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Ueber Scheintod

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Autor: Dr. W. A. Nagel
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Titel: Ueber Scheintod
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 408–414
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ueber Scheintod.

Von Dr. W. A. Nagel.

Wodurch unterscheidet sich das Lebende vom Scheintoten und vom wirklich Toten? Wonach beurteilen wir, ob ein Körper, den wir beobachten, lebendig, scheintot oder tot ist? – Das sind biologische Fragen, die nicht nur theoretisch und wissenschaftlich vom größten Interesse sind, sondern auch unter Umständen eine erhebliche praktische Bedeutung gewinnen können, wenn es sich nämlich um die Frage handelt, ob in einem menschlichen Körper noch Leben vorhanden ist oder nicht. Wir werden im folgenden sehen, daß es verhältnismäßig leicht ist, für den menschlichen Organismus die Grenze von Leben und Tod zu ziehen, daß wir aber, wenn wir auch die Tiere in den Kreis unserer Betrachtung aufnehmen, Fälle vorfinden, in denen es selbst nach sorgfältigster wissenschaftlicher Untersuchung äußerst schwer ist, zu sagen, ob man das betreffende Tier als lebend bezeichnen kann.

Wir wollen davon ganz absehen, daß beim Tode eines Menschen oder eines Tieres durchaus nicht in allen Körperteilen gleichzeitig das Leben erlischt, sondern einzelne Organe noch tagelang die Eigenschaften des Lebendigen behalten können; auch wenn wir den Körper als ein Ganzes betrachten, ist es oft schwer, zu sagen, ob er lebt. Wenn ein Tierkörper lange Zeit bewegungslos ist, beweist das natürlich noch lange nicht, daß er tot ist. Die selbständigen Bewegungen und noch viele andere Eigenschaften, die wir an lebenden Wesen zu finden gewohnt sind, können bei einem Geschöpf, Mensch, Tier oder Pflanze, vorübergehend oder dauernd vermißt werden, ohne daß man ihm darum die Lebendigkeit absprechen dürfte.

Das, was wir als Leben eines Menschen oder eines der höheren Tiere bezeichnen, ist eine Summe von sehr zahlreichen und verschiedenartigen Erscheinungen, die wir an diesem Wesen beobachten können. Niedere Tiere aber, oder vollends Pflanzen, zeigen sehr viele von diesen „Lebenserscheinungen“ des Menschen nicht, und doch leben auch sie!

Indem wir diese Thatsache anerkennen, d. h. auch dem niederen Tiere und der Pflanze Leben zusprechen, stützen wir uns auf das Vorhandensein gewisser allgemeiner Lebenserscheinungen, d. h. auf gewisse Aeußerungen der Lebendigkeit, die allen lebenden Geschöpfen, Menschen, Tieren und Pflanzen, gemeinsam sind. Diese allgemeinen Lebenserscheinungen müssen wir kennenlernen, wenn wir die drei Zustände, Leben, Tod und Scheintod, voneinander unterscheiden wollen.

Zwei Eigenschaften, untrennbar miteinander zusammenhängend, sind es, die allen von uns für gewöhnlich „lebendig“ genannten Geschöpfen gemeinsam sind, die Reizbarkeit und der Besitz eines Stoffwechsels. Andere allgemeine Lebenserscheinungen, die Ernährung, die Entwicklung, die Fortpflanzungsfähigkeit, der Form- und Kraftwechsel, lassen sich in letzter Linie auf jene beiden Erscheinungen zurückführen.

Die Begriffe der Reizbarkeit und des Stoffwechsels streng wissenschaftlich und erschöpfend zu definieren, ist außerordentlich schwierig, und ich verzichte daher hier auf diesen Versuch, der uns allzutief in die Theorie hineinführen würde. Es mag genügen, festzustellen, daß man die Reizbarkeit bezeichnen kann als die Eigenschaft, auf eine äußere Einwirkung durch eine [410] bestimmte Thätigkeit zu antworten, zu reagieren, wie man zu sagen pflegt.

Der Stoffwechsel eines Wesens besteht darin, daß dasselbe Stoffe aus der Außenwelt in sich aufnimmt, einen Teil derselben seinem eigenen Bestande einverleibt und den Rest derselben, zusammen mit den Produkten der Körperthätigkeit, wieder nach außen abgiebt. So wird z. B. die gewöhnliche atmosphärische Luft in die Lunge eingeatmet, dort ein Teil davon in den Körper (speciell ins Blut) aufgenommen, der Rest wieder ausgeatmet, zusammen mit einem Produkt der Körperthätigkeit, dem Kohlensäuregas.

Ich will nicht unterlassen, anzuführen, daß man die Erscheinungen der Reizbarkeit und des Stoffwechsels, so wie wir sie hier für unseren Gebrauch abkürzend definiert haben, schließlich auch bei jeder Dampfmaschine und jedem Gasmotor wiederfinden könnte und daraus vielleicht schließen möchte, der lebende Organismus sei überhaupt nichts anderes, nichts Höheres als eine derartige Maschine. Das wäre nicht richtig, denn, wie ich schon andeutete, ist das Charakteristische für den lebendigen Körper eine ganz eigentümliche und komplizierte Verknüpfung der Reizbarkeit mit dem Stoffwechsel, eine Verknüpfung, durch die nun etwas dem toten Dinge Fremdes zustande kommt, die Fähigkeit der Selbsterhaltung. Doch wir können den Unterschied zwischen dem lebenden Körper und der Maschine, so interessant er ist, hier nicht weiter verfolgen. Ich mußte diese Dinge hier nur erwähnen, weil ohne sie das wissenschaftliche Interesse, welches die Erscheinungen des Scheintodes bieten, nicht verständlich wäre.




