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Weltausstellungsskizzen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: R. Elcho
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Titel: Weltausstellungsskizzen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, 30, 32, 36, S. 476–479, 507–512, 542–544, 606–608
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[476]

Weltausstellungsskizzen.[1]
Von R. Elcho.
1. Fairmountpark.


Soll ich gestehen, welches von allen Weltausstellungsgebäuden im Fairmountpark zu Philadelphia mir das größte Interesse eingeflößt hat? – Es ist das Aschenbrödel dieser märchenhaften Welt – ein armseliges Blockhaus. Ueber seiner Thür prangt die Inschrift: „Die alten Zeiten“.

Das Haus liegt am Rande der Schlucht, welche sich vom Frauenpavillon bis hinab zu den Ufern des Schuylkill zieht. Es ist ein echtes, rechtes Blockhaus, aufgebaut von rohen Fichtenstämmen, gedeckt mit Schindeln und umkränzt von einem Gärtchen, in welchem Gemüse gepflanzt wird. Wilde Reben klimmen an den Fensterchen des Hauses empor; Bäume rauschen über seiner Dachfirst und verbreiten etwas wie Waldesdunkel um sein Gehege. Und was mir an diesem bescheidenen Bau ein so lebhaftes Interesse einflößt? Nun, ich könnte sagen, es sei das allerliebste Mädchen, das unter der von einem Vordach beschirmten Thür steht und den Eintretenden willkommen heißt, denn das zarte Geschöpf hat die prächtigsten blauen Augen, die noch je ein Dichter besang, und wenn sie etwas erklärt, so bebt ihre Stimme und sie neigt den Kopf, um ihr Erröthen zu verbergen, wie die Waldhyacinthe, wenn der Morgenwind sie küßt. Allein die rosige Miß hat am allerwenigsten mit dem undefinirbaren Zauber zu schaffen, der über der ganzen Schöpfung ausgebreitet liegt; sie ist nur der Sonnenstrahl, der auf eine vergessene Welt fällt.

In dem kühlen Zimmer, welches der Besucher betritt, erblickt man derbe Tische und Stühle, wie sie der Ansiedler des vorigen Jahrhunderts mit seiner Axt zimmerte; in der Ecke am Fenster stehen Webstuhl und Spinnrad friedlich beisammen; die Decke und der Kamin sind mit goldfarbenen Welschkornähren behängt; rostige Gewehre mit Feuerschlössern hängen an derben Zapfen, und auf dem Schüsselbrett beim Feuerherd sind buntfarbene Delfter Geschirre aufgestellt, wie sie holländische Schmuggler den Colonien Amerikas zuführten. Jedes Stück dieser Einrichtung ist ein Kind des vorigen Jahrhunderts und – beim Himmel! – da steigt gar die Herrin des Hauses, eine ehrwürdige Matrone, in der Tracht jener Zeit die schmale Stiege herab, welche zum hochgelegenen Schlafzimmer führt.

Hier athmet alles die Luft einer längst dahingeschwundenen Zeit, und wenn das Haus statt auf dem Ausstellungsgrunde an den wildromantischen Ufern des Wissahickon läge, so könnte man sich zurückträumen in jene Tage, da der Ansiedler noch seine Pflugschar gegen Indianer und Engländer mit den Waffen in der Hand vertheidigte. In jener Zeit bildete das Eden von Amerika, der herrliche Park von Fairmount, noch eine fast ungebrochene Wildniß von der Independence Hall, woselbst der erste Congreß der Colonien tagte, bis zum Indianerfelsen, an dessen Fuß der Wigwam des Häuptlings Todyascuny stand.

Die Culturentwicklung der jungen Freistaaten Nordamerikas ging von dem einsamen Blockhaus der Ansiedler aus und nahm, dank der stählernen Energie und Arbeitskraft seiner Bewohner, einen so rüstigen Fortgang, daß heute die vierzig Millionen Amerikaner ein ebenso großes Schienennetz haben, wie die Staaten von ganz Europa, und daß sie das hundertjährige Geburtsfest der Republik durch einen internationalen Wettkampf verherrlichen können, bei welchem ihr Gewerbefleiß und ihre Erfindungsgabe einen schönen Triumph feiern.

Ehe wir uns die imposanten Schöpfungen betrachten, welche sich vom Lansdowne-Plateau erheben, wollen wir erst zu den alten Zeiten zurückkehren, da noch das Blockhaus an den obern Ufern des Schuylkill stand. Der Fairmountpark spiegelt ein gutes Stück der Geschichte Amerikas wieder, und ein kurzer Streifzug durch seine herrlichen Anlagen und Waldpartien dürfte nicht unergiebig sein.

Philadelphia liegt bekanntlich am Zusammenfluß des Delaware und Schuylkill, und an seine nordwestlichen Stadttheile schließt sich der Fairmountpark an, dessen südwestliche Partien die Ausstellungscommission für ihre Bauten in Beschlag nahm. Der berühmte Park bedeckt mit seinen Anlagen, Brücken, Rasenflächen, Waldstrecken, Seen und Cascaden einen Flächenraum von dreitausend Acker und breitet sich zu beiden Seiten des anmuthigen Schuylkill aus, so daß man einen Ostpark vom Westpark unterscheidet. Selbstverständlich gelangte die Stadt nicht mit einem Schlage in den Besitz des ungeheuren Terrains; der ursprüngliche Stadtpark wurde vielmehr durch Schenkungen und Erwerbungen seitens der Park-Commission im Laufe des letzten Jahrhunderts zu seinem jetzigen Umfang erweitert.

Besitzungen, auf welche der Eigenthümer stolz sein darf, werden von diesem in der Regel mit schweren Sorgen erkauft und erhalten; auch die Steuerzahler der Quäkerstadt mußten das erhebende Bewußtsein, den größten und prächtigsten Park der Welt zu besitzen mit schweren Opfern erkaufen.

Die Communalverwaltung Philadelphias sah sich in den letzten Jahren durch die große Ausdehnung, welche die Stadt gewann, genöthigt, Anleihen aufzunehmen, die eine beträchtliche Höhe erreicht haben. Dieser Umstand hatte zur Folge, daß man den Beschluß faßte, von allen weiteren Erwerbungen zur Abrundung des Parkes abzustehen und die größere Hälfte desselben bis auf Weiteres ihrem Schicksale zu überlassen.

Nichts konnte dem Naturfreunde erwünschter sein, als dieser Beschluß, denn groß genug ist der Park für ihn, und nun durfte er von den Statuen, geschorenen Rasenflächen, sprühenden Cascaden und den Tummelplätzen der eleganten Welt seinen Weg zu einer Wildniß nehmen, wo er auf einsamen Spaziergängen die Natur in ihrem traulichsten Daheim fand.

Als ich vor wenigen Tagen dem Ostparke meinen ersten Besuch abstattete, stieß ich auf der kurzen Fahrt vom Herzen der Stadt bis zum Strande des Schuylkill auf ein unerwartetes Hinderniß. Es waren nämlich in der Nacht zehntausend Tempelritter in Philadelphia angekommen, welche am Morgen ihr Stiftungsfest, oder welche Feier es sonst sein mochte, durch großartige Aufzüge in den Hauptstraßen der Stadt einleiteten. Der Zug war der Art mit kriegerischem Pomp ausstaffirt, daß naive Europäer hätten glauben können, es sei eine schlagfertige Armee im Anzuge. Musikcorps in militärischen Phantasieuniformen schritten den einzelnen Abtheilungen voran, dann kamen hoch zu Roß die Ordensmeister, dann die Bannerträger und endlich die unabsehbaren Schaaren der Templer, deren jeder ein gezogenes Schwert trug. Die Brust jedes Ritters war mit Orden und Abzeichen bedeckt; schwere Ritterhandschuhe, ein weißes Bandelier, wehende Straußfedern auf einem Marschallshute vollendeten den militärischen Aufputz.

Die Pferdebahnwagen überwanden endlich auch die Festblokade und ich landete am Ausgange der Greenstreet, dort, wo jedes der rothen Ziegelhäuser von einem blühenden Garten umgeben ist. Herrliche Anlagen führen zum Flusse und den Wasserwerken hinab. An dieser Stelle hatte sich einst William Penn sein einfaches Landhaus erbaut, und er konnte sich kaum eine prächtigere Stelle am Schuylkill aussuchen.

Ein Thurm ragt von den beiden Rasenflächen zu den Felsen auf, und seine Spitze, mit den Steinmassen verbunden, bietet einen prächtigen „Luginsland“. Der Schuylkill ist an dieser Stelle der Breite nach aufgestaut, sodaß seine Wasser alle den Wasserwerken zuströmen. Die letzteren liegen am Ufer, dicht unter den Felsen, und ihre mächtigen Maschinen pumpen täglich fünfunddreißig Millionen Gallonen Wasser in die hochliegenden Reservoirs, durch welche die Brunnen und Röhrleitungen der Stadt gespeist werden.

Die Wasserwerke mit ihren Tempelbauten, mächtigen Quais, plätschernden Fontainen und bunten Landungsbrücken beim große Damme gewähren ein reiches und belebtes Bild. Auf den hellgrünen Wassern des Flusses gleiten schnelle Dampfer und Ruderboote [477] hin und her, und in der Ferne erblickt man die Bauten des zoologischen Gartens am Westufer und eine Anzahl mächtiger Brücken, über welche von Zeit zu Zeit ein Eisenbahnzug hinwegbraust. Drunten im Thale tritt man in den Schatten hoher Baumkronen, sieht Equipagen und Reiter über die Kieswege jagen und findet auf breiter Rasenfläche, beschattet von Trauerweiden, die Bronzestatue des unvergeßlichen Lincoln. Das Denkmal, welches das dankbare Volk dem Andenken des hochverdienten Präsidenten weihte, liegt fast dicht am Fuße „der Hügel“.

Diese Hügel haben dadurch eine historische Bedeutung erlangt, daß sie von dem Landhause des berühmten Robert Morris gekrönt wurden, der auch die herrlichen Anlagen schuf, in deren dunkeln Schattenbäumen jetzt ein ganzes Heer bunter Singvögel nistet. Robert Morris war bekanntlich jener vortreffliche und patriotische Finanzmann, welcher Washington’s Unternehmungen im Freiheitskriege in so bewundernswerther Weise unterstützte. Morris sorgte für Waffen, Kleider, Lebensmittel und Geld während der langen Kriegsjahre, und als Washington endlich den letzten entscheidenden Schlag in Virginien ausführen wollte und es ihm hierzu an Mitteln gebrach, brachte Morris die für die damalige Zeit ungeheure Summe von 1,400,000 Dollars auf. Diese Unterstützung genügte, um die gekräftigte Armee nach Virginien zu führen, woselbst der britische Löwe Cornwallis mit seiner Armee bei Yorktown zur Uebergabe gezwungen wurde.

In der Independence-Hall zu Philadelphia glänzt das Portrait dieses wackeren Patrioten und auch das seiner Frau. Morris war ein behäbig und jovial aussehender Herr; um seinen Mund spielt ein feinsinniges Lächeln, und seine Augen blicken klug und entschlossen in die Welt. Ganz wie Benjamin Franklin trägt er ein ärmliches Gewand, und sein weißes Haar ist einfach und schlicht nach hinten gekämmt. Frau Morris dagegen präsentirt sich als eine fashionable Dame, die einen hohen Turban mit Straußfedern auf dem Kopfe trägt.

In dem gastlichen Hause des reichen Finanzmannes verkehrten lange Jahre die Helden der Republik, dann, mit einem Schlage, brach das Glück des Robert Morris zusammen, und „die Hügel“ kamen unter den Hammer.

Als der Congreß der unabhängigen Staaten nämlich sich seinen legislatorischen Aufgaben widmete, hatte Robert Morris für die Schuldhaft plaidirt und die Annahme derselben durchgesetzt. Später ließ er sich mit zwei Freunden in eine Speculation ein, die fehlschlug und in Folge der Treulosigkeit seiner Compagnons seinen Ruin herbeiführte. Morris wurde nun selber zur Schuldhaft verurtheilt, allein in Ansehung seiner hohen Verdienste um’s Vaterland bot man ihm die Freiheit an. Der charaktervolle Mann wies dieses Anerbieten standhaft von sich, indem er sagte: „Ein Gesetzgeber darf kein Gesetzbrecher sein.“ Vier Jahre blieb Morris im Gefängnisse, dann erlöste ihn das Bankerottgesetz. Bald nach seiner Befreiung starb der amerikanische Crösus, welcher die Hügel zum Schauplatze des ganzen Parks gemacht hatte, arm und verlassen in einer der dürftigsten Wohnungen der Stadt.

Auf den Hügeln findet man jetzt eine Restauration an der Stelle, wo das Landhaus von Robert Morris stand, dann ein Observatorium, zum Ausblicke über Stadt und Land, ferner ein epheuumranktes Blockhaus, welches Grant im Kriege zum Hauptquartiere von City-Point machte, und endlich den Platz, auf welchem man Alexander von Humboldt ein Denkmal errichten will. Der Entwurf zu dieser Statue ist bereits da; es fehlen nur noch die dreizehntausend Dollars, um denselben auszuführen.

Hinter den Hügeln findet man eine der schönsten und sicher die breiteste Brücke der Welt. Dieselbe ist aus Eisen construirt, sieht ungemein leicht und gefällig aus und verbindet die schöne Girard Avenue an der Ostseite mit der Westseite des Parks. Unter der Brücke öffnet sich dem Wanderer ein Felsentunnel, der ihn zu den romantischen Schluchten und Bergen des oberen Theiles des Ostparks führt. Selten habe ich einen so raschen und ergötzlichen Wechsel der Scenerie gefunden wie hier. Bald steigt man in eine tiefe schattige Schlucht hinab, in der ein Bach in wilden Sprüngen über die Felsen wirbelt und das Moos und die Baumwurzeln an seinen Ufern mit einem silbernen Sprühregen übergießt; bald kommt man auf sonnige Höhen, wo der schlanke Robin sein bronzeartiges Gefieder in der Sonne erglänzen läßt, und der schillernde Blauvogel in allen erdenklichen Tönen sein Weibchen lockt.

