Zum Inhalt springen

Zehn musikalische Sonette von David Fr. Strauß

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Zehn musikalische Sonette von David Fr. Strauß
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 652–653, 716–717
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[652]
Zehn musikalische Sonnette von David Fr. Strauß,


E. F. Kauffmann gewidmet.


David Friedrich Strauß, der berühmte Verfasser des „Leben Jesu“, widmete seinem im Jahre 1856 verstorbenen Jugendfreunde E. F. Kauffmann einen schönen Nachruf in den längst eingegangenen „Unterhaltungen am häuslichen Heerde“. Strauß sagt dort in der Einleitung: „Wenn ich ein philosophischer Kaiser wäre und Selbstbekenntnisse schriebe, so würde ich den Göttern unter andern Gutthaten, die sie mir erwiesen, auch dafür danken, daß sie mir Dichter und Musiker zu Jugendfreunden gegeben haben. – Er ist nun todt, leider! der herrliche Mensch, dem allein ich es danke, daß mir das Ohr, wenn auch noch so unvollkommen, für die Welt der Töne sich erschlossen hat. Er war kein Musiker von Profession, aber eine durch und durch musikalische Natur. Er hatte die Gesetze des Tonsatzes theoretisch studirt, wie er sie praktisch auszuüben vermochte; aber seiner bürgerlicher Stellung nach war E. F. Kauffmann Professor der Mathematik. Die Musik war seine stille Liebe; es wäre ihm peinlich gewesen, auf sie seine häusliche Existenz zu gründen, aber sein innerstes Leben machte sie aus. Die Werke der großen Meister kannte er nicht blos, er lebte in denselben. Eine Mozart’sche Oper Nummer für Nummer auswendig auf dem Claviere vorzutragen, war ihm Kleinigkeit. Wie viel verdanke ich solchen Stunden! Wie wußte er da die Hörer in die rechte Empfindung hineinzureißen, wie dem tappenden Verständniß durch Gedankenblitze vorzuleuchten!“

Dieser Mann ist es nun, dem Strauß im Februar 1851 während der Fastenzeit von München aus die nachfolgenden in dieser Zeit von ihm gedichteten musikalischen Sonnette mit einer Widmung zuschickte, wobei er eben so einfach wie bescheiden bemerkte: „Für diesmal habe ich meinen unmusikalischen Pegasus abgesattelt. Soviel habe ich wenigstens dabei gewonnen, daß ich alle diese Musikwerke mir jetzt weit bestimmter gemerkt und eingeprägt habe, als sonst.“

Die geistige Verwandtschaft des großen Denkers mit Gotthold Ephraim Lessing, welche in der trefflichen Schrift Reuschle’s „Philosophie und Naturwissenschaft“ so einleuchtend besprochen wurde, wird durch diese köstlichen Dichtungen, von denen wir heute die erste Hälfte mittheilen, auf’s Neue entschieden bekräftigt.


Widmung an Kauffmann.

In dieses lange Carnevales Nöthen,
Wo in den Sälen die Concerte schweigen,
Nur luft’ge Walzer alle Geigen geigen
Und süße Polkas alle Flöten flöten,

Wo auf der Bühne schale Novitäten
Sich einer abgespannten Menge zeigen,
Der Sonnenaufgang und der Schlittschuhreigen
Die Gafferwelt entzücken im „Propheten“ –

[653]

Könnt ich zu dir in diesem Jammer eilen,
Du ließest mich der Meister Werke hören,
Ein Meister selbst, o Freund, auf dem Claviere.

Doch nun, da wir getrennt sind viele Meilen,
Will ich die Muse zu mir herbeischwören,
Daß sie im Stillen mit mir musicire.

1. Händel.

Das ist ein Mann! Er gleicht den alten Eichen,
In deren Wipfel Gottes Stürme hausen
Und ihre Urweltsmelodien sausen –
Von deutscher Kraft ein unvergänglich Zeichen.

Mag ein Jahrhundert manchen Zweig ihm bleichen,
Die Mode manche seiner Arien zausen,
Doch seiner Chöre, seiner Fugen Brausen
Wird bis an’s Ende noch der Tage reichen.

