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Weltausstellungsbriefe aus Chicago (4)

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Textdaten
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Autor: Rudolf Cronau
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Titel: Deutschland auf der Weltausstellung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 623–627
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Beschreibung der internationalen Ausstellungen, insbesondere der US-amerikanischen
Serie Weltausstellungsbriefe aus Chicago
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[623]

Weltausstellungsbriefe aus Chicago.

Von Rudolf Cronau.
IV.
Deutschland auf der Weltausstellung.

Der Haupteingang zum „Deutschen Dorf“.

Nicht nur im politischen, auch im wirthschaftlichen Leben der Völker giebt es glänzende Siege und beschämende Niederlagen, Eine Niederlage war es, die Deutschland erleben mußte, als es sich im Jahre 1878 an der Weltansstellung zu Philadelphia betheiligte; nicht nur fremdländische Besucher beurtheilten damals Deutschlands Schaustellung abfällig, sondern selbst der Vertreter der eigenen Regierung mußte die Erzeugnisse der deutschen Industrie, die man dort sah, als „billig und schlecht“ bezeichnen. Denn klein an Umfang und kleinlich an Charakter war die deutsche Abtheilung jener Weltausstellung gewesen, sie trug, obwohl die Jahre 1870 und 1871 vorangegangen waren und für Deutschland Einigung und politische Größe gebracht hatten, noch den Stempel der alten Zerrissenheit, jener zopfigen Kleinstaaterei. Die Mehrzahl der deutschen Fabrikanten hatte noch nicht gelernt, im geschäftlichen Leben groß und weitsichtig zu denken, und anstatt die Herrschaft im Welthandel durch Ueberbieten der fremden Waren an innerem Werth anzustreben, suchten sie durch kleinliches Unterbieten im Preise Vortheile zu erhaschen. Es war naturgemäß, daß bei solchen Grundsätzen in erster Linie die Qualität der Waren sich verschlechtern mußte, und ebenso naturgemäß entstand daraus jene Niederlage in Philadelphia, an deren Folgen Deutschlands Handel lange zu leiden hatte.

Siebzehn Jahre sind seitdem verflossen, siebzehn Jahre, während deren Deutschland aus politischen oder sonstigen Gründen sich gar nicht oder nur in begrenztem Maß an Weltausstellungen betheiligte. Daß aber die bitteren Mahnworte, welche Professor Reuleaux im Jahre 1876 an Deutschlands Fabrikanten richtete, wohl beherzigt wurden, daß in Deutschlands Industrie sich eine Läuterung vollzogen hat wie sie schneller und erfolgreicher nicht leicht vollbracht worden sein dürfte, das lehrt ein einziger Blick auf die deutsche Abtheilung der Kolumbischen Weltausstellung zu Chicago.

Allenthalben erkennen wir, daß Deutschland die hier gestellte Aufgabe nicht nur wahrhaft groß aufgefaßt, sondern auch mit Ernst und Gründlichkeit durchgeführt hat. Seine Gesamtausstellung überragt sowohl an Mannigfaltigkeit und Reichthum wie an Solidität diejenigen aller anderen Völker. Schon die Zahl der deutschen Aussteller in Chicago unterscheidet sich aufs beste von der Betheiligung in Philadelphia. Waren es dort nur 700 Deutsche, die auf einem Raum von 70000 Quadratfuß ausstellten, so sind es in Chicago 6134 auf einer Fläche von über einer halben Million Quadratfuß, und sogar diese hat sich als kaum ausreichend erwiesen.

