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Wiener Hofleben zur Zeit Maria Theresia’s

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Textdaten
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Autor: Johannes Scherr
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Titel: Wiener Hofleben zur Zeit Maria Theresia’s
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 473–475
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Wiener Hofleben zur Zeit Maria Theresia’s.

Von Johannes Scherr.

Man ist mit Ertheilung des Eigenschaftswortes „groß“ heutzutage viel weniger freigebig als früher, und seitdem nicht mehr phantastische Ueberschwänglichkeit und gelehrter Servilismus, sondern nüchterne Kritik und patriotischer Sinn die Wage der Geschichtschreibung halten, dürften gar viele „Größen“ von ehemals zu leicht befunden werden. Es überkommt uns ein Gefühl der Scham, wenn wir sehen, daß vordem Fürsten, wie August der Starke von Sachsen, als „Große“ angeschmeichelt wurden, Fürsten, die meist nur im Laster groß gewesen sind. Die Anschauungen der Epoche des brutalen wie des aufgeklärten Despotismus, daß das Sittengesetz nur für den „gemeinen Haufen“, nicht aber für die Fürsten und Vornehmen verbindlich sei, ist in verdiente Verachtung gefallen, und wir bekennen uns zu der Ansicht, daß nur der gute Mensch ein wahrhaft großer sein könne.

Ist man, in Anwendung des Gesagten auf Maria Theresia, berechtigt, noch ferner von ihr als der „großen Kaiserin“ zu sprechen? ..... Ich glaube diese Frage aus vollem Herzen bejahen zu müssen. Sie war vielleicht die schönste Frau ihres Jahrhunderts, und jedenfalls war sie eine der bedeutendsten und edelsten desselben. Es wollte fürwahr in jener Zeit kolossaler Sittenverderbniß schon Etwas sagen, wenn eine unbeschränkte Herrscherin, deren Temperament noch dazu ein sehr feuriges war, von Freund und Feind als makellos nicht nur, sondern als das Muster einer Gattin, Hausfrau und Mutter anerkannt wurde. Sie war Despotin, ja; aber sie hat es mit dem „patriarchalischen“ Despotismus wenigstens ernst und redlich genommen und die Pflichten desselben gewissenhaft erfüllt. Sie hat für Oesterreich Vieles, ja in Betracht der Umstände sogar Großes gethan. Sie war es, welche den Staat aus seiner bodenlosen mittelalterlichen Versumpfung herauszureißen begann, und der Grad, in welchem sie die Bedürfnisse der Zeit erkannte, muß als ein um so höherer geschätzt werden, wenn man bedenkt, daß Maria Theresia am Hofe Karl’s VI. aufgewachsen ist, an einem Hofe, wo hispanische Bornirtheit, hispanischer Hochmuth und hispanische Bigoterie noch einmal in vollster Glorie sich breit machte. Und Maria Theresia hatte nicht nur den eigenen, sondern auch fremden Völkern gegenüber das Bewußtsein der Pflicht und des Rechts. Was auch ihre Fehler als Herrscherin sein mochten – und sie hatte deren genug – Etwas besaß sie, was der verworfenen Cabinetspolitik des 18. Jahrhunderts ganz abhanden gekommen war: ein Gewissen. Als Friedrich der Große – allerdings nur, um Katharina der „Großen“ zuvor- oder vielmehr halbwegs entgegenzukommen – das ausgesonnen hatte, was ein ungeheures Verbrechen und noch dazu ein ungeheurer politischer Fehler war, die Theilung Polens, da regte sich nur in Maria Theresia ein sittliches Bedenken, über welches Friedrich und Katharina als über eine Kinderei weit hinweg waren. Ihr berühmtes Handbillet an Kaunitz in dieser Sache ist meines Erachtens das schönste Document für Maria Theresia’s Ruhm. Sie fühlte tief und sprach es lebhaft aus, daß „in dieser Sach nit allein das offenbare Recht himmelschreiet wider uns, sondern auch die gesunde Vernunft wider uns ist,“ und man darf ihr glauben, daß sie „die Sachen nit ohne größten Gram ihren Weg gehen ließ,“ nur „weil sie allein war und nit mehr en vigueur.“ In der Vollkraft ihrer Jahre und Energie hätte die Kaiserin sicherlich in die Theilung von Polen nicht gewilligt.

