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Von der hansischen Flanderfahrt/III

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Autor: Karl Braun-Wiesbaden
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Titel: Von der hansischen Flanderfahrt. III. Brügge. Rückfahrt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 693–696
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Empfang der Gruppe in Brügge und Rückfahrt nach Hamburg
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[693]

Von der hansischen Flanderfahrt.

Von Karl Braun-Wiesbaden.0 Mit Illustrationen von H. Schlittgen.
III.0 Brügge.0 Rückfahrt.

Canal in Brügge.

Nach einem fröhlichen gemeinsamen Male in Gent fuhren wir den Abend mit der Eisenbahn nach Brügge, der Hauptstadt von Westflandern. Wie wir später erfuhren, hatten wir den Einwohnern von Brügge – „dieser schönen und edeln Stadt“, wie sie unser großer deutscher Maler Albrecht Dürer bewundernd genannt hat – ohne es zu wollen, eine Täuschung bereitet, nämlich durch die Art unseres Einmarsches. Belgien ist das Land der öffentlichen Festlichkeiten, der Straßenaufzüge und der Schaubelustigungen, der Schützenfeste, der Preisschießen mit der Armbrust oder mit dem Handbogen, der Wallfahrten und Processionen, des Umherziehens von Riesen und von Schiffen (natürlich auf Wagen) und der Kirchweihen. Bei der Lebhaftigkeit und der Vergnüglichkeit der Bevölkerung und ihrem gesunden Sinn für Kunst, für Farben und Formen, für Musik und Malerei, ist es zu einem ordentlichen „Ommegang“ oder Aufzug unbedingt nothwendig, daß er nicht ohne einen gewissen Aufwand von äußeren Mitteln stattfindet, welche geeignet sind, die Lust des Volks am Schauen und Hören, kurz die Augen und die Ohren zufriedenzustellen.

Der Deutsche, und namentlich der Norddeutsche, hat für so was nicht viel Sinn und Neigung. Er liebt weder die Schaustellung noch den Lärm, den letzteren so wenig, daß uns unsere östlichen (slavischen) Nachbarn „die Stummen“ zu nennen belieben.

Die Einwohnerschaft von Brügge hatte, so sagte man mir, erwartet, daß diese Hansen (oder wie man hier schreibt „Hanzeaten“), diese „Osterlings“, deren Andenken im Geiste und Gedächtniß der Vlamingen durchaus nicht erloschen, einen ähnlichen „Ommegang“ halten würden, wie ihre Vorfahren vor einem halben Jahrtausend; daß sie einziehen würden mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel, in malerischer Gewandung und nicht ohne eine Art von festlicher oder wenigstens von militärischer Ordnung; denn wozu ist man der Militärstaat?

Dieser Voraussetzung war Nahrung gegeben worden durch das plattdeutsche Hanseaten-Lied, das uns vorausgeeilt war und dessen ersten Vers ich hierhersetzen will:

„Höört jy wel de pypen klingen
Un de trumlen daartoe slaan?
Kinders, nu laat uns ’maal singen,
Dat een fiks marscheeren kan!
 Hanseaat,
 Kameraad!
Vast in takt marscheer dyn straat!
Vraagt een, wat voor’n regiment?
Ses un seüventig men’t nent!“

Von alledem geschah das Gegentheil. Wir kamen spät an, es war, glaube ich, nach neun Uhr Abends, indeß noch hell genug, daß wir den Bahnhof bewundern konnten, welcher uns den Beweis liefert, daß auch für diese Art von Bauwerken der gothische Stil, richtig verstanden, sehr wohl anwendbar ist. Auf dem Bahnhof wurden wir von dem Brügger Comité und den Vorstehern der verschiedenen Vereine, welche sich ihm angeschlossen hatten, lebhaft und freundlich bewillkommnet als die Nachkommen derer, welche vordem so viel zur merkantilen Blüthe dieser Stadt beigetragen hatten. Wir erwiderten die Begrüßung nach Kräften. Aber offen gestanden: wir waren müde. Denn wir waren in Gent den ganzen Tag den Sehenswürdigkeiten nachgelaufen, und [694] so groß unsere Erwartungen von Brügge waren, so hegte doch mancher den stillen Wunsch: „Ich wollte, es wär’ Schlafenszeit und Alles wär’ gut.“

