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Unreines Feuer

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Textdaten
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Autor: Fr.
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Titel: Unreines Feuer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 544–545
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[544]
Unreines Feuer.


Wenn wir es nicht längst wüßten[WS 1], daß auch die orthodoxen Bewegungen in der protestantischen Kirche unserem Cultur- und Geistesleben keinen milden und klärenden Strahl heiligen Lichtes spenden, daß ihnen vielmehr nichts Anderes entströmt als der beklemmende Dunst, der verdunkelnde und verwirrende Qualm eines unreinen Feuers, so würde uns die jetzt in Berlin sich abspielende Angelegenheit des Predigers Hoßbach einen erneuerten und sehr durchschlagenden Beweis dafür geliefert haben. Mit Recht hat diese Angelegenheit weithin bei allen Denkenden ein außerordentliches Aufsehen erregt – nothwendig aber und durchaus an der Zeit wäre es, daß die herkömmliche Entrüstungen über solche Vorgänge endlich einmal jene Einmüthigkeit entschlossenen Handelns und thatkräftiger Gegenarbeit weckten, zu welcher unsere gesetzlichen Einrichtungen uns berechtigen und geradezu ermuntern. Freilich erscheint der Fall unter der clericalen Beleuchtung so verdreht und verwickelt, daß es einem unbefangenen, diesen Kämpfen fernlebenden Sinne nicht gerade leicht wird, sich hineinzudenken. Ein kurzer Rückblick auf den Verlauf dürfte daher Manchen willkommen sein.

Auf die Kanzel der großen Jacobi-Parochie in Berlin, von der seit Jahrzehnten nur die gegen den Zeitgeist aufreizende Stimme der allerschwärzesten Pietisterei ertönte, wurde kürzlich u. A. auch der Prediger Hoßbach durch die gesetzlichen Vertreter der Gemeinde zu einer Gastpredigt berufen, da das erste Predigtamt der Kirche durch den Tod des zelotischen Bachmann erledigt ist. Schon diese Aufforderung zeigte, daß in der Gemeinde ein starker Widerspruch gegen die Orthodoxie ihrer bisherigen geistlichen Führer nicht erst von gestern her die Gemüther erregt. Denn Hoßbach vertritt eine entschieden freisinnige Richtung und ist als einer der aufrichtigsten und muthigsten Kämpfer für die Grundsätze derselben der Jünger- und Genossenschaft Hengstenberg's ebenso verhaßt, wie seine gleichgesinnten Amtsbrüder Sydow, Lisco, Thomas etc. Die spähende und lauernde Wachsamkeit dieses Hasses aber hat bisher nichts wider ihn zu finden vermocht, während er durch Makellosigkeit des Wandels und milden Ernst des Charakters, durch seine hervorragende wissenschaftliche Bildung und ein anerkannt segensreiches Wirken an der Andreaskirche in weiten Kreisen des Publicums zu den angesehensten und verehrungswürdigsten Geistlichen der Hauptstadt gezählt wird. Natürlich folgte der Mann dem an ihn ergangenen ehrenvollen Rufe, der ihm zunächst Gelegenheit gab, beredtes Zeugniß für den wahren Geist seines liberalen Standpunktes auf einer Stätte abzulegen, wo dieser Geist bisher von zorneifrigen Rednern nur blindlings verdammt und als ein Ausfluß des Teufels bezeichnet worden war. Am Sonntag vor Pfingsten hielt Hoßbach in der dichtgefüllten Jacobikirche die von ihm verlangte Gastpredigt, welche jetzt in einer vierten Auflage vor uns liegt, und also nunmehr hinlänglich gegen die schamlosen Verdrehungskünste „frommer“ Widersacher gesichert ist.