Manche lebende Wesen können in einen Zustand geraten, in welchem sie selbst bei einer nicht allzu oberflächlichen Beobachtung als leblos, tot, erscheinen, während sie gleichwohl die Fähigkeit noch besitzen, in den Zustand des unzweifelhaften, unverkennbaren Lebens zurückzukehren. Jenen eigentümlichen Zustand bezeichnet man bekanntlich als Scheintod, oder als latentes oder potentielles Leben, die Rückkehr zum wirklichen oder aktuellen Leben hat man „Anabiose“ (Wiederaufleben) genannt.

Beispiele von Scheintod finden wir bei den verschiedensten Geschöpfen, bei den höchsten wie bei den niedersten Organismen, beim Menschen wie bei Tieren sowie bei Pflanzen. Nun werden allerdings unter dem Namen Scheintod Dinge zusammengefaßt, die innerlich ziemlich verschiedenartig sind; nur eine äußere Uebereinstimmung besteht insofern, als es in allen diesen Fällen schon einer genaueren Untersuchung und einer gewissen Zeit des Abwartens bedarf, um zu entscheiden, ob Tod oder Scheintod vorliegt.

Für weitere Kreise bieten naturgemäß diejenigen Fälle von Scheintod am meisten Interesse, welche den Menschen betreffen. Wissenschaftlich interessanter aber ist der Scheintod mancher Tiere, namentlich gewisser niederer Tiere, zum Teil deshalb, weil hierüber sorgfältigere Untersuchungen vorliegen als über den Scheintod des Menschen, zum Teil aber auch aus einem anderen Grunde, den ich schon hier erwähnen will. Beim Scheintode des Menschen handelt es sich nämlich, soviel wir wissen, niemals um einen völligen Stillstand der Lebensfunktionen, sondern nur um eine gewisse Herabsetzung derselben, und nur der Unvollkommenheit der Untersuchung ist es zuzuschreiben, daß der Eindruck des Totseins entsteht. Anders bei niederen Tieren und Pflanzen: bei ihnen ist es nach neueren Erfahrungen möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß in den allgemeinen Lebenserscheinungen (mit Ausnahme einer einzigen, der Reizbarkeit) ein völliger Stillstand für längere oder kürzere Zeit eintritt.

Unter den verschiedenen Schauernachrichten, mit denen die Zeitungen dem modernen sensationslüsternen Publikum eine angenehm unheimliche Nervenerregung zu verschaffen wissen, gehören zu den wirksamsten die Berichte über Fälle von Lebendigbegrabenwerden. Spekulative Novellenschreiber haben das Schauerliche, das diesem Gegenstände ohnehin anhaftet, noch auf Kosten der Naturwahrheit zu erhöhen gewußt, indem sie den Lebendigbegrabenen noch dazu bei Bewußtsein sein lassen, während er für tot erklärt wird und die Vorkehrungen zu seiner Bestattung getroffen werden. Der Arme hört alles, was um ihn her vorgeht, ist aber außerstande, die geringste Bewegung zu machen oder zu sprechen. – Das ist, nach allen unseren Erfahrungen zu urteilen, Erfindung: ein derartiger Zustand ist undenkbar. Wenn Herzschlag und Atmung so schwach geworden sind, daß sie sich bei ärztlicher Untersuchung nicht nachweisen lassen, dann muß auch das Bewußtsein erloschen sein, und damit ist der Mensch unfähig, irgend etwas zu hören oder zu denken.

Andrerseits ist nicht zu bestreiten, daß ab und zu wirklich die Atmung und der Herzschlag so schwach werden können, daß sie sich der Wahrnehmung, zumal eines ungeübten Beobachters, recht wohl entziehen können, und damit ist die Möglichkeit des Scheintodes und des Lebendigbegrabens gegeben. Bei Bewußtsein kann ein solcher Scheintoter aber nicht sein.

Daß die Atmung bei Menschen und Tieren unter Umständen sehr schwach werden kann, ja fast unmerklich, ist zweifellos. Zweck der Atmung ist es bekanntlich, das durch die Lunge fließende Blut mit frischer Luft in möglichst nahe Berührung zu bringen. Das Blut entnimmt dann der Luft den lebenswichtigen Bestandteil, den Sauerstoff, und führt ihn den übrigen Körperteilen zu. Nun müssen wir bedenken, daß ein Körper, der so absolut regungslos und unthätig daliegt, wie es ein Scheintoter thut, außerordentlich viel weniger Sauerstoff verbrauchen wird als ein thätiger Körper; es wird also für den ruhenden Körper eine geringere Lüftung der Lunge ausreichen. Wichtig ist es auch, daß es bei allen Fällen von Scheintod sich nicht um ein plötzliches Aufhören der Atmung handelt, sondern um allmählichen Uebergang zu einem Zustande verminderter Lebensthätigkeit, ähnlich dem Eintritt des Winterschlafes bei manchen Tieren (Murmeltier, Igel etc.). Den Winterschlaf, der gewissermaßen ein Mittelding zwischen gewöhnlichem Schlaf und Scheintod bildet, faßt ein französischer Physiologe, R. Dubois, auf Grund von Studien an Murmeltieren, als eine Art Selbstvergiftung mit Kohlensäure auf. Die Kohlensäure, bekanntlich ein betäubendes Gas, entsteht im Körper und wird durch die schwache Atmung nicht genügend aus der Lunge entfernt, so daß das Tier sich gewissermaßen in den Zustand der Betäubung hineinsteigert und eines äußeren Reizes bedarf, um wieder aufzuwachen. Die Tiere im Winterschlafe werden dabei kalt und starr wie Scheintote. Doch ich muß mich mit diesem Hinweis auf die Beziehungen zwischen Scheintod und Winterschlaf begnügen, ohne die Frage hier im einzelnen ausführen zu können.