Auf dem Mount Pleasant liegt im Schatten uralter Bäume ein Landhaus, das an die Sommerresidenzen unserer Duodezfürsten aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts erinnert. Es ist ein steinerner Rococobau mit zwei Seitenpavillons. Erbaut wurde dieses Mount-Pleasant-Landhaus von John Macpherson, dem Vater des tapferen Revolutionshelden William Macpherson, und wenn ich nicht irre, dem Urgroßvater des kühnen und ritterlichen Birdseye Macpherson, der leider während des letzten Bürgerkrieges in Tennessee sein junges Leben ließ. Die idyllische Besitzung ging später in die Hände des Verräthers Benedict Arnold über, und zuletzt residirte hier unser braver Landsmann General von Steuben, dessen Portrait neben dem des Barons de Kalb im Sitzungssaale der Independence-Hall aufgehängt ist.

Ein rosiger Blumengarten, dessen Duft uns der Wind schon von Weitem entgegenträgt, bedeckt die zunächst liegenden Erdbeerhügel. An den Berghängen im Norden ragt die Todtenstadt von Laurel-Hill aus dem tiefen Grün der Baumgruppen hervor. Hier liegen in stiller Waldeinsamkeit die Familiengräber reicher Bürger Philadelphias. Wie auf dem Père Lachaise zu Paris, so wandelt man auch hier durch lange Gassen von Marmorobelisken, Mausoleen, Statuen und stolzen Sarkophagen. Ich habe selten einen friedlicheren Kirchhof gesehen, wie den von Laurel-Hill, allein das Vergnügen, hier schlafen zu dürfen, wird mit schwerem Golde aufgewogen. Ich sah einen mäßig großen Begräbnißplatz, der Tags zuvor für die stattliche Summe von fünfzehntausend Dollars erworben wurde.

Der nördlichste Theil des Ostparks wird vom Bache Wissahickon durchflossen, und hier nimmt die Scenerie den wildesten und romantischsten Charakter an. Vor hundert Jahren jagten hier noch die Indianer unter ihrem Häuptling Todyaseuny den Hirsch, als jedoch der Krieg ausbrach, folgten sie dem sagenhaften rothen Schwan, der Tag für Tag gen Westen zieht.

In das Dunkel dieser Wälder zog auch der deutsche Schwärmer Johann Velpius gegen Ende des siebenzehnten Jahrhunderts, um die Wiederkunft Christi abzuwarten. Mit seinen vierzig Anhängern saß der Fanatiker in den Höhlen beim Wissahickon und schmachtete nach dem tausendjährigen Reiche, bis ihn im Jahre 1708 der Tod von seiner Eremitage abrief. Die Jünger begruben ihren Meister, und da sie des unfruchtbaren Harrens müde waren, schlugen sie sich seitwärts in die Büsche und fingen an zu arbeiten.

Ganz am Rande des Parkes liegt Germantown, eine der ältesten Ansiedlungen Pennsylvaniens, berühmt durch das blutige Treffen, welches hier zwischen den Engländern und Washington’s Armee stattfand. Noch etwas weiter finden wir das Spring-Brook-Mansion zu Holmesburg, jenen prächtigen Landsitz des berühmten Tragöden Edwin Forrest, welchen dieser bei seinem Ableben der Schauspielergenossenschaft des Landes als Invalidenhaus vermachte. Hier können die alt gewordenen Histrionen die langentbehrten Reize des Landlebens genießen, bis sich auch über ihr Dasein jener dunkle Vorhang senkt, der die Scene für immer schließt, wenn auch die ganze Welt Bravo riefe.

Soweit der Ostpark; der Westpark ist in seinen nördlichen Partien wenig interessant; erst die Belmont-Schlucht, in welcher einst der irische Dichter Thomas Moore einen Sommer verbrachte, bietet mit ihren kühlen Quellen, bemoosten Felsen und verschlungenen Pfaden eine so reizende Wildniß, daß man aus ihrem tiefen Waldesschatten gar nicht mehr heraustreten möchte. Ersteigen wir die Höhe des einsamen Ridgelom oder die Terrasse von Belmont-Mansion, so breitet sich vor uns ein Panorama von staunenswerther Pracht aus. Der Blick schweift zu den Ufern des Schuylkill hinüber; im Südosten breitet sich Philadelphia aus, die friedliche Stadt der Bruderliebe. Aus dem Meere kleiner rother Ziegelhäuser ragen eine Anzahl stolzer Monumentalbauten auf, wie Riesen unter den Zwergen. Die hohe Kuppel da in der Ferne, welche im Sonnenlichte glänzt und flimmert, überwölbt das Schiff der Kathedrale von Sanct Peter und Paul. Der gewaltige Granitpalast mit seinen normannischen Erkern und Thürmen ist die Freimaurerhalle, und jenen weiße Marmorbau im griechischen Tempelstile, dessen [478] Formen sich so edel im Vordergrunde abheben, kennt man in ganz Amerika; es ist das Girard-College, in welchem alle Waisenknaben von Philadelphia die vortrefflichste Erziehung erhalten. Auf den Thüren dieses segensreichen Instituts steht laut dem Willen des Stifters Girardt: „Hier findet kein Priester Einlaß.“

Von Belmont-Mansion und dem danebenliegenden Observatorium übersieht man auch den dicht am Fuße des Hügels liegenden Ausstellungsplatz, der sich über das Lansdowne Plateau und die danebenliegenden Schluchten von George-Hill bis zum Sweet-Briar, einem Höhenpunkte am Schuylkill, erstreckt und von etwa hundertsiebenzig Bauten bedeckt wird.

Der von einer hohen Umfriedigung eingeschlossene Ausstellungsgrund hat beinahe die Gestalt eines Dreiecks, dessen Grundlinie von der Haupthalle und der Maschinenhalle gebildet wird. Diese beiden gewaltigen Bauten stellen eine fast ununterbrochene Front von viertausend Fuß dar. Der ganze Ausstellungsplatz umfaßt einen Flächenraum von zweihundertsechsunddreißig Acker.

Das aus Eisen und Glas gebaute Hauptgebäude gewährt einen recht imposanten Anblick. Die Farbe des Gebäudes ist die der hellen Bronze, doch sind die Kanten dunkel und bilden kräftige Linien. Ein Wald von Fahnen und Panieren flattert von den Thürmen und Dächern. Auch die Maschinenhalle ist ein ansehnlicher Bau, doch faßte die Commission hier wie beim Hauptgebäude mehr die praktischen Zwecke in’s Auge als die Schönheit der Architektur. Es galt vor allem bei diesen Kolossalbauten, die inneren Räume mit Licht und Luft zu versehen; dieses Resultat ist in glücklichster Weise erreicht worden.

Die Memorial-Halle, welche hinter dem Hauptgebäude und mit diesem in einer Parallele liegt, sollte ein Monumentalbau werden, und auf diesen verwandte man die Summe von 1,500,000 Dollars und betraute mit dem Entwurfe und der Ausführung des Gebäudes den deutschen Architekten Schwarzmann.

Unser genialer Landsmann hat mit diesem Werke einen glücklichen Wurf gethan. Der moderne Renaissance-Bau ist in hellem Granit ausgeführt, und seine stattliche Façade gewährt auf der hohen Terrasse einen erquicklichen Anblick. Das Centrum ist von einem hohen Dome überwölbt, welcher die Figur der Columbia trägt. Der Haupteingang im Centrum besteht aus drei mit korinthischen Säulen eingefaßten Bogenthüren, und das Centrum selbst ist mit den beiden Eckpavillons durch schöne Arcaden verbunden, welche den Blick auf kleine reizende Blumengärten gestatten. Die Ornamentation des Gebäudes ist sehr reich, aber nicht überall glücklich ausgeführt, namentlich steht die lange Columbia mit dem Kranze des Siegers so kerzengerade und steif auf der Weltkugel, wie ein Gedankenstrich auf dem Punkte. Wie ich höre, soll Schwarzmann auch die Absicht haben, Frau Columbia um ihre erhabene Stellung zu bringen und die Kuppel durch eine Gruppe zu schmücken. Um die breiten zur Terrasse führenden Treppen nicht ganz leer ausgehen zu lassen, hat man dieselben mit zwei Pegasussen geschmückt, denen die mit der Leier bewaffnete Poesie zur Seite geht. Dem Bildhauer wollte es nämlich absolut nicht gelingen, die Poesie, wie es sich gebührt, auf’s hohe Pferd zu bringen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Flügel des edeln Dichterrosses der Reiterin keinen Platz für ihre Füße gewährten; so machte er aus der Noth eine Tugend und ließ die dichterische Muse neben dem Pegasus herlaufen. Die kolossalen Flügelrosse waren zuerst für das Wiener Opernhaus bestimmt, allein hier erregte es Anstoß, daß die Poesie neben dem Pegasus einherschreite, und man ließ das gewaltige Bronze-Ornament nicht auf’s Dach. Jetzt soll ein Amerikaner die verwaisten Flügelpferde erworben und der Ausstellungscommission zum Geschenke gemacht haben. Einem geschenkten Gaule schaut man bekanntlich nicht in’s Maul, zumal wenn derselbe ein Pegasus ist.

Das Innere der Memorial-Halle können wir uns bei gelegenerer Zeit betrachten. Nehmen wir den Weg durch eine von drei schlanken Brücken überspannte Waldschlucht, so erblicken wir auf der nächsten Höhe, umgeben von wahrhaft herrlichen Gartenanlagen, einen buntfarbenen maurischen Glaspalast, welchen gleichfalls der Architekt Schwarzmann erbaut hat. Dies ist die Horticultur-Halle, und ihre phantastische, echt orientalische Schönheit entzückt jeden Beschauer. Wie ein funkelndes Diadem krönt dieser luftige Bau die mit Rasenflächen, duftigen Blumenbeeten, blühenden Bosquets, Pavillons und Statuen bedeckte Höhe. Die herrlichen Anlagen ziehen sich von hier aus südwärts bis zu dem See vor der Maschinen-Halle, aus dessen Mitte eine mächtige Fontaine hervorschießt, und im Norden bis zu der Schlucht, welche die Horticultur-Halle von der Agricultur-Halle trennt. Die letztere gehört auch zu den großen Bauten und liegt mitten in einem Cedernwäldchen. Diese Halle besteht aus einem Mittelschiffe und drei Querschiffen, ist aus Holz und Glas im Spitzbogenstile gebaut und erinnert mit ihren gothischen Thürmen, grünen Dächern und gewaltigen Rosetten an den Eingangspforten an irgend einen mittelalterlichen Klosterbau.

Zu diesen Riesenbauten gesellt sich noch das gleichfalls sehr stattliche Ausstellungsgebäude der amerikanischen Regierung, welches in Form eines Kreuzes construirt ist, sowie der anmuthige Frauenpavillon. Damit ist jedoch die Aufzählung der schönen und interessanten Bauten noch lange nicht erschöpft. Da ist ein luftiger Sommerpalast der Japaner am Abhange einer waldigen Schlucht mit zierlichen Vorgärten zu erwähnen, dann ein schönes schwedisches Schulhaus, aus Fichtenholz gezimmert, ferner ein kleiner maurischer Palast, in welchem Kaufleute von Marokko Töpferwaaren und Teppiche ausstellen. In einer schönen Cottage zeigt die Singer’sche Firma ihre exact gearbeiteten Nähmaschinen.

An den schattigsten Plätzen erheben sich die Regierungsgebäude, unter denen das deutsche durch geschmackvolle Bauart hervorragt. Hierbei ist es nur zu bedauern, daß die deutsche Ausstellung mit dem hübschen Villenbau in gar keinem Einklang steht und sich nur durch Krupp’s große Kanone unter den übrigen Nationen hervorthut. Unter den Regierungsbauten amerikanischer Staaten sind die von New-Jersey, Ohio und Colorado besonders bemerkenswerth. Für die photographischen Werke ist auch ein besonderer Pavillon erbaut, dann hat man der Presse eine geräumige Villa als Hauptquartier eingerichtet; ferner findet man einen Pavillon, in welchem Reisebillets nach allen Punkten der Welt, soweit diese durch Dampfer und Eisenbahnen erreichbar sind, verkauft werden, und endlich eine Bank, ein Postbureau und andere Einrichtungen, welche den Zwecken des Publicums dienen. In ihrer Gesammtheit bedecken die Ausstellungsbauten ein Terrain, welches um ein Dritttheil größer ist, als das der Wiener Ausstellung. Da nun diese Bauten über das weite Terrain verstreut liegen, so hat man, damit sich der Besucher der Ausstellung nicht allzusehr mit Laufen plage, zwei Eisenbahnzüge mit offenen Sommerwagen eingerichtet, welche in munterem Tempo die schaulustige Menge durch die ganze Ausstellung führen. Diese Fahrt kostet nur fünf Cents, und man genießt dafür in raschem Wechsel den Anblick von Scenerien, welche in der That bewundernswerth sind. Auf dieser Fahrt bemerkt man auch das Zeltlager der Cadetten von Westpoint, welches gleichfalls einen Theil der Ausstellung ausmacht, dann ein gut eingerichtetes Feldhospital, ein Feldtelegraphen- und Signalamt, und was dergleichen Dinge mehr sind.

Ueber die Schlucht bei der Horticulturhalle fährt – nein, sagen wir lieber reitet – eine seltsam construirte Locomotive mit einem hohen Sommerwagen. Diese neuconstruirte Maschine soll einem ganz besonderen Zwecke dienen; sie soll nämlich die New-Yorker Stadteisenbahn befahren, welche auf hohen eisernen Pfählen über die Dächer und Straßen der Stadt geht. Von einer gewöhnlichen Locomotive befürchtet man doch, daß sie einmal in die leere Luft entgleisen und dann furchtbares Unheil anrichten könne. So hat man denn ein spitzwinkeliges Schienengeleise gebaut, auf welchem Locomotive und Waggons gleich einem Reiter sitzen. Der Zug ruht auf dem obersten Geleise, allein ein Kastenbau geht bis hinunter zu den breit auseinanderstehenden Schienen der Basis und klemmt sich hier mit wagerecht liegenden Rädern gegen diese Geleise fest. So wird ein Entgleisen ganz unmöglich und man fährt so gefahrlos über die tiefe Schlucht, als hingen die Schienen nicht in der Luft, sondern lägen auf der festen Erde.