Wie freundlich er vom guten Hirten singt,
Wie tief des Heilands Leiden ihn durchdringt,
Wie innig er des Glaubens Trost empfindet!

Bis dann des Hallelujah Grundgewalt,
Der Preis, der an des Lammes Stuhle schallt,
Sünd’, Höll’ und Tod allmächtig überwindet.

2. Gluck.

Oft treibt es mich, an hellen Wintertagen
An deinem eh’rnen Bild vorbeizugehen,
Dir in das strenge Angesicht zu sehen,
Und jedes Mal mit innigem Behagen.

Wüßt’ Einer nicht von dir, doch müßt’ er sagen:
Das war ein Geist von reinem, scharfem Wehen;
Dem konnten keine Nebel widerstehen,
Und Wolken wußt’ er in die Flucht zu jagen.

Ja, Wahrheit gabst du deiner Kunst zurück,
Entsagtest jedem eitlen Prunkgewand
Auf die Gefahr, der Menge zu mißfallen,

Der Lessing der dramatischen Musik,
Die bald in Mozart ihren Goethe fand,
Der Größte nicht, doch ehrenwerth vor Allen.

3. J. Haydn.

Wenn Andre sich den Sohn zum Preise nahmen,
So mochtest du es lieber mit dem Alten,
Ich meine, mit Gott Vater selber halten
Und priesest in der „Schöpfung“ seinen Namen.

Erst machst du Licht; dann malst du, wie die Samen
Der Dinge sich in feinem Strahl entfalten:
Der Pflanzen wunderwürdige Gestalten,
Die Thiere drauf, die wilden mit den zahmen.

Und nun das liebe erste Menschenpaar,
Der Mann, das Weib, der erste Liebesblick!
Da geht das Herz dir auf, du guter Alter:

Erzengel bringen Gott ihr Loblied dar;
Doch ihm, wie dir, ist guter Menschen Glück
Der liebste Ton in seinem großen Psalter.

4. Don Juan.

Wie lustig rauschen hier des Lebens Bronnen!
Im Glase schäumt der Purpursaft der Trauben;
Die Liebe lockt in dunkle Myrthenlauben –
Im hellen Saale hat der Tanz begonnen.

Doch hütet Euch! Hier wird Verrath gesponnen.
Der wilde Trieb ist ohne Treu’ und Glauben;
Die Unschuld würgt er, wie der Falk’ die Tauben,
Und ist der Menschenrache leicht entronnen.

Nun aber werden die Erschlag’nen wach;
Sie reden mit der Stimme des Gerichts –
Dem Lüstling reicht der Tod die kalten Hände.

Da stirbt der freche Muth im bangen Ach;
Des Lebens bunter Traum zerrinnt in Nichts,
Und Grabesschweigen ist des Jubels Ende.

5. Figaro.

Wo ist ein Sänger, so wie Du, der Liebe?
Wo einer, der ihr wunderbares Walten
Nach allen Arten, Stufen und Gestalten
In seinem Liede, gleich wie Du, umschriebe?

Vom zarten Knospen seiner holden Triebe,
Bis, wo sie sich zur Blüthe bunt entfalten;
Vom Sinnendrang, den keine Zügel halten,
Bis zu dem reinen Seelenhauch: ich liebe.

Hier hast Du nun der saubern Liebesvögel
Ein ganzes Nest, ein volles, ausgenommen
Und zeigst sie uns mit allen ihren Streichen.

Der ist kaum flügg’; der treibt mit vollem Segel;
Der, scheint es, hat schon etwas abbekommen:
Ein Durcheinander ohne seines Gleichen.


[716]

6. Zauberflöte.

Dem Gotte gleich, der aus den Thorenstreichen
Der Menschenkinder Weltgeschichte flicht,
Hast Du aus einem närrischen Gedicht
Ein Tönewerk erschaffen sonder Gleichen.

Schon warst Du nahe jenen ernsten Reichen,
Wo jede Lebenstäuschung uns zerbricht,
Das Haupt umstrahlt von jenem reinen Licht,
Vor dem die bunten Erdenfarben bleichen.

