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Zur Geschichte des Tabaks

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Textdaten
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Autor: Ferdinand Sonnenburg
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Titel: Zur Geschichte des Tabaks
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 262–264
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Zur Geschichte des Tabaks.
Zeitgemäße Mittheilungen von Ferdinand Sonnenburg.

Auch der Tabak ist eine Macht. Nur zu lebhaft drängt sich uns heute dieser Satz auf, heute, wo im Schooße des deutschen Volkes um das Tabakmonopol der erbittertste Kampf entbrannt ist und Hunderttausende mit Hangen und Bangen dem Ausgange desselben entgegensehen. –

Und nicht von heute ist die Macht des Tabaks. In raschem Zuge und mit unwiderstehlicher Gewalt hat er sich innerhalb weniger Jahrhunderte über die gesammte bewohnte Erde verbreitet: In der traurigen Oede des eisigen Nordens, in den üppigen Gefilden der heißen Zone, in den culturreichen Ländern der gemäßigten Klimate, überall hin hat er seine Herrschaft ausgedehnt; unter sein Scepter beugt sich der thätige Geschäftsmann wie der einsame Gelehrte, der arme Lohnarbeiter wie der reichste Geldbaron; in den Schlössern der Könige und Kaiser sind ihm Altäre errichtet, und Dichter haben ihm ihren Tribut gespendet. Wer seine Macht in so großartiger Weise documentirt hat und heute gerade das allgemeine Interesse beherrscht, über dessen Geschichte dürften unsern Lesern wohl einige Mittheilungen nicht unwillkommen sein.

Die Heimath des Tabaks ist unbestreitbar die neue Welt. Vor der Entdeckung Amerikas haben die übrigen Erdtheile den Tabak nicht gekannt. Wie alt aber in der neuen Welt sein Gebrauch ist und was den letzteren veranlaßt hat, darüber fehlt uns jede Nachricht. Als Columbus am 12. October 1492 an der Insel Guanahani landete, bemerkten die Spanier mit Erstaunen, daß die Eingeborenen Rauchwolken aus Nase und Mund ausbliesen. Ein trockenes Kraut wickelten sie in ein Maisblatt, zündeten das eine Ende der Rolle an und sogen aus dem andern den Rauch ein. Eine solche Rolle nannten sie Tabaco, das Kraut selber aber führte den Namen Kohoba; Tabaco wurde auch ein gabelförmiges Rohr genannt, dessen Aeste die Indianer in die Nase einführten, während sie das andere, trichterförmig erweiterte Ende über die auf Kohlen dampfenden Kohobablätter hielten und den Rauch derselben einsogen. Die frischen Blätter der Kohoba waren ihnen ein sehr beliebtes Wundkraut. Auch pflegten sie Hütten, in denen Kranke lagen, mit Tabaksdampf anzufüllen, um die Schmerzen derselben zu lindern und ihre Leiden zu heilen. Sie hielten das Kraut in hohen Ehren und betrachteten es als heilig; es sei, sagten sie, ein Geschenk des großen Geistes, der, wie alle guten Geister, ein eifriger Tabakraucher sei. Wollten sie dem Herrn der Welt ihren Dank bezeigen oder den Zorn desselben versöhnen, so zündeten sie ein Feuer an und streuten ihre besten Tabakblätter als Opfer auf die glühenden Kohlen.

In Mexico, welches die Spanier bekanntlich 1519 eroberten, fanden sie den Gebrauch des Tabaks ganz allgemein verbreitet; denn überall, wohin sie im Lande kamen, sahen sie die Bewohner jener Gegenden Schilfrohre mit den trockenen Blättern füllen, denen sie Rosenblätter und wohlriechende Harze beimischten. Auf die Anfertigung dieser Rohre, in denen wir die ersten Pfeifen erkennen, verwandten die Mexicaner viele Mühe und Kunst; sie verzierten dieselben mit den Abbildungen von Blumen und Thieren und brachten goldene Zierrathen darauf an. Die beliebteste Stunde zum Rauchen war bei ihnen die Zeit nach dem Mahle, und der Kaiser Montezuma sowie sein ganzer Hof versäumten nie nach aufgehobener Tafel den Genuß des duftigen Rauchrohres, welches Seine Majestät sich von den schönsten Mädchen anzünden und reichen ließ. Daneben bedienten die Mexicaner sich des Tabaks auch schon zum Kauen und Schnupfen.