Lesen wir diese Rede, so bemerken wir nichts von dem qualmigen Brande hetzerischer und boshafter Parteileidenschaft, wie er aus der Salbung pietistischer Aeußerungen aufzusteigen pflegt. Mit nachdrücklicher Schärfe betonte allerdings der Redner die tiefe Zerklüftung innerhalb der protestantischen Kirche, ihre Spaltung in jene gewaltigen Gegensätze überlieferten Glaubens und moderner Befreiung von demselben, Spaltungen, die nicht willkürlich von Einzelnen hervorgerufen sind, sondern aus dem großen Gange geschichtlicher Entwickelungen als unvertilgbare Thatsachen sich herausgebildet haben. Mit Nachdruck betonte er auch, daß er selber auf dem Standpunkte der modernen Theologie stehe, daß er also die Vorstellungen des alten Wunderglaubens nicht mehr theilen, die Lehrsätze der allen Bekenntnißschriften nicht mehr als für unsere Zeit geltende Glaubensartikel unterschreiben könne. Wenn aber eine Einigkeit in dem Buchstaben irgend eines Bekenntnisses selbst nicht mehr möglich, wenn sie in der protestantischen Kirche niemals möglich gewesen und überhaupt nur da möglich sei, wo der nach Wahrheit suchende Menschengeist in Fesseln geschlagen würde, so sei doch nicht in dem Unfrieden und Hader der Gegensätze, sondern in ihrer gegenseitigen Achtung, ihrem duldsamen Miteinanderwirken für gemeinsame Zwecke die Rettung der Kirche und das Heil ihrer Zukunft begründet. Es sei Zeit, den gegenseitigen Gehässigkeiten ein Ende zu machen, die böse Saat vorurtheilsvollen Mißtrauens auszureißen und „die Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens“ herzustellen.

In dieser Mahnung wurzelt und gipfelt die ganze Darlegung, und wir gestehen gern, daß wir nicht oft ein geistliches Wort gehört oder gelesen haben, das mit einer so gemüthvollen Wärme überzeugten Seelendranges, in einem solchen Geiste verständiger und liebreicher Mäßigung die Nothwendigkeit des Friedens, die Pflicht gegenseitiger Duldsamkeit den verschiedenen Parteien innerhalb der Kirche an's Herz gelegt hätte. Wir unsererseits halten freilich diesen Frieden für eine Unmöglichkeit, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Zwei dazu gehören, weil die orthodoxe Partei den Frieden nicht will und ihn ihren Grundsätzen zufolge gar nicht wollen darf.[WS 2] Sie würde von sich selber abgefallen sein, sich selber vollständig aufgegeben haben, wenn sie einmal auch ohne Besitz der Alleinherrschaft sich zufrieden fühlte und die Gleichberechtigung einer ihrer Herrschaft widerstrebenden Ueberzeugung sich zur Richtschnur machte. Politisch handeln wir also nur richtig, wenn wir in dieser Partei eine Neigung zu friedlichem Verhalten niemals voraussetzen und nur darauf bedacht sind, ihren Absichten gegenüber unser gutes Recht durch feste Schutzmauern sicher zu stellen. Fassen wir jedoch die Friedensmahnung Hoßbach’s vom Standpunkte des religiösen Ideals auf, wie es den Religionsgemeinden in den Kirchen verkündet werden soll, so können wir uns nur wahrhaft erhoben fühlen durch den ebenso klaren als hochsinnig edlen und begeisterungsvollen Ausdruck, den hier dieses hoch über allem menschlichen Zwiespalt strahlende Liebes- und Humanitätsideal im Munde der von ihren Gegnern so vielfach verletzten, verlästerten und verfolgten Partei des liberalen Protestantenvereins gefunden hat. So spricht nicht Heuchelei, sondern nur wahre Ueberzeugung, und wer ohne genaue Kenntniß der obwaltenden Verhältnisse unbefangen diese Rede liest, der wird es kaum begreiflich finden, daß es in unserer Mitte Leute giebt, die ein nach Inhalt und Form so schöner und lauterer Erguß gebildeter Anschauung und hohen Seelenadels zu einem wüsten Zetergeschrei und zu grober Verlästerung des Redners veranlaßt haben soll.

„Wir müssen auf den Ruhm der Duldsamkeit verzichten, der Glaube ist nun einmal unduldsam gegen den Unglauben!“ Dieses große Wort hatte, im Gegensatze zu der Forderung des freisinnigen Theologen, ein Prediger Stahn in der diesmaligen Frühjahrsversammlung der orthodoxen Berliner Pastoralconferenz gelassen ausgesprochen. Es ist gut, sich solche Aussprüche zu merken, im Leben bethätigen sie sich gar oft, und auch während der Gastpredigt Hoßbach’s wurde ein auffälliger Beweis jenes edlen Grundsatzes geliefert. Als der Prediger nämlich in seinem Vortrage zu jenem obenerwähnten Bekenntnisse seiner freisinnigen religiösen Richtung gekommen war, entstand inmitten der Versammlung eine geräuschvolle Bewegung, wie auf einen gegebenen Wink erhoben sich hier und dort viele Anwesende und verließen sodann eiligen Schrittes die Kirche. Es war also in den geheiligten Räumen ein unerhörter, an die Manieren wild erregter Volksversammlungen erinnernder Scandal vollführt, es war von Seiten der „Frommen“ die Andacht ihrer zurückbleibenden Gemeindegenossen rücksichtslos gestört worden. Hoßbach hatte sich durch die beleidigende Unterbrechung nicht aus der Fassung bringen lassen, aber der Vorgang machte in der öffentlichen Meinung den peinlichsten Eindruck und gespannt fragte man sich, ob die Gemeindevertretung sich bei der bevorstehenden Predigerwahl durch die schnöde und unanständige Parteidemonstration beeinflussen lassen und also der wohlberechneten Absicht derselben zum Siege verhelfen werde. Schon nach wenigen Wochen erfolgte die Antwort auf diese Frage. Bei der am 31. Mai stattgehabten Wahl entschieden sich nicht weniger als achtunddreißig von den neunundvierzig Stimmen des Wahlkörpers für Hoßbach, und es war damit nicht blos der liberalen Sache ein glänzender Triumph errungen, sondern auch wiederum der Beweis geliefert, wie unbeirrt und unabhängig das Gemeindebewußtsein sich äußert, wenn ihm nur das natürliche Recht geworden, seine Ueberzeugung und seinen Willen auf verfassungsmäßigem Wege geltend zu machen. An methodisch betriebener Aufhetzung und Einschüchterung hatte es in der Zeit zwischen der Gastpredigt und der Erwählung Hoßbach’s nicht gefehlt.