Als ein geschlossenes vollendetes Ganzes steht die deutsche Abtheilung da; aus dem verachteten Aschenbrödel ist eine gefeierte Prinzessin geworden, der selbst die Ausländer den Preis der Schönheit nicht versagen können. „O ces Allemands! O diese Deutschen!“ seufzte ein mit den Erfolgen seines Vaterlandes [624] nicht ganz zufriedener Franzose, und ingrimmig knurrten einige danebenstehende Engländer und Amerikaner: „These Germands beat us all to pieces! Diese Deutschen schlagen uns alle in Stücke!“ Dieser großartige Erfolg Deutschlands, der gewiß nicht weniger in die Wagschale fällt als glänzende Siege der Armeen, ist natürlich in erster Linie den Leistungen der deutschen Industrie zu verdanken, dann aber auch der Reichsregierung, die es als ihre Pflicht erkannte, ihrerseits die Leitung in die Hand zu nehmen. Sie sah ein, daß Chicago der Platz sein werde, wo die Völker der Erde um die Herrschaft auf dem Gebiete des Welthandels streiten würden. Daß der Wettkampf heftig und die Palme des Sieges nur durch eisernen Fleiß, durch Anspannung aller Kräfte zu erringen sein werde, war gewiß, und in dieser Erkenntniß hat die Reichsregierung nicht gezögert, ihr Bestes zu thun. Ein Beweis dafür ist schon das herrliche, hart am Ufer des Michigansees errichtete deutsche Staatsgebäude, das nicht wie die Repräsentationsbauten der anderen Völker nur aus Holz und „Staff“, sondern massiv aus Stein, Eisen, Holz und Stukk ausgeführt wurde und Jahrhunderte überdauern kann. Dieses Bauwerk ist unstreitig das malerischste und eigenartigste des ganzen Platzes; es verdankt seine Entstehung dem Baumeister Radke.


Augenscheinlich war es dem Urheber dieses „Deutschen Hauses“ weniger darum zu thun, ein Kunstwerk von bestimmtem, streng durchgeführtem Stil zu schaffen, sondern er beabsichtigte, eine jener wunderbar pittoresken Bauten vor Augen zu führen, wie sie das deutsche Mittelalter geschaffen hat und wie sie bei uns noch oft genug gefunden werden. Wie verschiedene Jahrhunderte, verschiedene Bauherren an derartigen Schlössern, Burgen und Rathhäusern je nach Bedürfniß oder Laune da einen trotzigen Thurm, dort einen lauschigen Erker erstehen ließen, wie man neben den stolzen Hauptbau die Wohnungen für die wehrhafte Besatzung und das Gesinde klebte und wie man auch dem religiösen Bedürfniß durch Anfügung einer Kapelle Rechnung trug – so sollte das „Deutsche Haus“ das alles zusammenfassen. Darum entlehnte der Architekt den Schlössern und Rathhäusern zu Aschaffenburg, Goßlar und Rothenburg ob der Tauber die schönsten Motive, verschmolz dieselben in geschickter Weise zu einem harmonischen Ganzen, schmückte die Giebel mit bunten Arabesken und sinnigen Sprüchen und schuf so ein Bauwerk, das wie eine Verkörperung der mittelalterlichen Romantik vor uns steht. Selbst in dem träumerischen alten Nürnberg sucht man vergeblich eine entzückendere Vereinigung all jener märchenhaft anmuthenden Eigenthümlichkeiten, über welche die mittelalterliche Baukunst verfügte. Auf den mit bunten glasierten Ziegeln gedeckten Dachfirsten drehen sich groteske Wetterfahnen; die Traufen endigen in grimmige Drachenköpfe; das Sonnenlicht fällt durch Fenster mit Butzenscheiben und Glasgemälden, und aus den Fresken, welche die Außen- und Innenwände des Hauses schmücken, schauen jene verführerischen Nixen und reckenhaften Helden auf uns herab, von denen die deutsche Sage so viel zu erzählen weiß.

Das große Mittelthor der deutschen Ausstellung im Industriepalast.

Und auch das Innere des Gebändes hält, was das Aeußere verheißt. Das Haus beherbergt die trefflichsten Leistungen der Bildschnitzerei und Kirchenkunst, ganz besonders aber fesseln uns die reichen Geistesschätze, die in den weiten Hallen von den Buchhändlern, Schriftstellern, Zeichnern und Komponisten Deutschlands ausgebreitet wurden.