Das Gefühl unumschränkter Machtvollkommenheit war in der letzten Habsburgerin gewiß so stark wie in irgendeinem ihrer Vorfahren. Aber es gesellte sich mildernd und sänftigend dazu ein Zug schöner Menschlichkeit und edelster Weiblichkeit. Ihrem Gemahl, dem flatterhaften Franz von Lothringen, mit zärtlicher, ja leidenschaftlicher Neigung zugethan, wußte sie ihm dennoch seine kleinern und größern Treulosigkeiten zu verzeihen. Noch mehr, sie vermochte es auch über sich, ihren Nebenbuhlerinnen zu verzeihen. Es ist ein Beweis von erstaunender Seelengröße, daß die Kaiserin, vom Sterbebette ihres hochgeliebten Gemahls kommend, es über sich vermochte, der letzten Favoritin des Kaisers, der verlassen und mißachtet in einer Ecke stehenden und bitterlich weinenden Fürstin Auersperg-Neipperg, tröstend zu sagen: „Meine liebe Fürstin, wir haben wahrlich viel verloren!“ Heutzutage zucken wir über die sogenannte „Landesväterlichleit“ die Achseln und zwar mit Recht; wir wissen ja, was dahinter ist. Im Sinne Maria Theresia’s aber war die Landesmütterlichkeit eine Wahrheit. Sie betrachtete sich in der That als die Landesmutter Oesterreichs, ihre Völker als eine Art erweiterter Familie, und sie hat diese Anschauungsweise nicht selten in herzgewinnend-naiver Form ausgeprägt. So, wenn die Kaiserin, nachdem sie die Nachricht erhalten, daß ihrem Sohne Leopold in Florenz sein erster Sohn geboren worden, im Nachtkleid in’s Burgtheater läuft, um in ihrer großmütterlichen Freude aus ihrer Loge dem Publicum zuzurufen: „der Pold’l hat ’n Bub’n!“ ein Zug, dessen Echtheit bezweifelt worden, den aber ein neuerdings von Karajan aufgefundener Brief Metastasio’s an seinen Freund Azzoni in Siena (vom Febr. 1768) als historisch bestätigt hat.

