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Strahlende Materie

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Textdaten
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Autor: Carus Sterne
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Titel: Strahlende Materie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 224-226
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Strahlende Materie.

Es liegt im Charakter der in vieler Beziehung einer Bergersteigung gleichenden Naturforschung, daß sich unterwegs beständig die Aussicht erweitert und an den fernsten Grenzen des Horizonts immer neue Gesichtspunkte auftauchen, aber es haben sich kaum jemals vorher den Naturforschern so kühne Perspectiven eröffnet, wie in unseren Tagen. Die Vertreter der älteren, nunmehr solide gewordenen, aber in ihrer Jugend auch einmal unsolide genug gewesenen Forschungsstufen betrachten es kopfschüttelnd als ein Zeichen des Verfalls der Wissenschaft, daß nicht nur die Zoologen und Botaniker, sondern auch die sogenannten „Exacten“ heutzutage unerhörte Folgerungen ziehen, daß die modernen Mathematiker – sie betonen das allerdings nicht gut klingende Beiwort sehr höhnisch – nicht mehr an Länge, Breite und Tiefe der Dinge genug haben, sondern von einer vierten Dimension zu sprechen beginnen, und daß einige moderne Physiker außer dem festen, flüssigen und gasförmigen Zustande der Stoffe noch einen vierten, den sie den strahlenden Zustand nennen, anzuerkennen geneigt sind.

Bei Gelegenheit der im Winter von 1877 auf 1878 den Physikern Pictet und Cailletet gelungenen Verdichtung der drei bis dahin unbezwungen gebliebenen Gase Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff zu flüssigen und festen Körpern, habe ich den Lesern den „Gartenlaube“ (Jahrgang 1878, Nr. 5) kurz darzulegen gesucht, wie die Stoffe durch Wärme-Erhöhung und Druckverminderung allmählich aus dem festen in den flüssigen, und dann in den gasförmigen Zustand übergeführt werden (und umgekehrt durch Wärme-Entziehung und Druckerhöhung aus dem gasförmigen in den flüssigen und festen Zustand), und wie man sich das verschiedene Verhalten der Stoffe in diesen drei Aggregatzuständen dadurch erklärt, daß die kleinsten Theile der Stoffe, die sogenannten Atome, oder besser Molekeln, dabei mehr oder weniger von einander entfernt werden und demgemäß ungleich beweglich sind. Schon im Jahre 1816 hatte sich der nachmals berühmte, damals noch jugendliche Physiker Faraday gefragt, ob denn nun der gasförmige Zustand das letzte erreichbare Ziel des Auseinanderrückens der Molekeln sei, oder ob es jenseits des gasförmigen noch einen ferneren Zustand der Materie geben könnte, der wieder ebenso weit von ihm entfernt sei, wie er selbst von dem tropfbar flüssigen, und der deshalb auch seinen besondern Namen verdienen würde, nämlich den der „strahlenden Materie“.

Um diesen neuen Ausdruck und Begriff in seiner ganzen und bedeutenden Tragweite zu verstehen, müssen wir uns vorher einen Augenblick mit der modernen Gastheorie beschäftigen, welche namentlich durch die deutschen Physiker Clausius in Bonn, Loschmidt in Wien und Kundt in Straßburg, sowie durch den englischen Physiker Clerk Maxwell trotz ihrer verhältnißmäßig späten Inangriffnahme zu einem der abgerundetsten Gebiete der physikalischen Chemie erhoben worden ist. Wir haben uns nach ihren Forschungen in jedem gasförmigen Stoffe die kleinsten Theilchen desselben, die Molekeln, als frei durch einander wirbelnd vorzustellen, etwa wie die einzelnen Thierchen eines Mückenschwarms, der trotz der heftigen Bewegung in seinem Innern seinen Platz über dem Sumpfe kaum verändert und sich deshalb einer in einem Behälter eingeschlossen Gasmasse vergleichen läßt. Aus dieser freien Beweglichkeit und Entfernung der Molekeln von einander erklären sich nun leicht die beiden hervorstechendsten Eigenschaften der Gase, ihre Neigung, sich in anderen Gasen auszubreiten, und ferner ihre Zusammendrückbarkeit, die indessen bekanntlich nicht ohne Widerstand vor sich geht, wie wir an jeder luftgefüllten Blase mit widerstandsfähiger Membran direct mit der Hand fühlen können.

