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Ueber Erderschütterungen

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Autor: Rudolf Falb
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Titel: Ueber Erderschütterungen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 244–248
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[244]
Ueber Erderschütterungen.
Von Rudolf Falb.

Nicht durch ihre lieblichen und nicht durch ihre erhabenen Erscheinungen, sondern wenn sie der Menschheit ihr zürnendes Antlitz zeigt, erregt die Natur, die „allgütige Mutter“, die Aufmerksamkeit derselben in ausgedehntestem Maße.

Der Stumpfsinn der Menge den großen Räthseln des Weltalls gegenüber ist nur durch den Stachel zu überwinden, den eine unsichtbare Kraft tief in ihr Fleisch treibt.

Was die grauenvolle Erderschütterung am Februar 23. Februar 1887 in dieser Beziehung geleistet, liegt nun offen zu Tage – hundert Bücher hätten es nicht zu Stande gebracht. Allerwärts in Europa und weit darüber hinaus ist die Frage nach dem Ursprunge des unheimlichen Gastes neuerdings in Fluß gerathen, und wenn wir hier, dem Wunsche der Leitung der „Gartenlaube“ entsprechend, nochmals auf dieselbe zurückkommen. so wird es kaum nöthig sein, deshalb die Entschuldigung des Lesers zu beanspruchen.

Nicht lange dürfte es währen und es klopft derselbe Gast in anderen Landen wieder an die Thüre.

Doch für die Riviera bleibt der Trost, den eine langjährige Erfahrung uns bietet, daß Katastrophen an einem und demselben Erdbebenherde und in seiner Umgebung nicht vor einem halben Jahrhunderte wiederkehren. Die letzte Entladung eines der Riviera benachbarten Herdes trat am 9. Oktober 1828 ein, an [246] welchem Tage zwischen Voghera und Genua im Thale von Stalfora ein furchtbarer Stoß, der noch in Marseille, Genua und Turin verspürt wurde, große Verheerungen anrichtete. Der Katastrophenstoß, dessen Schilderung in zwei Artikeln der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ von 1828 (Nr. 290 und 308) sich findet, trat um 3 Uhr 11 Minuten morgens ein, und es ist sehr bemerkenswert , daß in derselben Nacht – genau so wie bei dem Erdbeben an der Riviera – eine Sonnenfinsterniß stattfand, welche von 10 Uhr abends bis 4 Uhr morgens sich vollzog und ringförmig war.

Das Zusammentreffen von Finsternissen mit Erdbeben wird bereits von alten Schriftstellern erwähnt und Aristoteles spricht davon in seiner Meteorologie. „So kommt es auch ab und zu vor, daß um die Zeit einer Mondfinsterniß ein Erdbeben eintritt“ (II. 8). Nach Phlegon von Tralles, einem Chronisten des zweiten Jahrhunderts, fand in der Olympiade eine große von einem Erdbeben begleitete Sonnenfinsterniß statt, wobei Nicäa in Bithynien zerstört wurde. In dieselbe Olympiade fällt auch das Erdbeben und die Finsterniß beim Tode Christi am 3. April des Jahres unserer Zeitrechnung. Der Vollmond ging am Abende jenes Tages, der sich in der That als ein Freitag und außerdem als der Vortag des Osterfestes der Juden erweist – wie dies der Verfasser zuerst dargethan hat – verfinstert über Jerusalem auf. Am 22. Dezember 968 n. Chr. ereignete sich ein großes Erdbeben zu Korfu während einer totalen Sonnenfinsterniß. Am 14. Dezember 1797 wurde die Stadt Cumana 4 Tage vor einer Sonnenfinsterniß durch ein Erdbeben zerstört, und genau dasselbe Verhältniß hatte statt zwischen der Zerstörung von Arequipa und der darauffolgenden Sonnenfinsterniß. Am auffälligsten aber erschien dieses Zusammentreffen in jüngster Zeit. Am 6. März 1886 wurde Cosenza und dessen Umgebung von einem zerstörenden Erdbeben heimgesucht, welchem in der Nacht vorher die erste der beiden Finsternisse des Jahres vorausging. Am 29. August desselben Jahres trat die zweite Finsterniß ein und um sie gruppiren sich symmetrisch die beiden größten Katastrophen des Jahres: das Erdbeben von Philiatra in Griechenland am 27. und jenes von Charleston in Nordamerika am 31. August. Wie sehr zu dieser Zeit die Tiefen der Erde in Aufruhr standen, beweist auch der Umstand, daß am nämlichen Tage des 31. August der Vulkan der Insel Nina Föou in der Südsee, nach mehr als 30jähriger Ruhe, einen so gewaltigen Ausbruch hatte, daß sämmtliche Dörfer in seiner Umgebung mit Ausnahme zweier zerstört und 12 Fuß tief in die Erde begraben wurden. Darauf folgte die Finsterniß mit dem Erdbeben an der Riviera am 23. Februar 1887, und dann am 2. August desselben Jahres die Zerstörung der Stadt Cuença in Ecuador, nach welcher am nächsten Tage eine Mondfinsterniß eintrat. Diese angeführten Fälle sind so auffallend, daß man, bei der relativen Seltenheit der Erdbebenkatastrophen einerseits und der Finsternisse andrerseits, nach mathematischer Wahrscheinlichkeit das Zusammentreffen nicht mehr für zufällig, sondern für gesetzmäßig annehmen muß.

