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Zwischen Vater und Sohn

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Autor: Christine Thaler
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Titel: Zwischen Vater und Sohn
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18-19, S. 300, 302-303, 318-320
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: In Ägypten möchte Abd-er-Raschid seine Cousine Nefiseh heiraten, doch auch sein Vater Ibrahim Bey hat Interesse an ihr (Dreiecksgeschichte)
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[300]

Zwischen Vater und Sohn.

Eine Skizze aus dem orientalischen Leben.
Von C. del Negro.

Ein heißer ägyptischer Sommertag war endlich vorüber. Mit dem Untergang der Sonne hatte sich ein leiser Wind erhoben, der nun sanft, gleichsam liebkosend über die Wipfel der Palmen hinstrich. Säuselnd bewegten sie ihre Zweige und neigten ihre Kronen gegen einander, als hätten sie sich Geheimnisse, süße, zart gewobene Geheimnisse anzuvertrauen.

Unter diesen hohen Palmen, welche das reizende, von üppigen Gartenanlagen eingeschlossene Landhaus Ibrahim Bey’s, unweit Kairos, umgaben, lustwandelte eine Schaar unverschleierter, in weiße, duftige Gewänder gekleideter Sclavinnen, die soeben in’s Freie getreten waren, um sich in der kühlen Abendluft von der erschlaffenden Hitze des Tages zu erholen.

Auch sie – so schien es – trugen Geheimnisse, denn so oft ihre drei Herrinnen, die greise, erhabene Mutter, die wohlbeleibte Gattin und die elfenartig schöne junge Nichte Ibrahim Bey’s, welche in ihren edelsteingeschmückten weißen Battistgewändern etwas abseits auf und nieder gingen, ihren Sclavinnen den Rücken wandten – ebenso oft neigten diese ihre Köpfe gegen einander und flüsterten sich heimliche Reden zu. Sobald aber die Herrinnen ihr Gesicht den Frauen wieder zukehrten, richteten sich diese flugs in die Höhe und standen vorschriftsmäßig in gerader Haltung mit verschränkten Händen regungslos da. Aber es war wie ein Zauber: ihre Augen ruhten immer und immer mit unverkennbarer Bewunderung, wenn auch sehr vorschriftswidrig auf der Gestalt ihrer jüngsten Herrin. Die Schönheit ist eben eine Macht, der niemand widersteht. Wie die Blumen zum leuchtenden Tagesgestirn, so richten sich alle Augen auf sie, wo sie immer erscheint.

„Wie anmuthig ist die Bewegung, mit der Nefiseh-Hanem die langen schwarzen Flechten über die Schultern zurückwirft!“ raunte eine junge Sclavin ihrer Nachbarin in’s Ohr.

„Ibrahim Bey hat Recht, wenn er sagt, sie sei so schön, wie die verführerische Rhodopis,[1] welche, auf der Pyramidenspitze thronend, den Wüstenwanderer in’s Verderben lockt,“ sagte eine andere Sclavin.

„Weißt Du, man sieht es ihr nicht an, daß sie die Gattin eines Greises gewesen,“ meinte wieder eine Andere.

„O, er sah ihre Pantöffelchen öfter als ihre kleinen Füße,“ flüsterte erröthend die Leibsclavin Nefiseh’s.

„Das glaube ich Dir nicht,“ erwiderte ein geschwätziger Mund, „der alte Herr soll sie gar sehr gequält haben.“

„Jawohl,“ flüsterte die Andere zurück. „Dafür hat sie ihm aber den Einlaß verwehrt, indem sie ihre hübschen Schuhe vor die Thür stellte.“

Alle verstummten; denn die Herrinnen näherten sich ihnen von Neuem. Sobald diese sich jedoch wieder gewendet, wurde die Conversation in gedämpftem Tone fortgeführt:

„Was für schöne Augen sie hat!“

„Ob es wohl ihre Augen sind, welche Abd-er-Raschid allnächtlich lobpreist?“

„Unser junger Geliebter singt jetzt oft zur Laute.“

„Ja, ich höre es fast allabendlich.“

„Ich auch.“

„Und ebenso ich.“

Das Geflüster wurde durch einen Neger-Eunuchen unterbrochen, der so plötzlich zwischen die Frauen trat, daß sie kreischend aus einander stoben. Er brummte nach Art der Haremswächter unverständliche Worte vor sich hin und trat dann ehrfurchtsvoll zu seinen Herrinnen. Die Hand am den rothen Tarbusch führend, meldete der Schwarze mit breitem Grinsen, daß der junge Bey [302] der Großmutter und der Mutter seine Aufwartung zu machen wünsche.

„Holt Eure Schleier!“ befahl die greise Frau den Sclavinnen.

Die Mädchen huschten in’s Haus und erschienen nach einigen Secunden verschleiert wieder.

Unterdessen hatte auch Nefiseh-Hanem eine blauseidene Hülle umgeworfen und sowohl den unteren Theil ihres schönen Antlitzes wie Haar und Stirn mit einem duftigen Schleier verhüllt, was ihren großen braunen Augen einen unsagbaren Zauber verlieh.

Nur Abd-er-Raschid’s Großmutter und seine Mutter blieben unverschleiert; denn der Muslime darf das Antlitz nur derjenigen Frauen sehen, welche er nicht heimführen darf oder die er bereits heimgeführt hat.

Da war er schon, der schöne Abd-er-Raschid. Wie stolz und männlich er einherschritt! Der Säbel klirrte an seiner Seite, und Kraft und Selbstbewußtsein strahlte aus seinen Augen. In der That, man sah ihm an, daß er edlem Geschlechte entstammte; das heiße Blut der Beduinenfürsten, das Blut seiner wüstenbeherrschenden Vorfahren, rollte in seinen Adern und lieh ihm ein königliches Ansehen.

