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Zur Säcularfeier einer Republik

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Textdaten
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Autor: Friedrich Kapp
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Titel: Zur Säcularfeier einer Republik
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, 28, S. 444–447, 467–468
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[444]
Zur Säcularfeier einer Republik.
Von Friedrich Kapp.


Der Tag, dessen hundertjährige Wiederkehr heute die ganze gebildete Welt feiert, ist das letzte Glied in jener Kette von gewaltigen Ereignissen, welche in der Geschichte als das Reformationszeitalter bezeichnet zu werden pflegen. Eröffnet am 31. October 1517, durch die fünfundneunzig an die Wittenberger Schloßkirche genagelten Streitfälle Luther’s, schließt diese Aera am 4. Juli 1776 durch die vom Philadelphia Staatenhause aus der Welt verkündete Unabhängigkeit der amerikanischen Colonien. War die deutsche Reformation bei der Freiheit der Gewissen, der freien Kirche stehen geblieben, so erweiterte der amerikanische Abfall vom Mutterlande ihren geistigen Gehalt zur Selbstbestimmung des Bürgers nicht bloß auf kirchlichem, sondern auch auf politischen Gebiete, so schuf er den freien Staat, die aus und durch sich selbst gegliederte und geleitete Gesellschaft.

Derselbe die Menschheit in ihrem tiefsten Innern bewegende Gedanke, welcher in der Heimath nur halb geglückt oder

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Die Väter der nordamerikanischen Republik.
Benjamin Franklin. George Washington. John Adams.
Thomas Paine. Thomas Jefferson.

[446] gar, wie in den Bauernkriegen, noch unreif in einem Meere von Blut erstickt war, gelangte zu größerer Herrschaft in der Schweiz, erkämpfte in den Niederlanden die Unabhängigkeit von dem spanischen Despotismus und rief, das Stuart’sche Königthum vernichtend, in England das mächtige Commonwealth des eisernen Lord-Protectors in’s Leben. Wohl hatte er lange vergebens versucht, jenseits des Canals eine heimische Stätte zu finden. Ein ganzes Jahrhundert lang hatten Verfolgung und Bedrückung die aus dem Volke zur Herrschaft emporstrebenden und opferfreudigen Schaaren getroffen und Tausende zur Auswanderung gezwungen.

Unter den Vertriebenen, welche zur Zeit Jakob des Ersten sich zunächst nach Holland wandten und von da über die große Wasserwüste nach dem neuen Welttheile zogen, befanden sich auch einige Hundert puritanische Familien, welche in den Wäldern Amerikas die in Europa vergeblich gesuchte Freiheit zu finden hofften. Es waren die sogenannten Pilgerväter. Die in dem ersten Schiffe, der „Mayflower“, beförderten 101 Personen betraten den ungastlichen Continent am 22. December 1620 bei Plymouth Rock. Ohne es zu wollen oder zu ahnen, trugen sie die leitenden Gedanken der Reformation über’s Meer und wurden die Gründer eines mächtigen freien Staates, weil ihr geistiges, wirthschaftliches und öffentliches Leben stark und fest im Gefühl ihrer persönlichen Verantwortlichkeit, in gewissenhafter Arbeit und in mannhaftem Rechtsbewußtsein wurzelte.

Wenn England auch im Laufe der Jahre Hunderttausende seiner Söhne nach Amerika sandte, wenn auch die Unterdrückten aller europäischen Völker, Deutsche und Franzosen, Holländer und Schweden, in den Wildnissen des westlichen Continents Zuflucht, Erwerb und Gedeihen fanden, so wirkte doch ausschließlich bestimmend auf den Geist der aus den Wäldern und Einöden herauswachsenden neuen Gemeinwesen das kleine Neu-England, welches eben stärker, in sich gefesteter und bewußter war, als die ohne innere Verwandtschaft, äußere Zucht und geistigen Zusammenhang sich geltend machenden Lebensäußerungen der übrigen Nationalitäten.

Bei der Gründung des amerikanischen Staatswesens kommen höchstens nur noch die im Süden des Landes angesiedelten englischen Cavaliere und Pflanzer in Betracht, deren Bildung Bacon, Shakespeare und Milton beeinflußt hatten, deren politischer Gesichtskreis, wie bei den Puritanern, vom Common law und Selfgovernement beherrscht wurde, deren Interessen aber sich im Laufe der Jahre mit den Demokraten Neu-Englands in allen wesentlichen Fragen begegneten. Weder römischer Absolutismus, noch englischer Feudalismus, noch continentale Monarchie waren stark genug, den neuen Welttheil ihren Geboten zu unterwerfen. Ihn gewann vielmehr die junge thatkräftige Demokratie von Neu-England und das mit ihr verbündete, von ihr geistig beherrschte bürgerliche Element der übrigen Colonien, nicht in vereinzelten Anläufen oder heftigen Vorstößen, sondern im planmäßigen, langsamen Vordringen und stetigen Wachstum.

