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Ungleiche Kameraden

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Textdaten
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Autor: Hermine Villinger
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Titel: Ungleiche Kameraden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 152–154
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Erzählung
Mit Originalzeichnungen von Fritz Bergen
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[152]
Ungleiche Kameraden.
Von H. Villinger. 0Mit Originalzeichnungen von Fritz Bergen.


Da wo die Stadt nach der östlichen Richtung hin aufhört, am schwarzen Gitterthor des Kirchhofes, saß seit Menschengedenken ein Hökerweib und verkaufte seine Waare, welche in Aepfeln, Eiern und Käse bestand. Wenn die Alte so regungslos, das Haupt gegen das Gitter gelehnt, da saß, machte sie den Eindruck eines niederländischen Bildes. Daran war der dunkelrothe Kattunmantel schuld, aus dessen breitausgeschlagener Kapuze ein faltiges Gesicht, blaue Augen und schneeweißes Haar sich scharf abhoben. Sie zählte achtzig Jahre, hatte immer am Kirchhof gesessen, und die Poesie ihres Lebens waren Leichenbegängnisse. All ihre Thränen, Seufzer und Gebete galten den Todten, die in ihrer Lade still an ihr vorüberzogen. Die Armseligkeit, welche ohne Blumen und Begleitung daherkam, griff ihr ins Herz, und sie weinte aus Mitgefühl; über ein reiches Leichenbegängniß zerfloß sie in Thränen der Bewunderung; wenn ihr aber gar der Wind einen Grabgesang zutrug, über ihr die alten Zitterpappeln rauschten und die Abend- oder Mittagssonne ihr warm auf das Haupt schien, dann war die Alte im siebenten Himmel. Jedoch nicht oft verewigte sich all dies zu ihrem Behagen; es starben mehr Arme als Reiche, und weit übers halbe Jahr hinaus blies ihr der Wind um die Ohren, und Regen und Schnee klatschten auf ihren großen blauen Schirm. Da nun aber Alles, was dies alte Herz zu empfinden vermochte, denen jenseit des Kirchhofthores galt, so blieb natürlicher Weise für die Lebendigen diesseit des Thores wenig oder gar nichts übrig. Die Klagen der armen Weiber über die theuern Eier rührten die Alte ebenso wenig, als das Murren der Männer über den Preis der Käse. Hungrigen Kinderaugen begegnete ihr Blick mit der vollkommensten Empfindungslosigkeit - denn Armuth, Hunger und Kälte waren ihr so natürliche Dinge, daß ihr dabei nichts weiter einfiel. Indem sie nie von dem einmal bestimmten Preis herunter ging, kam es ihr auch nicht in den Sinn, wohlhabend aussehende Leute zu übertheuern, wenn solche bei ihr anhielten, um etwas Obst zu kaufen. Sie war gerecht, die Alte – sowohl im Geschäft als in ihren Reden.

„Du, gib mir einen Apfel!“

In der ganzen Gasse gab’s Keinen, der hätte behaupten können, die Frau habe ein freundliches Wort an ihn verloren, damit sie seine Kundschaft erhalte. Im Gegentheil, wenn Einer sich einmal eine Bemerkung erlaubte wie: „Heut’ sind sie aber klein gerathen die Käschen“ – so erwiderte sie kurz: „Geht in den Laden und laßt sie Euch an der Elle abmessen.“

An einem schönen Herbstmorgen, die Alte saß schon auf ihrem Platze, erschien auf der Treppe eines alten Hauses gegeuüber ein kleiner, kaum fünfjähriger Bursche und schaute sich ernsthaft in der Welt um; er hielt einen langen Eisenhaken in der Hand, auf dem Rücken hing ihm ein Blechkessel. Die Blicke des Buben und der Hökerin begegneten sich – sie hätten können die Betrachtung anstellen, daß man nicht leicht älter und wohl kaum jünger sein konnte, um sein tägliches Brot zu verdienen – aber dergleichen fiel ihnen nicht ein. Der Bube setzte seine krummen, mit alten Lappen umwickelten Beinchen in Bewegung, die ihn schnurstracks vor den Aepfelkorb beförderten. „Du,“ sagte er, „gieb mir einen Apfel.“

„Gott bewahre,“ entgegnete die Frau, und nach einer düstern Pause wandte sich der Knabe zum Gehen und nahm seine Beschäftigung auf; er sammelte den Abfall der Gasse.

