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TBHB 1953-06-16

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Hans Brass
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Titel: TBHB 1953-06-16
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Entstehungsdatum: 1953
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Originaltitel: Dienstag, 16. Juni 53.
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ungekürzte Tagebuchaufzeichnungen vom 16. Juni 1953
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Einführung

Der Artikel TBHB 1953-06-16 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 16. Juni 1953. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über fünf Seiten.

Tagebuchauszüge

[1]
Dienstag, 16. Juni 53.     

[1]      Gestern beförderte ich den ersten Teil der zusammengepackten Bilder. Es waren sechs Bilder, u. zwar die kleineren, die ich eben noch tragen konnte. Ich fuhr mit der U-Bahn zum Bf. Friedrichstraße, von dort mit der S-Bahn nach Steglitz, wo ich sie nach Verabredung mit Frau Dr. Thim-Sieberg in der kleinen Kunsthandlung von Frau Oldenburg, die sich dort im Bahnhofsgebäude befindet, abstellen wollte. Herr Thim wollte sie dann von dort aus im Wagen abholen. Es war das schön ausgedacht, aber Frau Oldenburg war nicht da, das Geschäft war geschlossen. Es war ½ 11 Uhr. Nachfrage in anderen Geschäften ergab, daß Frau Oldenburg sonst gewöhnlich um diese Zeit ihren Laden öffnet. Es befindet sich vor dem Bahnhof eine kleine Wartehalle der Straßenbahn, dort setze ich mich hin u. wartete, es war sehr heiß. Ich wartete eine volle Stunde vergeblich. Da ich kein Westgeld besaß, wechselte ich mir in einer Bank 25 Pf. Fahrgeld ein u. fuhr dann mit der Elektrischen nach der Grunewaldstr. direkt zu Thim-Sieberg. – Man bedauerte mein Mißgeschick sehr und entschädigte mich mit einem Glase vorzüglichem Apfelsaft, belegten Brötchen und Käsekuchen. Ich sprach zunächst nur mit Herrn Thim, seine Frau war noch mit der Sprechstunde beschäftigt. Herr Thim zeigte mir einen Katalog einer Ausstellung des Bildhauers Hartung im Haus am Waldsee. Er hatte einmal Zeichnungen im Musikstudio ausgestellt. Wir kamen darüber in Unterhaltung über abstrakte Kunst. Herr Thim ist sehr dafür zu haben, während ich Vorbehalte machte. [1] Hartung hatte da abstrakte Gebilde geformt, die der Anregung alter Baumstümpfe entsprungen waren, wie man sie zuweilen im Darss findet. Sie sind vom Meerwasser [2] ausgespült u. geschliffen u. haben oft sehr interessante Formen. Hartung war einmal in Ahrenshoop, wo ich ihn sehr flüchtig kennenlernte. – Nun, ich machte geltend, daß bei derartigen Kunstgebilden, die nichts anderes sind als abstrakte Formen, stets ein Gefühl des Unbefriedigtseins verbleibt. Wenn solche Gegenstände klein sind, sodaß man sie auf den Tisch stellen u. leicht in die Hand nehmen kann, können sie Freude machen, denn es macht Freude, sie zur Hand zu nehmen u. die Formen abzutasten. Werden sie aber groß u. monumental gebildet, wie Hartung das tut, dann werden sie leicht quälend oder gar unheimlich, jedenfalls irgendwie unbefriedigend. Die Aufwendung an Kraft u. Material für die Darstellung solcher Dinge steht in keinem Verhältnis zu ihrem Eigenwert. Herr Thim vertrat dagegen die Ansicht, daß eben Form Form sei, ob sie nun ein Menschen oder ein Tier oder ein Baum sei. Ich wandte dagegen ein, daß das wohl für ganz abstrakte geometrische Gebilde gelte, aber nicht für solche Gebilde, welche noch irgendwie die Form u. die Erinnerung an Gegenstände bewahren, von denen sie abstrahiert wurden. Ein gleichschenkliges Dreieck bleibt