Diese unscheinbare und gering geachtete Macht, welche dem Lande ihren Charakter unzerstörbar aufgedrückt hat, ist heute noch der Kopf und das Rückgrat der amerikanischen Republik. Nur durch das von Neu-England selbst in die fernsten Theile des Landes getragene Princip der freien Selbstbestimmung sind die amerikanischen Colonien zu unabhängigen Staaten geworden. Es giebt kein Volk der Erde, welches einen stolzeren Stammbaum aufzuweisen hätte, als das amerikanische, weil keines vom ersten Tage seiner Geschichte an so ausschließlich wie dieses seine Stellung und Achtung in der Welt der fleißigen Arbeit der Hände und der bewußten Thätigkeit des Kopfes verdankt, welche beide im Dienste einer großen Idee stehen.

An einem Tage wie dem heutigen ist eine solche Betrachtung und Zusammenfassung der geschichtlichen Ergebnisse nicht allein am Platze, sondern zur richtigeren Erkenntniß des Gewonnenen sogar unerläßlich geboten. Wie der denkende Mensch im Rückblicke auf sein vergangenes Leben sittliche Erhebung gewinnt, so wirkt auch die historische Erinnerung und Vertiefung läuternd auf die Erkenntniß und den Fortschritt ganzer Völker. Deshalb können auch wir Deutschen die hundertjährige Jubelfeier des 4. Juli nicht passender begehen, als wenn wir uns die Bedeutung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung für die Vereinigten Staaten und für die Menschheit überhaupt im Lichte ihrer Zeit klar zu machen suchen.

Wie der mündig werdende Sohn sich vom väterlichen Hause loslöst und selbstständig macht, so liegt es auch im Wesen jedes Tochterstaates, daß er, zur Erkenntniß der ihm innewohnenden Kraft gelangt, vom Mutterlande abfällt und in die Reihe der unabhängigen Staaten zu treten sucht. Von allen amerikanischen Colonien haben die jetzigen Vereinigten Staaten diesen durch die Natur des gegenseitigen Verhältnisses bedingten Schritt am ersten gewagt. Der Eigennutz und die Gewinnsucht des Mutterlandes einerseits, die persönliche und wirthschaftliche Unabhängigkeit der Colonisten andererseits stießen zu schroff, zu gewaltsam aufeinander, als daß der natürliche Proceß durch sie nicht noch bedeutend beschleunigt worden wäre.

Ueberall stand der nackte, unverhüllte Vortheil Englands im Vordergrunde seiner Beziehungen zu den Colonien, welche in seinen Augen nur Pflichten oder höchstens die ihnen geschenkten Rechte hatten. England beanspruchte für sich das Monopol der Ausfuhr der amerikanischen Erzeugnisse und der Einfuhr der europäischen Bedürfnisse, verbot deshalb auch den Colonien jeden selbstständigen Handel mit dem Auslande und führte die Schifffahrtsacte in ihrer ganzen Härte und Schroffheit gegen sie durch. Diese krämerartige Kurzsichtigkeit hatte aber für die Amerikaner die gute Folge, daß sie ihren ganzen Witz und Verstand zur Umgehung der ihnen auferlegten Gesetze anspornte, also indirect die unverhältnißmäßig schnelle Hebung des amerikanischen Handels und wirthschaftlichen Gedeihens bewirkte. Uebrigens hatten die Colonisten bis zum siebenjährigen Kriege nicht über unmittelbare gehässige Eingriffe in ihre Rechte zu klagen, sodaß bis zum Ende desselben ein ganz leidliches Verhältniß zwischen Mutterland und Tochterstaat bestand. Erst die glückliche Beendigung dieses Krieges weckte in den einzelnen Colonien das Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit und das Gefühl ihrer Stärke, andererseits aber war England in Folge der durch den Krieg fast auf das Doppelte gewachsenen ungeheuren Staatsschuld gezwungen, die Colonien zur directen Besteuerung und zu den Kosten für ihren Schutz heranzuziehen. Die Summe war an sich nicht bedeutend und würde bei dem Wohlstande sowie der Loyalität der Colonisten sicher gezahlt worden sein, wenn ihre Bewilligung dazu erbeten worden wäre. Das Recht der Forderung und die Pflicht der Zahlung erkannten die Amerikaner dagegen nicht an; nur freiwillig wollten sie beisteuern. Ueber diese Frage entbrannte ein Vorpostengefecht welches volle zehn Jahre währte und in der Unabhängigkeitserklärung seinen Abschluß fand.

