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Willst du die Buße noch, die Gott gebeut, verschieben

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Textdaten
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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Wider den Aufschub der Bekehrung
Untertitel: Willst du die Buße noch, die Gott gebeut, verschieben
aus: Geistliche Oden und Lieder. S. 95–101
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Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1757
Verlag: Weidmannische Handlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google = commons
Kurzbeschreibung:
Lied, nach der Melodie von O Gott, du frommer Gott (EG 495)
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[95]
Wider den Aufschub
der Bekehrung.

Willst du die Buße noch, die Gott gebeut, verschieben:
So schändest du sein Wort, und mußt dich selbst nicht lieben.
Ist deine Besserung nicht deiner Seele Glück?
Und wer verschiebt sein Heil gern einen Augenblick?

5
     Allein wie schwer ists nicht, sein eigen Herz bekämpfen,

Begierden widerstehn, und seine Lüste dämpfen?
Ja, Sünder, es ist schwer; allein zu deiner Ruh
Ist dieß der einzge Weg. Und dem entsagest du?

     Ist deine Pflicht von Gott, wie kannst du sie vergessen?

10
Nach deinen Kräften selbst hat er sie abgemessen.

Was weigerst du dich noch? Ist Gott denn ein Tyrann,
Der mehr von mir verlangt, als ich ihm leisten kann?

[96]

     Sprich selbst, gewinnet Gott, wenn ich ihm kindlich diene,
Und, seiner werth zu seyn, im Glauben mich erkühne?

15
Wenn du die Tugend übst, die Gott, dein Herr, gebeut,

Wem dienst du? Ringst du nicht nach deiner Seligkeit?

     Was weigerst du dich noch, das Laster zu verlassen?
Weil es dein Unglück ist, befiehlt es Gott zu hassen.
Was weigerst du dich noch, der Tugend Freund zu seyn?

20
Weil sie dich glücklich macht, befiehlt sie Gott allein.


     Gott beut die Kraft dir an, das Gute zu vollbringen.
Soll er durch Allmacht dich, ihm zu gehorchen, zwingen?
Er gab dir die Vernunft; und du verleugnest sie?
Er sendet dir sein Wort; und du gehorchst ihm nie?

[97]
25
     Sprich nicht: Gott kennt mein Herz; ich hab es ihm verheißen,

Mich noch dereinst, mich bald vom Laster loszureißen;
Itzt ist dieß Werk zu schwer. Doch diese Schwierigkeit,
Die heute dich erschreckt, wächst sie nicht durch die Zeit?

     Je öfter du vollbringst, was Fleisch und Blut befohlen,

30
Je stärker wird der Hang, die That zu wiederholen.

Scheust du dich heute nicht, des Höchsten Feind zu seyn:
Um wie viel weniger wirst du dich morgen scheun!

     Ist denn die Buß ein Werk von wenig Augenblicken?
Kann dich kein schneller Tod der Welt noch heut entrücken?

35
Ist ein Geschrey zu Gott, ein Wunsch nach Besserung,

Und Angst der Missethat, die wahre Heiligung?

[98]

     Ists gnug zur Seligkeit, des Glückes der Erlösten,
Wenn uns der Tod ergreift, sich sicher zu getrösten;
Ist das Bekenntniß gnug, daß uns die Sünde reut:

40
So ist kein leichter Werk, als deine Seligkeit.


     Doch fodert Gott von uns die Reinigkeit der Seelen;
Ist keine Seele rein, der Glaub und Liebe fehlen;
Ist dieses dein Beruf, Gott dienen, den du liebst:
So zittre vor dir selbst, wenn du dieß Werk verschiebst.

45
     Der Glaube heiligt dich. Ist dieser dein Geschäffte?

Nein, Mensch! Und du verschmähst des Geistes Gottes Kräfte?
Erschreckt dich nicht sein Wort? Giebt in verkehrten Sinn
Den Sünder, der beharrt, nicht Gott zuletzt dahin?

[99]

     Hat Christus uns erlöst, damit wir Sünder bleiben,

50
Und, sicher durch sein Blut, das Laster höher treiben?

Gebeut uns Christi Wort nicht Tugend, Recht und Pflicht:
So ist es nicht von Gott. Gott widerspricht sich nicht.

     Noch heute, weil du lebst, und seine Stimme hörest,
Noch heute schicke dich, daß du vom Bösen kehrest.

55
Begegne deinem Gott, willst du zu deiner Pein

Dein hier versäumtes Glück nicht ewig noch bereun.

     Entschließe dich beherzt, dich selber zu besiegen;
Der Sieg, so schwer er ist, bringt göttliches Vergnügen.
Was zagst du? Geht er gleich im Anfang langsam fort;

60
Sey wacker! Gott ist nah, und stärkt dich durch sein Wort.


[100]

     Ruf ihn in Demuth an; er tilget deine Sünden.
Und läßt dich sein Gesetz erst ihren Fluch empfinden:
So widerstreb ihm nicht; denn Gottes Traurigkeit
Wirkt eine Reu in dir, die niemals dich gereut.

65
     So süß ein Laster ist, so giebts doch keinen Frieden.

Der Tugend nur allein hat Gott dieß Glück beschieden.
Ein Mensch, der Gott gehorcht, erwählt das beste Theil;
Ein Mensch, der Gott verläßt, verläßt sein eignes Heil.

     Die Buße führt dich nicht in eine Welt voll Leiden;

70
Gott kennt und liebt dein Glück; sie führt zu deinen Freuden,

Macht deine Seele rein, füllt dich mit Zuversicht,
Giebt Weisheit und Verstand, und Muth zu deiner Pflicht.

[101]

     Sprich selbst: Ist dieß kein Glück, mit ruhigem Gewissen,
Die Güter dieser Welt, des Lebens Glück genießen,

75
Und mäßig und gerecht in dem Genusse seyn,

Und sich der Seligkeit schon hier im Glauben freun?