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Zum hundertjährigen Jubiläum des Weimarischen Parkes

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Textdaten
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Autor: Robert Keil
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Titel: Zum hundertjährigen Jubiläum des Weimarischen Parkes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 450–454
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Zum hundertjährigen Jubiläum des Weimarischen Parkes.
Von Robert Keil.
Mit Abbildung.

Unter all den classischen Stätten, welche den Namen Weimars in der Geschichte deutscher Kunst und Literatur für alle Zeiten verherrlicht haben, nimmt der Park eine der ersten Stellen ein. Es giebt größere, schönere Parkanlagen in Deutschland, aber es giebt keine, welche eine solche Fülle von Poesie und bedeutsamen Erinnerungen in sich birgt, wie der Weimarische Park, – sind es doch die schönsten Dichtungen Goethe’s, die hier verkörpert uns entgegentreten, sind es doch die köstlichen Tage genialen Lebens und Schaffens, an welche hier jeder Baum, jeder Fels, jedes Gebäude erinnert. Am 9. Juli 1778 war es, als diese „Parkdichtungen“ begannen. Jenem Tage und den sich daran reihenden Schöpfungen eines Karl August und Goethe sei jetzt, nach hundert Jahren, dieses Erinnerungsblatt geweiht.

Wohl bestanden schon zu jener Zeit Parkanlagen bei Weimar, doch wesentlich anderer Art. Südlich vom Schloß war der italienische oder welsche Garten, welchen Herzog Wilhelm der Vierte im 17. Jahrhundert hatte anlegen lassen. Im Geschmack jener Zeit, mit verdeckten perspectivischen Bogengängen und grün durchwachsenen Pyramiden möglichst gradlinig und steif angelegt, hatte dieser fürstliche Lustgarten in seiner Mitte ein originelles Gebäude: einen hohen hölzernen Bau, der, ein Oval bildend, von innen und außen bis zur Spitze von künstlich geführten Lindenzweigen bekleidet war. Zwei sich schneckenartig über einander wegwindende, nirgends zusammen kommende Treppen liefen oben in zwei kleine Pavillons aus, von denen man eine weite Aussicht über den ganzen Garten und über die Stadt genoß. Von seiner Form hatte dieser Bau den Namen „Die Schnecke“ erhalten. Auf dem andern, dem rechten Ufer der Ilm, in dem Thalgrunde zwischen der Stadt Weimar und dem Dorfe Oberweimar, hatte früher ein großer und schöner Baum- und Lustgarten bestanden, bis die Gewässer der sogenannten Thüringer Sündfluth (1613) ihn verschlämmt und verwüstet hatten. An seiner Stelle war dort der Ilm entlang oder vielmehr auf der von der Ilm und dem sogenannten Floßgraben gebildeten Insel eine Parkanlage von mannigfaltigen Gängen und namentlich acht unter dem Schatten dichter Bäume sternartig zusammen laufenden Wegen entstanden, welche deshalb den Namen „Stern“ führte; es fanden sich dort, um mit den Worten Goethe’s zu reden, uralte gradlinige Gänge und Anlagen, hoch in die Luft sich erhebende stämmige Bäume, daher entspringende mannigfaltige Alleen, breite Plätze zu Versammlung und Unterhaltung.

Unmittelbar an den Stern, durch einen Steg mit ihm verbunden, grenzte der Garten und das Gartenhaus, welche der zunächst als Gast des Herzogs Karl August nach Weimar gekommene junge Dichter Goethe am 21. April 1776 „in Besitz genommen hatte“. Lebhaft theilte er die Neigung zum frischen Naturgenuß, zum Leben, Verweilen und Genießen in freier Luft, aber auch die Sympathie für die natürlich-schönen englischen Parkanlagen im Gegensatz zu den steifen Formen der Zopfzeit. Im Geiste jener freieren, schöneren Richtung sollte sich zunächst der eigene, ihm liebgewordene Garten umgestalten. Schon am 20. Mai konnte Goethe in sein Tagebuch notiren, daß die untere Anlage des Gartens angefangen war. Fleißig pflanzte er dort Bäume, die er mit dem sinnigen Wunsche begleitete:

Wachset wie aus meinem Herzen,
Treibet in die Luft hinein,
Denn ich grub viel Freud’ und Schmerzen
Unter Eure Wurzeln ein!

