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Wildschützen- und Jägerleben im Hochgebirge

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Textdaten
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Autor: Benno Rauchenegger
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Titel: Wildschützen- und Jägerleben im Hochgebirge
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 457–461
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Wildschützen- und Jägerleben im Hochgebirge.


Längst schon hat die Poesie das charakteristische Treiben des „Wildschützen“ in ihren Bereich gezogen, und eine tausendfältige Colorirung dieser eigenartigen Erscheinung inmitten unseres Culturlebens vermochte derselben den Stempel der Romantik aufzudrücken, sodaß Mancher eine geheime Bewunderung des kühnen Jägers, der zur Erreichung seiner ritterlichen Ziele sich nicht scheut, dem Gesetze den Fehdehandschuh hinzuwerfen, nicht unterdrücken kann. Er sieht den unerschrockenen treffsichern Waidmann, von der unbändigen, dem wildesten Freiheitsgefühle entspringenden Jagdlust getrieben, in Wäldern und auf Bergen der Spur des Wildes folgen, obschon ihn die härtesten Strafen bedrohen; er sieht ihn mit der Beute auf dem Rücken, alle Netze der Verfolger umgehend oder durchbrechend, triumphirend in seine Hütte zurückkehren und malt sich mit einer gewissen Theilnahme das Behagen aus, welches der glückliche Freischütz empfindet, wenn er nach dem gefährlichen Gange vielleicht mit den Seinen die köstlichen Bissen verzehrt. Ein Bischen Conflict mit den Gesetzen wird dem naturwüchsigen Abenteurer nicht hoch angerechnet, da ja die romantischen Eigenschaften den die Gesellschaft kaum berührenden Fehler um ein Bedeutendes überragen. So hat die Anschauung des Volkes den Wildschützen nach und nach eine Rolle zugestanden, zu welcher scheinbar außerordentliche physische und moralische Vorbedingungen nöthig sind, die aber, vom nüchternen Standpunkte aus betrachtet, auch von den zweideutigsten Individuen mit dem größten Erfolg durchgeführt wird.

Im oberbairischen Gebirge wimmelt es jetzt noch immer von Leuten solchen Schlages, und doch sind die Zeiten längst vorüber, in denen der Stutzen als charakteristisches Merkmal eines echten Gebirgssohnes gelten konnte. Der Oberländer hält zwar viel auf Schießübungen im ausgedehntesten Maße, die zu den hauptsächlichsten Volksbelustigungen zählen, allein die praktische Anwendung der in dieser Richtung erworbenen Fertigkeit verlegt er mehr auf die Schieß- als auf die Wildstände, und in den meisten Fällen sind es nur durchweg unlautere Motive, welche denselben zum Wildern treiben.

Seitdem die sommerlichen Wanderungen der Städter das Gebirge als allgemeines Ziel erkoren haben, ist die Nachfrage nach Wildpret eine ungeheure geworden, und mancher in Verlegenheit befindliche Wirth sieht bei Deckung seines Bedarfes von der verfänglichen Frage über den redlichen Erwerb des Kaufobjectes ab. Dadurch ist vielen arbeitsscheuen Burschen ein Weg geöffnet, auf bequemere Weise als im Dienste der Landwirthschaft sich die Mittel zur Befriedigung der gesteigerten Lebsucht zu erwerben, und in Folge dessen haben wir es zum größten Theile weniger mit Wildschützen als mit Wilddieben zu thun, die ihr Handwerk oft compagnieweise und selten mit der Rücksicht betreiben, welche der Wildschütze nie außer Acht läßt. Solche Raubvögel kennen keine Schonzeit und nehmen Alles mit, was da kreucht und fleugt.

Die vermeintliche Kühnheit wird meistentheils zur wohlüberlegten Schlauheit und in vielen Fällen sogar zur ausgesprochenen Feigheit, indem sich die Wilderer zu Banden vereinigen, um die Aufsicht des Forstpersonals zum mindesten leiblich ungefährlich zu machen. In vereinzelten Exemplaren kommt allerdings auch der Wildschütze noch vor, den die reine Leidenschaft auf die Spur der jagdbaren Thiere treibt, allein ein solcher Freibeuter betreibt sein Geschäft immer auf eigene Rechnung und sieht mit Verachtung auf den Wilddieb herab, er ist aber trotzdem ein ebenso gefährlicher, wenn nicht bedenklicherer Feind des Forstmanns, da ihn die Leidenschaft zu einem entschlosseneren Widerstand treibt und deshalb auch zum Aeußersten fähig macht.