Die Spanier ahmten das Tabakrauchen sehr bald nach und fanden großes Wohlgefallen daran. Sie beschrieben, als sie in die Heimath zurückkehrten, ihren Landsleuten das merkwürdige Kraut und brachten auch Samen desselben mit. Aber in Spanien cultivirte man die Pflanze anfangs nur vereinzelt in Gärten als Ziergewächs und als Arzneimittel; man verwendete die frischen Blätter oder den ausgepreßten Saft derselben gegen Kopfschmerz, Magenbeschwerden, Gicht und Zahnschmerzen, und auf diesem Gebiete erlangte die Tabakpflanze bald einen so bedeutenden Ruf, daß berühmte Aerzte sie als ein Universalmittel gegen alle körperlichen Leiden priesen.

Nach Frankreich gelangte die Kunde von dem wunderbaren Kraute durch Jean Nicot, der sich 1560 als französischer Gesandter am Hofe zu Lissabon befand, und nach seinem Namen wurde die Tabakspflanze Nicotiana genannt; ein etwas älterer Name für dieselbe, welcher einem brasilianischen Worte nachgebildet sein soll, ist Petum. Auch in Frankreich wandte man den Tabak zuerst nur als Heilmittel an, und besonders beliebt war die Pulverform zum Schnupfen. König Franz der Zweite schnupfte sehr eifrig, um seine heftigen Kopfschmerzen zu vertreiben, und natürlich beeilten sich auch die Hofleute, zu schnupfen, ja, sogar die Damen folgten bald nach. Die Geistlichkeit gebrauchte den Schnupftabak auf’s Eifrigste als Schutzmittel „gegen die Liebe“.

Nun breitete sich der Ruf dieses Wunderkrautes rasch über die Länder aller gebildeten Völker aus. In Deutschland erhielt im Jahre 1565 der Augsburger Stadtphysikus Adolf Okko getrocknete Tabaksblätter als neues Heilmittel von einem Freunde aus Frankreich zugesandt, da er sie aber nicht kannte, schickte er sie an einen befreundeten Arzt in Memmingen; auch dem waren sie neu; er sandte sie deshalb an den berühmten Botaniker Konrad Geßner in Zürich, und diesem wurde die Vermuthung, daß diese Blätter Tabak sein möchten, von dem gelehrten Benedict Aretius in Bern, der die Pflanze bereits in seinem Garten gezogen hatte, bestätigt. Im Laufe des siebenzehnten Jahrhunderts sproßte in der Schweiz und in Deutschland schon eine ziemlich reiche Literatur über den Tabak auf.

Vielleicht aus demselben Grunde, der in Frankreich die Geistlichen Freundschaft mit dem Tabak schließen ließ, zeigten auch in Italien hohe Kirchendiener sich als wohlwollende Beschützer des heilsamen Krautes. Der Bischof Tornaboni, Gesandter am französischen Hofe, schickte den ersten Samen nach Florenz.

Nach Rom gelangte derselbe durch den päpstlichen Nuntius in Lissabon, den Cardinal de Santa Croce, und nach ihm nannte man die Pflanze Erba Santa Croce (Kraut des heiligen Kreuzes). Aber hier, am Sitze der allzeit kriegsbereiten Nachfolger Petri, erwuchs dem Tabak zuerst Widerstand, der bald in einen Vernichtungskrieg [263] überging. Papst Urban der Achte, der mit großer Entrüstung wahrgenommen hatte, wie Laien und Geistliche während des Gottesdienstes das Tabaksgläschen gebrauchten, belegte 1624 die Schnupfer mit dem Kirchenbann.

Zu furchtbarer Grausamkeit verschärfte man die Strafen gegen den Genuß des Tabaks in Spanien, wie denn in dem berühmten Wallfahrtsorte San Jago de Compostella 1692 fünf Mönche lebendig eingemauert wurden, weil sie zur Nachtzeit auf dem Chor geraucht hatten. Aber selbst aus dem Kampfe mit dem Papstthum ging der Tabak als Sieger hervor; denn Benedict der Dreizehnte, ein leidenschaftlicher Schnupfer, gab den Gebrauch des Tabaks 1724 wieder frei.

Ebenso wenig konnte die weltliche Obrigkeit sich irgend eines durchgreifenden Erfolges im Kampfe gegen den Tabak rühmen, obwohl man fast in allen Ländern dem neuen Gebrauche mit der äußersten Strenge entgegen getreten war.