Ist aber letzteres der Fall, so fragt es sich: in welcher Art wird durch die Finsternisse das Phänomen der Erdbeben beeinflußt? Die Antwort darauf muß offenbar auf die Ursache der Erderschütterungen überhaupt zurückgreifen. Da jedoch alles, was bis jetzt darüber vorgebracht wurde, über das Niveau einer subjektiven Ansicht nicht hinausreicht, so kehrt sich hier die Fragstellung um und lautet dann: welche von allen möglichen Erschütterungsursachen ist so beschaffen, daß ihr Zusammenhang mit den Finsternissen eine mathematisch-physikalische Nothwendigkeit wird?

In solcher Weise vereinfacht sich die Untersuchung über die Ursache der Erdbeben wesentlich, und werden ferner noch andre Thatsachen der Erdbebenstatistik, wie z. B. die Verteilung derselben nach den verschiedenen Monaten des Jahres, ihr Verhalten den Phasen des Mondes gegenüber, in der Untersuchung gleichzeitig berücksichtigt, dann erscheint der Spielraum der wissenschaftlich erlaubten Vermuthungen über die wahrscheinlichste Ursache, gegenüber der vagen Annahme mehrerer oder aller möglichen Ursachen, bereits so eingeschränkt, daß das Endurtheil wohl kaum mehr ein willkürliches oder persönliches genannt werden darf.

Wenn wir zunächst die Katastrophenerschütterungen als diejenigen, bei welchen die zu enträtselnde Erscheinung in auffälligster Weise zu Tage tritt, ins Auge fassen, so stellen sich als solche Thatsachen dar:

a) der mechanische Typus des Stoßes; b) der Verlauf der Erschütterungen; c) die örtliche Verteilung und d) die zeitliche Verteilung derselben.

Wir wollen nun diese Punkte, über deren maßgebende Rolle bei der Frage nach der Ursache der Erdbeben in allen Lagern volle Uebereinstimmung herrscht, der Reihe nach zur Erörterung bringen.

a) Der mechanische Typus des Stoßes.