Der Wiener Hof war unter Karl VI. bei aller Verschwendung – die einmalige Ausführung einer Oper kostete nicht selten 60,000 Gulden – eine Stätte spanischer Grandezza, Etikette und Langweile gewesen. In der damals vollständigen Entnationalisirung der habsburgischen Familie änderte der Regierungsantritt Maria Theresia’s wenig oder nichts. Erst mit und durch Joseph II. wurde das deutsche Element in der Wiener Hofburg wieder bedeutender. In die hispanische Atmosphäre derselben hatte Franz von Lothringen eine gute Dosis französischer Beweglichkeit gebracht und auch, soweit sein Einfluß reichte, ein Stück französischer Frivolität. Unter Maria Theresia war die italienische Sprache die in der kaiserlichen Familie bevorzugte und demnach Hofsprache. Der süße Metastasio, von dem man mit Anwendung eines Grabbe’schen Grobianismus zu sagen versucht ist, er stinke vor Süßigkeit, war Hofpoet und galt für das Non plus ultra eines Dichters. Von dem Aufschwunge deutscher Literatur nahm man in den vornehmen Kreisen keine Notiz. Die Erziehung innerhalb derselben war überhaupt eine sehr unzulängliche, die Bildung eine sehr dürftige. Mit der Sittlichkeit war es in diesen Kreisen auch nicht eben vortrefflich bestellt. Weder das Beispiel der Kaiserin noch ihre „Keuschheitscommissionen“ brachten mehr zuwege, als daß, wie ein englischer Tourist von damals sich ausdrückte, in Wien die Galanterien unter einem mysteriöseren Schleier sich bargen, als dies gleichzeitig anderwärts der Fall war. Die Hofhaltung gestaltete sich, nachdem nur erst die herben Prüfungen des Erbfolgekriegs überstanden waren, sehr glänzend und geräuschvoll. Kaiser Franz liebte das Vergnügen, und Maria Theresia ließ ihrem Gemahl hierin um so mehr freien Willen, da sie selber, zumal in jüngeren Jahren, einer heitern, glanzvollen, an buntwechselnden Zerstreuungen reichen Lebensführung zugeneigt war. Die Einrichtung des Hofstaats war reich und prächtig. Im kaiserlichen Speisesaal funkelte bei festlichen Gelegenheiten ein goldenes Tafelservice im Werthe von 1,300,000 Gulden. In den Hofställen standen 2200 Pferde. Zu den Banketten, Caroussels, Opern und Bällen in der Burg, in den kaiserlichen Lustschlössern und Gärten wurden oft 2000 Gäste geladen. Der ganze Hofhalt kostete jährlich an 6 Millionen Gulden, eine Summe, die uns heutzutage nicht sehr groß vorkommt, welche aber für eine Zeit, wo der Millionenschwindel noch nicht erfunden war, bedeutend genug war. Friedrich der Große verbrauchte für seinen Junggesellenhofhalt in Potsdam und Sanssouci bekanntlich jährlich nicht mehr als 220,000 Thaler. Freilich mußte er sich bei solcher Sparsamkeit und seiner ganzen Art zu leben gefallen lassen, daß er in seiner eigenen Familie nicht anders als der „alte Sauertopf“ hieß und daß Besucher seines Hofes fanden, die Anwesenheit des Königs „verscheuche jedes Gefühl des Behagens und der Freude“.

Seine Glanzperiode erlebte der Wiener Hof unter Maria Theresia in der Friedenszeit zwischen dem zweiten schlesischen und dem siebenjährigen Kriege (1745–56). Versuchen wir es in möglichster Kürze, durch Hervorhebung einzelner Züge den Charakter dieses Hoflebens zu veranschaulichen. An authentischem Material hierzu fehlt es nicht, insbesondere seitdem A. Wolf die Memoiren des Fürsten Joseph von Khevenhüller, Oberstkämmerers Kaiser Franz I., auszüglich veröffentlicht hat.

Maria Theresia war eine devote Katholikin, und die Art und Weise, wie der Hauptrepräsentant des Protestantismus im Reiche, Friedrich von Preußen, gegen sie verfahren war, konnte sie unmöglich dem Lutherthum geneigt machen. Man weiß, welche Mühe [474] es kostete, ihr die Einwilligung in die Aufhebung des Jesuitenordens zu entreißen. Sie nahm es mit den Vorschriften und Bräuchen ihres Glaubens sehr genau, hielt gewissenhaft die Fasttage, hörte häufig zwei Messen täglich, jedenfalls aber eine, und ging in den Buß- und Bittprocessionen mit, welche in Zeiten der Noth und Gefahr vom St. Stephan aus durch die Stadt sich wanden und oft wochenlang fortgesetzt wurden. Zur Osterzeit besuchte sie mit ihrer ganzen Familie und mit dem ganzen Hofe die sogenannten heiligen Gräber in sämmtlichen Kirchen, wo ein solches hergerichtet war. Man mußte also am Wiener Hofe fromm sein oder wenigstens so thun, als wäre man es. Für die Kaiserin war es eine besondere Herzensfreude, der Einkleidung von Nonnen anzuwohnen. Ward eine Dame aus den höfischen Kreisen Nonne, so legte Maria Theresia bei der Einkleidungsceremonie selber mit Hand an. So half sie z. B. im Jahre 1753, als die schöne siebzehnjährige Elisabeth von Lamberg, Tochter des gleichnamigen Fürsten, den Schleier nahm, die „geistliche Braut“ mit ankleiden. Es gehörte überhaupt zur Politik der Kaiserin, die vornehmen Familien Oesterreichs als zu ihrer Familie gehörig zu betrachten. Sie trug Sorge, die Aristokratie nach Wien zu ziehen, und hat dann in allerdings gewinnendster Weise an den persönlichen Freuden und Leiden dieser Leute theilgenommen, nicht allein aus Politik, sondern auch in Folge eines löblichen Antriebs ihrer Gutherzigkeit, ihrer fraulichen Hülfsbereitschaft. Mitunter freilich wurde diese wohlwollende Betheiligung zur lästigen Bemutterung, als welche sie sich hauptsächlich in der Form jener Verheirathungsmanie äußerte, um deren willen die Kaiserin berufen gewesen ist.