Inwieweit bei scheintoten Menschen die Atmung herabgesetzt sein kann, darüber sind unsere Erfahrungen noch unvollkommen. Die üblichen Methoden, die dazu dienen sollen, das Vorhandensein oder Fehlen der Atmung festzustellen, sind recht mangelhaft: Beobachtung des Brustkastens und Vorhalten eines Spiegels vor Mund und Nase, der sich, wenn noch geatmet wird, mit einem Hauch beschlagen muß. Gerade für den wesentlichsten, wichtigsten Teil der Atmung, den Uebertritt von Gasen aus der Luft in das Blut der Lunge, und umgekehrt, haben wir keine praktisch verwendbare Untersuchungsmethode.

Als Schutz gegen das Lebendigbegrabenwerden im Scheintode hat man gewisse gesetzliche Vorschriften erlassen, von denen zweifellos die wichtigste in der vorgeschriebenen Mindestzeit zwischen mutmaßlichem Todeseintritt und Bestattung zu sehen ist. Im allgemeinen ist die Wahrscheinlichkeit der Bestattung eines Scheintoten außerordentlich gering, und die meisten derartigen Fälle, von denen die Zeitungen berichten, stellen sich bei näherer Nachforschung als einfach erfunden heraus. Am ehesten noch mag derartiges bei großen Epidemien vorkommen, wo die Zahl der Sterbenden groß ist, daher unter Umständen die Bestattung früh vorgenommen wird und der überbürdete und ermüdete Arzt die Untersuchung nicht mit der nötigen Sorgfalt vornimmt. Doch sind das, wie gesagt, jedenfalls Seltenheiten.

Die bisher besprochenen Fälle von Scheintod hatten wir als Folge einer Krankheit aufzufassen, und zwar einer Krankheit, die das gesamte Nervensystem in eine Art Lähmung versetzt. Man berichtet aber auch von Menschen, die imstande sein sollen, sich willkürlich in Scheintod zu versetzen. Diese Fälle sind es, denen wir jetzt einige Aufmerksamkeit schenken wollen. Am bekanntesten ist der willkürliche Scheintod der indischen Fakire, doch sind auch von Europäern ähnliche Produktionen bekannt geworden. Bei allen diesen Fällen kann man jedoch einen gewissen Zweifel nicht unterdrücken; die Berichte darüber, wenigstens die mir [411] bekannt gewordenen, sind zu ungenau, als daß sie im wissenschaftlichen Sinne beweisend wären. Das schließt nicht aus, daß sie trotzdem ein gewisses Interesse bieten, denn um einfachen groben Betrug scheint es sich doch in vielen von diesen Fällen nicht zu handeln, etwas Auffallendes muß vielmehr in den Lebensfunktionen jener Leute immerhin angenommen werden.

Von den verschiedenen Berichten, die uns vorliegen, hat einer den Vorzug, von einem Arzt herzurühren, von einem Dr. Cheyne aus Dublin, der mit zwei Kollegen den Scheintod eines Oberst Townsend beobachtete und folgendermaßen beschrieb (ich citiere aus Verworns „Allgemeiner Physiologie“):

„Oberst Townsend konnte nach Belieben sterben, d. h. aufhören zu atmen, und durch bloße Willensanstrengung oder sonstwie wieder ins Leben zurückkommen. Er drang so sehr in uns, den Versuch einmal anzusehen, daß wir schließlich nachgeben mußten. Alle drei fühlten wir erst den Puls; er war deutlich fühlbar, obwohl schwach und fadenförmig, und sein Herz schlug normal. Er legte sich auf den Rücken zurecht und verharrte einige Zeit regungslos in dieser Lage. Ich hielt die Hand, Dr. Baynard legte seine Hand aufs Herz und Herr Skrine hielt ihm einen reinen Spiegel vor den Mund. Ich fand, daß die Spannung des Pulses allmählich abnahm, bis ich schließlich auch bei sorgfältigster Prüfung und bei vorsichtigstem Tasten keinen mehr fühlte. Dr. Baynard konnte nicht die geringste Herzkontraktion fühlen und Herr Skrine sah keine Spur von Atemzügen auf dem breiten Spiegel, den er ihm vor den Mund hielt. Dann untersuchte jeder von uns nacheinander Arm, Herz und Atem, konnte aber selbst bei der sorgfältigsten Untersuchung auch nicht das leiseste Lebenszeichen an ihm finden. Wir diskutierten lange, so gut wir es vermochten, diese überraschende Erscheinung. Als wir aber fanden, daß er immer noch in demselben Zustande verharrte, schlossen wir, daß er doch den Versuch zu weit geführt habe, und waren schließlich überzeugt, daß er wirklich tot sei, und wollten ihn nun verlassen. So verging eine halbe Stunde. Gegen neun Uhr früh (es war im Herbst), als wir weggehen wollten, bemerkten wir einige Bewegungen an der Leiche und fanden bei genauerer Beobachtung, daß Puls- und Herzbewegung allmählich zurückkehrten. Er begann zu atmen und leise zu sprechen. – Wir waren alle auf das Aeußerste über diesen unerwarteten Wechsel erstaunt und gingen nach einiger Unterhaltung mit ihm und untereinander von dannen, von allen Einzelheiten des Vorganges zwar völlig überzeugt, aber ganz erstaunt und überrascht und nicht imstande, eine vernünftige Erklärung zu geben.“