Mit strahlenden Augen betrat er den Palmenhain und sich tief verneigend, führte er die Hand an Lippen und Stirn. Die beiden älteren Damen umarmten ihn herzlich, während Nefiseh die langen geschweiften Wimpern senkte und den üblichen Gruß vernehmen ließ:

„Lelteksaid – Dein Abend sei glücklich!“

Es wehte ein eigenthümlicher Hauch unterdrückter Zärtlichkeit in diesem „Dein Abend sei glücklich!“

„Und auch der Deine!“ flüsterte Abd-er-Raschid, ohne seine liebliche Muhme anzublicken.

„Wir sind im Begriff zum Teiche zu gehen; Du magst uns begleiten,“ sagte die Mutter in jenem befehlenden Tone, welchen Eltern im Orient ihren Kindern gegenüber anzuschlagen pflegen.

Großmutter und Mutter, Nefiseh und Abd-er-Raschid schritten paarweise voraus, die Schaar der Sclavinnen aber folgte schweigsam in einiger Entfernung.

Es war ein anmuthiges Bild, wie sie so dahinschritten zwischen blühenden Orangenbäumen. Der Wind strich leise durch die Wipfel hoher Pinien und wehte den Luftwandelnden die berauschenden Düfte der Orangenblüthen zu.

Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, doch goß der aufgegangene Vollmond, welcher gleich einer goldenen Riesenkugel über dem Horizonte stand, eine Fülle magischen Lichtes über die parkartigen Anlagen. Es war jenes eigenthümliche goldene Licht, das der Vollmond nur in Aegypten und nur in der Dämmerstunde ausstrahlt. Nichts regte sich rings umher, als die hin und wieder zusammenschauernden Bäume. Da hub plötzlich eine Nachtigall ihr verliebtes Klagelied an.

„Verstehst Du dieses Klagelied, Nefiseh?“ fragte der Jüngling, indem er seine schöne Begleiterin zärtlich ansah.

„Ja, ich verstehe es,“ hauchte sie leise, ohne aufzublicken.

„Und verstehst Du auch das meine?“ Er beugte sich zu ihr herab und senkte seinen Blick in den ihren. „Dringen die Töne meiner Laute bis zu Dir, wenn ich ihr Klänge der Klage entlocke, so wild oder auch so schmelzend weich, wie sie einst in den Melodien der Wüstengebieter erklangen, in den Melodien meiner beduinischen Vorfahren? O Nefiseh, diese Laute entströmen den tiefsten Tiefen meiner Seele.“

„Und sie ergießen sich in die meine,“ sagte sie mit bebender Stimme. „O Abd-er-Raschid, ich hatte einen so schönen Traum! Es trennten mich keine Haremsmauern, kein Schleier von Dir, doch man sagt, daß die Träume der Kummervollen und der Verliebten fruchtlos bleiben, wie ein dürrer Baum im Wüstensand.“

„Man erntet, was man säet,“ gab ihr der Jüngling mit Bitterkeit zurück. „Die Träume der Verliebten bleiben fruchtlos? Ach, Du wärest schon längst mein eigen, wenn Du mich liebtest, wenn Du nicht schwanktest zwischen ihm und mir, zwischen Vater und Sohn. O, es ist furchtbar für den Sohn, den Vater, den er ehren und lieben sollte –“

„Abd-er-Raschid,“ unterbrach sie ihn vorwurfsvoll, „ich ihn lieben? Ich darf ihn ja nicht lieben; denn der Koran – Du weißt es ja – verbietet dem Onkel seine Nichte zu freien – und ich lieb’ ihn auch nicht – wo denkst Du hin?“

Er lachte höhnisch.

„Als ob die Liebe nach Gesetz und Sitte fragte! Das Herz des Menschen folgt nicht unwandelbaren Gesetzen gleich den Sternen dort oben. Es wendet sich dorthin, wohin es sich gezogen fühlt. Mein Herz ist Dir zugeflogen, Nefiseh, das Deine aber flattert noch immer unstät umher.“

Sie schüttelte das liebliche Köpfchen.

„Er ist Dein Vater. Muß ich ihn nicht versöhnen?“

„Durch Betrug versöhnen, Nefiseh? Warum hast Du nicht den Muth, ihm, der, weil er Dein Onkel ist, ja doch nie Dein Gatte werden darf, das süße Wort zu sagen, das ich mit Entzücken so oft von Deinen Lippen vernahm, das Wort: ich liebe Abd-er-Raschid!? Ist’s nicht, weil Du weißt, daß dieses Wort sein Herz tödtlich verwunden würde? … und doch muß Einer von uns Beiden, der, den Du nicht liebst, diesen Todesstoß empfangen – er oder ich!“

In diesem Augenblicke fragte plötzlich eine rauhe Stimme vor ihnen: „Kommt Ihr endlich?“

Im Eifer der Rede hatte Abd-er-Raschid nicht bemerkt, daß sein Vater, der den Lustwandelnden schon lange auf Schleichwegen gefolgt war, ungesehen zu den beiden vorausgehenden Damen getreten war, und die Drei nun auf das langsam folgende Paar harrten.

„Kommt Ihr endlich?“ fragte der hohe stattliche Mann vor ihnen, indem er seinen schwarzen Schnurrbart strich, gedehnt und mit finster drohenden Brauen. Seine Falkenaugen schweiften forschend von seinem Sohne zu Nefiseh, von Nefiseh zu seinem Sohne, und die Hand auf seinen Säbelknauf stützend, trat der stolze Bey an Nefiseh’s linke Seite, während Abd-er-Raschid ihr zur Rechten blieb. Als so die Drei, schweigend und in sich gekehrt, die kurze Strecke bis zum Teiche zurücklegten, da war es, als schritte der lichte, rosige Mai zwischen dem blühenden Frühling, dem er von natur- und rechtswegen angehört, und dem kalten, neidischen Winter dahin, der so gern herrschen möchte, wo sein glücklicherer Nebenbuhler regiert.