ein solches, ob es nun eine momumentale Pyramide darstellt oder ein zartes Birkenblatt. Es ist unabhängig von der Dimension. Einen Menschen, ein großes Tier kann man überdimensional bilden, es kann ein Adler etwa überdimensional gebildet werden, aber nicht ein Spatz oder ein Kanarienvogel. Natürlich kann man auch das, aber dann entsteht eben das unbefriedigende Gefühl, daß da Arbeit, Mühe, Kraft u. Material verschwendet worden ist an einen nichtigen Gegenstand, obwohl doch ein Spatz durchaus nicht weniger kunstvoll gebildet ist wie ein Adler. – Und dieses Kriterium findet seine Anwendung bei all den modernen, völlig abstrakten Malereien, die man heute oft sieht, bei denen ein Maler eine große Leinewand mit bunten Flecken, Strichen u. Linien füllt, ohne daß der Beschauer den geringsten Anhaltspunkt findet, was das bedeuten soll. Ein Schmetterlingsflügel ist ein wunderbares Gebilde, wird er aber überdimensional u. monumental gebildet, dann verkehrt sich sein wunderbarer Reiz in Unheimlichkeit. Solch eine große Leinewand mit bunten Flecken u. Linien ist ein großer Aufwand an Kraft u. Material für eine Nichtigkeit, die in kleiner Form entzückend sein kann. Klee's kleine [3] farbige Blätter sind wundervoll, aber überdimensional vergrößert verlieren sie jeden Reiz. Eine Fliege, die mit ihren dünnen Beinchen ihre Glasflügel u. ihr Köpfchen reinigt, ist ein Wunder an Zartheit, aber einen Meter groß ist sie unheimlich. – Nun, wir wurden mit unserem Gespräch nicht fertig und müssen dasselbe ein andermal fortsetzen, denn seine Frau kam herein. Sie zeigte mir ihre Kinder, einen eben vierjährigen hübschen Knaben u. ein etwa zweijähriges Mädchen mit blonden Locken u. sehr zutraulich. Ich wurde angelegentlich gebeten, zum Mittagessen dazubleiben, und Frau Dr. Thim-Sieberg erbot sich, mich nachher zum Fehrbelliner Platz zu fahren, wohin ich wollte, um die Ausstellungspapiere für die Juryfreie zu holen u. gleichzeitig den Jahresbeitrag zu entrichten. Sie fährt nämlich jeden Tag ihren Mann in die Musikhochschule, wo er sein Examen als Musikpädagoge macht, u. holt ihn von dort auch wieder ab. Die Hochschule liegt in Lankwitz. Wir fuhren also nach dem Essen erst dorthin, setzen Herrn Thim dort ab u. dann fuhr mit Frau Dr. T-S. zum Fehrbelliner Platz. Sie hat einen kleinen, netten Wagen, den sie ausgezeichnet u. sehr sicher fährt. Auf dem Wege kamen wir in Friedenau an der Marienkirche vorbei, wobei sich ergab, daß sie mit dem ehemaligen Pfarrer dieser Kirche Menzel, mit dem ich in meiner Konvertitenzeit so trübe Erfahrungen gemacht habe, kennt und noch heute gelegentlich verkehrt. – Wir verabredeten, daß sie am Donnerstagnachmittag ihren Mann zum Lehrter Bahnhof bis zur Zonengrenze fahren würde. Ihr Mann fährt dann mit der S-Bahn zur Friedrichstraße, um mich und die restlichen Bilder abzuholen. Er wird die Bilder zum Bahnhof Friedrichstraße tragen, am Lehrter Bahnhof werden wir dann wieder in’s Auto steigen u. nach Steglitz fahren. So kriege ich die Bilder verhältnismäßig mühelos dorthin. – Nachdem ich im Büro des Berufsverbandes meine Angelegenheiten erledigt hatte, fuhr ich dann vom Fehrbellinerplatz mit der U=Bahn wieder nachhause. Ich traf im Büro den Geschäftsführer Wellenstein, beklagte mich, daß meine Bilder im vorigen Jahre zwar sehr gut gehängt, aber in scheußlicher Umgebung waren u. interessierte ihn für eine bessere Plazierung in diesem Jahr. Hoffentlich hat's Erfolg. – Ich war gegen 3 Uhr wieder zuhause u. Elisab. kam bald darauf aus dem Dienst, der sie infolge der Neuheit recht anstrengt. Ich hoffe, daß das mit der Zeit leichter wird.–

