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Um eines Vogels willen

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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Um eines Vogels willen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4–7
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[4]
Um eines Vogels willen.
Von Brehm.

Daß ich die Schweiz wählte, um einige freigemachte Sommertage zu verleben, außerhalb des im August herzlich langweiligen Berlin, hatte seinen guten Grund. Ich glaubte, der Bergluft zu bedürfen, und Freund Girtanner hatte mich eingeladen, die Ausstellung lebender Vögel der Schweizeralpen zu besichtigen, welche er in Verbindung mit seinen Freunden Wild und Stölker veranstaltet, in der Absicht, naturwissenschaftliche Kenntniß in der Vaterstadt St. Gallen zu fördern. „Sie, der Sie alle Thiergärten Europas kennen,“ schrieb er mir, „werden nicht viel sehen, immerhin aber Manches, was Ihren Beifall finden dürfte. Meine Mauerläufer

[5]

Um eines Vogels willen.
Originalzeichnung von Rittmeyer in St. Gallen.

[6] sind natürlich auch mit ausgestellt.“ Das wirkte. Ich hatte in Griechenland und Spanien vergeblich ausgeschaut nach diesem Vogel, dem reizendsten, harmlosesten Kinde der Alpen, dessen milde Schönheit mich, so oft ich die todte Hülle betrachte – warum soll ich es nicht sagen – eigenthümlich ergreift, ja, förmlich rührt. Jetzt sollte ich den Vogel lebend, in Gefangenschaft, hoffentlich sogar in der Freiheit sehen: – also auf, nach St. Gallen!

Die Ausstellung bot weit mehr, als ich erwartet hatte; denn die alpine Vogelwelt war trefflich vertreten. Vom Bartgeier an bis zum Steinhuhn herab fehlten nur wenige Arten. Und das will etwas sagen, wenn man bedenkt, daß die drei genannten Männer, vielbeschäftigte Aerzte, aus eigenem Antriebe die Ausstellung geschaffen, mit eigenen Mitteln zwei- bis dreihundert Vögel zusammengebracht, gefangen, vom Ei an aufgefüttert, verschrieben, monatelang eigenhändig gepflegt hatten, ohne bestimmte Aussicht auf Erfolg, ohne im Entferntesten an Ersatz ihres Aufwandes an Zeit, Mühe und Geld zu denken. Jeder von ihnen hatte sich’s über tausend Franken kosten lassen, um den Landsleuten eine Freude zu bereiten, den Unkundigen ein „Schutz den Vögeln“ in der allverständlichsten Weise zuzurufen. Das war echt schweizerisch gedacht und gehandelt; schweizerisch aber war es auch, daß man den wackeren Männern den großen Saal des Schulgebäudes zur Verfügung gestellt hatte, ohne sich vor dem ketzerischen Geruche, in welchem die Naturwissenschaft verdientermaßen steht, zu scheuen oder zu fürchten.

Ich will hier keine Schilderung dieser Ausstellung geben, auch keine Vogelnamen nennen; es genüge zu sagen, daß erstere mit großem Verständniß hergerichtet, künstlerisch geschmückt war und lebhaft besucht wurde, sowie, daß ich unter den Gefiederten viele alte Bekannte und liebe Freunde antraf, aber auch neue Bekanntschaften machte. Wie sehr mich der Käfig mit den beiden Mauerläufern fesselte, fühlt mir wohl nur der Fachmann nach, welcher weiß, daß vor Girtanner’s Berichten über diesen Vogel dessen Naturgeschichte dürftiger war, als die jedes anderen Alpenvogels. Im allerhöchsten Grade aber fesselte mich die schlichte Erzählung meines Freundes, wie er die gleichsam unnahbaren Vögel in seine Gewalt gebracht, und ich wäre am liebsten schon am nächsten Tage mit ihm aufgebrochen, um Ort und Stelle der Geschichte zu besuchen, hätte der neidische, seit Tagen mit Regenwolken verhüllte Himmel es gestattet.

„Beruhigen Sie sich,“ sagte Girtanner, „bei Bad Pfäffers, gerade dort, wo die Felsenwände sich über der wildbrausenden Tamina zusammenschließen, unmittelbar hinter dem Badehause, sehen Sie den Vogel ganz gewiß; auch in der Nähe der Teufelsbrücke auf dem Gotthard dürften Sie schwerlich vergeblich suchen; – freilich, beim Wildkirchli hätten wir ihn ganz bestimmt zu Gesicht bekommen!