Wie belehrend die Commission der Ausstellung nach jeder Richtung hin zu wirken suchte, geht am klarsten aus den Leistungen der Maschinenhalle und der Regierungsausstellung hervor. Vorläufig sei nur erwähnt, daß man die Firma Gillender und Sohn veranlaßte, eine vollkommene Glasfabrik als Ausstellungsobject einzurichten, in welcher große Oefen im Betrieb [479] sind und die ganze technische Seite der Glasfabrikation dem Publicum gezeigt wird.

Für den Comfort der Ausstellungsbesucher ist in der aufmerksamsten Weise gesorgt worden. In allen größeren Ausstellungshallen findet man gut eingerichtete Absteigequartiere mit Waschbecken, Trinkgeschirren etc.; überall sind Bänke zum Ausruhen angebracht, die keiner Steuer unterworfen sind. Im Schatten hoher Baumgruppen concertirt Tag für Tag die Gilmore’sche Capelle.

Die Centennialausstellung ist, dank dem kühnen Unternehmungsgeist und der Thatkraft der Amerikaner, eine Weltausstellung großartigen Stils geworden, und ich kann nur jedem Deutschen, der Geld und Muße hat, dringend rathen, sich dieselbe anzusehen. Die Gefahren und Beschwerden der Seereise sind im Sommer gering, zumal die deutschen Dampfer, namentlich die des Bremer Lloyd, jetzt mit der lobenswerthesten Sorgfalt vorgehen und die Verpflegung auf diesen Schiffen eine glänzende ist.

Kunst und Kunstgewerbe waren auf der Pariser und Wiener Weltausstellung besser und reicher vertreten, als dies hier der Fall ist, allein die moderne Seite der Industrie kam noch nie so vollendet zur Anschauung wie auf der Centennialausstellung.

Wird es für uns Deutsche nicht interessant sein, zu erfahren, mit welchen Hülfsmitteln sich im Laufe eines Jahrhunderts die junge Nation von der Wildniß des nordamerikanischen Continents emporarbeitete und eine wunderbare Welt in’s Leben rief? Nun, Alles, was zwischen der ersten rohen Culturarbeit im Urwald und dem sinnreichsten Maschinenbetrieb in der gewaltigen Metropole, was zwischen dem Blockhaus und der Entfaltung der Kunstblüthe in der Memorialhalle liegt, das zeigt uns jene märchenhafte Welt im Schooße des Edens von Amerika.

[507]
2. Die Ackerbauhalle und die Regierungsausstellung.


Im Bauernkriege wurde jener Graf Helfenstein in grausiger Weise abgeschlachtet, welcher einst in übermüthiger Laune versicherte, er wünsche, daß sich all seine Güter in Erdbeeren verwandelten, damit er sie verschmausen könne. Wie schade, daß der edle Feudalherr nicht ein Kind unserer Zeit war! Hier in Amerika hätte er sein Eldorado gefunden. Durch den Ruf „Frische Erdbeeren“ wird derzeit – ich rede von den warmen Junitagen – der Bewohner Philadelphias aus dem Schlafe geschreckt, und wenn er sich Abends müde zur Ruhe legt, so summen die „frischen Erdbeeren“ noch verdämmernd in seine Traumwelt hinüber.

Aber nicht nur Erdbeeren, sondern auch Bananen, Orangen, Ananas und Gemüse aller Art werden in den Straßen ausgerufen oder besser ausgesungen. Und wie billig der Preis ist! Eine fleckenlose Ananas kostet sechs Cents, ein Körbchen Erdbeeren fünf, die Banane einen Cent. Noch billiger sind die Pfirsichen, deren Güte jener unserer Aprikosen gleichkommt. Philadelphia scheint ganz von Erdbeergärten umgeben zu sein, denn es werden erstaunliche Mengen dieser duftigen Frucht eingeführt und consumirt. An Größe und Schönheit erreicht die hiesige Erdbeere unsere besten Garten-Erdbeeren, allein die aromatische Wald-Erdbeere scheint ganz zu fehlen. Vor zwei Jahrzehnten war hier großer Mangel an wahrhaft gutem Obste, aber in dem Maße, wie die Cultur des Landes eine ältere wird, gelingt es auch edlere Obstsorten zu gewinnen. Hier im Osten giebt es jetzt saftige Birnen, duftige Aepfel und süße Trauben in Hülle und Fülle, und wenn wir einen Gang durch die Ackerbauhalle machen, so überzeugt uns der Augenschein, daß auch westliche Staaten, wie Iowa und Californien, eine große Zahl edler Obstsorten haben.

Die Ackerbauhalle wird mit ihren grünen Dächern von drei Reihen mächtiger Spitzbogen getragen. Durch den weißen Anstrich jener Bogen und die helle Beleuchtung gewährt jede einzelne dieser Reihen eine schimmernde Perspective, und das Innere der Halle erinnert an einen Eispalast. Hier haben die fremden Nationen – mit geringen Ausnahmen – nur jene Handelsproducte ausgestellt, für welche sie hier zu Lande einen guten Markt zu finden hofften.

Ein junger Staat aber scheint eine ärmliche Ausstellung seiner Erzeugnisse nur zu dem Ende veranlaßt zu haben, um dem farbigen Theile der nordamerikanischen Bevölkerung eine dringende Bitte an’s Herz legen zu können. Ich spreche von der Republik Liberia an der afrikanischen Westküste, die vor wenigen Jahrzehnten gegründet wurde, um den befreiten Sclaven eine Heimath zu schaffen. Trotz aller Unterstützung, welche dem kleinen Staatswesen zu Theil wurde, scheint dieses in wirthschaftlicher Beziehung auf keinen grünen Zweig zu kommen. Ueber einer bescheidenen Ausstellung von Palmölseife, Kaffee, Bast und Netzen hängen die Bilder der beiden ersten [508] Präsidenten der Republik nebst den Photographien junger Liberianer, welche einer Schulanstalt Pennsylvaniens ihre Erziehung danken. Auf einer grell bemalten Leinwand aber, hebt ein Afrikaner die Hände gen Westen, und unter diesem Bilde steht: „Der Schrei Afrikas: Befreiter Mann Amerikas, komm’ herüber und hilf uns!“

So berechtigt diese Bitte ist, so fürchte ich, sie wird wenig Wirkung haben. Dem befreiten Manne Amerikas fehlt der Enthusiasmus, um für den schwarzen Bruder im heißen Afrika sein Leben in die Schanze zu schlagen. Die ehemaligen Sclaven finden jetzt, daß Amerika ein Land ist, in dem es sich leben läßt.

Von den übrigen Nationen bietet Italien unter anderen seine Käse, seine Würste, Weine und Oele an, England seine stark gebrauten Biere, Terracotten und schön gearbeitete Ackergeräthe. Brasilien hat mit seinen feinen Wollvließen und schneeigen Baumwollflocken einen Pavillon construirt, dessen Inneres eine reiche Auswahl von Kaffee, Gummi, Cacao und Thee umschließt. Zudem hat das weite Kaiserreich Rohseide, Felle und eine stattliche Auswahl aller in seinen Wäldern vorkommenden [509] Hölzer ausgestellt. Rühmliche Anstrengungen hat auch Spanien gemacht, um die Erzeugnisse seines Landes, wie seiner Colonien auf den Weltmarkt zu bringen; die feurigen Weine des Mutterlandes, die feinen Tabake der Colonien präsentiren sich in dieser Abtheilung in verlockender Fülle. In der holländischen Abtheilung sind die Specereien der asiatischen Besitzungen und die Liqueure des Mutterlandes bemerkenswerth. Norwegen zeigt seine Fischerbarken, Netze und alle Fische seiner Küstenmeere, Flüsse und Seen. Japan hat neben seinen sorgfältig verpackten Theeblättern eine reiche Anzahl getrockneter und geräucherter Fische ausgestellt, deren Geruch ein so unausstehlicher ist, daß die Gastronomen Europas sich schwerlich entschließen werden, von diesen Leckerbissen zu kosten, und sei es auch nur um der bloßen Erkenntniß willen.

In der österreichischen Abtheilung fällt zumeist eins Collectivausstellung der berühmten Sensen und Sicheln Steiermarks auf. Frankreich hat feine Liqueure und Weine gebracht, Deutschland seine Exportbiere, Hopfen und Weine. Das deutsche Bier erfreut sich in den Vereinigten Staaten einer großen Beliebtheit, allein was die Weine betrifft, so ist denselben in den [510] billigen californischen Weinen eine gefährliche Concurrenz entstanden. Der californische Wein hat in den letzten Jahren viel von seiner Herbheit eingebüßt, ist sehr feurig, leidet nicht durch den Transport und ist im Vergleich mit den durch eine hohe Eingangssteuer belasteten ausländischen Weinen spottbillig. So geschmackvoll sich darum auch die Marken unserer besten deutschen Weine in einem geschnitzten Eichenrahmen mit kunstvoller Bekrönung präsentiren, so fürchte ich doch, das amerikanische Absatzgebiet wird von Jahr zu Jahr dürftiger werden, falls die Gesetzgeber in Washington das Schutzzollsystem nicht fallen lassen.

In überraschender Reichhaltigkeit entfaltet sich neben den Vereinigten Staaten die Ausstellung Canadas. Was nur immer in der Neuzeit an Maschinen zur Arbeitsersparniß herausgeklügelt und ausgeführt wurde, das führen uns canadische Fabrikanten vor’s Auge – nur eine imposante Erscheinung fehlt, und das ist der Fowler’sche Dampfpflug in jener soliden und glänzenden Ausführung, wie ihn die Abtheilung der Engländer zu Wien in so vielen Exemplaren zur Schau stellte. Der gewöhnliche canadische Pflug hat erstaunlich lange Barren, ein Zeichen, daß die Pflugschar eines starken Druckes bedarf, um in den harten Boden einzudringen.

Unter den Landesproducten machen sich auch die Tauschartikel aus den Indianerterritorien bemerkbar, Büffel- und Wolfshäute, Biberfelle, Fischöl und gar einige Teppiche, welche ein geometrisches Muster und ganz hübsche Farben zeigen. Die canadische Abtheilung erhält dadurch ein charakteristisches Gepräge, daß über jeder Gruppe ausgestopfte Thiere oder wenigstens Thierköpfe angebracht sind. Es ist leicht zu ersehen, daß das rauhe Canada noch immer reiche Jagdgründe hat.

Den weitaus größten Raum in der Ackerbauhalle nimmt selbstverständlich die einheimische Ausstellung ein, und diese hat manchen originellen Zug. So finden wir im Centrum des Querschiffes eine alte Windmühle, in deren Innerem feine Mehlsorten aufgestellt sind. Eine Ausstellung von Senf veranstaltete eine amerikanische Firma gleichsam in ihrem eigenen Laden; sie hat nämlich ein Miniaturhaus erbauen lassen, das eine getreue Copie ihres Geschäftslocals ist.

Eine Zuckerbäckerei New-Yorks erbaute aus Zucker einen im Rococostil gehaltenen Ruhmestempel, in dessen Hallen und auf dessen Sockel beinahe die ganze Geschichte der Vereinigten Staaten plastisch dargestellt wird. Hier sieht der Beschauer, wie die Mitglieder des Congresses von anno 1776 in der Independence-Halle die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnen, wie Washington im Winter über den Delaware setzt, wie Ulysses Grant den Robert Lee besiegt, und was dergleichen schöne Dinge mehr sind. Ein Künstler, der statt in Marmor in Zucker arbeitet – das ist doch ganz was Neues. Es muß auch solche Käuze geben, und zuweilen darf man dem Schicksal auch für eine naive Kunstanschauung dankbar sein. Einen Beweis dafür bildet die Geschichte des Bildhauers H. in New-York. Dieser deutsche Künstler hatte im Anfang seiner amerikanischen Laufbahn so üble Erfahrungen gemacht, daß er eines Abends den Hut fest in die Stirn drückte und nach den Docks lief, um sich in’s Wasser zu stürzen. Sein Project wurde von einem abgehenden Dampfer gekreuzt, der ihn auffischte und später an einem kleinen Küstenort an’s Land setzte. H. verdingte sich hier bei einem Farmer als Knecht, erwies sich zwar in seinem neuen Beruf als sehr ungeschickt, allein sein Brodherr hatte Geduld mit ihm und hieß ihn während der Ernte in den Ställen und der Küche der Frau ein wenig an die Hand gehen. Eines Tages schälte H. Kartoffeln und weil die sonderbare Bildung eines der Knollengewächse seinen künstlerischen Schaffensdrang arg in die Schranken forderte, schnitzte er aus der Kartoffel die Portraitbüste seines Brodherrn und stellte diese auf den Tisch. Als die Familie vom Felde zum Essen kam, gerieth jedes Mitglied derselben beim Anblick der Kartoffelbüste in das maßloseste Erstaunen, und der gutgelaunte Farmer meinte, H. sei ein Teufelskerl, denn darin offenbare sich das Genie, daß so ein Artist auch aus der armseligen Kartoffel ein Bildniß herauszuarbeiten verstehe.

Und jenes Kartoffelschnitzwerk wurde zum Wendepunkte in H.’s Leben. Von dem Farmer unterstützt, klimmte der Bildhauer von Stufe zu Stufe aufwärts, bis er in New-York, mit günstigem Strome und Wind segelnd, zu Vermögen und Anerkennung gelangte.

Ein Aquarium mit einer stattlichen Reihe von Wasserbehältern läßt uns die Bekanntschaft amerikanischer Süßwasserfische machen. Zu diesen gesellen sich Aale von erstaunlicher Dicke und Schildkröten. Die letzteren sind besonders zahlreich vertreten, und es befinden sich einige Riesenexemplare in der Gesellschaft. Die Amerikaner schwärmen für Schildkrötensuppe, und auf großen Farmen im Süden findet man in der Regel einen Teich, der zur Schildkrötenzüchtung angelegt ist.

In einem besonderen Behälter liegt der Alleghany-Hell-Bender (Menopoma Alleghaniensis), eines der scheußlichsten Thiere, das die Erde geboren. Es hat die Form eines winzigen Alligators, allein der ganze Leib sieht aus wie ein in Fäulniß gerathener Schlauch, an dem weder Augen, noch ein Maul zu entdecken sind, nur zwei Füße lassen errathen, daß etwas Leben in dem vom Wasser bewegten Körper wohnt. Das Thier lag gerade, als ich seiner ansichtig wurde, mit der Hälfte des Körpers auf einem schwimmenden Brette und hatte augenscheinlich das Bestreben, in’s Wasser zurückzukehren, allein es dauerte etwa eine halbe Stunde, ehe es in seinen Bemühungen erfolgreich war, so wenig Kraft wohnt in jener Masse, die aus Schlamm zu bestehen scheint.