„Befiehl dem Reitknecht, der beim unteren Gartenpförtchen meiner harrt, den Rappen in den Stall zu führen!“ herrschte der Vater den Sohn an, als sie am Teiche angelangt, und tiefsten Groll im Herzen, ging Abd-er-Raschid, den Auftrag des Vaters vollziehen.

Hohe marmorne Arcaden, deren Dach auf der inneren Seite von schlanken, gleichsam aus dem Wasser herauswachsenden Säulen getragen wurden, umschlossen in echt orientalischer Art den Teich im Garten Ibrahim’s, während die äußere Stütze aus einer dicken Mauer bestand, die sich an den vier Ecken ausbauchte, wodurch lauschige, nur von innen zugängliche, mit Oberlicht versehene Pavillons entstanden. Sowohl die Thüren, welche in diese mit morgenländischem Luxus ausgestatteten Räume führten, wie die Wandflächen und die Wölbung der den Teich umgebenden luftigen Arcaden, waren mit kunstvollen Arabesken ausgeschmückt. Marmorfliesen, spiegelglatt wie die Säulen, bekleideten den Boden, und an den vier Ecken des Prachtbaues streckten sich kleine Landzungen in anmuthig geschwungenen Linien in’s Wasser hinein, aus denen berauschend duftende Riesenblumen, von frischem Grün umgeben und sich in den lauen Lüften wiegend, dem azurnen Himmel entgegenwuchsen.

Neben einer dieser Halbinseln schaukelte sich ein zierlicher vergoldeter Kahn, der dazu bestimmt schien, die Frauen des Harems nach dem grünen Eiland hinüberzuführen, das sich dort, in der Mitte des Teiches, von einer einsamen Palme überragt, erhob. Dort, unter dem duftenden Jasmingebüsch, hat, wenn man der unter den Sclavinnen des Hauses lebenden Ueberlieferung Glauben schenken darf, vor Zeiten Ali Ibn Jussuf, der verweichlichte Sprosse eines berühmten Beduinenstammes, ein Ahne Ibrahim’s, auf schwellendem Pfühl sein Leben verträumt, während seine Odalisken ihm verlockende Tänze vorgaukelten oder in den klaren Fluthen ihre schönen Leiber badeten.

Dieses feenhaften Teiches und seiner verschwiegenen Pavillons mußte Abd-er-Raschid gedenken, als er sich im Auftrage seines Vaters auf dem Wege zum Gartenpförtchen befand – Nefiseh’s mußte er gedenken – seines Vaters – da flammte die Eifersucht heiß in ihm auf. Sein Haupt glühte; sein Puls fieberte – was sollte er beginnen? Ist die Pflicht kindlichen Gehorsams höher, heiliger als die süße Macht der Liebe, die er in allen Adern feurig schlagen fühlte? Noch hatte er das untere Gartenpförtchen [303] nicht erreicht – sollte er seinen Weg fortsetzen? Sollte er umkehren? „Ich kann es nicht!“ sagte er und wandte sich wieder gegen den Teich.

Nur eine kurze Weile, und er war am Ziele.

Noch war der Mond nicht so hoch gestiegen, daß der ganze Teich von seinem Lichte überfluthet gewesen wäre. Drei Seiten des Ufers waren in tiefes Dunkel gehüllt, während die vierte in bleichem Lichte erglänzte.

Da wandelten sie, lichtbeschienen, die Frauen Ibrahim’s, eine ausgenommen. … Diese eine aber war Nefiseh, und Abd-er-Raschid’s Augen, welche die Geliebte ängstlich suchten, fanden sie alsbald. Dort im Dunklen schritt sie neben seinem Vater mit gesenkter Wimper, ein Bild edler, keuscher Weiblichkeit.

Ohne zu säumen, eilte Abd-er-Raschid zu den Beiden.

„Ein schöner Abend,“ sagte er mit erkünstelter Ruhe. „Wie wär’s mit einer Fahrt auf dem Wasser?“

„Ein glücklicher Einfall!“ erwiderte Ibrahim mit heiserer Stimme. „Knabe, lös’ uns den Kahn!“

„Knabe?“ fragte Abd-er-Raschid zornig in sich hinein, und er folgte dem Befehle, wiewohl widerstrebend; o, er wußte nur zu gut, warum der Vater ihn in der letzten Zeit wie einen Unmündigen zu behandeln liebte. Ein Knabe, ein unreifer Knabe, sollte er sein – in den Augen der schönen Nefiseh.

Die Kette, welche den Kahn mit dem Festlande verband, war gelöst. Ibrahim Bey[WS 1] stieg in denselben und winkte Nefiseh, ihm zu folgen. Sie gehorchte schweigend, und schon erhob auch Abd-er-Raschid den Fuß, um das schaukelnde Fahrzeug zu betreten – da – er meinte, das Herz müßte ihm stille stehen vor Zorn und Unmuth – da schnellte Ibrahim, der das Ruder ergriffen hatte, durch einen raschen Stoß gegen die marmornen Stufen den Kahn weit hinaus, mitten auf die mondbeglänzte Fläche des Teiches. Abd-er-Raschid stand einen Augenblick mit krampfhaft geballten Händen; dann wandte er sich jählings und stürmte von dannen.

„Mein Roß!“ rief er vor der Gartenpforte dem Reitknechte zu. „Mein Roß, Ali, schnell mein Roß!“

Wenige Secunden später schwang er sich auf das feurige Thier, und er war kaum im Sattel, als es schnaubend davon stob. Hei, wie der Rappe ausholte! Durch die dunkle Schubra-Allee, über den Canal, in die mondhellen Sandflächen der Abbasijeh hinaus ging der wilde Ritt – an den Mamelukengräbern vorbei, die Mokattamhöhen hinauf.

Die einsamen Wächter der Grabmoscheen, die den verwegenen Reiter hatten vorübersausen sehen, hielten ihn für einen Ginn (bösen Geist) und sprachen leise ein Gebet.