Ich spähte vergeblich an der erstbezeichneten Stelle, suchte umsonst alle Wände des Taminathales ab, kam bei den geputzten Bade- und Reisemenschen, deren fade Himmelei mich ununterbrochen störte, in den entschiedensten Verdacht, ein deutscher Professor zu sein; – der „Murspecht“ sei vorhanden, sagten befragte Hirten, Straßenarbeiter und andere Weltweise, ließe sich aber manchmal in vierzehn Tagen nicht sehen etc. Auch beim ersten Besuche der Teufelsbrücke erging es mir nicht nach Wunsch, und erst, als ich, die Rastzeit der Gefährten in Andermatt benutzend und auf das Wort des kundigen Nagler vertrauend, zur Brücke zurückging, gewahrte ich den lieblichen Vogel, hängend an einer kleinen Capelle, deren fratzenhafte Bilder von mir unbekannten, unzweifelhaft aber höchst bedeutsamen Heiligen vorher meinen Geschmack empfindlich verletzt hatten, gleichsam zum Beweise, daß die Urbilder besagter Fratzen ihre Werkthätigkeit selbst auf Ungläubige zu erstrecken vermögen. Die Capelle steht seitdem unvertilgbar vor meinem geistigen Auge; die Fratzen sind vergeben und vergessen: an ihrer Stelle hat sich mir eingeprägt das freundliche Bild des – Felsenwiedehopfes, „Mauerläufer“ oder „Alpenspecht“ genannt.

Ja, ein Wiedehopf mit Kletterfüßen, nicht aber ein Specht oder Läufer ist dieser seltsame Vogel, das Urbild einer besonderen Sippe und Familie, verbreitet über die Hochgebirge Europas und Asiens, einem Schmetterlinge vergleichbar in seinem Wesen, in seinen Bewegungen, und wie dieser im Flug erst seine volle Pracht entfaltend, ein Wiedehopf, trotz aller hochgelahrten systematischen Auseinandersetzungen der Altmeister, Meister und Lehrlinge unserer Wissenschaft: das sah ich mit dem ersten Blicke und glaubte damit vollen Lohn für meine Ausdauer erzielt zu haben, so lächerlich unbedeutend dieser Gewinn auch scheinen und sein mag.

Nur in beträchtlicher Höhe über dem Meere, auf den Alpen, Pyrenäen, Karpathen, den spanischen und griechischen Gebirge wie auf dem Himalaya lebt der Mauerläufer, paarweise ein ausgedehntes Gebiet bewohnend und dasselbe tagtäglich mehrere Male durchstreifend, und nur vom Gestein liest er sich seine Nahrung ab: Kerbthiere verschiedener Arten, Spinnen, deren Eier und Puppen. Man sieht ihn schwankenden Fluges wie einen Schmetterling von einer Stelle zur andern flattern, hier sich anhängen, die großen bogig gekrümmten Nägel der langen Zehen, mit denen er eine umfangreiche Fläche zu umklammern vermag, an das Gestein heften, bei jedem Schritte oder Sprunge wie aus Uebermuth die Flügel zuckend lüften, und mit dem seinen sanft gekrümmten Schnabel alle Ritzen der Felsenwand untersuchen. Nirgends hält er sich längere Zeit auf einem und demselben Flecke auf, durchsucht aber gründlich die Stelle, zu welcher er heran flog, und kümmert sich nicht im Geringsten darum, welche Lage er zu ihr einnehmen muß. Unterhalb des vorspringenden Gesimses hängt er sich mit derselben Sicherheit fest wie oberhalb oder am senkrechten Abfalle desselben, bezüglich der ganzen Felsenwand, über breite Steine gleitet er mit derselben Sicherheit weg, immer mit den Flügeln zuckend, als könne er es gar nicht lassen zu zeigen, wie prachtvoll das beim Sitzen größtentheils versteckte Purpurroth der Flügel gegen das zarte Aschgrau des Kleingefieders, das Mattschwarz (im Winter Grauweiß) der Kehle, der Schwingen und des Schwanzes absticht. Heitere Fröhlichkeit scheint der fast ununterbrochen ausgestoßene Lockruf zu bekunden, vertrauensselige Sicherheit oder schmetterlingshafte Harmlosigkeit die Art und Weise, wie er auftritt. Man weiß nicht, soll man sich mehr ergötzen an all’ dem oder mehr gefesselt werden durch ein geistiges Sichausmalen des stillen Lebens und seiner Schicksale da oben in der hehren Alpenwelt mit ihrer gewaltigen Herrlichkeit und ihrem grausigen Elende. Inmitten des Roseggletschers im Pontresinathal, auf Agagliouls, einer von Eismeeren umgebenen Felseninsel, lebt jahraus jahrein ein Pärchen dieses Vogels und fristet doch sein Dasein, ohne daß wir das Wie zu begreifen vermögen. Was mag es zu ertragen haben in den langen Winternächten; wie eifrig mag es flattern und klettern während des kurzen, oft genug sonnenlosen Tages, um sich dieses Tages Nahrung zu gewinnen! Allerdings geschieht es regelmäßig, daß Winterkälte und Winternoth den Mauerläufer in das tiefere Land herabdrücken; er erscheint z. B. in jedem Winter regelmäßig an den Nagelfluhwänden bei, an den Kirchenmauern in St. Gallen; doch scheint es, als ob von vielen sich nur wenige bewegen ließen, die heimathliche Höhe mit der nicht selten ungastlichen Niederung zu vertauschen, und ehe noch der Föhn vom kommenden Frühling zu reden begonnen, sind auch diese wenigen bereits wieder unten verschwunden und zu den Hochbergen zurückgeflogen.