Daß das Forstpersonal in Anbetracht solcher Verhältnisse keinen leichten Standpunkt einnimmt, ist klar, und dabei kommt noch die Denkungsart des Volkes in Betracht, welches den Jagdfrevel kaum, das Gesetz dagegen viel eher als etwas Unrechtes betrachtet und deshalb dem Verfolger eines „Wilpertschützen“ keine Unterstützung gewährt. Der Forstmann ist auf sich selbst angewiesen, und unter Umständen reichen nicht einmal der ausgesprochenste Muth und der unermüdlichste Eifer aus, einen Achtungserfolg in der Berufsthätigkeit zu erringen, wenn der Jäger den Wilderer nicht an Kühnheit und Verwegenheit überbietet. Dadurch allein vermag er sich einen gewissen Respect zu erringen, der ihm sein mühevolles Dasein erleichtert und in manchen Fällen sogar sein Leben retten kann.

Es liegt daher im Interesse des Jägers, sich mit den verrufensten Wildschützen nach allen Richtungen hin zu messen und ihnen seine geistige und physische Ueberlegenheit zu zeigen. Wem dies nicht gelingt, der mag seinem Wirkungskreis in den Bergen Valet sagen; denn seine Stellung wird ihm von Tag zu Tag unerträglicher gemacht werden.

Die Möglichkeit solcher Zustände ist in der besonderen Beschaffenheit des Jagdbezirkes begründet. Wer Gelegenheit hatte, in den Bergen einen sogenannten Jägersteig zu begehen, wird sich eine kleine Vorstellung von den mühsamen Wanderungen des Forstmannes machen können; erwägt man aber weiter, wie viele kaum jemals begangene Passagen der gefährlichsten Art in einem solchen Reviere liegen, die nöthigenfalls doch aufgesucht werden müssen, so mag das Beschwerliche damit illustrirt sein; bedenkt man endlich, daß ein in irgend einer Schlucht liegender Körper Monate, vielleicht Jahre lang unentdeckt bleiben kann, weil keines Menschen Fuß sich dahin verirrt, so lassen sich ohne Mühe nach allen Richtungen hin Schlüsse auf das Gefährliche des Forstschutzdienstes ziehen.

Der Landbewohner, oder richtiger der Bergbewohner, ist mit allen diesen Terrainverhältnissen vertraut, ehe er ihren Schwierigkeiten in Ausübung eines Berufes entgegenzutreten hat; wo soll sich der Bauernjunge in seinen vielen freien Stunden herumtummeln, als in Schluchten und Höhlen, auf Felsen und Hängen? Solche Beschäftigungen aber stählen den Körper und präpariren die Muskeln, so daß die oft wunderbare Ausdauer und Leistungsfähigkeit als nothwendiges Resultat der Gewöhnung erscheinen muß.