Die amerikanische Revolution war ein Kampf um’s Recht. Die Colonisten standen auf dem Boden der Geschichte und verlangten von ihm aus ihre Gleichberechtigung mit den Bürgern Englands. Sie traten für ihre angeblich und wirklich verbrieften Rechte und Freiheiten ein und wollten sich, wie sie sagten, das uralte Erbrecht der Briten wahren, ihre inneren Angelegenheiten nach eigenem Ermessen zu ordnen. Wie der Engländer in echt mittelalterlichem Geiste die Freiheit nur für sich und seine Mitbürger innerhalb der Grenzen des nationalen Staates, nicht aber eine gleiche für alle Menschen wollte, so verstanden auch die Amerikaner unter Freiheit ihre Gleichberechtigung mit den englischen Bürgern, und es war durchaus nicht das in ihnen lebendige Bewußtsein der Menschenrechte, welches sie zum Aufstande drängte. Die Rechtsfrage selbst war freilich lange nicht so klar, wie von jeder der streitenden Parteien behauptet wurde, allein wenn sie es auch gewesen wäre, so gab es gar keine andere Instanz als das Schwert, welches sie endgültig entscheiden konnte. Abgesehen von der Form und dem Buchstaben, standen sich in Amerika zwei miteinander unversöhnbare Gegensätze gegenüber: die Standesinteressen der herrschenden Gewalt gegen die Unabhängigkeitbestrebungen der wirthschaftlich erstarkten Colonien, eine herrschsüchtige, jenseits des Oceans durchaus unberechtigte Aristokratie und eine lebensvolle, vollauf berechtigte Demokratie. Wie jeder große, ernste Kampf war die amerikanische Begegnung ruhig, gemessen und geräuschlos. Nie wurde die Stimme des klar und kalt berechnenden Verstandes von dem Geschrei der Parteiwuth übertönt. Es fehlt dieser großen und tiefen Bewegung jeder theatralische Aufputz, jeder dramatische Effect. Keine äußeren Zeichen, keine entfesselten Volksleidenschaften, kein wogendes Meer von halb rasenden Menschen, keine wilde See von Mord und Blut drängen sich in den Gang der Ereignisse, sondern der ganze [447] Proceß vollzieht sich, wenn man von dem Kriege mit dem nationalen Feinde absieht, mit streng logischer Folgerichtigkeit.

Die Raschheit und Verzagtheit, die Unentschiedenheit und das Ungeschick der englischen Regierung wirkten anfangs nachhaltiger zu Gunsten der Colonien als ihre eigene Initiative. Die Stempelacte vereinigte zuerst den Norden und den Süden, welche bis dahin getrennt waren, die handeltreibenden und ackerbauenden Classen und näherte die von ihr doppelt hart betroffene nicht englisch redende der englisch redenden Bevölkerung. So gelangten denn in allmählichen Uebergängen die Colonisten zur Einsicht, daß nur die feste Vereinigung Aller dem Einzelnen und dem Ganzen Sicherheit zu bieten vermöge und daß ein Eingriff in die Rechte einer Colonie zugleich eine Verletzung der Freiheit Aller sei. Diese Erkenntniß machte es den Führern leicht, auf die neuen Steuern mit Beschlüssen der Nichteinfuhr, der Begünstigung des heimischen Gewerbfleißes oder der Einschränkung des Gebrauches fremder Waaren zu antworten und allen späteren Steuerauflagen die leicht verständliche und dabei höchst profitable Formel gegenüber zu stellen, daß Besteuerung ohne Vertretung im Parlamente Tyrannei sei.