So lautet der Bericht – ein nicht sehr vertrauenerweckender Bericht! Man erfährt aus demselben nicht einmal, wie lange der Scheintod dauerte, denn die Zeitangabe „eine halbe Stunde“ scheint eher die Zeit zu bedeuten, welche die Herren zu ihrer Diskussion nach beendigter Untersuchung brauchten. Dagegen ist gesagt, daß es neun Uhr früh und daß es Herbst war, was für die Sache ganz bedeutungslos ist. Es ist ferner über die Temperatur nichts gesagt, nichts gesagt, ob die Haut des „Scheintoten“ während des Versuches etwa kühl oder blaß wurde, auch nicht, ob etwa noch die sogenannten Reflexbewegungen vorhanden waren, ob also z. B. die Pupille des Auges sich noch bei Belichtung verengerte oder nicht. Das alles wäre für die Beurteilung des Falles von größter Wichtigkeit.

Recht auffallend ist es auch, daß diese Herren Aerzte, als sie glaubten, der Oberst habe den Versuch zu weit getrieben, ruhig von dannen gehen wollten, ohne den geringsten Versuch, ihn wieder aus seinem Totenschlaf zu erwecken, und andrerseits, daß der tote Oberst gerade den Augenblick zu treffen wußte, wo jene weggehen wollten, und ihnen so noch sein Erwachen zeigen konnte.

Offenbar hatte der Oberst die Fähigkeit, auffallend lange die Atmung anzuhalten; auch manchen Tauchern gelingt das ja bekanntlich in erstaunlicher Weise. Thatsächlich vermögen manche Menschen die Geschwindigkeit des Herzschlages willkürlich zu verändern, und daß man die Stärke des Pulses durch Veränderung der Atmung beeinflussen kann, ist jedem Physiologen bekannt. Freilich gelingt derartiges in der Regel nur für kurze Zeit, und etwas Ungewöhnliches müßte in der Organisation des Oberst Townsend doch wohl gelegen haben.

Daß sein Herz während des Versuches wirklich stillgestanden habe, geht aus dem Berichte nicht hervor und ist auch im höchsten Grade unwahrscheinlich. Durch Befühlen des Pulses und Auflegen der Hand auf die Herzgegend bekommt man kein sicheres Urteil darüber, ob das Herz noch schlägt oder nicht.

Das beste Untersuchungsmittel, das wir dafür haben, das Auflegen des Ohres, kann auch nur unter günstigen Bedingungen als sicher gelten, d. h. wenn die Brustwand nicht zu dick ist, im Zimmer absolute Stille herrscht und der Untersucher ein feines Gehör hat. Ist eine von diesen Bedingungen nicht erfüllt, dann kann ein recht leiser Herzschlag wohl verborgen bleiben. Es können noch besondere Umstände hinzukommen: es braucht z. B. nur bei einem Scheintoten das Herz, statt wie gewöhnlich links, einmal rechts zu liegen, wie es ab und zu vorkommt, dann wird dem untersuchenden Arzte, der an diese Möglichkeit nicht immer denken wird und links nach den Herztönen horcht, selbst ein nicht allzuschwacher Herzschlag entgehen können.

Um auf den Oberst Townsend zurückzukommen, so fragt sich, was wir uns hinsichtlich seiner Atmung für eine Vorstellung machen sollen. Daß der vorgehaltene Spiegel sich nicht sichtbar beschlug, beweist nicht allzuviel. Vor allem ist es nicht ausgeschlossen, daß der Oberst von seiner Fähigkeit, den Atem lange anzuhalten, den Gebrauch machte, daß er die Beobachter auf die Meinung brachte, er könne stundenlang in diesem Zustande verharren, während er dies in Wahrheit gar nicht that, sondern die Gelegenheit, wo die Herren Aerzte ihrer naiv kritiklosen Verwunderung über das seltsame Phänomen gegeneinander Ausdruck gaben, vielleicht dazu benutzte, um sich zwischenein wieder einmal einen Atemzug zu gönnen. Sicheres läßt sich nachträglich darüber nicht sagen, aber es wäre das erste und einzige Mal nicht gewesen, daß Aerzte auf ihrem eigenen Thätigkeitsgebiete Opfer einer Täuschung geworden sind. Ich erinnere nur an manche Affairen aus der Geschichte des Hypnotismus einerseits und des Spiritistenschwindels andrerseits.

Gegen das Verhalten des Herrn Townsend erweckt am meisten Verdacht die Angabe, daß er „durch bloße Willensanstrengung oder sonstwie“ habe wieder zu sich kommen können. Das macht die ganze Sache unglaubwürdig. Menschen, deren Atmung lange stillsteht, machen keine „Willensanstrengung“. In dieser Hinsicht steht die Sache bei den indischen Fakiren besser, die sich, den Berichten zufolge, durch allerlei Manipulationen von anderen erwecken lassen.