Eine eigenartige Beschäftigung trägt ihrerseits gewiß viel dazu bei, den Sinn des in wilder Einsamkeit weilenden Jungen schon frühe auf das gefährliche Gebiet zu lenken, welches später einen so unendlichen Reiz hat. Im Knabenalter schon muß er den Kampf mit Widerwärtigkeiten bestehen, die dem verwöhnten Menschen mit der Zeit unleidlich würden. Man denke an das Leben eines „Gaisbuben“! Was man der abgehärteten Ziege zumuthet, wird auch von ihm verlangt. Hitze, Kälte, Sturm, Regenfluthen müssen ihn gleich unempfindlich finden; ein Stück Brod und höchstens ein wenig Käse, der aber der entfernteste Verwandte des fromage de Brie ist, bilden Tag für Tag die frugale Mahlzeit; es giebt keinen zugänglichen Punkt in seinem Reiche, den er nicht erklimmen oder besuchen muß, und zu solchen Touren ist kein anderes Hülfsmittel an die Hand gegeben, als ein paar Holzsandalen und etwa ein Stock. Daß unter solchen Umständen der Körper abgehärtet wird, ist selbstverständlich, allein das Sich-selbst-überlassen-sein führt noch zur Entwickelung ganz anderer Fähigkeiten aus dem natürlichsten Wege. Die nothwendigen Nachforschungen nach einer verirrten Ziege schärfen die Beobachtungsgabe und das Spürtalent, welche beim Jäger in den [458] Bergen eine so wichtige Rolle spielen, ungemein. Schon der Knabe lernt die Wildfährten kennen, und auf seinen einsamen Wanderungen entdeckt er die Schlupfwinkel und Aufenthaltsorte jagdbarer Thiere und vermag die Wildwechsel bald so genau zu bezeichnen, wie der Jäger.

Die Natur selbst verfehlt ihre mächtige Einwirkung auf das Gemüth nicht. Der Bergbewohner ist durchaus nicht abgestumpft gegen ihre bezaubernde Schönheit und kennt die geheimsten Reize derselben. Wie wäre ohne dieses tiefe Empfinden die eigenthümliche lyrische Beimischung, die in den „Schnadahüpfln“ zu finden ist, möglich? Was sind die Modulationen des Jodlers anderes, als das Ueberströmen der Gefühlsansammlung, die ihren Ursprung nur in jenen Natureinwirkungen haben kann, welche nach unsern Begriffen lediglich den ästhetisch gebildeten Menschen berühren. Die Hochjagdschilderungen Kobell’s treffen hier das Richtige: es ist nicht die Beutegier allein, welche den Jäger hinaustreibt – der unsagbare Zauber des ganzen Beginnens fesselt und befriedigt. Wenn man einen „Wilpertschützen“ – nicht Wilddieb – fragen wollte, warum er auf die Hahnfalz gehe etc., so würde man sicher zum Oefteren die Antwort bekommen: „Weil’s halt in da Früha so viel schön is.“ Rechnet man zu all’ dem noch den Nimbus, mit welchem die Volkspoesie den Wildschützen umgiebt, so wird man nach der Anregung zum gefährlichen Handwerk nicht lange suchen müssen. Wer hat nicht schon das von den jungen Burschen mit besonderer Vorliebe gesungene Trutzliedl gehört:

„I bin da boarisch Hiasl;
Koa Jaga hot die Schneid,
Daß ea miar von mei’m Hüatl
Die Feda’n obikei(l)t.“

Diese Strophe allein charakterisirt das Verhältniß des Wildschützen zum Forstmann. Er soll als verwegener Bursche bekannt und gefürchtet sein, sein Handwerk nicht zu verhehlen brauchen und doch nicht erwischt werden. Das ist der Wildschütz des Volkes in seiner ursprünglichen Bedeutung, vielleicht auch der Verfechter eines eingebildeten Rechtes, der Tradition einer frühern Zeit. Von dieser zwar nicht entschuldbaren, aber eher verzeihlichen Sympathie profitiren jedoch auch alle jene Individuen, die mit solchen eben angedeuteten Originalen nicht in Vergleich gebracht werden können. Es existirt kaum ein Dorf im oberbaierischen Hochlande, in dem nicht von einer berühmten Persönlichkeit erzählt werden könnte, die in vorerwähnter Weise irgend ein verwegenes „Stückl“ ausgeführt hat, das zu Nutzen und Frommen der Nachwelt weiter vererbt wird. Wollte man die Schliche und Ränke alle erzählen, die gebraucht wurden, um den Wächtern des Gesetzes zu entgehen, dann müßte man Bände schreiben, und ebenso interessant wie originell würde eine Sammlung aller von Wilderern benützten Schußwaffen sein. Abschraubstutzen, zerlegbare Flinten, Flintenläufe mit Rinde überzogen, um als Bergstock zu passiren, Musketen, sogar Pistolen in wunderlichster Verfassung erwecken das Staunen der Unkundigen, und die Thatsache, daß man mit solchen Instrumenten eine Gemse zu erlegen vermag, bleibt dem Laien ein Räthsel. Und doch haben diese Waffen nicht allein dem Jäger gedient, sondern auch größtentheils in erbittertem Kampfe zwischen Menschen eine furchtbare Rolle gespielt. Die dunkelste Seite des Wildschützentreibens sind die fortgesetzten wüthenden Zweikämpfe zwischen Wilderern und Jägern; ein Cooper hätte sich aus den Bergen unstreitig noch manches Material für seine Schilderungen holen können. Es vergeht in neuester Zeit, die Vieles auch in diesen Zuständen zum Bessern gewandt hat, kein Jahr, in welchem nicht die bedauerlichsten Auftritte die unselige Verirrung blutig illustrirten. Viel schlimmer war es aber vor Jahrzehnten, und Fälle, wie sie sich jetzt nur sporadisch ereignen, waren damals an der Tagesordnung. Mancher alte Förster weiß die haarsträubendsten Geschichten aus seiner Dienstzeit zu erzählen und hat nicht nöthig Latein anzuwenden, um das Interesse des Zuhörers zu erregen.