In der Nähe des Aquariums haben die Fischhändler von Massachusetts ein Bassin angelegt, auf dessen Wasserfläche eine ganze Flotille kleiner Fischerboote mit aufgehißten Segeln schwimmt. Diese scheint eben vor Anker gegangen zu sein, und durch plastische Darstellungen wird dem Beschauer klar gemacht, wie die Fische am Strande getrocknet, gesalzen, in Fässer verpackt und nach dem Lagerhause geschafft werden.

Californien hat eine Colonie kleiner Thiere mit Dampf über die Ebene rollen lassen, denen man sonst nur sehr kleine Reisen zumuthet; es sind das californische Seidenwürmer, welche wohlbehalten hier anlangten und sich jetzt der nutzenbringenden Beschäftigung des Seidespinnens mit Eifer hingeben.

Bewundernswerth sind in dieser Gruppe einige Cacteen in der Form unserer Bienenkörbe, aber doppelt so groß, und ferner die Photographien der berühmten californischen Waldriesen. Da ist der Grizzlybaum abgebildet, dessen Stamm einen Durchmesser von dreiunddreißig Fuß hat, dann der californische Lorbeer mit einer luftigen Kuppel, die jener unserer Buchen gleicht, und endlich die Lebenseiche, welche ihr Laubdach von der Erde an zu einem grünen Dome wölbt und ein gewaltiges Terrain in undurchdringlichen Schatten hüllt. Californische Weine sind in großer Menge ausgestellt, und ich will nur gleich bemerken, daß der Anbau der Rebe über ganz Amerika hin rasche Fortschritte macht.

Eine Fülle von Obst, Gemüse, Welschkorn und anderem Getreide zeigen uns in den verschiedenen Gruppen, wie reich der Boden dieses jungfräulichen Landes ist. In der Abtheilung für landwirthschaftliche Maschinen jedoch bemerken wir eine Anzahl von Apparaten, welche auf außergewöhnliche Feinde der Bodencultur schließen lassen; so sind mehrere Patentmaschinen ausgestellt zur Zerstörung des Coloradokäfers, welcher bekanntlich die Kartoffelpflanzungen so arg verwüstete.

Was die Erfindung von Arbeitsersparnißmaschinen betrifft, so ist Amerika auf diesem Gebiete fast allen Völkern voraus, allein ich finde in der ganzen Abtheilung praktischer Maschinen zum Säen, Mähen, Dreschen, Pflügen, Buttern etc. kaum etwas, das heute nicht schon in Deutschland bekannt wäre. Durch den Mangel an Arbeitskräften angespornt, gehen unsere Großgrundbesitzer jetzt mit aller Energie daran, das zu erwerben, was Nutzenbringendes im In- und Auslande auf diesem Gebiete geschaffen wird.

Ein amerikanischer Fabrikant hatte den guten Gedanken, einige Ackergeräthe aus der Zeit des vorigen Jahrhunderts auszustellen. Lassen wir nun von dem ärmlichen Holzpfluge, dessen Pflugschar nur mit einem Stück Eisen beschlagen ist, unsere Blicke zu dem stolzen Dampfpfluge unserer Zeit hinübergleiten und zu den genial erfundenen Mähe- und Säemaschinen, so dürfen wir mit Recht fragen: was wird nach weiteren hundert Jahren kommen?

Das Sonst und Jetzt der Vereinigten Staaten veranschaulicht uns keine Ausstellung in so klarer Weise wie die der nordamerikanischen [511] Regierung. Bei dieser in einem umfangreichen, kreuzförmigen Pavillon veranstalteten Ausstellung gingen die Departements der Bundesregierung von der Absicht aus, dem Besucher ein Bild von den Hülfsquellen des Landes und den administrativen Fähigkeiten der Regierung zu geben; man wollte zeigen, welcher Art ihre Institutionen seien und welche Verbesserungen man im Interesse des Volkes vornehme.

Von dem eigentlichen Bodenreichthume der Union wie von seiner Jagd und Fischerei erhalten wir daher durch die vom Ackerbauministerium aufgebrachte Sammlung ein viel vollständigeres Bild, als uns dies die Ackerbauhalle zu geben vermag. Hier sehen wir eine vollständige Sammlung der in den verschiedenen Staaten erzeugten Getreidearten, Knollengewächse, Hanf, Baumwolle, Wolle- und Bastsorten, ferner Cocons, Rohseide, Obst, Gemüse, Mineralien, die verschiedensten Holzarten, ausgestopfte Vögel, in Spiritus gesetzte Fische und andere Süßwasserbewohner, dann die Fische und Säugethiere des Meeres, unter denen sich riesige Seelöwen und Robben hervorthun, endlich die vierfüßigen Bewohner der unermeßlichen Wälder, unter denen der stolze Elch Amerikas wie ein Riese unter Zwergen hervorragt.

Dieser umfangreichen Abtheilung hat der Ausstellungs-Commissär und Statistiker Dodge eine Reihe von Karten und Tabellen beigegeben, welche die schätzenswerthesten Aufschlüsse über die in den zweitausendzweihundert Grafschaften Amerikas herrschenden Agrarverhältnisse ertheilen. Der Werth der Ländereien ist für den Ansiedler am höchsten in New-York, Pennsylvanien, Ohio, Indiana, einem Theile von Michigan und Californien, im Süden, namentlich aber in den Territorien des Westens, dagegen am billigsten.

Ebenso hat der verdienstvolle Dodge in einem besondern Rahmen Abbildungen von den Ackerbauschulen der Vereinigten Staaten ausgestellt, deren gegenwärtig nicht weniger als neununddreißig in den verschiedenen Staaten eröffnet wurden. Einige davon sind selbstständig; andere schließen sich an größere Universitäten oder Gewerbe-Akademien an. Besucht sind diese Anstalten von 3703 Studenten mit 463 Lehrern. Der Congreß hat diesen Schulen 9,510,000 Acker Land geschenkt, von denen bereits 7,996,329 Acker verkauft sind.

Es ist erstaunlich, welche Masse von Alterthümern wir auf der Centennial-Ausstellung aufgehäuft finden. Fast hätte man glauben sollen, die Amerikaner, als das modernste Volk der Erde, fragten gar nichts nach der Hinterlassenschaft jener theils untergegangenen, theils in die Wildniß gescheuchten Stämme, allein das stricte Gegentheil ist der Fall. In der Abtheilung für Mineralien haben wohl mehr als zwanzig amerikanische Farmer oder Bürger kleiner Städte ganz stattliche Sammlungen von indianischen Steinäxten, Pfeilspitzen und Messern aus Feuersteinen, irdenen Geschirren, Schmucksachen, metallenem Zierrath, kupfernen Pfeifen, Schädeln und Götzenbildern zur Schau gestellt. Noch glänzender ist die Gruppe von Indianerarbeiten, welche das Ministerium des Innern theils durch die Einsendungen der geographischen und geologischen Expeditionen, theils durch die Beiträge der christlichen Missionen und vieler Alterthumsforscher zusammenbrachte.

Hier ist die Zahl der roh geschnitzten oder aus Thon geformten Götzenbilder Legion. An vielen irdenen Trinkgefäßen machen sich gleichfalls die ersten stammelnden Versuche zur bildlichen Darstellung geltend. Manche dieser Geschirre haben eine gefällige Form und sind mit geometrischen Figuren geschmückt. Die Henkel laufen in Schlangen oder Adlerköpfe aus. Auch auf die Herstellung der Schilde und Tomahawks ist augenscheinlich großer Fleiß verwendet. Die kreisrunden Lederschilde sind bunt bemalt und im Centrum mit Federn geschmückt; am Tomahawk sind Beil und Pfeife mit farbigen Schnüren und Leder umwickelt. Ganz befremdlich sind die Waffen und Rüstungen, welche man bei den Indianerstämmen Alaskas fand. Da ist beispielsweise ein starker eiserner Brustharnisch; ferner giebt es da eine Anzahl eisenbeschlagener Holzhelme, deren Spitze in einen Schwanen- oder Adlerkopf ausläuft und an deren Rückseite sich eine Art von Helmbusch befindet, dann mehrere gutbemalte hölzerne Tänzermasken und viele andere Dinge, welche eher von den Normannen des achten Jahrhunderts als noch lebenden Indianerstämmen herzustammen scheinen.

Hochinteressant sind ferner die photographischen und plastischen Nachbildungen der Klippen- und Wallbauten, wie sie „die geologische Vermessungs-Expedition der Territorien“ in Colorado und Arizona fand. Wie der Adler seinen Horst in die unnahbarsten Felsenrisse hineinbaut, so suchten sich auch die Klippen- und Wallbauer des alten Tuscahan ihre Zufluchtsstätten in den majestätischen Felsmassen des Colorado-Cañon. Hier gruben sie sich mitten in die Felswand hinein, höhlten die Steinwand in der Mitte aus und führten eine Reihe von Steinbauten auf, welche nach oben hin offen waren, da die überragende Felswand Schutz gegen die heißen Sonnenstrahlen gewährte. Von außen gleichen diese Bauten ganz unseren mittelalterlichen Ritterburgen, denn wie jene, haben auch sie starke Mauern und viereckige Thürme. Erreicht wurden diese Felsenburgen theils durch Leitern, theils durch sehr schmale Felspfade. Zum Theil sind solche Klippenbauten auch in große Felshöhlen hineingeflickt, und zwar scheinen dann die Felsblöcke roh und ohne Mörtel aufeinander geschichtet zu sein. Auch von den kasernenartigen Bauten, welche aus getrockneten Lehmziegeln aufgeführt wurden, sehen wir gute Abbildungen; so scheint die Straße von Wolpi aus solchen halbverfallenen Kasernen mit engen Zellen zu bestehen. Auch an Indianer-Denkmälern fehlt es nicht; so präsentiren sich in Aquarellbildern eine Anzahl riesiger Sandsteinmonumente, die in der Form von Kegeln emporstreben und oben an der Spitze in die Gestalt eines Pilzes auslaufen, der mit grellen und rothen Farben bemalt ist.

In den Burgen der Klippen- und Wallbauer nisten heute die Moki-Indianer, ausgemergelte Gestalten mit schlaffen und indolenten Gesichtszügen. Die Erbauer dieser Felsennester selber aber verkrochen sich doch nur in die öden Klippen und Höhlen, weil sie wußten, daß ihnen in der Ebene irgend ein Bruderstamm auflauere, um ihnen die Kehlen abzuschneiden oder die Kopfhaut zu scalpiren. Und sonderbar, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts sah Jean Jacques Rousseau, und mit ihm fast die Hälfte der gebildeten Welt, in dem Leben der Wilden das Ideal einer menschenwürdigen Existenz.

In dem Regierungsgebäude hat George Fairman, der Postmeister von Philadelphia, ein Postbureau errichtet, welches eine ganz respectable Thätigkeit entwickelt. Vor demselben fertigt eine Automatenmaschine Postcouverts an. Dieser Maschine braucht man nichts zuzuführen, als die Streifen Papier, und sie giebt uns die fertigen Couverts dafür zurück. Das Schatzamtsdepartement hat die Cassenscheine und Münzsorten verschiedener Prägung ausgestellt.

Im südlichen Theile des Gebäudes stehen Marine und Landarmee einander gegenüber. Beide zeigen die Entwickelung, welche sie im Laufe des Jahrhunderts genommen haben.

Beide Gruppen sind hochinteressant. Das Kriegsministerium hat die Geschütze ausgestellt, welche der General Lafayette den amerikanischen Freistaaten als Geschenk von Frankreich mitbrachte; dann sind die Waffen aller Jahrgänge aufgestellt bis auf den heutigen Tag, und um dem Publicum zu zeigen, wie man diese Waffen und Patronen anfertigt, ist durch die Gewehrfabrik zu Springfield, Massach., eine Werkstatt etablirt worden, in welcher, vermittelst rasch arbeitender Maschinen Gewehrläufe gebohrt, Schafte abgedreht und Patronen angefertigt werden.

Weit verdienstvoller als diese Arbeiten sind die des Signal-Corps, welches dem Kriegs-Departement unterstellt ist. Dasselbe empfängt täglich das Resultat der Wetterbeobachtung von mehr als achtzig Beobachtungsstationen, welche über die ganze Union und Canada hin ausgebreitet liegen, und giebt dann sofort einen Wetterbericht aus, in welchem die Wahrscheinlichkeit der Wetterveränderung für den kommenden Tag mitgetheilt wird. Es sind dann auch die Apparate aufgestellt, deren sich die Signalstationen bedienen, um die Stärke des Windes und die ungefähre Masse des fallenden Wassers zu messen. Im schwedischen Schulhause wird jedoch ein Instrument gezeigt, das alle bisher dagewesenen Meteorographen noch an Vollkommenheit übertrifft; es ist dies Theorell’s druckender Meteorograph, der schon seit einigen Jahren auf der Sternwarte zu Wien mit Erfolg angewendet wird. Mit Hülfe einer elektrischen Strömung verzeichnet derselbe, ohne jedes menschliche Zuthun, die Zeit der Beobachtung, die Geschwindigkeit und Stärke des Windes, den Feuchtigkeitsgrad und die Schwere der Luft.

[512] Die Marine giebt dem Beschauer ein Bild der verschiedenartigen Schiffsausrüstungen in den verschiedenen Phasen ihrer Entwickelung. Das größte Interesse erwecken hier die Revolverkanonen und Torpedos verschiedenster Construction. Unter den Letzteren dürfte der Lay’sche als der gefährlichste bezeichnet werden; derselbe hat die Gestalt eines Fisches, ist von bedeutender Größe und bewegt sich, vom Strande aus mit Dampf versorgt, vermittelst einer Schiffsschraube fort, bleibt jedoch mit einer elektrischen Batterie in Verbindung, welche ihn im geeigneten Moment explodiren macht.

