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Zehntausend Meilen durch den Großen Westen der Vereinigten Staaten (6)

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Textdaten
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Autor: Udo Brachvogel
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Titel: Zehntausend Meilen durch den Großen Westen der Vereinigten Staaten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 446–448
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Schilderung von San Francisco und Umgebung (mit rassistischer Beschreibung der Chinatown)
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[446]
VI.
Californien einst und jetzt. – Die Siebenhügelstadt am Stillen Ocean. – Asien in Amerika. – Im Chinesen-Ghetto von San Francisco. – Die Seelöwenfelsen.

Kein Land der neuen Welt ist so viel beschrieben und, was in diesem Falle gleichbedeutend ist, so viel gepriesen worden, wie Californien. Jahrelang lag eine vollständige Wunderglorie darüber, die noch dazu aus dem solidesten Golde war. Die Plötzlichkeit, mit welcher das neue Dorado die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, die Entlegenheit und Schwerzugänglichkeit, in welcher es trotzdem noch für volle zwei Jahrzehnte blieb, und endlich die Schätze, die sich von ihm aus über die Völker der Erde ergossen – das Alles machte diesen Nimbus recht wohl erklärlich. Mit der Vollendung der ersten Ueberlandbahn wurde das anders. Sie zog das Märchenland am Stillen Ocean in den Bereich der Alltagsgebiete. Statt darüber zu lesen und zu hören, fing man an, es zu bereisen, es mit eigenen Augen zu sehen. Und wenn darunter auch das Wunderartige mehr und mehr gelitten hat, so haben doch die Naturreichthümer und die Naturschönheiten des Landes nach wie vor jede Prüfung und jeden Vergleich siegreich genug bestanden, um Californien noch immer Californien bleiben zu lassen. Selbst der hastigste Flug, in welchem der Ueberlandzug heutigen Tages den Reisenden vom Mississippi aus über die Prairien, die Felsengebirge und das continentale Binnenbecken des Großen Westens trägt, ist hinreichend, ihn mit der thatsächlichen und scheinbaren Oede dieses riesigen Zwischengebiets derartig zu erfüllen, daß er sich bei seiner Einfahrt in dies viel gelobte Californien unwillkürlich den Athem einer neuen Erde, eines wirklich gelobten Landes entgegen schlagen fühlt. Und wie von dieser, so von der andern Seite her, wenn er, vom Ocean kommend, durch die mächtigen Dünen- und Felsenpforten des Goldenen Thores (vergl. Illustration) in die Bai des heiligen Franciscus einfährt. Starr und finster ragen aus der salzigen Meerfluth die braungelben, scharfgeschnittenen Höhenzüge, welche die mächtige Bai umschließen. Eine enge Gasse nur öffnet sich dem von Asien und Australien kommenden Fahrzeuge, links sind steil abfallende Wände, rechts dräuen die Kanonen des mächtigen, die goldne Gasse beherrschenden Forts. Fernher aber grüßen die langen Höhenzüge der Sierra Nevada, überragt von der Doppelkuppe des Monte Diabole. Fahrzeuge durchschneiden die herrliche Bucht allüberall, dort stöhnen die breitbrüstigen Ferryboote hinüber und herüber, den Personenverkehr zwischen San Francisco und den zahlreichen kleineren rings die Bai umgürtenden Ortschaften vermittelnd, hier zieht ein stolzer Dreimaster seine Bahn, dort ruht ein mächtiger, eisengepanzerter Koloß, ein Kriegsschiff vor Anker, drüben ragt der Mastenwald der buntbewimpelten Handelsflotte, und überall schaukeln die kleinen, mit seltsamen Segeln versehenen Boote der Fischer und die noch seltsameren Kähne und Fahrzeuge einzelner chinesischer Schiffer (vergl. Anfangsvignette).