So lebte vor Jahren in T. ein ehemaliger Forstgehülfe, der seiner Zeit der Verwegensten einer war, und welchen dieser Charakterzug sogar um den Dienst gebracht hat. Letzteres war allerdings sein eigenes Verschulden, und da der kühne Waidmann nicht mehr unter den Lebenden weilt, so ist es keine Indiskretion, wenn einige Episoden aus seinem Leben hier eine Stelle finden. Sie vermögen die vorher versuchte Schilderung vielleicht am besten zu ergänzen.

Einer der hervorragendsten Jagdbezirke unter der Regierung König Ludwig’s des Ersten war der Bezirk Berchtesgaden. Es wurde dort ein bedeutender Wildstand gehegt, sodaß die Vermehrung des Hochwildes, trotz der bezahlten Wildschäden, den Bauern sehr lästig wurde. Ein Pürschgang war damals seines Erfolges sicher und einiger Verdienst immerhin damit verbunden. Dem gegenüber stand aber ein auserlesenes Forstpersonal, und ein Stümper durfte kaum wagen, den gefährlichen Weg zu betreten. Trotzdem galt ein selbsterrungener „Gamsbart“ am Hute als ein Schmuck, nach dem jeder junge Bursche sehnsüchtig blickte. Des reinen Erwerbes halber wurde das Wildern hauptsächlich von Tiroler Wildschützen betrieben, die über die Grenze schlichen, einen feisten Hirsch holten und dann wieder verdufteten. Auf diese hatten es die königlichen Jäger besonders abgesehen, weil ein Rencontre mit „Tirolern“ fast immer einen Kampf auf Leben und Tod zur Folge hatte und in den für die Jagdaufseher ungünstigen Fällen die fremden Wilderer sich die grausamsten Repressalien gegen die Wächter des Gesetzes zu Schulden kommen ließen. Aufhängen zwischen zwei zusammengebogenen Tannen, Anbinden an einen der Sonnengluth ausgesetzten oder über einen Abgrund stehenden Baum, Ausdrücken der Augäpfel aus den Höhlen und andere raffinirte Verstümmelungen waren die Liebenswürdigkeiten, mit denen diese Leute ihre Opfer bedachten. Daß die Aufzählung solcher Torturen nicht auf Uebertreibung oder Erfindung beruht, vermögen manche jetzt noch lebende Forstveteranen zu bestätigen. Den Forstleuten blieb im günstigen Falle nichts übrig, als die attrapirten Bursche dem Gerichte zur Bestrafung vorzuführen. Manchmal sprachen allerdings die Kugeln ihr Wörtchen darein, und in diesem Falle wurde hüben wie drüben keinerlei Rücksicht geübt.

So standen die Verhältnisse, als der junge Hannickl als Forstgehülfe in das verschrieene Revier versetzt wurde. Ausgestattet mit allen wünschenswerthen Körpervorzügen, ein ausgezeichneter Jäger, ein tollkühner Bursche und von Uebermuth strotzend, machte er bald von sich reden; eine der ersten Fahrten auf dem Königssee mußte dazu dienen, ihn bei seinen Collegen vollgültig zu accreditiren.

