Zum Inhalt springen

Zur Charakteristik der Spinnen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: C. P.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Zur Charakteristik der Spinnen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 672
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[672] Zur Charakteristik der Spinnen. Vor dem Fenster meines Zimmers hatte im vorigen Herbste eine Spinne ihr Netz ausgebreitet. Eines Morgens bemerkte ich, daß sie nicht, wie gewöhnlich, in ihrem Verstecke, sondern am unteren Ende des Netzes auf Beute lauerte. Ich fing eine Fliege und brachte sie so nahe an’s Netz, daß sie sich mit ihren Füßen und Flügeln in demselben verfing. Sofort stürzte sich die Spinne am unteren Ende des Netzes auf die Beute. Fast in demselben Augenblicke aber schoß auch die wahre Eigenthümerin des Netzes aus ihrem Verstecke hervor, und es entspann sich jetzt ein Kampf zwischen beiden um den Besitz der Beute. Die Eigenthümerin des Netzes konnte aber dem Eindringlinge nichts anhaben und mußte sich bald zurückziehen. In einiger Entfernung jedoch hielt sie inne, drehte sich herum, blickte noch einmal auf die freche Eigenthumsverletzerin zurück und eilte dann nicht in ihr Versteck, sondern nach der Außenseite des Netzes, wo die Radien desselben an der Mauer befestigt waren. Ich wußte im Anfange nicht, wie ich mir dieses Benehmen der Spinne deuten sollte. Bald aber wurde mir die Sache klar, denn schon im nächsten Augenblicke bemerkte ich, daß die Fäden an der Stelle, wo sich die Spinne befand, losgetrennt waren. Hierauf hielt sie einen förmlichen Rundlauf um das Netz und trennte Faden um Faden von seinem Anhaltspunkte, während sie sich von Zeit zu Zeit nach der Eigenthumsverletzerin umsah. Das kunstreiche Gewebe war unterdessen in ein formloses Gespinnst zusammengefallen und hing zuletzt nur noch an einem Faden. der vom Verstecke der Eigenthümerin des Netzes auslief. An diesem kletterte sie jetzt hinauf. Die erste Spinne hatte in der Zwischenzeit ihre Beute getödtet und kunstgerecht mit ihrem Gespinnste umwunden. Ihre Lage wurde immer kritischer: mit einem Fuße hielt sie ihren Raub fest, mit den anderen klammerte sie sich an die Trümmer des Netzes und erwartete so die Dinge, die da kommen sollten. Das Ende dieses Kampfes zwischen Frechheit gepaart mit Stärke auf der einen Seite und Schwäche gepaart mit List auf der anderen blieb denn auch nicht aus. Der letzte Faden wurde losgetrennt und Gespinnst, Spinne und Beute fielen auf den Fensterstein. Jetzt blieb der fremden Spinne nichts anderes übrig, als sich unter großer Mühe und Anstrengung einen anderen Ort aufzusuchen, wo sie ihren Raub verzehren konnte.

C. P.