Wie viel frohe Tage sind schon über dies „Deutsche Haus“ dahingezogen, wie viel schöne Feste hat das herrliche Glockenspiel eingeläutet, das, für die Kaiserin Augusta-Gedächtniskirche zu Berlin bestimmt, im Glockenthurm des Hauses aufgehängt ist! Aber einen ganz besonders feierlichen Klang hatten diese Glocken, als sich am 15. Juni dieses Jahres Tausende und Abertausende von Deutsch-Amerikanern in Chicago versammelten, um in Gemeinschaft mit ihren deutschen Brüdern die Liebe und Anhänglichkeit zum alten Vaterlande zu beweisen und den „Deutschen Tag“[1] festlich zu begehen. Von weit und breit, von Wisconsin und Minnesota, von Indiana, Michigan, Ohio und New-York, von Missouri, Kentucky und selbst vom fernen Texas waren Angehörige sämtlicher deutschen Stämme herbeigeströmt, um vormittags an dem imposanten Festzug durch die Straßen Chicagos theilzunehmen und nachmittags vor dem „Deutschen Hause“ den von mächtigen Chören vorgetragenen heimathlichen Liedern oder den Rednern zu lauschen, deren Worte alle in dem einen Spruch zusammenklangen, welcher hoch über ihren Häuptern an der Stirnseite des mächtigen Baues prangte:

„Wehrhaft und nährhaft,
Voll Korn und Wein,
Voll Kraft und Eisen,
Klangreich, gedankenreich,
Dich will ich preisen,
Vaterland mein!“ -

Bildet das „Deutsche Haus“ mit seinen Schätzen den Kernpunkt der deutschen Ausstellung, so enthalten doch die in den verschiedenen offiziellen Gebäuden der Kolumbischen Weltausstellung untergebrachten deutschen Sektionen nicht weniger großartige Werke schöpferischen Geistes. Ganz besonders feiert in dem Palast für Industrie die deutsche Kunstfertigkeit einen glänzenden Triumph. Ja sogar in ihrer äußeren Anordnung läßt hier die deutsche Abtheilung diejenigen der anderen Völker hinter sich, die der Franzosen, dieser Meister der Dekoration, nicht ausgenommen. Drei gewaltige eiserne Thore, Meisterwerke der Kunstschlosserei, von denen das mittlere Hauptthor elf Meter hoch ist und viele Centner wiegt, schließen die Stirnseite der deutschen Sektion gegen die Columbia Avenue ab, welche das Gebäude seiner ganzen Länge nach durchschneidet. Durch ihr reiches, entzückend gearbeitetes Gitter- und Blumenwerk hindurch gewähren sie dem Auge einen ungehinderten Einblick in den weiten Ehrenhof, dessen Rückseite durch einen Kuppelbau geschlossen wird, welcher nach rechts und links Seitenflügel entsendet. Hoch über dieser Kuppel thront die für das neue deutsche Reichstagsgebäude bestimmte, von Reinhold Begas modellierte und von dem Münchener Heinrich Seitz in Kupfer getriebene Gruppe der Germania.[2]

Vor dem Kuppelbau und seinen Seitenflügeln haben die herrlichen Erzeugnisse der Königlichen Porzellanmanufaktur in Berlin Aufstellung gefunden, während der Ehrenhof die kostbarsten Schätze des Hohenzollernmuseums enthält, ferner Prunkgeräthe und Ehrengeschenke aus dem Besitz der Kaiserin Friedrich, des Fürsten Bismarck und der Familie Moltke. Das alles sind überaus werthvolle Arbeiten, hergestellt von Künstlern und Kunsthandwerkern ersten Ranges.

Neben diese glänzende Darbietung stellt sich ebenbürtig die von unserer Reichsregierung mit einem Aufwand von 270000 Mark geschaffene Universitäts- und Allgemeine Unterrichtsausstellung.

[625]

Von der Weltausstellung in Chicago: Das Fest vor dem „Deutschen Hause“ am 15. Juni.
Nach einer Originalzeichnung von Rudolf Cronau.

[626] Sie ist die Bethätigung eines so ungeheueren Fleißes, daß unwiderstehlich der Wunsch in uns rege wird, diese einzig dastehende Sammlung möge dem deutschen Volk für alle Zeit als ein werthvoller Schatz erhalten bleiben.

Die Kruppschen Riesengeschütze.

