 Tagen bei Merschwitz, wo die Kosaken durchschwammen, und die am jenseitigen Ufer von den Franzosen versenkten Schiffe und Kähne aufsuchten, um sie zum Uebergange zu benutzen. Die Franzosen zogen sich in die Gegend von Leipzig zurück, wo sich die Schlacht von Leipzig vorbereitete.

Proschwitz ist mit Niederfähre, Bonitzsch, Okrylla, Rottwitz und Winkwitz in die Kirche zu Zscheila eingepfarrt, eines der ältesten Gotteshäuser der Gegend, welche dem heiligen Georg gewidmet war. Im Jahre 1512 wurde die damals ziemlich kleine Kirche bedeutend verlängert und neun Jahre darauf der Thurm erbaut, doch wurde dieser 1667 erneuert und mit einer Uhr geziert, welche sich früher auf den churfürstlichen Jagdschlosse Sitzerode befand. Bei diesem kostspieligen Baue und anderen frommen Opfern betheiligte sich namentlich durch grosse Mildthätigkeit der Rittergutsbesitzer auf Proschwitz, Kammerrath Werdermann, dessen Andenken durch sein in der Kirche aufbewahrtes Bildniss und eine Inschrift an der grossen Glocke erhalten wird. Bis zum Jahre 1539 war Zscheila eine Propstei, doch hatte der Propst seinen Sitz nicht hier, sondern in Grossenhayn, in Zscheila wohnten dagegen vier Chorherren und ein Pfarrer. – Auf der Stelle wo jetzt die Kirche befindlich ist, soll in grauer Vorzeit die Burg Zschillow, der Sitz eines kaiserlichen Burgwards gestanden haben, und die Sage behauptet dass, gleichwie in Proschwitz und einigen anderen reizend gelegenen Orten des Elbthales, auch hier der Bischof Benno sich oft aufhielt und die Kirche gründete, gewiss ist dass der Bischof hier eine Glocke taufte, und einen Umkreis bestimmte, innerhalb dessen sie vor dem Blitzstrahle schützte. Die schöne grosse Kirche zu Zscheila mit ihrem hundertundvierzehn Ellen hohen Thurme ist eine Zierde der ganzen Gegend und kann selbst von den Höhen der Sächsischen Schweiz wahrgenommen werden. Im Jahre 1395 erhielt die Zscheilaer Kirche gleich dem Dome zu Meissen die Vollmacht des Ablasses wegen des grossen Jubeljahres.

O. Moser, Redacteur.     




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Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nnd
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