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Vermißte (Die Gartenlaube 1885)

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Textdaten
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Titel: Vermißte
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, 41, S. 515, 680
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[515] Vermißte. Neue Folge: 1) Unter seltsamem Mißgeschick leiden zwei Geschwister: Maria und Sebastian Bucheli aus Luzern, Gemeinde Malters. Seit länger als zwanzig Jahren von einander getrennt, peinigt Jedes die Sehnsucht nach dem Andern. Im Jahre 1882 trieb es den Bruder in die Heimath, zu seiner einzigen Schwester, aber ohne sie zu finden, denn sie weilte auswärts, Niemand wußte von ihr. Sebastian verließ hierauf Luzern, aber freilich ohne Jemand zu sagen, wo er fortan zu finden sei. Diesen Schweizer Sebastian Bucheli fordern wir auf, seiner Schwester nach Luzern zu schreiben, postlagernd.

2) Fast hoffnungslos ist der Aufruf nach einem verschwundenen Jüngling; dem achzehnjährigen Alfred de Percy in Dresden. Ueber dem Verschwinden dieses jungen Mannes waltet eine niederbeugende Unerklärlichkeit. Ein liebender Sohn und Bruder, Stolz und Stütze seiner erfahrungsreichen Mutter und sorglicher Mitpfleger des kränkelnden jüngeren Bruders, läßt Alfred de Percy nicht den geringsten Verdacht irgend einer That gegen sich selbst aufkommen. Nach einer in Folge starken Nasenblutens und Uebelseins unruhig verbrachten Nacht machte er am 5. November 1884 früh ½8 Uhr einen Gang ins Freie, um sich, noch vor dem Frühstück, in frischer Luft zu erholen, – und von diesem Ausgang ist er nicht wiedergekehrt.

3) Seit dem 7. Juni 1884 wird der Handelsmann Max Ferdinand Fiedler aus Sorau vermißt. Derselbe hat sich an dem genannten Tage von Sorau nach Sagan, von dort nach Berlin und demnächst nach Stettin begeben. Briefe, die er von Sagan und Stettin an seine in Sorau lebenden Schwestern gerichtet hat, lassen vermuthen, daß er sich, schwermüthig wie er in letzter Zeit war, ein Leid zugefügt hat. Aufrufe in den Tagesblättern und Nachforschungen der Angehörigen und Behörden haben zu keinem Resultate geführt. Signalement des Vermißten: Alter 24 Jahre, Statur: kräftig, Haare: schwarz, Bart: Schnurrbart, Gesichtsbildung: rund, Gesichtsfarbe: frisch, Bekleidung: olivengrüner Anzug (Jaquet), rothbunte Wäsche, gez. M. F. 1., schwarz-weißer Strohhut.

4) Am 29. April 1884 ist der vierzehnjährige Paul Heyner aus Stettin, geboren 1870, seinen Pflege-Eltern entlaufen. Er ist von schlanker Statur, blasser Gesichtsfarbe, dunkelblond und hat blaue Augen. Man vermuthet, daß er mit einem ausländischen Schiffe in See gegangen oder im Lande sich herumtreibt.

5) Eine alte Rektorswittwe in Altona sucht ihre beiden zur See gegangenen Söhne. Der älteste, Georg Christian Junge, geboren 1835 in Marne, schrieb zuletzt am 14. December 1857 von Bord des amerikanischen Kriegsschiffes „Portsmouth“ von Hongkong aus, ein an ihn adressirter Brief kam zurück mit der Bemerkung, das Schiff sei schon fort. Der zweite Sohn, Gustav Emanuel Junge, geboren 1838 in Marne, schrieb zuletzt am 8. November 1857 aus Honolulu, wohin er auf dem Schiffe „Hero“ von Hamburg aus gelangt war. Seitdem fehlt der armen Wittwe jede Nachricht über ihre Söhne.

6) Max Freudenthal, Sohn des Rentiers C. Freudenthal aus Posen, jetzt in Teplitz, ging 1868, im Alter von 17 Jahren, nach Australien und hat bis 1875 oft an seinen Vater von Melbourne aus geschrieben. Zuletzt war er im Pfandleihgeschäft des Georg Alexander Nr. 102 Bridge Road Richmond in Mlbourne als Kommis. Seit 10 Jahren fehlt jede Nachricht von ihm.

7) Franz Landrath, der Sohn des Arbeiters Gottfried Landrath in Alt-Falkenberg, Kreis Pyritz, Königreich Preußen, hat seinen Eltern zum letzten Male im December 1882 aus Monterey in Mexico geschrieben. Er wollte von da sich an einen anderen Ort desselben Landes wenden.

