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Tage im Walde

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Textdaten
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Autor: Friedrich Brunold
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Titel: Tage im Walde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 493–495
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[493]
Tage im Walde.
I.

Wie ist es so schön, so herrlich frisch im Wald! im Laubwald, wenn das Frühroth in der Ferne dämmert, der Morgenwind die Blätter rührt und die verschlafenen Bäume zum Erwachen zwingt; ein Specht zu hämmern anhebt, Goldhähnchen vorüber hüpfen, ein Eichhörnchen aus dem Neste guckt, ein Finke zu schlagen beginnt, der Pirol pfeift, die Drossel den Schnabel wetzt – und nun plötzlich sich die Spitzen der Bäume röthen, Thautropfen wie Diamanten glitzern, – einen Augenblick heilige Stille wird, als schritte der Herr durch den Wald – und dann die Sonne aufgeht! –

Es wird Tag. – Nun hebt Alles zu singen an; auf allen Zweigen regt es sich; überall lassen Vogelstimmen sich hören; ein allgemeiner Chor ist es geworden, und die Rehlein lauschen im Thalgrund altklugen Auges, bis ein Beilschlag in der Ferne laut wird, die Geschäftigkeit des Tages des Waldes Morgenfeier unterbricht, die Sonne höher und höher strebt, des Tages Last und Hitze des Waldes Morgenfeier vorüberrauschen macht. – Wie schön ist es im Walde! –

Das junge Mädchen aber, welches den Hügel hinaufstieg, war noch schöner; so jugendlich frisch, so lieblich anzusehen. – Von der entgegengesetzten Seite kam ein Bursch daher. Fröhlich sang er in den Wald hinein:

Und muß ich auch zum Wald hinaus,
Mein Herz bleibt doch bei Dir.

„Wenn’s nur wahr ist!“ unterbrach in diesem Augenblick das Mädchen den Sänger. – Und der, nun, der jodelte auf und lachte. Was er aber sagte, ich weiß es nicht. Verständlich aber war es gewiß, denn die Maid lächelte bei seinen Worten so selig glücklich, und ihr Auge leuchtete so wunderbar.

Sie ließen auf den Rasen sich nieder und saßen dort Hand in Hand. Droben im Laubdach saß ein Fink und schaute listig altklugen Aug’s auf die Beiden nieder. Er schien gar aufmerksam zuzuhören, hat auch gewiß alles verstanden, was die Beiden sich erzählt – will aber nichts sagen, nichts gestehen. Wenn ich ihn frage, singt er mir in’s Gesicht, und mir ist’s, als wolle er mir sagen:

Im Wald, im Wald, da ist’s gar still;
Was ich gehört, nie sagen will –
Du möchtest sonst es plaudern.
Der Wald, der Wald so manches sieht,
Was innig freut Herz und Gemüth –
Doch thät er nie es plaudern.

Der Schelm! als ob ich nicht verschwiegen wäre! Doch halt, wo sind die beiden jungen Leutchen geblieben? – Ei, sieh, das junge Mädchen geht dort, der Bursche dort – und keines thut, als ob es den andern kenne. – Macht das der Herr Förster, der soeben den Berg hinansteigt und dem die Maid so freudig entgegen eilt? Es ist ihr Vater.

Sie ging im Wald so vor sich hin
Und suchte in der Blätter Grün
Der Erdbeer’ rothe Früchte

Jetzt aber wirft sie einen Blick verstohlen zur Seite. Soeben steht der Bursch auf der Kuppe des Berges. Noch einen Schritt abwärts – und er ist verschwunden. Singt er nicht laut?

Ade, Du Maid, mein süßes Lieb,
Geschieden muß es sein! –

Der Förster hat mit den eben ankommenden Holzschlägern zu schaffen; er reicht der Tochter die Hand zum Abschiede und schreitet fürbaß.

Die Maid aber geht langsam, langsam nach Haus. Alle Freudigkeit scheint hin. Sie preßt die Hand auf das wogende Herz; eine Thräne stiehlt sich aus dem Auge – und leise spricht sie: „Werd’ ich ihn wiedersehen? Ach!“

Kein Feuer, keine Kehle kann brennen so heiß,
Als heimliche Liebe, von der Niemand nichts weiß.

