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Wie ich zur Dichterin wurde

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Textdaten
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Autor: Johanna Ambrosius
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Titel: Wie ich zur Dichterin wurde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 496–499
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[496]

Wie ich zur Dichterin wurde.

Ein Brief von Johanna Ambrosius.

Vor fünf Jahren brachte die „Gartenlaube“ den ersten Hinweis auf eine Dichterin, welche von Jugend auf in ländlicher Abgeschiedenheit gelebt hatte und als schlichte Bauernfrau in einem ostpreußischen Dorfe zu einem Talent herangereift war, das allgemeine Beachtung verdiente. Professor Karl Weiß-Schrattenthal, der sich bereits um die Gedichte von Katharina Koch ein ähnliches Verdienst erworben hatte, kündigte damals an, daß er im Begriff sei, der leidenden, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Frau durch die Herausgabe ihrer Gedichte helfend beizustehen (vgl. Jahrgang 1894, S. 644). Unter den interessanten Mitteilungen über Johanna Ambrosius, die er unserem Leserkreis machte, befand sich die Angabe, daß nach der Schulzeit die hauptsächliche Quelle ihrer Bildung die „Gartenlaube“ gewesen sei. Mit warmen Worten rief er für das bevorstehende Erscheinen ihrer Gedichte das Interesse unserer Leser wach. Heute liegt jene erste Sammlung bereits in 36. Auflage vor, während die 1897 zuerst erschienene zweite Sammlung der Gedichte von Johanna Ambrosius nun auch schon die 6. Auflage erlebt hat. Die damals an dieser Stelle ausgesprochene Erwartung hat sich in reichstem Maße erfüllt. Der außerordentliche Erfolg und das begeisterte Lob, das diese unter so merkwürdigen Verhältnissen entstandenen Gedichte fanden, hat inzwischen aber auch Widerspruch geweckt. Die Angaben über den Bildungsgang von Frau Johanna Ambrosius-Voigt sind bezweifelt worden. Unter diesen Umständen hat das schlichte Selbstbekenntnis der Dichterin, das wir nun folgen lassen, doppelten Wert. Es entstammt einem Privatbrief derselben. Der Empfänger war der Schriftsteller Dr. G. Manz in Berlin, der sich nach Einzelheiten ihres Lebensganges erkundigt hatte. Die anregende lebenswahre Art, in der die schlichte Bauernfrau ihren dornenreichen Lebensgang erzählt, erschien dem Empfänger so fesselnd, daß er von der nachträglichen Erlaubnis, den Inhalt des Briefes in passender Form bekannt zu geben, am besten durch die Veröffentlichung in der „Gartenlaube“ Gebrauch zu machen glaubte. Der ungeschminkten Darstellung gegenüber, die Frau Ambrosius selbst von sich und ihren Schicksalen entwirft, würde jedes Wort des Kommentars abschwächend wirken. Mögen diese Bekenntnisse einer Schwergeprüften ihr zu den alten noch recht viel neue Freunde erwerben.

Der Brief lautet:

Mein Gedächtnis reicht weit zurück. Ich war geliebt von allen, die mich kannten. Meine Eltern waren stolz auf mich, denn ich soll schön gewesen sein, und die schlagfertigen Antworten, die ich bei jeder Gelegenheit gab, machten, daß sie mich verzogen.

Das hörte jedoch auf, als die Zahl der Geschwister sich mehrte. Das Lernen war mir eine Lust. Ich weiß noch, wie heute, mich meiner ABC-Fibel zu erinnern und das Ba, be, bu klingt mir oft in den Ohren. Unser Lehrer, ein Mann, der seiner Zeit weit voraus lebte und noch heute im Amt ist, hatte mich gern. Meine Schwester Martha, welche mir geistig bedeutend über ist, war wohl seine beste Schülerin. Daß die Kinder Ambrosius – Bruder Ewald mitgerechnet – sich hervorthaten, erweckte Neid, wie immer. Wir wurden schon damals gehaßt von den Nachbarsmüttern, deren Töchter unter uns saßen. Ich war klein und blaß. Fast jeden Winter wurde ich von einer Krankheit heimgesucht und mußte die Schule versäumen. Wir lernten damals sehr viel Religion und sehr viel auswendig. „Roland der Schildträger“ sprach ich nicht gedankenlos hin, nein, alles, was ich las, stand vor mir. Zu Handarbeiten hatte ich keine Lust. Puppen und Mädchenspiele liebte ich nicht. Zumeist trieb ich mich auf dem Felde oder im Walde herum – oder in Genossenschaft einiger Buben. Die Natur, das Land liebte ich schon damals leidenschaftlich. Meine Eltern hatten ein wenig roten Lehmboden gepachtet, und inmitten von Kartoffeln und Hafer machte ich mir ein Blumenbeet. Meine Freude über das [498] Wachsen und Blühen, das ich täglich mehrere Male beobachtete, war mir genug. Im August hatte ich das 11. Lebensjahr zurückgelegt, am 15. September verließen meine Eltern Lengweten (im Kreise Ragnit), wo ich geboren bin und die schönste Zeit meines Lebens verbracht habe.

