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Strandgut

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Textdaten
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Autor: Hermann Löns
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Titel: Strandgut
Untertitel:
aus: Der zweckmäßige Meyer. Ein schnurriges Buch, S. 89–93
Herausgeber:
Auflage: 1.–4. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Sponholtz
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Erscheinungsort: Hannover
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* = Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: [1]
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[89] Strandgut.

Vierundzwanzig Stunden lang schnauzte der Nordost in der Bucht herum.

Irgendwo in Nordrußland oder Sibirien hatte ihm irgendwas die Laune verdorben, und nun ließ er seine Wut hier aus.

Mit den Menschen machte er den Anfang. Er warf die Dampfer hin und her, daß die Fahrgäste erst die Gewalt über ihre Hüte und Mützen und dann über ihre Mägen verloren und sich vollkommen unpassend benahmen.

Darauf belästigte er die Sommerfrischler. Erst versuchten sie sich dadurch zu helfen, daß sie die Strandkörbe mit dem Rücken gegen die See drehten. Das nützte ihnen aber wenig, denn er trieb das Wasser derart in die Düne, daß sie kalte Füße bekamen und sich hinter die Sanddornbüsche oder in den Wald, wenn nicht gar hinter die Glashallen der Gasthäuser verzogen.

Nachdem es ihm auf die Weise gelungen war, den Strand menschenfrei zu fegen, sah er sich nach anderem Zeitvertreibe um. Es verdroß ihn, daß die Seenadeln und die Dorschbrut zwischen den Tangbüscheln und dem Meergrase nach wie vor vergnügt umherschwammen und sich ihres Lebens freuten, und es ärgerte ihn baß, daß die Granaten und die Flohkrebse und die Asseln so taten, als wenn es keinen Nordost gäbe, und so grölte er die Wellen so barbarisch an, daß sie kopfüber kopfunter über die Vordüne stolperten, am Strande auf den Rücken fielen, sich wieder in die Höhe krabbelten und dabei [90] alles, was zwischen Reff und Strand lebte und webte, durcheinander brachten, Sand und Steine, Tang und Seegras, Fisch und Gewürm, Schnecken und Muscheln.

Ein dicker Dorsch, der schon manchen Sturm erlebt hatte und auf die Kraft seines Schwanzes vertraute, stieg spaßeshalber aus der Tiefe auf, um sich den Kuddelmuddel da oben ein wenig anzusehen und dabei im Trüben zu fischen. Er schluckte und schluckte, was er an junger Dorschbrut vorfand, und paßte dabei nicht auf. So kam es, daß er mit der Breitseite gegen die Brandung geriet. Quatsch, hatte er eins gegen die Rippen, daß ihm dumm zumute wurde. „Oha!“ dachte er und wollte sich mit dem Kopfe gegen die Wellen stellen; aber pratsch, da hatte er schon wieder eins gegen Backbord, wurde um und um gestülpt, bekam noch eins gegen Steuerbord, und nun, rumms, eins gegen das Vorderdeck, und bumms, eins gegen das Achterdeck, und jetzt war ihm so, als wenn er leck sei, denn ihm fehlte das, was er zum Leben am nötigsten brauchte, Salzwasser.

„Grroßaartigerr Dorrsch,“ quarrte es bei ihm, und er bekam eins gegen das eine Auge, daß ihm schlimm wurde. „Prrachtvollerr Dorrsch,“ ging es wieder, und abermals hatte er einen Schnabelhieb weg. Das waren zwei Krähen, die auf diese heimtückische Weise ihr Strandrecht ausübten. Die Möven aber waren damit nicht zufrieden. Die eine keifte: „Mir hört er!“ Und die andere zeterte: „Nein, mir!“ Und die anderen zwanzig und dreißig schlossen sich ihnen an. „Nicht waahrr,“ quarrte die eine Krähe. „Weg da!“ schimpfte die andere; „wir waarren zuerrst daa!“ Und ohne sich um die Möven zu kümmern, die in einem fort „Gemeinheit, Schweinerei!“ und ähnliches schrien, bearbeiteten sie den armen Dorsch derart, daß es bald mit ihm zu Ende war.

