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TBHB 1943-03-28

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Hans Brass
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Titel: TBHB 1943-03-28
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Entstehungsdatum: 1943
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Originaltitel: Sonntag, den 28. März 1943
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ungekürzte Tagebuchaufzeichnungen vom 28. März 1943
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Einführung

Der Artikel TBHB 1943-03-28 zeigt die ungekürzten Tagebuchaufzeichnungen von Hans Brass vom 28. März 1943. Diese Aufzeichnungen erstrecken sich über drei Seiten.

Tagebuchauszüge

[1]
Sonntag, den 28. März 1943     
3. Fastensonntag.     

     Die Woche verlief ruhig u. ereignislos. Bei dauernd schönem Frühlingswetter viel im Garten gearbeitet, den Steingarten erweitert, von Rewoldt einige Stauden dazu bekommen. Frau Dor Westerich aus Hmb.traf ein auf der Flucht vor Bombenangriffen, mit ihrem kleinen Kinde. Sie erzählte viel Schauerliches von den Angriffen auf Hamburg. Aber trotz günstigstem Flugwetters blieb alles ruhig, – bis gestern Abend um ½11 Uhr wieder starkes Motorengeräusch einsetzte, das sich von Minute zu Minute steigerte. Es müssen viele Hunderte von Bomben gewesen sein, die über uns hinweg flogen, denn der Spektakel dauerte ununterbrochen u. ohne die geringste Schwächung bis 1/2 1 Uhr Nachts. Man sah wohl zeitweise die Flak in Rostock stark schießen, aber Bomben wurden nicht geworfen bis auf eine einzige, die anscheinend in nordöstlicher Richtung niedergegangen ist. Vermutlich sind diese Bomber alle gegen Berlin geflogen. Merkwürdigerweise verbreitete sich hier schon seit vorgestern das Gerücht, daß am Sonnabend ein Großangriff auf Berlin erfolgen würde. Nähere Nachrichten habe ich bis jetzt nicht gehört, im Rundfunk war heute früh davon nicht die Rede, – ich habe ihn zwar nicht ganz gehört; aber man wird wohl bald Näheres hören. –