Mit ungemeiner Schnelligkeit verbreitete sich die Kunde dieses Sieges und erregte Befriedigung bei Allen, denen auf dem Felde der geistigen Bewegungen das rohe Ballen der Fäuste, der Kampf auf Schleichwegen und mit ungeistigen Waffen zuwider ist. Als aber die Nachricht sofort auch in die zufällig gerade versammelte Conferenz orthodoxer Pastoren drang, machten diese ihrem Schrecken in der Anstimmung des Gesanges Luft: „Der Herr ist nun und nimmer nicht von seinem Volk geschieden!“ Das Lied war ein Schlachtruf aus dem Herzen einer Verbrüderung, die den freien Kampf der Ueberzeugungen nicht kennt, sondern ihre Erfolge jederzeit nur auf den Bahnen der Macherei und Intrigue, der Gewalt und des geheimen Einflusses auf mächtige Personen fertig zu bringen sucht. Schon waren in der Gemeinde Agitationen und Aufreizungen gegen den neuerwählten Prediger in vollem Gange, und auf der am 5. Juni abgehaltenen Synode des Berliner Stadtbezirks Alt-Köln schlug der feindselige Ingrimm der „frommen“ Minderheit in so schwarz qualmender Flamme heraus, daß er dieses Mal nicht im Stande war, sich hinter der altbekannten Maske süßlicher Liebesbetheuerungen zu bergen. Als hier der liberale Prediger Rohde den (nachher von der Mehrheit der Versammlung auch beschlossenen) Antrag stellte: „Die Synode wolle ihre Mißbilligung aussprechen über die bei jener Gastpredigt vorgekommene Demonstration“, wurde diese abscheuliche Verletzung der kirchlichen Sitte von den geistlichen Eiferern Disselhoff und Laake beschönigt und eine Fluth von Angriffen gegen Hoßbach geschleudert, die keine Beweise und Gründe enthielten, sondern nur phrasenhafte, auf untergeordnete Bildungsstufen berechnete Anschuldigungen. Dennoch stiegen aus der Rede Disselhoff's auch einige merkwürdige und sehr charakteristische Zeichen auf. Wir hätten ja heute „Freizügigkeit“, so rief er, dieser „fromme“ Mann, der liberalen Mehrheit zu, und Hoßbach müsse durchaus von dieser „Freizügigkeit“ Gebrauch machen. Es sei gewiß, daß er die Kanzel der Jacobikirche niemals wieder betreten werde!