Wenn von verschiedenen Orten eines ausgedehnten Gebietes die Nachricht von nahezu gleichzeitigen Erdbeben mitgetheilt wird, so stellt sich bald heraus, daß einer derselben am stärksten betroffen wurde und sich die übrigen Orte nahezu symmetrisch um denselben gruppiren. Man nennt diesen Ort den oberflächlichen Erdbebenherd oder das oberflächliche Erschütterungscentrum. Er befindet sich dem unterirdischen Focus des Bebens, dem eigentlichen Ursprunge desselben, am nächsten und nahezu senkrecht über demselben, wie aus der senkrecht ausstoßenden Bewegung des Bodens daselbst hervorgeht. Was immer auch die unmittelbare Ursache einer Erderschütterung sei, stets laufen die Erschütterungsstrahlen aus dem Focus wie die Radien einer Kugel nach allen Richtungen. Damit ist auch schon die Charakteristik des Stoßes für die verschiedenen davon betroffenen Orte theoretisch gegeben. Am Herde, wo diese Strahlen die Oberfläche senkrecht treffen, äußert sich daher die Erscheinung durch eine aufstoßende Bewegung des Bodens; während die übrigen Orte desto schiefer getroffen werden, je weiter sie vom Herde entfernt sind, und daher nur eine seitliche, wellenförmige Bewegung verspüren. Die Stärke der Erschütterung am Herde des Erdbebens hängt nach den Gesetzen der Mechanik einerseits von der Intensität derselben am Focus, andrerseits von der Nähe des letzteren an der Oberfläche ab. Die Ausdehnung des ganzen erschütterten Gebietes dagegen wächst einerseits gleichfalls mit der Intensität des Ursprungs, andrerseits aber mit der senkrechten Entfernung des Focus von der Erdoberfläche. Es verrathen daher im allgemeinen Katastrophen mit geringer Ausdehnung des Erschütterungsgebietes eine geringere Tiefe des Ursprungs, als solche, bei welchen die Erschütterung sich weithin verbreitet. Um dem Leser einen beiläufigen Begriff zu geben, aus welcher Tiefe das furchtbare Phänomen seinen Ausgang nimmt, möge hier die Zusammenstellung der bisher annähernd gelungenen Berechnungen folgen:

Ursprung des Erdbebens von: Tiefe in Kilometern:
a) Basilicata (16. Dezember 1857) 12
b) Herzogenrath (22. Oktober 1873) 11
c) Mitteldeutschland (6. März 1872) 20
d) Sillein (15. Jänner 1858) 26
e) am Rhein (29. Juli 1864) 43

während die größte Höhe, welche die Gebirge auf der Erde erreichen, ungefähr 9 Kilometer beträgt.

Es ist also festzuhalten, daß bei dem Katastrophenstoße nur Ein Centrum beobachtet wird und daß sich in demselben der Hauptstoß zunächst in senkrechter Richtung fühlbar macht.

b) Der Verlauf der Erschütterungen.

Es ist eine merkwürdige, ausnahmslose Thatsache, daß jeder Katastrophenstoß von einer Reihe schwächerer Erschütterungen gefolgt wird, welche mit abnehmender Stärke und Häufigkeit wiederkehren und meist erst nach mehreren Monaten gänzlich aufhören. So heißt es denn in den Zeitungen regelmäßig nach einer Katastrophe: die Erderschütterungen dauern fort. Dieser Umstand erscheint uns um so auffallender, als vor der Katastrophe schwächere Erdstöße in seltenen Fällen und dann höchstens einer oder zwei unmittelbar oder wenige Stunden vor derselben beobachtet werden. Meist werden diese letzteren Beobachtungen nur hinterher von einigen Personen behauptet und sind daher sehr zweifelhafter Natur, so daß man wohl als allgemeine Regel hinstellen kann: der Katastrophenstoß steht am Anfange der Reihe. Und das ist sehr zu bedauern; denn verhielte sich die Sache umgekehrt und gingen diese vielen schwachen Stöße der Katastrophe voran, dann würden sie eine rechtzeitige Warnung sein und vielen Menschen das Leben retten. Die gesammte Chronik der Erdbeben aber verzeichnet unter ihren Hunderten von Katastrophen keinen einzigen Fall dieser Art.