Fakir ist ein arabisches Wort und bedeutet einen „Armen“; es wird aber in Europa speciell für die Asketen oder Büßer mohammedanischer und buddhistischer Religion angewandt, die sich selbst die härtesten Quälereien auferlegen, zum Teil wohl wirklich in religiös fanatischer Geistesstörung, zum andern Teil wohl aber auch mit der Absicht, aus diesen Schaustellungen Kapital zu schlagen und damit ihr Ansehen und ihren Einfluß zu heben und zu erhalten. Gerade bei den Fakiren der letzteren Art mag denn auch viel Lug und Trug mit unterlaufen.

Am besten werden wir auch hier an einen speciellen Bericht anknüpfen (den ich ebenfalls nach Verworn citiere):

„Am Hofe des Runjeet Singh war in einem viereckigen Gebäude, das in der Mitte einen ringsherum geschlossenen Raum besaß, ein Fakir, der sich willkürlich in den leblosen Zustand versetzt hatte, in einen Sack eingenäht und eingemauert worden, wobei die einzige Thür des Raumes mit dem Privatsiegel des Fürsten versiegelt worden war. Runjeet Singh, der selbst nicht an die wunderbare Fähigkeit der Fakire glaubte, hatte, um jeden Betrug auszuschließen, außerdem noch einen Kordon seiner eigenen Leibwache um das Gebäude gelegt, vor dem vier Posten aufgestellt waren, die zweistündlich abgelöst und fortwährend revidiert wurden. Unter diesen Bedingungen blieb der Fakir sechs Wochen in seinem Grabe.

Ein Engländer, der als Augenzeuge dem ganzen Vorgange beiwohnte, berichtet über die nach sechs Wochen erfolgte Ausgrabung folgendes: Als man das Gebäude in Gegenwart des Runjeet Singh eröffnete, zeigte sich, daß das Siegel und die ganze Vermauerung unversehrt war. In dem dunklen Raum des Gebäudes, der bei Lichtschein untersucht wurde, lag in einem ebenfalls versiegelten Kasten der Sack mit dem Fakir. Der Sack, der ein verschimmeltes [412] Aussehen zeigte, wurde geöffnet und die zusammengekauerte Gestalt des Fakirs herausgeholt.

Der Körper war völlig steif. Ein anwesender Arzt stellte fest, daß nirgends am Körper eine Spur von Pulsschlag zu bemerken war. – Inzwischen übergoß der Diener des Fakirs dessen Kopf mit warmem Wasser, legte einen heißen Teig auf seinen Scheitel, entfernte das Wachs, mit dem die Ohren- und Nasenlöcher fest zugeklebt waren, öffnete gewaltsam mit einem Messer die fest aufeinandergepreßten Zähne, zog die nach hinten umgebogene Zunge hervor, die immer wieder in ihre Stellung zurückschnellte, und rieb die geschlossenen Augenlider mit Butter.

Alsbald fing der Fakir an, die Augen zu öffnen, der Körper begann konvulsivisch zu zucken, die Nüstern wurden aufgeblasen, die vorher steife und runzelige Haut nahm allmählich ihre normale Fülle wieder an und wenige Minuten später öffnete der Fakir die Lippen und fragte mit matter Stimme den Runjeet Singh: ‚Glaubst du mir nun?‘“ –

Es ist nicht leicht, zu sagen, wie man sich zu einem solchen Bericht stellen soll. Nehmen wir als erwiesen an, daß der Fakir während der sechs Wochen das Gebäude nicht verlassen hat, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß er nun auch wirklich die ganze Zeit in dem versiegelten Sack gelegen hat. Nach den Produktionen, die wir heutzutage oft von geschickten Taschenspielern und von Spiritisten zu sehen bekommen, erscheint eine Täuschung durch den Fakir leicht möglich. – Viele unserer Leser werden schon in sogenannten antispiritistischen Vorstellungen erlebt haben, wie sich eine gefesselte Person im Dunkeln auf irgend welche Weise von ihren versiegelten Fesseln befreit, um dann nach Ausführung von allerhand Spuk schließlich wieder gefesselt aufzutauchen, mit unversehrten Siegeln. Hiergegen erscheint das, was der Fakir zu thun hätte, kinderleicht.

Verdächtig erscheint gerade die Einmauerung des Fakirs, die ja übrigens, wie aus dem Bericht hervorgeht, keine luftdichte war; der Raum hatte eine Thür, es kam also Luft hinein. Weit überzeugender wäre das Ganze, wenn der Fakir, uneingemauert, für alle sichtbar, dagelegen hätte.

Wenn wir nun aber auch einmal annehmen wollen, der Fakir habe während der sechs Wochen wirklich in seinem Sacke gelegen, so wissen wir damit noch immer nicht, ob sein Zustand während dieser Zeit thatsächlich als Scheintod bezeichnet werden kann. Es wäre ganz gut möglich, daß der Fakir in seiner Kammer die ganze Zeit teils schlafend, teils wachend in beschaulicher Ruhe zugebracht hat, vielleicht dabei fastend – wir kennen ja solche Hungerkünstler auch in Europa, und die Indier mögen darin noch weiter gekommen sein –, vielleicht kann er auch etwas Nahrung mit eingeschmuggelt haben.