Wenn man an das wohlbegründete Ansehen Hoßbach’s denkt und wenn man erwägt, daß er seit sechs Tagen bereits gesetzlich erwählt war, als jene Weissagung des pietistischen Diaconus von Sanct Jacobi erfolgte, so läßt sich aus ihr die ganze Dreistigkeit der Zuversicht ermessen, [545] mit welcher diese Partei auf die Durchführung ihrer Absichten selbst dann noch rechnet, wenn die Volksstimme sich zweifellos gegen dieselben entschieden hat. Die Wahl bedurfte ja noch der Bestätigung durch die oberen Behörden, und hier ist es, wo der reactionäre Kirchengeist noch seinen Halt sucht und seine Hebel einzusetzen weiß. Was ist ihm das Bewußtsein, die Ueberzeugung, der Wille der Gemeinde? So lange dieser Wille von dem „rechten Glauben“ sich abwendet und nicht unter die Herrschaft seiner Verkünder sich beugt, ist er ja ausgeartet, vom Teufel dieser Welt getrieben, von Gott und seinen Ordnungen abgefallen. Durch Zucht also muß er zu dem gezwungen werden, wozu er frei sich niemals entschließen wird, gewaltsam muß er auf den Weg des Heils zurückgeführt und ihm, trotz seines Widerwillens und Widerstandes, ein dunkelmännischer Bekehrungs- und Bußapostel aufgedrungen werden. Auf eine freiwillige Zustimmung der Gemeinden kommt es einer schwarzen Partei kaum jemals an, ihre liebsten Triumphe feiert sie, wenn sie von oben her nach Willkür verfügen und ihre Macht zur Niedertretung jedes Widerspruches entfalten kann. Bis an den allerhöchsten Machthaber suchten die guten Leute durch Mittelspersonen mit ihrem brünstigen Flehen um Schutz wider den schlimmen Hoßbach zu dringen, und als Protest gegen die erfolgte Wahl brachten sie in der Gemeinde ein Schriftstück zu Stande, von dem sie sich selber sagen müssen, daß es ihnen wahrlich nicht zur Ehre gereicht und den Glanz ihres Namens nicht zu erhöhen vermag. Das Machwert macht den Eindruck einer trostlosen Dürftigkeit, nicht blos durch die kernlose und gedankenarme Bissigkeit des Inhalts, sondern auch durch die Zahl und Art seiner Unterschriften.

Die Jacobigemeinde zählt mehr als 30,000 Seelen, der genannte Protest aber zeigt 937 Unterschriften, die jedoch nicht von wahlberechtigten, in den Wählerlisten eingetragenen Männern der Gemeinde herrühren und nicht einmal von den Haushaltungsvorständen. Alles war vielmehr aufgeboten worden: Frauen, junge Mädchen, Dienstboten und vor Kurzem confirmirte Jünglinge und Jungfrauen. Ein Protestler führt den stolzen Titel „Secundaner“, Andere ließen ihre Standesbezeichnung ganz zur Seite, manche Familien lieferten drei bis sechs Unterschriften, Vater, Mutter, Töchter haben unterzeichnet, meistens aber verräth die Handschrift, daß das Schreiben nicht zu den Hauptgeschäften des Protestlers gehört. Und das Resultat dieser großen mit allen Mitteln des Fanatismus wirkenden Bewegung? In einer bisher ausschließlich unter zelotisch-pietistischem Einfluß lebenden Gemeinde bringt es derselbe mit starker Zuhülfenahme des weiblichen Geschlechts nicht einmal auf tausend Unterschriften. Deutlicher kann die Lage der Sache und das klare Recht der andersgesinnten Partei sich nicht ausprägen, aber der bekannte Hochmuth alles pfäffischen Wesens wird durch solche zu bescheidener Fügsamkeit auffordernde Erfahrungen noch lange nicht zurückgeschreckt, sondern nur zu erhöhtem Pochen, zu verstärkter Thätigkeit angespornt. Kann man die Gegner nicht mit salbungsvollen Aeußerungen künstlich gemachten Entsetzens überschreien, in Furcht jagen oder spalten, so bleibt noch die Hoffnung auf den gewaltsamen Eingriff. Nachdem die Wahl des „ungläubigen“ Geistlichen nicht verhindert werden konnte, gilt es, ihre Bestätigung rechtzeitig zu hintertreiben, und dazu soll das klägliche Protest-Machwerk mit den zusammengetrommelten Unterschriften die Grundlage und Handhabe bilden. Der Protest ist dem Consistorium eingereicht und Prediger Hoßbach, der inzwischen die Annahme der Wahl erklärt hat, auch bereits zur Beantwortung der wider ihn erhobenen Anklagen aufgefordert. Wie man hört, wird er in seiner Rechtfertigungsschrift mit Entschiedenheit für sein Recht und das Recht seines Standpunktes in der Kirche eintreten.

