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Unter den Waldriesen Australiens

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Textdaten
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Autor: Theodor Müller
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Titel: Unter den Waldriesen Australiens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 638–639
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[638] Unter den Waldriesen Australiens. Die frische Nachmittagssonne eines sich zu Ende neigenden australischen Sommers brannte vom wolkenlosen Himmel herab und hatte uns, die wir seit früher Morgenstunde gewandert waren, schon manchen Schweißtropfen erpreßt. Durch parkähnliche Gegenden, über ansehnliche Gebirge, vielfach ohne leitenden Pfad waren wir, seit unserm gestrigen Nachtlager, bereits gewandert und jetzt standen wir auf der Höhe eines eben erstiegenen Gebirgszuges, des letzten vor unserm Ziele. Hohe Gummibäume, untermischt mit stattlichen Farrenbäumen, umgaben uns, während der Abhang des Berges vor uns durch die Axt und durch das Feuer bereits seinem Baumschmuckes beraubt war. Unten im Thale schlängelte sich in zierlichen Windungen ein kleiner, klarer Bach, „Olinda Creek“, an welchem eine kleine, wohnlich ausschauende Ansiedelung mit Obst- und Weingarten eine Strecke lang sich hinzog.

Aber es war nicht dieser Anblick, welcher uns fesselte; derartiges hatten wir schon oft gesehen. Wir waren hierher gewandert, um jene Riesenbäume zu sehen, deren Vorhandensein erst vor kurzer Zeit wissenschaftlich festgestellt worden war. Dr. Ferdinand v. Müller, der gelehrte Regierungs-Botaniker der Colonie Victoria und Director des botanischen Gartens zu Melbourne, war auf diese Riesen der vegetabilischen Welt aufmerksam geworden, und in seinem eifrigen Drange nach Forschung und Enthüllung der australischen Natur hatte er Messungen beordert, welche ein erstaunliches Resultat gaben und den australischen Waldriesen den Sieg verliehen über die bisher als die höchsten Bäume der Erde gekannten californischen Wellingtonias. Und jetzt hatten wir sie erreicht. Da unten im Thale begann ihre Region. Vom Fuße unseres Berges zog sich, nur unterbrochen von dem bemerkten Bache, eine grüne Wiese hin, und am anderen Saume erhob [639] sich, schlank wie die Masten, Baum an Baum, ein jeder hoch emporstrebend nach dem azurblauen Himmel über uns. Ich hatte auf meinen vielfachen australischen Wanderungen schon manchen Riesen des Waldes gesehen, aber einen Wald von solchen Riesenbäumen noch nie.

Wir gingen oder sprangen vielmehr den steilen Waldpfad hinab und unser „Halloh“ und „Coo-eh“ („Kuu ih“ gewöhnlicher weitschallender Ruf der Eingeborenen) hallte klar und weit in den uns gegenüberliegenden Waldestempel hinein, unter dessen tiefen Schatten wir bald dahinschritten. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den diese Umgebung auf mich und meinen Begleiter hervorbrachte. Die riesigen schlanken Bäume, die Dämmerung des Waldes, die feierliche ernste Stille, unser fast geräuschloses Dahinschreiten brachte eine Stimmung hervor, wie man sie eben nur im Schooße einer so großartigen, noch unbeschnittenen und wilden Natur empfinden kann.

Plötzlich öffnete sich der Wald und wir passirten einige Holzschlägerhütten, die auf einem weiten, bereits gelichteten Räume standen. Kinder und Hunde umsprangen uns und dieser Contrast war um so größer, als kaum tausend Schritt davon der hohe, majestätische Wald zu uns herüberwinkte. Es ging bergauf und wieder umgab uns heilige, ernste Stille, und hoch über uns rauschten die für uns kaum sichtbaren Wipfel der Bäume. Dann und wann schlugen die Töne von Axtschlägen an unser Ohr und mancher schlanke Riese war schon gefallen, um sein herrliches, leicht- und grad-spaltendes Holz nützlichen Zwecken zu opfern, und die Ueberreste solcher hemmten unser Vorwärtsschreiten. Hier an dieser Bergeslehne erhoben sich die Bäume zu wunderbarer Höhe und die schlanken Farren, deren mächtige, grüne Wedel im Winde wogten, standen wie spielende Enkelchen zwischen ihnen.

Wir machten Halt, nahmen einen stärkenden Schluck aus der Feldflasche und setzten uns auf die Ueberreste einstiger Riesen, deren Leben und Grünen bereits der Vergangenheit angehörte. Ein mir lieber Freund, der Photograph Charles Walter, war unser Führer. Dieser Mann, der als ein echter deutscher Künstler, ausgestattet mit Ausdauer und Energie, überall so gern die Natur belauscht und ihre heimlichen Heiligthümer aufsucht, um die Schönheit und Hoheit der Wildniß durch Photographien der Mit- und Nachwelt aufzubewahren, hatte von hier aus diese majestätischen Waldriesen bereits auf seine Platten gezaubert, indem er ihre Höhe in drei Abtheilungen aufgenommen, so daß drei übereinander und genau aneinander passende Abdrücke ein volles und naturgetreues Bild dieser riesigen Bäume wiedergeben.

