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Um die Erde (9)

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Textdaten
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Autor: Rudolf Cronau
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Titel: Um die Erde. Neunter Brief: Ein rother Napoleon.
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 276–279
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[276]
Um die Erde.
Von Rudolf Cronau.
Neunter Brief: Ein rother Napoleon.


Es war Anfang der sechsziger Jahre, als in den Gesichtskreis der Bleichgesichter an der Indianergrenze zuerst der Mann trat, der durch seine Thaten zwei Jahrzehnte hindurch den Nordwesten der Vereinigten Staaten in Aufregung hielt. Ein ganzer Sagenkreis spann sich um seinen Namen, und mit Schrecken wurde er genannt, als vor ihm im Jahre 1876 ein tapferer General mit seinem Regimente in den Staub sank.

Es war der Name eines Indianerfürsten, den die gefürchtetsten der Sioux zu ihrem Führer erkoren, der alle kriegerischen Elemente der mächtigen Dacotahs um sich versammelt hatte, des gefährlichsten Feindes der Weißen: Tatanka-iyotanka, bekannter unter seinem englischen Namen „Sitting Bull“ („Der sitzende Büffel“).

Mit vollendetem Geschick wußte dieser rothe Krieger, der eine weitaus bedeutendere Persönlichkeit ist als Cooper’s Chingachgook, seine Unternehmungen zu leiten; seine Kriegszüge waren so meisterhafte Leistungen und bekundeten so großes Talent, daß viele seiner weißen Gegner annahmen, er habe irgendwo eine militärische Erziehung genossen. Des sitzenden Büffels Persönlichkeit war mit Fabeln dieser Art umgeben; bald sollte ihm die Anleitung dieses, bald jenes berühmten Häuptlinges zu Theil geworden sein; bald sollte er seine Kenntnisse durch sein Zusammenleben mit dem Missionär de Smeet empfangen haben, welcher ihn Französisch gelehrt und mit dem Leben Napoleon’s des Ersten bekannt gemacht hätte, sodaß er sich denselben zu seinem Vorbilde genommen habe. Einige Zeitungen brachten sogar die unsinnige Mittheilung, Sitting Bull habe eine sorgfältige militärische Erziehung in West Point am Hudson, der amerikanischen Officierschule, genossen.

Diesen Gefürchteten aufzusuchen, war mein Ziel und, nachdem ich Wochen lang vergeblich den Spuren desselben gefolgt, traf ich ihn endlich als Kriegsgefangenen in Fort Randall, im südlichen Dacotah. Ich will meine Leser nicht mit der Schilderung der langen und langweiligen Reise bis zu dieser Militärstation behelligen; ich führe sie gleich an Ort und Stelle.

Fort Randall hat mancherlei Interessantes zu bieten. Seine Lage am rechten Ufer des Missouri gewährt eine ganze Reihe anziehender Bilder; die Uferbänke des Flusses fallen steil ab und winden sich in schönen Linien; hier und da ist ein wenig Wald, während gen Westen höhere baumlose Hügel emporragen.

Die Besatzung des Forts besteht aus vier Compagnien Negerinfanterie, deren stramme Haltung und regelmäßiger Wachtdienst einen weitaus besseren Eindruck auf mich machte, als der ihrer weißen Collegen in Fort Yates. Obwohl eine schon ziemlich alte Militärstation, hat Fort Randall doch niemals sonderliche kriegerische Ereignisse in seiner Chronik zu verzeichnen gehabt und steht augenblicklich die Besatzung allein mit der weiblichen Bewohnerschaft der siebenzig Meilen südlich gelegenen Stadt Yankton auf dem Kriegsfuß, bis wohin namentlich die weißen Officiere mit Vorliebe ihre Recognoscirungen ausdehnen und von wo sie häufig auch mit süßer Beute zurückkehren. Allerdings soll die Vertheidigung der Yanktoneserinnen gar nicht stark sein, im Gegentheil sagt man ihnen sogar nach, daß sie auch auf ihre Faust Raubzüge unternehmen, bei welchen ihre Wagehalsigkeit sie schon bis unter die Kanonen des Forts getrieben habe.