Von Wichtigkeit ist es nun für die Auffindung der Ursache der Erdbeben, in einer solchen Reihe von Sekundärstößen, die [247] nicht nur im Centrum des Erschütterungsgebietes gefühlt werden, den Tag des stärksten derselben zu beachten, was keine Schwierigkeit verursacht, da die Ausbreitung der Stoßwellen, d. i. die Entfernung, bis zu welcher die Erschütterung noch verspürt wurde, eine unzweideutige Schätzung der relativen Stärke dieser Stöße ermöglicht. Gewöhnlich charakterisirt sich diese sekundäre Wiederholung der Katastrophe in den Zeitungsnachrichten durch den Ausdruck „neue Panik“; allein es ist kein einziger Fall bekannt, daß dieselbe die Stärke oder mit anderen Worten die Ausdehnung des ersten oder Katastrophenstoßes auch nur annähernd erreicht hätte. Man ist daher berechtigt, als zweite Regel hinzustellen: „In einer und derselben Erdbebenreihe tritt im Centrum oder in seiner Nähe eine zweite Katastrophe nicht ein.“

Auf diese beiden Erdbebengesetze – den Typus der Reihe – legt der Verfasser ein um so größeres Gewicht, als sie der Beachtung der Forscher bisher entgangen waren.

Es stellt sich ferner heraus, daß die heftigsten aller Sekundärstöße sich nahe an dem Tage ereignen, an welchem die größte Fluthanziehung des Mondes nach der Katastrophe eintritt. So geschah es, um nur einige Beispiele aus neuerer Zeit anzuführen, bei dem Erdbeben im Visperthale (1855) am 24. September, 27. Oktober, letzteres drei Tage nach einer Mondfinsterniß, und 12. November, drei Tage nach einer Sonnenfinsterniß, und gleichzeitig mit der Erdbebenkatastrophe in Yeddo, bei welcher 30 000 Menschen ums Leben kamen. So geschah es auch bei den Erdbeben von Belluno (1873) am 8. August und 25. Dezember; so bei dem Erdbeben von Tarapaca (1878) am 20. Februar, drei Tage nach einer Mondfinsterniß; so in Agram (1880) am 16. Dezember, gleichzeitig mit einer Mondfinsterniß; so in Andalusien (1885) am 27. Februar; so in Kindberg (1885) am 22. September, zwei Tage vor einer Mondfinsterniß; so in Charleston (1887) am 7.Februar, einen Tag nach einer Mondfinsterniß; so an der Riviera (1887) am 11. März; so in Werny (1887) am 20. Juni und 22. August, letzteres drei Tage nach einer Sonnenfinsterniß.

c) Die örtliche Vertheilung der Erdbeben.

Es ist eine unbestrittene Thatsache, daß bei weitem die meisten und stärksten Erdbeben

1) in der Nähe thätiger oder erloschener Vulkane,
2) im Gebiete der größten Gebirgsketten auftreten.

Aeußerlich ließe sich darauf eine Eintheilung in vulkanische und nicht vulkanische Erderschütterungen gründen; allein auf die Ursache derselben darf man von vornherein eine solche Unterscheidung nicht ausdehnen, aus dem einfachen Gründe, weil die im Laufe der Jahrtausende von sedimentären Schichten überlagerten und eingebetteten Vulkane sich auch unter Oertlichkeiten finden können, welche jeder botanischen Spur an der Oberfläche ermangeln.

d) Die zeitliche Vertheilung der Erdbeben.

Es ist bereits vor dreißig Jahren von dem französischen Gelehrten Alexis Perrey in Dijon der Nachweis geliefert worden, daß die Erderschütterungen häufiger eintreten

a) zur Zeit der Erdnähe des Mondes,
b) zur Zeit der Syzygien (Voll- und Neumond),
c) im Winterhalbjahre.

Unabhängig davon fand der Verfasser vor zwanzig Jahren, daß die meisten und stärksten Erdbeben eintreten in unmittelbarer Nähe jener Tage, an welchen sich die meisten Fluthfaktoren, d. h. jene Stellungen der Sonne und des Mondes, welche eine erhöhte Fluthanziehung bewirken, zusammenfinden.