Der Täuschung verdächtig sind alle bis jetzt beschriebenen Fälle – es braucht natürlich nicht eine so grobe Täuschung zu sein, wie man sie kürzlich bei einigen Fakiren entdeckte, die in Europa Gastrollen gaben und zu der Zeit, wo sie scheintod in ihren Särgen liegen sollten, von der auf eine Denunciation hin eindringenden Polizei dabei betroffen wurden, wie sie auf ihren Särgen saßen, Bier tranken und – glaube ich – Skat spielten.

Jedenfalls aber geben die Berichte über die Fakire, selbst wenn man gar keine absichtliche Täuschung dabei annimmt, uns keinen Beweis dafür, daß diese Leute imstande wären, wirklich ihre Lebensfunktionen ganz zu unterbrechen, namentlich das Herz und die Atmungsorgane zum völligen Stillstand zu bringen.

Mir scheint es am glaubhaftesten, daß diese Leute – ohnehin sehr bedürfnislos – sich durch Selbsthypnotisierung in einen Zustand verminderter Lebensthätigkeit und völliger Ruhe hineinbringen, der mit dem Winterschlafe mancher Tiere Aehnlichkeit haben mag, den Namen Scheintod aber doch kaum verdient.

Der Hokuspokus, der von diesen Leuten aus begreiflichen Gründen um ihre Produktion herum gemacht wird, erschwert uns eine klare Einsicht in das, was daran echt ist, natürlich sehr.

Wenn wir nun überlegen, was als wesentlichstes Ergebnis aller der genannten Beobachtungen über Scheintod zu bezeichnen wäre, so scheint das mir darin zu liegen, daß der Scheintod beim Menschen sich stets nur als eine Verminderung der Lebensthätigkeit darstellt, infolgederen bei einer nicht allzusorgfältigen Untersuchung der Eindruck der Leblosigkeit entstehen kann. Eine Aufhebung der wichtigsten Lebensfunktionen, ein Stocken des Blutumlaufs und der Atmung, im weiteren überhaupt ein Erlöschen des Stoffwechsels und der Reizbarkeit anzunehmen, haben wir jedoch keinen Grund. Wir müssen annehmen, daß das Herz auch beim scheintoten Menschen noch immer schlägt, wenn auch schwach. Damit ist dann aber auch ein gewisses geringes Maß von Stoffwechsel gegeben, da auch das arbeitende Herz stets Material, speciell auch Sauerstoff verbraucht und dafür Kohlensäure produziert.

Anders als beim Menschen liegen in Bezug auf den Scheintod die Verhältnisse bei gewissen Tieren. Da sind Beobachtungen gemacht worden, die sehr stark für einen vorübergehenden Stillstand der Lebensvorgänge sprechen.

Wir müssen freilich gleich einen großen Sprung im Tierreiche machen, nämlich zu den sogenannten niederen Tieren. Ich kann hier natürlich aus dem großen Material von Thatsachen, die vorliegen, nur einiges wenige nennen.

In dem trockenen Staube, den man von alten Dachrinnen abkratzen kann, und in dem Moos an alten Baumstämmen findet man zuweilen kleine Tierchen in vollkommen eingetrocknetem Zustand, ihrem Aussehen nach kaum von einem Sandkörnchen zu unterscheiden. Nur wer sie oft in dem trockenen Zustande gesehen hat, kann in diesen formlosen Klümpchen überhaupt etwas Tierisches vermuten. Von irgend welcher Bewegung ist gar nicht die Rede. Bringt man solche eingetrocknete Tierchen aber ins Wasser, so sieht man bald, daß sie nicht tot, sondern scheintot sind. Sie quellen auf, der Körper dehnt sich aus, wird durchscheinend und nimmt schließlich eine bestimmte tierische Form an.

Es sind zum Teil die sogenannten Rädertierchen, mikroskopisch kleine Geschöpfe, die mit den Würmern verwandt sind und an ihrem Vorderende ein sogenanntes Räderorgan besitzen, einen Kranz von Haaren, die in fortwährender zitternder Bewegung sind und mit deren Hilfe das Tier im Wasser vorwärts schwimmt. Andere derartig scheintote Geschöpfe sind die Bärentierchen oder Tardigraden, wie man sie wegen ihrer langsamen plumpen Bewegungen nennt. Sie haben acht kurze Beinchen und sind mit den Milben und Spinnen verwandt.

Man giebt an, daß diese Tierchen den Zustand der Austrocknung, in dem sie natürlich keine Nahrung aufnehmen können, jahrelang ertragen. Dies ist also ein typischer Fall von Anabiose, von Wiederaufleben nach einem totähnlichen Zustand. Er steht aber durchaus nicht vereinzelt; auch die Kleisterälchen, kleine fadendünne Würmchen, die in Weizenkörnern leben, können nach dem Eintrocknen wieder aufleben.

Am weitesten verbreitet ist aber die Anabiose bei niedersten Geschöpfen, die auf der Grenze von Tier- und Pflanzenreich stehen, und die man unter dem Namen Protisten (d. h. die ersten ursprünglichsten Geschöpfe) zusammengefaßt hat. Die Sache liegt aber bei ihnen etwas anders als bei den Bären- und Rädertierchen. Die Infusorien und Bakterien vermehren sich außerordentlich schnell, entweder dadurch, daß das kleine Geschöpf sich einfach in zwei Hälften teilt, die dann getrennt weiterleben und wieder bis zur ursprünglichen Größe heranwachsen, oder dadurch, daß der Leib in lauter kleine Körnchen zerfällt, die man als Sporen bezeichnet und welche die Eigenschaft haben, daß aus jedem von ihnen wieder ein ganzes Infusorium oder Bakterium entstehen kann.