Aber nein, noblesse oblige! Darum „stramm vorwärts“; und so rückten wir in leidlicher Ordnung in die reich decorirte Stadt ein, unter dem Wehen der Fahnen, unter welchen sich neben den lebhaften schwarz-gelb-rothen belgischen auch einige wenige bescheidene schwarz-weiß-rothe befanden. Diese Farben des Deutschen Reichs begrüßten uns namentlich vor den deutschen Bierhäusern, deren es hier mehrere giebt. Das belgische obergährige Bier, Pharo, wie Lambik, entspricht dem deutschen Geschmacke nicht. Das deutsche Bier aber hat seinen Eroberungszug um die Erde vollendet. Selbst der Türke trinkt Schwechater und Pilsener und behauptet, das verstoße nicht gegen den Islam (d. h. das Gesetz), denn es sei nicht Wein, sondern Gerstensaft oder Malzextract. Und als die Deutschen in New-York das Schillerfest begingen und „Wallenstein’s Lager“ aufführten, meinten die Yankees, bei den Deutschen gehe es nun einmal nicht ab ohne „Lager“, worunter sie Bier (Lagerbier) verstanden.

In der That war ganz Brügge auf den Beinen bei unserm Einmarsch, welcher sich von dem genannten gothischen Bahnhofe nach dem großen Marktplatz bewegte, einem schönen großen Platz, umgeben mit theils wohlerhaltenen, theils mit historischer Treue und Sorgfalt wiederhergestellten gothischen Giebelhäusern und abgeschlossen durch zwei lange Verkaufshallen, aus deren Mitte sich der mächtige und doch graziös emporsteigende Beffroy (Bergfried oder Donjon) erhebt, der bis zur oberen Balustrade achtzig Meter mißt und das Sinnbild des Reichthums und der Macht dieser Stadt bildet, welche vordem in dem Welthandel dieselbe Rolle spielte, wie gegenwärtig London. Der Anblick dieser Herrlichkeit, die in der halbhellen Nacht noch märchenhafter und zauberartiger emporsteigt, als am Tage, hob wieder unsere etwas erschöpften Kräfte; und als nun das Glockenspiel des Beffroy anhob, zuerst die deutsche „Wacht am Rhein“, dann das „Vlaanderen“-Lied und endlich die belgische Nationalmelodie, genannt „La Brabançonne“, zu spielen, da brach ein förmlicher Verbrüderungs-Enthusiasmus zwischen den Angehörigen der verschiedenen Völker aus, welche auf dem Marktplatze dieser monumentalen Stadt zusammengetroffen waren – die Einen, um den längst verwehten Spuren ihrer hanseatischen Vorfahren nachzugehen und die Stätten ihrer Wirksamkeit zu studiren – die Andern, um, wie dies ein hier in stattlichem Format und in vlamischer Sprache erscheinendes Blatt „Burgerwelzijn“ (Bürgerwohl) ausdrückt, zu zeigen, daß Brügge „een guthertig welkom wenscht aan de afstammelingen van dezen, die eens aan het hooft stonden der handelsbeweging van de ganze wereld“, das heißt, daß Brügge ein aufrichtiges Willkomm entgegenbringt den Nachkommen Derjenigen, die einst an der Spitze der Handelsbewegung der ganzen Welt gestanden haben.

Straße in Brügge.