Roß und Reiter hatten die Höhe erklommen; da stand das edle Thier, vom hastigen Ritte erschöpft, wie angewurzelt; seine dunkle Silhouette und über ihm die Abd-er-Raschid’s zeichneten sich scharf vom hellen Himmel ab und nahmen sich wie eine herrliche Reiterstatue aus.

Abd-er-Raschid’s Blick schweifte über die mondbeschienenen, sandigen Hügel und Ebenen zu seinen Füßen. Da überkam es ihn wie tiefe Wehmuth: solch ein Boden war es, auf dem einstmals die luftigen Zelte seiner Ahnen standen; über solche Sandebenen waren sie Jahrhunderte lang auf feurigen Rossen im Vollgenusse ihrer Freiheit dahingejagt – die edlen Söhne der Wüste. Ihr ganzes Leben, wie die Ueberlieferung es schilderte, stand plötzlich vor Abd-er-Raschid’s Seele: Auf heißem Boden im Schatten des vom Winde umbrausten Beduinenzeltes hatten sie das Licht der Welt erblickt; dort hatten sie gekämpft und gejagt, geliebt und gefreit, ein unabhängiges, stolzes Leben geführt, bis Hassan-Ibn-Ali von dem Stifter des jetzigen ägyptischen Herrscherhauses in die Gefangenschaft geführt wurde. Der edle Beduinenhäuptling ertrug sein Loos nur wenige Monate lang; er starb am Heimweh, an der Sehnsucht nach Freiheit. Seine Söhne aber gewannen in verächtlicher Verweichlichung ihre schimpflichen Fesseln lieb; eine fürstliche Apanage ersetzte ihnen bis auf den heutigen Tag die Freiheit und die Herrschaft über die stolze Wüste. Der Mensch vergißt so leicht sein Edelstes, verliert so schnell sein Bestes in den weichen Armen des Genußlebens.

O, es war eine lange Heerschaar verklagender und strafender Gedanken, die an Abd-er-Raschid’s Seele in der heiligen Stille der Wüste vorüberzog. Der Verfall seines Hauses, die Entnervung der Seinigen, von der er selbst nicht frei war, erfüllten sein Herz mit tiefem Groll. Es war ihm, als müßten die Leiber seiner Ahnen, die fern in Arabiens heißem Sande schliefen, im Schmerz über die entarteten Enkel auferstehen, waffenklirrend und zornblickend. Sie sahen ihn mit den ernsten bleichen Gesichtern strafend und drohend an – ha, und was war das? Liebliches gesellte sich in seiner Phantasie zu dem Schrecklichen: Nefiseh’s geliebte Augen tauchten plötzlich vor ihm auf. Sie blickte aus dem sie nur halb verhüllenden Schleier verlangend zu ihm auf; dann senkte das holde Geschöpf die langen Wimpern; verschämt stand sie da, als ab sie der Entschleierung harre. O, so würde sie vor ihm stehen am Hochzeitstage, in jener weihevollen Stunde, wo es dem Muslimen vergönnt ist, den Schleier, welcher das Antlitz seines Weibes verhüllt, endlich, endlich zu heben.

Abd-er-Raschid schloß die Augen, ganz versunken in die Vorahnung dieses seligen Augenblicks. Es ist ein tiefes, naturnothwendiges Bedürfniß des Menschenherzens: ein heiß ersehntes Glück, das uns unerreichbar und ewig verloren ist, wir müssen es uns erträumen, erdichten, um es, wenn auch nur auf Augenblicke, in süßer Täuschung zu genießen. Der Traum ist das Manna der Seele, die entsagen muß.

So träumte lange auch Abd-er-Raschid; die heiße Stirn in die weiche Mähne des edlen Rappen geschmiegt, ließ er seine Seele schweifen, schweifen zum verlorenen Paradiese seiner Sehnsucht. Wie einst die Alten, so fand auch er sein Manna in der Wüste. Um ihn lag schweigend die sandige Einöde. Kein Laut, kein Hauch! Nur dann und wann ertönte der Schrei eines einsamen Wüstenvogels oder der Athem des Nachtwindes küßte leise die glühende Wange des weltverlorenen Träumers.

Nun aber scholl aus dem Gestrüpp der Wüste das unheimlich melancholische Geheul eines Schakals an sein Ohr.

„Sei mir gegrüßt!“ rief er, „Du Stimme der Natur! Das Thier der Wüste schreit nach der Erfüllung des ihm angeborenen Rechts – was weiß ich: nach seinem Fraß, nach Wasser, nach Blut. Und ich? Bin ich ein so weichherziger Schwärmer, daß ich mir thatenlos rauben lasse, was mein ist von Rechts und Natur wegen, daß ich träume statt zu handeln?“

Stolz schüttelte er sein schwarzes Lockenhaar.

„Auf, mein Roß!“

Und von Neuem begann der wilde Ritt – der Heimritt.

Zu Hause angelangt, übergab Abd-er-Raschid die Zügel seines Rappen einem Reitknechte, einem altbewährten Eunuchen.

„Geh’,“ wandte er sich an den ehrerbietig Grüßenden, „melde meinem Vater meinen Besuch, wenn er zu so später Stunde mir noch den Eintritt gestattet! Ich erwarte die Antwort in meinen Gemächern.“

Der alte Diener kehrte alsbald mit der Meldung zurück, daß Ibrahim seinen Sohn erwarte, dann aber trat er an den Divan heran, auf dem sein junger Gebieter ruhte.

„Auch ich will Dir ein Wörtlein sagen,“ begann er, „laß das Musiciren, Herr! Dem Gotte der Franken mag es willkommen sein, unserem Gotte Allah aber ist Musik nicht wohlgefällig. Wenn der Böse einem Muslimen zu einer Sünde verlocken will, so bedient er sich dazu der Musik, und musikalische Instrumente sind die Muezzin (Gebetrufer) des Teufels, mit denen er die Muslimen lockt und ruft, daß sie ihn anbeten.“

„Wer sagt das?“ lachte Add-er-Raschid.