Die beiden ersten Continentalcongresse waren schon revolutionäre Körperschaften und wurden bald, ohne es zu wollen, durch die Ereignisse zur Ausübung von weitgehenden Regierungsbefugnissen gedrängt. Der zweite Congreß trat im Mai 1775 unter dem Eindrucke der Gefechte von Lexington und Concord zusammen. Die Ereignisse des Sommers und des darauf folgenden Winters machten den Krieg unvermeidlich. Auf Lexington und Concord folgten Bunkershill und die Belagerung von Boston, Ticonderoga und der Angriff auf Quebec. Jetzt standen sich die Gegner mit den Waffen in der Hand gegenüber, aber noch wagten die Amerikaner nicht unter ihrem eigenen nationalen Banner zu kämpfen. Obgleich sie der Regierung gewaltsamen Widerstand leisteten, wollten sie immer noch loyale englische Unterthanen sein und ihren Standpunkt theoretisch rechtfertigen. Das war eben nicht möglich; sie waren einfach Rebellen, und nur der Erfolg konnte für sie entscheiden. Dazu kam noch die Furcht der Unentschiedenen und die Gemüthlichkeit der Vertrauenden. Unabhängigkeit, hieß es fast allgemein, würde für immer den Verlust der Freiheit nach sich ziehen; die Liebe und Anhänglichkeit des Volkes für die englische Regierung sei trotz der Mißgriffe des zeitigen Ministeriums nicht erschüttert. Wie tief dieses Gefühl selbst in den bedeutendsten Leitern der Bewegung wurzelte, beweist ein Brief Jefferson’s an seinen Verwandten John Randolph, worin er diesem noch am 29. November 1775 schrieb, daß es im ganzen britischen Reiche keinen Mann gäbe, welcher herzlicher als er die Verbindung mit England liebe. Selbst als die Anwerbung deutscher Söldlinge im englischen Parlamente entschieden war, als endlich die Verständigeren einsahen, daß jede Hoffnung auf Versöhnung aufgegeben werden müsse, wollte die Mehrheit von der ihnen angenehmen Täuschung nicht lassen und sprach noch von Abstellung der Beschwerden, sowie von einer constitutionellen Vereinigung mit dem Mutterlande. Wie ein Bann lag diese Unklarheit auf den Gemüthern, den Niemand zu brechen wagte, bis endlich Thomas Paine das lösende Wort sprach.

Dieser bedeutende Pamphletist war, als er 1774 in Amerika landete, siebenunddreißig Jahre alt, und bis dahin ein Mann gewesen, der seinen Beruf verfehlt hatte. Ein sehr bewegtes Leben lag hinter ihm; nirgends hatte ihm in seinen verschiedenen Geschäften und Stellungen als Corsetmacher, Matrose, Zollbeamter, Lehrer, Tabakskrämer und Schriftsteller selbst der bescheidenste Erfolg gelächelt. Kaum in Amerika angelangt, sah er klarer als alle Anderen, daß Versöhnung mit England unmöglich, daß bewaffneter Aufstand unter loyalem Aushängeschilde eine Thorheit sei und daß Amerika, als neue Nation, auf Tod und Leben kämpfen müsse, um seine Unabhängigkeit zur Wahrheit zu machen. In diesem Geiste schrieb er seinen „Gesunden Menschenverstand“ („Common Sense“), welche eine wunderbare Wirkung und einen mächtigen Umschwung im Volke hervorbrachte. Einige hielten Franklin, Andere John Adams, noch Andere Samuel Adams für den Verfasser. Seit der Erfindung der Buchdruckerkunst, meinte Paine selbst, habe keine Schrift einen solchen Erfolg gehabt, wie die seinige. In nicht weniger als 100,000 Abdrücken drang sie in das Heer und in die Massen und machte die Gegner der Unabhängigkeit verstummen. Der kräftige und schneidige Stil, die populäre Beweisführung, die dem Volke geläufigen Bilder, ja selbst die oft gemeinen Schimpfworte, welche den gebildeteren Geschmack beleidigen, entsprachen ganz den Anschauungen der großen Menge und verstärkten den Eindruck der Paine’schen Flugschrift, welcher durch die sich drängenden Ereignisse größer wurde.