Dann bewegte sich der mächtige Zug die Rue Saint Jacques, auf Vlamisch „Sinter-Jacobs-straat“ geheißen, nach dem vormaligen Boterhuis oder Beuterhuus, auch Caeshuus genannt. Vormals eine offene Laube, in welcher man Butter und Käse verkaufte, bildet es jetzt eine große Concerthalle, welche eine Unmasse Menschen faßt und sich durch ihre vortreffliche Akustik auszeichnet.

Während wir und unsere Brügger Freunde einmarschirten in den Concertsaal, sah sich die liebe Straßenjugend, die uns bisher ebenfalls das Geleit gegeben hatte, von dem Heiligthum ausgeschlossen. Sie rächte sich dafür dadurch, daß sie, und zwar mit viel Geschick und Naturwahrheit, das Hahnengeschrei nachahmte; und als ich, da ich ein wenig hatte zurückbleiben müssen, mir durch ein höfliches „Bon soir Messieurs!“ Eingang durch ihre geschlossenen Reihen zu schaffen versuchte, machte man mir zwar mit großer Bereitwilligkeit Platz, aber hinter mir ertönte ein vielstimmiges „Frenschman“, von noch weit zahlreicheren Hahnenschreien begleitet, worüber ich mich aufrichtig freute.

Oben, in dem bereits dicht mit Menschen angefüllten Concertsaal, fand ich sofort einen liebenswürdigen Bürger von Brügge, der mir als Führer diente und mir die Herren namhaft machte, welche an dem „Bureel“ (Bureau) Platz genommen hatten, um uns zu begrüßen. Es waren die Herren Van Ackeren, Sabbe und Vermast, die Delegirten des Comité Brügge-Nüremberg; Herr Sorel-Merlin, Vertreter des „Reizigerkring“; Dr. de Meyer, von dem „Kunstkring“; Herr de Thibaut de Boesinghe, Vorsitzender der „burgerlijke Godshuizen“, Herr Nelis von der „Emulatie“ und die Herren Steyart und Edwin Gaillard von der „Alterthumskundigen Maatschapij“, das ist dem Alterthums-Verein für Brügge und Umgegend. – Die große Anzahl der gemeinnützigen Vereine oder Kreise (Krings, das ist Cirkel, cercle) ist beachtenswerth. Sie liefert einen Beweis für den überall zu Tage tretenden lebhaften und spontanen Gemeinsinn, welcher in Allem, was der Bürger aus eigener Kraft thun kann, nicht auf hohe obrigkeitliche Anregung oder Nöthigung wartet. Ich könnte mancherlei Interessantes über diese Reisende-, Kunst- und Alterthums-Vereine und deren Thätigkeit mittheilen, will aber hier nur noch mit einem Worte des Vereins gedenken, welchen man auf vlamisch schlechtweg die „Emulatie“ nennt, während er auf französisch „La société d’émulation“ genannt wird. Er weckt und entfaltet unter den Bürgern [695] einen regen Wetteifer zur Erhaltung, Wiederherstellung und Beschreibung der baulichen Eigenthümlichkeiten Brügges und giebt auch Annalen heraus, welche unter Anderem die höchst werthvollen Abhandlungen des Architekten Verscheldt enthalten. Darunter eine auch als besonderes Buch erschienene Studie dieses Autors über die Namen der Straßen und Plätze Brügges, welche in Deutschland gelesen zu werden verdient. Denn sie zeigt uns, welch ein reiches Material von historischer, cultur- und wirthschaftsgeschichtlicher Bedeutung in diesen alten Namen steckt, daß ohne dieselben kaum die Historie und die Topographie einer Stadt erforscht und geschrieben werden kann, und wie unklug – um nicht ein schlimmeres Wort zu gebrauchen – es ist, die alten Namen polizeilich abzuschaffen zu Gunsten neuer, die allen localen oder geschichtlichen Untergrundes entbehren und häufig aus Vornamen bestehen, bei welchen etwas zu denken nach kurzer Zeit kein Mensch mehr im Stande ist. Wer weiß z. B. wer jener „Friedrich“ war, nach welchem die Friedrichstraße in Wiesbaden benannt ist? Man könnte einen Preis darauf setzen.

