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Warnung vor Geheimmitteln

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Textdaten
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Titel: Warnung vor Geheimmitteln
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 99,100
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Warnung vor Geheimmitteln.

Die Geheimmittelschwindler sind unermüdlich in der Erfindung immer neuer Mittel zur Ausbeutung der wirklichen oder eingebildeten Leidenden, denen die Zuversicht zu einem tüchtigen praktischen Arzte mangelt, die aber kein Bedenken tragen, ihr Geld wie ihre Gesundheit dem ersten besten Kurpfuscher in der leichtfertigsten Weise anzuvertrauen. Soviel auch gegen den Geheimmittelschwindel gekämpft wird, immer wieder treibt er neue Blüthen, und so sicher und einträglich ist das Geschäft, daß ein kostspieliger Reklameapparat in Bewegung gesetzt werden kann, durch marktschreierische, oft spaltenlange Annoncen und besondere „Beilagen“ zu den Tageszeitungen die Opfer aus nah und fern heranzulocken. Mittel, welche einen Werth von wenigen Pfennigen besitzen, werden vielfach um doppelt so viele Mark abgegeben und als „Universalmittel“ gegen alle möglichen Krankheiten angepriesen, während sie in der That nicht gegen eine einzige helfen. Dabei wird kein Alter verschont, vom Säugling in der Wiege an bis zum altersgebeugten Greise jeder bedacht; und kein Leiden irgend welcher Art giebt es, gegen das die Kurpfuscher nicht angeblich durchaus sichere Mittel gefunden hätten.

Einen interessanten Beleg dafür, wie vielseitig sich der Geheimmittelschwindel entwickelt hat und mit welcher Erfindungsgabe er ins Werk gesetzt wird, bieten wieder die jüngsten Bekanntmachungen des unermüdlich gegen das Kurpfuscherunwesen kämpfenden Ortsgesundheitsrathes zu Karlsruhe in Baden, denen wir hiermit zur allgemeinen Warnung weitere Verbreitung geben wollen. Berlin, Hamburg und Dresden können als Hauptsitze des hier in Frage kommenden Geheimmittelschwindels gelten, doch werden auch von kleineren Orten aus und von großen Städten des Auslandes, namentlich London, Paris, Budapest, Wien, Leichtgläubige mit Anpreisungen aller Art beglückt.

Der Ortsgesundheitsrath schreibt in den von ihm versandten besonderen Flugblättern:

1. „Als ‚Beruhigungsmittel für zahnende Kinder’ empfiehlt Marie von Schack durch besondere Reklamen der Niederlage von Karl Hoffmann, Berlin 8, Brandenburgstraße 19, Kräuter-Zahnsäckchen, welche die Kinder auf der Herzgrube tragen sollen. Die kleinen Säckchen aus farbigen, Stoff enthalten etwa 2 Gramm eines gröblichen aromatischen Pflanzenpulvers, hauptsächlich Steinklee, das die angepriesene Wirkung nicht ausübt. Der Preis von 1 Mark für zwei derartige Säckchen ist viel zu hoch, da der Werth nur wenige Pfennige beträgt.“

2. „G.H.Braun in Hamburg preist in einer Broschüre verschiedene Mittel gegen Kopf- und Nervenleiden marktschreierisch an. Das Braunsche Kopfwasser erwies sich als eine stark mit Wasser verdünnte weingeistige Lösung ätherischer Oele (sogen. Kölnisches Wasser), während in den mit geheimnisvollen Aufschriften versehenen homöopathischen Tropfen keinerlei wirksame Bestandtheile nachgewiesen werden konnten. Beiden Mitteln, welche zusammen für 2 Mark 30 Pfennig in jeder Apotheke gekauft werden können, während sich Braun 9 Mark dafür bezahlen läßt, kommt die angepriesene Heilwirkung nicht zu.“

3. „Ein Dr. Stark in Liebau in Schlesien preist in einer umfangreichen Schrift seine Mittel zur Heilung der Epilepsie an. Diese bestehen in „Krampfthee“ und „Krampfpulver“ (Antispasmodium). Ersterer ist zusammengesetzt aus Baldrianwurzel, Veilchenwurzel, Engelsüß, Faulbaumrinde, Arnicablüthen, Römischen Kamillen und Sennesblättern. Das Pulver enthält hauptsächlich pulverisirte Baldrianwurzel, welcher reichlich Zucker zugesetzt ist.

Beide Mittel sind völlig unwirksam gegen Epilepsie, kosten aber bei Stark zusammen 11 Mark 40 Pfennig, während ihr Werth nach der Arzneitaxe 3 Mark 75 Pfennig beträgt.“

4. „Unter dem Namen Altstädters ‚Phönix-Geist’ wird als Universalmittel gegen die verschiedenartigsten Krankheiten ein gewöhnlicher, mit Zimmet und Enziantinktur versetzter Getreidebranntwein marktschreierisch angepriesen.