In weiteren Kreisen wurde Fort Randall erst bekannt, als es zum vorläufigen Internirungsplatze Sitting Bull’s ausersehen wurde. Es war den 24. October 1881, als ich hier anlangte; ich trat gleich, nachdem ich mein Gepäck abgelegt, einen Rundgang durch das Fort an, um mich mit der Lage und den Baulichkeiten desselben einigermaßen bekannt zu machen. Als ich hierbei auch den in keiner Militärstation fehlenden geräumigen Kaufladen betrat, in welchem vom Pfluge bis zum Nagel, vom Seidenkleide bis zum Kattunfähnchen, vom ungeschlachtesten Stulpstiefel bis zum zierlichsten Tanzschuh herunter Alles feil ist, fiel mir sofort unter den zahlreich um die Verkaufstische herumstehenden Indianern eine Gestalt mittlerer Größe auf, ein Mann mit einem massiven Kopfe, breiten Backenknochen, stumpfer Nase und schmalem Munde. Seine Augen wurden durch merkwürdige blaue Brillengläser verdeckt. Gekleidet war die stämmige Gestalt in ein buntes Hemde und blaue Beinkleider, während über die breiten Schultern eine blaue Decke geschlagen war.

Seine glänzenden schwarzen Haare hingen, in pelzumwundene Zöpfe geflochten, über die mächtige Brust herab, während in der langen Scalplocke eine Adlerfeder steckte. Vor mir stand der große Häuptling Sitting Bull, der Schrecken aller Weißen. Noch überflog ich dieses Bild ausgesprochenster Mannheit mit bewundernden Blicken, als der große Krieger schnell auf mich zuschritt, mit dem üblichen indianischen Gruße „hau cola“ mir die Hand bot und durch einen in der Nähe befindlichen Dolmetscher die Frage an mich stellte, ob ich der „Eiampaha“, der „Herold“[1] sei, dessen demnächstige Ankunft vom Hauptquartier der Armee aus im Fort angezeigt worden. Als ich seine Frage bejahte, drückte er mir nochmals die Hand und sagte, daß er mich erwartet habe und sich über mein Kommen freue.

Da die Zeit ziemlich vorgeschritten und ich zum Mittagessen erwartet wurde, so konnte ich mit dem rothen Krieger nur wenige Worte wechseln, versprach aber, ihn bald zu besuchen. Und als ich diesen Besuch am andern Tage ausführte, hieß er mich nochmals willkommen und verstand sich auch nach einigem ängstlichen [277] Zögern dazu, mir zu einem Portrait zu sitzen, welches – nebenbei gesagt, das einzige Portrait dieses Mannes – meine heutigen Schilderungen begleitet.

Sitting Bull.
Nach der Natur gezeichnet von dem Specialartisten der „Gartenlaube“ Rudolf Cronau.

Die Conversation, welche sich, während ich zeichnete, entwickelte, war wirklich interessant. Sitting Bull erzählte aus den Jahren seiner Jugend und seiner Kriegsfahrten; er schilderte mir die Tage seiner Noth und Bedrängniß und malte mir die Qualen seiner jetzigen Lage aus.