Im Laufe des Nachmittags kam er etwas müde unter der Last des gefüllten Kessels die Gasse einher gewackelt. Wieder zogen ihn die lachenden Aepfel unwiderstehlich in ihre Nähe. Er schaute sie lange an, endlich sagte er zu der alten Frau, die ihn scharf beobachtete. „Du, ich geb’ Dir gleich was aus meinem Kessel - wenn Du magst.“

„Und ich geb’ Dir auch gleich was,“ meinte sie mit einer bezeichnenden Handbewegung, „pfui Teufel – fort mit Deinem Lumpenzeug!“

Betrübt schlich er davon.

Am andern Morgen stand er schon wieder da; ein Leichenzug ging eben vorbei, und die Alte weinte. Der Bube wartete den geeigneten Moment ab und fragte dann:

„Du, giebst Du mir einen Apfel, wenn ich todt bin?“

„Wer todt ist, braucht keinen Apfel mehr,“ entgegnete die Alte.

„Aber ich,“ behauptete er.

„Ist das ein Bengel,“ fuhr sie auf, „nicht einmal seine Leich’ kann man mit Ruh’ betrachten – mach’ Dich fort – sag’ ich!“

[153] Das nächste Mal blieb der Bube vor dem neugefüllten Eierkorb stehen. „Wo sind denn die alle her?“ fragte er, und als ihm keine Antwort wurde, gab er sich selber eine. „O, ich weiß – vom Huhn – es ist sehr schön von einem Huhn, so gute Eier zu legen.“

„Nun, dafür ist’s halt ein Huhn,“ brummte die Alte.

Nach einer Pause tiefen Besinnens erklärte der Junge: „Ich könnt’s nicht, und wenn ich auch ein Huhn wär’.“

Aber auch diese Worte, in denen gewiß eine große Anerkennung ihrer Waare lag, vermochten die Alte nicht zu rühren.

Ein anderes Mal berichtete er voll Eifers: „Du, dort an der Ecke der Gasse steht eine Frau, die ruft Dir schon lange, Du sollst hinkommen.“

„Geh’ hin und sag’ ihr, sie soll herkommen,“ erwiderte die Hökerin, und der kleine Lügner ging und kehrte nicht wieder.

Als einstmals eine feine schwarzgekleidete Dame an dem Hökerweibe und dem Kleinen vorüberging, blies die Alte gar gewaltig die Backen auf. „Puh,“ sagte sie, „das ist eine Noble, die sieht Unsereins gar nicht, aber wir kommen Alle auf denselben Friedhof, das ist immer meine Freud’.“

„Ist sie Eine, die nicht arbeitet?“ fragte der Kleine, „die kriegen vom Sankt Nikolaus hinten drauf.“

„Du meine Güte,“ unterbrach ihn die Frau, „wenn Einer auch so gar nichts von der Welt weiß – seit wann arbeiten denn die reichen Leut’? Dummer Bub!“

Der hielt jedoch an seiner Ansicht fest. „Der Vater sagt: Arbeiten oder Ohrfeigen – ja wohl!“

„Hör’ auf zu reden,“ schrie die Alte, „Du bist ein Esel!“

Der Bube besann sich einen Augenblick, alsdann erklärte er: „Meinetwegen – aber giebst Du mir jetzt einen Apfel?“

Die Hökerin griff nach dem Seil, mit dem sie ihre Körbe zu umwinden pflegte, und der Kleine verstand die Gebärde und trollte sich.