San Francisco ist gegenwärtig der Größe nach die siebente Stadt der Union. Die erste und schwierigste Station auf dem Wege zur Millionenstadt, die erste Viertelmillion hat es glücklich hinter sich. Aber nicht nur was seine Bewohnerzahl anlangt, steht dieses New-York des Stillen Oceans in der vordersten Reihe der Städte Amerikas. Ganz unabhängig von der stolzen Schwesternsippe jenseits der Felsengebirge – „in den Staaten“, wie es der Californier nennt – hat sich San Francisco zur amerikanischen Metropole von eigenen Gnaden aufgeschwungen. Nicht umsonst ist es in seiner Jugend durch ein halbes Dutzend Unruhen gegangen, die ebenso viele Kämpfe auf Tod und Leben gegen Feinde geregelter Staatsordnung bezeichneten. Nicht umsonst durch die elementaren Katastrophen ebenso vieler Feuersbrünste, von denen zwei die junge Commune in einen einzigen großen Scheiterhaufen verwandelten. Eine durchaus massive, stattlich-schöne Geschäftsstadt breitet sich heute über diesen Brandstätten der fünfziger Jahre, zunächst dem Hafen und mit diesem auf gleichem Niveau aus. Darüber aber erhebt sich in vielfach gegliederter Terrassenansteigung die weitgedehnte Wohnstadt. Zu ihr hat vorwiegend die eichenfeste Rothtanne der Sierra Nevada das Baumaterial geliefert.

Weithin leuchten ihre hellgestrichenen Villen und Cottages, mit ununterbrochen blühenden Blumenvorhöfen an Straßen aufgereiht, welche in ihrer Schnurgeradheit mit echt californischer Kühnheit die Sanddünen jener sieben Hügel hinauf und hinunter geführt sind, auf denen sich nach römischem Weltstadtrecept auch diese jüngste und westlichste der Weltstädte erhebt. Welchen ihrer [447] Theile man aber auch durchwandelt oder auf den wunderbaren Drahtseilbahnen, die hier über Berg und Thal führen, durchfährt, – in den ebenen, von massiven Prachtbauten gesäumten Hafen- und Geschäftsstraßen, wie in den endlosen, die Dünen bedeckenden Holzhäuserfluchten: überall ist es ein fertiges, ausgewachsenes Stadtwesen, welches man vor sich hat. Nirgends mehr eine Spur von baulicher Primitivität, von jener Pionierarchitektur, welche das einstige Heerlager des alten San Francisco kennzeichnete. Viel eher macht sich die Neigung zu allerlei architektonischem Schmuck- und Schnörkelwerk geltend, wie es in Erkern, Balcons, Säulenvorbauten, Eckthürmchen und dergleichen seinen Ausdruck findet. Geradezu Muster von Solidität und Großartigkeit finden sich unter den öffentlichen Gebäuden, den Privatpalästen der Millionäre, den großen Geschäftshäusern und den Hôtels, von welch letzteren das „Palace Hotel“ selbst in Amerika, der Heimath der Riesenhôtels, nicht seines Gleichen hat. (Vergl. den illustrirten Artikel von Th. Kirchhoff, „Gartenlaube“ 1874.)

Geradezu einzig aber ist San Francisco als kosmopolitische Stadt. Nicht einmal hinter New-York steht es in der bunten, verschiedensprachigen und verschiedenfarbigen Mischung seiner Bevölkerung zurück. Leider ist damit neben einer der interessantesten Illustrationen für das weltstädtische Wesen San Franciscos auch zugleich sein wundester Fleck berührt, jener Wundfleck, der geradezu mörderisch für die herrliche Stadt zu werden drohte, als vor drei Jahren die Washingtoner Bundesregierung selbst seinem weiteren Umsichgreifen Einhalt gebot: die chinesische Invasion San Franciscos!

Es soll hier nicht vergessen werden, welchen Werth der „gelbe Mann“ Asiens, der durch das gelbe Metall Amerikas über den Stillen Ocean gelockt wurde, für das letztere als menschliches Werk- und Lastthier gehabt hat. Wie übertrieben auch die Behauptung wäre, daß Californien, wie es heute ist, vornehmlich das Resultat chinesischer Arbeit sei, ebenso ungerecht wäre es zu leugnen, daß beim äußeren Aufbau der bezopfte „John“ thatsächlich seine Hand überall im Spiele gehabt habe. Die Chinesen waren und sind noch zur Stunde die Arbeitsbienen auf diesen reichen pacifischen Fluren. In den Fabriken stellen sie das Gros der Arbeiter; ihrer bedient sich der Weinkeltner; der Getreide- und Obstbauer ruft sie zur Zeit seines Anbaues und seiner Ernten herbei, und endlich sind sie im Küchen- und Hausdienst unerläßlich. In Massen und ganzen Arbeitertrupps aber haben sich diese vielbefehdeten Söhne des himmlischen Reiches erst recht verwendbar und in Folge dessen auch erst recht unentbehrlich erwiesen.