Da schien der Menschen Thun Dir Kinderspiel,
Du sahst den Haß in ew’ge Nacht verbannt,
Die Liebe sich zur Weisheit mild verklären.

Dank Dir, verklärter Meister! Nah’ dem Ziel,
Hast Du uns liebend noch herabgesandt
Vorklänge von der Harmonie der Sphären.

[717]

7. Fidelio.

Nicht in Sevillas Gärten, wo die Düfte
Von Rosen und Jasmin den Sinn verwirren;
Du führst uns hin, wo nächt’ge Vögel schwirren,
In kalte moderfeuchte Kerkergrüfte.

Nicht süße Laute füllen hier die Lüfte,
Von Mädchenchören, die wie Tauben girren;
Von Gramesseufzern nur und Kettenklirren
Tönt dumpfer Widerhall durch diese Klüfte.

Doch welch ein Himmelsklang zerreißt die Nacht!
Ist’s Liebe? – Nein, das ist die Liebe nicht.
Die um das Schöne flattert, um das Neue.

Die ist’s, die Ernst aus eitlem Spiele macht,
Die sich aus Dornen bleiche Rosen bricht,
Die Dulderin, Erlöserin – die Treue.

8. Beethoven’s A-dur Symphonie.

Wo führst Du hin mich, wunderbarer Freund?
Du lockst mit holdem Schmeichellaut mein Sehnen;
Nein, ist es Wahrheit oder eitles Wähnen,
Daß mir das Ziel, mein Glück, schon nahe scheint?

Ha, böser Zaub’rer, war es so gemeint?
Zerschmelzen soll ich unter Deinen Tönen?
Seit Qualen kennt das Herz, das Auge Thränen,
Ward bitt’rer – nein, ach, süßer nie geweint.

Doch aus dem Thränenbade neu belebt,
Ein Jüngling, steigt der Geist, tritt kühn daher,
Umhüpft von leichter Scherze munt’rem Chore!

Was, leichter Scherz? – Jauchzt, daß die Erde bebt,
Es rase Lust und ein Bacchantenheer
Sprenge des Göttersaales eh’rne Thore!

9. Desselben achte Symphonie.

Welch’ bunter Drang, welch unruhvolles Streben –
Bald weiches Sehnen, bald verweg’ne Fragen –
Sind es Gedanken, welche sich verklagen?
Sind’s Völker, die sich für ihr Recht erheben?

Ja, uns’re Wünsche! – Das ist noch ein Leben!
Schau hin, wie sie, im Wirbeltanz getragen,
Mit schwerem Fuße bald den Boden schlagen,
Bald, leichte Genien, hoch im Aether schweben!

Nun aber fasse Dich, wach’ auf, mein Herz! –
Du willst nicht? Gut, wenn Dir das Spiel behagt,
Ich werd’ es Dir durch keinen Ernst vergällen.

Doch ist es Dir denn Ernst mit Deinem Scherz?
Du hast Dein tiefstes Leiden nicht geklagt –
Wie kann die Lust Dir aus der Tiefe quellen?

10. Mozart’s Symphonie in C.
(Mit der Schlußfuge.)

Auf, zu des Dasein’s Gipfeln kühn hinan!
Wozu in dumpfen Niederungen zagen?
Versuch’s, wie hoch Dich Deine Flügel tragen,
Mein Geist, und mache Dir durch Wolken Bahn!

Wie? hob mich zum Olymp ein luft’ger Kahn?
Welch’ gold’ne Lichter seh’ ich um mich tagen?
Und welch’ ein nie empfundenes Behagen
Dringt wie ein Aetherstrom auf mich heran?

Schon reißt ein sel’ger Uebermuth mich fort:
Hin tanz’ ich, unter Göttinnen gereiht,
Vom Festgesang des Musenchor’s begeistert.

Titanen seh’ ich in den Tiefen dort:
Dumpf murren sie und drohen neuen Streit;
Ein Wink von Zeus – und alles ist bemeistert.