Und die Sonne steigt höher und höher empor. Der frische Morgenwaldduft ist längst verschwunden. Laut dröhnt der Beilschlag, der Holzfäller. Ein Baum nach dem andern schlägt nieder. Ein eigenthümliches Aechzen wird beim Fallen vernehmbar, gleichsam als ob der Baum, der Jahrhunderte lang so frisch im Wald gegrünt, seinen letzten Todesseufzer aushauche, als nähme er Abschied von den Genossen, die mit ihm jung gewesen, mit denen er Sturm, Wetter und Sonnenschein gemeinsam getragen. Ein eigenthümliches Wehe durchzittert die Luft, wenn solch’ ein majestätischer Baum donnernd zur Erde fällt.

Die Menschen sind geschäftig im Wald, nur die Mittagsruhe derselben unterbricht den Lärmen. Die Thiere sind zumeist ruhig und still geworden, als pflegten auch sie auf kurze Zeit der Ruhe nach stundenlanger Arbeit. Der Gesang der Vögel wird nur noch in einzelnen Stimmen vernommen. Die Krähen sind in Schaaren nach den Feldern gezogen, die Blätter der Bäume hängen nieder. Alles athmet Ermattung. Doch nicht lange dauert diese Schwüle – die Sonne geht zur Rüste. Es will Abend werden.

Die Förstermaid ist wieder im Wald. Sie geht dem bald heimkommenden Vater entgegen. Oftmals aber bückt sie sich nieder, pflückt eine Waldblume ab, um sie als ein Orakel der Liebe zu benutzen. Sie zerpflückt dieselbe, und das Herz fragt bei jedem niederfallenden Blatt: liebt er mich? liebt er mich nicht? bis das letzte der Blätter, als ein glückliches Zeichen, ihr ein schmerzlich-freudiges [494] Lächeln auf die Wange lockt. – — „Zwei Jahre bleibt er fort! Wird er mir treu bleiben? Wird er erreichen, wonach er strebt? Und wird mein Vater, wenn das Ziel errungen, seine Einwilligung geben? Wird er mir oft durch seine Mutter schreiben?“ So fragt die Maid sich selbst. Träumend geht sie weiter – und malt in Gedanken die Zukunft sich aus.

Plötzlich aber schreckt sie auf. Leute nahen.

„Gute Nacht, Herr Förster!“ rufen die Holzschläger, und eilen den Fußsteig dahin; indeß der Förster die Tochter freundlich empfängt und mit derselben am Arm querein durch den Wald nach Hause geht. –

Und Abend wird es mehr und mehr. Die Krähen kehren in Schaaren vom Felde heim und lassen, laut mit den Flügeln schlagend, im Walde sich nieder. Jetzt lassen die Sänger des Waldes ihr Abendlied erschallen. Die Spitzen der Bäume röthen sich im Sonnenabendgold. Rehe und Hirsche eilen zum Waldsee hin. – Es ist so eigenthümlich laut ringsum, als suchten alle Geschöpfe noch dem Herrn ein Abendlied, ein Dankgebet darzubringen.

Doch die Sonne verschwindet; die Waldblumen schließen ihre Kelche; der Abendwind rauscht durch die Wipfel der Bäume – dann dunkelt es mehr und mehr; stiller, stiller wird es. – Der Abend vergeht – es wird Nacht. Alles scheint zu schlafen. Doch plötzlich regt, bewegt es sich im Walde; ein eigenthümliches Summen geht durch die Bäume; seltsame Stimmen werden laut; eigenthümliche Schatten huschen vorüber. Eine Eule schreit, ein Fuchs läuft dahin, der Ruf des Uhu tönt, ein Rudel Hirsche jagt vorüber, ein Marder schleicht vom Baume. Jetzt wachen die Glühwürmchen auf und erhellen das Moos; am Moor tanzen die Irrlichter. Jetzt schwebt auf dunklem Wolkensaum herauf das Mondenlicht.

Immer märchengrausiger wird es im Walde!

Gewiß! im Thalgrund tanzen die Wichtelmännchen schon; der Waldgeist jagt vorüber; auf dem dunklen See, wo bei Tage schon so geheimnißvoll die weißen Wasserlilien prangten, wird’s lebendig. Die Wassernixen steigen aus den Lilien auf, wiegen sich auf den breiten, dunklen Blättern – und rudern zum Strand. Jetzt scheint der Mond so hell; man sieht die Nixen deutlich auf dem Wiedengrund tanzen. Drüben aber im Tannenwald rauscht und dröhnt es, als zöge die wilde Jagd daselbst.