Das sind Thatsachen, an denen nicht leicht zu rütteln ist und die gar manches beweisen. Unter Anderem auch das Eine: daß es nicht die Masse allein ist, durch deren Verwendung der Chinese ein Culturelement in den pacifischen Gebieten geworden ist, sondern daß auch der Einzelne ein fleißiger, stiller, unermüdlicher Werkmann ist, daß er Geschick mit Geduld verbindet, und daß er um Vieles billiger, und ungleich lenksamer ist, als der kaukasische Durchschnittsarbeiter Californiens. Aber diese sich auf den ersten Blick und namentlich von der Ferne aus so sauber ausnehmende Medaille hat ihre Kehrseite. Und diese Kehrseite ist nicht nur das Gegentheil von Sauberkeit, sondern sie ist dies auch in solchem Grade und in solcher Ausdehnung, daß man sie nur einmal zum Gegenstand eigener Anschauung zu machen nöthig hat, um die Erbitterung vollkommen zu verstehen, mit der die gesammte pacifische Bevölkerung gegen die fernere Chineseneinwanderung kämpfte, bis dem Congresse das gesetzliche Verbot derselben auf zehn Jahre abgerungen war. Eine einzige Stunde im „Chinatown“, im Chinesenviertel San Franciscos genügt, um, ganz abgesehen von allen Lohnfragen und Arbeitsproblemen, auch im menschenfreundlichsten Gemüthe diese Ueberzeugung wachzurufen. Eine einzige Stunde – vorausgesetzt natürlich, daß sie nicht blos einem oberflächlichen, etwa nur den Curiositätenläden, Tempeln, Theehäusern[1] und dem Theater „John Chinamans“ geltenden Gang durch die Hauptstraßen dieser Chinesenstadt auf amerikanischem Boden gewidmet wird. Nein, man muß an der Hand eines Detectivs, der in allen Mysterien dieses Labyrinths von Uebervölkerung, Schmutz, Pestluft, Laster und Ungesundheit zu Hause ist, in die Seiten und Schlupfpfade desselben und von ihnen in seine Höhen und Tiefen dringen. Dann erst erfährt man, wie der als Arbeiter in Massen so werthvolle Chinese in Massen lebt, und wie er gerade den Boden jenes Landes, das seinen Zuwanderern die freiesten und weitesten Tummelflächen bietet, dazu benutzt, um auf ihm das unheimliche Problem zu lösen, welches Minimum von Raum und Lebensluft und welches Maximum von Schmutz der Mensch ertragen kann.

Beschreiben läßt sich das nicht. Aus einem regelmäßigen und schönen Stadttheile hat diese chinesische Invasion nicht nur die gesammte weiße Bewohnerschaft, sondern auch jede Erinnerung an den Comfort, an die nothwendigsten Einrichtungen, ja an die Menschenwürdigkeit vertrieben. Wo es früher Räume und Zimmer gab, giebt es heute nur noch Löcher und Unterschlüpfe. Als Schlafgelasse aber dienen hölzerne Verschläge, die, gleich Schiffskojen oder Hühnerställen drei- und vierfach über einander gefügt, nur in der Mitte der jetzt von ihnen angefüllten Räumlichkeiten einen engen, krummen Gang freilassen, durch den sich ein erwachsener Mensch nur eben durchwinden kann. Und überall reichen diese Verschläge hin: bis unter die Dächer hinauf, bis zwei und drei Stockwerke unter die Erde, wo der Zimmermann zum Maulwurf wird, um immer neuen Raum für diese menschlichen, den Tag über fleißig arbeitenden Wesen zu gewinnen, die sich hier für die Nacht, lebenden Leichnamen gleich, verkriechen und vergraben. Und dazu überall der süßlich widerliche Geruch des Opiums, den man, einem Schiffsgeruche gleich, noch tagelang nach einem Besuche dieser Schlafspelunken nicht aus der Nase bekommt. Und überall ein Schmutz, der in feuchtklebrigen Massen die Wände bedeckt, der den Fuß auf Schritt und Tritt ausgleiten läßt, der die geschwärzten Verschlagsbretter, zwischen denen man sich nur gebückten Hauptes dahinschieben kann, überzieht und überschleimt! Genug davon, der Ekel hat auch seine Rechte, welche die Feder des Schilderers zu respectiren hat!