Sind nun die äußeren Lebensbedingungen für diese Geschöpfe ungünstig, fehlt es beispielsweise an dem zum normalen Leben notwendigen Wasser, oder an Luft oder Nahrung, so werden Sporen von einer ganz besonderen Art gebildet, sögenannte Dauersporen, welche die Eigenschaft haben, gegen äußere Einflüsse außerordentlich widerstandsfähig zu sein. Sie bestehen aus einer mikroskopisch kleinen, äußerst festen Kapsel, die in ihrem Innern den eigentlich lebenswichtigen Teil, das Protoplasma, birgt. Durch die Kapsel wird die kleine Menge Wasser, welche zum Bestande eines lebensfähigen Keimes notwendig ist, zurückgehalten, auch wenn die Dauerspore lange Zeit an trockener Luft liegt, wenn sie, wie man zu sagen pflegt, lufttrocken geworden ist.

Solche lufttrockene Sporen ertragen nun Einwirkungen lange [413] Zeit, denen andere lebende Wesen in kürzester Frist erliegen. Während wirkliche lebende Tiere regelmäßig zu Grunde gehen, wenn ihre Innentemperatur in die Nähe von 50° Celsius Wärme kommt, können manche Bakteriensporen sogar einige Zeit gekocht werden, ohne daß sie absterben. Sie können auch in einen luftleeren Raum gebracht werden und dort lange Zeit belassen werden. Wenn sie nachher wieder in günstigere Lebensbedingungen kommen, Wasser, Luft, Nahrung und geeignete Temperatur erhalten, so entwickelt sich alsbald wieder die mit eigner Beweglichkeit versehene Form, die man unter dem Mikroskop lustig herumschwimmen sehen kann.

Die Fähigkeit, aus dem Scheintod der Dauersporen zum aktuellen Leben zurückzukehren, behalten manche Bakterien jähre- und jahrzehntelang, ja vielleicht noch viel länger.

Noch bekannter als von den Bakterien ist es von den höheren Pflanzen, daß sie einen Zeitpunkt in ihrer Entwicklung aufweisen, während dessen sie scheintot sind, d. h. scheinbar ganz unverändert bleiben und jeder Lebensäußerung entbehren, nämlich als Samen. Viele Samen kann man mehrere Jahre lang trocken aufheben, ohne daß sie die Fähigkeit verlieren, bei Einwirkung von Feuchtigkeit zu keimen. Gewisse Samen, die man in römischen Gräbern gefunden hat, und die dort über tausend Jahre gelegen haben müssen, sollen noch keimfähig gewesen sein. Man hat das auch von Getreidekörnern behauptet, die in ägyptischen Mumien gefunden wurden und demnach mehrere tausend Jahre alt waren. Es scheint aber, daß das ein Irrtum und dieser sogenannte Mumienweizen gefälscht war. Bei neueren Versuchen mit echtem Mumienweizen hat man immer gefunden, daß die Körner, die braun aussahen und mumienartig rochen, bei der Befeuchtung mit Wasser lehmartig zergingen. Niemals kamen sie zum Keimen.

Interessant sind auch die Beobachtungen von de Candolle, nach denen auf Alpenbergen an Stellen, wo jetzt ewiger Schnee liegt, im Erdreich unter dem Schnee keimfähige Samen gefunden wurden, die dort wahrscheinlich jahrhundertelang geruht haben. Ferner hat man in trockenem Waldboden Samen von Pflanzen gefunden, die dort gar nicht wachsen konnten, weil sie beispielsweise Sumpf- oder Wiesenboden brauchen. Man nimmt nun an, daß sie von einer früheren Vegetationsperiode herrühren, d. h. von einer längstvergangenen Zeit, wo an der Stelle des jetzigen Waldes Sumpf- oder Wiesenland war. Und diese ganze Zeit hindurch sind die Samen keimfähig geblieben.




Es bleibt uns jetzt noch übrig, festzustellen, inwieweit sich der wahre Scheintod, den wir bei Tieren und bei Pflanzenkeimen beobachten, vom Tode unterscheidet, d. h. was von den allgemeinen Lebenserscheinungen in diesem Zustand noch nachweisbar ist.

Zunächst können wir konstatieren, daß eine Lebenseigenschaft sicher erhalten geblieben ist, die Reizbarkeit. Denn wenn ein solcher Samen zu keimen beginnt, oder wenn ein Bärentierchen wieder auflebt, dann thun sie das ja nicht aus einer inneren Ursache, „spontan“, aus eigenem Antriebe, sondern stets nur auf einen äußeren Reiz hin. Die geeignete Keimtemperatur muß einwirken, Feuchtigkeit und Luft müssen vorhanden sein. Alles das sind Reize für das Tier oder den Samen. Besäßen die scheintoten Individuen nicht Reizbarkeit, so könnten sie nie mehr zum Leben erwachen.

Wir dürfen also sagen: Wo keine Reizbarkeit ist, ist kein Leben.

Nun fragt es sich noch, ob auch das zweite Hauptmerkmal, das wir bei allem und jedem Leben finden, der Stoffwechsel, auch im wahren Scheintod ununterbrochen fortbestehen muß, oder ob er unterbrochen sein kann.