Von der Piazza vor dem Regierungsgebäude blickt drohend der Thurm eines Monitors herab, der mit zwei gewaltigen Geschützen armirt ist. Möge die hundertjährige Republik, welche ihr rasches Emporblühen allein der friedlichen Arbeit dankt, ihre Monitors, Torpedos und Revolverkanonen nie zu anderen Zwecken verwenden, als um den Frieden und die Freiheit ihrer Staaten zu beschützen!

[542]
3. Die Maschinenhalle.


Wer am 16. Juni eine der Hauptstraßen der Stadt passiren wollte, hatte Mühe an den Telegraphen-Bureaux vorüber zu kommen; dieselben waren nämlich von einer drängenden Menschenmasse umstanden, welche mit emporgereckten Hälsen die ausgegebenen Bulletins über das Ballotement der republikanischen Convention zu Cincinnati las. Wer wird nominirt werden? fragte man sich allerorts, Blaine, Morton oder Hayes? Die Unruhe steigerte sich von Stunde zu Stunde, bis man die unerwartete Neuigkeit las: Hayes ist ernannt. Wer ist Hayes? fragte einer den andern und die lakonische Antwort lautete: Der Gouverneur von Ohio. Wenige nur wußten es, daß dieser Gouverneur im letzten Bürgerkriege sich mit großer Bravour, namentlich bei Winchester, geschlagen und den Rang eines Generalmajors erworben hatte.

Der Bewohner einer Republik nimmt an den öffentlichen Angelegenheiten stets mehr Antheil, als der eines monarchischen Staatswesens, denn hier herrschen nur die Gesetze, welche durch das Votum aller Bürger zu Stande kommen, und der Mann, welcher in ein Amt eingeführt wird, ist nur der Bevollmächtigte seiner Wähler. So ist es leicht begreiflich, daß die Zeit bis zur Präsidentenwahl für die Bürger dieses Landes eine Aufregung über die andere bringt. Als ich daher an der Independence-Halle vorüber ging und eine dichte Menschenmenge um jenes erhabene Marmordenkmal Washington’s versammelt sah, welches die Schulkinder Philadelphias dem Vater der Republik setzen ließen, mußte Jedermann glauben, es sei wieder eine politische Nachricht eingetroffen. Jene Voraussetzung war falsch. Die Neugierigen umdrängten eine neue Glocke von stattlicher Form und Größe. Ein ungenannter Bürger Philadelphias hatte diese Glocke seiner Vaterstadt zum Geschenke gemacht, damit dieselbe am 4. Juli an Stelle der zersprungenen Unabhängigkeitsglocke das Hundertjahresfest der Republik einläute.

Die alte zersprungene Unabhängigkeitsglocke ist eine der ehrwürdigsten Reliquien der Nordamerikanischen Republik; sie wurde im Jahre 1752 auf Bestellung der Provinzialversammlung von Pennsylvanien in England gegossen und erhielt auf Anordnung dieser Versammlung die nachstehende prophetische Inschrift: „Verkünde Freiheit durch alle Lande und allen Denen, die darinnen wohnen!“

Diesem Befehle kam die Glocke gewissenhaft nach, denn als am 4. Juli 1776 vom Congreß in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung angenommen war, wurde sofort die im Thurme der Halle befindliche Freiheitsverkündigerin geläutet, und Jedermann erfuhr durch ihre eherne Zunge, daß die Stunde der Unabhängigkeit und Freiheit geschlagen. Als diese alte Glocke einen gewaltigen Riß erhielt, gönnte man ihr später einen Ehrenplatz unter den Reliquien aus der Zeit der Freiheitskriege. Ihre Nachfolgerin im Thurme der Independence-Halle trägt auch die Umschrift: „Verkünde Freiheit durch alle Lande …“

Von den Thürmen der Maschinenhalle tönt allabendlich das „Heimath, süße Heimath“ über den Fairmount-Park hin. Ein amerikanischer Glockengießer hat nämlich da droben ein Glockenspiel aufgehängt, das mehrere volksthümliche Melodien zu spielen vermag. So silberhell und weich die Töne immer klingen, so hören wir doch auf den ersten Blick, daß der ferne Orient uns auch in der Glockengießerei noch immer überlegen ist. Wollen unsere Glockengießer bei dem Guß mehrerer Glocken hellere oder dunklere Klangfarben hervorbringen, so müssen sie den Glocken verschiedene Größen geben. Anders der Japaner! Dieses Volk besitzt im Tempelhain zu Niko ein Glockenspiel, dessen Glocken alle von gleicher Form und Größe, dagegen von verschiedener Tonstimmung sind.

Die Maschinenhalle der Centennial-Ausstellung ist nicht nur räumlich die großartigste, welche je eine Weltausstellung aufgewiesen hat, sondern auch dem Inhalte nach. In diesen Räumen beobachtet der Besucher eine überraschende Erscheinung. Es ist bekannt, daß bei allen früheren Weltausstellungen das Hauptinteresse der Besucher sich der bildenden Kunst und dem Kunstgewerbe zuwandte. Das Schöne eroberte sich den Beifall der Menge und überließ dem Nützlichen die Anerkennung der Sachverständigen. Hier in Amerika finde ich zum ersten Male die Räume der Maschinenhalle überfüllt, und zwar besteht die größere Hälfte der schaulustigen Menge aus Frauen.

Worin haben wir den Grund für diese gesteigerte Interessenahme des Publicums für das Maschinenwesen zu suchen? Nun, eine Maschine, und wenn sich ihre eisernen Arme auch noch so gewaltig emporrecken, ist in den Augen des Laien ein häßliches Ding und eine vollkommene Sphinx, sobald sie nicht ihren Zweck erfüllt und arbeitet. Haucht der Mensch aber durch die Kraft des Dampfes diesem räthselhaften Geschöpf Odem und Leben ein, so nimmt seine Geschäftigkeit unwillkürlich unser Interesse gefangen; bringt es aber gar noch Leistungen hervor, welche so sehr überraschen, daß wir ein wahres Taschenspielerkunststück vor uns zu haben vermeinen, so regt sich in uns die Bewunderung und wir empfinden die herzlichste Freude an der Macht menschlicher Erfindungsgabe, durch welche das ganze Menschengeschlecht von so manchen drückenden Arbeiten entlastet wird. Gerade auf dem Felde der modernen Industrie leisten die Amerikaner Staunenswerthes, und sie können von Glück sagen, daß die Ausstellungs-Commission es verstanden hat, die Halle so einzurichten, daß sich auch der Laie über die Tragweite der modernen Industrie zu unterrichten vermochte. Die Halle macht den Eindruck einer Riesenwerkstätte; wohin wir blicken, sprudelndes Leben, eine Fülle der Bewegung. Alles hastet und stöhnt in fieberhafter Bewegung.

Und doch fällt unser Blick beim Eintritt durch das Hauptportal auf eine majestätische Erscheinung, welche von hohem Sockel herab mit herrischer Miene Ruhe zu gebieten scheint. Der Beschauer hat die berühmte Krupp’sche Kanone vor sich, den Glanzpunkt der deutschen Abtheilung. Es hat keine geringe Mühe gekostet, das braune Ungethüm über die weite See zu schaffen, denn beim Ein- und Ausladen mußten ganz besondere Krahnen oder andere Aufzugapparate geschafft werden, denen man die schweren Stücke, ohne ein Zusammenbrechen befürchten zu müssen, anvertrauen konnte. Das Gewicht des Rohres beträgt nämlich 58,580 Kilo, das von Lafette und Wagen zusammen noch mehr. Bei diesem Geschütz ist es hauptsächlich die Länge des Rohres, welche Bewunderung verdient, denn die Bohrung oder Seele desselben hat nur einen Durchmesser von 35½ Centimeter. Das Geschoß wiegt 540 Kilo. Das Geschütz sollte eine bedeutende Tragweite entwickeln, und die Absicht ist erreicht worden, denn bei einer Entfernung von zwei englischen Meilen schlägt das Geschoß eine Panzerplatte von vierundzwanzig Zoll Dicke durch, und in einer Entfernung von zwei deutschen Meilen hat das geschleuderte Geschoß noch die Kraft eine sechszöllige Panzerplatte zu durchbohren.

Krupp hat ferner einige kleine Berggeschütze, selbstverständlich auch Hinterlader, ausgestellt, wie sie in einfacherer Construction Garibaldi beim Feldzug in Sicilien anwandte. Drei Pferde [543] machen uns die Art des Transportes klar. Das Rohr des Geschützes wird auf den Packsattel des ersten Pferdes geladen, die Lafette auf den des zweiten, die Räder und Munitionskasten auf den des dritten. In der russischen Abtheilung hat Krupp einen Rivalen, allein die hellen Bronzegeschütze der russischen Fabrik halten mit den Gußstahlkanonen aus Essen in Bezug auf Güte des Materials und exacte Arbeit kaum einen Vergleich aus. Die russischen Berggeschütze bedürfen zu ihrem Transport vier Pferde. Das Krupp’sche Etablissement hat außer seinen weltberühmten Geschützen auch Dinge von friedlicherem Ansehen ausgestellt, wie reiche Erzstufen, gewaltige Gußstahlachsen, Walzmaschinen und Kuppelstangen.

Neben Krupp trat die Collectivausstellung des Siegerlandes besonders hervor, das aus seinem manganreichen Spiegeleisen einen schillernden Obelisken gebaut hatte. Dieses Erz wird von der ganzen Welt begehrt, um den Bessemerstahl daraus zu fabriciren. Unter den im Betrieb beachtlichen Maschinen der deutschen Abtheilung erregten die Deutzer Gasmotoren, welche bei einer Leistung von drei Pferdekräften die Dampfmaschinen an Billigkeit übertreffen, und die Berliner Maschinen zur Cement- und Ziegelfabrikation von Schlickeisen besondere Aufmerksamkeit.

Ehe wir in der Betrachtung einzelner Gruppen fortfahren, wollen wir erst erörtern, was den vielen Hunderten von Maschinen, welche zu beiden Seiten der Promenaden eine so große Geschäftigkeit entwickeln, Leben und Bewegung verleiht. Es ist das die Corliß’sche Doppelmaschine im Mittelpunkt der Halle, welche, einer Kraftentwickelung von vierzehnhundert Pferdekräften fähig, Triebwellen in Bewegung setzt von einer englischen Meile Länge. Nicht weniger als zwanzig Kessel speisen diese Riesenmaschine und führen außerdem jedem Aussteller so viel Dampf zu, wie dieser zu seinen Experimenten bedarf. Die Kosten des Dampfverbrauchs trägt die Ausstellungs-Commission. Die Kessel der Maschine sind unsichtbar, und diese ruht scheinbar auf einer erhöhten braunen Kreisfläche, wie auf einem Tische. Das Schwungrad hat einunddreißig Fuß Durchmesser und ein Gewicht von fünfundfünfzig Tonnen. Dieses colossale Rad läuft in einer braunen Holzumkleidung, und zwar so leicht, daß man kaum eine zitternde Bewegung verspürt. Die Maschinenfabrik von Corliß in Providence (Rhode Island) wurde schon auf der Wiener Weltausstellung für ihre Leistungen durch eine Medaille ausgezeichnet; die Centennial-Ausstellung begründet für immer ihren Weltruf. Neben jenem riesigen Dampfmotor, der an Schönheit der Construction seines Gleichen sucht, hat Corliß nämlich eine andere Maschine aufgestellt, welche eines der schwierigsten Probleme der Gegenwart löst; es ist das eine Maschine zum Ausschneiden von Zahnrädern mit kegelförmigem Radkranz. Lange Zeit hatte man in der Technik trotz ausgeschriebener Preise die Lösung dieser Aufgabe vergeblich gesucht; vor einem Jahre trat Corliß mit seiner Erfindung hervor, und heute sehen wir die neue Maschine in Betrieb, welche, von einem einzigen Arbeiter beaufsichtigt, die Zahnconstruction vollkommen correct ausarbeitet.

Welch ein großartiger Umschwung der Industrie im Laufe des letzten Jahrhunderts! In früheren Zeiten experimentirte man so zu sagen in’s Blaue hinein. Heute ergeben sich auf dem Felde der Industrie die Aufgaben von selber; sie wachsen aus dem Bedürfniß heraus, und der Industrielle sagt zu dem erfinderischen Kopf: ich brauche eine Maschine, die das oder jenes leistet – mach’ dich an die Arbeit!

So bedurften die Besitzer amerikanischer Kohlengruben, die stets wegen Arbeitskräften in Verlegenheit sind, einer Kohlenschneidemaschine, und heute sehen wir schon eine solche, die durch comprimirte Luft bewegt wird, im Betriebe. Das Ding bohrt sich wie ein breites Messer in die Kohlenschicht ein und schneidet Flötze von beliebiger Länge und Breite heraus. Nur ein Aber scheint mir dabei zu sein – die Maschine wird sich nur bei breitgelagerten Kohlenflötzen anwenden lassen, wie sie sich beispielsweise im Saarbecken finden, denn sie darf nicht auf hartes Gestein treffen. Dafür sind die vielen Bohrer da, welche den härtesten Fels knirschend bearbeiten. Von der Dampfkraft bewegt, schneiden Diamantbohrer in den Granit ein.

Da, wo die Corliß’sche Riesenmaschine sich aus der freien Rotunde erhebt, ist ein Annex an die Halle gebaut, welcher vorzugsweise die Bestimmung hat, hydraulische Maschinen aufzunehmen. Hydraulische Maschinen können bekanntlich ohne Wasser nicht gut in Bewegung gesetzt werden – es geht gegen ihre heiligsten Principien. Um ihnen daher die zu ihrer Bewegung unerläßlichen Quantitäten Wasser zuzuführen, hat man einen Teich in ihrer Mitte angelegt, welcher hundertsechszig Fuß lang, sechszig Fuß breit und zehn Fuß tief ist. Die ansehnliche Wasserfläche ist mit einem Geländer und einer Promenade umgeben, die in heißen Tagen sehr gern besucht wird. In das Bassin ergießt sich nämlich ein Wasserfall von vierzig Fuß Breite und fünfunddreißig Fuß Höhe. Die niederströmenden Wasser fallen in so großen Massen in das Bassin, daß hier die Wellen aufschäumen und die ganze Fläche in Bewegung geräth. Dabei fliegen die von den Dampfspritzen geschleuderten Wasserstrahlen hoch durch die Luft und senken sich dann wie wehende Silberschleier auf das Bassin nieder. Mit dem Rauschen der in den Teich stürzenden Wassermassen harmonirt vortrefflich das Brausen der mächtigen Gebläse, welche theils zum Hochofenbetrieb, theils zur Ventilation von Kohlenschachten dienen. Die Luft wird mit solcher Gewalt aus diesen Maschinen herausgetrieben, daß man das Brausen eines wirklichen Sturmes zu hören vermeint.