Unsere Blicke schweiften an den graden, glatten Stämmen hinauf, oft zu einer Höhe von zweihundert Fuß und mehr, ehe das Auge den ersten abzweigenden Ast erspähen konnte. – Ein in diesen Bergen (Daudenong ranges) gefallener Baum maß von Fuß bis zum ersten Ast zweihundertfünfundneunzig Fuß, von da an weitere siebenzig Fuß; die Fortsetzung und Krone fehlte und war jedenfalls verbrannt oder benutzt worden. Die ganze Länge dieses Baumes bis zum Bruch betrug also dreihundertfünfundsechszig Fuß und an dieser Stelle hatte der Baum noch drei Fuß Durchmesser. Man denke sich die Fortsetzung bis zum schlanken Wipfel! Ein noch mächtigerer, bei Berwick aufgefundener Waldriese maß vier Fuß vom Boden einundachtzig Fuß Umfang, sein erster Durchschnitt sechsundzwanzig Fuß Durchmesser und noch sechs Fuß desgleichen in einer Länge von dreihundert Fuß. – Ein anderer gefallener Baum an der „Black spur“ maß volle vierhundertachtzig Fuß Länge.

Und unter solchen Riesen weilten wir und unsere Blicke schwindelten, indem sie deren schwankende Kronen suchten, Kronen, welche die höchsten Bauwerke der Erde, die Pyramide des Cheops und den Straßburger Münster, überschatten könnten. Und welche Zeit gehört dazu, eine derartige lebende Säule im Tempel der Natur aufwachsen zu lassen – welche Nahrung, um die immergrüne Krone da oben in brennender Sonnengluth frisch zu erhalten! Wie oft habe ich an den Goldfeldern in einer Tiefe von hundert Fuß im Quarzgestein noch die zarten Saugwurzeln der über uns grünenden Bäume entdeckt, wie sie zwischen Schiefer, Quarz und Eisenstein sich durch die weichen, feuchten thonhaltigen Stellen schlängelten, um die Nahrung nach oben zu führen!

Und ist dies nicht auch eine Märchenwelt? Da unten in nächtlicher Tiefe, nichts ahnend von der herrlichen Welt hoch oben und dem goldenen Sonnenlichte, schaffen und wirken die zarten Wurzeln und drängen sich trotzig durch die kleinste Spalte des harten Gesteins, immer Nahrung, Feuchtigkeit suchend und sie aufsendend für das Wachsthum und die Erhaltung so riesiger Monumente der Pflanzenwelt. Und ahnt wohl die hoch in den Lüften sich schaukelnde und im Sonnenäther sich badende Krone von dem stillen Wirken und Treiben der Wurzel-Gnomenwelt? Wohl kaum! Sie blickt stolz herab auf Alles, was unter ihr ist, und erschaut den winzigen Menschen, der tief unten von ihren gigantischen Wurzeln staunend zu ihr emporschaut, um sich dann noch tiefer zu beugen vor den herrlichen Werken der Allmacht,

Endlich hatten wir wieder die Höhe mit ihrer weiten Aussicht auf die bewaldeten Kämme näherer und fernerer Gebirgszüge erreicht, und ich war erstaunt, hier oben Hütten und ein reges Leben anzutreffen. Mehrere Männer, alle Deutsche, waren mit Behauen frisch gefällter Bäume und Schneiden der Bretter beschäftigt. Riesige Bäume lagen am Boden und gaben das nöthige Material zum Bau eines Hauses, das schon in seinen Umrissen fast auf der Kuppe des Berges stand. Der Bauherr war ein kräftiger, noch junger Mann, dessen Beschäftigung ebenfalls Bäumefällen und Schindelschneiden war. Er erzählte uns, daß, wenn das neue Haus mit seinen größeren Dimensionen fertig sei, er seine Braut heimführen würde, darum baue er es auch so stattlich; und hinüberzeigend nach einem andern Gebirgskamme machte er uns auf einen scheinbar kleinen, kahlen Fleck mit einem hellen Punkte aufmerksam und erklärte uns, das sei auch eine Ansiedelung, da wohne auch ein Deutscher, auch ein „Landsmann“. Ja, Germania, wenn du wüßtest, wo überall deine Kinder leben! –

Die Sonne und das Steigen hatte uns warm gemacht und wir sehnten uns nach einem Trunk Wasser. Unser Landsmann führte uns etwa fünfzig Schritt bergab, bog die Zweige eines an dieser Stelle dicht blühenden Gebüsches zurück, und wir standen vor einer herrlichen Quelle mit eiskaltem Wasser, welches sanft murmelnd und von üppigen Gesträuchen beschattet in das Thal hinabrieselte.