Wenn nämlich ein Gas in irgend einem Behälter eingeschlossen ist, so werden die Molekeln desselben in ihrem Umherschwärmen beständig gegen die Wandungen stoßen und dort wie höchst elastische Billardbälle zurückprallen. Diese einem Bombardement vergleichbaren, immerfort wiederholten Stöße der kleinsten Theile sind es also, welche uns eine sehr greifbare Erklärung geben von dem, was wir die Elasticität oder Spannkraft der Gase nennen, und womit wir – durch das Zusammenwirken von Trillionen solcher kleinen Stöße – unsere Gas- und Dampfmaschinen treiben. Da nun diese Spannkraft bei gleicher Temperatur für die verschiedensten Gase genau dieselbe ist, so müssen gleiche Raumtheile (Volumina) der verschiedensten Gase eine gleiche Menge von Molekeln enthalten. Man rechnet, nebenbei bemerkt, auf einen Fingerhut voll Gas sechs Trillionen Molekeln, eine Zahl, deren Bedeutung Professor Kundt gelegentlich dadurch begreiflich zu machen suchte, daß er sagte, wenn eine Buchdruckerei im Stande wäre, alle Tage einen Lexikonband von drei Millionen Buchstaben zu drucken, sie dennoch 64,000 Jahre hindurch ihre Arbeit fortsetzen müßte, um soviel Buchstaben zu drucken als Molekeln in einem Fingerhut voll Luft vorhanden sein müssen.

Aus diesen kleinen Stößen erklärt sich nun ferner leicht das von dem französischen Physiker Mariotte (gest. 1684) aufgestellte und nach ihm benannte Gesetz, nach welchem die Spannkraft der Gase im umgekehrten Verhältniß zu ihrem Volumen steht. Denn wenn wir eine Gasmasse so zusammenpressen, daß sie nur noch die Hälfte des früheren Raumes einnimmt, so wird die Anzahl der Stöße gegen die Wandungen doppelt so groß sein müssen, wie vorher. Die Molekeln jedes einzelnen Gases haben nun ein anderes Gewicht, wie sich schon daraus ergiebt, daß gleich große Volumina verschiedener Gase ein sehr verschiedenes Gewicht besitzen, obwohl sie, wie wir eben erfahren haben, eine gleiche Anzahl von Molekeln enthalten. Da sie nun trotzdem, wie wir ebenfalls erfuhren, durch ihre Stöße denselben Effect ausüben, so müssen diejenigen eines jeden Gases eine verschiedene Geschwindigkeit besitzen, und zwar müssen sich die schwereren um so viel langsamer bewegen, als die leichteren, wie sie schwerer sind als diese, damit immer der gleiche Spannungseffect heraus kommt. Man kann also aus diesen Spannungsverhältnissen und den Atomgewichten die mittleren Geschwindigkeiten der verschiedenen Gasmolekeln berechnen, und man hat sie für den leichtesten der bekannten Stoffe, für das Wasserstoffgas, auf 1698 Meter in der Secunde gefunden, während sie für [225] Sauerstoff und Stickstoff nur etwas über den vierten Theil dieser Zahl, für Quecksilbergas nur den zehnten Theil derselben beträgt.

Da ferner die Spannkraft eines eingeschlossenen Gases mit der Temperatur zunimmt, so müssen, da hierbei doch keine Vermehrung der Molekeln stattfindet, die Geschwindigkeiten derselben entsprechend zunehmen, und in der That sieht die neuere Physik diese beinahe nie ruhenden Molecularbewegungen geradezu als das Wesen der Wärme an, und man hat daher auch einen Zustand berechnet, in welchem alle diese Bewegungen aufgehört haben und die kleinsten Theile der Stoffe zur Ruhe gekommen sind; es ist dies der sogenannte „absolute Nullpunkt“, welcher 273 Centesimalgrade unter dem Gefrierpunkte des Wassers liegt.

