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Verwandtenbesuch

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Textdaten
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Autor: Karl Wolf
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Titel: Verwandtenbesuch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 792–794
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Verwandtenbesuch.

Skizze von Karl Wolf.
(Zu dem nebenstehenden Bilde.)

G’rad’ so viel gut spinnen kann’s.“

Das war das höchste Lob, die größte Anerkennung, welche die alte Weggütler Bäurin einem Dirndl ihres Dorfes zollte. Die gute, alte Frau stammte eben noch aus jener Zeit, wo man auf einem Tiroler Bauernhofe kein Stück Linnen im Schrein fand, welches nicht im Hause gesponnen wurde. Heute noch zeigte sie gelegentlich einmal ihr Brauthemd, dessen Linnen allerdings schon vergilbt war, aber an den feinen, gleichmäßigen, zarten Fäden konnte man erkennen, daß die alten, zitternden Hände, zwischen deren Fingern heute nur knotiger und struppiger Faden auf die Spule rollte, daß diese Hände einst Meister waren in der Kunst des Spinnens.

Weggütler Bäurin! Du lieber Himmel, eigentlich war es nur eine Kleinhäuslerin. Das kleine Gütchen war die Aussteuer, als einst die reiche Großbauerntochter vom Knechte nicht ablassen wollte. Ihrer Abstammung zuliebe aber nannte man ihren Mann Bauer, ein Titel, unter dem sich schon ein gut Stück Feld, Wald und Wiese versteht und ein großer Stall voll stattlicher Rinder.

Hatte die reiche Bauerntochter damals verschmäht, irgend einen Protzen zum Mann zu nehmen und dafür zu den Ersten des Dorfes zu gehören, so war doch mit ihr beim Weggütler das Glück eingezogen und die Zufriedenheit. Der Mann arbeitete von früh bis spät, und sie wirtschaftete im Haus herum und vermißte gar nicht die gefüllten Schreine und Truhen des väterlichen Hauses. Hatte der Weber das bißchen Garn aufgearbeitet, so freute sie sich über die Leinwand, und brachte der Mann vom Wochenmarkt einige Gulden heim, so empfanden beide die Genugthuung, daß es mit eigener Hände Arbeit sauer erworbenes Geld sei.

Großer Familiensegen war den Leuten nicht beschieden. Nach den ersten drei Jahren ihrer Ehe zappelte ein Töchterchen in der mit

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Photographie im Verlag von Franz Hanfstaengl in München.
Verwandtenbesuch.
Nach dem Gemälde von Franz v. Defregger.

[794] den Namen Jesus und Maria bemalten Wiege, und nun war es erst recht, als sei das finstere Stübchen mit Sonnenschein gefüllt.

Mit unermüdlichem Eifer arbeiteten die Eltern immer nur im Gedanken, ihrem Kinde einst ein behaglicheres Nestchen zu schenken, als sie selbst bei ihrer Verbindung gefunden hatten.

Unten beim Großbauern kümmerte man sich blutwenig um die Weggütler Leute. Der stolze Bauer starb bald nach der Verheiratung seiner Tochter und konnte sich selbst auf dem Sterbebette nicht ganz beruhigen über „die Schande“, welche die einzige Tochter dadurch der Familie angethan hatte, daß sie den Mann wählte, den sie liebte. Der stolze Bauer konnte es nicht verwinden, daß seine Tochter einem Knechte die Hand gereicht hatte. Dafür war seine Herzensfreude der Sohn. Ja, der hatte es verstanden! Der führte die steinreiche Grubenmüller Tochter heim und hatte Energie genug, sein zanksüchtiges Weib im Zaume zu halten. Recht behaglich war es freilich nicht in der Stube, und der alte Bauer ließ sich zuletzt das Essen in seine Kammer bringen, so zuwider wurde ihm das Gezänke. Aber zehntausend Gulden, das war eine Aussteuer! Die sicherte auf eine Lebzeit hinaus, daß das Bürgermeisteramt und alle Ehrenstellen der Gemeinde sich auf dem Großbauern vereinigen mußten. Der Sohn wurde auch sonst, in seiner Gesinnung, der Erbe seines Vaters. Auch ihm wurde eine Tochter geboren, aber der so ersehnte Erbe blieb aus.