Die Flasche einer solchen Mischung, die weder bei äußerlichem Gebrauch noch bei innerer Anwendung irgend welche Heilwirkungen hat, kostet bei dem Erfinder B. Altstädter, Budapest, 10 Mark, während sie in jeder Apotheke für 2 Mark zu bekommen wäre.“

5. „‚Taubheit endlich heilbar’ ist die Aufschrift einer Broschüre, in welcher auf marktschreierische Weise für den ‚Chinesischen Balsam’ von Dr. Mountain in London, Chancery Lane 64, Reklame gemacht wird und welche schwerhörigen Personen von London aus zugeht. Die Broschüre verspricht bei dem Gebrauch dieses ‚unfehlbaren Heilmittels’ nicht nur Erneuerung der Ohrtrommeln und Wiederherstellung der Gehörnerven, sondern sogar Heilung angeborener Taubheit. Der ‚Chinesische Balsam’ besteht aus einer Mischung von Mohnöl, Glycerin und Weingeist und hat bei den oben bezeichneten tieferen Erkrankungen des Ohres keinerlei Heilwirkung. Was den Preis betrifft, so würde eine derartige Mischung in jeder Apotheke nach der Arzneitaxe 70 Pfennig kosten, während für den Balsam die Summe von 4 Mark 50 Pfennig bezahlt werden muß, welche sich durch die Transportkosten (Zusendung durch die Apotheke zur Austria von A. Grohs in Wien) auf 6 Mark 28 Pfennig erhöht.“

6. „Paul Weidhaas, Dresden-Altstadt, Reißigerstraße 42, preist in Blättern und besonderen Broschüren marktschreierisch ein Heilverfahren gegen Asthma an. [100]

Wer sich an Weidhaas wendet, erhält einen angeblichen Inhalationsapparat, aus dem durch eine schwache Lösung von übermangansaurem Kali und einem Wattefilter desinficierte Luft eingeathmet werden soll. Der Apparat ist werthlos, da der Patient ganz unveränderte Luft, außerdem auf sehr unbequeme Art, einathmet. Der Apparat hat den schwindelhaft hohen Preis von 16 Mark 80 Pfennig.
Außer dem Gebrauch dieses Apparates verordnet Weidhaas noch sogenannten ‚Sternthee‘, zu beziehen durch die Annenapotheke in Dresden. Dieser Sternthee ist eine dem sogenannten Brustthee ähnliche Mischung, kostet bei Weidhaas 1 Mark, während das gleiche Quantum in jeder Apotheke für 50 Pfennig käuflich ist."

In einer Zuschrift an die Redaktion der „Gartenlaube“ giebt Weidhaas den Preis des „angezogenen Apparats“ abweichend auf 4 Mark an und bemerkt weiter, daß er „gegen den Ortsgesundheitsrath klagbar werden müsse“, wovon indeß nach der von uns erbetenen Auskunft dem Ortsgesundheitsrathe „bis jetzt nichts bekannt geworden ist.“ In einer zweiten Zuschrift an die Redaktion betont Weidhaas lediglich, daß der für Apparat und „Leitung der Kur“ berechnete Preis keineswegs stets die angegebene Höhe von 16 Mark 80 Pfennig erreiche.

Am besten wird aber das Geheimmittelunwesen gekennzeichnet durch eine letzte Bekanntmachung, aus der zugleich hervorgeht, wie die Kurpfuscher sich anscheinend wissenschaftlich gebildeter Helfershelfer zu bedienen wissen, und endlich, welchen ungeheuren pekuniären Erfolg sie sich zu schaffen verstehen. Das interessante Aktenstück hat folgenden Wortlaut:

7. „Ein gewisser Reinhold Retzlaff in Dresden kündigt periodisch in hiesigen (Karlsruher) Blättern ein unfehlbares Mittel gegen die Trunksucht an. Dasselbe kostet 9 Mark, besteht aus Enzianwurzelpulver und ist vollständig nutzlos. Die bekannten Helfershelfer des Geheimmittelschwindels: ‚Medizinalrath‘ Dr. Johannes Müller in Berlin, Dr. Heß daselbst und Dr. Theobald Werner in Breslau haben auch dieses Mittel in ‚wissenschaftlichen Gutachten‘ empfohlen.
Wie große Summen von seiten des leichtgläubigen Publikums an solche Schwindelgeschäfte vergeudet werden, ergiebt sich daraus, daß die von besagtem Retzlaff in einem einzigen Jahre gemachten Einnahmen nach zuverlässigen amtlichen Erhebungen auf über 300000 Mark zu schätzen sind.“

So oft die „Gartenlaube“ bereits vor dem Geheimmittelschwindel gewarnt hat, immer wieder zeugen zahllose Zuschriften an die Redaktion, in welchen diese um Auskunft über die verschiedensten Mittel gebeten wird, davon, wie tief das Unwesen sich in den weitesten Kreisen eingenistet hat. Hoffen wir, daß die obigen deutlichen Gutachten von berufener Seite wiederum dazu beitragen, die Hilfsbedürftigen vor Ausbeutung zu schützen und sie Hilfe ausschließlich dort suchen zu lassen, wo sie allein zu finden ist: bei tüchtigen, wissenschaftlich gebildeten Aerzten! * *