Diese Betrachtungen über die Bewegung der Gasmolekeln gewinnen nun eine noch weit größere Wichtigkeit, wenn wir das Verhältniß derselben zu einander in’s Auge fassen: die sogenannte Diffusion oder gegenseitige Durchdringung der Gase. Da die Gasmolekeln in gerader Richtung mit der ihnen eigenen Geschwindigkeit aus einander gehen, so werden sich unter gleichen Verhältnissen natürlich die leichtesten und geschwindesten Molekeln, z. B. die des Wasserstoffgases, am schnellsten ausbreiten. Natürlich könnte das nur in einem vollständig leeren Raume mit der berechneten und oben angegebenen Geschwindigkeit vor sich gehen, denn im gaserfüllten Raume, wie er auf der Erde beinahe überall vorhanden ist, hindern die Molekeln sich fortwährend gegenseitig im geradlinigen Fortfliegen, indem sie auf einander prallen und sich zurückwerfen, sodaß ihr Weg stets nur ein zickzackförmiger sein kann. Die für den Naturhaushalt so wichtige Geschwindigkeit der Ausbreitung eines Gases in dem andern (z. B. der frischen Luft in der verdorbenen, der warmen in der kalten, der tödlichen Gase in geschlossenen Räumen etc.) wird sich also wesentlich nach dem mittleren Weg richten, den die Molekeln, ohne auf einander zu stoßen, zurücklegen können. Es ist dies die von Clausius so genannte freie Weglänge, die sich ebenfalls für jedes Gas als eine unter bestimmten Verhältnissen sich gleichbleibende Zahl berechnen läßt. Diese mittlere freie Weglänge ist unter den gewöhnlichen Druckverhältnissen außerordentlich klein, wegen der ungeheuren Zahl von Molekeln, die jeden Winkel erfüllen, und wie der Mensch in einem ungeheuren Gedränge, so kann auch das einzelne Molekel im Verhältniß zu der ihm innewohnenden Geschwindigkeit nur äußerst langsam vorwärts kommen.

Allein die Physik hat uns mit Mitteln versehen, den Molekeln freiere Bahn zu schaffen. Wir können mit der Luftpumpe die Molekelzahl in einem Glasgefäße sehr vermindern, obwohl von der Erreichung eines wirklichen „Vacuums“ dabei keine Rede sein kann. Durch chemische Mittel, indem man nämlich einen mit Wasserdampf oder Kohlensäure gefüllten Raum erst auspumpt und dann einen weiteren Theil dieser Stoffe durch Chemikalien auffangen läßt, kann man diese Verdünnung noch viel weiter treiben, und so hat z. B. der englische Chemiker Crookes die hohe Verdünnungsziffer von 1/20000000 erreicht. In einer Glaskugel von 13,5 Centimeter Durchmesser, die vorher ungefähr eine Quadrillion Molekeln enthalten haben mag, wären bei einer Verdünnung auf ein Millionstel immer noch eine Trillion Molekeln, also eine sehr beträchtliche Zahl vorhanden, immerhin muß dadurch die „mittlere freie Weglänge“ so vergrößert werden, daß sie, sichtbar gemacht, ohne Vergrößerungsgläser erkennbar ist; die Molekeln befinden sich also in einer merklichen Annäherung an jenen freien Zustand, den man als den strahlenden bezeichnet hat, weil sich in ihm jedes Molekel geradlinig mit der ihm eigenen großen Geschwindigkeit ungehindert fortbewegen würde.