Als Muster einer englischen Parkanlage war der Wörlitzer Park unter Herzog Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau entstanden. Im December 1776 waren Goethe und Karl August in Wörtitz, und hierdurch angeregt, wurde in Beiden der Gedanke, in solcher Weise die Gegend zu verschönern und als eine Folge von ästhetischen Bildern darzustellen, rege und lebendig. Schon im Jahre 1777 kam es zu vorbereitenden Schritten. Am 23. Juli wurde, wie sich Goethe notirte, „die Mauer des welschen Gartens eingeworfen“, und es entstand daselbst „ein neuer Platz“. Am 11. Januar 1778 theilte Goethe seinem Freunde Merck vertraulich mit, „die Gegend um seinen Garten werde aufs Frühjahr unendlich schön werden, er habe einige seltsam romantische Fleckchen ge- und erfunden“. Ein betrübender Todesfall förderte die Ausführung. Ein Fräulein von Lasberg hatte aus unglücklicher Liebe zu einem Schweden, von Wrangel, im Januar 1778 an der Floßbrücke nahe dem Goethe’schen Gartenhause den Tod in der Ilm gesucht und gefunden; man erzählte sich, daß sie dabei „Werther’s Leiden“ in der Tasche getragen. Goethe war von dem Tode des jungen Mädchens tief ergriffen und trug sich mit dem Gedanken, der Unglücklichen ein Denkmal zu setzen. Er erfand, wie er an Frau von Stein schrieb, „ein seltsam Plätzchen, wo das Andenken der armen Christel verborgen stehen werde“, aber er setzte auch sofort hinzu „das war, was mir heute noch an meiner Idee mißfiel, daß es so am Wege wäre, wo man weder hintreten und beten, noch lieben soll. Ich habe mit Jentschen (dem Hofgärtner) ein gut Stück Felsen ausgehöhlt; man übersieht von da in höchster Abgeschiedenheit ihre letzten Pfade und den Ort ihres Todes. Wir haben bis in die Nacht gearbeitet, zuletzt noch ich allein bis in ihre Todesstunde.“ Am felsigen Ilmufer ließ er einigen Raum schaffen, um ein kleines Denkmal für die arme Christel anzulegen, und kam auch das letztere selbst nicht zur Ausführung, so wurde doch auf diese Weise die Felsen- und Uferarbeit gefördert, welche im März und April rasch vorrückte. Unermüdlich wühlte Goethe sich am Felsen und Ufer in der Nähe der Floßbrücke fort.

Oberhalb der Felsen des Ilmufers wurde nach Goethe’s Plan und Idee der Parade- und Exercirplatz angelegt, und unten am Wasser entstanden, wie Wieland es bezeichnete, „die neuen poëmata, die der Herzog nach Goethe’s Invention und Zeichnung anlegen ließ und die eine wunderbar künstliche, anmuthig wilde, einsiedlerische und doch nicht abgeschiedene Art von Felsen und Grottenwerk vorstellten, wo Goethe, der Herzog und Wedel oft selbdrei zu Mittag aßen oder in Gesellschaft einer oder der andern Göttin oder Halbgöttin den Abend passierten.“

Im Mai 1778 waren Karl August und Goethe wieder in Wörlitz. Seine Tour durch den dortigen schönen, im frischesten Grün prangenden Park vergleicht der Dichter in seinem Tagebuche und seinen Briefen mit dem Vorüberschweben eines leisen Traumbildes. Als er des Abends durch die Seen, Canäle und Wäldchen schlich, war er tief gerührt davon, wie die Götter dem Fürsten erlaubt hatten, einen Traum um sich herum zu schaffen. Auf Goethe und dessen jungen fürstlichen Freund übte der Wörlitzer Park auf’s Neue die nachhaltigste Anregung. Schon am Abend des 1. Juni 1778, des Tages seiner Heimkehr, weilte Goethe wieder in dem neugeschaffenen „Felsenwerk und Grottenwesen“ an der Ilm; Wieland traf ihn dort in Gesellschaft „der schönen Schröterin (Corona Schröter), die in der unendlich edlen attischen Eleganz in ihrer ganzen Gestalt wie die Nymphe dieser anmuthigen Felsengegend aussah“. Der Juli aber sollte, durch einen besonderen Zufall veranlaßt, ganz in der Nähe die weiteren Goethe’schen Park-Dichtungen und damit den Park selbst entstehen lassen.