Diese Fluthfaktoren sind.

die Erdnähe und der Aequatorstand des Mondes;
die Erdnähe und der Aequatorstand der Sonne;
Voll- oder Neumond (Syzygium);
Finsternisse des Mondes und der Sonne.

Ferner fand der Verfasser durch eine genaue Zählung der in dem Erdbebenkataloge von Robert Mallet verzeichneten Fälle vom Jahre 800 n. Chr. bis 1843, daß sich in diesem Zeitraume an 5492 Tagen Erdbeben ereigneten, von welchen die meisten auf den Januar, April und Oktober, die wenigsten auf den Juli und August fielen Später hat auf Anregung des Verfassers auch Dr. Julius Schmidt, Direktor der Sternwarte zu Athen, über die Beziehungen der Häufigkeit der Erdbeben zu den Stellungen der Sonne und des Mondes Untersuchungen angestellt, aus welchen sich neuerdings ergab, daß die Erdbeben häufiger sind in der Erdnähe des Mondes als in seiner Erdferne, häufiger zur Zeit des Neumondes als um das erste Viertel und häufiger zur Zeit des Vollmondes als um das letzte Viertel. Am genauesten jedoch trifft sein Resultat über die Vertheilung im Laufe des Jahres mit den Untersuchungen des Verfassers zusammen. Er findet ein Maximum im Januar, März und Oktober, und ein Minimum anfangs Juli; also die größte Häufigkeit zur Zeit der Erdnähe und Aequatorstellung, die geringste zur Zeit der Erdferne der Sonne, welche bekanntlich am 1. Juli eintritt. Dasselbe Gesetz der Vertheilung im Laufe des Jahres fand der Verfasser dann wenigstens angedeutet mit einem Maximum im Januar und Oktober in den Aufzeichnungen der Erdbeben von Copiapo in Chile, und dann noch in den Erdbeben der Schweiz überhaupt, des Kantons Wallis im besonderen, ja sogar auch in der Erdbebenchronik der Stadt Basel. Es ist daher über die Gesetzmäßigkeit dieses Verhaltens wohl kein Zweifel mehr gestattet.

Da die Sonne am 21. März und 23. September im Aequator steht, wobei sie ihre größte Fluthanziehung ausübt, so wird sich das Zusammentreffen wirksamer Mondstellungen zur Zeit der Aequinoktien, unterstützt durch die Sonne, am meisten fühlbar machen.

Schlußfolgerungen. – Theorie der Erdbeben.

Indem wir nun alle diese Thatsachen zusammenfassen, gelangen wir zu folgendem Ergebniß: die Vertheilung der Erdbeben im allgemeinen und der Verlauf der sekundären Erschütterungen im besonderen, sowohl nach den Stellungen des Mondes zur Erde und Sonne, als auch nach den Stellungen der Sonne zur Erde, beweist exakt und zur Genüge, daß es sich hier um ein Fluthphänomen handelt, was wohl auch schon Perrey vermuthungsweise ausgesprochen, ohne, wie er selbst gesteht, eine physikalische Lösung der Frage durchgeführt oder mit andern Worten eine Theorie begründet zu haben. Eine solche besteht eben nicht bloß in einer wissenschaftlichen Hypothese, sondern in der Zusammenstellung aller beobachteten Thatsachen und in der Prüfung der Hypothese auf Grund derselben. Eine Hypothese ist eine einfache Annahme, eine Theorie jedoch ein nach den Regeln der Logik und unter steter Bezugnahme auf die Thatsachen aufgeführtes Lehrgebäude, bei welchem sich alle einzelnen Theile harmonisch zum Ganzen fügen. Daß es dem Verfasser möglich wurde, ein solches Gebäude zu errichten, verdankt er einerseits der strengkonsequenten Anwendung der Fluththeorie auf das Phänomen der Erdbeben, und andrerseits der Beachtung aller Thatsachen und insbesondere der bisher unbeachtet gebliebenen beiden Erdbebengesetze: „Jede Katastrophe wird von einer Reihe von Erschütterungen gefolgt“ und: „Keiner der folgenden Stöße erreicht die Stärke des Katastrophenstoßes.“

Wenn die Erdbeben in ihrer Häufigkeit und Stärke sich nach den theoretischen Fluthanziehungen von Mond und Sonne richten, so entsteht zunächst die Frage: was ist hier die fluthende Materie und wie hängt die mechanische Erschütterung des Erdbodens mit derselben zusammen?