„Mein Vater,“ hub er an, „war ein sehr reicher Mann und hatte eine große Menge Ponys in vier Farben. Ponys waren sein Stolz. Viele waren gefleckt, weiß und grau. Ich brauchte nicht zu fragen, wie heute, wenn ich reiten wollte. Mit zehn [278] Jahren war ich ein großer Jäger, und als mein Vater starb, tödtete ich Büffel und ernährte mein Volk. Mit vierzehn Jahren erschlug ich den ersten Feind; ich wurde Häuptling, und mein Volk nannte mich ‚Tatanka-iyotanka‘, den ‚Sitzenden Büffel‘. Ich schlug die Mandanen, die Arikarees und Shoshonen; die Krähen vertrieb ich aus ihrem Gebiet; der Name des ‚Sitzenden Büffels‘ war gefürchtet überall. Jetzt ist die Zahl meiner Tapferen dahingeschmolzen, wie der Schnee vor der Sonne; Pferde und Waffen sind uns genommen; unsere Arme hängen herab, wie die der Todten; es bleibt uns nur übrig, zu sterben auf dem Boden, wo unsere Väter jagten und begraben liegen.“

Als ich Sitting Bull mit den Historien bekannt machte, die bezüglich seiner „militärischen Erziehung“ verbreitet gewesen, entgegnete er ernst:

„Ich fürchtete mich niemals vor meinen Feinden und that mein Bestes, aber meine Erfolge habe ich dem ‚Großen Geiste‘ zu verdanken.“

„‚Eisenauge‘,“[2] fuhr er fort, „wenn Du zum ‚Großen Vater‘ (d. h. zum Präsidenten der Vereinigten Staaten) gehest, so sage ihm, daß ich zu leben wünsche wie ein Weißer, sage ihm, daß ich im nächsten Frühlinge Heerden und eine Farm zu haben wünsche, die mich ernähren können; denn ich mag nicht von den Rationen leben, die uns täglich zugetheilt werden; ich wünsche mir selbst zu helfen. Ich möchte am Cannon Ball River leben; dort ist gutes Land, Wasser und Holz, dort ist der Platz, wo ich geboren wurde. Ich wünsche, daß Lehrer dort in der Nähe seien, die meine und meiner Krieger Kinder lehren; ich wünsche, daß dort Schmiede und Handelsleute wohnen, mit denen wir in Verbindung treten können. Sage dem ‚Großen Vater‘, daß ich nicht rede, um zu reden; mein Herz ist gerade und will, was ich sage.“

Uebrigens ist Sitting Bull auch schon selbst als sein eigener Biograph thätig gewesen. Im Museum zu Washington befindet sich nämlich seine in Bildern ausgedrückte Lebensbeschreibung, im echten Stile der indianischen Malerei von ihm selbst gefertigt. Sie enthält eine große Zahl von Darstellungen aus der Geschichte seines eigenen Lebens bis zum Jahre 1870. Jede Skizze ist roh mit Blei oder Tinte entworfen, die Bilder der Männer und Pferde manchmal roth und blau angemalt mit Buntstiften.

Das erste Blatt stellt ihn als jungen Mann dar, der, noch ohne Ruf und ohne Federschmuck, einen Krähenindianer niederreitet, welcher mit dem Bogen auf ihn zielt. Sitting Bull’s Symbol oder Namenszeichen, ein kauernder Büffel, ist an einer aus seinem Munde gehenden Linie über ihm gezeichnet, während auf dem Schilde das Bild eines Adlers sich befindet. Das vorletzte Bild zeigt ihn, wie er als Häuptling der starken Herzen mit seiner Bande in ein Lager der Crows einbricht und dreißig derselben tödtet.

Der letzte Krieg, welcher Sitting Bull und seinen Getreuen den Untergang brachte, entspann sich in eben dem Jahre, in welchem die ersten Gerüchte über den angeblichen Goldreichthum der „schwarzen Berge“ sich verbreiteten, deren ungestörter Besitz mit allem Lande am oberen Missouri bis zu den Quellflüssen des Yellowstone den Dacotahs durch einen von den Generalen Harney und Terry abgeschlossenen Vertrag gewährleistet worden war. Die Geschichte dieser Kämpfe ist schon früher (vergl. Jahrg. 1876, Nr. 33) in der „Gartenlaube“ ausführlich besprochen worden.