Die hochmüthig abweisende Antwort des Königs auf die letzte Ergebenheitsadresse der Colonien traf am Tage der Ausgabe des „Common Sense“ in Philadelphia ein. In Virginien bot Gouverneur Dunmore den Sclaven die Freiheit an und trug durch die bloße Ankündigung dieses Schrittes den Schrecken vor Sclavenaufständen und empfindlichen Vermögensverlusten in jedes Haus des Südens. Wie Norfolk in Virginien in Grund und Boden geschossen wurde, so ward Falmouth an der Küste von Maine frevelhaft von den Engländern verbrannt. Jetzt waren die beiden tonangebenden Staaten Massachusetts und Virginien, die Kaufleute und die Pflanzer einig. Um die erbitterten Gemüther zu beschwichtigen, beschloß die virginische Gesetzgebung im Frühjahre 1776 die Unabhängigkeitserklärung im Congreß zu beantragen. Am 7. Juni stellte R. H. Lee den betreffenden Antrag, dessen Verhandlung am 10. Juni für zwanzig Tage verschoben wurde, weil man während dieses Aufschubs die Einstimmigkeit sämmtlicher Colonien zu erzielen hoffte. Inzwischen sollte ein aus fünf Mitgliedern, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, John Adams, Roger Sherman und R. R. Levingstone, bestehender Ausschuß eine Unabhängigkeitserklärung vorbereiteten. Jefferson, der spätere berühmte Präsident der Vereinigten Staaten, wurde von seinen Collegen mit dieser Arbeit beauftragt. Er war damals eines der jüngsten Mitglieder des Congresses und erst zweiunddreißig Jahre alt, allein wegen seines bescheidenen und doch bestimmten Auftretens, seiner scharfen Logik und ungewöhnlichen Stilgewandtheit hochgeschätzt und allgemein beliebt.

[467] Es war übrigens hohe Zeit, daß dieser unerläßliche Schritt nicht länger verzögert wurde. Der Congreß mußte befürchten, seinen Einfluß zu verlieren und von den ungestümen Elementen ganz verdrängt zu werden, wenn er jetzt nicht energisch vorging. Schon einen Tag nach seinem Beschlusse vom 10. Juni stimmten zweitausend Philadelphier Freiwillige zu Gunsten der sofortigen Unabhängigkeitserklärung ab; von dieser großen Zahl waren nur vier Officiere und fünfundzwanzig Gemeine dagegen. Jefferson begab sich unverzüglich an die Arbeit und trug seinen Collegen gegen Ende Juni seinen Entwurf vor, welcher mit nur unbedeutenden Veränderungen von ihnen angenommen wurde. Dagegen erfuhr er während einer dreitägigen Debatte im Hause so heftige und scharfe Angriffe, daß Jefferson Mühe hatte, sich zu vertheidigen und daß er schließlich nur durch Franklin’s tröstenden Zuspruch aufrecht erhalten werden konnte. Der Congreß unterdrückte achtzehn Stellen, veränderte zehn und machte sechs Zusätze, welche sich übrigens als wesentliche Verbesserungen herausstellten. Es ist ein häufig vervielfältigtes Facsimile des ersten Jefferson’schen Entwurfes erhalten, so daß man überall den ursprünglichen Text mit der endgültigen Fassung vergleichen kann. Die Verhandlungen selbst dauerten vom 2. bis 4. Juli. Jefferson pflegte später scherzend zu erzählen, daß sie nur durch einen rein äußerlichen Zufall abgekürzt worden seien. Der 4. Juli war nämlich ein sehr heißer Tag und für den im engen Saale tagenden Congreß deshalb besonders unangenehm, weil von einem benachbarten Pferdestalle aus Schwärme von Fliegen durch die offenen Fenster eindrangen und die ehrenwerthen Abgeordneten durch die seidenen Strümpfe in die Beine stachen.

Die Urkunde selbst zerfällt in zwei innerlich und äußerlich von einander geschiedene Theile, in die Einleitung, welche aus einem idealen Naturrechte den Anspruch der Colonisten auf Freiheit und Unabhängigkeit herleitet, und in die Ausführung, welche aus dem Common Law heraus die eigentlichen Beschwerdepunkte gegen die englische Regierung formulirt, während die Schlußsätze die Berechtigung zur Bildung eines souveränen Staates erklären. Was dem Documente die Bewunderung namentlich seiner europäischen Zeitgenossen eingebracht hat und was noch heute die Begeisterung aller politischen Romantiker erweckt, das ist die berühmte naturrechtliche Einleitung, welche ganz im Gegensatz zu früheren und späteren amerikanischen Staatsschriften die Abstractionen der englischen und französischen Philosophie als Sätze von angeblich unumstößlicher Gültigkeit aufstellt. Es sind die bekannten Worte im Eingange, über welche hinaus die wenigsten Leser der Unabhängigkeitserklärung gedrungen sind. Sie lauten:

„Wenn es im Laufe menschlicher Ereignisse für ein Volk nöthig wird, die staatliche Bande, wodurch es mit einem andern verbunden war, aufzulösen und unter den Mächten der Erde einen selbstständigen und ebenbürtigen Rang einzunehmen, zu welchem es durch die Gesetze der Natur berechtigt ist, so erheischt es die dem Urtheile der Welt geziemende Achtung, die Ursachen dieser Trennung öffentlich darzulegen.