Horch! horch! jetzt hastiger Beilschlag. Holzdiebe fällen einen Stamm. Ein Schuß fällt. War es der Jäger oder der Wildschütz? – Nun aber ist Alles still. Mitternacht ist nahe. Ein Uhu rauscht geheimnißvoll durch die Lüfte dahin. – Wie märchengrausig ist’s im Walde! Langsam, still, gleich einer Friedensfahne schwebt der Mond auf dunklem Wolkenboot am Himmel entlang.

Doch welch ein Ton schallt Plötzlich durch die Luft, die geheimnißvolle Stille durchbrechend? Es ist ein Horn, es naht die Post. – Weit, weit hin durch den Wald erklingt das Lied des Postillons. Wie zauberisch wunderbar! – Die Passagiere denken, es sei Station; sie blicken verschlafen zum Wagenfenster hinaus. Sie sind im Walde. Ueberall dichter, dunkler Wald.

Jetzt aber macht der Weg eine Wendung, er wird breiter. Ein Giebel wird sichtbar. Es ist das Försterhaus. Lauter, schöner bläst der Postillon. Und droben im Giebelstübchen des Hauses fährt aus süßem Traum eine Jungfrau auf.

Schlaftrunken reibt sie sich die Augen. Sie horcht, sie lauscht. Schrieb der Geliebte schon? – Weiter, weiter fährt die Post, das Horn verstummt. Alles still. Die Maid schlummert ein –

Doch zieh’n durch ihre Träume
Posthorn und Mondenschein.



II.

Monden sind vergangen, Herbstnebel lagern im Gebüsch auf Flur und Heide. Kein Vogelsang erschallt, kein Sonnenstrahl glitzert durch die Zweige; tiefstill ist es im Wald, Hin und wieder fällt ein welkes Blatt von den Eichen und Buchen nieder; Sommerfäden, von dem Wiesenrain herübergeweht, hängen schlaff, feucht von den Wachholderbüschen herab; ein fallender Tannenzapfen durchbricht auf einen Augenblick die melancholische Stille, eine Mandelkrähe huscht von Ast zu Ast, indeß ein Dohlenschwarm, auf schiefer, vom Blitz gespaltener Weide hockend, wie aus dumpfem Schlaf erwachend, träge aufblickt; dann ist es wieder still, nebelstill – Herbst lagert auf Flur und Wald.

Jetzt aber erschallt aus hoher Luft die Stimme wandernder Kraniche, ein Volk Rebhühner schrillt auf am Waldessaum, um gleich darauf nicht fern im Thalgrund wieder nieder zu fallen; der Krammetsvogel[1] läßt sich hören, die Rohrdommel schreit, das Heer der wilden Enten schnattert im säuselnden Schilf – und fern im Hochwald ertönt die dumpfe, weitdröhnende Stimme eines majestätischen Hirsches.

Wie so anders ist es in den Tagen des Herbstes im Wald! Jeder Blick sagt, daß der Winter naht. Alles bereitet sich auf den Winterschlaf: Baum und Strauch, der ganze Wald mit seinem Grün, mit seinen lebendigen, frohen, heiteren Bewohnern. Nur die dunkelgrünen Tannen wollen von Hoffnung sprechen und sich ihrer Nadeln nicht entkleiden. Die Vögel aber, die den Winter scheuen, zogen zumeist bereits dem schöneren Süden zu.

Hastig durchschreiten Männer den Forst; im Herbst ist nicht gut weilen im Walde. Die Jägermaid aber, die sonst so frisch, so keck den Wald durcheilte, schleicht heut so langsam, traurig dahin. Sie schaut nicht um, sie blickt zur Erde nieder. Waldmann, der treue Hund, das alte gute Thier, wedelt ihr zur Seite und blickt sie mit seinen klugen Augen so fragend an, so verständig, als wollte er sagen: „Laß gut sein, Herz! Sei nicht betrübt! es wird einst wieder Frühling werden!“ – Sie aber, als müsse sie auf diese Gedanken antworten, schüttelt das Haupt – und zerdrückt eine Thräne im Auge. Eine Eidechse rasselt durch das welke Laub, das den Boden rings bedeckt, eine Feldmaus schlüpft in ihr Loch – und ein Hase läuft über den Weg. Der Hund bellt, er will dem Wild nach, doch die Maid hält ihn zurück und sagt, begütigend ihm die Seite klopfend: „Kusch Dich! Mir bedeutet sein Ueber-den-Weg-laufen kein Unglück mehr. In der Brust steht es geschrieben, die Ahnung hat es mir längst gesagt: Er blieb nicht treu! Zwei Jahre gab er Frist, dann wollte er wiederkehren treu und bieder. Der erste Herbst schon machte seine Liebe welken.“

Busch und Wald mag sich entlauben,
Aber treue Liebe nicht;
Kenntest wohl das Glück mir rauben;
Daß ich lieb’ Dich, mußt Du glauben –
Lieb’ Dich, bis das Herz mir bricht.