Der Krieg war ein Kampf bis auf’s Messer und fand seinen Höhepunkt in der am 26. Mai 1876 stattgefundenen Schlacht am Little Horn River, in welcher General Custer mit seiner ganzen etwa 300 Mann zählenden Abtheilung von den Dacotahs umzingelt und niedergemetzelt wurde. Nicht ein Weißer entrann; nur ein indianischer Läufer war der Ueberbringer der Kunde, die am grünen Tische zu Washington und in den ganzen Vereinigten Staaten namenloses Entsetzen erregte. Man befürchtete das Schlimmste und sandte darum in aller Eile drei Armeecorps nach dem Yellowstone, um den kühnen Indianerfürsten zu strafen. Doch dieser wich mit vollendetem Geschicke der Uebermacht aus, brachte den Truppenmassen große Verluste bei und überschritt nach langen Kämpfen im September 1877 die canadische Grenze, wo er an den Wood Mountains ein Lager bezog.

Vier Jahre verbrachte er unter dem milden Scepter der Königin Victoria, als es aber keine Büffel mehr zu jagen gab, die Hungersnoth mit all ihren Schrecken ihm und den Seinen in das Antlitz starrte, fast alle seine Krieger von ihm wichen, da ward allmählich sein stolzer Sinn gebrochen, und er versammelte am 19. Juli des Jahres 1881 die Letzten seiner Getreuen um sich, um in Fort Bufford sich seinen verhaßten Feinden zu ergeben. Angesichts des dort Commandirenden verharrte der stolze, durch die Noth bezwungene Mann einige Minuten in tiefem Schweigen; dann befahl er seinem kleinen Sohne, dem amerikanischen Officier seine Flinte zu übergeben, und als dies geschehen, sagte er:

„Ich überreiche Ihnen dieses Gewehr durch meinen Sohn. Er ist ein Freund der Amerikaner geworden. Ich wünsche, daß er die Gebräuche der Weißen kennen lerne und daß er erzogen werde gleich den Söhnen dieser. Ich wünsche, daß man des Umstandes eingedenk bleibe, daß ich der Letzte meines Stammes war, der sein Gewehr übergab. Ich gab es Ihnen, und jetzt möchte ich wissen, wie wir uns nähren sollen. Was Sie zu geben und zu sagen haben, möchte ich jetzt empfangen und hören; denn ich will nicht länger im Dunkeln gehalten werden. Von den Boten, welche ich von Zeit zu Zeit hierher gesandt, ist keiner mit Nachrichten zurückgekehrt. ‚Krähenkönig‘ und ‚Gall‘ wollten nicht, daß ich komme, und niemals habe ich gute Nachrichten von denselben erhalten. Dies ist mein Land, und ich will nicht genöthigt werden, dasselbe aufzugeben. Als ich das Land der ‚Großen Mutter‘ (Königin Victoria) verlassen mußte, war mein Herz sehr traurig. Sie war mir eine Freundin, jedoch ich will, daß meine Kinder in meinem Heimathslande aufwachsen, und ich wünsche, daß alle Krieger unseres Stammes aus einer uns gehörigen Reservation am kleinen Missouri zusammen wohnen möchten.“

Am 29. Juli wurde der „Sitzende Büffel“ mit seinem Gefolge auf dem Dampfer „Sherman“ nach Fort Yates gesendet. Dort verblieb er nur kurze Zeit; die Bleichgesichter fürchteten den entwaffneten Löwen und seine gewaltige Redekunst, und so ward er am 10. September 1881 mit seinen ihm in den Tagen des Unglücks treu gebliebenen fünfundvierzig Kriegern und den Frauen und Kindern derselben nach Fort Randall eingeschifft. Die zusammen hundertachtundsechszig Köpfe zählende Gesellschaft langte nach siebentägiger Fahrt an dem Bestimmungsorte an, zum heillosen Schrecken der ganzen Garnison und Bevölkerung, die Hals über Kopf, als sie durch Depeschen über den zu erwartenden Besuch unterrichtet wurden, die umfassendsten Vorkehrungen trafen, um die furchtbaren Gäste zu empfangen. Man hatte ein Fleckchen Land mit zehn Fuß hohen, mannsdicken Palissaden eingezäunt, welche von einem kleinen mit Schießscharten versehenen Blockhause überragt wurde, sodaß man von demselben aus ein mörderisches Gemetzel unter den innerhalb des Palissadenviereckes Befindlichen hätte anrichten können.