Hält man das Erdinnere theilweise noch für zähflüssig und bringt die Lava damit in Verbindung, so läge es nahe, nach Analogie des Oceans, eine im Innern der Erde sich bildende Fluthwelle anzunehmen, welche zur Zeit der Springfluthen an die feste Erdrinde anschlägt und dadurch deren Erschütterungen hervorruft. Diese Auffassung, welcher sich Perrey hinneigte und die anfänglich auch wir in Betracht zogen, erwies sich jedoch sofort als unhaltbar, wenn man den Typus des Stoßes einer Katastrophe und den weiteren Verlauf der Erschütterungen nach derselben sorgfältig beachtet. Eine unter der Erdrinde dahinwandernde Lavawelle würde bei ihrem Anschlagen an dieselbe jedesmal das Zerstörungsgebiet weniger in Form eines kreisähnlich begrenzten Centrums, als in Gestalt einer von Ost nach West laufenden, breiten Zone erscheinen lassen und die nach der Katastrophe sich so ausschließlich auf das Centrum beschränkenden sekundären Stöße auf keine Weise zu erklären im Stande sein. Den Verfasser wies in dieser Frage der Ausbruch des Aetna, in dessen Erwartung für den 27. August 1874 er den ganzen Monat in Sizilien zubrachte, als derselbe den 29. August tatsächlich stattfand, auf die richtige Fährte. Es traten nämlich 27 Stunden nach dem Ausbruche [248] vereinzelte und weitere 16 Stunden später sehr zahlreiche Erdstöße ein, von denen jedoch keiner eine Katastrophe herbeiführte. Der Ausbruch fand statt am Tage des Zusammentreffens der Erdnähe des Mondes mit seiner Stellung im Aequator und zwei Tage nach dem Vollmonde, somit zu einem Zeitpunkte, welcher der Fluththeorie vollkommen entspricht.

Da diese sekundären Erdbeben in ihrem fortgesetzten Verlaufe vollständig den Charakter jener sekundären Beben an sich trugen, welche wir regelmäßig nach jeder Katastrophe auftreten sehen, so erwartete ich mit großer Spannung die nächste Hochfluthperiode, welche am 25. und 26. September, wegen des Vollmondes am ersteren und der Erdnähe und des Aequatorstandes am letzteren Datum eintreten mußte. Ich hatte mich am dritten Tage nach Neapel begeben und schon seit längerer Zeit keine Notizen mehr über diese Stöße gelesen, als plötzlich die Telegramme in den Zeitungen verkündeten, daß am September in den Ortschaften am Fuße des Aetna ein sehr heftiges Erdbeben eintrat, welches die früheren an Stärke übertraf. Mehrere Häuser hätten Sprünge bekommen, die Unruhe sei sehr groß, der Aetna lasse ein Brausen vernehmen. Da nun diese Stöße nach der ausnahmslosen Ueberzeugung aller Forscher nur von der unterirdischen Lava ausgehen konnten, welche schon durch den Ausbruch zur Zeit der theoretischen Hochfluth ihre Empfindlichkeit den Mondanziehungen gegenüber verrathen hatte, so wurde es mir klar, daß der Typus einer Erdbebenkatastrophe sich von jenem eines vulkanischen Ausbruchs nicht unterscheide und beide Arten von Naturerscheinungen identificirt werden müßten, somit die Erdbebenkatastrophe ein Vulkanausbruch sei, der sich in großen Tiefen unter der Oberfläche vollzieht. Es blieben dann nur noch zwei Fragen übrig; erstens: verrieth sich der innere Aufruhr der Lava zur Zeil des Aetnaausbruches auch durch stärkere Erderschütterungen an weit entfernten Orten als ein allgemeiner, wie es die Fluthanziehung des Mondes verlangt? und zweiten: wie sind die sekundären Stöße zu erklären?

