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Wie ein König neue Moden bekämpfte

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Wie ein König neue Moden bekämpfte
Untertitel:
aus: Das Buch für Alle, Illustrierte Familienzeitung, 49. Jahrgang 1914, Heft 1, S. 22–23
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Commons
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[22] Wie ein König neue Moden bekämpfte. – Friedrich Wilhelm I. von Preußen war von fast übertriebener Sparsamkeit und daher allen neuen Moden, besonders aber deren Auswüchsen, so abhold, daß er bisweilen zu den stärksten Mitteln griff, um jene zu bekämpfen.

Im Winter des Jahres 1720 sollte in Potsdam eine große Truppenparade abgehalten werden. Schon vorher erfuhr der König nun, daß der französische Gesandte Graf Rothenburg hierzu in einer neuen Tracht mit einem Rock mit bis auf die Erde reichenden Schößen und einer Riesenperücke, auf der ein kleiner Dreimaster balancierte, erscheinen wollte. Da Friedrich Wilhelm nun fürchtete, daß diese neueste Pariser Modenarrheit auch von seinem Hofe nachgeahmt werden könnte, traf er ganz insgeheim seine Gegenmaßregeln.

Am Tage der Parade fand sich Graf Rothenburg auch wirklich in dem lächerlichen Kostüm ein und stellte sich in seiner anmaßenden Weise dicht hinter den Monarchen in die vorderste Reihe der Bevollmächtigten der anderen Staaten. Aber der König tat zunächst, als ob er den aufgeputzten Franzosen, dessen Ahnen gute Deutsche gewesen waren, gar nicht bemerkte. Dann gab er das Zeichen zum Anfang der Parade. Merkwürdigerweise begann aber die Musik nicht einen Marsch, sondern einen damals weit und breit bekannten Gassenhauer zu spielen, unter dessen Klängen sich eine wunderbar aufgeputzte Prozession näherte. Voran schritt ein Trompeter, der unaufhörlich Signale blies. Dann folgten hintereinander in Abständen von fünf Schritt zwölf Mann der Riesengarde, und zwar die allerlängsten der „langen Kerls“. Kostümiert waren diese folgendermaßen: Auf dem Kopf hatten sie Perücken aus weißer Wolle, deren Locken fast bis an die Knie hinabgingen. Oben auf diesen Riesenperücken, die ihre Träger wie ein Mantel umgaben, thronte ein winziger roter Dreimaster. Die Röcke wieder waren hellblau und die Schöße so lang, daß sie gut ein Meter auf dem Boden nachschleppten. Die engen Kniehosen von roter Farbe endigten in blau-weiß gestreiften Strümpfen. Die Schuhe waren dazu wieder hellgrün und hatten derart hohe Absätze, daß die Leute wie auf Stelzen gingen.

[23] Als dieser Zug an dem Monarchen und dem großen Gefolge langsam vorbeikam, brachen sämtliche Anwesende in ein tobendes Gelächter aus. Friedrich Wilhelm selbst verzog keine Miene. Als der letzte der Riesengardisten gravitätisch vorüberschritt, wandte der König sich plötzlich um und sagte laut zu dem Grafen Rothenburg, der vor Ärger und versteckter Wut ganz grüngelb geworden war: „Wie gefallen Ihm die Kostüme, lieber Graf? – Ich habe sie besonders für das diesjährige Fastnachtspiel herstellen lassen und wollte auf diese Weise erst einmal ihre Wirkung erproben.“

Der Franzose stotterte irgend eine Antwort. Und Friedrich Wilhelm wendete sich lächelnd ab. Er hatte seinen Zweck vollkommen erreicht. Denn niemand seines Hofstaates dachte daran, die neue Mode mitzumachen. Auch Graf Rothenburg wurde in seiner albernen Tracht nie mehr gesehen. –

Ein andermal erschien die Baronin Hallern in einer jener Riesenfrisuren auf einem Hoffest, wie sie damals in Paris Mode waren. Während der Quadrille schritt Friedrich Wilhelm plötzlich auf die Baronin zu. Die Musik verstummte gleichzeitig.

„Finden Sie Ihre Frisur wirklich schön?“ fragte der König die erschreckte Dame mit einer Stimme, die bis in die entferntesten Ecken des Saales vernehmbar war. Und ohne eine Antwort der Baronin abzuwarten, fuhr der Monarch ebenso laut fort: „Ich habe nicht geglaubt, daß es in Preußen so kleine Hirne gibt, die sich unter so großen Frisuren verstecken müssen.“

Damit waren auch die Turmfrisuren für den Potsdamer Hof für alle Zeit erledigt.

W. K.