Wir halten die nachfolgenden Wahrheiten für durch sich selbst erwiesen, daß alle Menschen einander gleich erschaffen, daß ihnen von ihrem Schöpfer gewisse unveräußerliche Rechte verliehen und daß unter diesen Rechten Leben, Freiheit und Streben nach Glückseligkeit die vornehmsten sind, daß zur Sicherstellung dieser Rechte unter den Menschen Regierungen eingesetzt sind, welche ihre rechtmäßige Gewalt von der Zustimmung der Regierten herleiten und daß, wenn je eine Regierungsform diesen Rechten verderblich zu werden anfängt, das Volk das Recht hat, sie zu ändern oder abzuschaffen und dagegen eine neue einzusetzen, deren Grundlage und Befugnisse von der Art sind, wie sie ihm zur Erlangung seiner Sicherheit und seines Glückes am zuträglichsten erscheinen. Zwar gebietet die Klugheit, schon seit langer Zeit bestehende Regierungen nicht aus geringfügigen und vorübergehenden Ursachen abzuändern. So hat es denn auch die Erfahrung bewiesen, daß die Menschen lieber die Uebel dulden, so lange sie noch erträglich sind, als daß sie durch Abschaffung der Regierungen, an die sie gewöhnt sind, sich selbst zum Rechte verhelfen. Wenn aber eine lange Reihe von Mißbräuchen und Anmaßungen, welche allemal ein und dasselbe Ziel verfolgen, die Absicht verräth, das Volk einem unumschränkten Despotismus zu unterwerfen, so hat es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, das Joch einer solchen Regierung abzuschütteln und sich nach anderen Wächtern seiner künftigen Sicherheit umzusehen. Von dieser Art ist das langmüthige Dulden dieser Pflanzungen bisher gewesen, und von dieser Art ist nunmehr die sie zwingende Nothwendigkeit, ihr ehemaliges Regierungssystem abzuändern.

Die Geschichte des dermaligen Königs von Großbritannien ist eine Geschichte wiederholter Verletzungen und Anmaßungen, die allesammt geradezu auf Gründung einer unbeschränkten Tyrannei über diese Staaten abzielen. Zum Beweise davon wollen wir der unparteiischen Welt folgende Thatsachen vorlegen.“ (Hier folgen nun die einzeln aufgeführten siebenundzwanzig Beschwerden gegen Georg den Dritten.)

Jefferson war ein viel zu gut geschulter Advocat, eine zu nüchtern praktische Natur, als daß er das schwere Geschütz seiner Beweisführung, Präcedenzfälle und Herkommen, wie sie auf das Verständniß jedes Engländers wirken, verschmäht hätte; allein er führte es wohlweislich erst in zweiter Linie auf, weil das positive Recht ihm selbstredend keine Rechtfertigung für den offenen Aufstand lieferte. Um die Gunst der englischen Opposition und die Sympathien des gebildeten Europas für sich zu gewinnen, mußte die Forderung der unveräußerlichen Menschenrechte in den Vordergrund treten. Wie die ganze Rousseau’sche Schule, wie bei uns Schiller und die hervorragenden Geister der Nation, so glaubten auch die gebildeteren Amerikaner im Gegensatze zu der schlechten Wirklichkeit, dem geschichtlich Gewordenen, an die Wahrheit und Berechtigung ihrer naturrechtlichen Phantasien. Nichts ist deshalb auch ungerechtfertigter, als Jefferson und Genossen der beabsichtigten Täuschung anzuklagen, als sie, wie Schlosser es z. B. thut, zu beschuldigen, daß sie ihre Unabhängigkeitserklärung nur zu dem Zwecke in dem besondern Stile und Geiste ihrer Zeit erlassen hätten, um ihre Sache in Frankreich salonfähig zu machen.

Natürlich läßt sich vom Standpunkte der absoluten Kritik aus fast jeder einzelne Satz der Einleitung bemängeln. Es ist, um hier beispielsweise bei dem zweiten Einleitungssatze stehen zu bleiben, ein Irrthum jener Zeit und keineswegs eine durch sich selbst erwiesene Wahrheit, daß alle Menschen einander gleich erschaffen seien, allein selbst wenn sie es wären, so könnte sie doch nicht gleich bleiben, und so müßten sie höchstens von dem Gesetze gleich behandelt werden. Was ist ferner Freiheit, was heißt das Streben nach Glück, wer bestimmt sein Maß, und ist es für alle Volksclassen dasselbe? Ebenso wenig stichhaltig ist die Rousseau’sche Vertragstheorie von der Entstehung des Staates. Sie wird offenbar von den Colonisten nur angerufen, weil sie nur mittels ihrer den Beweis für die Gerechtigkeit ihrer Sache führen konnten.