Am Ende der Gruppe hydraulischer Maschinen sind jene Elevatoren aufgestellt, welche sich auch jetzt bei uns in Deutschland Eingang verschafft haben. Bei der Schwere, die diese Aufzüge hatten, konnte man bisher befürchten, daß dieselben einmal durch das Reißen eines Seiles oder irgend eine Unvorsichtigkeit plötzlich niederstürzen könnten. Man hat nun vier über’s Kreuz laufende Klammern erfunden, welche sich sofort an die den Kasten umgebenden vier Balken anhängen, sobald der Aufzug nach unten sinkt. Der Fall wird somit durch die eigene Schwere des Aufzuges verhindert, denn diese drückt die Klammern an die Balken fest.

Fast nach demselben Princip wurde eine Maschine zum Einspannen großer Holzstücke, wie Thüren, Fenster und Bohlen construirt. Man legt den Gegenstand, der gehobelt oder ausgeschnitten werden soll, auf einen Rahmen drückt mit dem Fuße auf einen Hebel, und vier Eisenklammern umspannen gleichzeitig die Ecken des Holzes und halten sie fest. Derselbe Fabrikant, welcher diesen Rahmen erfunden hat, läßt auch eine Maschine arbeiten, welche mit der Kreissäge viereckige Löcher in der Weise in’s Holz schneidet, daß vier Sägen an den vier Seiten zu gleicher Zeit arbeiten. Dieselbe Maschine schneidet und stampft auch schwalbenschwanzförmige Einlässe aus.

Die Vervollkommnung derartiger Arbeitsmaschinen wird darum in Amerika rascher herausgefordert als bei uns, weil hier eine Massenfabrikation von Thüren und Fenstern stattfindet. In den Vereinigten Staaten denkt man in allen Dingen mehr an die Gegenwart als an die Zukunft; so baut man sich vorerst ein Haus, das billig ist, wobei man den Hintergedanken hat: Zu einem dauerhaften Gebäude wirst du es später auch noch bringen. Der Baulustige wendet sich nun betreffs seines Unternehmens nicht, wie das bei uns geschieht, an den Architekten, sondern an den Zimmermann, und dieser baut das Häuschen im Handumdrehen. Die Thüren und Fenster findet man bei einem Fabrikanten vorräthig, welcher sie nach Angabe der Größenverhältnisse, mit beliebiger Farbe bestrichen, einsendet.

Auch die Anfertigung von Kleidungsstücken geschieht hier selten auf besondere Bestellung. Hat man einen Anzug nöthig, so findet man in den großen Kleidermagazinen so ziemlich alles, was man wünschen mag. Es sind daher auch hier wieder die großen Fabriken, welche den Bedarf der Großstädter in Massenlieferungen decken. Selbstverständlich fordert eine Massenproduction die Anwendung vollkommener Arbeitsmaschinen, und man war auf die Erfindung einer Maschine zum Zuschneiden und Falten des Tuches bedacht. Diese Aufgabe hat ein Deutscher, Namens Albin Warth, den die Stürme des Jahres 1848 zwangen, das Brod der Verbannung zu essen, in überraschend vollkommener Weise gelöst. Er wendet nicht die Kreisscheibe zum Schneiden an, welche nur geradlinige Schnitte auszurichten vermag, sondern faßt die Tuche von oben und unten, legt sie wie mit einem Pfluge auseinander, sodaß nichts daran beschädigt werden kann, und schneidet jeden beliebigen Winkel mit seiner Maschine aus. Damit aber auch beim Zuschneiden der Strich des Tuches an die rechte Seite komme, hebt die Maschine die Tuchlagen um und legt sie, wie es sich gehört, aufeinander. Die Zuschneidemaschine Warth’s ist in den Militärschneiderwerkstätten

[544] der Unionsregierung sowie in mehr als hundert Privatwerkstätten eingeführt.

Derselbe erfindungsreiche Kopf hat eine Maschine zum Drechseln der Stahlfederhalter patentiren lassen, die sich in der ganzen Union und in vielen Staaten Europas Eingang verschafft hat; er fertigte ferner für die Faber’schen Bleistiftfabriken ein Maschinchen zum Spitzen und Abschneiden der Bleiftifte an. Albin Warth, dessen Maschinen zum Theil auf verschiedenen Ausstellungen prämiirt wurden, hat in Washington nicht weniger als siebenzig Erfindungen patentiren lassen, ein Erfolg, der selbst dem erfindungsreichsten Yankee imponiren muß.

Eine der bedeutendsten Gruppen bilden in der Maschinenhalle die Näh- und Stickmaschinen, obgleich die berühmte New-Yorker Firma Singer gar nicht hier ausstellte, sondern für ihre Producte einen eigenen Pavillon baute. Die Gruppe bietet ein äußerst anziehendes Bild, denn fast jeder Fabrikant war bestrebt, seiner Ausstellung einen möglichst eleganten Rahmen zu verleihen. Man glaubt da eher in eine Reihe glänzend ausgestatteter Salons als in eine Abtheilung der Maschinenhalle zu treten. Der Raum ist mit kostbaren Teppichen belegt; weiche Fauteuils laden zum Sitzen ein. Unter Glas und Rahmen sehen wir allerliebste Puppengesichter, welche die mit den Maschinen angefertigten Prachtstoffe zur Schau tragen. Während die Nähmaschinen surren, singt ein Kanarienvogel im goldenen Bauer sein Lied, und plötzlich hören wir sogar die rauschenden Accorde einer Beethoven’schen Sonate zu uns herübertönen. Die Firma Steinway in New-York hat nämlich einer Ausstellung ihrer Clavier-Rahmen und Clavier-Theile einen ihrer prächtigen Flügel beigesellt, auf welchem jeden Mittag concertirt wird.

Man hat in dieser Gruppe Gelegenheit, mehrere Nähmaschinen zu sehen, welche durch elektrische Batterien getrieben werden, und damit wäre scheinbar ein wichtiges Problem gelöst, denn bekanntlich untergraben durch das Treten der Maschine hunderte von Frauen ihre Gesundheit. Leider ist mit der elektrischen Batterie als Motor nichts gewonnen, denn der Verbrauch an Zink und Schwefelsäure für die Batterie kommt dem Werthe nach gerade dem Lohne der Arbeiterin gleich.

Eine der sinnreichsten Erfindungen der Neuzeit ist die Strickmaschine, welche Strümpfe in wenigen Minuten fix und fertig strickt, sodaß der Nadel nichts zu thun übrig bleibt, als mit netto sechs Stichen vorn die Spitze an der großen Zehe einzunähen. Welch ein Jubel wird da unter den kleinen Schulmädchen ausbrechen, wenn sie erfahren, daß ihnen als künftigen Müttern und Hausfrauen die Last des Strumpfstrickens erspart bleibt! Aber da ist immer noch das Stopfen der zerrissenen Strümpfe übrig, und wie lästig ist gerade diese Arbeit! Auch dafür ist bereits Abhülfe geschafft. Für zehn Thaler erwirbt jede Hausfrau sich jetzt eine Stopfmaschine, welche an „Fixigkeit“ die Hand um das Zehnfache übertrifft. Diesen Maschinen reiht sich auch eine Novität an, welche dem Manne seine Hosenträger, der Frau ihre Strumpfbänder liefert.

Von dieser Gruppe weiterschreitend, begegnen wir einer ganzen Reihe von Automatenmaschinen, deren Leistungen in Wahrheit überraschend sind. Da steht beispielsweise ein Maschinchen, dem von Zeit zu Zeit ein Kind eine Schippe voll Stecknadeln in den Schlund wirft, und das fleißige Maschinchen verschlingt diese Masse Stecknadeln, ordnet sie und steckt sie mit wunderbarer Genauigkeit auf eine Rolle Papier auf und giebt diese besteckten Papierstreifen, zu einem Knäuel aufgerollt, wieder von sich. Weiterhin ist eine Maschine da, welche Papierkragen ausschneidet, faltet und mit Knopflöchern versieht. Eine der schönsten Automatenmaschinen ist aber die, welche Broschüren faltet, sie mit einem Umschlage versieht und vollkommen gut gebunden zu einem Paquet von fünfundzwanzig Stück ordnet. Dieser Maschine führt ein Mädchen den Druckbogen, ein anderes den Umschlag zu, und so rasch die Beiden das Papier nur immer auflegen können, ist die gebundene und aufgeschnittene Broschüre fertig.

Beinahe wären wir an den Spulmaschinen vorübergegangen, und da stehen doch jene Maschinen zum Aufwickeln des Nähgarns, welche mit solch fabelhafter Geschwindigkeit die Spule rollen lassen, daß die meilenlangen Fäden sich so rasch aufrollen, wie nur die Arbeiterin zwei Fäden anlegen und abschneiden kann. Die Rotation der Spule ist eine so ungeheure, daß für unser Auge dieselbe vollkommen still zu stehen scheint. Und weiterhin reiht sich Maschinenwebstuhl an Maschinenwebstuhl, und wir sehen, wie aus dem Gewirre verschlungener Fäden ein Seidenband und der prächtigste Brocatstoff hervorgeht. Die Walthamfabrik für Taschenuhren zeigt uns, wie die Uhrtheile von der Maschine angefertigt und von der Menschenhand zusammengesetzt werden, Tapetenfabriken, wie sie ihre Papiere bedrucken, Ziegelfabriken, wie sie die Erde zerstampfen, mischen und zu Steinen auspressen, Glasfabriken, wie sie ihre Gläser anfertigen, und so geht es fort durch alle erdenklichen Fabrikationszweige.

Und nicht wenige Fabrikationszweige giebt es in Amerika, die wir Deutsche nur dem Namen nach kennen. So betreibt der Amerikaner die Eisindustrie in großartigem Maßstabe. Dutzende von Eisbereitungsmaschinen geben uns dafür Zeugniß, und weiterhin hat die Knickerbocker’sche Eiscompagnie eine Reihe von Eispflügen und Eisschlitten ausgestellt, um im Winter das Eis von den gewaltigen Strömen und Seen des Nordens mit Leichtigkeit ablösen zu können. Solch ein Eispflug hat zwölf hintereinander stehende sehr schmale Pflugscharen, greift tief ein und wird von einem Pferde gezogen. Die Knickerbocker’sche Eiscompagnie hat auch verticale Eisbohrer im Betriebe, welche kreisförmige Blöcke ausbohren, und eine Flotille von Eisschiffen, um die kühle Waare nach den Südstaaten zu verschiffen.

Damit der Leser diese Eisschiffe, welche nur Transportschiffe sind, nicht mit einem wirklichen Eisschiffe verwechsele, das vom Wind getrieben pfeilschnell auf der Eisdecke zugefrorener Gewässer dahinfliegt, will ich erwähnen, daß sich unter den schlankgebauten Ruderbooten und Seglern auch eine Eis-Yacht befindet, welche der Hudson-Eissegler-Club ausgestellt hat. Das Fahrzeug ist nach Art einer Schaluppe gebaut, soweit das Takelwerk in Betracht kommt, statt des Schiffsrumpfes aber hat es zwei Schlittenläufe, die weit von einander abstehen. Den Cours regulirt ein Eisruder, das sich nach Art eines scharfen Schlittschuhs in das Eis eingräbt. Ist die Eisfläche glatt und der Wind legt sich scharf in die Segel, so kann die geflügelte Eis-Yacht die englische Meile in einer Minute zurücklegen, eine Leistung, welche der unserer besten Courierzüge gleichkommt.

Eine sehr schätzenswerthe Erfindung ist jetzt seit zwei Tagen ausgestellt; es ist das ein Selbstkoppler. Ein halbrundes Oehr dringt beim Zusammenfahren der Wagen in eine Oeffnung, deren Mittelpunkt zwei aufeinanderstehende Zapfen bilden. Das Oehr stößt den untern Zapfen, der dem obern nur als Stütze diente, weg und der obere muß nun unfehlbar in das Oehr fallen und so die bewegliche Koppelung herstellen. Die Pennsylvania-Eisenbahn hat diesen Selbstkoppler bereits eingeführt, und wenn recht viele Bahngesellschaften dem guten Beispiele folgen, so wird mancher arme Eisenbahnbeamte vor dem Zerquetschtwerden behütet bleiben.

Vor der Maschinenhalle breitet sich ein blumenumkränzter See aus, und darüber hin tönt ein Schall, der die Luft zerreißt. Es ist ein helltönendes Nebelhorn, das die Leistungen der auf der Weltausstellung in Wien gehörten Nebelsignale tief in Schatten stellt. Der Erfinder des neuen Nebelhorns hat nämlich die vibrirende Zunge, welche der Dampf bewegte, leider aber auch bei zu starker Pression an die Seite legte, verworfen und eine rotirende Scheibe dafür eingeführt, welche den Dampf zerreißt. Der Ton des neuen Nebelhorns ist viel schriller und weittragender, und ein Witzbold meinte: „Diese Nebelsirene singt mit vierzigtausend Kuhkräften.“

Alles in Allem genommen, gewährt die Maschinenhalle ein interessantes Bild unserer modernen Industrie, und wir lernen erkennen, in welch hohem Maße Wissen und Erfindungsgabe die Menschenhand von den beschwerlichsten Arbeiten zu entlasten und gleichwohl die Productionsfähigkeit zu steigern vermögen. In dieser geistigen Strömung hat die Union allen anderen Culturvölkern einen Vorsprung abgewonnen.

Am 16. Juni hielt Professor Reuleaux, der General-Commissär der deutschen Ausstellung, im deutschen Regierungsgebäude eine kurze Ansprache an die Mitglieder aller Commissionen und erklärte, daß ihm der Kronprinz des deutschen Reiches aufgetragen habe, dem amerikanischen Volke seine Grüße zu überbringen und demselben zu sagen, daß er eine hohe Achtung habe vor der Industrie der Vereinigten Staaten und daß er hoffe und glaube, es würden fortan die Schlachten der Völker nur auf dem industriellen Gebiete geschlagen.