Doch zurück zum Butter- und Käsehaus in Brügge, oder vielmehr zu dem schönen großen Saal, der an dessen Stelle getreten.

Ich füge dem mitgetheilten Verzeichniß noch hinzu, daß Herr M. J. Fontaine, einer der Schöffen der Stadt Brügge, in Verhinderung des Herrn Bürgermeisters, des Comte Disard (welcher übrigens uns, d. h. einen Theil der Flanderfahrer, Abends in den prachtvollen Räumen seines Hauses auf das Liebenswürdigste empfing), den Vorsitz der Versammlung führte. Alle Anreden erfolgten natürlich in vlamischer Sprache.

Zunächst begrüßte Herr Van Ackeren die Gäste mit einem kräftigen und kurzen Willkomm im Namen des Comités. Ihm folgte Herr Sabbe mit einem längeren Vortrag über die glorreiche Vergangenheit Brügges, über seine Beziehungen zur Hanse und zu Deutschland und über die hoffnungsvolle Zukunft, welche man für die Stadt erwartet. Er überreichte dem hansischen Verein ein Exemplar von Gilliodt’s-Van-Serren „Inventar“ und von Edwin Gaillard’s „Glossarium“. Die werthvolle Gabe nicht nur, sondern auch die inhaltreiche Rede wurde von den Deutschen unter lebhaftem Beifall entgegengenommen, oder wie es das bereits citirte vlamische Blatt ausdrückt, „door een algemeen handgeklap begroet.“

Senator Dr. Klügmann von Bremen, früher Mitglied des deutschen Reichstags, jetzt des Bundesrathes, antwortete in einer feinen beziehungsreichen Rede Namens der Hansefahrer und schloß mit einem Hoch auf Brügge, in welches die Deutschen lebhaft einstimmten, oder, wie es auf vlamisch heißt, sie „bevestigden door en dricvoudig en vervoerend gejuich de woorden van hunnen collega“. Damit war der officielle Empfang zu Ende, und wir leisteten dann der freundlichen Einladung, uns in das Local der Gesellschaft Brügge-Nüremberg, das „Café des Arts“ zu begeben und dort einige Erfrischungen einzunehmen, bereitwillig Folge; denn so willig der Geist war, alle die neuen Eindrücke in sich aufzunehmen, so machte sich doch die Schwäche des Fleisches geltend.

Vom Fischmarkt in Brügge.

Einschalten muß ich noch eine Bemerkung über die vlamische Sprache, von der ich, soweit es der Raum mir gestattet, einige Proben gegeben habe. Der geneigte Leser wird sich aus diesen Proben unschwer überzeugt haben, daß diese Sprache, welche eine nicht unansehnliche Literatur aufzuweisen hat, mit unserem Deutsch demselben Stamme entwachsen und daß sie, namentlich für die Niederdeutschen, leicht zu verstehen ist. Dies ist besonders der Fall, wenn man sie gedruckt vor sich hat und sich die Sache überlegen kann. Etwas schwieriger ist es aber bei den rasch enteilenden gesprochenen Worten. Am schwierigsten zu verstehen sind die unteren Classen wegen der gutturalen Laute, welche sie mit einem Theile der Holländer und der Schweizer gemein haben.

Die Nacht mußte ich diesmal in einem Hôtel zubringen, denn der „Schwan“, unsere schwimmende Heimath, war in Folge vielfacher Schwierigkeiten, die er bei den Schleusen des Canals zu überwinden hatte, sehr spät in der Nacht an der verabredeten Stelle erschienen, und der letzte Mann unserer Expedition gelangte erst um zwei Uhr Morgens an Bord. Indessen des andern Tages waren alle Schmerzen der vergangenen Nacht vergessen und schon um zehn Uhr wurde der Marsch nach den Sehenswürdigkeiten der Stadt angetreten, unter Führung der gastlichen Herren von Brügge.