Von den mannigfachen Anstalten, welche der Pflege des Kunstgewerbes gewidmet sind, hat die Kunstgewerbeschule zu Karlsruhe die Auszeichnung erfahren, als die alleinige Vertreterin unserer Kunstgewerbeschulen ausgewählt zu werden. Was diese Anstalt an Ergebnissen ihres Wirkens bietet, ist überraschend und berechtigt zu den schönsten Erwartungen auch für die Zukunft. Nicht minder stehen die von Bayern gelieferten kunstgewerblichen Arbeiten, kostbare Elfenbeinschnitzereien, Metallarbeiten, Kunstmöbel, prachtvolle Teppiche und Gobelins, ganz auf der Höhe der Zeit und bestechen um so mehr, als sie in Räumen untergebracht sind, die den Gemächern des prachtliebenden Königs Ludwig II. nachgebildet wurden. Die sächsische Regierung sandte eine höchst interessante Sammlung aus der Porzellanfabrik Meißen, eine-Fülle von schönen Vasen, Kandelabern, Kronleuchtern, Spiegeln, Tischen und jenen Rokokoscenen, die Meißen auszeichnen und einen wirkungsvollen Gegensatz zu den Kolossalwerken bilden, welche von der Berliner Porzellanmanufaktur hierher geschickt wurden.

Bedeutend ist auch die von Sachsen veranstaltete Ausstellung seiner Textilindustrie, deren Erzeugnisse sich in den Vereinigten Staaten einen guten Absatz erobert haben.

Wie diese Veranstaltungen der Reichsregierung oder der einzelnen Bundesstaaten allenthalben den Eifer erkennen lassen, Mustergültiges zu bieten, so haben auch die privaten Aussteller des Industriepalastes die Gelegenheit, zu Deutschlands Ruhm und Ehre beitragen zu können, nicht unbenutzt gelassen und zum großen Theil bedeutende Summen dafür geopfert. Leider müssen wir es den Fach- und Tagesblättern überlassen, die Darbietungen der vorzüglich vertretenen Berliner Kunsttischlerei, der Crefelder Sammet- und Seidefabriken, der Solinger Messerindustrie, der Hanauer, Pforzheimer und Gmünder Gold- und Silberschmiedekunst, der Nürnberger, Sonneberger und anderer Thüringer Spielwarenfabrikanten, der deutschen Chemiker und der sonstigen Industriezweige im einzelnen vorzuführen, wollen wir anders Raum auch nur für einen flüchtigen Ueberblick über die anderen deutschen Sektionen behalten.

Fast in allen ist Deutschland würdig, in einigen sogar hervorragend vertreten. Wenn im Kunstpalast Deutschlands Künstler, in koloristischer Hinsicht durch die Franzosen vielleicht übertroffen werden, so überbieten sie diese wieder durch geistige Tiefe. Einen glänzenden Eindruck machen die Werke der deutschen Bildhauer, die nicht weniger als 118 Arbeiten nach Chicago sandten. Auch hier haben Reichsregierung und Bundesstaaten zum Gelingen des Ganzen wesentlich beigetragen, indem sie bereitwillig aus den großen nationalen Sammlungen die edelsten Schätze herliehen. Endlich bietet die Ausstellung der Architekten viel des Sehenswerthen, unter anderem das Modell des Reichstagsgebäudes und die Entwürfe zum Kaiser Wilhelm-Denkmal für Berlin.

Wie reich Deutschlands Betheiligung an der Blumen- und Gartenbauausstellung ist, geht schon aus dem großen Raum hervor, den die ausgestellten Gegenstände einnehmen. Ein ganz besonderer Anziehungspunkt ist die in einem romanischen Klosterkeller untergebrachte deutsche Weinbauausstellung mit ihren trefflich gemalten Panoramen von Rhein und Mosel.

