Zum Inhalt springen

Wer war der Erfinder der Buchdruckerkunst?

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Wer war der Erfinder der Buchdruckerkunst?
Untertitel:
aus: Bibliothek für Alle, 4. Jahrgang, 7. Bd., S. 64–67
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1912
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[64]
Wer war der Erfinder der Buchdruckerkunst?
Von W. Kabel.

Erst mit der Erfindung der Buchdruckerkunst, die die Möglichkeit schuf, auch in den weitesten Kreisen die Allgemeinbildung durch das in unzähligen Exemplaren hergestellte, billige Buch zu verbreiten, begann jener gewaltige Kulturaufschwung auf allen Gebieten, dessen Anfang man von der Mitte des 15. Jahrhunderts an zu rechnen hat. So weit nun auch der Name Johann Gutenbergs als des Erfinders der Buchdruckerkunst bekannt ist, ebensowenig Gewicht hat man bisher auf die Tatsache gelegt, daß Gutenberg nur deshalb den genialen Gedanken zu der von ihm herrührenden Vervollkommnung des Buchdruckes fassen konnte, weil er durch seinen eigentlichen Beruf – eben die Goldschmiedekunst – dazu angeregt wurde. Keines der bisher erschienenen Werke, soweit sie wenigstens von dem Verfasser dieses Aufsatzes eingesehen werden konnten, gibt einen Überblick über den Zusammenhang zwischen Buchdrucker- und Goldschmiedekunst, ein Thema, das auch über die Entwicklung [65] eines künstlerischen Handwerkes aus dem anderen wertvolle Aufschlüsse bietet.

Die ältesten technischen Vorgänger der Buchdruckerkunst bilden die Siegelringe mit eingeschnittenem Bild oder Monogramm, wie sie schon von den Goldschmieden des alten Babylon gefertigt und in vielen, wenn auch noch ziemlich roh und unkünstlerisch ausgeführten Exemplaren später bei Ausgrabungen aufgefunden wurden. Sie fanden schon in ältesten Zeiten ihre Verwendung wie heutzutage –, eben als Petschafte bei der Siegelung von Urkunden und Briefen. Die Kunst des Monogrammschneidens fand dann besondere Pflege im alten Rom. Und in Rom war es wieder ein Goldschmied, der den ersten Prägestock zum Prägen von Münzen erfand –, ein technisches Instrument, welches ohne Zweifel als der Urahn der heutigen Druckertypen angesehen werden muß. –