[451] Man hatte beschlossen, den Namenstag der regierenden Herzogin Louise im Stern durch ein heiter geschmücktes Fest zu feiern, das an die älteren italienischen Wald- und Buschfabeln geistreich erinnern sollte. Schon war manche Vorbereitung im Stillen getroffen, als Gewitter und Wasserfluth, Wiesen und Stern überschwemmend, alles vereitelten. Man mußte auf etwas anderes denken, und Goethe war es, der den Gedanken faßte und ausführte, die Festlichkeit auf eine vom Wasser nicht erreichte Höhe zu verlegen; dieselbe befand sich nahe dem Grottenwerke und unweit eines damals noch dort vorhandenen unbenutzten Pulverthürmchens unter der alten Schießmauer, wo eine Gruppe alter Eschen sich erhob, die, ein Oval bildend, in ihrer Größe und Schönheit Bewunderung erregten. Dort unter den alten Eschen ließ er heimlich einen Platz ebenen und gleich davor eine Einsiedelei bauen, ein Zimmerchen von mäßiger Größe, welches eilig mit Stroh überdeckt und mit Moos bekleidet wurde. In drei Tagen und Nächten kam es zu Stande, ohne daß man bei Hofe oder in der Stadt etwas davon vermuthete. Eine Gesellschaft geistreicher Freunde, unter ihnen auch Goethe als Pater Decorator, kleidete sich in weiße Kutten, Kappen und Ueberwürfe und lud den Hof ein. Am 9. Juli kamen die Herrschaften den Weg vom Fürstenhause her. Am erweiterten Felsenraume wurden sie von den Mönchen empfangen, indem dort ein vom Kammerherrn Siegmund von Seckendorf gedichtetes humoristisches Dramolet gesprochen wurde. Pater Orator begann:

Memento mori! Die Damen und Herr’n
Gedachten wohl nicht uns zu finden am Stern,
Es sei denn, sie hätten im Voraus vernommen,
Daß, eben am Tag wie das Wasser gekommen.
Auch wir mit dem Kloster hierher sind geschwommen.
Zwar ist die Capelle, der schöne Altar,
Die heiligen Bilder, die Orgel sogar,
Erbärmlich beschädigt, fast alles zerschlagen,
Die Stücke, Gott weiß! wo hinabwärts getragen;
Doch Keller und Küche, zwar wenig verschlemmt.
Hat auch sich, Gottlob, mit uns feste gestemmt.
Als wir, durch brausende Fluthen getrieben.
Hier dicht an der Mauer sind stehen geblieben.

Ein Gespräch folgte zwischen dem Pater Provisor, dem P. Guardian, dem P. Küchenmeister, welcher bedauerte, daß das Kloster „nur etwas kärglich und enge logirt sei“, dem P. Decorator und P. Florian, welcher den P. Decorator (Goethen) mit den Worten vorstellte:

Und dieser hier, Pater Decorator,
Der all unsern Gärten und Bauwerk steht vor,
Der hat nun beinahe drei Nacht nicht geschlafen.
Um uns hier im Thal ein Paradies zu verschaffen.
Denn wenn der was angreift, so hat er nicht Ruh,
Stopft Tag und Nacht die Löcher mit Heckenwerk zu,
Macht Wiesen zu Felsen und Felsen zu Gänge,
Bald gradaus, bald zickzack, die Breit’ und die Länge.
Sogar auch den Ort, den sonst Niemand ornirt,
Hat er mit Lavendel und Rosen verziert.

Die Patres Provisor und Küchenmeister meldeten dem P. Guardian, daß die Glocke schon zwei geschlagen und die Speisen aufgetragen seien, und der hochwürdige P. Guardian bemerkte:

Will Jemand in’s Refectorium kommen.
So ist er mir und dem Kloster willkommen.