[4] Nachmittags 3 Uhr 15 Min.

     Eben hörte ich auf der Straße Geschrei u. Rufe. Ich sah aus dem Fenster. Es liefen viele Halbwüchsige, Jungen u. Mädchen vorbei in Richtung Oranienburger Tor. Hinterher kam eine ungeordnete Menschenmenge. Beim Näherkommen sah man, daß es vorwiegend Bauarbeiter waren, untermischt mit Kleinbürgern jeden Alters. Alle Arbeiter waren in Arbeitskluft, viele trugen Hämmer u. a. Gegenstände. Vorauf wurde ein großes Transparent getragen, dessen Wortlaut ich nicht genau lesen konnte, das aber besagte, daß die Demonstranten die Herabsetzung der Arbeitsnormen verlangten. Einzelne Gruppen riefen im Chor: „Wir brauchen keine Volksarmee!“ – „Wir lassen uns nicht mehr ausbeuten!“ – „Wir wollen Generalstreik!“ Der Zug bewegte sich vom Bhf. Friedrichstr. her zum Oranienburger Tor, wohin er dann weiter ging, konnte ich nicht sehen, weil der Erker meines früheren Ateliers die Sicht versperrte. Der Zug nahm die ganze Straßenbreite ein, sodaß kein Fahrzeug fahren konnte. Ich sah keinen einzigen Volkspolizisten, obgleich die Polizei doch sonst mit ihren Ueberfallwagen sofort zur Stelle ist.

     Gleich nachdem der Zug vorüber war, kam Elisabeth, die hinter dem Zug hergegangen war. Sie hatte gefragt, was das zu bedeuten habe, man sagte ihr, daß es die Bauarbeiter aus der Stalinallee seien, die die Arbeit niedergelegt hätten. – Der Rias hatte gestern bereits von einzelnen Arbeitsniederlegungen berichtet. Heute bei den 2-Uhr-Nachrichten hatte er diesen Bericht wiederholt u. hatte behauptet, daß die Arbeiter in der Stalinallee demonstrierten. Ich hatte das für eine Uebertreibung gehalten, aber nun sah ich's mit eigenen Augen.

     Der Terror hat mit den jüngsten Erklärungen der Regierung nur wenig nachgelassen, aber das genügte schon, um die Erregung der Arbeiter zur Explosion zu bringen. Es ist das erste Mal, daß die allgemeine Gegnerschaft gegen die Regierung sich Luft gemacht hat, es ist das erste Mal, daß man wirklich sieht, wie diese Gegnerschaft breiteste Schichten ergriffen hat, vor allem die jungen Menschen, denn die Demonstranten waren zum größten Teil junge Arbeiter. Ich hatte immer gefürchtet, daß die jungen Menschen schon zu verhetzt sein würden, aber nun sehe ich, daß das nicht der Fall ist. – Mich hat diese Sache ungeheuer [5] erregt, ich winkte den Demonstranten aus dem Fenster zu. [5] Man darf dabei ja nicht vergessen, daß es gerade eben in der Tschechoslowakei ebenfalls zu Streik u. Demonstrationen gekommen ist, in Pilsen sollen die Arbeiter das Rathaus gestürmt haben. Hoffentlich ist dies nun der Anfang des Endes. –

     Anni war mit Bettinchen grade eben zum Invalidenpark gefahren, als der Zug hier vorbeikam. Elisab. ist jetzt ebenfalls zum Invalidenpark gegangen.

     4,30 Uhr.

     Im Rias hörte ich eben, daß die Demonstration von der Stalinallee ausgegangen sei. Sie habe sich zuerst zum Regierungsgebäude der Zonenregierung in der Leipziger Straße bewegt (wo dieses Gebäude ist, weiß ich nicht). Die Minister Rau u. Selbmann hätten sich der Menge gezeigt u. hätten sprechen wollen, aber die Menge habe sie nicht reden lassen, sondern habe gerüfen: „Ulbricht und Grotewohl – abtreten!“ - Schließlich habe Selbmann von einem Tisch herunter zur Menge geredet u. gesagt, daß die Normenerhöhungen für die Stalinallee abgesetzt werden sollten. Die Demonstranten haben geantwortet, sie wollten Absetzung aller Normenerhöhungen, nicht nur in der Stalinallee. Selbmann ist ausgepfiffen worden. Die Polizei griff nicht ein. Der Zug hat sich dann in Richtung Alexanderplatz weiterbewegt, also kann der Zug, der hier vorbeikam, etwa 2000 Menschen, nur ein kleiner Teil jenes Demonstrationszuges gewesen sein. Die Regierung hat dann Lautsprecherwagen durch die Straßen fahren lassen, die verkündeten, daß alle Normenerhöhungen abgesetzt werden sollten, aber das habe bei den Demonstranten nur Hohngelächter u. Pfeifen ausgelöst. – Die Demonstrationen dauern zur Stunde noch an, begünstigt durch sehr schönes Wetter. Nirgends hat die Polizei sich sehen lassen. –