König Jakob der Erste von England schrieb höchst eigenhändig im Jahre 1603 eine umfangreiche lateinische Schrift gegen den Tabak, in welcher er zu beweisen suchte, daß das Tabakrauchen das wahrhafte Bild der Hölle darstelle und unvermeidlich zur Hölle führe. Die Universität Oxford veranstaltete 1605 eine öffentliche Disputation gegen das Tabakrauchen; in Frankreich durfte der Tabak nur auf ärztliche Anweisung von den Apotheken abgegeben werden; in Schweden mußten die Raucher zur Zeit Gustav Adolf’s Kirchenbuße thun; in Rußland knutete man sie 1634 unbarmherzig und schlitzte ihnen die Nase auf, und zu derselben Zeit machte der grausame Sultan Murad der Vierte allnächtlich in Constantinopel die Runde mit seinen Henkern; wer beim Tabak gefunden wurde, dessen Leiche lag am nächsten Morgen vor dem Hause auf der Straße. In Persien warf man Soldaten, die man rauchend bei der Pfeife ergriff, mit zerschmetterten Händen und Füßen vor die Zelte, und auch bei den Mohammedanern waren die Geistlichen, die Muftis, erbitterte Feinde des neuen Genusses.

Aber selbst die grausamsten Verfolgungen gegen den Tabak blieben wirkungslos; denn er eroberte sich mit jedem Jahre ein größeres Gebiet; zu Tausenden traten neue Verehrer schnupfend, kauend, rauchend in die Reihen der Diener des verlockenden Genusses ein, und in verhältnißmäßig kurzer Zeit war jeder Widerstand der weltlichen wie der geistlichen Obrigkeiten vollkommen machtlos geworden; der aussichtslose Kampf wurde definitiv aufgegeben, und der Tabak hatte den vollständigen Sieg in sämmtlichen Ländern, in welchen er bekannt war, errungen. Wahrlich! eine staunenswerthe Thatsache, der sich nichts Aehnliches zur Seite stellen läßt, zugleich aber ein unwiderleglicher Beweis dafür, daß der Genuß des Tabaks dem Menschen wirklich große Annehmlichkeiten gewähren muß.

Sobald man jedoch die Einsicht gewonnen hatte, daß kein Mittel ausreichte, den verführerischen Gast der neuen Welt wieder zu vertreiben, änderten sofort die Regierungen ihre Stellung zu demselben. Die klugen Kaufleute der Republik Venedig waren die ersten, welche erkannten, daß der Tabak „ein sehr steuerfähiges Object“ sei. Schon 1657 erklärten sie die Fabrikation und den Handel des Tabaks für ein Staatsmonopol und gaben beides in Pacht; die ersten fünf Jahre der Pachtzeit lieferten dem Staate einen Reinertrag von 46,000 Ducaten. Diesem verlockenden Beispiele folgte sogleich die päpstliche Regierung, und binnen kurzer Frist thaten die übrigen italienischen Staaten ein Gleiches.

In Frankreich führte der Minister Colbert 1674 die Tabakregie ein; sie warf sofort enorme Summen ab, und die Erträge stiegen von ½ Million Livres im Jahre 1674 bis zu 29 Millionen Livres im Jahre 1787. Die Revolution von 1789 beseitigte neben manchen anderen höchst verhaßten Einrichtungen auch das Tabakregal, aber Napoleon der Erste sah sich 1811 aus finanziellen Rücksichten genöthigt, dasselbe wieder einzuführen.

In England beeilte man sich, da der Tabaksverbrauch in’s Ungemessene zu wachsen begann, das Monopol 1625 einzuführen, aber diese Einrichtung wurde mit der größten Unzufriedenheit aufgenommen und nach einer Dauer von noch nicht 20 Jahren während des Bürgerkrieges durch das Parlament wieder aufgehoben. Während der kurzen Dauer der Republik war der Tabakzoll sehr gering, unter dem Königthum aber wurde er sogleich bedeutend erhöht und fortwährend gesteigert; er wuchs durchschnittlich in je 75 Jahren um 100 Procent, und ähnliche Erscheinungen und Verhältnisse wiederholten sich in allen cultivirten Ländern der Welt während des siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Es würde uns zu weit führen, die Geschichte des Tabaks in sämmtlichen einzelnen Staaten hier zu berücksichtigen, und so wollen wir uns nur noch etwas eingehender mit der Cultur und dem Handel des Tabaks in Deutschland beschäftigen.