Auf seine einladenden Verbeugungen folgte der Hof durch die vordere Thür in das kleine Zimmer, wo, auf einer mit reinlichem, aber grobem Tischtuche gedeckten Tafel, um eine Bierkaltschale, eine Anzahl irdener tiefer Teller und Blechlöffel zu sehen war. Bei der Enge des Raumes und den kümmerlichen Anstalten wußte man nicht, was das werden sollte, und die Frau Oberhofmeisterin, Gräfin Gianini, rümpfte darob die Nase. Da begann wieder der Pater Guardian:

Herr Decorator, der Platz ist sehr enge,
Und unsre Clausur ist eben nicht strenge;
Ich dächte wir führten die Damen in’s Grüne.

       Pater Decorator:
Ja wenn die Sonne so warm nur nicht schiene.

       Pater Guardian:
Es wird ja wohl Schatten zu finden sein.

       Pater Küchenmeister:
Ich meines Orts esse viel lieber im Frei’n!

       Pater Guardian (zum Pater Decorator):
Es fehlt ihm ja sonst nicht an guten Ideen.

       Pater Decorator:
Nun, wenn Sie’s befehlen, so wollen wir sehen.

Während er abging, rühmte ihn

      Pater Guardian:
Es ist ein gar fürtrefflicher Mann.

Der P. Decorator aber kam wieder und meldete:
      Ew. Hochwürden, der Platz ist ersehen;
      Wenn’s Ihnen gefällig ist, wollen wir gehen.

Da öffnete sich die hintere Thür und bot den Ausblick auf eine gegen den engen Vordergrund abstechende, prächtig-heitere Scene. Hoch überwölbt und beschattet von den Aesten des Eschenrundes stand eine lange, wohlgeschmückte fürstliche Tafel, und vollständige symphonische Musik erklang. Es nahmen die Kloster-Gäste Platz, und auch die Mönche, deren angebotene Aufwartung dankend abgelehnt wurde, erhielten die sonst gewohnten Plätze bei Tafel. Das volle, reiche Grün ringsum und ein malerisch angelegter, über Felsen herabstürzender Wasserfall, der durch einen kräftigen Zubringer unablässig unterhalten wurde, gaben dem Bilde einen frischen, romantischen Charakter; das Ganze war künstlerisch abgeschlossen; man fühlte sich so nah und fern vom Hause, daß es fast einem Märchen glich.

Mit diesem Louisenfest am 9. Juli 1778 begann (wie Goethe selbst in seiner Beschreibung des Festes, doch mit Angabe unrichtigen Datums, bemerkt) die Epoche der Parkanlagen, indem die sämmtlichen Wege am Abhange nach Oberweimar zu von hier aus ihren Fortgang gewannen.

Die verwittwete Herzogin Amalie hatte an dem Louisenfest nicht theilnehmen können, da sie mit von Einsiedel und Fräulein von Göchhausen nach Frankfurt und an den Rhein gereist war. Als sie nach Weimar zurückgekehrt, lud Goethe sie in seinen Garten ein, um sie mit allen den Poemen, die er in ihrer Abwesenheit an den Ufern der Ilm zu Stande gebracht, zu regaliren. So speisten am Abend des 22. August 1778 Amalie, Wieland, von Einsiedel, Frau von Stein und Fräulein von Göchhausen mit Goethe in der „gar holden kleinen Einsiedelei“; sie gedachten des Freundes Merck und Goethe’s Mutter, der soeben erst in Frankfurt besuchten lieben Frau Aja. Und als sie nun aufgestanden waren und die Thür öffneten, siehe, da stellte sich ihnen (wie Wieland an Merck berichtet) durch geheime Anstalt des Archi-Magus ein Anblick dar, der mehr einer realisirten dichterischen Vision als einer Naturscene glich: das ganze Ufer der Ilm in Rembrandt’s Geschmack beleuchtet, – ein wunderbares Zaubergemisch von Hell und Dunkel, das im Ganzen einen Effect machte, der über allen Ausdruck ging. Alle waren entzückt. Als sie die kleine Treppe der Einsiedelei hinabstiegen und zwischen den Felsen und dem Gebüsch längs der Ilm gegen die Brücke hingingen, zerfiel die ganze Vision nach und nach in eine Menge kleiner Rembrandt’scher Nachtstücke, die man ewig hätte vor sich sehen mögen und die nun durch die dazwischen herumwandelnden Personen Leben bekamen. Wieland hätte, wie er sagt, Goethen „vor Liebe fressen mögen“.