Brügge ist anders als Wisby, wohin wir 1881 unsere hansische Fahrt gerichtet hatten. Wisby, bis zum 14. Jahrhundert die Königin der Hansa im Osten, hat von ihrer Größe nur noch kolossale Befestigungswerke und Kirchen gerettet, – aber Alles in Trümmern, zwischen welchen die modernen Häuslein stehen, wie die Wohnungen der Pygmäen zwischen den riesigen Trümmerburgen der Giganten.

Brügge hat aufgehört, die Königin der Hansa im Westen zu sein, wie denn ja auch die Hansa selbst aufgehört hat und deren Geschichte und Gedächtniß nur durch die Historiker und namentlich durch unseren hansischen Geschichtsverein (für den ich hierdurch nebenbei auch neue Mitglieder werben möchte) wieder aufgeweckt und belebt wird. Brügge ist von hundert anderen Städten, die damals, zur Zeit seiner Blüthe, klein und arm waren und ihm nicht das Wasser zu reichen vermochten, weit überflügelt. Aber seine Paläste und seine Kirchen stehen noch unversehrt da. Auch heute noch dienen jene öffentlichen und diese kirchlichen Zwecken. Auch seine Privatbauten, bis auf die kleinen spitzen Giebelhäuser herunter, welche längs der canalisirten Wasserläufe aufgereiht sind und vor welchen die bekannten Spitzenklöpplerinnen eifrig an der Arbeit sitzen – wie dies unser Bild (S. 694) zeigt – haben ihren alten Charakter bewahrt, und selbst da, wo der falsche Geschmack eingerissen [696] war, wo man den eigenthümlichen Charakter der Backsteingothik verlassen oder gefälscht, wo man die zierlichen Zinnen der Giebelhäuser abgetragen und durch die Horizontale des gespreizten und geschmacklosen ersten Kaiserreichs ersetzt, wo man die feinen Gliederungen und farbigen Figuren der gebrannten Ziegel mit Gyps, Stuck u. dergl. überschmiert und ihnen den Anschein von Marmor oder von Haustein zu geben versucht hatte, ist in neuerer Zeit eine gesunde Reaction eingetreten. Man wendet sich zu Gunsten der Formen, welche sich zur Zeit des Naturlebens der Kunst, fern von jedem fremden, namentlich auch classischen Einflusse, unter der Einwirkung eines stark hervortretenden Bewußtseins städtischer Besonderheit gebildet haben, wieder ab von der Geschmacksrichtung einer kritischen und reflectirenden Periode. Man restaurirt und man restaurirt richtig. Unser Zeichner veranschaulicht den Charakter von Brügge vortrefflich durch ein Canalbild, ein Platzbild und durch das Innere eines flandrischen Hauses (s. S. 693, 695 u. 696).

In dem lateinischen Verzeichnisse der Städte Niederdeutschlands von 1524 („Catalogus urbium Germaniae inferioris“) heißt es – ich übersetze wörtlich – von der Stadt Brügge:

„Der öffentlichen und privaten Gebäude Glanz und Pracht übertrifft alle und jede Rede und jede Möglichkeit des Ausdrucks: Wenn mit Wenigem Alles gesagt werden soll, so ist kein Ort der Welt geeigneter, zur Weide des Auges und zur Aufrichtung und Erfrischung des Geistes zu dienen. Gent, Antwerpen, Brüssel, Löwen und Mecheln (Gandovum, Hantwerpia, Bruxella, Lovanium, Mechlinia), – das sind alles schöne Städte, aber sie sind nichts verglichen mit Brügge („sed nihil ad Brugas“)!“

Und dieses Urtheil datirt von 1524, wo die Zeit der höchsten Blüthe schon vorüber war, wo Gent aufkam und Antwerpen sich anschickte, schließlich beiden den Rang abzulaufen.