„Sie lauschte auf die Athemzüge des Kindes (S. 154).

Er ging ins Haus, kletterte auf allen Vieren die steile Treppe hinauf und trat in die niedrige Dachkammer, die nie verschlossen war. Da drin stand ein Bett, ein Tisch und ein paar Stühle; der Fußboden starrte vor Schmutz, ebenso die Fensterscheiben, die deßhalb nur ein gedämpftes Licht einließen. Ein paar Kleider lagen und hingen herum; frische Luft schien seit Wochen nicht in den Raum gekommen zu sein. Hier war der kleine Lumpensammler aufgewachsen; ganz verlassen von klein auf, lag er fast immer im Bett, bis der Vater heimkam und sein Mittagsbrot mit ihm theilte. Der Mann nahm den Kleinen dann vor sich auf den Tisch, aß sein Brot und Käs und schob von Zeit zu Zeit dem Kind einen Bissen in den Mund. Am Sonntag seifte und wusch er es tüchtig und nahm’s mit ins Bierhaus.

Jetzt zählte der Bube fünf Jahr, und der Vater fand es an der Zeit ihm das Nichtsthun abzugewöhnen. Wenn er des Abends von der Arbeit heimkam – er war Laternenputzer – fiel sein erster Blick auf den kleinen Kessel. Fand er ihn gefüllt, war’s gut, war es jedoch nicht der Fall, so erhielt der Bube seine Strafe mit den Worten: „Arbeiten oder Ohrfeigen!“ – Und das war die einzige Weltweisheit, die der kleine Geselle bislang begriffen, und an der er auch festhielt.

Obwohl sich nun die Hökerin jedesmal ärgerte, so oft er sich vor ihre Körbe pflanzte, so geschah es doch, daß sie plötzlich anfing die Gasse entlang zu blicken, wenn der Bube einmal länger ausblieb als gewöhnlich. Kam er, so war sie neugierig auf seine neuesten Anschläge, die alle darauf hinausliefen, einen Apfel zu haben. Aber ihre Widerstandskraft war eben so groß wie seine Sehnsucht, und so übten sie gegenseitig ihren Witz mit löblicher Ausdauer.

Die gelben Blätter über dem alten Kirchhofthore hatten sich allgemach zu den Füßen der Hökerin versammelt; sie zog ihren Mantel fester um sich, je kahler die Aeste jenseit des Thores zum Himmel ragten. Jetzt krachten die Räder des Todtenwagens über dem frischen Schnee, und nur die dunklen Lebensbäume ragten noch über die weißen Gräberreihen. Ging die Sonne unter, so leuchtete es feuerfarben durch die kahlen Aeste, und die Hökerin in ihrem rothen Mantel lehnte ein paar Minuten lang wie vergoldet unter dem schwarzen schneebestäubten Thore. An einem solchen kalten Abend hatte die Alte ihren blechernen Topf auf das glimmende Kohlenbecken gesetzt und erwärmte sich von Zeit zu Zeit den Magen mit einem Schluck heißen Kaffees. Der kalte Mond stand am Himmel, die Sterne blinkten, von fern ertönte das Geklingel der Schlitten und Wagen, Alles, was kam und ging, übereilte und überstürzte sich, um die erstarrten Glieder zu erwärmen. Die Hökerin erhob sich manchmal und blickte die Gasse entlang; er war noch immer nicht zu sehen. Kopfschüttelnd trank sie ihren Kaffee, und da er ihr heute gar nicht den gewohnten Genuß gewährte, fing sie an zu schelten. „Der Bengel – hol’ ihn der Deufel – treibt sich da im Schnee herum – unnützes Volk, die Kinder – sollten gleich groß auf die Welt kommen.“ Wieder erhob sie sich – richtig, da kam es durch [154] den Schnee gewankt, eine kleine krummbeinige, vornübergebeugte Gestalt.

„Wenn ich nicht zu faul zum Aufstehen wär, ich wollt’ Dir Beine machen,“ brummte die Alte und verwandte keinen Blick von dem Buben.