Bald darauf schrieb Wieland an Merck: „Goethe will haben, daß Du erst kommen sollst, wenn die Nachtigallen wieder singen, und das muß auch sein, wenn Du an allen Poesieen Freude haben sollst, die er dies- und jenseits der Ilm geschaffen hat, und die der hochlöblichen Kammer zwar ein tüchtiges Geld kosten, dafür aber auch diese Seite von Weimar zu einem Tempel und Elysium machen.“

Vor allem aber hatte das einfache, kleine Kloster in seiner romantischen Lage zwischen Felsen und dunklem Grün, nahe dem rauschenden Flusse, den Beifall des jungen Herzogs gefunden. Unter seiner und Goethe’s Fürsorge wurde es wohnlich eingerichtet. Dieses mit Baumrinde bekleidete Häuschen oder Borkenhüttchen war fortan der Lieblingsaufenthalt Karl August’s; er wählte es zur Sommerwohnung. Hierher ließ er in frühester Morgenstunde den vortragenden Rath kommen. Hier speiste er allein oder mit seinem Freunde Goethe, dessen Gartenhaus jenseit der Ilm er vom Fenster aus sehen konnte. Nachts stieg der junge Fürst nicht selten zum Bad in den nahen Fluß und schlief dann in der kleinen, schlichten Hütte.

[452] Inzwischen schritten unter Goethe’s Leitung die englischen Parkanlagen an dem Abhange des Ilmthales munter vorwärts. Mit großer Umsicht wurden an jenen Hängen hin sanft sich schlängelnde Wege über einander angelegt, die, indem sie durch die bereits bestehenden Bäume und Gebüsche und durch neu angepflanzte fremde Bäume und Sträucher den Blick von dem einen zum andern Wege beschränkten, dem Ganzen den Schein einer weit größeren Ausdehnung gaben, als dasselbe in Wirklichkeit hatte. Mit Stolz konnte Goethe am 15. Juni 1780 an Frau von Stein schreiben: an den neuen Wegen werde Schönes bereitet. An einer der schönsten Stellen dieser Wege gedachte Goethe, in Erinnerung an die mit dem jungen Herzog glücklich vollbrachte „Geniereise“ nach der Schweiz, in Gestalt eines viereckigen mit Figuren verzierten Monuments dem guten Glück einen Stein der Dankbarkeit zu widmen. Diese Idee kam nicht zur Ausführung, aber an derselben Stelle wurde als sinnig-schöne Parkverzierung nach Virgil’s Dichtung ein antiker Altar aufgestellt. Eine Schlange, welche ihn umwindet, ist eben im Begriffe, eines der obenliegenden Brode zu verschlingen. „Genio hujus loci“ (dem Schutzgeiste dieses Ortes) lautet die Inschrift dieses in echt antikem Sinne von Klauer schön gearbeiteten Altars.

Auf dem Paradeplatze neben dem welschen Garten wurde Gebüsch angepflanzt und so dieser Platz in die Parkanlagen hereingezogen. Der welsche Garten mit der Schnecke bestand vorerst noch fort. Den Weimaranern war es eine Herzenslust, in der dortigen Lindenlaube oder bei dem frischen Grün des hohen Wendelthurmes (der Schnecke) zu weilen. Und vollends an den Sommersonntagen pflegte sich dort ein großes Publicum zum sogenannten Vauxhall zu versammeln, das heißt beim Klange von Orchestermusik gruppenweise auf und ab zu wandeln. Auch Goethe stieg bisweilen auf jenen Wendelthurm, der Aussicht halber und um bei Gewitter das Blitzen am Horizont zu sehen, aß im welschen Garten und ging dort mit Wieland und anderen Freunden spazieren.

Der Stern mit dem kühlen Schatten der bejahrten Linden, Espen, Pappeln und Tannen behielt im Allgemeinen noch den alten Charakter, aber es wurden die drei künstlichen Teiche, welche in der Nähe der Schloßbrücke lagen, ausgefüllt, das dortige Fischerhaus abgetragen, der Floßgraben beseitigt und an der Stelle der alten Floßbrücke die sogenannte Naturbrücke über die Ilm geführt. Es wurden dort neue Gänge, „buschichte Quartiere“, wie Karl August sie nannte, angelegt, auf einem freien Platze eine Statue des Pan, gefertigt vom Hofbildhauer Klauer, aufgestellt, daneben eine originelle Art Kegelschub (Trou Madame) unterhalten und ein künstlicher kleiner Wasserfall geschaffen. Das Wasser fiel aus einer Felsenkluft in ein mit Tuffstein ausgemauertes Becken, und in schauerlicher Felsengrotte ruhte – ebenfalls von der geschickten Hand Klauer’s gearbeitet – die noch jetzt dort befindliche Statue der Sphinx. Hier und bei der aus dem Felsen sich ergießenden silberreinen, plätschernden Quelle weilte Wieland gern.