In ersterer Beziehung ist es jedenfalls auffallend, daß am 25. August in Nafram am Nordabhange des Kaukasus ein Erdbeben so heftig auftrat, daß Schornsteine einstürzten, wobei wieder zahlreiche, schwächere Stöße folgten, und daß am 26. August ein Erdbeben, welches Häuser schwanken machte, auf Portorico sich ereignete. Den Zusammenhang des Verhaltens der Lava am Aetna mit den Erdbebenerscheinungen auf der Erde überhaupt beweist übrigens am besten der große allgemeine Paroxysmus, welcher an den Tagen um den 25. Oktober, genau mit der größten Fluthkonstellation des Jahres 1874 übereinstimmend, die Erde ergriff. Auf diese Konstellation hatte der Verfasser bereits im Märzhefte seiner Zeitschrift „Sirius“ hingewiesen. Sie zeichnete sich dadurch aus, daß am 23. Oktober der Aequatorstand, und am 25. Erdnähe, Vollschein und Finsterniß des Mondes eintrat, und zwar war die Erdnähe die größte im ganzen Jahre. Nun traten nach längerer Ruhe am 23. und 24. Oktober am Nordabhange des Aetna die Erdstöße neuerdings auf; am 24. Oktober setzte ein heftiger Erdstoß zu Clana im Küstenlande drei Sekunden lang alles in Bewegung, mit dem 24. Oktober begannen die Erderschütterungen am Vesuv besonders zahlreich zu werden; am 26. Oktober ereignete sich ein Erdstoß in Yokohama und am nämlichen Tage ein großes Erdbeben in Chile, welches dreißig Sekunden andauerte und von Copiapo bis Talka reichte.

Die zweite Frage wurde bisher in dem Sinne beantwortet, daß man die sekundären Stöße nach einer Eruption einfach einer durch Verstopfung des Schlotes herbeigeführten gewaltsamen Unterbrechung der Ausbruchsthätigkeit zuschrieb. Wenn diese Erklärung richtig wäre und das Anschlagen der empordringenden Lava oder ihr Druck die Erschütterungen erzeugte, dann müßten diese unmittelbar vor dem Ausbruche, wo der Auftrieb am heftigsten ist, am stärksten und zahlreichsten eintreten. Dies ist aber thatsächlich nirgends der Fall; und wenn man sich bisher der Meinung hingab, daß eine Eruption in der Regel durch vorausgehende Erdstöße angekündigt würde, so befand man sich damit in einem Irrthum, für welchen oberflächliche Berichterstattungen die Verantwortung tragen. Heftige und zahlreiche Erdstöße in den kürzesten Zwischenräumen treten nicht vor, sondern nach der Eruption ein. Diese letztere ereignet sich in den meisten Fällen völlig plötzlich, wofür auch die Geschichte des Aetna zahlreiche Belege bietet. Wie bei den Katastrophenbeben, so haben auch bei den Eruptionen angebliche Beobachtungen vorausgehender Erdstöße stets einen sehr zweifelhaften Charakter, während die Mittheilungen über die nachfolgenden Stöße eine allseitige Bestätigung erfahren.