Als nun die Gäste kamen, war die ganze Garnison mit scharfgeladenen Gewehren und Geschützen consignirt worden, und auf’s Höflichste wurden die Indianer aufgefordert, gefälligst in den besagten Kraal hineinzuspazieren. Doch diese weigerten sich auf’s Entschiedenste und sagten, lieber würden sie sterben, als sich einer Heerde Kälber gleich einsperren lassen, und so wies man ihnen endlich einen Platz westlich vom Fort an, der von starken Posten bewacht wurde und jederzeit mit Kanonenfeuer bestrichen werden konnte. Erst als man sah, daß sich mit den „rothen Teufeln“ ganz gut verkehren ließ, schwand die Furcht; man räumte ihnen nach und nach kleine Vergünstigungen ein und verlegte das Lager, als die Winterstürme kamen, in die durch Baumwuchs geschützte Niederung am Flusse.

Dort lebt nun der rothe Napoleon; seine Macht ist gebrochen, aber dennoch blicken auf ihn die Augen aller Häuptlinge, ihn um seinen Ruhm beneidend, ihn, der mit den fünfundvierzig ihm treugebliebenen Kriegern traurig am Ufer des Missouri sitzt und geduldig wartet, welches Schicksal über ihn verhängt werden wird.

Unter den Getreuen Sitting Bull’s, unter denen namentlich Heutopa („Vierhörner“) und Wakia-luta (der „Rothe Donner“), als die einflußreichsten Häuptlinge hervorzuheben sind, befand sich [279] auch ein Brüderpaar, in dessen Zelte ich manche Stunde verweilte. Der ältere der Beiden, Tatanka washila („Ein Büffel“), war ein schöner Mann von ebenmäßigem Bau, der einen wahren Apollo-Kopf auf seinen Schultern trug, und in diesem wieder ein Paar Augen, um deren willen er der stille Liebling der Randaller Damenwelt war. Der rothe Krieger, mein specieller Freund, war das personificirte Ideal einer Cooper’schen Indianerfigur, ein Unkas, aber mannhafter, reifer, fertiger und edler in seinen Bewegungen. Obgleich er kaum siebenundzwanzig Jahre zählte, hatte er doch schon acht Frauen gehabt und wieder verkauft und stand während meiner Anwesenheit im Begriff, sich eine neunte zu nehmen, über welches Vorhaben aber seine jetzige Ehehälfte so in Aufregung gerieth, daß sie ein Messer ergriff, die Zeltwand kreuz und quer zerschlitzte und dann mit ihrem Kinde auf und davon ging. Erst am Tage nachher fanden die hinter ihr hergesandten Indianerpolizisten die Unglückliche ganz tiefsinnig am Ufer des Flusses sitzen, und es gelang erst nach häufigem Zureden, sie zur Rückkehr in das Zelt ihres Gemahls zu bewegen, der seine weiteren Heirathsgelüste einstweilen unterdrückte.