Weiter eilt sie. Im jungen Birkenausschlag, mit Fichten untermischt, ist der Dohnenstrich. Schon glänzen ihr die rothen Ebereschenbeeren aus den Dohnen entgegen. Hin und wieder hängt in den Schleifen ein Vogel schlaff und todt. Dort, in jener Dohne am alten Fichtenstamm, hat sich soeben eine Schwarzdrossel gefangen; noch flattert das Thier.

Die Maid schreitet hastig hinzu, löst die Schleife und läßt den Gefangenen fliegen.

„Nimm Deine Freiheit, Dein Leben wieder!“ ruft sie laut. Und auf die übrigen todten, bereits ausgelösten Vögel in ihrer Hand blickend, sagt sie: „Wie hat euer Fang mich sonst erfreut! – Und nun?“

In diesem Augenblicke trottelte ein alt Mütterchen an der Seite eines jungen Mädchens vorüber. Beide haben Reisig auf dem Nacken. Sie grüßen die Maid. Die alte Frau aber sagte, als sie vorüber war und sicher, daß ihre Worte nicht mehr gehört werden konnten: „Die hört auch im nächsten Jahr den Kuckuk nicht mehr schreien! – Wohnt das Mädel so schön im Wald, hat so schmucke Jägersleut’ oft im Haus – und muß ihr Herz an den Einen hängen, der sie nun sitzen läßt! – Ja, ja! Der Wind hat die Blüthen der Heckenrosen längst verweht; aber ein Paar derselben hat er auf die Wangen der Jägermaid gezaubert – und da blühen sie fort, Allen sichtbar – als Grabesrosen. – Siehst Kind! So geht’s! Sah’ die Lieb entstehen – und vergehen. Der Nachbarin Bursch lief so emsig zum Wald, der Dirne nach; bis er das Herz der Maid gefangen, wie einen Vogel in der Schleife. Seine Augen und sein rother Mund das waren die rothen Ebereschenbeeren, die den Vogel kirrten; und seine Worte waren die Locktöne, die ihn bezauberten, bis er gefangen saß. Wie oft trafen sie sich im Wald! Hab’s oft gesehen. Mich alte, arme Frau haben Beide freilich nicht beachtet. – Was sich liebt, das sucht und findet sich. Auch bei der Mutter des Burschen kamen sie zusammen. Und als er Abschied nahm, in Hoffnung nach wenigen Jahren als Mann zurückkehren zu können, der im Stande sei, den eigenen Heerd zu gründen: da machte die Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen den Abschied ertragen. – Es sollt’ anders kommen! Noch ist kein Jahr in’s Land gelaufen, und schon hat der Bursch, der so treu und bieder schien, das Mädel vergessen und [495] sein Herz der reichen Tochter seines jetzigen Herrn zugewendet. – Man spricht davon, es solle bald Hochzeit geben!“

„Der Garstige!“ fiel das junge Mädchen ein. „Hätt’s von Dem nicht geglaubt. – Doch das Geld!“

Sie schritten weiter. Die Förstertochter aber blickte wie träumend den Beiden nach. Sie hatte die alte Frau erkannt; sie hätte so gern ein Wort mit derselben gewechselt – und hatte es doch nicht gethan. Die Brust war ihr zu übervoll. Der Schmerz macht meist verstummen. Frost durchschauert sie; sie fühlt den Abend nahen. Mehr und mehr qualmen die feuchten Dünste aus dem Moosgrunde auf, Nebelschatten ziehen vom Moore her. Das sind die Fieber, die aufsteigen; die kalten Sumpffieber, die den Menschen erfassen, bis er, langsam hinsiechend, in’s Grab steigen muß.