Auf die weitere Entwickelung der Sache darf man nun gespannt sein: und zwar aus mannigfachen Gründen, die schwer genug in’s Gewicht fallen, daß weit und breit die Stimme der Wahrheit und des Rechtes sich entschlossen und eindringlich wider den Mißbrauch erheben sollte, der hier unter unseren Augen mit dem hohen Namen „Religion“ zur Deckung eines offenbar jämmerlichen und verwerflichen Intriguenspiels getrieben wird. Wer kann noch zweifeln, daß uns dasselbe mit immer erneuerten Anstregungen in die finsteren Zeiten der Glaubensverfolgung, des Ketzergeschreies und der Ketzergerichte zurückwerfen will? Dahin wird es freilich nicht kommen, aber es können unserem kirchlichen wie politischen Fortschritte noch viele Hemmungen, Verschleppungen und Kämpfe bereitet werden, wenn wir diese schwarzen Bewegungen noch ferner unterschätzen, dagegen nicht wachsamer und mehr auf der Hut sind. Absehen läßt es sich logischer Weise allerdings nicht, wie das von dem orthodoxen Hegel geleitete Consistorium einen liberalen Geistlichen viele Jahre hindurch ungestört auf einer Kanzel der Hauptstadt wirken lassen kann und ihm nun die Kanzel einer anderen Kirche versperren dürfte. Von einer Gewissensnoth der neunhundertsiebenunddreißig orthodoxen Seelen der Jacobigemeinde kann nicht im Entferntesten die Rede sein, da ihr religiöses Bedürfniß durch die zwei anderen Geistlichen der Kirche mehr als hinlänglich gedeckt ist, während die liberale Mehrheit der Gemeinde nur einen einzigen ihrer Gesinnung entsprechenden Geistlichen verlangt. Stellen wir uns das vor, so fehlt uns wahrlich jede parlamentarische Bezeichnung für ein Bestreben, das dieser Mehrheit die Erfüllung ihres bescheidenen Wunsches nicht gönnen will.

In der That aber zeigt der Kern der ganze Agitation, wie sie in den pietistischen Zeitungen und Kirchenblättchen mit gesteigerter Heftigkeit sich äußert, daß die liebreichen „Brüder in Christo“ nicht blos die Zurückweisung des liberalen Theologen von der neuen Stelle, sondern seine vollständige Absetzung verlangen. Nicht allein um einen Act der Rache gegen einen wirksamen Vertreter des religiösen Fortschrittes handelt es sich, sondern um einen Schlag gegen alle Freunde dieses Fortschrittes, vor Allem um eine Beugung der Gemeinden und des in ihnen sich regenden, nach Erlösung von äußeren Gewissensfesseln ringenden Freiheitsbewußtseins. Dinge dieser Art ereignen sich fortwährend hier und dort, dieses Mal aber liegt der häßliche Vorgang in der Hauptstadt des deutschen Reiches, auf welche die Augen der Welt gerichtet sind, und dieses Mal liegt er nach allen Seiten hin so unwidersprechlich klar, daß dem ruhigen Urtheil ein Zweifel nicht übrig bleibt. Der Fall Hoßbach kann verhängnißvoll werden für die clericale Bewegung im Protestantismus, da er auch den Fernstehenden einen tiefen Einblick in ihr Wesen und ihre Art und Absicht gewinnen läßt. Zum hundertsten Male überzeugen wir uns durch den unverkennbarsten Augenschein, daß wir es in diesem Kampfe leider weniger mit Principien und Ueberzeugungen zu thun haben, als mit Leidenschaften, mit Herrschafts-, Vorrechts- und Vortheilsinteressen einer priesterlichen Coterie, mit gesellschaftsfeindlichen Anschlägen, die von grauer Urzeit her sich eine „göttliche“ Sendung zuschreiben und mit dem Mantel besonderer Heiligkeit umhüllen, weil sie in ihrer häßlichen Nacktheit sich nicht sehen lassen dürfen. Je weniger wir uns das verhehlen, um so mehr werden wir in diesem Kampfe die richtige Stellung behaupten. Denn was hier sich den unbedingt edelsten Forderungen des Zeitgeistes entgegen stemmt, das ist in der That nicht blos ein anderes Glauben und Anschauen, dem wir sein Recht niemals versagen dürften, sondern die vermessene Energie eines bösen Willens, gegen dessen aufdringlichen Despotismus wir nur durch rasche Entfaltung unserer eigenen sittlichen Willenskraft uns schützen können, durch eine Willenskraft, die in jedem Augenblicke sich bewußt ist, daß sie nicht die Aufschürung wüsten Glaubenshasses und rohen Confessionshaders, sondern Versöhnlichkeit und Duldung im Verkehre der Menschen, daß sie nicht die Verfolgung, nicht den Zwang der Geister, die Beugung und Knechtung der Gewissen, sondern gerechte Menschlichkeit gegen Alle, Bildung, gleiche Berechtigung und gesetzliche Freiheit für Alle will. Das aber ist es, was die schwarzen Parteien nicht wollen, wie neuerdings wiederum deutlich der Fall Hoßbach beweist.

Fr.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: wüßen
  2. Vorlage: dar