Feierlich erwiderte der Alte:

„Mohammed sagt es selbst. Das solltest Du wissen, Herr! Und noch ein weises Wort unseres Propheten möchte ich zu Deinem Heile hinzufügen: wenn ein Muslim keine Jungfrau zum Weibe nimmt, so nehme er ja keine Wittwe, sondern eine geschiedene Frau! Denn gegen diese hat er eine mächtige Waffe in den Worten: ‚Sei demüthig! Du hast keinen Grund stolz zu sein, – sonst hätte Dich Dein erster Gatte nicht verstoßen.‘ Jene aber, die Wittwe, wird bei jedem Anlaß den Tod ihres Gemahls beklagen und behaupten, dieses oder jenes hätte der Verewigte nie und nimmer verbrochen.“

„Darauf erwidere ich,“ gab ihm der Jüngling zurück, „mit einem anderen Spruch, der wahrer ist als der Deine: Keine Ehe ist so dauerhaft, keine heiliger, als diejenige, welche Vetter und Muhmen schließen; denn sie tragen eine doppelte Liebe im Herzen, die angeborene, verwandtschaftliche und die eheliche. Und nun gehe!“

(Schluß folgt.)

[318] Wenige Augenblicke später stand Abd-er-Raschid vor seinem Vater, der im Erker eines Gartensaales auf weichen Kissen ruhte. Durch die geöffneten Fenster drang das Mondlicht herein, den ganzen Erker mit strahlendem Licht übergießend.

„Im Dunklen, Vater?“ fragte Abd-er-Raschid.

„Wo Oel und Mond zugleich leuchten, geht das Haus zu Grunde,“[2] erwiderte Ibrahim Bey. „Du willst mit Deinem Vater sprechen?“ fuhr er dann fort, ohne den Jüngling zum Niedersitzen aufzufordern.

„Nicht mit meinem Vater, sondern mit dem Onkel Nefiseh-Hanem’s. Gieb sie …“

„Auch ich habe mit Dir zu sprechen,“ unterbrach ihn Ibrahim, „– und zwar als Vater. Abd-er-Raschid, es ist nun an der Zeit, daß Du ein Weib nimmst. Meine Mutter hat, wie Du weißt, bereits Brautschau für Dich gehalten und nach reiflicher Ueberlegung haben wir beschlossen, daß Du die Tochter Hassan-Pascha’s zum Weibe nimmst.“

„Die Brautschau der Großmutter galt nicht mir,“ gab Abd-er-Raschid trotzig zurück.

Ibrahim sah seinem Sohne fest in’s Auge. „Wem denn sonst?“ fragte er gedehnt.

„Keinem Anderen als – Dir, Vater.“

„Du irrst, mein Sohn,“ sagte Ibrahim in sanftmüthigem Tone, einem Ton, den er nur anschlug, wenn ein Zornausbruch im Anzuge war. „Es wäre sehr tactlos von mir, wenn ich eine zweite Gemahlin nähme, ehe mein mündiger Sohn seine erste genommen.“

„So gieb mir Nefiseh-Hanem!“ kam es leidenschaftlich von des Jünglings Lippen. „Diese will ich oder – keine.“

„Du willst? Du hast gar nichts zu wollen,“ fiel ihm Ibrahim mit bebender Stimme in’s Wort.

„Vater, gieb mir Nefiseh!“ bat Abd-er-Raschid mit veränderter Stimme, fast im Tone eines Flehenden.

Ibrahim machte eine abwehrende Bewegung und begann den Saal mit hallenden Schritten zu durchmessen, und erst nach einer längeren Pause peinlichen Schweigens wagte der Jüngling zu fragen:

„O, mein Vater, warum wünschest Du diese Verbindung nicht?“

„Warum? Warum? Weil Nefiseh Dich nicht liebt.“

Und indem er das sagte, setzte er sich wieder auf den Divan im Erker, stützte den Kopf mit der Hand und sah seinen Sohn mit einer Art triumphirenden Hohnes unverwandt an.

In Abd-er-Raschid’s Brust stieg ein böser Verdacht auf – der fuhr kalt und schneidend in sein Herz. Das Mondlicht, welches das Haupt Ibrahim’s beschien, zeigte jeden Zug seines Gesichts, und jeder Zug verrieth den glücklichen Liebhaber.

Secundenlang starrte Abd-er-Raschid seinen Vater an.

„Sie liebt mich nicht?“ fragte er alsdann.

„Nein, nicht Dich!“

„Einen … Anderen also?“

„Das darf ich Dir heute nicht verrathen. Wozu brauchst Du es auch zu wissen? Du vermählst Dich mit der Tochter Hassan-Pascha’s. Das ist mein letztes Wort.“

Dabei winkte Ibrahim mit der Hand zum Zeichen, daß der Sohn entlassen sei. Dieser verneigte sich nach orientalischer Sitte und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, den Saal.

Draußen aber ballte er die Hände, lief wie ein Rasender den Corridor hinab und warf sich, einen unarticulirten Schmerzensschrei [319] ausstoßend, mit dem Gesichte auf den Divan, der hier in einer Fensternische stand.

Da berührte eine weiche Hand sein Haupt; er erhob es und blickte in die guten grauen Augen seiner Großmutter, die, sich niederbeugend, ihn liebevoll ansah.