Fuchsteufelsfuchtig flogen die Möven weiter, fischten hier eine Seenadel, da einen zollangen Dorsch, dort einen Stichling und benahmen sich dabei so gesittet, daß der Nordost [91] seine helle Wut darüber hatte. Mit einemmal lachte er im Halse, denn am Schar hatte er drei Butt gesehen. Er blies in die Brandung, daß die armen Plattfische auf einmal ihre weiße Kehrseite zeigten und im nächsten Augenblick bereuten, sich aus dem sicheren Tief emporgewagt zu haben. Aber nun war es zu spät für alle guten Vorsätze. Eine nach der anderen flog erst über die Brandung hinaus zwischen die Feuersteine, und über ihnen stießen die Möven hin und her und schrien: „Mein Butt!“ „Nein meiner!“ „Nicht wahr, meiner!“ „I wo, meiner alleine!“ Dabei hatten sie sie noch gar nicht einmal, denn der Wind machte sich den Ulk, die drei Butt wieder zurückzuwaschen, und nun ging es los: „Gemeinheit, Schweinerei, Niederträchtigkeit!“ Und dabei schwebten sie über der Brandung, in der die drei Butt bald auf-, bald untergingen. Schließlich warf der Nordost sie alle drei auf den Strand, und nun waren die Möven wieder die Dummen, denn da lauerten schon sechs andere Krähenpaare, und die Möven mochten noch so heftig Einspruch erheben und sich auf ältere Rechte berufen, ihnen blieben nur die blanken Gerippe.

Immer bösartiger wurde der Wind, so bösartig, daß es schon mehr ein Sturm war. Von Stunde zu Stunde wühlte er die Vordüne tiefer auf, so daß das Wasser erst gelb vom Sand und dann braun oder grün oder rot anzusehen war, je nachdem, ob Blasentang, Seegras oder Rotalgen dort wuchsen. Die Herzmuscheln und die Sandmuscheln mochten sich noch so tief einbuddeln, es half ihnen nichts; sie wurden aus ihren Gründen herausgewaschen und zu Strande gebracht. Die Steckmuscheln glaubten, sie könnten sich auf ihre Verankerung verlassen, und die Uferschnecken wähnten, sich durch festes Ansaugen sichern zu können. Ja, Kuchen! Haufenweise wurden sie auf den Sand geschmissen, ganze Barren davon luden die Wellen ab, und es gereicht ihnen nicht zum Trost, daß hier ein Dorsch, da ein Butt und dort ein Knurrhahn [92] daran glauben mußte und nun so lange mit dem Schwanze klatschte, bis die Möven oder die Krähen über ihm waren. Es flogen so viel Fische an Land, daß die Krähen, vernünftig, wie sie waren, sich längst nicht mehr darum stritten, selbst wenn einmal etwas Neues, zum Beispiel ein Seeteufel oder ein Dompape, vor ihnen herumzappelte. Die Möven aber, futterneidisch, wie alles Volk, was haufenweise zusammenlebt, gönnten eine der anderen nichts und hörten noch nicht einmal auf zu zetern und zu zanken, als schon mehr Fisch als Möve da lag, und selbst wenn der Wal, der jüngst hier herumfuhrwerkte, noch gelebt und gestrandet wäre, hätten sie sich darum gestritten, wem das beste Stück gehören solle.

Aber der Sturm war noch immer nicht zufrieden. Haufenweise warf er das Seegras auf den Strand samt allem, was darin lebte, und hinterdrein schmiß er Steine über Steine, alle mit Blasentang und Algen bewachsen, zwischen denen es von kleinem Getier wimmelte und krimmelte, und ganze Berge von Steckmuscheln und anderen Schaltieren häufte er an, und als die Sonne schon längst zur Ruhe gegangen war, schnauzte er noch immer in der Luft herum und trieb die See an, Leben um Leben auf den Strand zu schleudern, so daß die Möven und die Krähen am anderen Morgen, als der Nordost schon längst wer weiß wo war, nicht wußten, wo sie zuerst anfangen sollten, soviel Strandgut lag da, Butt und Dorsch und Knurrhahn und noch viel mehr und sogar ein Dornhai, an dem sich der Fuchs, der allnächtlich den Strand abpürscht, gütlich tat.

Am Morgen aber machte die See ein Gesicht, wie ein Säugling, der sich ganz vollgetrunken hat, und die Sonne lachte so freundlich, wie eine junge Frau, die tags vorher noch Braut war, so daß alle das Strandgut, das an der Flutmarke lag, nur so blitzte, und die Milliarden von Seefliegen, die darüber umherstoben, freuten sich ihres Lebens, denn ihr Tisch war reichlich gedeckt.

[93] Denn was da blitzte und blinkte, schimmerte und flimmerte, das waren sterbende Muscheln und absterbende Fische, verschmachtende Krabben und verendende Quallen, vertrocknende Granaten und verdorrende Seesterne.

Und die Sonne lachte und die Möven kicherten und die Krähen freuten sich und desgleichen die Kinder der Badegäste, gab es doch so viele hübsche bunte Dinge zu finden auf dem großen Leichenfelde.

Und so lobte alles den guten Nordost, denn er sorgte so schön für viel Strandgut.