Allein wie dem auch sei, die eigentliche Bedeutung der Unabhängigkeitserklärung lag darin, daß sie zuerst die Stimmungen, Strömungen und Ideen der Zeit unter einem einzigen leitenden Gesichtspunkte zusammenfaßte, daß sie der unsinnigen Anschauung von einer gesetzlichen Revolution, welche seit der Thronbesteigung William’s und Mary’s in den englischen und amerikanischen Köpfen spukte, ein Ende machte und daß sie vor Allem eine klare, selbst dem beschränkten Urtheile verständliche Situation schuf.

Es ist bezeichnend für den Geist der ganzen amerikanischen Bewegung, daß nicht der 19. April 1775 mit seinen Gefechten bei Lexington und Concord, sondern der 4. Juli 1776 mit seiner theoretischen Rechtfertigung der Ereignisse den Geburtstag des neuen Freistaates bildet. Jetzt war allerdings erst die letzte Brücke abgebrochen; jetzt erst waren die Halben, Lauen und Verräther von den ehrlichen Freunden der Volkssache geschieden; jetzt erst war der bewußte Uebergang von colonialer Abhängigkeit [468] zu nationaler Selbstständigkeit geschaffen. Fortan kämpften die Vereinigten Staaten unter eigenem Banner einen Krieg auf Leben und Tod gegen England. Nicht mehr hinter ihnen lag ein unmöglich gewordenes gemüthliches Glück; nur vor ihnen zeigte sich das Heil, aber für die nächste Zukunft drohten ihnen schwere Sorgen und Niederlagen. Deshalb ward männliche Aufbietung aller Kräfte für den Sieg und die Freiheit geboten, welche nach siebenjährigem Kampfe endlich errungen wurden.

So ist denn auch der Tag der Annahme der Unabhängigkeitserklärung dem voraufgegangenen und gegenwärtigen Geschlechte der vornehmste und sichtbarste Markstein im Uebergange des Landes zu seiner Selbstständigkeit; so gilt er ihm als der Geburtstag des amerikanischen Volkes und darum feiert dieses ihn heute bei seiner hundertjährigen Wiederkehr als seinen höchsten Jubel- und Ehrentag: Es hat volle Ursache, ihn stolz zu feiern, trotz der großen Schatten, welche die heutige Festtagsstimmung nur zu sehr verdüstern.

Ich bin natürlich weit entfernt davon, diese Schäden irgendwie verschweigen oder beschönigen zu wollen. Ich habe vielmehr zu einer Zeit, wo es in den Augen des biedern gesinnungstüchtigen, namentlich deutsch-amerikanischen Bürgers als antirepublikanisch und servil galt, die unausbleiblichen und verderblichen Folgen nachgewiesen, welche aus der Corruption der herrschenden politischen Kreise und dem schnöden Aemterschacher hervorgehen mußten. Wenn ich mich gleichwohl der neumodischen sittlichen Entrüstung über den bevorstehenden Untergang des amerikanischen Volkes nicht anschließen kann, so glaube ich deshalb klarer zu sehen und billiger zu urtheilen, weil ich nicht den beschämenden Eindruck einer kurzen Spanne Zeit als maßgebend für eine hundertjährige Geschichte erachte, weil ich nicht eine einzige Seite aus dem vollen Leben des Volkes herausgreife, sondern Volk und Land im Spiegel seiner Gesammtleistung und seiner vollen geschichtlichen Entwicklung betrachte.