Die reiche Bauerntochter wuchs heran und wurde ein schmuckes Dirndl, das sogar einige Jahre die Stadtschule besucht hatte. Man kann sich denken, wie umworben die reiche Erbin war. Aber der Bauer lachte die Freier alle aus. Einen Eidam werde er sich schon selber suchen. Der müsse das Gleichgewicht halten mit seiner Tochter.

Da lebte weit hinten im Thale ein Bauer, der die größte Alpenwirtschast hatte weit um. Viele Hunderte von Rindern konnten den Sommer hindurch prächtige Weide finden auf den zum Hofe gehörigen Matten, und Wildheu gab es in den Niederungen, daß immer noch fünfzig Zuchtkühe überwintert werden konnten.

Der Mann hatte einen einzigen Sohn und der war wie erschaffen zum Eidam des Großbauern. Die Alpenwirtschaft würde den Großbauernhof fast zu einem kleinen Fürstentume machen. Dies alles überlegte sich der Großbauer, als er hinaufstieg in das Alpenthal, um für seine Tochter einen Mann zu werben.

Die Unterhandlungen mußten auch gelungen sein, denn er schmunzelte vergnügt, als er Abschied nahm von den Berglern, und reichte dem jungen Burschen noch extra die Hand hin. „Thust leicht am Sonntag bei mir Mittag essen, Hans,“ sagte er wohlwollend, „’s ist g’rad’ günstig! A schönes Kalbl wird gestochen, und meine Tochter, ’s Röserl, Strauben kann’s kochen, daß ’s einem auf der Zungen schmelzen, so flaumig!“

Der Junge kam auch, aber in einer ganz anderen Weise. Hochaufgerichtet stand er vor dem Bauern am Sonntag in der Stube und der Zorn blitzte aus seinen Augen.

„Kaufen und alleweil kaufen! Alleweil’s Geld! Kannst dir kaufen was d’ willst, Bauer! Feld, Wald, Haus und Vieh! Leut’ a werd’s geben, da zum kaufen sein. Aber sell merk dir, der Alpenhofer Hans, der ist nit für Geld zu haben! So viel Geld hast du nit, ’s ganze Dorf nit und nit’s ganze Thal! Pack’s in Banknoten ein dein Dirndl meinetwegen und beschwer’s mit Dukaten, i mag’s denno nit!

Und weil i g’rad’ im Schuß bin: der Alpenhofer Hans, gar nit frei sein thut er mehr! Sein Herz gehört dem Weggütler Everl und da könnt’s ös Alten langweg handelseins sein, von dem Dirndl laß i nit, in aller Ewigkeit nit!“

Die Thüre schmetterte hinter ihm zu und die Geschichte war abgethan.

Und ebenso trotzte der Hans dem Willen seines Vaters: das Weggütlerstübchen wurde wieder ein Nestchen für ein junges glückliches Paar.

Die junge Großbauerntochter, das Röserl, aber wußte es durchzusetzen, daß sie, als wieder die mit frommen Namen bemalte Wiege vom Dachboden heruntergeholt werden mußte, den jungen Erdenbürger aus der Taufe hob und das gar noch in Vertretung ihres Vaters! Jeden Monat einmal stieg sie hinauf zum Häuschen, in welchem der Mann wohnte, der sich so energisch gegen das Großbauerwerden gewehrt hatte. Sie freute sich des Glückes der jungen Leute und befand sich behaglich und wohl in dem kleinen Stübchen mit dem gemauerten Ofen und der Ofenbank, am Tische mit den gedrehten Füßen, der viele Generationen aufwachsen sah im Hause!

„Ja Großbauern Röserl,“ schmunzelte der junge Ehemann, „jetzern thut’s mi schon frei wundern, wenn du amal einihupfst in den heiligen Ehestand!“

„Ja mei,“ lachte das Röserl, „fast gar nit trauen thu i mi. I fürcht, es könnt’ sich einer wieder so wehren wie du.“

Die alte Mutter aber schmunzelte und betrachtete die feine Hand der reichen Bauerntochter. „Ja mei,“ dachte sie, „die muß wohl gar fein spinnen können, mit so kluge Händ!“