Blick in ein flandrisches Haus.

Wir verließen Brügge nur ungern. Die Kunstschätze, namentlich die unsterblichen Werke des Hans Memling, welcher den Uebergang von der Miniatur- zur Oelmalerei bildet und die Vorzüge beider in sich vereinigt, hätten von Rechtswegen ein längeres Studium erfordert, und mit unseren neu gewonnenen flandrischen Freunden hätten wir gern noch ein paar Tage verplaudert.

Die Letzteren machten uns jedoch das Vergnügen, unserer Einladung Folge zu leisten und uns bis Ostende zu begleiten. Die Absicht, unser Abschiedsmahl, zu welchem die durchaus nicht zu verachtende „Schwanen“-Küche alle Kräfte aufgeboten, auf Deck einzunehmen, wurde durch einen stürmischen Gewitterregen vereitelt, wie er uns während unserer Flanderfahrt öfters heimsuchte. Indeß auch in der Kajüte entwickelte sich ein reger geistiger Austausch. Am beifälligsten aufgenommen wurde der Toast des Professors Wätzold aus Hamburg auf die Professoren Frederick aus Gent und Sabbe aus Brügge, die treuen Wahrer flandrischer Sprache und Sitte. Dazwischen sangen wir – ein Jeder so gut wie er konnte, das alte:

„Vlanderen bovenal!“

von Hoffmann von Fallersleben und das von unserem vortrefflichen Dr. Koppmann in altem Stile neu gedichtete „Vitalien-Brüder-Lied“, mit dem Refrain:

„Mord unde Brand!
Den leven Got to Vrund,
Und aller Werld Viand!“,

das ist: „Mord und Brand! Den lieben Gott zum Freund und aller Welt Feind!“ Es klang schaurlich, aber es war gut gemeint; denn in der That, wir waren lustige „Victualien“-Brüder.

Ein großer Theil der Bevölkerung Brügges gab uns, als die Sonne wieder schien, noch eine gute Strecke das Geleit canalabwärts zu Lande. Darunter Reiter und Wagen und auch zwei rüstig fürbaß schreitende stattliche Kapuziner. Das Land auf beiden Seiten glänzte in frischem Grün; die Wiesen sammtartig, wie die Matten der Alpen, während bei uns zu Hause die Sonne Alles gelb gebrannt hatte.

Auch diesmal hatte der „Schwan“ mancherlei Schwierigkeiten in den mäandrischen Windungen des Canals zu überwinden. Einige Male saß er auch fest, und in Ostende mußten wir Halt machen, denn die Schleuse war noch nicht praktikabel. Viele fanden darin eine willkommene Gelegenheit, sich das Bad anzusehen, zu dessen Verfeinerung auch in neuester Zeit wieder Manches geschehen ist.

Am andern Morgen fuhren wir weit hinaus auf die hohe See, um dann in zwei Tagen und einer Nacht zurückzukehren. Poseidon meinte es gut mit uns. Der zweite Tag namentlich war von entzückender Schönheit und versöhnte auch Die, welche ein wenig an schwankenden Anwandlungen oder kleinen Katastrophen gelitten hatten. Der Photograph, Herr Kindermann, machte während der Fahrt prachtvolle Aufnahmen von Meeresansichten.

An dem im Sonnenlichte roth erglänzenden Helgoland vorbei, dampften wir in die Elbe. Noch vor sechs Uhr Abends schifften wir uns in Hamburg aus an der Schiffslände von Sanct Pauli.

Wir trennten uns, indem wir einander ein fröhliches Wiedersehen wünschten und uns der in ungetrübter Harmonie gemeinsam verlebten schönen Tage des Gesellschafts-, Kunst- und Naturgenusses und mannigfaltiger Belehrung erfreuten, – jener Tage, die gewiß noch lange in eines Jeden Gedächtniß lebendig bleiben werden.