Mein Vater las in den Wintermonaten Bücher aus der Leihbibliothek. Ich als elfjähriges Kind, das sehr viel Schulaufgaben zu machen hatte, habe nie in die Bücher geschaut, auch wurde es uns nicht erlaubt. Es war auch so lustig, bei der jungen Dienstmagd zu sitzen und deren Märchen und Lieder zu hören …

Meine Eltern waren beide arme Leute, als sie sich heirateten; Mutters Eltern sehr begabt, ihre beiden Brüder außergewöhnlich talentvolle Männer. Beide starben unvermählt in den besten Jahren. Der jüngste Bruder Mutters kam nach dem dänischen Kriege eine Zeit lang in unser Haus. Von ihm habe ich viele Lieder singen gelernt und viele Erinnerungen sind mit ihm verknüpft. Von meinem Vater habe ich das gute Gedächtnis wie die Züge, doch das Talent zum Fabulieren entschieden von Mutter und deren Familie. Mein Großvater mütterlicherseits war beliebt wegen seines urwüchsigen Humors.

Als meine Eltern Lengweten verließen, wußte ich noch nicht, was ich verloren. Die Schule in Titschken, dem neuen Wohnort, hatte mir nichts zu bieten. Kaum war mein Geist geweckt, kaum konnte ich einen halbrichtigen Aufsatz verfassen, mußte mein ganzes geistiges Leben gehemmt werden. Ich werde es nimmer, auch wenn ich hundert Jahre alt werde, verschmerzen, daß ich nicht richtig schreiben und sprechen lernen konnte. Schwester Martha dagegen, welche zweieinhalb Jahre älter denn ich war, beherrscht vollkommen die Rechtschreibung und führt einen brillanten Stil. Ich bin ein Nichtschen gegen Martha. Nun war mein Schulbildungsgang geschlossen, ein Weiteres gab es nicht mehr. Doch, konnte ich den Wissenshunger nicht stillen, gab es draußen Schönes genug zu sehen und zu hören. Meine Phantasie machte aus dem Kleinen sich das Große. Nie bevor ich im Jahre 1895 die Welt kennenlernte, habe ich eine See, eine Düne oder schöne Kunstsachen gesehen. Und doch sah ich alles in meinen Träumen viel schöner, als die Wirklichkeit es mir gezeigt. Daher überrascht mich nichts und imponiert mir nichts. So anmaßend es klingt, es ist aber so …

Die Zahl der Geschwister war auf sieben gestiegen, das kleine Besitztum der Eltern noch nicht halb bezahlt, da kam der grausame Winter 1867 mit seinem mir unvergeßlichen Jammer. Da sah ich die Not, die Landesnot! Schnee und Eis soweit die Blicke gingen, kein Vogel, kein lustiges Klappern der Dreschflegel! – Die Wege voll zerlumpter, frierender Menschen. Meine Eltern beide krank. Das neugeborene Schwesterchen wurde von Martha erzogen. Ich, augenleidend, saß an der Wiege, doch spann ich in dem Winter mein erstes Garn. Den Wocken erhielt ich zu Weihnachten und besitze ihn heute noch …

Und doch, so viel Jammer auch bei uns war, meine Natur ist nie darin stecken geblieben, immer wußte ich die Geschwister und Eltern durch Erzählungen und drollige Einfälle aufzuheitern. –