Jeder Besucher des Königssees, der vom Landungsplatze aus nach St. Bartholomä fährt, kommt an der rechtseitig liegenden Falkenwand vorüber, die fast senkrecht in den tiefen See abfällt. Bis zu einer bedeutenden Höhe hinauf ist dieselbe nicht einmal mit Gras, geschweige denn mit Bäumen bewachsen; nur hier und da drängt sich ein Strauch aus den Felsspalten hervor. In ziemlich bedeutender Höhe über dem Wasserspiegel gewahrt man eine Art Nische in der Felswand, und in diese hat der fromme Sinn eines Bergbewohners schon vor langer Zeit ein Muttergottesbild, in Gestalt einer bemalten Statuette, hineingesetzt. Die Verbringung derselben an diesen Ort geschah, wie man erzählt, von oben herab, und war die Arbeit insofern nicht besonders halsbrecherisch, als mehrere Männer sich gegenseitig dabei unterstützten.

Es war an einem schönen Sommertage, als einige königliche Jäger, unter ihnen Hannickl, ein Schifflein bestiegen, um sich nach Bartholomä bringen zu lassen. Der junge Neuling konnte sich an der prachtvollen Scenerie nicht satt sehen und vermochte sein Entzücken kaum zu zügeln. Dies zog ihm einige spöttische Bemerkungen zu, und endlich fing man an, ihn zu hänseln. Das behagte dem jungen Brausekopf nun allerdings nicht, und in seinem Innern kochte und brodelte das heiße Blut. Einer der Jäger äußerte im Verlaufe dieser Unterhaltung, der junge Hannickl werde wohl hart thun, bis er sich an das Bergsteigen gewöhnt habe und schwindelfrei geworden sein würde. Dieser Angriff auf die Leistungsfähigkeit brachte die Bombe zum Platzen. Eben bog man um die Ecke und näherte sich der Wand, auf welcher die Heilige thronte.

„Wenn Ihr so fürnehme Bergsteiger seid, so zeigt es,“ rief der junge Jäger; „wer getraut sich, ohne etwas zurückzulassen, der lieben Frau einen Edelweißbuschen aufzustecken?“

Ein verächtliches Gelächter war die Antwort, und man erwiderte ihm, daß seine Unkenntniß ihn übersehen lasse, daß ein solcher Aufstieg zu den Unmöglichkeiten gehöre. Das hatte Hannickl zu hören gewünscht.

[459]

Endlich erwischt.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz übertragen von Professor K. Dielitz in Berlin.

[460] „Zur Wand!“ herrschte er den Schiffsleuten zu; „ich will Euch zeigen, was möglich und nicht möglich ist.“ Vergebens suchte man den Tollkühnen von seinem Vorhaben abzubringen; er wußte es schließlich zu erzwingen, daß man an der Wand beilegte; der verwegene Bursche schwang sich, mit der Büchse auf der Schulter, aus dem Kahne und trat den Weg an, den vor und nach ihm Niemand gemacht hat. Mit jeder Minute zeigten sich neue Schwierigkeiten; zollbreite Vorsprünge mußten willkommene Anhaltspunkte bieten; der Kletterer mußte sich über vorhängende Blöcke hinweghelfen; Finger, Kniee und Fußspitzen mußten helfen, und endlich war er glücklich oben angelangt. Ein heller Juhschrei bedeutete das Gelingen des Wagnisses, und dann beugte der Uebermüthige das Knie zu einem andächtigen Ave, denn der ungleich gefährlichere und schwierigere Theil des Unternehmens war noch zu vollbringen: der Abstieg. Alle die Stellen, welche vorher das Auge mühsam gefunden hatte, mußte nun der tastende Fuß suchen und erreichen – ein Fehltritt hätte den sichern Tod gebracht. Mit Grausen sahen die Cameraden des Verwegenen dem langsamen Vorrücken zu, das eine Muskelkraft, eine Geschmeidigkeit und Kaltblütigkeit erforderte, wie sie selbst unter diesen Leuten höchst selten ist. Endlich war’s gelungen; der Erschöpfte sprang in den Kahn und empfing die stürmischen Lobeserhebungen und Umarmungen von neugewonnenen Freunden, welche nie mehr ein spöttisches Wort über ihn hören ließen und ihn respectvollst behandelten. In St. Bartholomä floß natürlich der Wein in Strömen, und es gab ein Fest, wie selten eins im stillen Kloster gefeiert worden war.