Die Jungfrau, ihre todten Vögel am Arm, schreitet dem Vaterhause zu. Tiefer sinkt der Abend nieder. Der Hund wird unruhig. Fern, im Hochwald, ist große Jagd. Dumpf schallen einzelne Töne herüber; vor kurzem fiel ein Schuß. – Jetzt rasselt es in den Zweigen der Schonung; man hört’s, ein Thier bricht sich keuchend in mächtigen Sätzen Bahn, durch das Dickicht. Der Hund stutzt, er spitzt die Ohren. Jetzt ist das Wild nahe. Dort! dort! ein majestätischer Zwölfender, stark schweißend, keucht heran. Jetzt ist das Thier zur Stelle, wo die Jungfrau steht; es stutzt; es hebt sich mit mächtigem Satze ans, es stößt den eigenthümlichen Ton aus, jenen Ton, den das Wild von sich gibt, ehe es stirbt – und endet zu den Füßen der Maid.

Du armes, schönes Thier! wie drang Dein Todesseufzer der Jungfrau so tief in das Herz; wie blickten Deine klugen, großen Augen dieselbe so bittend, bittend an, als sprächen sie: Hilf mir! Sie darf nicht weilen. Näher dringt die Jagd. Schon hört sie die herantobende Meute. Auch ihr Hund wird unruhig und will sich nicht zufrieden geben. Scheu, flüchtig, wie ein gejagtes Reh, eilt sie dahin durch den Wald, dem Vaterhause zu.

Lauter, wilder tobt die Jagd. Ein mächtiges Halloh ertönt. Die Beute ist gefunden. Die fröhlichen Jäger versammeln sich. – Noch kurze Zeit und die Jagd ist beendet. Still wird es im Wald. Die Nacht beginnt. Der Fuchs durchstreift, als unberufener Jäger, den Dohnenstrich, der Baummarder schlüpft aus seinem Loch heraus, die Eule glotzt von den Zweigen herab. Aber dies Alles macht den Wald nicht lebendig; es bleibt dumpfstill; selbst kein Mondenstrahl wagt sich hervor.

Es ist als webten die Stunden
Ein Nebeltodtenkleid;
Wald, Feld ist wie gebunden,
Verzaubert in dumpfem Leid.

5
Kein Vogel läßt sich hören,

Kein Mondlicht zeigt sich jetzt –
Matt schimmern die alten Föhren –
Herbstnebel sich drüber setzt.




III.

Und nun sind die Wege verschneit. Der Winter ist gekommen. Wieder verändert ist der Wald. Unter der weißen, warmen Schneedecke scheint Alles wie vergraben, wie todt zu ruhen – und doch sprosset schon ein neues Leben unter der kalten Winterhülle hervor, von Niemand gesehen, von Wenigen geahnt und beachtet.

Auch die Grabesrosen auf den Wangen der Maid im Forsthause waren schöner und dunkler erblüht, indeß die Wangen selbst bleich und bleicher geworden waren, und die Augen wie in überirdischem Glanze zu leuchten begonnen hatten. Das Alles sprach von keinem kommenden Frühling, das waren nicht Zeichen von Genesung.

Die Blätter, eh’ sie fallen,
Färben sich schön und roth,
Der Sterbenden schnell Genesen
Und Lächeln bedeutet Tod.

5
Der Augen himmlisch Glänzen,

Ein Wort, von Hoffnung erfrischt,
Das ist der Lampe Flackern,
Aufleuchten, eh’ sie verlischt.

Christnacht ist heut; die Weihenacht ist gekommen. Ein eigenthümlich Weben und Feiern geht durch den Wald, durch die ganze Welt. Es ist, als wäre die ganze Erde mit Wonne durchschauert, als müsse jede Creatur in Freude jauchzen: „Christ ward geboren!“

Der alte Förster lehnt am Fenster seines Hauses und blickt in den Wald hinaus. Der alte Mann sieht recht eigen schmerzdurchschauert, wehmüthig aus. Denkt er vielleicht der Sage jetzt, die da spricht, daß der Herr einst in heiliger Weihenacht durch den Wald geschritten sei und die Bäume daselbst gesegnet habe, so daß auch sie seit der Zeit in der Christnacht eine Stunde erblühn – und in voller Zier des Frühlings prangen? Hofft er dies Blühen gewahr zu werden?

Der alte Mann blickt so eigenthümlich ernst in den Wald hinein, zum Himmel auf, als habe er beiden so recht viel zu sagen und zu vertrauen. – Er kennt ja fast jeden Baum im Walde, er hat viele derselben noch gepflanzt, die jetzt schon zu kräftigen Bäumen herangewachsen sind. Wie lange wird es dauern, und man schlägt sie nieder, man senkt auch ihn hinab in die kühle Erde. Ein Anderer tritt an seine Stelle, der den Wald nicht so lieb haben kann, als er ihn hat. Er ist ja in demselben groß geworden; der Wald hat ihn gesehen als Jüngling, als Mann, als Greis; der Wald vernahm seine Freude, sein Leid, sein Weh.