Laßt uns dazu von ganzem Herzen Amen sagen!

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4. Ein Gang durch’s Hauptgebäude bis zum Orient.


In einer Sonntagsschule wurde an die amerikanische Jugend die Frage gerichtet: „Wer war der erste Mann der Welt?“

Sofort meldet sich ein intelligenter Yankeeknabe zum Wort und antwortete kurz und bestimmt: „George Washington.“

Da sich die Schule gerade beim Bibelunterricht befand und George Washington ein Kind der Aufklärungsperiode war, so erklärte der Lehrer die Antwort für Unsinn und gab Adam die Ehre, welche die Bibel seit Jahrtausenden für ihn in Anspruch nimmt.

Etwas verstimmt setzte sich der Kleine und murmelte: „Freilich, wenn Sie von Ausländern reden –“

Wer nun durch die reichen Gruppen der Luxusindustrie wandelt, der muß sehr bald den Glauben des kleinen Yankeeknaben theilen, daß George Washington der erste, das heißt der größte Mann der Welt sei, denn in den Abtheilungen fast aller Völker finden wir sein Bild. Eine Washingtonbüste thront über der Bronzeausstellung der Franzosen, eine andere über den Fayencen von Limoges. Die Spitzenfabrikanten Belgiens brachten das Bild des großen Mannes in ihre Muster; die Engländer modellirten seine Büste in Biscuitmasse und Terracotta; die Italiener schnitzten Washingtonköpfe aus Holz, brachten sie auf Gemmen und Mosaikbildern an; kurz bei den Kunsthandwerkern fast aller Nationen scheint der Gedanke zum Durchbruch gekommen zu sein, daß sich in der Person Washington’s die Summe aller republikanischen Tugenden verkörpere, daß er der würdigste Repräsentant der hundertjährigen Republik sei. Dem Amerikaner thun diese Sympathien unendlich wohl; sie stimmen ihn zu einer Bescheidenheit, welche man sonst nicht an ihm gewohnt ist. Bei solchen internationalen Unternehmungen erwecken anscheinend geringfügige Dinge Freundschaft.

Von allen Nationen, welche die Producte ihrer Industrie in der Haupthalle untergebracht haben, nimmt die amerikanische den bedeutendsten Raum ein. Die amerikanische Abtheilung beansprucht etwa drei Viertel von der östlichen Hälfte des riesenhaften Gebäudes. Amerika am nächsten kommt England mit seinen staunenswerthen Reichthümern, zu denen alle überseeischen Colonien beitragen. Frankreich steht diesen beiden Nationen qualitativ vollkommen ebenbürtig zur Seite, wenn es auch der Masse nach imposanter hätte auftreten können. Deutschland und Oesterreich begnügten sich mit einem allzu bescheidenen Platz in der internationalen Gesellschaft, die scandinavischen Königreiche dagegen machten die tapfersten Anstrengungen, um ihre heimische Industrie auf amerikanischem Boden würdig zu repräsentiren, ebenso Italien und Spanien. Was die letztere Nation betrifft, so muß es geradezu Wunder nehmen, daß diese trotz all’ der blutigen Parteikämpfe, welche das Staatsgebäude zu zerrütten drohen und den Wohlstand längst untergraben haben, doch noch die Kraft fand, so wacker gerüstet in den internationalen Wettkampf einzutreten. Die reichhaltige spanische Abtheilung ist von einem prächtigen Holzbau umschlossen, dessen Façade an einen rothen Porphyrpalast aus der Renaissanceperiode erinnert. Auf den Wandflächen der Vorderseite prangen auf lichtem Goldgrund die Portraits von Columbus und seiner Gönnerin Isabella, und an der inneren Seite die von Cortes und Ponce de Leon, wobei die Thatsache mit goldenen Lettern verzeichnet steht, daß Christoval Colon am Tage des 8. October 1492 die neue Welt entdeckt habe. Hoch über dem breiten Thorweg prangt ein allegorisches Gemälde: Spanien zieht den Schleier von Amerika und enthüllt dies so den Blicken der alten Welt. – Stolz lieb’ ich den Spanier. – Ob der Stolz noch heute seine Berechtigung hat, wollen wir hier unerörtert lassen; die majestätische Palastfaçade hält wenigstens, was sie verspricht, eine relativ reiche und jedenfalls interessante Ausstellung. Auch das Kaiserreich Brasilien hat die Erzeugnisse seiner jungen Industrie in glänzender Weise durch eine buntfarbene maurische Säulenhalle umrahmt, und das unglückliche Mexico, bei dem der Wille gut, aber die Kraft schwach war, schloß seine kleine Ausstellung durch einen weißen Holzrahmen ein.

Die Vereinigten Staaten zeigen in ihrer Ausstellung, welche hohe Bedeutung sie dem Unterrichtswesen beilegen. Die breite Galerie, welche in einer Höhe von etwa fünfzig Fuß an der ganzen Innenseite der Halle herumläuft, ist von den einzelnen Staaten als Ausstellungsplatz für Erziehungswesen mit Beschlag belegt. Nur der Staat Pennsylvanien hat zu diesem Zwecke einen besonderen Pavillon errichtet. Unter allen diesen Schulausstellungen erweist sich die des Erziehungs-Departements vom Staate Massachusetts als die glänzendste. Durch eine Masse ausgelegter Schularbeiten wird es dem Beschauer klar, wie segensreich hier die öffentlichen Unterrichtsanstalten wirken. Mehrere Räume nehmen die Leistungen der technologischen und landwirthschaftlichen Institute ein, welche auch jedem Schüler unentgeltlichen Unterricht ertheilen. Es drängt sich hier dem Besucher der stillen Räume eine solche Fülle von Maschinenconstructionen, Muster- und Kreidezeichnungen, physikalischen Apparaten, Abhandlungen über naturwissenschaftliche Themata und anderen Arbeiten der Zöglinge jener Anstalten entgegen (welche so gewissenhaft wie irgend möglich ausgeführt sind), daß man an der Leistungsfähigkeit jener Institute kaum zweifeln kann. Von den übrigen Staaten hat Schweden eine Lehrmittelausstellung in einem eigens dazu erbauten Schulhause veranstaltet, welches mit seinem säulengetragenen Vorbau, den schlanken Galerien und dem Schindeldache als ein Muster geschmackvoller Holz-Architektur gelten kann. Das Classenzimmer liegt zu ebener Erde und ist ungemein hell und luftig; Tische und Bänke sind zweckmäßig eingerichtet, und was die Lehrmittel betrifft, so giebt es da eine Fülle naturgeschichtlicher Abbildungen, geographischer Karten und Lehrbücher und schön gearbeiteter physikalischer Instrumente. In Schweden wie in Amerika sind in den Volksschulen militärische Exercitien eingeführt, um dem Körper des Schülers nach dem langen Stillsitzen auf den Schulbänken die so nothwendige Bewegung zu verschaffen; es sind zu dem Ende auch kleine Gewehre für die Schüler vorhanden. Noch einen verwandten Zug haben die amerikanische und schwedische Volksschule, daß nämlich beide reichhaltige Volksbibliotheken (auch für Erwachsene) besitzen, welche der Lehrer verwaltet. Belgien hat in seiner Abtheilung gleichfalls eine Volksschule eingerichtet, mit Vorzimmer, Schulstube und Lehrmittelausstellung, in welcher wir das amerikanische System weiter entwickelt finden. Das Classenzimmer ist luftig; die Bänke und Tische sind möglichst bequem eingerichtet, und für den Anschauungsunterricht ist das denkbar Mögliche gethan. Die Lesefibeln enthalten Abbildungen. Naturkörper sind in reicher Menge vorhanden, und besonderer Werth wird auf die Kenntniß der heimischen Industrie gelegt. So sind in der Schule Pappschachteln vorhanden, von denen jede irgend ein Rohproduct des Ackerbaues oder Bergbaues enthält, und zu diesem gesellen sich dann eine Reihe von Proben jener Fabrikate, die aus dem Rohproducte gewonnen werden. So enthält – um ein Beispiel anzuführen – eine Schachtel ein Stückchen Eisenerz, daneben findet der Schüler [607] nun Proben der aus diesem Mineral gewonnenen Fabrikate, als da sind: Gußeisen, Stahl, Schmiedeeisen, Stahlfedern, Kettenglieder etc. So vortrefflich dieses System ist, so zweifelhaft erscheint bei näherer Betrachtung des Stundenplans das Resultat, denn der Religion, die bekanntlich mit dem Wissen nichts gemein hat, ist so viel Zeit gewidmet, daß unter der gütigen Fürsorge der Schulpatres und Schulschwestern die Naturgeschichte den lieben Kleinen aus Flandern und Brabant wenig Kopfzerbrechens machen wird.

Die Niederlande haben eine Ausstellung von Lehrmitteln und Schülerarbeiten ihrer Kunstschule zu Rotterdam veranlaßt, welche 1869 gegründet wurde, nur Knaben im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren unentgeltlichen Unterricht in der Technologie und den bildenden Künsten zu gewähren. Mehrere Cantone der Schweiz haben gleichfalls eine Lehrmittelausstellung ihrer Volks- und Gewerbeschulen veranlaßt, ebenso England und Canada. Das letztere hat das Mutterland bezüglich des Erziehungswesens fast in Schatten gestellt, und was in dieser canadischen Ausstellung besonderes Interesse erweckt, das sind die Lehrmittel für Blinden- und Taubstummenanstalten, welche allesammt Zeugniß geben von dem Geiste der Menschenliebe, welcher die Lehrer solcher Anstalten beseelen muß. Die amerikanischen Staaten haben zum Theile ebensolche Ausstellungen ihrer Blinden- und Taubstummen-Institute veranstaltet, und selbst das halbbanquerotte Mexico hat die Arbeiten seiner Wohlthätigkeitsanstalten zur Schau gestellt.

Eine hochinteressante Lehrmittelausstellung, namentlich in ethnographischer Beziehung, ist die des pädagogischen Museums zu Moskau, als deren eigentlichen Veranstalter sich der russische Kriegsminister nennt; es hat demnach den Anschein, als wäre die wahrhaft großartige Sammlung vorzugsweise den Militärschulen zur Benutzung angewiesen. Auch einer norwegischen Schulstube muß ich schließlich noch Erwähnung thun, in welcher Schülerarbeiten, sehr hübsche Karten zur Kenntniß der heimischen Thier- und Pflanzenwelt, der Verkehrswege und der fremden Ländergebiete, ausgelegt sind; außer einem Globus finden wir dann noch Abbildungen der heimischen Volkstrachten und einen Touristenanzug. In Norwegen und Schweden macht man die Heimathskunde zum Ausgangspunkte für Geographie und Geschichte; so sehr man dies immer loben muß, so begreift man doch nicht recht, wie die Touristenausrüstung in die heiligen Hallen einer Schulstube kommt, selbst wenn man annehmen wollte, daß norwegische Schulmeister mit ihren Zöglingen in den Ferien praktische Heimathskunde trieben.

Deutschland und Oesterreich, welche in Bezug auf Schuleinrichtungen, Lehrmittel und Leistungen der Volks- und Mittelschulen den Besuchern der Weltausstellung zu Wien so vieles zu zeigen hatten, ließen diesmal das Erziehungswesen ganz außer Acht.

Zum Glück für Deutschland trat der Buchhandel recht kräftig ein, und so fanden die Fremden in der wahrhaft geschmackvoll eingerichteten Gruppe deutscher Verlagswerke einen ziemlich reichen Vorrath an guten pädagogischen Schriften und vorzüglichen Kartenwerken. Gewiß darf man annehmen, daß sich das Wesen eines Volkes in seiner literarischen Production wiederspiegelt, und wenn wir dem deutschen Buchhandel in der Centennial-Ausstellung eine eingehendere Beachtung schenken, so müssen wir gestehen, daß keine andere Nation in diesem Spiegel eine so große Vielseitigkeit und gleich gesunde geistige Richtung offenbart. Aus der Masse von Jugendschriften und Familienjournalen, deren wir uns erfreuen, geht ferner hervor, daß unser deutsches Familienleben in allen Schichten der Gesellschaft ein inniges ist. Wir haben auch Freude am Schönen; das beweisen die guten Illustrationen der Unterhaltungsblätter und Dichterwerke, die musikalischen Werke unserer Componisten, die große Menge der Farbendruckbilder, welche das Heim der weniger Bemittelten schmücken sollen.

Die Ausstellung französischer Verlagsbuchhändler ist nur insofern glänzender als die deutsche, als es einige Pariser Firmen, in deren Händen sich beinahe der ganze französische Buchhandel concentrirt, leicht wurde, die besten Werke aus jedem Zweige der literarischen Production zusammenzustellen und dann Prachtwerke in die vorderste Linie zu stellen, wie Doré’s „Dante“ oder jene berühmten Evangelien, an denen drei der besten französischen Maler arbeiteten und deren Herstellung der Firma Hachette 1,200,000 Franken gekostet haben soll.

Die amerikanische Buchhändlerausstellung ist die charakteristischste von allen, denn in dem schönen zweistöckigen Pavillon, den dieselbe einnimmt, gehört der untere Stock zum großen Theil den Bibelgesellschaften, welche das Buch aller Bücher in zweihundert Sprachen ausstellten, dann den Methodistengemeinden mit ihren Erbauungsschriften und den Mäßigkeitsvereinen und ihren Warnungsschriften und Bekehrungstractätchen. Neben diesen Gesellschaften fand man übrigens eine Ausstellung der Association für sociale Wissenschaften, deren Wirksamkeit eine überaus lobwürdige ist, denn dieselbe strebt mit großer Energie den socialen Fortschritt an. Fast der ganze obere Stock ist den pädogogischen Schriften eingeräumt, und vom Kindergarten bis zur Universität finden wir alles vertreten, was die Union an guten Lehrmitteln aufzuweisen hat. Von den großen Verlagsbuchhandlungen haben nur wenige ausgestellt, und unter diesen wenigen hat die Firma Lippincott und Comp. in Philadelphia einen besonderen Pavillon gebaut. Erwähnung verdient die überraschende Thatsache, daß man in der Ausstellung der Amerikaner die geschmackvollsten und solidesten Buchbinderarbeiten fand.

