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Topographia Sueviae: Dinggelspül

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Topographia Germaniae
Dinggelspül (heute: Dinkelsbühl)
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aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1643, S. 57–60.
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[57]
Dinggelspül / Dinckelsbühel / Dinckelsbûhla, Dinccelsbyehla.

Diß ist ein alte freye Käyserliche Reichs-Statt in Schwaben / an der Wernitz / oder Bernico, so sie mit zwey Aerm / gegen Mittag / vnd Auffgang / berinnet / gelegen. Vnnd wirdt die Landtschafft hierumb von Theils Viragrundium, Virgunum, Viragrund / vnd Virngrund; Von andern Fiechten / oder Feichtengrund / vnnd Firengrund genandt / weiln vor Zeiten ein grosser Dannenwald / bey sieben MeilWegs lang / daherumb gestanden / den man den Firengrund genandt haben solle. Vnd wirdt von jhnen dieses Landleins Breyte von Dinckelspühel biß an den Wald / die Host genandt / vnd die Länge von dem Schloß Baldern / biß an das Schloß Tannenberg / gerechnet. Andere / die von dem Nahmen Virngrund / heutiges Tags gar nichts wissen wollen / nennen diesen Theil deß SchwabenLands / dz Jagst-Ländlein. [58] Es hat aber diese Statt jhren Namen vnd Vrsprung empfangen / von einem Hoff / der Dinggelhoff genandt / vnnd den dreyen Dinckelbüheln / so anjetzo in der Statt ligen / daher sie zu Latein Tricollis, Zeacollis, oder Zeapolis, von dem Dinckel / vnnd den Büheln / auff welchen solche Frucht gewachsen / genandt worden. Wie dann die Statt noch heutiges Tags / neben dem Reichs-Adler / drey Bühel / oder Berglein / auff welchem ein vergüldt DinggelEher stehet / im Wappen führet / die Fruchtbarkeit dieser Gegend / vnd der Statt Vrsprung damit anzuzeigen. Dann der Bawer / so auff dem gemelten Hoff gewohnet / solle die von Würtzburg durchreysende Mönch offt beherbergt / vnd jhnen endlich den Hoff gar geschencket haben / die dahin ein Kloster erbawet / bey welchem folgends die Statt allgemach aufkommen: Daher auf dem Carmeliten Kloster allhie / so / wie gesagt / älter / als die Statt ist / vnd Käyserliche Freyheiten hat / ein steinern Bild eines Bäwerleins gestanden / so erst kurtz vor der Nördlinger Schlacht / durch die Schwedische / so damals die Statt innen hatten / herunter geschossen worden seyn solle. Es seyn noch von solchem Vrsprung Lateinische Verß vorhanden / so also lauten:

Villicus agrestis primus cui pinguia Zeae
Jugera venturae nescius Urbis erat.
Turritos ubi nunc spectas exsurgere muros
Heic illi Cereris dona ferebat ager.
Nam postquam invaluere Homines, & turba Potentum.
Non voluit mores simplicis Agricolae.
Sic periit sua villa, suum rus, flumina, sylvae;
Quaeq, unus tenuit, nunc ea Mille tenent.

Vmb das Jar Christi 928. bey Regierung Käyser Heinrichs deß Ersten / als wegen der Vngarn / vnd Wenden / offtern Ein- vnd Vberfall / man hin vnd wider im Teutschland Stätte gebawet: Ist auch dises Oppidum Villicum, wie es in dem alten Secret Insigel genant wird / mit einfachen Mauren zu vmbgeben angefangen worden / darauß hernach vmbs Jahr Christi 1126. doppelte / neben den Wällen / vnd gefütterten Gräben / vnd zugleich diser Ort mit 24. in einer schönen proportionirten Ordnung darzwischen stehenden Hauptthürn / bevestiget / vnd außgebawet worden. Vnd ist diese Statt / deren Inwohner man etwan Noricos, vnd Protofrancones, weil sie dem Nordgäw / vnd dem Ost-Franckenland nahend gesessen / genandt / vor Zeiten / mit der Statt Hall / der Schwaben Vormawer wider die Francken / gleich wie Rotenburg 5 Meilen von hinnen gelegen / der Francken wider die Schwaben / gewesen. An. 1351. ist diese Statt / vom Käyser / H. Ludwigen / vnd H. Friederichen / Grafen zu Oettingen / Landgrafen im Elsaß / vmb sibentausend zweyhundert Pfund Heller versetzt worden / die sich aber hernach selber wider gelößt hat. An. 1387. ist allhie zwischen dem Rath / vnd der Gemeind / eine Empörung entstanden / darauff man auß den 6. Zünfften 12. Mann in den Rath genommen / dz mit den Zwölffen / deß Raths nun 24. Personen worden / darunter 2. Burgermeister gewesen / so miteinander ein Jar regirt / nämlich / einer deß Raths / vnd ein Zunfftmeister, welches auch bey andern ämptern also / biß auffs Jahr 1552. gehalten worden / da den 2. Janu. Käyser Carolus V. durch dero geordnete Commissarien / H. Heinrich Hasen / Wolffen von Velberg / Amptmann zu Crailsheim / vnd Christoffen von Knöringen / Stattvogt zu Elwangen / die Zünfften abthun / vnd den Rath ändern lassen; welche 3. Rathsherren / vnd 6. Zunfftmeister außgesetzt / vnd nur 15. Personen die Regirung anbefohlen; darneben wurden auch in den grossen Rath 25. Personen verordnet / vnter denen 12. Bawrenrichter / vnd 8. Viertelmeister / noch heutiges Tags seyn. Vnnd muß man der Zeit Burgermeister vnd Rath diser Statt / vor jrem Reichs- oder Statt Ammann / verklagen; der so dann selbsten 4. Geschworne Rathsfreund von Nördlingen / Rotenburg an der Tauber / Schwäbischen Hall / vnd Thonawwerth / auß jeder Statt (Theils wollen auch von Schwäbischen Gmünd) Einen / als Beysitzer / vnnd Rechtsprecher zu sich ziehet / vnnd ist jhr der Statt monatlich einfacher Anschlag zum Römerzug zweyhundert