Solchen Vogel mußte ich mehr als einmal sehen, mindestens noch mehr über ihn erfahren; die herzliche Einladung der liebenswürdigen Gastfreunde in St. Gallen, auf dem Rückwege noch einmal hier vorzusprechen und das Wildkirchli zu besuchen, kam mir daher um so willkommener. Girtanner geleitete uns als kundiger Führer zum ersehnten Orte. Während die Uebrigen Auge und Herz an der herrlichen Landschaft weideten, suchte ich die Felsenwände ab, bis ich den Vogel wieder erspäht, und während Jene ruhten, kletterten wir zu der Stelle, über welcher hoch an der Felsenwand das Nest mit dem damals sehr jungen, nunmehr ausgewachsenen und ausgefärbten Gefangenen Girtanner’s gestanden. Ich besichtigte Alles, jeden Stein, so zu sagen, und bewunderte den Mannesmuth meines Freundes fortan noch mehr als sein aufopferndes Streben, sich und Anderen Kenntniß der Alpenthiere zu erwerben.

„Hier war es, wo wir lange rathlos standen; hierher stellten wir die zusammengebundenen Leitern, dorthin die Sennen; und –“

„Aber, liebster Girtanner, nur nicht so ohne Vorwort! Sie haben mir zwar die Geschichte Ihrer Heldenthaten bereits mitgetheilt; hier jedoch, auf diesem classischen Boden, muß ich den Bericht nochmals von Anfang bis zu Ende hören. Erzählen Sie, bitte, noch einmal.“

Er sagte zu, ging mit mir zum Wildkirchli zurück, sammelte beim Veltliner die zerstreuten Gefährten und begann:

„Sie wissen, daß ich mir schon vor einigen Jahren einen [7] Käfig zimmerte, leimte und ausschmückte, wie er, meines Erachtens, einem Mauerläufer zusagen mußte, mit künstlich nachgeahmtem Felsgestein, Vorsprüngen, Winkeln, Ecken und Schlupflöchern – nun, Sie haben den Käfig ja gesehen. Das war lange bevor ich den ersten „Murspecht“ erhielt; Sie wissen, wie.“

„Gewiß,“ unterbrach ich ihn, „es war der Vogel, welchen Sie in einem Beichtstuhl der Domkirche fingen; ich habe Ihnen ja bereits gesagt, wie sehr gedachter Beichtstuhl seitdem meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ich möchte sagen in meiner Achtung gestiegen ist.“

„Nun,“ fuhr er fort, „dieser Vogel starb zu unser Aller Leidwesen, und der Käfig stand wieder leer wie vorher. Ich hatte inzwischen Bekanntschaft gemacht mit allen Sennen auf dem Säntis, denen ich ein Verständniß für meine Absicht zutrauen durfte. Anfangs Juni 1867 erhielt ich Nachricht von dem Neste, dessen Standort ich Ihnen gezeigt habe, und zwar durch Niemand Anderen als unsern Wirth. Die Kunde lautete, daß es wohl möglich sein dürfte, zu dem Neste zu gelangen. Es galt nur, den richtigen Zeitpunkt für die Aushebung zu treffen, da starkbebrütete Eier für mich unbrauchbar sein mußten und allzuflügge Junge mir auch nicht genehm sein konnten; ich trug deshalb unserm Aelpler auf, das Benehmen der alten Vögel am Nistplatze zu beobachten, sich namentlich den Tag zu merken, an welchem die Alten zum ersten Male Atzung zutragen würden: denn an ein Einsehen in das Nest war hier, wie Sie sich selbst überzeugt haben, nicht zu denken. Acht Tage nach diesem durch Beobachtung festzustellenden Zeitpunkte soll das Ausnehmen der Jungen geschehen, inzwischen das Nöthige an Leitern, Tauen etc. herbeigeschafft werden. Die erwartete Nachricht traf zur günstigsten Zeit ein; wir konnten die Ausführung unseres Unternehmens auf den 30. Juni, einen Sonntag, festsetzen, und gerade an diesem Sonntage sollte ein Sängerfest gefeiert werden, welches uns voraussichtlich von allen unnützen Zuschauern befreien mußte.