Wie zahlreich das menschliche Gewürm ist, welches allnächtlich die Unterschlüpfe dieses Chinesenquartiers durchwimmelt und dort für Miethpreise, die bis fünfzig Cents per Monat heruntergehen, „bei sich“ ist? – wer will es sagen! Haben doch die San Franciscoer Behörden selber noch nie so recht dahinter kommen können oder wollen! Aber in welchem Maß es mit jedem Jahr seit der Gründung dieses mongolischen Ghettos angewachsen ist, das beweist mit erschreckender Unwiderleglichkeit die nach allen Seiten hingehende rapide Ausbreitung dieses mörderischen städtischen Gemeinschadens, welche es sehr wohl gerechtfertigt hätte, wenn derselbe schon längst mit einer im wahrsten Sinne des Wortes chinesischen Mauer umgrenzt und gewaltsam in diese Grenzen eingezwängt worden wäre. Allerdings ist es mehr als fraglich, ob selbst durch eine solche Mauer dieser Zweck hätte erreicht werden können. Denn wie sich diese menschlichen Maulwürfe und Kellerwürmer durch zwei und drei unterirdische Stockwerke in die Erde hineinwühlen, ja sich sogar Gänge, die wieder von den allgegenwärtigen Schlafverschlägen eingesäumt sind, unter den Straßen hinweggraben: so würden sie auch unter jeder Mauer weg, die nicht mindestens haustief fundamentirt wäre, in die übrige Stadt vordringen. Der Unfehlbarkeit dieses stillen, geräuschlosen, man möchte sagen, elementaren Vordringens der Chinesen aber entspricht ganz genau diejenige, mit welcher die weißen Bewohner der Stadt widerstandslos die Nachbarschaft der gelben Eindringlinge räumen. Und da sie bei dieser Flucht stets dafür sorgen, daß zwischen der neuesten chinesischen Eroberung und ihnen mindestens zwei oder drei leere Häuser bleiben, so können die unternehmenden Zopfträger sich still und unmerkbar auch über diese, die außer ihnen absolut keine Miether finden würden, verbreiten, um das Geschäft der Weißenvertreibung mit einer geräuschlosen Unwiderstehlichkeit fortzusetzen, welche in der Geschichte der Rassenkämpfe ohne Gleichen dasteht.

Auf solche Weise haben diese asiatischen Eroberer San Franciscos nicht nur einige der wichtigsten früheren Hauptstraßen der Geschäftsstadt, sondern zwischen diesen und um sie herum einen ganzen ansehnlichen Stadttheil derartig in ihren ausschließlichen [448] Besitz bekommen, daß er selbst erst nach vollständiger baulicher Revolution wieder für Weiße bewohnbar sein würde. Denn wie der Chinese wohnt und schläft, so treibt er auch sein Geschäft in den engsten Winkeln, Kammern und Löchern oder auf den schmutzigsten Gassen und Durchgängen. Seine Fleisch- und Eßwaarenboutiquen starren von demselben Schmutz, wie seine Schlafstätten, Lasterhöhlen, Spielhäuser und Opiumhöllen.

Selbst das Charakteristische und Malerische, das ihre farbigen Schilder, Häuserzierrathe, Tempelembleme, Fahnen und bunte Laternen und Lampions den Hauptstraßen ihres Quartiers geben, vermag sich unter den steten Feindseligkeiten, denen der Reinlichkeitssinn und vor allen Dingen die Nase des kaukasischen Besuchers dieser Regionen auf Schritt und Tritt ausgesetzt ist, nur erst allmählich und auch da nicht immer zu einer wirklich erquicklichen Geltung zu bringen. Der Charakter des Ganzen bleibt der des Wüsten, Ungehörigen und Barbarischen.

Im Chinesenviertel von San Francisco.