Und heut ist der Mann so stumm. Er leuchtet keine Wildspur im Schnee; er lauscht nicht auf den Beilschlag der Holzdiebe, noch auf den Schuß des verwegenen Wildschützen. Er steht am Fenster und starrt in die Dämmerung hinaus. Hat er den Weihnachtsbaum nicht anzuzünden? Drüben im Städtchen glänzet schon Haus bei Haus Licht um Licht. Ueberall prangen die Christbäume schon; die jubelnden Kinderstimmen sind erwacht – Freude ist überall.

Und der Wald liegt schweigend, ernst im Schnee begraben. Die Sterne funkeln, der Mond durchleuchtet ihn überall.

Der alte Mann ist vom Fenster verschwunden.

Die Tannenbäume wiegen
Ihr Haupt so sorgenschwer,
Auf allen Zweigen liegen
Schneeflocken rings umher.

Die Nacht brach ein. – Tief im Walde fährt die Post; die Wege sind verschneit, langsam fährt der Postillon, die Passagiere nicken schlafesmüd. – Nur in der einen Ecke des Wagens vernimmt man leises Flüstern. Dort sitzt ein Bursch mit seinem Lieb im Arm, mit seiner Braut. Heut führt er dieselbe seiner Mutter zu; das soll derselben schönstes Christgeschenk sein. Wie Viel, wie unendlich Viel haben die Beiden sich zu sagen!

Jetzt bläst der Postillon! Wie herzgewinnend tönt das Horn! Der dritte Passagier, ein Jüngling, der zur Heimath reist, ist erwacht. Der freut sich des Klanges. Er öffnet das Wagenfenster, er starret in den Wald hinaus; er will des Hornes Ton so ganz vernehmen. Plötzlich aber bricht der Postillon in schönster Melodie des Liedes ab. Ein heller Lichtglanz, vom Forsthause her kommend, durchleuchtet den Wald zur Stelle, die Landstraße entlang. Die Pferde beugen den Kopf zum Lichtschimmer hin; der Postillon hat sich im Sattel erhoben und schaut gleichfalls hinüber zum Hause, indeß der Wagen einen Augenblick zu stehen scheint.

Der Jüngling beugt sich weit zum Fenster hinaus, während auch das Paar im Wagen sich zu ermuntern scheint; er ruft: „Gewiß! im Forsthaus brennt der Weihnachtsbaum. He, Schwager, haltet!“

Der aber wendet sich im Sattel um und sagt: „Das ist kein Weihnachtsbaum, das sind die Lichter, die der Förster um den Sarg seiner Tochter angezündet. Sein Kind liegt auf der Todtenbahr!“

Im Wagen vernahm man nach diesen Worten einen Schrei. Der Bräutigam stieß ihn aus. Krampfhaft preßte er die Braut an sich, indeß eine Thräne unwillkürlich von seiner Wange rollte, und eine mahnende Stimme in seinem Herzen sprach: „Das ist Dein Werk! Die Jungfrau starb um Dich!“ Rasch rollt der Wagen durch den Wald dahin. Mitternacht ist nah. Jetzt geht’s den Berg hinab; die Stadt liegt tief im Thal; noch kurze Zeit, dieselbe ist erreicht. Wiedersehn bringt Freude meist; auch die Reisenden werden voll Freude empfangen.

Fern im Walde aber weint ein greiser Vater am Todtenbette seines einzigen Kindes!

Weit ab, entfernt, im Fichtenwald,
Weglos, thalwärts, waldein;
Liegt, ringsum Föhren, grau und alt,
Ein Friedhof, eng und klein.

5
Am Kreuze Moos und Moos am Zaun,

Kein Laut die Ruh durchbricht;
Altklugen Aug’s hinüberschaun
Die Reh’ im Mondenlicht.

Schlaftrunken rings die Fichten stehn,

10
Das Wild schaut ernst darein –

Der Herr scheint durch das Thal zu gehn –
Es kann nicht stiller sein.

Von fern klingt Glockenläuten her;
Der Ton ruft: Weihnachtszeit! –

15
Nacht wird’s am Friedhof mehr und mehr;

Dichtflockig still es schneit.

F. Brunold.



  1. w:de:Wacholderdrossel