Noch flimmerten die Sterne, als ich mich am Morgen dieses denkwürdigen Tages auf den Weg machte. Vier Stunden später befand ich mich an Ort und Stelle, viertausend sechshundert Fuß über dem Meere, auf dem schmalen Felsgesimse, welches wir vorhin betraten, am Rande des gähnenden Abgrundes, in welchen wir hinabsahen. Ueber mir, an der überhängenden Felswand, flogen die alten Mauerläufer, Atzung zum Neste tragend, ab und zu.

Angesichts der Felswand kam ich bald zurück von meinem ursprünglichen Plane, mich an einem Seile an der ungefähr dreihundert Fuß hohen Wand von oben herabzulassen. Ich würde, mindestens zehn Fuß vom Neste entfernt, in der Luft geschwebt haben. Also blieb nur ein Zusammenbinden der vier Leitern übrig, welche unsere Gehülfen, kräftige Sennen, ungefähr anderthalb Stunden weit herbei oder richtiger heraufgeschleppt hatten. Das Zusammenbinden war bald geschehen; anders verhielt es sich mit dem Aufstellen. Beim ersten Versuche, bog sich die über siebenzig Fuß hohe Maschinerie fast bis zum Boden herab. Es fehlte eben an Platz zum Handanlegen, überhaupt an jedem Anhaltspunkte. Die starken Alpknechte, gewöhnt, centnerschwere Heubürden stundenweit auf halsbrechenden Pfaden dem Schober zuzuschleppen, erlahmten bei der Aufgabe, diese Leiterverbindung aufzurichten. Wir müssen uns endlich entschließen, diese zuerst in den Abgrund zu versenken und von ihm aus an Seilen emporzuziehen, Zoll um Zoll, Fuß um Fuß. Nach unsäglichen Mühen von der einen, unermüdlichen Bitten und Anfeuern von der anderen, durch mich vertretenen Seite, gelingt es die Spitze der beiderseits mit Haltseilen versehenen Leiter bis in die Nähe des Nistplatzes zu schieben. Bis in die Nähe – das will sagen, nicht weit genug! Eine fünfte Leiter heraufschaffen zu lassen von den bereits unwillig gewordenen Leuten? Unmöglich! Wir müssen uns anders helfen. Mein Blick fällt auf einen Rettungsanker in Gestalt eines riesigen Sägebockes. Dieser wird herbeigeschleppt, mit einem Ende an dem unter der überhangenden Wand angebrachten Heuschober angebunden, mit den Füßen des anderen hart am Rande des Abgrundes in den Boden eingerammt, in das feste Querstück hier ein, dort ein Loch für die Füße der Leiter ausgemeißelt. Nochmals hebt man das Leitergerüste und verbindet es mittels Stricken fest mit dem Sägebocke.

Wer sollte um eines Vogels willen sein Leben auf das Spiel setzen; wer konnte mir über Stand und Lagerung des Nestes in der Felsenspalte genaue Nachricht geben, wie ich es wünschte; wer war genugsam vertraut mit der Behandlung so zarter Geschöpfe? Niemand anders als ich selber! Ich besann mich nicht. Der Pfad vor mir ist schmal und sehr schwankend, der Abgrund hinter mir – doch an ihn denke ich nicht – aber der blaue Alpsee tief, tief unten glänzt herauf, als wolle er mir winken – Albernheit; ich glaube wirklich, ich verspüre etwas wie Gefühlsüberschwenglichkeit in mir: vorwärts! Mit äußerster Vorsicht betrete ich die Leiter; zaghaft fast hebe ich einen Fuß um den andern; leise setze ich ihn auf die höhere Sprosse allein mit jedem Tritte nehmen die Schwingungen der Leiter zu, so straff auch die Sennen die Haltseile anspannen; ich bedarf der vollsten Anstrengung aller Muskeln, um nicht rückwärts weggeschleudert zu werden. Doch die Höhe von etwa fünfzig Fuß ist schon erreicht, das Ziel nahe; – wenn nur die Leiterverbindung besser sein wollte! Aber das erbärmliche Machwerk schwankt immer mehr, immer ärger, wird förmlich lebendig; es knackt, knarrt, ächzt und knirscht aller Enden, über, unter mir – ‚herunter, schnell herunter!‘ kreischen die rauhkehligen Sennen auf: zu spät – denn ich habe den Rückweg bereits aus freien Stücken angetreten.