Die älteste Nachricht über Tabakraucher in Deutschland giebt ein Chronist der Stadt Zittau vom Jahre 1620. Englische Hülfstruppen, welche dem böhmischen Könige Friedrich von der Pfalz zugeführt wurden, verbreiteten die neue Sitte in Deutschland, die sich so rasch einbürgerte, daß schon 1642 der bekannte Schriftsteller Moscherosch klagte, „es sei kein Stand mehr, bei dem der höllische Rauch nicht bereits Eingang gefunden hätte.“

Sobald nach dem westfälischen Frieden geordnete Zustände in Deutschland wieder eintraten, begannen weltliche und geistliche Herren den Krieg gegen den Tabak. Im Badischen mußte sogar bei den Kirchenvisitationen über diejenigen Gemeindeglieder berichtet werden, welche Tabak rauchten, oder, wie man damals fast allgemein sagte, Tabak „tranken“. Der Rath zu Bern bestimmte 1661 für das Tabakrauchen dieselbe Strafe wie für den Ehebruch.

Aber als warme Freunde des Tabaks erwiesen sich in Deutschland und Holland die Aerzte; einer derselben ließ sich sogar in seiner Begeisterung für das neue Genußmittel zu dem in der damaligen Zeit oft citirten Ausspruche hinreißen: „Einer, der studirt, muß nothwendig viel Tabak rauchen, damit die Geister nicht verloren gehen. Zwanzig Pfeifen an einem Tage zu rauchen, ist nicht zu viel.“ Sogar den „Frauenzimmern“ empfahl derselbe Arzt das Rauchen. Besondere Gunst gewann der Tabak indessen am brandenburgischen Hofe. Schon Kurfürst Friedrich der Dritte gab bei Hofe eigene „Tabaksgesellschaften“ mit feierlichem Ceremoniel, bei denen Ihrer Durchlaucht der Frau Kurfürstin das Amt zufiel, dem Herrn Gemahl mit einem Fidibus die Pfeife anzuzünden. Weit ungezwungener ging es in den Abendgesellschaften des Königs Friedrich Wilhelm des Ersten zu, die unter dem Namen des Tabakscollegiums weltbekannt sind. Friedrich der Große war ein eifriger Schnupfer, und zu seiner Zeit war Rauchen und Schnupfen in Deutschland schon ganz allgemein geworden. Goethe dagegen war ein entschiedener Feind und Verächter des Tabaks, auch Lessing (nach seinem eigenen Zeugniß) und Immanuel Kant haben nicht geraucht, Schiller aber schnupfte mit großer Vorliebe.

Es ist selbstverständlich, daß die lebhafte Nachfrage bald einen sehr blühenden Handel mit Tabak hervorrief. Englische und vor allem holländische Handelshäuser erwarben damit in kurzer Zeit große Reichthümer, aber auch Bremen und Hamburg blieben nicht zurück. In Holland fing man schon 1615 zu Amersfort an, Tabak zum Verbrauch anzubauen, und dieser erste Versuch auf dem europäischen Continente gelang vollkommen. Rasch breitete sich nun die Tabakscultur im Gelderlande, um Utrecht und in einigen andern Gegenden Hollands aus, und in Amsterdam und Rotterdam erstanden ansehnliche Tabaksfabriken.

In Deutschland traten vielfach die Behörden der Ausbeutung des neuen Erwerbszweiges auf’s Thörichtste entgegen. Als ein deutscher Kaufmann 1620 in Straßburg größere Ackerflächen mit holländischen Tabaksamen bestellte, verbot der Rath der Stadt lange Zeit den Anbau, weil die Cultur des Getreides dadurch beeinträchtigt werden könnte. Aber auch diesen Zopf überwand der Tabak bald; denn schon 1660 wurde im Elsaß, im Bisthum Speier, in der Markgrafschaft Baden und im Breisgau Tabak auf größeren Flächen gebaut, und von hier aus breitete sich der Tabaksbau auch über andere Gegenden Deutschlands aus. Als die Heere Ludwig’s des Vierzehnten die Pfalz auf unmenschliche Weise verwüstet hatten, verließen viele nun brodlose Bewohner die Heimath; die meisten derselben fanden im Brandenburgischen gastliche Aufnahme, und von ihnen wurde die Cultur des Tabaks in die Gegenden von Brandenburg und Halle, in Schlesien und Thüringen eingeführt. Der große Kurfürst, der klüger war als der Rath der Stadt Straßburg, begünstigte den Anbau des Tabaks auf’s Emsigste.