Ein nicht minder curioser Kauz war sein achtzehn Jahre alter Bruder, der „Große Mann“. Alles Geld, das diesem in die Hände fiel, ward sofort in Haaröl angelegt, von welchem Stoffe er, der Zahl der leeren Flaschen nach, Unmassen verbrauchen mußte. Beständig hatte er in seinem Cigarrenkästchen zu kramen, in welchem bunt durch einander Farbenbeutelchen, Perlen, Spiegel, Bildchen und Haarölfläschchen lagen. Der „Große Mann“ gehörte entschieden zu den Erfindern; durch Zusammenschütten von drei oder vier verschiedenen Sorten des Oeles suchte er stets neue Parfüms zu erfinden; er goß rothes, gelbes und grünes zusammen, wobei es ihm manchmal freilich passirte, daß sich die diversen Oele und Farben gar nicht mischen wollten. Die vollen Flaschen wurden der Vorsicht halber an die langen Haarzöpfe oder an die Bänder seiner turbanähnlichen Kopfbekleidung gebunden, und so baumelte jederzeit ein halbes Dutzend Fläschchen von allerhand Farben auf seinem bunten Rücken umher.

Interessant war der Tag, an welchem Herr Schenk, der Clerk des Quartiermeisters, zum Besten der Indianer eine Ausstellung meiner Zeichnungen, wohl die erste Kunstausstellung im fernen Westen, arrangirte. Natürlich war dieselbe bescheiden und umfaßte nur dreißig meiner ausgeführteren Skizzen und Farbenstudien, die auf einer großen, als Hintergrund dienenden dunklen Wolldecke aufgereiht waren. Die gesammte Bevölkerung des Forts war durch Circulare eingeladen worden. Nach Mittag – es war Sonntag – erschien denn auch das schaulustige Volk, zuerst die Officiere mit ihren Damen, ein Bischof, der den Vormittag hier gepredigt, dann die Sergeanten und Soldaten, zuletzt die Indianer. Das dankbarste Publicum waren unstreitig die letzten Besucher. Die ganze Sitting Bull’sche Bande, vom ältesten Weibe bis zum jüngsten Kinde, stand vor den Skizzen versammelt, selbst ein äußerst malerisches, vielfarbiges Bild darstellend. Aus all den dunklen und bemalten Gesichtern blitzten die tiefschwarzen Augen, die mit gespanntester Aufmerksamkeit auf die Bilder gerichtet waren. Dazwischen fröhliches naives Lachen und Durcheinanderschwatzen, wenn sie den Einen oder Anderen ihrer Angehörigen auf dem Papiere erkannten.

Wir hatten durch die Ausstellung ein ganz leidliches Sümmchen eingenommen und händigten dieses Sitting Bull mit der Bitte ein, nach seinem Gutdünken zum Besten seines Volkes damit zu verfahren. Er legte die Geldstücke auf seine flache Hand und ließ nun alle Indianerinnen, eine nach der anderen, herantreten, damit jede zwei Stücke nehmen könne; als das geschehen, schien es dem Häuptling, daß Weiber und Kinder nun genug gesehen, und er jagte sie ohne viele Umstände zum Tempel hinaus. Er selbst ließ sich dann im Kreise seiner Krieger nieder, die Augen unverwandt auf die Portraits geheftet, in deren Mitte sein eigenes Bildniß im vollen Schmucke seiner Häuptlingswürde prangte. Mit besonderer Inbrunst ruhten die Blicke der wilden Krieger auf den Gesichtszügen ihrer im fernen Norden weilenden Cameraden. Wie stille Gebete glitten die Namen dieser Fernen über die Lippen der ernsten Beschauer, die nicht eher wichen, als bis die Dunkelheit hereinbrach. – –

Als endlich nach längerem Aufenthalt in Fort Randall die Zeit meiner Abreise herangekommen war und sich das Gerücht verbreitete, daß ich mich anschickte, meinen rothen Freunden den letzten Besuch abzustatten, fanden sich schnell die hervorragendsten Häuptlinge und Krieger im Wigwam ihres Führers zusammen. Nachdem die Pfeife die Runde gemacht, redete Sitting Bull mich feierlich also an:

„Eisenauge, die Zeit war kurz, welche Du unter meinem Volke lebtest. Aber sie war doch lang genug, um uns erkennen zu lassen, daß Du als Freund kamest und gute Wünsche für uns hegtest. Du willst gehen, und wir sind traurig, daß wir Dich niemals wieder sehen werden. Die Dacotahs schütteln Dir die Hand. Sie werden noch lange am Feuer von Dir erzählen.“

„Hau, hau!“ riefen die Anwesenden.