Er schien aber heute alle Lust zur abendlichen Unterhaltung verloren zu haben; zitternd erstieg er die paar Stufen, um in das Haus zu gehen, aber als er an der Klinke drückte, fand er die Thür verschlossen.

„Richtig,“ sagte die Alte, „die Hausleute sind ja zu einer Hochzeit, da haben sie abgeschlossen und an das Kind hat Niemand gedacht.

Der Bube stellte seinen Kessel sammt Haken vor die Thür und setzte sich auf die Schwelle. Da saß er einen Augenblick wie rathlos, dann erhob er sich plötzlich und lief zur Hökerin hinüber, heulend, ihr die blaugefrorenen Fingerchen entgegenstreckend.

„Ja,“ nickte sie, „das geschieht Dir schon recht – meinst, ’s giebt einen Apfel – Ohrfeigen giebt’s, aber keinen Apfel.“ Dabei hielt sie ihm die Kaffeeschüssel hin, und er trank mit vollen Zügen, die Augen ängstlich auf die Alte gerichtet, welche immer zu schelten fortfuhr.

Plötzlich, sie wußte selbst nicht wie’s zugegangen war, hatte sie den erfrorenen Buben auf dem Schoß, sie schlug den weiten Mantel um ihn und immer weiter scheltend, hielt sie ihn so fest an sich gepreßt. Bald hörte sie an dem ruhigen, tiefen Athem des Kindes, daß es eingeschlafen war, und sie schwieg und rührte sich nicht mehr. An dem Herzen dieser Achtzigjährigen hatte nie ein menschliches Wesen geruht, weder Liebe, noch Wohlwollen, noch Mitleid hatten diese starren Arme zu öffnen vermocht. Denn sie war immer brummig gewesen und nur für ihren Vortheil interessirt, der erschien ihr stets zweifelhaft, so oft ein Mann dabei im Spiel war. Jetzt ging von dem jungen Leben da eine wohlthuende Wärme auf sie über; sie lauschte auf die Athemzüge des Kindes, dessen Haupt unter ihrem Kinn ruhte, sie wiegte es sachte, und es fiel ihr ein Lied ein, das sie in der Schule gelernt – sie begann es zu singen, völlig stimmlos, mit zischenden Tönen.

Als der Laternenputzer heimkam, rief sie ihn zu sich.

„Da habt Ihr auch Euern Buben,“ sagte sie in ihrer allerbrummigsten Weise, „hab’ ihn Euch zum letzten Mal gehütet – bedank mich –“ und sie legte dem Mann das schlaftrunkene Kind in die Arme. Hierauf fuhr sie über eine Stunde später als gewöhnlich mit ihren Körben nach Hause.

Am andern Morgen trat der kleine Mann zur gewohnten Stunde aus dem Hause, um seinem Beruf nachzugehen. Den Blicken der alten Frau drüben begegnend, blieb er stehen, setzte sich wieder auf die Schwelle und schaute, wie sich besinnend, ernsthaft zu ihr hinüber. Dunkel erinnerte er sich an das Wohlbehagen, das er am vergangenen Abend empfunden. Er war ohne Mutter aufgewachsen und wußte nichts von der liebenden Sorgfalt, nichts von dem zarten Berühren einer treuen Mutterhand. War ihm eine Ahnung davon geworden am Herzen der alten Frau?

Plötzlich stand er auf seinem alten Platz vor dem Korbe rothleuchtender Aepfel, aber er schaute über diese hinweg der Alten ins Antlitz und sagte – diesmal ohne jede Nebenabsicht: „Du, ich heirath’ Dich.“

Sie mußte lachen – zum ersten Mal mußte sie über den kleinen Kerl lachen, und ohne sich zu besinnen, reichte sie ihm den schönsten Apfel im ganzen Korbe hin. Es war aber auch der einzige Heirathsantrag ihres Lebens gewesen.