Der von lange her datirenden Verausländerung der Habsburgischen Dynastie zum Trotz und zum Trotz auch der welschen Erziehung, welche sie selber erhalten, war und blieb in Maria Theresia die deutsche Familienhaftigkeit der stärkste Charakterzug. Das bewährte sich, wie nach auswärts, so auch und noch entschiedener im Kreise der eigenen Familie. Die Kaiserin setzte ihren Stolz darein, eine rechte Hausmutter zu sein, und es war ihr dabei keineswegs um den bloßen Schein zu thun. Selten hat eine Frau ihre Mutterpflichten treuer erfüllt als sie, und es muß ihr nachgerühmt werden, daß sie ihre Kinder mit bürgerlicher Strenge erzog. Wenn die meisten derselben dieser Erziehung nicht eben Ehre machten, so war das wahrlich nicht die Schuld der Mutter, welche wohl verdient hätte, bessere Töchter als Karoline von Neapel und klügere als Maria Antoinette zu haben[1] …. Die Kaiserin gebar sechszehn Kinder. Die Taufacte derselben wurden stets zu Festen für Hof und Stadt. Die glänzendsten Festtage jedoch waren der Namenstag des Kaisers und der auf den 15. October fallende Theresientag. Da war die Hofburg oder das Lustschloß Schönbrunn von einem farbenschimmernden Gedränge erfüllt. Militärischer Pomp und höfischer Prunk im vollsten Glanze. Umständlichst feierliche Auffahrt der Großwürdenträger und der fremden Gesandten. Der Audienzsaal voll rother und blauer Bänder und goldener Vließe, voll Damenschönheit und Juwelengefunkel. Die ungarischen Magnaten, welche Herren Maria Theresia sehr unterwürfig zu erhalten wußte, in der ganzen Pracht ihres malerischen Costüms. Kaiser und Kaiserin erschienen in der spanischen Hoftracht, welche für Wien noch immer die officielle war. Große und gewiß gehörig langweilige Ceremonie des Handkusses. Abends dann Ball und prächtiges Souper. In der Regel war bei solchen Festen schon vor Mitternacht, ja sogar schon vor 11 Uhr Abends Alles zu Ende. Bei den weniger steifen Familienfesten in der Burg wurden von den jungen Erzherzogen und Erzherzoginnen kleine Concerte oder auch Komödien und Operetten aufgeführt. Aus dem Jahre 1775 wird von einer solchen dramatischen Aufführung gemeldet, welche das Eigenthümliche hatte, daß die prinzlichen Acteurs und Actricen ihre Rollen in verschiedenen Sprachen gaben. Theatralischer Hauptfaiseur war Metastasio.