Die Kunde von dem Abenteuer des jungen Forstgehülfen drang zu den Ohren des Königs; derselbe ließ sich den Gesellen vorstellen und machte ihm ein königliches Geschenk; zudem gewann der junge Forstmann so sehr die Gunst des Monarchen, daß er ihn häufig ganz allein auf Jagdgängen und sonstigen Streifereien in den Bergen begleiten mußte. Das Ereigniß selbst prägte sich jedoch dem Helden desselben unauslöschlich ein, und jedes Mal, wenn er nach langen Jahren, längst der Thätigkeit als Jäger entrissen, im Kreise von Bekannten diesen Vorgang schilderte, übermannte den alten Mann die Erinnerung an die aufregende Stunde so, daß seine Augen sich mit Thränen füllten. Daß ein solcher Mensch bald ein Schrecken der Wilderer werden mußte, ist natürlich; war es ja doch der höchste Ruhm, als der gefürchtetste Jäger im Reviere zu gelten. Ein gefährlicher Ruhm, denn jede Wildschützenkugel war in erster Linie für ihn gegossen und er konnte unter keinen Umständen auf Schonung rechnen. Das kümmerte Hannickl jedoch nicht viel; es verging kaum eine Woche, in der er nicht ein Abenteuer bestanden hätte.

So ging er einstens ohne Büchse, nur mit einem derben Stocke versehen, in der Abenddämmerung von Königssee nach Berchtesgaden zurück. Unterwegs fing der ihn begleitende Dachshund plötzlich zu knurren an; der etwas angeheiterte Jäger folgte den Blicken des Hundes und gewahrte oben an einem Hange in einer Lichtung zwei Gestalten, mit Flinten versehen, auf dem Anstande sitzend.

Der Forstgehülfe besinnt sich nicht lange; behutsam schleicht er sich von der Seite gegen den Standpunkt der Wilderer hinauf, springt hinter einen Baum, hält den Stock an die Backe und donnert den überraschten Wilderern ein lautes „Gewehr ab, oder es blitzt!“ entgegen. Die Burschen sehen den Jäger im Anschlage, wissen, daß derselbe schon oft furchtbaren Ernst gemacht hat, legen schleunigst die Gewehre ab und suchen ihr Heil in der Flucht. Der Jäger versichert sich sofort der Schußwaffen und setzt dann den Fliehenden nach, von denen er einen erwischt und sammt den beiden Abschraubstutzen beim Landgerichte einliefert.

Ein anderes Mal brach er, in einer Almhütte von Wilderern eingeschlossen, durch das Dach und stand plötzlich vor zwei mit Beute beladenen, ahnungslosen Jagdfrevlern, die nicht Zeit fanden, ihre Gewehre zu gebrauchen. Mit gespannter Büchse trieb er sie drei Stunden vor sich her und zwang sie, selbst den gefürchteten Weg zum Landgerichte einzuschlagen. Die Leute wußten ganz genau, daß die Drohung, Hannickl werde beim ersten Fluchtversuche den Ausreißer niederschießen, eine ausgesprochene Lebensgefahr bedeute.