Es ist wahr, die in den letzten Jahren zu Tage getretene Verderbniß in den politischen Kreisen giebt zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß, immerhin aber ist sie im Verhältnisse zu dem großen Ganzen doch nur ein böser Aussatz an einem sonst kräftigen Körper, welcher bei gehöriger Pflege und besserer Behandlung leicht wieder genesen kann. In den denkenden Kreisen beginnt bereits die Einsicht zu tagen, daß es ein Verbrechen an der Nation war, die ganze Regierung und Verwaltung des Landes zu einer Maschine für die Vertheilung der Aemter zu machen und diese den Gesetzgebern als willenlose Beute zu überantworten. Hier liegt der eigentliche Sitz des Uebels. Sobald erst der gegenwärtige Unfug abgestellt, sobald also mit den inneren Ursachen der heutigen Corruption gebrochen und der normale Zustand der Verwaltung europäischer Länder, z. B. Deutschlands, in den Vereinigten Staaten eingeführt ist, werden hier die Politiker von der Bühne verschwinden und an ihre Stelle tüchtige Beamte und wieder hervorragende Staatsmänner treten. Von ihrer Gründung an bis auf Jackson, welcher bekanntlich die Beutetheorie zur Grundlage seines demagogischen Systems erhob, hatte die Union vortreffliche Beamte und Staatsmänner ersten Ranges, welche letzteren die meisten ihrer europäischen Genossen um eines Hauptes Länge überragten. Jetzt ist sie überraschend arm an beiden, weil eben die Politik in ein gemeines Geschäft ausgeartet ist, vor welchem sich fast das ganze Talent der Bürger in’s Privat- und Geschäftsleben zurückgezogen hat. Hier also muß die Reform ansetzen und hier wird sie hoffentlich ansetzen, um das Land von dem auf ihm lastenden Fluche zu befreien.

Im Uebrigen steht der sittliche Werth des Volkes ebenso hoch wie derjenige der großen europäischen Nationen, in einigen Eigenschaften, z. B. männlicher Thatkraft, vielleicht sogar höher, wenn in anderen auch, z. B. moralischem Muthe, niedriger. Daß aber die Amerikaner eines der leitenden Culturvölker sind, ohne welche man sich die moderne Entwicklung gar nicht mehr denken kann, wird so leicht Niemand bestreiten. Wer innerhalb eines einzigen Jahrhunderts in ungestümem Siegeslaufe einen ganzen Continent der Cultur erobert und seine Eisenschienen und elektrischen Drähte vom atlantischen zum stillen Weltmeere legt, wer diese Großthaten nicht auf Geheiß eines fremden Willens, sondern im Geiste des rastlosesten Fortschrittes, im freien Wetteifer der in allen Volksschichten entfesselten, auch aus Europa massenhaft herbeigeeilten Arbeit vollbringt, der giebt gerade durch seinen nie ruhenden und nie befriedigten Thätigkeitstrieb die sicherste Bürgschaft dafür, daß er, wenn auch sein gewaltiger Thatendrang und sein ungebändigtes Streben wohl ausarten mag, sich am Ende doch selbst wiederfindet und selbst regulirt. Was wollen diesen bewußten und unbewußten Triumphen der menschlichen Arbeit und Thatkraft gegenüber einige Hundert schlechter Beamten, ja selbst einige Jahrzehnte städtischer und staatlicher Corruption sagen!

Im ersten Jahrhundert seines Bestehens hat das neue Reich des Friedens und der Arbeit den Boden gewonnen und nach außen hin abgesteckt, welchen es nunmehr in seinem zweiten Jahrhundert im Innern auszubauen und geistig zu erweitern hat. Hoffentlich wird es die äußere Unabhängigkeit in allmählichen, aber sicheren Uebergängen zur höhern Freiheit des Geistes, zur höchsten Gesittung und Schönheit führen. Armuth und Abhängigkeit lassen in der Gesellschaft so wenig wie im Einzelnen fröhliches Behagen des Daseins und frisches Erfassen höherer Culturzwecke aufkommen. Wirthschaftliches Gedeihen und bürgerlicher Wohlstand, die unumgänglich nothwendigen Bedingungen für jeden Fortschritt, sind darum auch die stolzeste Errungenschaft, das kostbarste Besitzthum der Vereinigten Staaten.

Was Faust, am Ende seines Ringens und Strebens angelangt, als das höchstmögliche Glück erkennt und als der Weisheit letzten Schluß preist:

„Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß –“

das ist auf amerikanischem Boden in viel höherem Grade als anderswo zur täglichen Praxis des Volkes geworden. Um im eigenen und der ganzen Menschheit Interesse diese menschlichste Lösung der Faust-Idee immer vollständiger zu verwirklichen, müssen Pflichtgefühl und Arbeit die Genien des Gemeinwesens bleiben, muß nicht der Buchstabe, sondern der Geist des vierten Juli die Gesinnung jedes Bürgers der großen Republik durchdringen. In diesem Sinne aber sei am heutigen glorreichen Tage den Anglo- und Deutsch-Amerikanern ein herzlicher Gruß über das Meer entboten!