Im Juni 1782 kam der Fürst von Dessau nach Weimar. Er gab seine Befriedigung und Freude über die geschmackvollen jungen Parkanlagen kund; sie hatten seine Erwartungen weit übertroffen! Ihm, seinem Freunde, dem Schöpfer des Parkes von Wörlitz, in den nach jenem Vorbilde geschaffenen Weimarischen Parkanlagen ein Denkmal zu weihen, war die Idee, welche nun der Herzog Karl August faßte. Mit gewohnter Energie schritt er sofort zur Verwirklichung. Aus einem Steinbruche jenseit der Belvedereschen Allee ließ, er einen großen kegelförmigen Tuffsteinblock in die neuen Parkanlagen schaffen, auf der Unterlage von cyklopisch über einander gewälzten Felsstücken aufrichten und mit einer Steinplatte versehen, welche die goldene Widmung erhielt: „Francisco Dessaviae principi“. Mit Stolz theilte Karl August am 14. October 1762 dem Freunde Knebel mit: „Heute wird das titanische Werk von Neuem angegriffen, der Stein dem Jägerhaus gegenüber fortgewälzt und auf seinen Platz gebracht,“ und einige Wochen später: „Wenn der große Stein in seinem Glanze steht und seine Bestimmung offenbar ist, sollst Du eine Zeichnung davon haben.“ Wieland sowohl wie Goethe spöttelten über die „titanische“ Arbeit. Immerhin bot der große Stein gerade an dieser Stelle des Bergabhangs, von Moos bedeckt und von Epheu umrankt, mit den Königskerzen und Malven, die aus den Fugen hervorwuchsen, und eingefaßt von frischgrünen Bäumen und Gebüsch, ein interessantes und harmonisches Bild und ist noch jetzt eine der hervorragendsten Zierden des Parkes.

In demselben Jahre 1782 war es, als Goethe den Plan faßte, „die Steine reden zu lassen“, das heißt Inschriften nach Art der griechischen Epigramme für seinen Garten und für die Parkanlagen des Herzogs zu dichten. So entstand auch die Felseninschrift, welche an dem unteren Parkwege an der Felswand neben der jetzt zum Römischen Hause emporführenden Treppe auf steinerne Tafel eingegraben ist. Dort, an einem der schönsten Punkte des Parkes, giebt sie den poetischen Zauber, den diese Parkanlagen auf Herz und Gemüth üben, in der tief gemüthvollen Bitte an die Nymphen des Haines, wieder:

Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen,
  Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!
Schaffet dem Traurigen Muth, dem Zweifelhaften Belehrung,
  Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:
  Jedem, der euch vertraut, hülfreich und tröstlich zu sein.

Ihm selbst, dem liebenden Dichter; gönnten die Nymphen, daß ihm sein Glück begegnete. Sechs Jahre später, im Sommer 1788 war es, als hier auf einem der nächsten Parkwege ein hübsches, lebhaftes Mädchen von jugendlicher Frische und Ueppigkeit, mit langen, goldbraunen Locken und lachenden Augen, an ihn herantrat, ihm eine Bittschrift für ihren Bruder zu überreichen: Christiane Vulpius, seine spätere Gattin.

Auf der Höhe über jenen Versen ließ Karl August in den neunziger Jahren sich in Form einer römischen Villa ein Sommer- oder Gartenhaus bauen, das deshalb den Namen „Römisches Haus“ erhielt. Es ist das Haus, von welchem Goethe singt:

Römisch mag man’s immer nennen;
Doch wir den Bewohner kennen,
Dem der echte deutsche Sinn,
Ja der Weltsinn ist Gewinn.