In dem Bewußtsein, daß es sich mit dem Reichthum Amerikas an Nährpflanzen nicht messen könne, hat Deutschland davon abgesehen, seine landwirthschaftlichen Erzeugnisse zur Schau zu stellen; dagegen bringt es im Ackerbaupalast eine Menge anderer interessanter Dinge. Eine umfangreiche Sammelausstellung landwirthschaftlicher Maschinen und Geräthe läßt erkennen, daß Deutschland auch auf diesem Gebiet gewaltige Fortschritte gemacht und selbst die Amerikaner fast überflügelt hat. Viel des Neuen bieten auch die Maschinen zum Destillieren, Filtrieren, Abschäumen, Abziehen und Kühlen von Getränken. Wir bewundern ferner die Reichhaltigkeit der von fast allen deutschen Bädern beschickten balneologischen Ausstellung, die Produkte der deutschen Kaliwerke, die Abtheiluug für Konserven, diejenige der deutschen Bierbrauer und Likörbrenner. Viel betrachtet wird, auch der von einer Kölner Firma aus Chokolode aufgeführte Pavillon, der sich über einer drei Meter hohen Chokoladefigur der Germania vom Niederwald wölbt.

Vorzüglich tritt Deutschland im Elektricitätsgebäude auf. Die bedeutendsten Firmen haben ihre Dynamomaschinen, ihre Beleuchtungsapparate und Straßenbahnwagen hierhergeschickt. Weiter ist hier eine von der Reichspostverwaltung zusammengestellte Sammlung untergebracht, die in bewundernswerther Anordnung die Apparate der Telegraphie, des Fernsprechwesens, der Rohrpostverbindung, Modelle deutscher Postanstalten, sowie reichen statistischen Stoff über die Entwicklung von Post und Telegraphie enthält.

Im Palast für das Verkehrswesen treffen wir auf Modelle der großartigsten deutschen Bahn- und Brückenbauten, sowie der Bahnhöfe zu Frankfurt am Main und zu Berlin, die alles weit hinter sich lassen, was Amerika bisher in dieser Richtung leistete. Auch die Vermittler des großen überseeischen Weltverkehrs, die Paketfahrt-Aktiengesellschaft in Hamburg und der Norddeutsche Lloyd, haben äußerst sorgfältig gearbeitete Nachbildungen ihrer besten Schnelldampfer gesandt; daneben finden wir einen vollständigen Personenzug, einen mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Salonwagen, sowie eine außerordentlich interessante Sammlung, welche die historische Entwicklung der Schienenwege und Bahnkörper veranschaulicht.

In der Maschinenhalle behauptet Deutschland gleichfalls einen der ersten Plätze, nicht minder im Palast für Bergbau. Ja das großartigste Objekt im Bergwerkspalast, eine aus lauter Schienen und Schrauben zusammengefügte gewaltige Triumphpforte, entstammt einer deutschen Firma, den Eisenwerken der Gebrüder Stumm, welche außerdem riesige Pyramiden aus gebogenen Eisenröhren, Bildsäulen aus Gußeisen und tausend andere Dinge vorführen.

Wird die von dieser Firma gestellte Gruppe als eine der umfassendsten bezeichnet, die jemals von einem einzelnen Geschäft geboten wurden, so gilt das in noch höherem Sinne von der Sonderausstellung der Firma Friedrich Krupp in Essen. Hart am Ufer des Michigansees erhebt sich ein burgartiger, mit Thürmen und Zinnen geschmückter Pavillon, in welchem eine Reihe der gewaltigsten Kanonen aufgestellt ist. Unter diesen Riesengeschützen erregt ein Ungeheuer von 14 Meter Rohrlänge und 122 Tonnen Gewicht berechtigtes Aufsehen. Es ist dazu bestimmt, bei der Küstenvertheidigung verwendet zu werden, und vermag mit seinen 1000 Kilogramm schweren Geschossen die stärksten Panzer auf alle jene Entfernungen zu durchschlagen, welche beim Kampf zwischen Schiffen und Küstenwerken vorzugsweise in Betracht kommen.