Eine zutreffende Erklärung dieser Erschütterungen liefert uns das Verhalten der Lava, wenn sie von dem Drucke des überlastenden Dampfes befreit wird. Der Verfasser hatte Gelegenheit, dieses Verhalten selbst zu beobachten, und die Mitteilungen anderer Forscher stimmen damit völlig überein. Es entwickeln sich nämlich aus der Lavamasse zahlreiche Gase und Dämpfe, welche im verstopften Schlote sich dann über die Oberfläche der Lava lagern und durch ihren Spannungsdruck auf dieselbe derartig rückwirken, daß die Ausscheidung nur allmählich und ohne Erschütterungen geschieht. Ist dagegen der Schlot geräumt, so verflüchtigen sich die ausscheidenden Gase; ein Druck auf die Oberfläche der Lava ist nicht mehr vorhanden, weshalb nun diese Ausscheidungen mit großer Heftigkeit vor sich gehen. Blase um Blase windet sich durch die ganze Lavasäule hindurch von unten nach oben, und jede derselben zerplatzt, an der Oberfläche angelangt, unter heftiger Explosion, wodurch Schlacken von Lava und flüssige Theile derselben in bedeutende Höhen geschleudert werden. Da die Blasen rasch nach einander folgen, so wiederholen sich diese Explosionen beständig und in regelmäßigen Zwischenräumen. Und wenn dann ab und zu einmal eine dieser Explosionen wieder heftiger auftritt, dann fühlt man auch, wie der Boden unter den Füßen erzittert. Hierin liegt ganz unverkennbar die Ursache der zahlreichen Erdstöße nach einer Eruption. So lange nun die Lava sich im Berge noch über dem Niveau der umliegenden Ebene befindet, werden die von ihrer Oberfläche ausgehenden Stöße nur die Wände des Kegels treffen und sich daher auch nur einem auf demselben stehenden Beobachter, nicht aber den Bewohnern der umliegenden Ebene bemerkbar machen. Sinkt aber die Oberfläche der Lava bei ihrem Zurücktreten aus dem Kegel des Vulkans unter das Niveau der umliegenden Ebene, so wird die ganze Umgebung die zahlreichen Explosionsstöße empfinden; es werden einige Stunden oder, wenn das Sinken sehr langsam erfolgt und der Kegel des Vulkans sehr hoch ist, einige Tage nach der Eruption zahlreiche und heftige Erdbeben eintreten. Diese sind also nicht die Vorbereitung, sondern die Folge einer Eruption.

Schließen wir nun alle oben angeführten charakteristischen Erscheinungen, welche bei Erdbeben beobachtet werden, in den Umkreis unserer Schlußfolgerung ein, so kommen wir zur Erkenntniß, daß das Phänomen der Katastrophenbeben mit allen seinen Einzelheiten vollständig den Erscheinungen gleicht, welche auftreten würden, wenn unter der Erdoberfläche in bedeutenden Tiefen ein vulkanischer Ausbruch stattfände, und zwar an einem konstant hier befindlichen Herde, der sich nur allmählich in größeren Zwischenräumen ladet und nach seiner Entladung auf lange Zeit ungefährlich ist und wobei, wie ausdrücklich betont werden muß, die Zeit des Durchbruches nicht allein von der Stärke des Druckes der Lava, sondern auch von dem unberechenbaren Widerstande abhängt, welcher dem endlichen Durchbruche derselben entgegengesetzt wird. Bei sehr bedeutendem theoretischen Hochfluthwerthe wird es allerdings, wie die Erfahrung zeigt, in der Nähe des Jahresmaximums selten ohne Katastrophe abgehen.

Was Deutschland betrifft, so waren die stärksten Erdbeben aus jüngster Zeit der Stoß vom 6. März 1872, welcher von Breslau bis Wiesbaden und von Hannover bis Hechingen die Erde bewegte, und jener vom 26. August 1878, welcher ein Gebiet von mehr als 2000 Quadratmeilen erschütterte.

Vergleichen wir nun die an diesen beiden Tagen eingetretenen Konstellationen, so bleibt über ihren Zusammenhang mit dem unterirdischen Hochfluthen kein Zweifel übrig. Es war nämlich:

1872. 6. März Erdnähe
1872 9. März Neumond
1872 11. März Aequatorstand
1878. 28. August Neumond.
1878 29. August Erdnähe
1878 – August Aequatorstand.

Wie der Leser jetzt deutlich erkennen wird, baut sich die Theorie des Verfassers nicht aus bloßen Vermuthungen auf, sondern gründet sich auf die sorgfältige, mathematisch-physikalische Erörterung eines reichen Erfahrungsmaterials, das sich noch fort und fort vermehrt.