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Ueberlingen’s Ursprung

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: Gustav Schwab
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Titel: Ueberlingen’s Ursprung
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 61–63
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Quelle: Commons und Google
Kurzbeschreibung:
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Bearbeitungsstand
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Ueberlingen.

Eine der frühesten Pflanzstätten des Christenthums am untern Bodensee war Iburningä, eine Allemannische Ansiedelung, auf dem nördlichen Ufer des Sees gelegen und auf Felsen gegründet. Wie es scheint, war sie damals, im Anfange des 7. Jahrhunderts, der Mittelpunkt der fränkischen Regierung dieser Gegend. Ein christlicher Frankenherzog Allemanniens, Namens Gunzo, hochgeehrt am fränkischen Hofe, hatte dort seinen Wohnsitz.

Zur Zeit, als der heilige Gallus am See den Heiden den wahren Gott predigte, geschah es, daß Herzogs Gunzo einzige schöne Tochter, Frideburg mit Namen, die dem Frankenkönige [62] Sigebert, Theuderichs Sohne, verlobt war, in eine schwere Krankheit verfiel, so daß ihr Vater und alles Volk glaubte, sie sey von einem bösen Geiste besessen. Die Priester, welche ihr Bräutigam zu ihrer Heilung sendete, verspottete sie, und erst nach langem Toben der Krankheit verlangte sie plötzlich, daß der fromme Gallus aus seiner Wüste geholt werden solle. Als nun die Botschaft über den See nach Arbon kam, wo sich gerade der heilige Mann bei seinem Freunde, dem christlichen Presbyter Willimar, auf Besuch befand, glaubte Gallus, voll Demuth, dem Ruf an den Hof des Fürsten nicht folgen zu dürfen, und entwich mit zwei seiner Schüler in’s alte churische Rhätien nach Quaradaves (Grabs), wo er einen Christendiakon, Johann, fand und sich bei ihm in einer Höhle verbarg. Doch Willimar eilte ihm nach, fand ihn dort und, indem er ihm zu Gemüthe führte, daß es ein Ruf Gottes seyn müsse, der ihn zu einem Werke der Liebe fordere, überredete er ihn, mit ihm umzukehren und über den See nach Iburningen zum Herzog Gunzo zu fahren, was er auch that. Wirklich genaß auch die Prinzessin Frideburg auf sein Gebet, und die alte Urkunde [das Leben des h. Gallus, von Walafried Strabo) erzählt, daß der grimme Geist in Gestalt eines schwarzen Raben aus ihrem Munde geflogen sey. Der dankbare Herzog verlangte, Gallus solle die eben erledigte Bischofsstelle von Constanz annehmen; aus ungeheuchelter Demuth aber lehnte sie Gallus ab, schlug jedoch einen eingebornen Allemannen, den obenerwähnten Diakonus von Quaradaves, Johannes, dazu vor, der unter seiner Leitung die heilige Schrift studirt hatte. Herzog Gunzo willigte ein und Gallus wohnte der Weihung seines Freundes im Dome von Constanz bei, diese Gelegenheit benützend, um die Liebe Gottes, die sich in der Schöpfung und Erlösung geoffenbart, den Gemüthern der neuen Christen zu schildern. Er betrat mit Johannes die Canzel und dieser dollmetschte in’s Allemannische, was Gallus lateinisch vorgetragen. Als der fromme Apostel mit des Herzogs reichlichen Geschenken nach Arbon zurückkehrte, berief er die Armen aus der Gegend zu sich und vertheilte sämmtliche Geschenke unter sie. Der Amtmann des Herzogs, zu Arbon, mußte auf Gunzo’s Befehl mit allem Volke nach St. Gallus Zelle aufbrechen und ihm [63] dort Wohnungen bauen und einrichten. Die genesene Prinzessin Frideburg aber zog, statt der Hochzeitkleider, ein Nonnengewand an, und in solcher Gestalt fand ihr königlicher Bräutigam, Sigebert, sie an dem Altar, wo sie mit ihm getraut werden sollte und dessen Hörner sie, wie eine Schutzflehende, gefaßt hielt. „Ich trete dich deinem himmlischen Bräutigam ab!“ – sprach der fromme König, ergriff ihre Rechte und legte sie auf den Altar. Dann verließ er die Schwelle des Tempels; „aber“ – fügt der Erzähler hinzu – „Thränen verriethen das Leiden seiner verborgenen, entsagenden Liebe.“

(Siehe Gust. Schwabs: „Der Bodensee nebst dem Rheinthale etc.“)