Neuerdings scheint sich die Entscheidung dieser Frage mehr und mehr dahin zu neigen, daß in gewissen Fällen der Stoffwechsel, speciell die Atmung auf lange Zeit ganz aufgehoben sein kann, daß also bei Tieren und Pflanzen das vorkommt, was wir für den scheintoten Menschen unbedingt bestreiten mußten.

Die Bakterienkeime und die Bären- und Rädertierchen sind natürlich zu klein, als daß man an ihnen feststellen könnte, ob sie im scheintoten Zustande atmen, das heißt, ob sie Sauerstoff aufnehmen und Kohlensäure produzieren.

Dagegen hat man an Pflanzensamen und Tiereiern Untersuchungen über diesen Punkt anstellen können. Bohnen, Erbsen, oder Maiskörner hat man in ein Gefäß gebracht, aus dem alle Luft nach Möglichkeit ausgepumpt war, oder man hat sie in Gefäße gethan, in denen sie ganz von Quecksilber umschlossen waren.

In beiden Fällen fehlte also den Samen die Luft zur Atmung. Bei den Samen im luftleeren Raum hat man auch durch besonders feine Methoden nachweisen können, daß sie keine Kohlensäure ausgeatmet haben. Trotzdem sind sie nicht erstickt, denn als man sie an die Luft brachte und befeuchtete, keimten sie zum allergrößten Teile. Sie waren also wahr und wirklich scheintot im streng wissenschaftlichen Sinne.

Auch Schmetterlingseier hat man so behandelt. Auch sie halten den Aufenthalt im luftleeren Raum ziemlich lange aus. Bringt man sie nachher an die Luft, so schlupfen die kleinen Räupchen aus.

Ich möchte jetzt schließlich noch einen Umstand erwähnen, der für die Lehre vom Scheintod sehr wichtig ist, und den wir gelegentlich schon berührt haben, nämlich den Einfluß der Kälte.

Für alle Lebensprozesse giebt es eine bestimmte Temperatur, bei welcher der Prozeß am besten und energischsten vor sich geht; bei niedrigerer Temperatur läßt die Energie der Lebensvorgänge dann nach, und es giebt eine Temperaturgrenze, bei welcher die Thätigkeit der lebendigen Substanz überhaupt stockt.

Bei diesem Kältegrad braucht nun aber das Leben nicht für immer zu erlöschen, es braucht nicht Tod einzutreten, sondern es kann Scheintod eintreten.

Eine Annäherung an Scheintod finden wir ja schon bei dem mehrfach erwähnten Winterschlaf mancher Tiere, der (beim Murmeltier) übrigens nicht bei großer Kälte, bei Frost, eintritt, [414] sondern am leichtesten bei etwa 10° C Wärme. Die Gefrierpunktstemperatur erweckt das Tier sogar aus seinem Schlafe.

Interessante Beobachtungen hat man nun auch wieder über die Einwirkung von Kälte auf niedere Tiere machen können.

Man hat darüber gestritten, ob es möglich sei, daß Tiere, die gefroren sind, zu Eis erstarrt, nach dem Auftauen wieder zum Leben zurückkehren können. Früher hat man das allgemein behauptet, man sagte z. B., in Grönland frören die Fische in den bis auf den Grund gefrierenden Bächen mit ein und würden beim Auftauen im Sommer wieder lebendig; auch von den Karauschen in sibirischen Seen hat man das angegeben.

Entgegen diesen Angaben hat der Physiologe Kochs kürzlich allerdings bestritten, daß es überhaupt möglich sei, durch und durch gefrorene Tiere wieder zum Leben zu bringen. Er hat Frösche und Wasserkäfer, die im Wasser eingefroren waren, untersucht; solange die Tiere nur von Eis umgeben waren, konnten sie nach dem Schmelzen des Eises wieder lebendig werden; waren sie aber bis ins Innere gefroren, so waren und blieben sie tot.

In einem noch nicht aufgeklärten schroffen Gegensatze zu diesen Ergebnissen stehen die Resultate der Versuche Pictets, die in den letzten Jahren viel von sich reden machten. Nach diesen sollen hartgefrorene Fische, Frösche und einige andere niedere Tiere bei langsamer Erwärmung wieder aufleben können.

Zum Schlüsse möchte ich das Hauptergebnis der vorstehenden Betrachtungen nochmals in Kürze zusammenfassen: die Lebensvorgänge in einem Organismus können durch eine Zeit völligen Stillstandes unterbrochen werden, zwar nicht beim Menschen und den höchststehenden Tieren, wohl aber bei vielen niederen Tieren, bei den Eiern mancher Tiere und bei den Samen vieler Pflanzen.

Solch ein Stillstand des Lebens kann durch Austrocknung und große Kälte erzeugt werden. Während dieses Scheintodes fehlen alle Aeußerungen des (aktuellen) Lebens, und nur die Eigenschaft der Reizbarkeit bleibt immer bestehen. Für das eingetrocknete Tier ist es das Wasser, für das gefrorene die Wärme, die den Reiz zur Anabiose, zum Wiederaufleben, bildet. – Der Scheintod beim Menschen ist von ganz anderer Art, er stellt keine Unterbrechung, sondern nur eine zeitweilige Verminderung der Lebensvorgänge dar, und genaue Untersuchung wird ihn in allen Fällen vom wahren Tode unterscheiden lassen, auch durch andere Kennzeichen als das Fortbestehen der Reizbarkeit, nämlich durch Stoffwechselvorgänge, besonders aber auch durch Fortbestehen der wenngleich stark verminderten Atmung und Herzthätigkeit.