Der Wiener Fasching stand zu Maria Theresia’s Zeit noch in der vollen Herrlichkeit seiner geräuschvollen Lust. Der Hof betheiligte sich eifrigst daran. In raschem Wechsel folgten sich Concerte, Bälle, Schlittenfahrten, Glücks- und Komödienspiele aller Art. Die Kaiserin war eine große Liebhaberin von Maskeraden und Maskenbällen. Sie liebte es, ihren Gemahl, der seinerseits ein standhafter und glücklicher Hazardspieler war, mit allerlei Maskenscherz zu necken und ihm allerlei artige Überraschungen zu bereiten. Leider finden wir, daß die sonst so verständige Frau die Schwäche hatte, neben den Maskenbällen auch den Unsinn und Unfug der Kinderbälle zu begünstigen, welcher also schon damals grassirte. Des Kaisers Beispiel hinwiederum steigerte die in den höfischen Kreisen mehr und mehr eingerissene und mittelst des Lotto bedauerlicher Weise auch dem Volke mitgetheilte Spielwuth. Eine vornehme Wiener Dame comme il faut mußte eine tüchtige Spielerin sein. Eine der kühnsten war jedenfalls die letzte Maitresse des Kaisers, die schon erwähnte Fürstin von Auersperg: man sah sie eines Abends 12,000 Dukaten auf eine Karte setzen und verlieren. Ein andermal verlor sie im Würfelspiel auf zwei Sätze 4000 Dukaten. Maria Theresia vermochte hieran nichts zu ändern, so wenig wie an den Sitten ihres Ministers Kaunitz. Der berühmte Staatsmann hatte die unehrerbietige Gewohnheit, wenn er zur Audienz bei der Kaiserin fuhr, seine beiden Maitressen im Wagen mit sich zu nehmen und sie am Thore der Hofburg auf sich warten zu lassen. Er durfte sich erlauben, diese Unverschämtheit mit einer noch größern zu krönen. Denn als ihm Maria Theresia eines Tages über die erwähnte Gewohnheit, sowie über seinen Lebenswandel überhaupt Vorstellungen machte, schnitt er diese kurz ab mit den Worten: „Madame, ich bin hieher gekommen, mit Ihnen Ihre eigenen, nicht aber meine eigenen Angelegenheiten zu verhandeln.“ Man ersieht aus alledem, daß die österreichische Aristokratie nicht gerade sich beeiferte, die Sittenstrenge ihrer Herrscherin nachzuahmen. Was freilich die Spielwuth und sonstige Verschwendungssucht der vornehmen Kreise angeht, so ist Grund vorhanden, zu glauben, daß Maria Theresia aus politischen Gründen sich nicht sehr dagegen gestemmt habe, daß die großen Herren und Damen sich ökonomisch ruinirten. Wurden sie doch hierdurch nur zahmer, abhängiger und unterthäniger!

Es muß der Kaiserin sehr schwer gefallen sein, die unbehülfliche Corpulenz ihrer späteren, besonders ihrer spätesten Jahre zu ertragen. In ihren früheren war sie voll rascher Beweglichkeit und liebte deshalb den Aufenthalt auf dem Land und das Reisen. Schönbrunn und Laxenburg sind ihre und ihres Gemahls Schöpfungen. Das erstere hat Maria Theresia aus einem kleinen Jagdschloß zu einem kaiserlichen Prachtsitz gemacht. Es verdient bemerkt zu werden, daß sie wollte, nicht nur die kaiserliche Familie und der Hof, sondern auch die Bewohner Wiens sollten sich an Schönbrunn erfreuen können. Sie gab dem Publicum den Eintritt frei und erlaubte, daß in einem der Nebengebäude eine Wirthschaft sich etablirte, damit die guten Wiener beim Besuche des Schlosses und der Gärten auch der leiblichen Erquickung nicht ermangelten. Es gehörte zu den sommerlichen Sonntagsfreuden eines echten Wiener Kindes, seine stattliche Kaiserin durch die Baumgänge von Schönbrunn wandeln zu sehen. Damals waren noch „die schönen Tage von Aranjuez“ des Absolutismus. Seither hat die Menschheit trotz alle- und alledem eine nicht ganz unbedeutende Schwenkung nach links gemacht. Unsern Urenkeln dürfte die Unterthanen-Unterwürfigkeit des 18. und 19. Jahrhunderts nicht weniger abgeschmackt vorkommen, als uns heutzutage das Hexenwesen des sechszehnten und siebzehnten. Aber freilich, das Volk glaubt noch heute an Hexen……