Im Herbst 1868 wurde ich eingesegnet und stand in der Mädchenreihe der Landgemeinde oben als Nummer eins. Jetzt kam die „Gartenlaube“, die unser geliebter Herr Präzeptor in Lengweten hielt, in unser Haus. Marlitts Geschichten entzückten die jungen Mädchenherzen. Doch wir lasen alles andere auch mit großem Interesse und folgten aufmerksam jeder Schilderung. Ich besaß eine große Vorliebe für die Gutzkowschen Briefe und historischen Sachen. Auch Herman Schmids Geschichten ergötzten mich. Sieben Bände „Gartenlaube“ sind von mir gelesen worden. Es mag wohl gut sein, wenig und Gutes zu genießen; zu viel möchte ich nie, weder geistige noch leibliche Speise haben.

Arm waren und blieben wir, und verhöhnt wurden wir von allen kurzsichtigen Bauern, unter denen wir wie andere Vögel lebten. Mit zwölf Jahren konnte ich Brot backen, melken und alle groben Arbeiten. Spinnen und weben lernte ich ein Jahr darauf. So unter Arbeit und wieder Arbeit verrann die Zeit. Es behagte mir nicht länger zu Hause, ich ging als Wirtschafterin auf einige Stellen, kehrte aber bald zurück aus eigenem Antrieb, da ich mehr sah, wie ich sehen wollte. Ideale sanken und ich stand vor der Wirklichkeit, die mir nicht gefiel. Zum erstenmal lernte ich auch das Ungeheuer, die gesellschaftliche Lüge kennen.

Ich vermählte mich, 20 Jahre alt, mit dem Sohn eines Bauern. Wir waren beide arm, da beide Eltern uns nichts geben konnten. So zogen wir zu meiner Großmutter, welche ein Häuschen und ein kleines Feld hatte, und nahmen dieses in Pacht. Es reichte natürlich nicht zum Leben und mein Mann hat für wenige Pfennige den Tag im Winter gedroschen, ich machte Handarbeiten für die Bauerstöchter. Die Jahre waren unbeschreiblich. Dazu war jede geistige Nahrung fort … Ich lebte ganz weltverloren in der Hütte. Mein Mann verdiente ein Jammergeld. Begegnet Ihnen einmal eine höchst ärmlich gekleidete Landfrau mit einem Tuch um den Kopf, dann denken Sie, so ging Johanna Ambrosius einst. Ich kenne die Schule des leiblichen und mehr noch des geistigen Elends von Grund auf. Und wer Seele von Seele unterscheiden kann, wird auch wissen, daß beides gleich drückt. Nie ist mir damals, noch früher eingefallen, einen Vers zu machen, doch mein Herz hat immer gedichtet. Jede Ruhepause schaute ich in die Weite und suchte die Schönheit der Natur zu meiner Gesellschaft. Ich konnte den ganzen Sonntag Nachmittag auf einem Grabenrand sitzen und in das wogende Feld schauen oder einem Würmchen zusehen, wie es unermüdlich einen Grashalm zu erklettern suchte. Geistige Anregung, Bücher, Zeitungen waren unerreichbare Wünsche. Man meint, ich hatte Bibel und Gesangbuch, auch das nicht. Ein Gesangbuch hatte ich wohl, eine Bibel kostete Geld, und wo sollte ich es hernehmen?

Wir verließen nach dem Tode meiner Großmutter das Dorf und zogen nach Alxnupönen, einem reizend gelegenen Dörfchen hinter Lasdehnen, hart an der Scheschuppe. Daselbst lebten wir noch zweieinhalb Jahre mit Holzfällern zusammen in einem Hause in Armut und Not. Die Natur – es ist nahe an der polnischen Grenze – ist hier besonders schön. Der rauschende von lieblichen Ufern umgebene Fluß war bald mein bester Freund, und manches Bild habe ich damals in die Seele aufgenommen, welches erst so spät zum Ausdrucke kommen sollte.