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[59] vnd acht Gülden. Wolgedachter kleiner Rath / ist der Römisch-Catholischen Religion zugethan: In den Grossen aber werden auch der Augspurgischen Confessions-Verwandte genommen; wie dann die Bürgerschafft guten Theils Evangelisch ist / 2. Prediger / vnnd jhrer Religion Exercitium in der SpitalKirchen allhie hat; welche jhr Anno 1567. auß Käysers Maximiliani deß Andern / Befelch / wider eröffnet / vnnd eyngeraumbt / als sie zuvor auß der Pfarr- vnd hernach auch auß der besagten deß reichen Statt-SpitalsKirchen vertrieben / vnd deß offentlichen Exercitii jhrer Religion / eylff gantzer Jahr (nur zween Tag weniger) ist entsetzt worden. Vnd nach dem es noch etwas Streits zwischen dem Rath / vnnd der Burgerschafft geben / so hat Herr Georg Ludwig von Seinßheim / damaln Fränckischer Craiß-Obrister / denselben Anno 1570. völlig verglichen.

In dem Schmalkaldischen / wie auch in dem jetzigen Teutschen Krieg / hat diese Statt auch wol etwas erlitten. Weiln sie aber an einem bequemen Ort / vnd in der Nachbarschafft vieler Reichs- vnnd FürstenStätte gelegen / möchte sie sich wider fein nach vnnd nach erholen können wie es dann allda gleichsamb eine Creutzstrassen durch das Teutsch-Land; vor dem Krieg ein zimliches Gewerb / vnd grossen Wochenmarckt an den Mitwochen / vnd so viel Teich vnd Weyher vmb die Statt / als Tag im Jahr seyn / gehabt hat. Vnd gibt besagtes Wasser / die Wernitz / so vnterhalb SchillingsFürst entspringet / vnd zu Schwäbischen Werth in die Thonaw fliesset / allerhandt gute Fisch dar / als Karpffen / Hecht / Braxen / weiß- vnd gantz rote Orphen: (Dergleichen anderswo nicht bald zu finden; die auch in andern Wassern nit leichtlich gut thun:) Item / Schlein / Bersich / Grundeln / vnd Krebs / etc. sampt einer grossen Menge Storchen / die inn- vnnd von ermelten Weyhern / jhre Nahrung haben. Vmb die Statt herumb hat es einen guten fruchtbaren Boden / von leichten vnnd schwären Früchten / nämlich / Weytzen / Korn / Dinggel / Gersten vnd Habern; etc. auch ein feine Viehweyd; daher man zu FriedensZeiten das Dinckelspühler Schmaltz weit verführet. Seyn auch vor diesem viel Creutzkäß vmb diese Statt gemacht worden / vnnd zimlich weit kommen. Man macht auch allhie einen trefflichen Meth / so vor andern den Ruhm hat. Darneben gibt es allda allerhand Handelsleut vnd Handwercker / vnd vnter denselben sonderlich Tuchmacher / Lodenweber / Sichelschmid / vnd Strümpffstricker / so jhre Verläger haben / welche die gestrickte Winterwahren / Loden / Tuch / etc. vnd sonderlich die gute zahnte / oder zainte Sichel / hin vnd wider / vnd fürnemlich ins Schweitzerland / vnd den Odenwald / verschicken. Es ist / neben obgemeldtem Carmeliten Kloster (so vor mehr / dann 200. Jahren / mit sampt den alten Monumenten / vnd der Biblioteck / verbronnen / vnd damals weit anders / als jetzo gewest ist;) Item / dem Capuciner Kloster / An. 1622. an einem sehr lustigen Ort gestifftet / vnd gebawet; vnd besagtem Spital / insonderheit allhie die Pfarr- vnd HauptKirchen zu S. Georgen / zu sehen / so ein fürtrefflich vnnd künstliches Gebäw / auß lauter Quaderstücken auffgeführt; hat 3. Gewölb einer Höhe / jedes 65. Schuh hoch / so auff 24. herrlich grossen / vnd schönen Säulen ruhen. Der Circul zu dem Gewölb / hat 22. Schuh: vnd gehen die Einfang