8) Aus Herrstein, im oldenburgischen Fürstenthum Birkenfeld, begab sich im Jahre 1881 der Maler und Tüncher Wilhelm Cullmann, am 18. Juni 1858 geboren, auf die Wanderschaft. Er schrieb im Juni 1883 aus Waldshut in Baden, von wo er nach der Schweiz ging. Im Mai 1884 erhielt der Bürgermeister seines Geburtsortes eine Postkarte von ihm aus Biel (Bienne) und obwohl sein alter 78jähriger sehnsuchtskranker Vater sofort dorthin telegraphirte, blieb er damals und bis heute ohne Nachricht von dem Vermißten, von dem er vermuthet, daß er sich nach Frankreich begeben habe.

9) Mutter und Tochter durch ein Mißgeschick getrennt. Die Tochter reiste nach Nordamerika, um dort Stellung zu suchen, und die Mutter nach Verona, nachdem sie der Tochter ihre dortige Adresse mitgetheilt hatte. Als aber die Tochter endlich Stellung gefunden, suchte sie vergeblich nach der Adresse der Mutter, sie war verloren gegangen. Ebenso vergeblich suchten wir nach der Mutter in Verona. Sie hatte zuvor mehrere Monate dort gelebt, war aber dann nach Deutschland zurückgekehrt und hatte sich ihr Gepäck „postlagernd Stuttgart“ nachsenden lassen. Wir ersuchen nun die verwittwete Frau Sophie Kalb, geb. Dhoma, um ihre Adresse, damit wir ihr die ihrer Tochter zusenden können.

10) Seit 1872 gilt für verschollen Franz Mroß, geboren 1844, Zeugschmiedemeister. Er arbeitete erst in Berlin, dann in Wien, von wo aus er am 4. November 1871 seine Mutter zu besuchen versprach, aber am 26. December 1871 schrieb er aus Odessa, daß er daselbst von seinem in Wien ersparten Vermögen eine eigene Werkstätte etablirt, jedoch durch eine Feuersbrunst alles verloren habe. Ende Januar 1872 sandte ihm seine Mutter auf dringende Bitten sein Erbtheil (120 Thaler). Das letzte Lebenszeichen war seine Dankdepesche: „Das Geld erhalten. Gott segne Dich! Sohn Franz.“ Seit jener Zeit ist Mroß verschollen. Man vermuthet, daß er nach Amerika ausgewandert sei.


[680] 11) Wo befindet sich der Weißgerber Karl Naß aus Halberstadt? Im Jahr 1849 geboren, machte er den Krieg in Frankreich unter Prinz Friedrich Karl mit, wurde im Herbst 1871 entlassen, arbeitete 1877 in einer Weißgerberei zu Osterwiek. Die Fabrik ging ein, Naß wurde brotlos. Da äußerte er, er wolle zum russisch-türkischen Kriegsschauplatz, um bei der russischen Armee Soldat zu werden. Seit jener Zeit, also 1877, fehlt jede Nachricht über ihn.

12) Von seiner hochbetagten Mutter wird gesucht der Seifensieder Georg Gustav Freytag aus Nürnberg, 47 Jahre alt. Sein letztes Schreiben kam 1875 aus Tomsk in Sibirien. Er meldete, nach Archangel reisen zu wollen, um sich dort auf ein Schiff zu begeben.

13) Ernst Töpfer aus Schwarzwald bei Ohrdruf, 23 Jahre alt, wird von seiner alten, fast erblindeten, völlig mittel- und verdienstlosen Mutter, die er im September 1880 verlassen hat, gesucht. Sein letzter bekannter Aufenthaltsort ist Schönfeld bei Perleberg, woselbst er im Frühjahr 1881 in einer Ziegelei gearbeitet hat.

14) Robert Louis Schmidt, geboren zu Lauban 26. April 1831, ging im August 1861 von Schmiedeberg aus nach Brasilien, wo er in Donna Franziska eine Stelle als Lehrer fand. Im Jahre 1865 schrieb er, er müsse mit in den Paraguay’schen Krieg. Seit jener Zeit fehlt jede direkte Nachricht von ihm. Ein Herr Leuschner, der mit ihm von Schmiedeberg abgereist, schrieb, Schmidt sei nach dem Kriege nach Rio gekommen, habe dort ein deutsches Mädchen geheirathet und sich in der Kolonie Blumenau niedergelassen, wo er von Cigarrenhandel lebe. Sein Vater starb 1882; seine alte bekümmerte Mutter möchte dem einzigen Sohn, der ein schweres Dasein gehabt, gern noch gute Tage bereiten.