Der Herzog übertrug Goethen die Leitung des Baues; „thue“ – schrieb er ihm – als wenn Du für Dich bautest. Unsere Bedürfnisse waren einander immer ähnlich.“

Das säulengeschmückte Haus wurde einfach, aber behaglich eingerichtet. Von den Fenstern genießt man südlich die Aussicht nach dem Lustschloß Belvedere, und östlich schweift der Blick über die Wiesen und Baumgruppen des Ilmthales hinüber nach dem kleinen Landhause, das später der Geliebten des Herzogs, der Sängerin Karoline Jagemann, nachherigen Frau von Heygendorf, gehörte. Eine von Belvedere hierher geführte Röhrenfahrt ergoß ihr Wasser in das große steinerne Becken in der unteren Halle des Römischen Hauses; munter plätscherte hier ein Springbrunnen, und von dem Felsen neben der Tafel mit den Goethe’schen Versen rauschte das Wasser als malerischer Wasserfall in ein von Tuffstein gebildetes Becken hinab. Springbrunnen und Wasserfall bestanden noch zur Zeit von Schiller’s Aufenthalten Weimar und noch lange Jahre nachher, und der Platz da unten bei dem silberblinkenden, rauschenden Wasserfall neben den Goethe’schen Versen ist eine doppelt geweihte, klassische Stätte, denn er war das Lieblingsplätzchen Schiller’s.

Herzog Karl August benutzte das Römische Haus, wie einst das kleine improvisirte Kloster, zum Sommeraufenthalte. Es blieb ihm bis zu seinem Ende ein traulicher Ruheort. Hier war es, wo am 3. September 1825 sein goldenes Regierungsjubiläum gefeiert wurde; hier war es, wo schon in frühester Morgenstunde der treue Jugendfreund Goethe als erster Gratulant ihn liebevoll begrüßte und von ihm liebevoll an die vergangenen Tiefurter Tage erinnert wurde; hier war es, wo unter Leitung Hummel’s die von ihm componirte, von Riemer gedichtete Festcantate erklang und das Echo mit gedämpftem Tone aus den nahen Gebüschen antwortete, während die zahllose Menschenmenge in tiefster Stille lauschte; hier war es, wo gegen das Ende der Musik Karl August in Kraft und Frische unter der Säulenhalle hervortrat; hier war es aber auch wo nur drei Jahre später, am Abend des 21. Juni 1828, unter dem Trauergeläute der Glocken in feierlichem Zuge ein mit acht schwarz behangenen Pferden bespannter Wagen vor dem würdevoll decorirten Hause hielt und die Leiche des allgeliebten Fürsten provisorisch beigesetzt wurde.

Doch wir kehren noch einmal in sein rüstigstes Mannesalter zurück, da wir noch der Umgestaltung des welschen Gartens, wie er mit Goethe sie geschaffen, zu gedenken haben. Sein Großvater,

[453]

Aus dem Park von Weimar.
Nach K. Schwier’s photographischen Aufnahmen gezeichnet von H. Heubner.

[454] Herzog Ernst August, hatte im Jahre 1733 den Platz hinter diesem Garten den Bürgern zur Herrichtung eines Schießhauses geschenkt. Noch jetzt ist der untere Theil des letzteren im Hofe der Hofgärtnerei zu sehen. Der dazu gehörige Garten dehnte sich in der Richtung nach der Ilm zu bis zu einer Schießmauer aus. Um die Verbindung der neuen Parkanlagen mit dem welschen Garten und somit die einheitliche Neugestaltung des Ganzen zu ermöglichen, gaben die Schützen ihren Garten im Jahre 1785 dem Herzoge unentgeltlich zurück. Karl August ließ die Schießmauer unter Benutzung von Bautrümmern des niedergebrannten Schlosses in die Ruine einer alten verfallenen Burg umwandeln. Mit halbem Portale, verwitterten Simswerke, altem Wappen und versunkenen Gewölben bietet sich in der That das täuschende Bild einer mittelalterlicher Burgruine dar – im Schmucke blühender Kastanien eine der schönsten Partien des ganzen Parkes.