Ein anderes dieser Geschütze zeigt, bis zu welch unglaublicher Höhe und Weite die Schußlinie ausgedehnt werden kann. Es ist eine Küstenkanone im Kaliber von 24 Centimetern. Das 9,6 Meter lange Rohr ist imstande, ein Geschoß von 250 Kilogramm Gewicht 20000 Meter weit zu werfen, wobei die Flugbahn eine Scheitelhöhe von 6540 Metern erreicht. Was das heißen will, das veranschaulichen die Kartenskizzen der nächsten Seite. Würde man einen [627] solchen Schuß statt auf dem Kruppschen Schießplatz bei Meppen, wo er thatsächlich abgegeben und hinsichtlich seiner Weite genau gemessen wurde, 1000 Meter über dem Meere in Pré St. Didier am Mont Blanc abfeuern, so müßte das fünf Centner schwere Geschoß im Scheitelpunkt der Schußlinie sich noch um 2730 Meter über den Gipfel dieses höchsten europäischen Berges erheben und jenseit des Gebirgsstocks in der Nähe von Chamonix einschlagen. Und zu diesem ganzen Weg würde es etwas mehr als eine Minute brauchen, nämlich 70,2 Sekunden. Wahrlich, eine fast unglaubliche Leistung!

Im Forstgebäude wie in der Fischerei- und Lederausstellung ist Deutschland weniger reichhaltig vertreten. Desto bemerkenswerther aber sind die Leistungen verschiedener Cementfabriken, die sogar große Denkmäler und Bildsäulen aus Cement errichtet haben. Im Frauengebäude zeichnen sich Deutschlands Frauen nicht nur durch vorzügliche Proben ihrer Geschicklichkeit in allen möglichen Handarbeiten aus, sondern auch durch ihre künstlerischen Leistungen und ganz besonders durch ihre Bestrebungen für das Gemeinwohl, für Krankenpflege und Fortbildung, unter denen diejenigen des Lette- Vereins zu Berlin, des Evangelischen Frauenvereins Edelweiß, des Frauenbildungsvereins zu Breslau, des Sophienstifts zu Weimar, des badischen Frauenvereins und der Münchener Nationalschule besonders erwähnt zu werden verdienen. In geschmackvoller Zusammenstellung sehen wir ferner die Porträts der hervorragendsten Schauspielerinnen und Sängerinnen Deutschlands; in der Bibliothek des Gebäudes finden wir über 500 Bände, die von deutschen Frauen verfaßt und eingeschickt wurden.

Der Mont Blanc mit Umgebung.

Der Kruppsche Schießplatz bei Meppen.




Maßstab
1 : 300 000.




Die Schußlinie der 24 cm.-Kanone.


Die Flugbahn eines Geschosses der 24 cm.-Kanone.

Und nun von diesen Stätten des Fleißes zu einem ganz anders gearteten Ort, zu der Midway Plaisance, jener breiten Straße, die den Jacksonpark mit dem Washington- oder Südpark verbindet und an der sich ein wahrer Völkerjahrmarkt entfaltet! Auch hier hat Deutschland die größte Grundfläche eingeräumt erhalten und auf ihr in dem sogenannten „Deutschen Dorf“ fraglos die lehrreichste und werthvollste Schaustellung der ganzen Midway Plaisance geboten.

Alle jene Bauten, welche für die verschiedenen Gaue Deutschlands charakteristisch sind, findet der Besucher hier in getreuer Nachahmung wieder, der Schwarzwälder sein niedriges Bauernhaus, der Bayer seine romantische Heimstätte aus dem Gebirge, der Hesse sein thurmgekröntes Rathhaus, der Westfale seinen strohgedeckten Meierhof, der Spreewälder sein einsam gelegenes Gut; ja selbst eine jener malerischen, von breiten Gräben umgebenen Wasserburgen ist vorhanden, wie wir sie im Flachlande Deutschlands da und dort noch treffen (siehe das Bild S. 613). Sie ist eine Nachbildung der im Lahnthal gelegenen Wasserburg Langenau, ein Stück echten Mittelalters, und schreiten wir über die Zugbrücke, an dem Thorwart vorbei, der die Tracht aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stolz zur Schau trägt, so enthüllt uns das Innere der Burg neue Wunder. Da finden wir nicht nur eine Sammlung von alten Urkunden, Gildenhumpen und von anderen dem Kunstgewerbe des Mittelalters entsprossenen Meisterstücken, sondern auch die berühmte Zschillesche Waffensammlung mit ihren kostbaren, zum Theil aus dem Besitz der edelsten Geschlechter stammenden Rüstungen und Kriegstrophäen.