Endlich gab mein Schwiegervater, der mit seiner Familie mir geistig völlig fremd stand, die Wirtschaft dem ältesten Sohne ab und mein Mann erhielt 500 Thaler. Ich bekam gleichfalls 200 Thaler, da meine Mutter eine Erbschaft gemacht. Mit diesem Gelde kauften wir in Wersmeninken unser 8 Morgen großes Besitztum für 1400 Thaler. Ich war damals sehr magenleidend, abgezehrt zum Skelett. Jetzt hieß es wieder sparen, um die Zinsen und Abgaben zu bestreiten. Doch ich hatte mein eigen Land, mein eigen Haus! Wer kann mir nachfühlen, wenn ich naßgeregnet vom Felde kam und ein Stück trocken Schwarzbrot mit Milch auf der Schwelle des Hauses verzehrte? Wer weiß von dem stillen Glück, wenn ich nach meinen saubergehaltenen netten Kindern ausschaute und ihr Vesperbrot zurechtlegte? Meine lieben guten Kinder waren mir alles und sind mir alles. –

Es war im Oktober 1884. Noch immer hatte ich kein Buch außer Kalender und Bibel, welche ich mir gekauft, und Gesangbuch im Hause, ich sehnte mich auch gar nicht, etwas von „draußen“ zu wissen. Da kam mir, vom Schmerz des Unverstandenseins ausgepreßt, eine Melodie mit Worten in den Mund. Ich sang und sprach zugleich das, was mich bewegte und quälte, aus. Dieses Lied findet sich im 2. Band meiner Gedichte. Es lautet:

„Wen hat man geschlagen, wie man mich schlug?
Wer hat getragen, was ich ertrug?
Ich würde nicht weinen in heißem Schmerz,
Fänd’ ich auf Erden ein gleiches Herz!

Das getroffene Wild, es darf doch schrei’n,
Wenn die Kugel ihm dringt ins Herz hinein,
Den Sklaven brennt Fessel und Peitschenhieb,
Und doch träumt er von Freiheit und Lieb.

Nur du, Herz, mußt sein geduldiglich,
Kein Freiheitsschein darf locken dich,
Du darfst nicht schreien in deiner Qual,
Und stirbst du den Tod auch tausendmal.

‚Sei getrost,‘ ruft mir oft eine Stimme zu,
,Habe Mut, ertrage alles in Ruh,
O rütt’le nicht an der Fessel so sehr,
Sie schneidet nur und schmerzt noch mehr.‘

Und soll ich sie tragen mein Lebelang,
So ist der Seele darob nicht bang;
Nicht murren will ich, o Herr, es sei:
Nur in der Ewigkeit mach’ mich frei! …“

[499] Die Einsamkeit, meine angeborene Phantasie, das ewige Grübeln und der Schmerz mögen mich wohl zum Dichten getrieben haben. Es ist geradezu hirnverbrannt, wenn man behauptet, ich habe „Gartenlaubengedichte umgearbeitet“. Ich kann nichts umarbeiten, selbst nicht meine eigenen Gedichte. Und Goethe „nachmachen“, wäre gar nicht gegangen, ich kannte nichts von Goethe.

Es mögen 200 Gedichte fertig gewesen sein, als Martha ohne mein Wissen einige Proben der Zeitschrift „Von Haus zu Haus“ einsandte, die auch gedruckt wurden.

Neujahr 1890 suchte mich zum erstenmal die Influenza auf, aber so heftig, daß ich dem Tode nahe war. Ein Arzt konnte nicht genommen werden. Ich lag bis Februar. Mein Töchterchen, damals eingesegnet, wartete mich und besorgte das Essen. Ich hätte einem von meinen Neidern gewünscht, mich damals zu sehen. Unser Einkommen war mit 200 Mark angegeben und kann jederzeit vom Herrn Amtsvorsteher Klinckat in Laukehlischken, Post Lasdehnen, erfragt werden.

1894, wieder im Januar, faßte mich die Influenza und ich lag drei volle Monate zu Bett. Kurz vor meinem Krankwerden hatte Herr Professor Schrattenthal mir eine Probenummer seiner „Rundschau“ gesandt. Ich schickte drei Gedichte zur Probe, er verlangte mehr … Herr Schrattenthal hatte meinen Namen gewiß in „Unser Verkehr“ gefunden, einem Blatte, welches auch einige meiner Gedichte gebracht hat.