Die alte Frau hatte ihn davonstürmen sehen, nachdem Ibrahim und Nefiseh den Kahn bestiegen. In banger Sorge um ihren Liebling, für den sie bei dem apathischen Wesen ihrer Tochter seit Jahren die mütterliche Pflege übernommen hatte und dessen schmerzliche Empfindungen sie errieth und mitfühlte, waren der Greisin die letzten Stunden verstrichen, und als ihr der Hufschlag des Pferdes endlich die Rückkehr des ängstlich Erwarteten verkündet hatte, da war sie in den Gang hinaus getreten, der die Gemächer des Harems von dem Gartensaale trennte, und hatte von dem alten Diener erfahren, daß Abd-er-Raschid seinen Vater zu sprechen begehre. Das von zärtlichster Liebe für den Enkel erfüllte ahnungsvolle Herz hatte ihr gesagt, daß eine schwere, folgenreiche Stunde geschlagen habe. Koranverse murmelnd, hatte sie an der Thür des Saales gestanden, in welchem sich Vater und Sohn befanden, und war Abd-er-Raschid gefolgt, als dieser in höchster Aufregung den Corridor hinabstürzte.

Und kaum waren nun seine Augen denen der Großmutter begegnet, als der feindselige Ausdruck aus denselben wich.

„O, laß mich allein, laß mich sterben!“ bat er weich.

Mit sanfter Stimme suchte die gute Alte den Verzweifelnden zu beschwichtigen; sie ergriff zärtlich seine Hand, hielt ihn innig in ihrem zitternden Arm und zog ihn mit sich fort in ihr Gemach.

Hier ließ sie sich auf eine Ottomane nieder und bat den Jüngling, ihr Alles zu erzählen. Stürmisch vor der Lauschenden auf- und abgehend, schüttete er ihr sein ganzes Herz aus, dann aber sank er erschöpft auf die Ottomane und barg sein glühendes Gesicht in den Schooß der Guten, die ihn schon so oft getröstet und beruhigt.

„Fasse Muth, mein Kind!“ sagte die Greisin mild und küßte sein Lockenhaupt. „Sei ruhig, mein Sohn!“ Und nun begann sie die erste Sure des Korans zu beten.

„Nur das nicht!“ rief er heftig. „Diese erste Sure hoffte ich in gesegneter Stunde zu beten, mit ihr zu beten, Großmutter, ehe ich den Schleier von ihrem Antlitz hob. Diese Sure will ich nimmer hören, will sie nimmer beten. Alle sind sie falsch, die Deines Geschlechtes sind – nur Du nicht, Alle, auch Nefiseh.“

„Auch Nefiseh?“ fragte verwundert die Greisin.

„Ja, so ist’s! Sie ist lieblich anzuschauen, doch innen voll Giftes, wie die verführerischen Beeren des Gundschastrauches.“

„O Abd-er-Raschid, die Eifersucht verblendet Dich. Ich habe es tausendmal in ihren Augen gelesen, daß sie Dich liebt, und sie hat es mir tausendmal gesagt.“

„Hat sie das, hat sie das wirklich?“ rief er mit Feuer. „Und tausendmal?“

„Tausend- und einmal,“ lächelte die Alte, während ihre Augen vor Rührung über die Wandlung, die mit dem Enkel vorgegangen, sich feuchteten. „Mein Sohn, Eines thut noth vor Allem: Du mußt dem Zorn des Vaters aus dem Wege gehen; Du mußt dieses Haus verlassen – schon morgen mit dem Frühesten.“

Er zuckte zusammen und entzog ihr seine Hand. Sie aber ergriff dieselbe von Neuem.

„Es ist besser so,“ fuhr sie fort, „und Du magst es getrost thun. Du brauchst nichts zu fürchten. Bedenke, daß Nefiseh Deinem Vater unerreichbar ist – ewig unerreichbar. Er ist nicht der Mann, wider das Gesetz zu handeln. Und wäre er solch ein Mann, so ist Nefiseh dessen nicht fähig – auch dann nicht – wenn sie Deinen Vater liebte.“

„Er wird die Schüchterne, Zaghafte bereden –“

„Still, mein Sohn, sprich diesen Gedanken nicht aus! Du schmähest damit Deinen Vater, Deine Braut, Dich selbst. Sündhaft der Sohn, welcher von seinem Vater Uebles denkt!“

„Wenn dieser Vater nun aber nicht väterlich an seinem Sohne handelt?“

„Ein Muslime handelt stets väterlich an seinem Kinde,“ erklärte feierlich die Greisin. „Das wird auch Dein Vater thun.“

„Allah möge es geben!“ seufzte Abd-er-Raschid. „Du bist klug, und ich will Dir gehorchen. Wohlan, ich werde das väterliche Dach meiden.“

So ward denn beschlossen, daß Abd-er-Raschid unverzüglich das Haus verlasse und zwar verstohlener Weise, um in einer bei Tantah gelegenen Villa der Großmutter einige Wochen zu verbringen. Niemand sollte ahnen, wohin er sich gewandt habe, und nur den Haremsmitgliedern, vor Allem der Mutter und Nefiseh, wollte die Greisin zur Beruhigung anvertrauen, daß Abd-er-Raschid nicht lange verschollen bleiben werde.

Der Kriegsrath, den die Beiden gehalten, hatte lange gewährt, und als Abd-er-Raschid von der Greisin Abschied nahm, sein Kleinod, Nefiseh, unter den mächtigen Schutz des mohammedanischen Familienhauptes stellend, da graute schon der Morgen.

Um diese Zeit, wo der Muezzin auf dem Moscheethürmlein den Muslimen an seine Pflicht mahnt, ein Morgengebet zu verrichten, pflegte Ibrahim Bey sonst Koranverse zu murmeln, heute aber lag er noch in tiefem Schlaf, den er während der Nacht lange vergebens herbeigewünscht hatte. Eine quälende Unruhe hatte ihn nach der Unterredung mit seinem Sohne erfaßt. In dieser Stimmung wagte er zum ersten Mal, sich zu fragen, was er denn hoffe und wünsche. Bis zu dieser Stunde hatte er sich zu bezwingen, hatte er der Geliebten gegenüber zu schweigen gewußt, weil er noch nicht ergründet, ob seine Liebe in Nefiseh’s Herzen Erwiderung finde. Wenn dies der Fall – und daß es so war, davon war der etwas eitle Mann überzeugt, der als herrische Natur immer vermeinte, es könne nur das geschehen, was er wünsche – ja, wenn es der Fall war – – Er malte sich die Lage aus, in die ein Einverständniß zwischen ihm und Nefiseh ihn, die Geliebte, seinen Sohn, sein Haus versetzen müsse. O, er kannte sich wohl: Er würde seiner Leidenschaft nicht Herr sein. Die Folgen wären unberechenbar. Nur das Eine war klar: das Haus Ibrahim’s würde ein Haus des Kampfes und der Zwietracht werden.