Die Molekeln selbst sind so klein, daß wir niemals hoffen können, sie zu sehen, aber ihr Verhalten in dem stark verdünnten Raume ist so verschieden von alledem, was wir in unseren lufterfüllten Experimentirzimmern sehen, daß wir, ihre Wirkungen beobachtend, in eine neue Welt zu blicken glauben und ihnen gegenüber nicht ohne Grund von einem vierten Zustande der Materie sprechen. Die sehr stark vergrößerte Weglänge der Molekel erzeugt in stark luftverdünnten Kugeln, Cylindern und Röhren sichtbare Wirkungen. Wir sind nämlich durch verschiedene Mittel im Stande, in solchen Gefäßen Molekelströme zu erzeugen, die dann sehr merkwürdige mechanische, thermische und optische Erscheinungen hervorbringen, welche wohl größtentheils davon abhängen, daß die Molekeln mit einer sonst nicht vorkommenden Heftigkeit gegen die Wandungen der Gefäße und gegen einander anprallen. Solche Mittel, Molekelströmungen von außen her in luftverdünnten Behältern anzuregen, bieten namentlich die Wärmestrahlung und elektrische Entladungen von größerer Intensität. Jeder meiner Leser kennt wahrscheinlich die von William Crookes erfundene sogenannte Lichtmühle, von welcher die „Gartenlaube“, Jahrgang 1876, Nr. 13 (Blätter und Blüthen) eine ausführlichere Beschreibung gebracht hat. Die strahlende Wärme des Sonnenlichtes oder andere Wärmequellen setzen hierbei vermöge der von ihnen erzeugten Molekelströme, je nach ihrer Stärke, ein kleines Schaufelrad in langsamere oder schnellere Bewegung, sodaß durch die Schnelligkeit der Bewegung die Stärke der Strahlung gemessen wird, weshalb man den Apparat auch Radiometer oder Strahlungsmesser nennt.

Wenn man an einem solchen stark luftverdünnten Glascylinder zwei Metallpole angebracht hat, durch die man die Entladungen eines Inductionsapparates in demselben hindurchleiten kann, so erzeugt man einen ähnlichen vom negativen zum positiven Pole gehenden Molekelstrom, der ein kleines Schaufelrad, welches in der Mitte des Behälters angebracht ist, treibt. Crookes hat bei diesem Versuche die hübsche Veränderung angebracht, daß er in der Richtung des Stromes ein Scheibchen gestellt hat, welches wie die Schütze einer Wassermühle den Molekelstrom abhält, die Schaufeln des Rades zu treffen. Nun haben aber schon früher deutsche Physiker gezeigt, daß man durch einen starken, dem Cylinder genäherten Elektromagneten den geradlinigen Strom der Molekeln ablenken und zu sich herüberziehen kann, sodaß er einen dem Magneten zugekehrten Bogen macht und dadurch oberhalb oder unterhalb des Mühlenwehrs dennoch auf das Rad geleitet werden kann, welches dabei bald wie ein ober- und bald wie ein unterschlächtiges Wasserrad in Bewegung gesetzt wird.

In seinem kürzlich erschienenen Vortrage: „Strahlende Materie oder der vierte Aggregatzustand“ (Leipzig, 1979) hat William Crookes noch eine fernere Anzahl sehr hübscher Experimente beschrieben und durch Abbildungen verdeutlicht, welche aber nicht wie die soeben beschriebenen auf Erfahrungen beruhen, die von ihm zuerst gemacht worden sind, sondern vielmehr schon viel früher durch Experimente der deutschen Naturforscher Kundt, Hittorf, Eugen Goldstein, Reitlinger, Kuhn und Anderer bekannt waren. Sie betreffen namentlich die optischen, thermischen und magnetischen Erscheinungen, welche die elektrischen Entladungen in diesen luftverdünnten Röhren hervorbringen. Wir können hier nur die merkwürdigsten derselben kurz erwähnen.