In einer sogenannten Brennerhütte gerieth der Gleiche einmal mit einigen höchst zweideutigen Burschen zusammen. Dieselben waren unbewaffnet und schienen friedliche Holzarbeiter zu sein. Der reichlich genossene Enzianschnaps that jedoch das Seinige, und binnen kurzer Zeit war der Jäger in den heftigsten Disput mit den Burschen gerathen. Ein Wort gab das andere; schließlich kam es seitens der Uebermacht zu Drohungen. Hierdurch auf’s Höchste gereizt, rief der Jäger den Burschen zu, sie könnten ihm nichts anhaben, er wolle es auf die härteste Probe ankommen lassen. Er übergab dem Brenner Büchse und Knicker, ließ sich die beiden Daumen zusammenbinden und stellte sich dann in die Mitte des kleinen Gemachs, die verblüfften Gäste zum Angriff herausfordernd. Dieser ließ nicht lange auf sich warten, allein der kräftige, gewandte Jägersmann gebrauchte Füße, Ellenbogen und Kniee mit solchem Nachdrucke, daß ihm nach kurzer Zeit der Sieg vollständig zugesprochen werden mußte. Allerdings kostete es dem Veranlasser dieser Kraftübung ein hübsches Stück Geld, denn der Brenner wollte für ein paar zertrümmerte Tische, Bänke und Fenster eben auch entschädigt sein.

An einem unglücklichen Tage gelang es seinen Feinden ihn zu überwältigen und sich seiner zu bemächtigen; man schleppte ihn weit vom Wege ab durch Dick und Dünn auf einen freien Platz, wo förmlich Gericht über ihn gehalten wurde. Alle möglichen Vorschläge wurden gemacht, dem Gehaßten die Rache des Wildschützen recht fühlbar zu machen; nichts schien für den Berchtesgadner Teufel schlimm genug; endlich wurde ein wahrhaft höllischer Vorschlag acceptirt. Der gebundene Jäger wurde zu einem großen Ameisenhaufen geschleppt; seine Hände band man rechts und links an Baumstämmchen an und grub nun seinen Kopf in den Ameisenhügel ein. Nachdem die Unmenschen noch mit Prügeln an dem Wehrlosen ihr Müthchen gekühlt hatten, gingen sie ihres Weges, in der sicheren Voraussetzung, den Gehaßten einem qualvollen Tod überlassen zu haben. Der Gemarterte machte alle Anstrengung, sich zu befreien, schon waren die lästigen Thiere in Nase und Ohren eingedrungen und peinigten den Armen auf die entsetzlichste Weise. Halb wahnsinnig vor Wuth und Schmerz gelang es ihm endlich die Bande abzustreifen, obschon Haut und Fleisch dadurch bis auf die Knochen zerfetzt wurde. Einige Wochen lang mußte der Unverwüstliche das Zimmer hüten, dann aber ging’s wieder auf die Fährte. Es dauerte nicht lange – da fand man eines Tages einen Wilderer mit einem Schusse durch den Kopf. Niemand vom Jagdpersonal wollte etwas von einer Begegnung mit dem Erschossenen, der einer der berüchtigtsten Wildschützen der Grenze war, wissen. Die Besuche von dieser Seite her wurden jedoch seltener.

Bei allem dem fehlte es ihm nicht an jener Gutmüthigkeit und Herzensgüte, die allen Naturmenschen eigen ist. So gelang es ihm einmal nach vielen fruchtlosen, sauren Gängen eines Wilderers habhaft zu werden, und ohne Verzug ward der Gang zum Markte Berchtesgaden angetreten. Der Ertappte war ein dem Jäger wohlbekannter Bauerssohn aus der Gegend, und es ging dem Forstgehülfen fast etwas nahe, denselben in’s Gefängniß liefern zu müssen. Nicht weit vom Bestimmungsorte hörte er hinter sich rufen, und ein Mädchen eilte herbei, welches händeringend um Freigabe des Gefangenen flehte. Als sie unter Jammern und Weinen erzählte, daß Letzterer in acht Tagen mit ihr hätte Hochzeit machen sollen und nun ihr ganzes Lebensglück vernichtet sei, wurde Hannickl weich und gab nach unter dem Vorbehalt, daß er an höherer Stelle diesen Vorfall berichten werde, um im gegebenen Falle keiner Pflichtverletzung geziehen zu werden; wenn’s unglücklich für die Liebenden ausfalle, wüßte er den „Wastl“ immer wieder zu finden. Andern Tages begab er sich schnurstracks – zum König, bei welchem er sich Gehör zu verschaffen wußte. Ludwig der Erste war edel genug, dem Forstgehülfen volle Absolution zu ertheilen, denn die königliche Gnade hatte oft genug mitsprechen müssen, wenn einer der tollen Streiche, die Hannickl nicht selten vollführte, seiner verhängnißvollen Wirkungen entkleidet werden mußte.