Maria Theresia wußte, daß sie schön sei – welche schöne Frau wüßte das nicht, und welche unschöne bildete sich’s nicht ein? – und sie ist zur Zeit, wo sie noch einen Ausdruck von ihr selbst zu gebrauchen, „en vigueur“ war, eine große Toilettenkünstlerin gewesen. Ihr Lieblingsanzug war eine Robe von Silberbrokat mit blauem Leibchen, welches mit Diamanten besät sein mußte. Im gepuderten Haare trug sie Brillanten, noch lieber aber Perlen. Ihre ganze Erscheinung und Haltung war voll Würde und Anmuth. Sie wußte zu repräsentiren und verstand es besser als irgend eine Monarchin vor oder nach ihr, bei Gelegenheit die Majestät [475] herauszukehren. Sonst trat sie gerne den Leuten menschlich näher und ließ sich in gemüthlichem Wienerisch gegen sie aus. Bekannt ist unter den Scenen dieser Art aus ihrem Leben besonders die, wo sie den trefflichen Aufklärer Sonnenfels, als er sich bei ihr über stupide Chicanen seitens der Censur beschwerte, mit den Worten tröstete: „Was ist’s halt’r wieder ? Seciren sie Ihn schon wieder? Was wollen sie Ihm denn? Hat Er etwas gegen Uns geschrieben? Das ist Ihm von Herzen verziehen. Ein rechter Patriot muß wohl manchmal ungeduldig werden. Ich weiß aber schon, wie Er’s meint. Oder gegen die Religion? Er ist ja kein Narr. Oder gegen die guten Sitten? Er ist ja kein Saumagen. Aber wenn Er etwas gegen die Minister geschrieben hat, ja, mein lieber Sonnenfels, da muß Er sich selbst heraushauen, da kann ich Ihm nicht helfen. Ich hab’ Ihn oft genug gewarnt.“ Man erkennt, denk’ ich, an dieser Probe, daß Maria Theresia den berüchtigten Er-Styl liebenswürdig zu handhaben verstand.

Das Hofleben zur Sommerzeit in Schönbrunn und Laxenburg war, große Galatage ausgenommen, weniger etikettenhaft gezwungen und geschnörkelt als das winterliche in der Hofburg zu Wien. Doch verliehen schon Tracht und Mode von damals der höfischen Gesellschaft, selbst wenn sie sich auf dem Lande bewegte, d. h. in den Alleen und Boskets der kaiserlichen Lustschlösser, etwas Abgezirkeltes, Ceremoniöses. Man vergegenwärtige sich nur diese feinen Cavaliere im französischen Hofkleid, weiten, mit Gold und Silber gestickten Röcken, fliegenden Halsbinden von feinster holländischer Leinwand, seidenen Inexpressibles, ditto Strümpfen mit blitzenden Diamantschnallen auf den zierlichen Schuhen, in gemessenem Menuetgang einherschwebend; und diese schönen Damen, von deren Wespentaillen die schwerbauschigen, mit Guirlanden behangenen Seidenroben niederstießen und deren Füßchen in Atlasschuhen mit zollhohen Hacken stecken, ein Roth, das nicht die Natur, sondern der Schminktopf spendete, auf den Wangen, auf dem Kopfe einen babylonischen Thurmbau von Haarwülsten, Fischbein, Draht, Taffet, künstlichen Blumen und Puder. Du lieber Gott, es war kein Wunder, daß beim Anblick solcher Unnatur unsere „Stürmer und Dränger“ so heftig nach Natur geschrieen haben. Aber sind wir berechtigt, jene Zeit der Unnatur zu beschuldigen, wir, die wir es in der „Umkehr“ unter Anderem auch glücklich wieder zum Reifrock gebracht haben? ... Die Wiener Hofherren und Hofdamen zur Zeit Maria Theresia’s durften jedoch nicht ihrem eigenen Geschmack und Schneidergenie folgen. Es war ihnen, abgesehen von der gewöhnlichen Hoftracht, für Schönbrunn und Laxenburg noch eine besondere vorgeschrieben: für Herren rothe Fräcke, goldbordirte Oberröcke und grüne Westen mit goldener Einfassung – jeder Zoll ein Papagei! – für die Damen rothe Roben oder „Säcke“ (sacs) mit Gold oder Silber durchwirkt und mit Blenden verbrämt.