Der Erzeugung des Rohproductes folgte die Anlage von Fabriken auf dem Fuße. Um 1677 war in Spanien eine große königliche Schnupftabakfabrik in Sevilla entstanden, welche den sehr fein gepulverten Spaniol herstellte; die Schnupftabakfabriken in Italien bereiteten zuerst den Rappée, und von letzterem Lande aus begab sich ein Fabrikant, Bolongaro mit Namen, nach Deutschland und legte die erste deutsche Schnupftabakfabrik in Höchst an. Im [264] Jahre 1718 errichtete der Markgraf von Baden-Durlach eine große Fabrik in Pforzheim, und gründete ein Baseler, Samuel Schook, eine Fabrik in Berlin. Die Geschäfte gingen überall vortrefflich; die Zahl der Fabriken mehrte sich rasch, und im Anschluß an die Thätigkeit derselben blühten auch andere Industriezweige auf; in Köln z. B. und in Almerode in Hessen fabricirte man in Massen die aus Thon gebrannten Pfeifenköpfe, welche zuerst die Holländer nach dem Muster der Indianerpfeifen angefertigt hatten.

In der Fabrikation der Pfeifen sowie der Gläser und Dosen für Schnupftabak entwickelte sich bald ein bedeutender Luxus; denn in kaum fünfzig Jahren waren Tabak und Tabaksgeräthe für Industrie und Handel Artikel ersten Ranges geworden, und ihre Bedeutung stieg mit jedem Jahrzehnt. Die Continentalsperre unter Napoleon brachte zwar dem Tabakhändler und -Fabrikanten schweren Schaden, aber nach dem Sturze des Gewalthabers trat eine neue, frische Blüthezeit ein, die bis auf die Gegenwart in stetig fortschreitender Entwickelung angedauert hat. Der Raum gestattet hier nicht, allen Phasen unseres Gegenstandes zu folgen; es sei uns nur noch gestattet, die Verhältnisse der Gegenwart kurz zu betrachten.

Die Production des Tabaks ist zu riesigen Verhältnissen angewachsen; sie beträgt gegenwärtig jährlich in Nordamerika Millionen Centner, auf Cuba 610,000, in Brasilien 300,000, in Ostindien 150,000, in Oesterreich 100,000, in den Niederlanden 85,000, in Italien 93,000, in Rußland 180,000, in Deutschland Million Centner, und zwar in letzterem Lande in Preußen rund 230,000, in Baden 242,000, in Baiern 156,000, in Elsaß-Lothringen 160,000, in Hessen 31,000 Centner. Die Tabaksproduction der ganzen Erde beträgt etwa 13 Millionen Centner jährlich. Der jährliche Consum, auf den Kopf der Gesammtbevölkerung berechnet, beläuft sich in Rußland auf 1 Pfund, in Frankreich und England ebenfalls auf je 1 Pfund, in Italien auf 1½ Pfund, in Cuba auf Pfund, in Oesterreich auf Pfund, in Nordamerika und Deutschland auf je 3 Pfund, in Belgien auf Pfund, in Holland auf Pfund. In allen unseren modernen Großstädten wird mehr Geld für Tabak als für Brod ausgegeben.

Während vor noch nicht sehr langer Zeit bei uns der Tabak überwiegend aus Pfeifen geraucht wurde, sind jetzt fast nur noch Cigarren üblich. Nach den Angaben der Tabaks-Enquête-Commission des Kaiserlichen Statistischen Amtes fabricirt Deutschland jährlich 5,259,000 Mille Cigarren, während es aus Amerika (von Cuba, den Philippinen und dem nördlichen Südamerika) zusammen etwa 93,000 Mille fertiger Cigarren importirt. Zu den in Deutschland fabricirten Cigarren werden etwa 751,400 Centner Tabaksblätter verbraucht. Da unser eigenes Land deren aber Million Centner producirt und an überseeischen Blättern nur etwa 700,000 Centner importirt, von denen ein bedeutender Theil zu Pfeifen-, Schnupf- und Kautabak verarbeitet wird, so ergiebt sich aus diesen Zahlen die Thatsache, daß die meisten in Deutschland zum Verbrauche kommenden Cigarren vorwiegend aus deutschen Tabaksblättern hergestellt werden.