Eine Ausstellung, welche dem Erziehungswesen eigentlich sehr nahe steht, hatte Mr. Bergh, der Präsident des New-Yorker Vereins zur Verhütung von Thierquälerei veranstaltet. Dies war die originellste und seltenste Erscheinung, welche man je auf einer Ausstellung sah, denn sie bestand in blutbesudelten Kampfhähnen, halbzerrissenen Bulldoggen, zerschossenen Tauben, den Photographien von geschundenen und abgetriebenen Pferden, Marterinstrumenten, mit denen brutale Kerle das arme Vieh gepeinigt hatten, und was dergleichen Dinge mehr sind, welche gegen jene Ungerechten zeugen, die sich nicht ihrer Thiere erbarmten. Bergh, der unerschrockene Vertheidiger mißhandelter Geschöpfe, ging bei dieser Ausstellung, die vielleicht nicht ganz in den Rahmen eines Industriepalastes paßt, von einem sehr richtigen Grundgedanken aus; er wollte nämlich den Thierquälern, so weit sie, bestraft oder unbestraft, in der Welt herumlaufen, zeigen, daß die geringe Buße, welche der Polizeirichter dem einen oder anderen unter ihnen auferlege, das begangene Unrecht allein nicht sühne, sondern daß es eine noch empfindlichere Strafe gebe, die Verachtung aller guten Menschen, darum bezeichnete er jedes gemarterte Thier und jeden Prügel mit dem Namen und der Strafe dessen, welcher der Thierquälerei als schuldig befunden wurde. Wie schonungslos Mr. Bergh in diesem Punkte vorging, beweist der Umstand, daß er auch die Patent-Office zu Washington mit an den Pranger stellt. Diese hatte nämlich ein Maschinchen zur Anfertigung sogenannter Stachelleder patentirt, welche thierquälerische Kutscher derart am Gebiß der Pferde anbrachten, daß sich bei jedem Ruck die Stacheln in das weiche Maul der Thiere eingruben. Bergh stellte nun das Thierquälermaschinchen so aus, daß dem Beschauer sofort das Patentzeichen in die Augen fiel.

Was das eigentliche Kunstgewerbe betrifft, so nimmt fast bei allen modernen Völkern die Kunsttöpferei den breitesten Raum ein. Im Grunde sollte man das auch natürlich finden, denn die Cultur eines Volkes beginnt beim Kochgeschirr. Seltsamer Weise hat das modernste aller Culturvölker, das amerikanische, in diesem Punkte so gut wie nichts geleistet. Seine Porcellane und glasirten Waaren sind geschmacklos in der Form wie in der Bemalung; nirgends verräth sich ein schöpferischer Zug, und auch seine Terracotten sind in jeder Beziehung unbedeutend. Die Amerikaner haben auf diesen Felde von den Franzosen, Engländern und Deutschen noch unendlich viel zu lernen. Was die vornehmste Seite der Kunsttöpferei betrifft, ich meine die Porcellanmanufactur, so war die Schöpfung Bötticher’s, das alte Meißen, gar nicht vertreten, Berlin hatte dagegen seine stolzen Vasen, die von bedeutenden künstlerischen Kräften bemalt sind, in der Rotunde aufgepflanzt und erntete damit viel Bewunderung. Es sind meist Nachbildungen berühmter Meisterwerke und zwar Compositionen erhabener Stils, welche man als Decoration dieser Porcellanvasen verwandte, und das ist im Grunde falsch, denn großartige Schöpfungen gewinnen nicht durch die Verkleinerung. Gelungen in der Form waren fast alle diese Prachtstücke. An schönen Gebrauchswaaren hatte die königlich preußische Porcellanmanufactur einen gefährlichen Rivalen an der französischen Staatsmanufactur zu Sèvres, die zwar nicht selbst ausgestellt hatte, aber doch durch einige vorzügliche [608] Produkte vertreten war. Die französischen Teller und Tassen zeichnen sich alle durch eine besondere Leichtigkeit und Feinheit in der Form aus, Vorzüge, welche nur im Materiale, jener berühmten Kaolinerde, und nicht in einer verfeinerten Technik ihren Ursprung haben. Die meiste Bewunderung unter allen Porcellanausstellern fand der Engländer Daniell mit einigen Pâte sur pâte-Vasen. Es sind das Stücke mit schwarzer, rother oder grüner Grundfarbe, auf deren glänzender Fläche weiße Figuren sich nach Art der Cameen abheben. Die weiße Porcellanschicht des Ornaments ist so dünn, daß der farbige Untergrund leicht durchschimmert. So erscheinen die Frauen mit den classischen Formen und der flatternden Gewandung, die reizenden Bübchen und Engelsköpfe, welche als Ornament der Vase dienen, wie von zartem Farbenglanze durchleuchtet. Diese Arbeiten sind unstreitig das Schönste, das bisjetzt auf dem Gebiete der Kunsttöpferei geleistet wurde. Die Franzosen dürfen sich rühmen, auch diese Technik in’s Leben gerufen zu haben.

Die Fayence, welche künstlerischem Schaffen weniger Schwierigkeiten bereitet, als das Porcellan, hat sich ein weites Gebiet erobert, und wir sehen bei den Franzosen und Engländern Vasen von großer Schönheit in diesem schlechteren Material ausgeführt. Die Franzosen mit ihrem glücklichen Farbensinn leisten in der harmonischen Zusammenstellung der Farben wahrhaft Ueberraschendes, und einige Vasen der Fabrik zu Limoges sind von berauschender Farbenpracht, auch unter den Palissywaaren finden sich reizende Stücke. Die Italiener fertigen noch immer Majolikas nach alten Vorbildern an; so dürftig hier die Bemalung in der Nähe erscheint, so vortrefflich wirken Farbe und Zeichnung aus einiger Ferne. Schweden hat schöne Statuetten und Vasen in Biscuitmasse und Fayence ausgestellt, und in dieser Gruppe sehen wir auch farbige Kachelöfen, welche der Nachahmung würdig erscheinen. Dänemark, die Heimath des idealen Thorwaldsen, hat Urnen und Vasen aus Terrakotta mit antiken Formen und Zeichnungen in großer Menge über’s Meer geführt, an denen Reinheit der Linien und eine vortreffliche Farbenzusammenstellung zu rühmen sind. Aus dem Kannebäckerländchen bei Coblenz und einer Fabrik in Znaim sind schöne Steingutwaaren, mittelalterliche Krüge und Humpen eingesandt worden, und ein Schotte hat eine hübsche braune Gebrauchswaare zur Schau gestellt, welche an die Bunzlauer Geschirre erinnert, von denen leider jede Probe auf der Ausstellung fehlte.

Die Engländer, deren schöne Doultonwaaren hier wie in Wien großes Gefallen erregten, zeigten, welcher praktischen Verwerthung die Terrakotta fähig sei. Zuerst hatten sie aus diesem Materiale eine gothische Kanzel von großer Schönheit ausgestellt und dann die Umrahmung eines großen Kamins, welcher in decorativer Beziehung zu den prächtigsten Arbeiten der Haupthalle gehört. Eine sehr gefällige Wirkung bringen ferner die Terrakotten eines englischen Fabrikanten hervor, welcher an Statuetten verschiedene Farbennuancen durch die Anwendung verschiedener Thonarten erzielt. So erscheint beispielsweise das Gesicht und der Körper eines Knaben hellgelb, fast weiß und seine Gewandung dunkelroth.

Unter allen Glasausstellungen haben sich die der böhmischen Fabrikanten den ersten Platz erobert, und man sieht vorzugsweise bei Lobmeyer in Wien Tafelgeschirre von bewundernswerther Schönheit. Die Erben Phöniciens, die Venetianer, thun sich durch ihre farbigen Glasperlen, Glasmosaikarbeiten und jene kleinen Toilettenspiegel hervor, die von Spitzen und Blumen umrahmt zu sein scheinen und vorzugsweise aus Salviati’s Werkstätten in vollendeter Form hervorgehen.

In Bezug auf reiche Zimmerausstattung bleibt die Centennialausstellung weit hinter Wien zurück, denn die großen Pariser und Londoner Decorateure waren nicht auf der Ausstellung erschienen und eine englische Firma hatte außer einem üppigen Schlafzimmer von gutem Farbenarrangement wenig Beachtenswerthes aufzuweisen. Man mußte also die einzelnen Theile der Einrichtung, wie Möbel, Teppiche, Tapeten, Kaminen etc., besonders in Betracht ziehen.

In Bezug auf Kunsttischlerei haben die Amerikaner so gewaltige Anstrengungen gemacht, daß sie alle anderen Nationen vollkommen erdrückten, selbst die Italiener, welche Imitationen von Florentiner Prachtmöbeln aus dem fünfzehnten Jahrhundert ausstellten, an denen die Holzschnitzerei von außerordentlicher Feinheit und Schönheit ist. Die New-Yorker Möbelfabrikanten aber wiesen Prachtstücke auf, bei denen Aufbau und Ornamentation in gleicher Weise vollendet erschienen. Auch an geschmackvollen und soliden Arbeiten für die Mittelclassen hatten die amerikanischen Möbelfabrikanten den größten Reichthum. Die praktische Erfindungsgabe des Amerikaners verleugnet sich auch bei diesem Industriezweige nicht. So sehen wir ein ganzes Cabinet mit Bett, Schrank und Toilette, das sich im Umfange eines mäßig breiten Schrankes zusammenschieben läßt, sodaß von dem ganzen Schlafzimmer nichts mehr übrig ist als ein Decorationsstück, das die Wand bedeckt. Die Engländer glänzen im wahren Sinne des Wortes durch ihre schönen Messingbettstellen und Wiegen, die Oesterreicher durch ihre gebogenen Möbel mit den naturgemäßen schwungvollen Formen, die Franzosen durch eine Reihe zierlicher Ebenholzmöbel, denen schönbemalte Fayenceplatten als Ornament dienen.

In der Kunst, prächtige Marmorkamine aufzubauen, haben die Amerikaner die Franzosen und Belgier erreicht, auch imitiren dieselben Marmorkamine mit Mosaikeinlage durch bemalte Schieferplatten in überaus täuschender Weise. Im Aufbauen stolzer Holzkamine mit Fayenceeinlagen sind die Engländer Meister.

Was die Teppichwirkerei angeht, so haben sie, da sie seit Jahrzehnten die besten Arbeiten Indiens, Persiens und der Türkei nachahmten, jetzt eine Sammlung von solchen Teppichen zusammengebracht, die zum Theil in Durham, theils in Indien selbst gearbeitet sind, deren Farbenpracht unser Auge füllt, wie rauschende Akkorde unser Ohr. Es ist wunderbar, wie diese stilisirten Blumen, Sterne, Ranken und Vögel zu einem einzigen farbensatten Bilde zusammenschmelzen, das die gewaltige Fläche füllt, ohne sie zu zerstören. Die holländischen Fabriken zu Delft und Deventer imitiren auch orientalische Muster, allein noch fehlt diesen Arbeiten der zarte Farbenschmelz. Die Amerikaner fangen jetzt erst an, die aufquellenden grellfarbenen Blumensträuße in der Musterung aufzugeben und sich die stilvollen Arbeiten des Orients zum Vorbilde zu nehmen.

Wenden wir uns zu der Weberei, so haben wir vor Allem der niederländischen und französischen Gobelins zu gedenken. In diesem Zweige der Kunstindustrie wird heute so Großartiges geleistet, daß die Malerei kaum noch ein Werk besitzt, das die Gobelinweber nicht nachzuahmen vermöchten. Einige Arbeiten der französischen Staatsgobelinmanufactur sind von so hoher künstlerischer Vollendung, daß die Ausstellungscommission sie in die Kunstgalerie verwies. Spanien hat aus seinen königlichen Palästen Gobelins ausgestellt, die jedoch in Bezug auf Colorit wie scharfe Contourirung weit hinter den Arbeiten der Neuzeit zurückbleiben. Am besten lassen sich Gobelinbilder im Watteau’schen Stile verwenden, und die weitaus größte Zahl der ausgestellten Arbeiten besteht aus Nachahmungen jener anmuthigen Gemälde aus der liederlichen Zeit der französischen Regentschaft.

Das ganze Gebiet der Textil-Industrie ist sehr reich vertreten. Frankreich steht allen anderen Völkern in der Anfertigung herrlicher Seiden- und Sammtstoffe sowie köstlicher Brokate voran. Deutschland hat auf diesem Gebiete auch sehr schöne Waaren aufzuweisen; namentlich sind Elberfelder und Crefelder Seidenstoffe und sehr hübsch gefärbte Baumwollsammte einer Fabrik zu Linden (Hannover) bemerkenswerth. An reichen Spitzendessins ist so große Auswahl vorhanden, daß die Jury ihre liebe Noth haben wird, zu entscheiden, wem der große Preis gebührt, den Brüsseler, den sächsischen oder den Wiener Fabrikanten. England bildete aus seinen vortrefflichen Tuchen, feinen Leinenwaaren, reichen Tisch- und Bettdecken mit farbiger Bordure und Reisedecken eine so reiche Gruppe, daß es dem Beschauer sauer wird, sich durchzufinden. Die englischen Fabrikanten haben jetzt als Reisedecken eine seidenartige Pelzimitation eingeführt. Die Spanier zeichnen sich durch farbenprächtige Wollportièren und geschmackvoll gemusterte farbige Hemden aus. Californien gebührt der Ruhm, die weichsten Wolldecken und Flanellstoffe zu besitzen.

Ein weiteres Gebiet des Kunstgewerbes beherrschen die Franzosen fast unumschränkt, das der Bronzetechnik, und obgleich die hervorragendsten Pariser Firmen in dieser Gruppe fehlen, sieht man doch einen wahren Wald von Lampenträgern, Statuetten, Gruppen und Lüstren, bei welchen man die geniale Zeichnung und den Reiz der Farbe in gleichem Maße bewundern

  1. Wir glauben mit unserem Herrn Specialcorrespondenten mit Recht voraussetzen zu dürfen, daß die Eröffnungsfeierlichkeiten der Weltausstellung zu Philadelphia unseren Lesern bereits aus den zahlreichen Schilderungen der Tagesblätter hinlänglich bekannt sind. Herr Elcho wird daher sofort mitten in das bewegte Leben der Ausstellung hineingreifen und die Hauptmomente desselben in einer Reihe frisch entworfener abgeschlossener Bilder an den Augen der Leser vorüberführen.
    D. Red.