Zunächst wurde festgestellt, daß alle diese Erscheinungen sehr von dem Grade der Verdünnung abhängen. Indem man in solche evacuirte Behälter Stoffe bringt, die durch Erhitzung Gas entwickeln, welches sie beim Erkalten wieder aufsaugen, kann man alle Grade von Verdünnung in demselben Apparate hervorbringen. Im Dunkeln sieht man nun, wie sich um den als „Kathode“ bezeichneten negativen Pol eine dunkle Zone bildet, die sich mit zunehmender Verdünnung verbreitert, während der übrige Theil des Rohres in hellem elektrischem Lichte erstrahlt. Verschiedene Physiker nehmen an, daß die Ausdehnung dieses dunklen Streifens die bei der betreffenden Verdünnung statthabende freie Weglänge bezeichnet, sofern an ihrer Grenze die fortströmenden Molekeln in größerer Menge mit den zurückkehrenden zusammentreffen. Das theoretisch Vorausgesetzte wird hier mit leiblichen Augen gesehen und auf ähnliche Weise erklärt man sich auch die eigenthümliche Schichtung des elektrischen Lichtes in solchen Röhren, die namentlich in der Nähe des positiven Poles statt hat.

Dieses Strömen der Molekeln ist nun von einer sehr starken Phosphorescenzerregung begleitet, die sich an den Innenwänden des Glases markirt. Wie es scheint, erregt das Bombardement der in gerader Linie von dem negativen Pole ausstrahlenden Molekeln auf der gegenüberliegenden Glaswand durch sein heftiges Aufprallen, wahrscheinlich auch durch die zugleich entwickelten chemischen Strahlen („Gartenlaube“ 1880, Seite 11), ein starkes Phosphoresciren, und zwar phosphorescirt Uranglas schön laubgrün, weiches deutsches Glas in einem hellen Apfelgrün, hartes englisches Glas blau.

Durch dieses Phosphorescenzlicht bildet sich der negative Pol auf der ihm gegenüberstehenden Glaswand nach seiner Gestalt leuchtend ab, gleichviel an welcher Stelle der positive Pol [226] in den Behälter eintreten mag. Es findet also ein geradliniges Abschleudern der Molekeln von dem negativen Pole senkrecht zu dessen Oberfläche statt. Ja noch mehr, dieser gerade ausgehende Strom projicirt die gesammte Oberflächenbeschaffenheit der Kathode auf die gegenüberliegende Wand. Eugen Goldstein in Berlin hat dies in einem sehr schönen, durch Crookes nicht erwähnten Versuche dargethan, indem er als Kathode eine scharf geprägte Münze anwendete. Diese Münze erschien alsbald durch Phosphorescenzlicht leuchtend auf der gegenüberliegenden Glaswand und konnte daselbst photographirt werden, zum Beweise, daß die chemischen Strahlen eine große Rolle dabei spielen.

Ein diesem Strom entgegengestelltes, niederlegbares Kreuzchen erschien in dem an der gegenüberliegenden Glaswand auftretenden Lichtschein als Schatten, wie Hittorf und Goldstein beobachtet haben, und wenn man nun das Kreuzchen niederlegte, so erschien die Stelle des Schattenkreuzes heller leuchtend als die Umgebung und verhielt sich also ähnlich wie die menschliche Netzhaut im Auge, die uns ein helles Kreuz zeugt, wenn wir von dem dunklen Kreuze im Fenster nach längerem Anschauen das Auge in einen dunklen Winkel richten, welches Experiment einige fromme Patres im siebenzehnten Jahrhundert zu den christlichen Wundern gerechnet haben. Es findet also eine Art Ermüdung der Glasfläche, ähnlich derjenigen der thierischen Netzhaut, an den länger vom Lichte beschienenen Stellen statt, und die vorher beschatteten Stellen zeigen sich geneigter, vom Lichte erregt zu werden.

Wie Hittorf und andere deutsche Forscher lange vor Crookes beobachtet haben, zeigen verschiedene mineralische Substanzen, von dem Kathodenlichte bestrahlt, ein viel stärkeres Leuchten als das Glas, allein Crookes scheint zuerst beobachtet zu haben, daß manche Diamanten hierbei mit der Helligkeit einer brennenden Kerze strahlen („Gartenlaube“ 1880, Seite 12).