Ich antwortete: „Mehrmals wird der Winter kommen, ehe ich in das Land meiner Väter zurückkehre. Viele fremde Völker werde ich sehen, die viele verschiedene Sprachen reden; ich wünsche nur, daß diese Völker Euch gleich sein möchten. Ich habe nur Gutes über Euch zu berichten und freue mich, in Eurer Erinnerung fortzuleben.“

Der Häuptling bat mich darauf, ihm meinen Namen aufzuschreiben und zwar mit großen Buchstaben, sodaß er dieselben nachmalen könne; er bat mich nochmals, dem „Großen Vater“ zu sagen, daß er leben wolle wie ein Weißer, daß er seine Kinder zur Schule zu senden wünsche, damit sie lesen und schreiben lernten. Nachdem wir dann noch Einiges mit einander geplaudert, brach ich auf, schüttelte Allen die Hände und wandte mich zum Gehen. Da erhob sich noch einmal der große Häuptling und sprach:

„Eisenauge, kehre zurück – und Du wirst uns immer als Freunde finden. Möchten die Wasser Dich glücklich tragen und Wakan tanka, der Große Geist, Dich schützen vor allen Gefahren.“

Damit schüttelte er mir herzlichst die Hand und kauerte dann in Schweigen am rauchenden Feuer nieder.

Tatanka washila, mein rother Freund, hingegen folgte mir nach und rief:

„Bleibe nicht lange, mein Freund, bleibe nicht lange!“

So war mein Abschied von den Söhnen der Wildniß, denen man so oft jedes tiefere Gefühl, jede bessere Regung abspricht.

Mir war das Herz schwerer, als hätte ich Brüder verlassen.

Und als am anderen Morgen die ansteigende Sonne die Wölkchen röthlich färbte, in ihrem Strahl die stillen, einsamen Berge klar und deutlich lagen, als wollten sie all ihre Geheimnisse offenbaren, da rauschte es, indem die Signale des Dampfers zur Abfahrt tönten, noch einmal in den Büschen am Ufer – und heraus trat ein Indianer in vollem Schmucke, das Gesicht röthlich strahlend, gleich der Morgensonne, über dem dunklen Haar die langen Adlerfedern. O, die Gestalt war mir wohl bekannt – es war Tatanka washila, mein Freund, der gekommen, mir noch einen Abschiedsgruß zu bieten. Durch Geberden deutete der am Ufer Stehende an, daß er mir noch einmal die Hand schüttle; lange blickte er mir, dem Scheidenden, noch nach, so lange, bis eine Strombiegung den Dampfer wie den weißen Fremdling seinen Augen entrückte.

  1. „Herold“ nennen die Indianer denjenigen, der eine Zeitung schreibt und Nachrichten durch den Druck verbreitet.
  2. „Ista-maza“, „Eisenauge“, war der Name, unter dem ich den Söhnen der Wildniß bekannt war. Andere, meine Eigenschaft als Correspondent wohl erfassend, nannten mich „Ei-am-paha“, „Herold“, „Verkündiger“, der über das große Wasser „Minni-owancaya“ („Wasser überall“) gekommen sei und dem Volke der „Iya-sica“, der „harten Sprecher“, angehöre, mit welchem Namen sie die Deutschen belegen, weil die Sprache derselben so schwer (hart) zu erlernen und zu sprechen sei. Die Franzosen, vor fünfzig Jahren die einzigen Weißen, die mit den Dacotahs zusammen kamen, heißen sie „das gewöhnliche Volk“.


Anmerkungen (Wikisource)