Was nun? Denken Sie sich meine Niedergeschlagenheit! Alles vergeblich! Es ist zum Verzweifeln. ‚Ja, wenn das Geisbübli von jener Alpe hier wäre,‘ meint einer der Sennen, ‚für den Burschen wäre das eine Kleinigkeit, ein Vergnügen!‘ Die Worte sind Musik in meinen Ohren; es wird hin und her geredet, und das Ergebniß ist der Beschluß, eine Gesandtschaft zu dem kleinen Ziegenkönig zu schicken.

Nach langem, langem Harren erscheint der Ersehnte, ein schmächtiger Knabe von etwa zwölf Jahren mit gewecktem Gesicht, aus welchem ein gefahrtrotziger Zug unverkennbar hervorleuchtet. Er läßt sich den Fall vortragen, besieht und betastet die Leitern, erkundigt sich genau nach der Art und Weise der Zusammenfügung, schaut prüfend in die Höhe, gleichgültig in die Tiefe, und erklärt, die Vögel herabholen zu wollen. Beim Anhören der ernstesten Ermahnungen, mit äußerster Vorsicht verfahren zu wollen, wirft er den Kopf in den Nacken, ohne eine Silbe zu antworten, bindet sich schweigend die Schachtel, in welcher er die Brut bergen soll, um den Leib, winkt den Sennen, auf ihre Posten zu gehen, und betritt die Leiter. Er steigt nicht, sondern klettert wie eine Katze aufwärts; die Leiter biegt sich kaum unter der geringen Last; er hat die Höhe erreicht, ehe wir es geglaubt. Tückisches Geschick: die Leiter ist zu kurz. Doch nicht für ihn. – Stumm aus Furcht, ihn zu stören, sehen wir mit Entsetzen, wie er bis auf die drittoberste Sprosse klettert, den Felsen packt, sich auf die Zehen stellt und nun mit der Rechten blindlings über sich in die Höhle greift. ‚Ich finde Nichts,‘ ruft er zu uns hernieder; trotzdem tastet er weiter. Reiser fallen uns auf die Köpfe; viermal birgt er Etwas in der Schachtel; dann tritt er still den Rückweg an. Wir athmen hörbar auf; über die verwetterten Gesichter der Sennen zuckt es wie ein Lichtstrahl; meine Gewissensbisse mildern sich und machen einer ausgelassenen Freude Raum: der furchtlose Knabe steht wieder auf festem Grunde! Helle Jodler erschallen aus allen Kehlen und klingen wider von den Felsenwänden. In meiner Hand ruht das zierliche Nest mit vier munteren, aber noch sehr zarten Jungen.

Der Abend ist gekommen; die Felsen werfen lange Schatten; ich trete den Heimweg an. Hier, auf unseren Plätzen sitzen die Männer, den Held des Tages in ihrer Mitte, und erquicken sich an dem wohlverdienten Veltliner; ihre Jodler erreichen mich noch, als ich mit meinen Pfleglingen schon im Dunkel des Bergwaldes verschwunden bin.“

„Liebster Girtanner, dieser Bericht darf nicht blos in den Verhandlungen Ihrer Gesellschaft erscheinen! Sollte es nicht möglich sein, Jemand zu finden, welcher hier an Ort und Stelle Felsenwand und Leiter und Sie, die Sennen und das Geisbübli treu und wahr zeichnen wollte?“

„O, das würde der wackere Rittmeyer uns wohl zu Gefallen thun; auf eine Fußwanderung von St. Gallen bis zum Wildkirchli kommt es ihm, einem unserer tüchtigsten Bergsteiger, wahrhaftig nicht an!“

„Damit würde er mir allerdings eine große Freude bereiten; aber nicht blos mir allein, sondern gewiß noch Vielen. Denn sein Bild und Ihre Erzählung behalte ich nicht für mich: sie sind schon jetzt beide für die ‚Gartenlaube‘ bestimmt.“