Wenn man meint, daß ich jetzt „im Himmel“ bin, irrt sich eben der Mensch. Doch ich habe keine Sorgen mehr darüber, wo ich das Geld zur Pension für meinen Jungen hernehme.

[Johanna Ambrosius.]
Nach einer photographischen Aufnahme
von R. Minzloff in Tilsit.

Weihnachten 1894 erschien mein erstes Buch. Nun kommt mir das alles vor wie die Erfüllung eines schönen Traumes.

Kurz vor dem Feste hatte es wieder sehr traurig mit meiner Kasse ausgesehen. Ich verfaßte in der Küche, selbstverständlich ohne Papier und Stift, das Gedicht „Weihnachtszeit“, welches die „Gartenlaube“ annahm. Es lautet:

„Mein Herz, was weinst du heut’?
’s ist Weihnachtszeit!
Doch ist für meine Lieben
Nichts, gar nichts übrig blieben;
Kein Licht im Haus,
Kein Bäumlein kraus;
Der Weihnachtsmann blieb heute aus.

Ich kann mein Kind nicht seh’n
So lauschend steh’n,
Sein Auge blickt so scheu umher;
‚Mutter, giebt’s keine Weihnacht mehr?
Kein Zuckerbrot?
Kein Aepflein rot?
Ist unser Weihnachtsmann gar tot?’

Ich riß in wildem Weh
Mein Kind zur Höh’:
,Schau nach dem sternbesäten Raum,
Das ist der Armen Weihnachtsbaum.
Sieh, welche Pracht
Der Herr gemacht!‘
Die Mutter weint, das Kindlein lacht!“

Dann kam der Erfolg. Von Weihnachten 1894 ist, glaube ich, kein Tag ohne Briefe vergangen. Die Königin von Rumänien schrieb mir eigenhändig einen Brief, den ich jedem mit Stolz vorlesen kann. Ich gebe ihn aber nicht in die Oeffentlichkeit.

Wie Berlin mich geehrt, wissen Sie ja.[1] Marie Seebach brachte mir einen riesigen Lorbeerstrauß, und Blumen hatte ich massenhaft im Zimmer.

Im Juli des Jahres 1895 fuhr ich zum erstenmal in meinem Leben mit der Bahn. Bad Elster brachte mir einen verlorengegangenen Teil meiner Gesundheit zurück. Dann reiste ich nach der Schweiz; Nürnberg, der Rheinfall, die Aussicht vom Rigi und die herrliche Fahrt über den Bodensee waren schön.

Mein Name ist um die Erde gegangen, ohne eine Aenderung in meinem inneren Menschen hervorgebracht zu haben. Mein Leben ist Mühe und Arbeit gewesen, und ich werde immer arbeiten, so lange ich kann. Ich besitze ein festes Gottvertrauen und weiß, daß Gott allein treu ist. Ich nehme meine Muse als ein Gnadengeschenk Gottes an und werde mir Mühe geben, nur wirkliche gesunde Nahrung den Menschen zu geben. Ich suche nie nach Motiven, dichte oft 3 bis 4 Monate kein Lied, dann auf einmal mehrere an einem Tage ….

Schon manchem Fragesteller habe ich Berichte über mein Leben geschrieben, doch wenn diese mir gedruckt zugingen, waren sie fast immer entstellt. Schrieb ich: ich war arm, hieß es: sie hat gehungert. Schrieb ich: ich war krank, hieß es: sie ist gekrümmt und schreibt mit groben Händen Zeile für Zeile mühsam. Jetzt habe ich fast Angst, noch etwas zu berichten, da alles so entstellt worden ….

Verzeihen Sie gütigst das Kunterbunt des Briefes; ich hatte Wäsche und mußte immer abbrechen. Denken Sie sich, für das Honorar, welches Sie mir sandten, kaufte ich mir eine Wäschemangel! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für den Glückwunsch zum Ehrenpreise.[2] Ja, das kam so unverhofft, wie – das Glück!



  1. Die Dichterin wurde im Frühjahr 1896 vom Verein „Berliner Presse“ zu einem seiner Vortragsabende eingeladen und trug dort unter außerordentlichem Beifall einige ihrer Gedichte vor.
  2. Mit dem Ehrenpreis ist ein der Dichterin zuerkannter Preis aus der „Bauernfeldstiftung“ gemeint.