Mit der allmählichen Umgestaltung des welschen Gartens zu englischer Parkanlage mußte, als nicht passend zum Ganzen, auch die Schnecke weichen. Mehrmals war vom Publicum Fürbitte für dieses liebgewonnene Werk eingelegt worden, und der Herzog hatte dem Gesuche stets williges Ohr geliehen, endlich aber wurde das alte, ohnehin baufällig werdende Werk entfernt. Dafür erhielt dieser Theil des Parkes einen besonderen Schmuck in einem neuen schönen Baue. An die Stelle eines dort befindlichen ökonomischen Gebäudes trat eine alte gothische Capelle, der Rittertempel (so genannt wegen der Ritterstatuen auf den vier Dachecken), ein den Sommervergnügungen des Hofes bestimmter Gartensaal. Herzogin Louise liebte es, hier inmitten lieblich grünender und blühender Natur Theegesellschaften zu geben. Aber auch dieser Rittertempel wurde später in das jetzige sogenannte Tempelherrnhaus oder den Salon umgebaut, ein mit den grau verwitterten Ritterstatuen geziertes, von Kletterrosen umranktes Gebäude mit hohen gothischen Fenstern, das in seinem Saale jetzt die schöne Hertel’sche Statue „Poesie“ bewahrt. Unweit dieses „Salons“ war es, wo einst der Nestor der deutschen Kupferstecher, der jetzt dreiundneunzigjährige wackere Meister Schwerdtgeburth, den Großherzog Karl August allein nur in Begleitung seiner beiden großen Hunde, den Weg daher kommen sah, in ein nahes Bosquet trat und, selbst ungesehen, diese Scene mit Künstleraugen sich einprägte, um dann, nach Hause zurückgekehrt, das Bild zu entwerfen, welches vom alten Herrn, wie ihn das Volk in seiner Erinnerung hat, die treuste, wahrste Darstellung ist und für alle Zeit bleiben wird.

So hatte sich unter Goethe’s Leitung der weimarische Park auf an sich ungünstigem Terrain zu reiner, schöner englischer Parkanlage gestaltet. Der Herzog aber überließ den Park in edler Liberalität den Bürgern zur freien Benutzung, und so wurde derselbe als freie Promenade die höchste Zierde Weimars.

Hundert Jahre sind seit dem Louisenfeste verflossen[1]. Wohl sind die damals gepflanzten Bäumchen nun zu alten Bäumen geworden, mancher der Bäume aus damaliger Zeit und leider auch einzelne der von Goethe bewunderten Eschen sind gefallen, andere Baum- und Gebüschanlagen – zum Theil nach dem Rathe des Fürsten Pückler-Muskau – sind entstanden, und dagegen die kleinen Wasserfälle und das fürstliche Badehaus an der Ilm nebst der Fähre längst verschwunden; im Wesentlichen aber ist der Charakter des Parkes im Ganzen und in seinen Einzelheiten noch der alte. Mag man im Stern oder am Römischen Hause weilen, oder mag man von der Bank aus, die man zu Ehren unseres großen Dichters „Schiller-Bank“ genannt hat, der schönen Ausicht auf die sich schlängelnde Ilm und deren Ufer sich hingeben – überall werden die Erinnerungen an jene große Zeit vor hundert Jahren wachgerufen. Will man aber den ganzen vollen poetischen Reiz des Parkes genießen, so muß man an einem Frühlingsabende, beim Dufte des Flieders und dem süßen Gesange der Nachtigallen ihn durchwandeln. Der Mondschein schimmert aus Goethe’s Gartenhause jenseits der Ilm, huscht durch das Gebüsch und läßt das Borkenhüttchen in gespenstischem Lichte schimmern. Man glaubt aus dem kleinen Kloster weiße Gestalten nach dem Louisenplatze ziehen zu sehen; es rauschen die alten Bäume; es rauscht der Fluß. Alte trauliche Geschichten erzählen sie uns, von einem jungen Fürsten und einem genialen Dichter, welche in inniger Freundschaft hier gelebt und die Parkdichtungen geschaffen haben. – Möge ihre Schöpfung in frischer Schönheit ewig fortbestehen und so wie unser Herz auch das Herz und Gemüth der künftigen Geschlechter erheben und erquicken!

  1. Zu dieser Säcularfeier läßt der Photograph Schwier in Weimar eine Sammlung von Photographien als „Erinnerung an den Goethe-Park“ erscheinen, welche wir unseren Lesern warm empfehlen. D. Red