Nach diesem kurzen geschichtlichen Rückblick zu Johann Gensfleisch zum Gutenberg, wie Gutenbergs voller Name lautete. Über seine Jugendjahre wissen wir nicht viel. Nicht einmal sein Geburtsjahr ist bekannt. Man nimmt an, daß er innerhalb der Jahre 1394–97 in Mainz das Licht der Welt erblickte, der er fünfzig Jahre später seine kulturerleichternde Erfindung bescheren sollte. Jedenfalls muß er dann als Jüngling zu einem Straßburger Goldschmied in die Lehre gekommen sein. Während seiner Ausbildungsjahre bereits zeigte sich sein genialer Sinn bei mannigfachen Verbesserungen, die er bei den bisherigen Werkzeugen anbrachte. Und fraglos ist er schon während seiner Lehrzeit durch langwieriges Experimentieren hinter die bisher unbekannte Kunst des Edelsteinschleifens gekommen. Auch diese Tatsache, daß man Gutenberg als den Erfinder der Edelsteinschleiferei anzusehen hat, ist wenig verbreitet. Gewöhnlich wird dieser epochemachende Gedanke Ludwig von Berquen (1456) zugeschrieben. Aber aus alten Urkunden ergibt sich, daß Gutenberg bereits 1437 in Straßburg eine Anzahl von Schülern um sich versammelt hat, denen er das Schleifen der Edelsteine gegen hohe Bezahlung beibrachte. Weiter ist erwiesen, daß Gutenberg sich mit mehreren anderen Kollegen zur Ausbeutung seiner vielfachen [66] Kenntnisse und Fähigkeiten verband, so z. B. zur Herstellung von Spiegeln, Metallegierungen und Gußformen für Büchereinbände, die damals zum Teil noch aus Metall-, Gold-, Silber-Bronze hergestellt wurden. Aus den erwähnten alten Urkunden ist ferner ersichtlich, daß Gutenberg nicht nur ein talentierter Kopf, sondern auch ein vorzüglicher Geschäftsmann war, der seine praktischen Gedanken nur gegen schweres Geld anderen mitteilte, ebenso, daß er eine seltene Fertigkeit im Schneiden von Formen für Münzprägstöcke besaß. Und diese Tätigkeit der Prägstock-Fabrikation, die er für viele Fürsten und Stadtgemeinden ausübte, hat ihn sehr bald auf die Idee der Vervollkommnung des bisher üblichen Buchdruckes gebracht. So schuf er den Stempel, der das Buchstabenbild linksseitig und in erhöhter Form trägt und, eingefärbt, direkt zum Abdruck benutzt werden kann. Der große Gedanke Gutenbergs, der deshalb mit Recht als Erfinder der Buchdruckerei gefeiert wird, ist weiter die mechanische Vervielfältigung der Buchstaben, die Erfindung des Gießinstruments zur Erzielung einer bis auf das kleinste Maß gemeinsamen, völlig gleichen Kegelhöhe und schließlich die Herstellung der ersten Druckerpresse. Unzählige Hindernisse hatte er bis zur endgültigen Ausgestaltung dieses seines hauptsächlichsten Lebenswerkes zu überwinden. Gerade weil er vorher das künstlerische Gewerbe des Goldschmiedes betrieben und an sauberste Arbeit nach jeder Richtung hin gewöhnt war, bemühte er sich, seine Erfindung auch vom künstlerischen Standpunkt auf die denkbar höchste Stufe zu bringen. Die Sorgfalt, die er der Form der Buchstaben, im einzelnen sowohl als in der Zusammenstellung mit andern, der Regelmäßigkeit der Abstände, überhaupt der völligen Harmonie des ganzen Textbildes widmete, läßt besonders die sog. 42zeilige Bibel erkennen, die er 1450 zusammen mit Johann Fust in Mainz schuf, wohin er 1445 verzogen war. Jedenfalls ist diese Bibel aber nicht sein erstes Werk. Vielmehr muß man diese Erfindung der Buchdruckerei auf die Zeit innerhalb der Jahre 1440–1446 festlegen. Denn neuerdings ist ein von Gutenberg gedruckter Kalender vom Jahre 1447 entdeckt worden, der von den Forschern als seine erste Arbeit angesprochen [67] werden muß. Leider sollte Gutenberg das Schicksal vieler genialer Erfinder teilen –, nämlich pekuniäre Vorteile von seinen Ideen nicht erreichen. Die Schuld an seiner schnellen Verarmung trug hauptsächlich der Bruch mit seinem Kompagnon Fust, dem Mitarbeiter bei dem ersten Bibeldruck. Fust strengte gegen Gutenberg eine Klage auf Herausgabe des in das Unternehmen eingeschossenen Geldes an, und die Auszahlung der beträchtlichen Summen brachte ihn fast an den Bettelstab. Trotzdem arbeitete er unermüdlich weiter, leider ohne Erfolg. Nach der Zerstörungen von Mainz, bei der er den Rest seiner Habe verlor, trat er 1465 in die Dienste des Grafen Adolf von Nassau, der dafür sorgte, daß der geistvolle Mann wenigstens seine letzten drei Lebensjahre – Gutenberg starb 1468 – ohne Entbehrungen in behaglicher Ruhe zubringen konnte.

Gewiß es hat nicht an Stimmen gefehlt, die Gutenberg die große Erfindung streitig machten. So wurde unter anderen der Holländer Lorenz Coster von seinen Landsleuten hartnäckig als der eigentliche Erfinder der Buchdruckerei verteidigt. Aber die für ihn ins Feld geführten Argumente entbehren der notwendigen Beweiskraft. Nach dem heutigen Stande der Forschung bleibt Johann Gutenberg die Palme –, einem Manne, dessen Name mit erwähnt werden muß, wenn man die hervorragendsten Vertreter der Goldschmiedekunst nennt. Denn er war seines Zeichens ein Goldschmied, dabei einer jener Geistesheroen, die das Heraufdämmern einer neuen Zeit frischen Geisteslebens ermöglichten.