Der Mann hatte seinen Platz gut gewählt. Die Lichtung um ihn herum ließ keine Sorge aufkommen, daß durch den Fall eines Waldriesen seine Wohnung zerschmettert werde; Bäume, hier oben in weniger riesenhaften Dimensionen und daher leichter zu fällen und für seinen Zweck zu benutzen, standen zu Tausenden umher, dazu reine, gesunde Luft und eine nie versiechende klare Quelle. Und wenn erst sein Haus fertig und sein Liebchen darin, dann hat er eine Heimath sich geschaffen, wie sie wohl Mancher im alten Vaterlande sich ersehnt. Aber es gilt arbeiten, hart arbeiten acht bis zehn Jahre. Dann steigt er vielleicht mit seinem Weibchen wieder hernieder, sagt den Riesen des Waldes, die seine Axt noch verschont hielt, Lebewohl und zieht in geselligere Gegenden, um in Ruhe und Frieden den Rest seiner Tage zu verleben.

Wir nahmen Abschied von unseren freundlichen Landsleuten und traten bei später Abendsonne unsern Rückweg bis zu der vorerst gedachten Ansiedelung an, in welcher wir gastfreundlich für die Nacht aufgenommen wurden und unsere müden Glieder pflegten, um des andern Tages eine andere, nicht minder großartige Scenerie zu besuchen, eine in dieser Gegend vorhandene herrliche Farrenbaumschlucht von über drei englische Meilen Länge. Da die Beschreibung derselben einen selbstständigen Aufsatz verdient, so sei hier nur noch Einiges über die eben gesehenen und beschriebenen Waldriesen gesagt.

Eucalyptus amygdalina findet sich in den Colonien Victoria und New South-Wales, wie auch in Tasmanien vor; doch nur in gewissen Gegenden, und besonders am Fuße der victorianischen Alpen erreichen diese Bäume die vorbeschriebene kolossale Höhe.

Dr. von Müller hat in einem vor kurzer Zeit im Melbourner Museum gehaltenen höchst interessanten Vortrage „über die praktische Nutzanwendung der Pflanzenwelt“ unter vielen anderen auch dieser Bäume gedacht und den vielfachen Nutzen derselben zergliedert. Ich erlaube mir, hieraus noch einiges Bezügliche mitzutheilen, indem ich mich streng an die Worte des gelehrten Doctors hatte. Er nimmt zu seiner eingehenden Berechnung einen Eucalyptus amygdalina von dem kolossalen Umfange und Höhe des bei Berwick gemessenen und sagt:

„Nehmen wir an, daß nur die Hälfte des Holzes, welches ein solcher Baum liefert, zu Planken von zwölf engl. Zoll Breite und einem Zoll Dicke geschnitten würde, so würde dies 426,720 laufende Fuß geben, genug, um 9¼ engl. Acker damit zu bedecken. Würde dieselbe Quantität Holz (die Hälfte des Baumes) zu Eisenbahnschwellen verwendet, eine jede 6 Fuß lang, 6 Zoll breit und 8 Zoll hoch, so würde das Resultat 17,780 Schwellen sein. Es bedürfte ein Schiff von 100 Tonnen Gehalt, das Holz des Stammes, der Aeste und Zweige des halben Baumes fortzuschaffen, oder 666 Karrenladungen, jede zu 1½ Tonne gleich 30 Centner.

Die zu gewinnenden Oele aus den Blättern des ganzen Baumes würde man auf 31 Pfund berechnen können, die Holzkohle auf 17,950 Bushel, den Rohessig auf 227,269 Gallonen, den Holztheer auf 31,150 Gallonen, die Potasche auf 51 Centner.“

„Aber,“ ruft er aus, „wie manches Jahrhundert mag vorübergegangen sein, ehe die ungestörte Natur in ihrem langsamen Wege des Wachsthums ein so mächtiges und wundervolles Gebilde erzeugen konnte!“

Ueber das Alter verschiedener Bäume sich aussprechend, führt er weiter an, daß das Alter der Eichen bis auf 2000 Jahre geschätzt ist. Man hat gefunden, daß Wellingtonias 1100 Jahre Alter zählen. Von der südeuropäischen Ulme weiß man, daß sie 600 Jahre alt wird. Dr. Hooker schätzt die ältesten Cedern, welche jetzt noch den Libanon zieren, auf 2500 Jahre. Historische Ueberlieferungen beweisen, daß der Orangenbaum ein Alter von 700 Jahren erreicht und unter günstigen Verhältnissen, trotz des Alters, seine völlige Fruchtbarkeit behält. So wird von einem Orangenbaum gesagt, daß derselbe 20,000 Orangen in einem Jahre getragen habe.

Solche Forschungen der Wissenschaft lassen uns die Größe der Natur erkennen, die in ihrem stillen Wirken so Unglaubliches hervorbringt, und während die Menschheit im ewigen Hader das Geschaffene der Vernichtung wieder preisgiebt, arbeitet die gütige und weise Natur still und oft unbeachtet nach ewigen Gesetzen immer weiter und weiter.

Theodor Müller.