Westlich von dieser Wasserburg dehnt sich ein weiter, mit schattigen Bäumen besetzter Konzertgarten aus, ein Sammelplatz aller derjenigen, die deutsch denken und Interesse an deutschem Leben und Wesen nehmen. Hier mögen sie, die fernher über den Ocean kamen, den Klängen deutscher Militärmusik lauschen und von ihren Weisen sich zurücktragen lassen in ihr Vaterland.

Fassen wir alles zusammen, so sehen wir Deutschland auf der ganzen Weltausstellung würdig und glänzend vertreten, und wenn trotz dieser erfreulichen Thatsache einige nach Chicago gesandte deutsche Journalisten die Behauptung aufgestellt haben, ein gutes Stück der auf die deutsche Abtheilung verwendeten Arbeit und des hineingesteckte Geldes sei verloren, weil diese Abtheilung hoch über die Köpfe der Amerikaner hinweggehe, so braucht sich niemand dadurch die Freude verkümmern zu lassen. Nicht nur besitzt Amerika unter seinen Bürgern intelligente Köpfe genug, welche den hohen Werth der deutschen Ausstellung wohl zu schätzen verstehen - diese wird außerdem für viele Deutsche und Deutsch-Amerikaner, für manchen Angehörigen anderer Nationen eine Quelle des Genusses und der Belehrung. Und dann die hervorragende, ja epochemachende Bedeutung, die der Kolumbischen Weltausstellung für den Welthandel der Zukunft beizumessen ist! Es sollte nicht vergessen werden, daß die Neue Welt das vorzüglichste und kaufkräftigste Absatzgebiet für europäische Waren ist und voraussichtlich noch lange Zeit bleiben wird. Deshalb galt es für Deutschland, in Chicago dem Wettbewerb Englands und Frankreichs zu begegnen und zugleich den mittel- und südamerikanischen Markt, an dem es in hervorragendem Maße betheiligt ist, gegen die beginnende Konkurrenz der Nordamerikaner zu vertheidigen, deren ganzes Streben dahin gerichtet ist, die europäische Einfuhr auch hier abzuschneiden, getreu der „Monroe-Doktrin“: „Amerika den Amerikanern!“ Angesichts dieser Thatsache können keine Anstrengungen und Opfer zu groß sein, um der deutschen Industrie jene wichtigen Absatzgebiete zu erhalten. In dieser Erkenntniß haben sich Regierungen und Aussteller zu bedeutenden Opfern verstanden, die sicherlich gute Früchte tragen werden. Deutschland hat daher jenen Männern zu danken, welche sich die Mühe nicht verdrießen ließen, die Gleichgültigkeit zu überwinden, welche anfänglich von Seiten vieler Industriellen dem Ausstellungsgedanken entgegengebracht wurde. Neben den persönlichen Bemühungen unseres Kaisers, der die Firmen Krupp und Stumm zu ihrer großartigen Betheiligung veranlaßte, ist hier noch ein Name besonders zu nennen, der des deutschen Reichskommissars Wermuth.

Hoffen wir denn, daß der Sieg Deutschlands der auf der ganzen Linie unbestritten ist, der erfochten wurde auf demselben Boden, wo wir vor siebzehn Jahren eine schwere Niederlage erlitten, die segensreichsten Nachwirkungen haben werde für unsere Kunst und unsere Industrie!


  1. Die Behörden der Weltausstellung haben die Vereinbarung getroffen, daß jedem Volk, das sich offiziell an der Weltausstellug betheiligt, ein besonderer Festtag eingeräumt werde, den es mit seinen eingeladenen Gästen in nationaler Weise begehen kann. Der „Deutsche Tag“ fiel auf den 15. Juni.
  2. Eine genaue Abbildung dieser Gruppe ist auf S. 133 des laufenden Jahrgangs der „Gartenlaube“ enthalten.