im Mittelwerck / vnd die Abseiten zugleich / eins mit dem andern / in einer Höhe in dasselbige gebogen / vnnd seyn alle Schloßstein getheilet. Anno 1448. ist der erste Stein daran gelegt / vnd der gantze Baw durch die Kunstreiche Meister Niclaß Ellern / vnd seinen Sohn / gleichen Nahmens / glücklich An. 1494. vollendet worden. Was sonsten allhie zu besichtigen / das erhellet auß beygesetztem der Statt Conterfait. Munsterus in Cosm. Crus. in Annal. Suev. Reusnerus de Urbib. Imperii, Dresserus in Urbib. Germaniae, Tras. Lepta de vita & rebus gestis G. Lud. à Seinsheim, Besold. in Thes. pract. verb. Außträg / p. 76. Autor von den Reichsvogteyen p. 137 seq. Acta Publ. Relat. vnd H. Georg Bernhard Abelin / etc. Summarische Beschreibung diser Statt / etc. Ihr Reichs: vnd Craiß Anschlag ist monatlich / einfach 208. Gulden / vnd nach dem erhöchten Anschlag / zu Vnterhaltung deß Cammergerichts / jährlich 183 Gulden / vor Jahren nur 110. Gulden. Vnd ist der Thaler für [60] 69. Kreutzer zu rechnen. In einer geschriebenen Verzeichnuß hab ich gelesen 138. Gulden 21. Kreutzer 3. Heller / wird aber vielleicht verschrieben worden seyn. Die Pfarr- vnnd HauptKirchen hat einen Catholischen Dechand / gleich wie das Carmeliten Closter einen Prior: Ist auch ein Teutscher Hoff allhie. Anno 1645. den 17. 27. Aprilis / Abends zwischen 5. vnd 6. Vhren / hat man vor dem Segeringer Thor / die Sonnen gantz blutroth gesehen / daß auch auß derselben ein vnzahlbare Meng blaw / schwartz / vnd fewrige Kugeln / wie Granaten / gefahren / die sich hin vnnd wider vertheilt / viel vber / vnnd in diese Statt / in der Gegend deß weissen Thurns / gefahren seyn. Hernach den 9. 19. Julij / ist die Statt voller kleiner weissen Vögel geflogen / welche / ohne daß sie Flügel gehabt / vnd etwas grösser gewesen / den Omeissen gleich gesehen. Darauf ist / den 20. 30. diß der Chur-Bäyrisch Obrist Creutz allher kommen. Den 10. 20. Augusti aber / nach der Allerheimischen Schlacht / haben die Frantzosen die Statt beschossen / vnnd den 14. 24. diß / mit schlechtem Accord einbekommen: Die gleichwol den 9. 19. Novembr. dieses Jahrs / die ChurBäyrischen wider mit Accord erobert haben. Anno 46. kam die Statt in Schwedischen Gewalt / vnd muste Herrn Anthoni Dieterichen / Freyherren von Kettler / Herrn zu Heringen / Obristen / als OberCommendanten / mit dritthalb Regimentern Schwedischen Volcks / einnehmen. Anno 47. vmb die Zeit der Belägerung Memmingen / haben sie / die Schwedischen / die Statt selber verlassen; da es dann nicht gar ohne Plünderung zugangen. Sonderlich sollen die Juden gantz geplündert worden seyn / den 9. 19. Octob. wie in dem tomo 6. Theatri Europaei stehet. An. 48. den 11. 21. April / ist Dünckelspühel wider auf Discretion / oder Gnad / vnnd Vngnad / an die Schwedischen vbergangen. An. 49. seyn der beyden Außschreibenden Herren Craißfürsten / Costantz / vnd Würtenberg / subdelegirte Commissarien / hieher kommen / die Execution / Vermög deß General-Friedenschlusses / auch allhie fürzunehmen; daß also nunmehr auch mit dem Rath allda ein andere Bewantnuß / als vor diesem / der Religion halber / hat / von dem Einer berichtet / daß es allhie einen Innern / Grossen / vnd Eussern Rath habe.

Es ligt das Dörfflein oder Weyler NewenStättlein ein Viertel Stundt / vnnd das Dorff Jagstzell / drey Stundt von der Statt.