     Im „Reich“ schreibt Hans Schwarz van Berk einen Artikel: „Aengste und Träume“, – der insofern für mich von Interesse ist, als er meine Ansichten über die Kriegslage zu widerlegen sich bemüht, woraus ich entnehmen kann, daß ich offenbar mit meiner Ansicht nicht allein stehe, sondern daß dieselbe sehr verbreitet zu sein scheint. Natürlich stellt Herr Schwarz diese Ansicht als komplette Idiotie hin; aber warum schreibt er dann einen ganzen Artikel darüber, um diese Idiotie zu widerlegen? Immerhin macht er einige interessante Geständnisse. Er sagt, daß niemand wisse, wann u. wie dieser Krieg zu Ende gehen wird, – also auch Herr Sch. nicht! – u. daß deshalb die europäische Geduld zwischen Aengsten u. Träumen hin u. her gerissen werde. Daß die Angst vor dem Bolschewismus eine schon fast hysterische Form angenommen hat, das liegt doch in erster Linie an der Hetzpropaganda unserer Regierung – u. das hat ja diese Propaganda auch gewollt. – Und dann macht er sich lustig über die „wunderliche Weise“, wie manche Leute sich den weiteren Verlauf des Krieges vorstellen. Zu diesen Leute gehöre auch ich. Auch ich glaube – oder hoffe doch wenigstens, – daß die Engländer und Amerikaner bald in Norwegen oder Nordfinnland landen werden u. gleichzeitig durch die Dardanellen oder durch Griechenland nach Rumänien marschieren werden, um dort unsere einigen Erdölquellen abzuschneiden u. so eine Fortsetzung des Krieges unmöglich machen werden. Noch mehr: ich hoffe, daß sie gleichzeitig durch Italien u. Frankreich, – Belgien – Holland marschieren werden u. daß sie ganz Deutschland besetzen werden, ehe die Russen Zeit haben, ihrerseits Deutschland zu besetzen. Es ist das die einzige Möglichkeit, die uns vor den Bolschewisten, [2] retten kann, denn wenn wir im Augenblick auf deren Vormarsch gestoppt haben, so ist damit die Gefahr doch nicht abgewendet. Eine solche Abwendung wäre nur möglich bei einer vollständigen Niederwerfung des Bolschewismus u. daß dieses unmöglich ist, das müßte auch Herr Schwarz wissen. In der Tat behauptet er einen solchen Sieg auch nicht. – Und nun kommt der Denkfehler des Herrn Schwarz, – der allerdings auch leider der Denkfehler unserer Regierung sein wird: er setzt als selbstverständlich voraus, daß wir uns dem Einmarsch der Verbündeten widersetzen werden u. daß es darum zur kriegerischen Verwüstung von Frankreich, Italien, Skandinavien u. dem Balkan kommen müsse, u. schließlich auch Deutschlands. Nachdem uns aber unsere Propaganda die russische Gefahr so riesengroß gemalt hat, müßte in Deutschland doch jedermann einsehen, daß dann Engländer u. Amerikaner unsere wahren Freunde sind, die uns allein vor dieser russischen Gefahr zu erretten vermögen, – u. wenn man das erst einmal eingesehen hat, dann wäre es natürlich Wahnsinn, sich dem Einmarsch mit Waffengewalt zu widersetzen, anstatt sie mit hellem Jubel als Retter aus der russischen Gefahr zu begrüßen. – Allerdings: die Nationalsozialisten werden einen solchen Einmarsch nicht überstehen, sie werden dem Schicksal erliegen, – u. da liegt der Hase im Pfeffer. Es handelt sich eben für diese Leute garnicht darum, Deutschland vor dem Bolschewismus zu retten, sondern es handelt sich allein darum, den Nationalsozialismus zu retten, d.h. das Leben dieser sog. „Führer“ zu retten! u. dazu gehört auch Herr Schwarz van Berk. Es ist doch gradezu eine ganz niederträchtige Demagogie, einesteils die russische Gefahr als so riesengroß u. furchtbar zu schildern, daß das Volk garkeinen anderen Gedanken mehr hat, wie es dieser einen Gefahr begegnen kann, u. andernteils die einzige Rettung, die es dagegen gibt, zu sabotieren u. sich ihr entgegenzustellen. Das eben ist das Furchtbare, daß diese Leute im entscheidenden Moment so handeln werden, weil sie eben nicht Deutschland, sondern sich selbst retten wollen. Wenn Herr Schwarz von dem Elend u. den Massengräbern spricht, die der Einmarsch der Engländer u. Amerikaner in Deutschland verursachen würde, dann käme das alles allein auf die Schuld der Nazis. Herr Schwarz fängt jetzt an, – nachdem er bisher immer die bolschewistische Gefahr gemalt hat, – nun auch diese andere Gefahr zu malen u. er stürzt damit das Volk in die wahnsinnigste Verzweiflung. Wer denkt da nicht an den Mann aus Syrierland mit seinem Kamel? – Es ist offenbar die klare Absicht dieser Leute, das Volk in solch hoffnungslose Verzweiflung zu stürzen, denn nur die Panik kann das Volk hindern, klar zu denken u. zu erkennen, wo heute noch die einzige Rettung liegt. Wenn nämlich das Volk, – und damit auch die Wehrmacht, – diese Sachlage erkennen würde, dann könnten die Nazis davon überzeugt sein, daß ein Einmarsch den Engländer u. Amerikaner keine Massengräber, keine zerstörten Städte u. keine Epidemien u. Seuchen zur Folge haben würde, wie es Herr Schwarz [3] in seinem Artikel an die Wand malt, um neuen Schrecken zu verbreiten. Man kann nur hoffen, daß die Nerven des Volkes jetzt zu überspannt worden sind, sodaß es zu einem ernsthaften Widerstand gegen England u. Amerika nicht mehr kommt. – Das aber ist der Wille der Nazis, wie Herr Schwarz ihn ausdrückt: „Auf beiden Seiten würden schwerste Waffen sprechen. Die Vernichtung würde ... die besetzten Länder heimsuchen, denn nur über deren Trümmer könnten sich die „Retter“ den Weg nach Deutschland bahnen.“ – Das ist der Sinn dieses demagogischen Artikels: den Franzosen, Belgiern, Holländern usw. vorzumalen, was ihnen dann blüht, – u. sie so dazu zu bringen, sich aus Angst mit uns zu verbünden u. auf unsere Seite zu treten. Wohl kann man uns Deutsche mit solchen Mätzchen verrückt machen, – aber sicher nicht die Franzosen, Belgier, Holländer, die Griechen u. Serben usw. – Das Ganze ist nichts als ein frivoles Verbrechen, – würdig an die vielen anderen, voraufgegangenen angereiht! –