Und nun trat das Bild seines Sohnes ihm lebhaft vor die Seele, das Bild dieses schönen, kraftvollen und edlen Jünglings. Ibrahim Bey war ein ehrsüchtiger Mann, der für das Lob der Welt nicht taub war. Etwas wie Stolz beschlich ihn bei dem Gedanken, daß er, während alle Welt den jungen Abd-er-Raschid bewunderte, an seine Brust schlagen und rufen dürfe: er ist mein, mein eigener Sohn. Und Ibrahim Bey war auch ein weichherziger Mann – trotz seiner kalten, schroffen Außenseite; er hatte seinen Sohn von Herzen lieb. Hatte er ihn nicht mit liebender Vatersorge erzogen, hatte er von ihm nicht Liebe für Liebe, Dank für all seine Sorge geerntet? – gewiß, o, gewiß!

Und nun? Nun sollte er diesen braven Sohn, seinen Stolz und seine Liebe, um die Geliebte seines jugendlich heißen Herzens bringen und an die Stelle der Kindesliebe Haß pflanzen, Haß gegen sich, gegen Ibrahim Bey, den die Welt einen schlechten Vater nennen werde? Die Welt – –! Das durfte die Welt nicht sagen. Einen schlechten Vater? O, er liebte seinen Sohn doch so innig! Aber wenn er ihn liebte, mußte er dann nicht sein eigenes Herz bezwingen? Seine Liebe zu Nefiseh war sündig – das fühlte er – doppelt sündig: das Vaterherz und der Koran verboten sie. Und dann: war er nicht nahezu ein alter Mann? Nefiseh so jung – Jugend gehört zu Jugend.

Diese und ähnliche Gedanken verscheuchten von Ibrahim’s Lidern den Schlaf – das Gewissen war zu Wort gekommen – und erst nachdem er mehrere Haschischcigaretten geraucht, fiel er in einen sanften Schlummer.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er erwachte. Er schlug mit der rechten in die linke Hand, und auf dieses Zeichen, mit welchem man im Orient, wo in keinem Hause Glocken vorhanden sind, die dienenden Geister herbeiruft, erschien der Kammerdiener des Beys.

Die Morgentoilette dauerte lange. Ibrahim hatte heute in seinem Schnurrbart ein weißes Haar entdeckt; auch in dem Kopfhaar glitzerte es an manchen Stellen ganz verdächtig. Bei dieser Wahrnehmung fielen dem Bey unwillkürlich das rabenschwarze Bart- und Haupthaar seines bildschönen Sohnes ein, und die ganze lange Gedankenreihe von Vaterliebe und Entsagung, die ihm gestern Abend den Schlaf geraubt, wurde wieder in ihm wach. Aber die leichtsinnige Natur des Lebemannes gewann doch in ihm die Oberhand. Wir Menschen verleugnen niemals auf die Dauer unser eigenstes Naturell.

„Bah!“ sagte er zu sich selbst, „was kümmern mich die Liebesangelegenheiten meines Sohnes? Mein Herz hat auch sein Recht.“

Und nun kleidete er sich mit doppelter Sorgfalt an. Wenn der Tarbusch sein Haupt bedeckte – ohne denselben läßt sich ein [320] Muslime in Gesellschaft niemals sehen – bemerkte man seine grauen Haare nicht, und in der That: wenn er die kleidsame ägyptische Uniform trug, mußte seine herculische Gestalt neben der geschmeidigen, eleganten, aber doch etwas hageren Figur Abd-er-Raschid’s eine sehr günstige Wirkung thun.

Aber er sollte erfahren, daß die reife Kraft des absteigenden Mannesalters, wenn ihr andere Reize fehlen, im Kampfe mit dem Zauber männlicher Schönheit und Jugend nicht immer den Sieg davon trägt, daß die etwas zaghafte, naive erste Liebe eines schönen Jünglings stets reizvoller, mächtiger ist, als die vollbewußte, sogenannte letzte des schon alternden Mannes.

Als seine Toilette beendet war, verfügte sich der Bey in den Speisesaal, wo der ganze Harem versammelt war. Zu seiner Ueberraschung fand er auch Nefiseh dort; denn diese speiste sonst mit ihren Frauen in ihren Gemächern, weil Abd-er-Raschid sie nicht unverschleiert sehen durfte.

„Nefiseh hier und unverschleiert,“ dachte Ibrahim bei sich. „Die Damen wissen also, daß mein Sohn nicht erscheinen wird.“ Er hütete sich zu fragen, wo Abd-er-Raschid sei, da er wohl merkte, daß die Frauen eine solche Frage von ihm erwarteten und eine verfängliche Antwort darauf in Bereitschaft hatten. Man plauderte während der Mahlzeit freundlich und unbefangen mit einander. Wenn Ibrahim aber das Wort an die Frauen richtete, veränderten sie den Ton ihrer Stimmen, spitzten die Lippen und theilten knappe Antworten und lange, vorwurfsvolle Blicke aus. Ibrahim that, als merke er von alledem nichts, nicht die Abwesenheit seines Sohnes, nicht die mißbilligenden Blicke der Haremsfrauen und der alten, treuen Diener, nicht die bleichen Wangen und die müden Augen Nefiseh’s. – –

Mehrere Tage vergingen. Die Blicke der Frauen wurden immer vorwurfsvoller, ihre Antworten immer knapper, ihr Benehmen immer kühler. Frauen wissen genau, daß ein Mann vor einer solchen Taktik über kurz oder lang die Waffen streckt. Das that schließlich auch Ibrahim Bey.