Freilich bedarf unser Tabak einer besonderen Nachhülfe, um ihm den zu großen Nicotingehalt (er beträgt bis 11 %, bei den besten Havanablättern nur 2 %) zu benehmen und ihn im Geruch und Geschmack dem überseeischen Producte ähnlich zu machen. Es geschieht dies dadurch, daß man die abgelagerten Blätter einige Tage lang in einer Lösung von Weinstein und Salpeter liegen läßt und dann die wieder abgespülten und getrockneten Blätter oder auch die fertigen Cigarren durch eine vielfach zusammengesetzte Brühe parfümirt. Zu derselben verwendet man Lorbeerblätter, Wachholderbeeren, Coriandersamen, Cubeben, Rosinen, Cascarillrinde, Storax, Wein, Cognac, Bierwürze und ähnliche Sachen, je nach dem specifischen Geruch, den man erzielen will. Jede Fabrik hat ihre eigenen, meist geheim gehaltenen Recepte. Auch die importirten Blätter werden gewöhnlich mit einer solchen Brühe behandelt, und ohne die letztere werden Cigarren oder Tabak in Deutschland fast gar nicht fabricirt, während man auf Cuba, in Virginien etc. diese Brühe niemals in Anwendung bringt.

Der beste Tabak auf Cuba wächst in dem wenige Quadratmeilen großen Gebiete der Vuelta Abajo, dem „niedern Felde“, einige Meilen westlich von der Stadt Havana. Hier verarbeitet man ihn in folgender Weise: Die reifen Tabaksblätter werden vorsichtig abgenommen und in Haufen gelegt, in denen sich eine starke Hitze entwickelt, welche den Tabak in eine leichte Gährung übergehen läßt. Zur rechten Zeit werden die Blätter aufgenommen, getrocknet und von den größeren Rippen sauber abgestreift. Man legt sie nun in Fässer und bedeckt sie leicht mit den eigenen abgestreiften Rippen und andern Abfällen. So lagern sie acht bis neun Monate, bis sie tauglich zur Verarbeitung sind. Diese geschieht nie bei Regenwetter, sondern nur an heißen und trockenen Tagen. Man feuchtet die Blätter mit reinem Wasser ein wenig an, um sie geschmeidig zu machen, und in offenen Schuppen beginnen nun Neger, auch wohl Negerinnen, die Herstellung der Cigarren; ein Messer und die Cigarrenform sind dabei ihre einzigen Werkzeuge. Man scheidet in Havana die Cigarren nach der Güte der Blätter und der Vollkommenheit der Arbeit in fünf Sorten. Das Tausend der ersten Sorte kostet an Ort und Stelle etwa 1500 Mark, die geringste Sorte von ganz kleinem Format etwa 140 Mark. Nun berechne man nach diesen Angaben, was eine wirklich echte Havannacigarre in Deutschland kosten muß! Im ganzen deutschen Reiche giebt es etwa nur 100 Firmen, welche Cigarren, die auf Cuba gemacht worden sind, importiren. Die bedeutendsten derselben sind in Bremen und Hamburg.

Nach den durchaus zuverlässigen Angaben der obengenannten Commission werden von den deutschen Rauchern jährlich etwa 312 Millionen Mark für Tabak verausgabt. Die Zahl der Verkaufsstellen für Tabaksfabrikate beträgt im deutschen Reiche zur Zeit rund 368,000. Zieht man nun diesen gewaltigen Umfang des deutschen Tabakhandels in Betracht, so kann man allerdings der Behauptung Glauben schenken, daß das deutsche Reich aus den Summen, die gegenwärtig am Tabak verdient werden, sämmtliche Ausgaben für Armee und Flotte bestreiten könnte.

Also würde ein kaiserliches Tabaksmonopol aller unserer Finanznoth sofort ein Ende machen?

Die Antwort auf diese Frage muß jedem vorurtheilsfreien Beurtheiler mindestens höchst zweifelhaft erscheinen. Sicher ist durch vielfache Erfahrung der Satz wenigstens festgestellt, daß staatliche Monopole noch nie irgend einem Fabrikations- oder Handelszweige aufgeholfen, wohl aber empfindlich geschadet haben.

Auch Preußen hat das Tabaksmonopol schon einmal besessen; Friedrich der Große führte es 1765 ein, doch schon sein nächster Nachfolger hob es auf. Solche staatliche Monopole sehen überhaupt den verabscheuten Träumen der Socialdemokratie verzweifelt ähnlich. Der Tabak ist ein Luxusartikel, und er kann eine hohe Steuer tragen; der Boden aber, auf dem bisher jede Industrie, jeder Handelszweig sich am blühendsten entwickelt hat, heißt freie Concurrenz, denn sie ist die Mutter der Intelligenz; sie entwickelt alle diejenigen Kräfte und Eigenschaften, welche den wahren, besonnenen Fortschritt fördern und den Menschen zum Menschen machen.