Die ländlichen Vergnügungen des Hofes waren meist harmloser Natur. Obenan stand eine aus der Zeit Karl VI. herübergenommene Uebung, das Scheibenschießen der Damen, an welchem nur diese theilnehmen durften, die jungen Erzherzoginnen an der Spitze. Die Kaiserin vertheilte die Preise. Im Frühjahr und Herbst war eine sehr beliebte Morgenunterhaltung – die Falkenbeize, deren Bräuche genau nach der mittelalterlichen Ueberlieferung eingehalten wurden. Die Damen betheiligten sich, Maria Theresia voran, an diesem Vergnügen und ebenso an dem der Hirschpirsch. Abends war in der Regel Theater; doch wurden von einer zu diesem Zwecke verschriebenen Truppe nur französische Komödien und Possen aufgeführt. Sehr oft ward der Tag mit einem improvisirten Ball beschlossen, wobei hauptsächlich Contretänze und Allemanden getanzt wurden, oder auch mit einer Maskerade, einer Lotterie, einem Feuerwerk. Zur Herbstzeit spielte der Hof Weinlesen. Der gute Khevenhüller hat in seiner gravitätisch hölzernen Manier so eine Laxenburger Weinlese vom 22. October 1758 beschrieben und nicht vergessen, gewissenhaft aufzuzeichnen, daß dabei „über einen halben Eimer rothen und mehr als zwei Eimer weißen Weines ausgepreßt wurden.“ ... Im Ganzen wird man zugeben müssen, daß Maria Theresia’s Hof in sittlicher oder wenigstens in anständiger Haltung weit über den meisten Höfen von damals stand. Dagegen fällt der Mangel an geistiger Regsamkeit auf. Diese Wiener Hofkreise waren von der Strömung des Jahrhunderts so wenig berührt, als hätten sie im Monde gelebt.

  1. Es dürfte nicht uninteressant sein, anzumerken, wie damals eine österreichische Erzherzogin erzogen wurde. Die Instruction, welche Maria Theresia für die Erziehung ihrer Tochter Josepha entwarf, lautete im Wesentlichen so: „Sie soll oft ausgehen, in Speisen sehr einfach gehalten werden. Sie soll spanisch und italienisch lernen. Um 7 Uhr muß sie aufstehen, nach dem Morgengebet und einer geistlichen Lectüre frühstücken. Montag, Mittwoch und Freitag unterrichtet sie Pater Richter von 9 bis 10 Uhr in der christlichen Lehre, im lateinisch und deutsch Lesen. Um 11 Uhr Messe, um 12 Uhr Mittagessen. Von halb 2 bis 2 Uhr Historie lesen, bis 3 Uhr deutsche Lehre. Dann kommt der Tanzmeister, um 4 Uhr der welsche Meister. Um 5 Uhr wird der Rosenkranz ganz laut gebetet. An den andern Tagen kommt der französische Meister, deutsche und französische Stylübungen werden vorgenommen und Musik gelehrt. Es wird der Hofmeisterin empfohlen, darauf zu sehen, daß die Erzherzogin freundlich sei, auch gegen die Dienstleute.“