Er mochte eingesehen haben, daß die bleiche Nefiseh sich nach dem fernen Geliebten sehne, daß seine, des Onkels, Nähe sie bedrücke, verstimme, schmerze; er mochte diese Entdeckung um so leichter gemacht haben, als Nefiseh von dem Augenblicke an ihn mit erfrierender Kälte behandelte, wo sie erkannt hatte, daß ihr Schmeicheln ihn nicht dazu bewog, ihr Abd-er-Raschid zum Manne zu geben. Von Tag zu Tage verhielt sie sich immer ablehnender gegen Ibrahim Bey. Die zürnenden Blicke, die sie ihm zuwarf, und die tiefe Trauer, welche Nefiseh um den Verschollenen sichtlich empfand, mochten ihn gerührt haben; immer und immer wieder, und zwar mit stetig wachsender Kraft, traten die verklagenden Gedanken an ihn heran, die ihm in jener unruhvollen Nacht nach der Unterredung mit seinem Sohne den Schlaf geraubt hatten; immer klarer sah er sein Unrecht ein; mit immer bangerem Zagen erfüllte ihn Abd-er-Raschid’s Schicksal und seine eigene Schuld. Wie, wenn er niemals wiederkehren würde, der geliebte Sohn? Wie schwer würde die Welt den grausamen Vater verurtheilen! Wie schmerzlich würde sein Vaterherz den Verlust des Stammhalters beklagen! Diese Erwägungen machten den gutherzigen Mann endlich wankend. Vielleicht auch hatte der stete, wenn auch stumme, doch hartnäckige Krieg des ganzen Harems die Widerstandskraft Ibrahim’s gebrochen, dem, als Orientalen, ein gemächliches Leben über Alles ging; kurz, nach etwa drei Wochen des Hauskrieges trat er in das Zimmer seiner Mutter.

„Mutter, ruft mir den trotzigen Knaben zurück!“ sagte er, nachdem er die alte Dame ehrerbietig begrüßt; „denn Ihr kennt gewiß den Weltwinkel, in dem er sich verbirgt.“

Ein leises Lächeln glitt über die freundlichen Züge der Alten; doch klang ihre Stimme streng, als sie erwiderte:

„Und Nefiseh?“

„Sie mag des Jungen Weib werden,“ sagte der Bey, nicht ohne die peinliche Verlegenheit des Besiegten.

„Aber Du selbst, Ibrahim?“ fragte ernst die Mutter.

„Ich?“ Er lachte bitter auf und sagte: „Ich werde mich an dem Glücke der Neuvermählten freuen, Mutter.“

„Ibrahim,“ rief die Greisin vorwurfsvoll und fixirte ihn ängstlich; „sieh mir in die Augen!“

Er aber verharrte mit gesenktem Blicke, und nun trat die gute, alte Frau leise zu ihm und flüsterte ihm etwas in’s Ohr. Ibrahim fuhr auf und machte mit den Armen leidenschaftliche Geberden, als wolle er etwas von sich wehren:

„Nein, ich liebe sie nicht mehr!“ rief er heftig.

„Gieb mir eine Bürgschaft!“ sagte die Greisin mit feierlichem Ernst; „sonst kehrt Dein Sohn nie und nimmer mehr in’s Vaterhaus zurück.“

Ibrahim machte einige Schritte durch’s Zimmer.

„Die Tochter Hassan-Pascha’s, die Braut Abd-er-Raschid’s,“ sagte er schnell entschlossen, „wird das Weib … Ibrahim Bey’s.“

Ein warmer Mutterkuß belohnte dieses Wort. – – –

Wochen waren in’s Land gegangen.

Im Hause Ibrahim’s schmetterten die Trompeten, erschallte Trommel- und Paukenschlag, klingelten die Goldmünzen an den luftigen Gewändern der sich verführerisch hin und her wiegenden Tänzerinnen. Hier sagten einige Fiki mit näselnden Stimmen Koranverse her; dort sangen im Garten, wo bunte Lampenguirlanden sich von Baum zu Baum schwangen, dunkle Lautenschlägerinnen verliebte Weisen; in der Mitte des Saales aber warfen schöne Mädchenhände Gold, Gerste und Salz[3] in die Höhe, und draußen vor dem Hause wurden Brod, Wasser und Datteln an die Armen vertheilt. Ueberall Hochzeitsjubel, überall frohes Lachen von Groß und Klein, von Reich und Arm. – Die reizende Nefiseh und der schöne Abd-er-Raschid schlossen heute den feierlichen Bund für’s Leben.

Unter lautem Jubel, wie der Landesbrauch es wollte, führten die Freunde am Schlusse des Festes den glücklichen Jüngling zur Thür der Brautkammer.

Innen, beim Dämmerscheine einer verhüllten, traulichen Lampe harrt seiner die Braut, harren seiner Großmutter und Mutter … Zögernd steht er vor der Thür, bis er, wie es die Sitte heischt, von Freundeshand in das bräutliche Gemach geschoben wird.

Nun tritt er vor die Verschleierte hin … Segenssprüche murmelnd, entfernen sich Mutter und Großmutter, und mit zitternder Hand hebt Abd-er-Raschid den golddurchwirkten Schleier seiner Schönen, wirft sich ihr zu Füßen und flüstert, das Antlitz in ihrem Gewande verhüllend, die erste Sure des Korans: „Lob und Preis Gott, dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichts! Dir wollen wir dienen und zu dir wollen wir stehen, auf daß du uns führest den rechten Weg, den Weg Derer, die deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg Derer, über welche du zürnest.“

  1. Aegyptische Lorelei.
  2. Arabisches Sprüchwort.
  3. Gold bringt nach dem mohammedanischen Glauben Glück, Gerste Fruchtbarkeit, und Salz wendet das böse Auge ab.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ibrahim-Bey