Doch nun hinaus aus der Enge des wunderlichsten und ungeheuerlichsten, mit nichts als einem von Maden wimmelnden Käse zu vergleichenden Stadtgewinkels, dessen sich irgend eine Großstadt des Occidents rühmen darf! Höher hinauf – den Dünenrücken, an dem es bereits emporzukriechen beginnt, hinan – über ihn und die ihn bedeckenden Cottages und Villen hinweg, noch über zwei oder drei weitere Bergrücken fort, bis uns des Oceans unendliche Fluth entgegenschimmert! Der stolze Pacific – klippig fallen seine Gestade in schwärzlichen Massen hernieder. Eine schneeige Brandung säumt den schmalen Sandstreifen, der sich längs ihres Fußes hinzieht. Auf der Höhe einer dieser Klippen aber steht das Cliff house, ein beliebter Vergnügungsplatz, zu seinen Füßen die in graubraunem Gezack aus der Fluth aufragenden „Seelöwenfelsen“. Heiseres Gebell durchdringt die rauschende Brandung. Aus ihrem weißen Schaum aber schieben sich von allen Seiten her die ungefügen Fettleiber der erst durch ein Gesetz, jetzt durch den Willen der Bevölkerung von San Francisco vor der Kugel des Jägers geschützten Seelöwen empor, die zu Hunderten auf dem engen Raum dieser beiden Klippen hausen. Keine Stadt der Welt erfreut sich des Besitzes einer zoologischen Anlage, wie diese. Die Kosten ihrer Erhaltung trägt sie selbstredend allein und dankt das bischen Schutz, das man ihnen vor dem Robbenjäger und Schläger gewährt, durch die gewissenhafteste Vermehrung. Leib an Leib gedrängt überwimmeln sie an sonnigen Nachmittagen die Abhänge des ihnen ausschließlich gehörenden Klippenasyls. Mit einem Opernglase kann man vom Strande oder von den Veranden des „Klippenhauses“ jede ihrer Bewegungen verfolgen, und als wüßten sie es, daß sie eine der alleroriginellsten Sehenswürdigkeiten San Franciscos, ja der ganzen pacifischen Küste sind, so werden sie nicht müde, das zackige Gefelse auf und nieder zu klimmen, in’s Wasser herabzuplumpen, einander den Raum streitig zu machen, mit einem Wort einer verehrlichen menschlichen Zuschauerschaft Alles zum Besten zu geben, was diese schlechterdings nur von halbcivilisirten Seehunden verlangen kann.

Jenseits des absonderlichen Thiergewimmels aber breitet sich das Meer so ruhig und endlos dahin, als wolle es den Menschen immer auf’s Neue herausfordern, ihm den Namen beizulegen, den es doch längst schon trägt: des Stillen Oceans und des Großen zugleich.

Und nun den Blick zurück, landeinwärts gewendet! Weitab an der inneren Bai, nur eben mit ihren äußersten Vorstadtausläufern bis in den Gesichtskreis des Meeres hinausgreifend, liegt die Stadt. Was das Auge von hier zunächst überschaut, sind die Dünen, Uferfelsen und langgestreckten Bergrücken jenes Küstengebirges, welches von Panama bis nach Alaska hinauf, nur von wenigen Einfahrten und dahinter liegenden Buchten unterbrochen, das Gestade dieses größten aller Oceane säumt, einem einzigen Wall gleich! Bis zu 3000 und 4000 Fuß hoch und bis zu 40 Meilen breit dämmt es das Land gegen das Weltmeer ein. Dann fällt es zur californischen Tiefebene ab, welche, in ihrer oberen Hälfte vom Sacramento, in ihrer unteren vom San Joaquin durchströmt, in ihrer Baumlosigkeit einer handtellerflachen Steppe gleichen würde, deckten sie nicht die reichsten Ackerfelder und Weidetriften.

Von der stürmischen Jugend des einstigen Schatzgräberlandes, von dem wüsten Urkern einer aus Gold, Lastern und Blut sich aufringenden internationalen Civilisation nirgends mehr eine Spur. Gefestigte Verhältnisse und des Gesetzes unantastbare Herrschaft überall. Städte und Anwesen über das ganze Land verstreut; Eisenbahnen nach allen Richtungen der Windrose führend; längs derselben Wein- und Fruchtgärten, weite Ackerflächen, noch weitere von Heerden übervölkerte Savannen; Wohnstätten bis in die Höhe der Sierra Nevada und der Küstengebirge hinauf; die einstigen Goldgräberlager in Trümmerhaufen gesunken oder zu festgegründeten, geordneten Gemeinwesen erwachsen; das ist das heutige Gold- und Abenteurerland am Pacific.



  1. In dem durch Schmutz und allerlei Winkelwerk ausgezeichneten Chinesenviertel finden sich einzelne bessere Kaufläden, Restaurants, Theater und Theestuben, welch letztere sich mitunter durch peinliche Sauberkeit und Eleganz auszeichnen. Wände und Decken sind mit reichem Schnitzwerk und Goldschmuck versehen, mit Ornamentik und Rankenwerk schwer überladen. Alles ist polirt und blank; bunte Papierlaternen und moderne Kronleuchter verstreuen ihr abgedämpftes Licht über die behaglich ihre Pfeifchen schmauchenden Gäste, denen die bezopften Aufwärter in zierlichen kleinen Tassen den Thee, Chinas Nationalgetränk, credenzen. (Vergl. Illustration S. 445.)