Der Krug geht jedoch so lange zum Brunnen bis er bricht. Dieses Sprüchwort sollte sich auch an dem Berchtesgadner Forstgehülfen bewähren. Er kam eines Tages in ziemlich angeheitertem Zustande in ein Wirthshaus des Marktes und wurde von den Anwesenden wegen seiner zweifelhaften Nüchternheit aufgezogen. Gereizt, behauptete er völlig nüchtern zu sein und erbot sich zum Beweise dafür, einen Meisterschuß zu thun. Er riß die Büchse von der Schulter, legte an und schoß durch das Fenster und dem eben vorübergehenden – Ortsgeistlichen den Hut vom Kopfe. Es versteht sich von selbst, daß ihm der Proceß gemacht wurde, [461] der mit einer Freiheitsstrafe und der Cassation endete. Dennoch setzte ihm der gute König später einen Gnadengehalt aus, welchen Hannickl bis zum Tode bezog. Der ehemalige Forstmann lebte bis in die sechsziger Jahre in der Stadt Traunstein, wo er als wackerer Zecher und braver Mann bekannt und wohlgelitten war.

Die Verhältnisse haben sich nach vielen Richtungen hin zwar vollständig geändert, aber in der Hauptsache, der Thatsache des Wilderns und des strengen Forstschutzdienstes, ist keine große Besserung eingetreten. Jagdfrevler streifen oft bandenweise herum, und in solchen Fällen ist das Einschreiten eines einzelnen Forstbeamten ganz undenkbar. Einzelne Wilderer gehen mit außerordentlicher Schlauheit zu Werke. Hoch oben in den Bergen haben sie ihren Schlupfwinkel, in welchem Gewehre, Schießbedarf und Toiletteartikel verborgen sind. Letztere spielen eine große Rolle, denn wenige auf eigene Faust jagende Freibeuter unterlassen es, sich vor Ausübung ihres Gewerbes so unkenntlich wie möglich zu machen. Entweder ist’s eine schwarze Larve, die vor’s Gesicht gebunden wird, oder der Wilderer bestreicht sein Gesicht mit Kienruß und Kreide, um die Gefahr des Erkanntwerdens möglichst zu beseitigen. Mancher harte Strauß wird noch an einsamen Stellen ausgefochten, und oft endet ein pflichttreuer Forstmann durch die Kugel eines unbekannt bleibenden Mörders.

Hoffentlich wird die Zeit bald kommen, in der die Begriffe von Recht und Unrecht auch auf die jagd- und beutelustigen Abenteurer in den Bergen so mächtig einwirken, daß der tiefgewurzelte Unfug des Wilderns nach und nach aufhört.

Die leidenschaftlichen Wildschützen – ausgenommen die Wilddiebe – sind nebenbei meist tüchtige Hausväter und sogar ganz gewissenhafte Leute, denen es sicher nie einfallen würde, das Eigenthum eines Andern zu berühren oder einem Dritten zu nahe zu treten. Wer nicht den goldgestickten Kragen des Forstmanns oder des Gensd’armen trägt, ist beim Wilderer so sicher wie zu Hause. Die unselige Verblendung, welche einen Jagdgang als ein dem freien Manne gebührendes Recht betrachtet, sieht eben in dieser Art der Gesetzesübertretung kein Unrecht, und eine Freiheitsstrafe wegen einer solchen wirft keinen Schandfleck auf den Entlassenen, so unbarmherzig die Volkssitte auch sonst mit einem gebrandmarkten Zuchthäusler verfährt.[1]

B. Rauchenegger.


  1. Wir können nicht unterlassen, unsere Leser noch besonders auf das vortreffliche Bild des Prof. K. Dielitz in Berlin hinzuweisen, welches wir diesem Artikel als charakteristische Illustration in einer wohlgelungenen Holzschnitt-Wiedergabe beifügen.
    D. Red.