Sehr merkwürdig sind ferner die Beobachtungen, welche Hittorf über die hohen Temperaturen gemacht hat, welche durch die von der Kathode ausgehenden Strahlen erzeugt werden können. Indem Crookes dem negativen Pole die Gestalt eines kleinen Hohlspiegels gab, kreuzten sich die von allen Punkten desselben senkrecht ausgehenden Strahlen in einem Brennpunkte, in welchem ein daselbst befinnliches Stückchen Iridium, eines der am schwersten schmelzbaren Metalle, schmolz.

Wir müssen bei dieser Gelegenheit auf einen unliebsamen Nebenumstand die Aufmerksamkeit der deutschen Leser richten, aber wir wünschen, daß ihn auch die ausländischen beherzigen möchten. Crookes hat in seinem oben erwähnten, aus der vorjährigen Jahresversammlung der britischen Naturforschergesellschaft gehaltenen Vortrage alle diese Experimente so dargestellt, als ob dieses ganze Gebiet höchst merkwürdiger physikalischer Erscheinungen zuerst von ihm eröffnet und entdeckt worden wäre. Und was noch schlimmer ist, er hat auch in seinen den wissenschaftlichen Gesellschaften Englands vorgelegten Originalabhandlungen das gleiche Verfahren eingeschlagen. Nun gehören ihm aber von allen hier im Fluge skizzirten Experimenten höchstes die, bei denen es sich um die mechanische Wirkung in Bewegung gesetzter Molekeln handelt, als erstem Entdecker erb- und eigenthümlich zu; die erwähnten optischen, thermischen und magnetischen Erscheinungen sind lange vorher ausführlich von deutschen Forschern, nämlich von Hittorf (seit 1869), E. Goldstein, Reitlinger und Anderen in den Schriften der Berliner und Wiener Akademie der Wissenschaften, in Poggendorff’s Annalen der Physik etc. ausführlich beschrieben worden. Es ist möglich, daß Crookes diese in Deutschland längst bekannten Entdeckungen, ohne sie zu kennen, noch einmal gemacht hat, aber auch jetzt, nachdem er über diesen Sachverhalt genau unterrichtet worden ist, hält er es für unnöthig, die Priorität der deutschen Forschung auf diesem Gebiete zu erwähnen.

Wir würden eine solche betrübende Thatsache nicht vor ein so großes Publicum, wie das der „Gartenlaube“, bringen, wenn sie vereinzelt dastände, aber leider ist sie nur ein Glied in einer großen Reihe ähnlicher Erscheinungen, in welcher englische Forscher sich wissentlich und geflissentlich die Priorität von Entdeckungen zuschreiben, die Jahre lang vorher in Deutschland gemacht worden sind. Schreiber dieses könnte dafür persönliche Erfahrungen beibringen, wenn es ihm nicht widerstrebte, in eigener Sache zu plaidiren. Und oft mag eben eine mildere Auffassung dieser Vorkommnisse am Platze sein. Während der deutsche Gelehrte, so viel es ihm möglich ist, die wissenschaftlichen Journale seines Faches aus allen Culturstaaten verfolgt, kümmert sich der englische Gelehrte wenig um dieselben. Die Wissenschaft isolirt sich auf dem Insellande ebenso wie die Politik. Daher kommt es, daß der englische Gelehrte, unbekannt mit den Fortschritten der Wissenschaft auf dem Continente, oft auf mühevollen Wegen Entdeckungen macht, die hier seit Jahrzehnten bekannt sind. Im vollen Bewußtsein der selbstgemachten Entdeckung ignorirt er dann die von fremder Seite erhobenen Prioritätsansprüche völlig und scheint es nicht zu empfinden, daß er wider Willen den Eindruck eines Usurpators und Plagiators macht. Abgesehen von allen nationalen und persönlichen Empfindlichkeiten muß es aber auf jeden Freund des Fortschritts einen höchst betrübenden Eindruck machen, zu sehen, wie oft unzweifelhaft bedeutende Kräfte jenseits des Canals sich in einer für die Wissenschaft beinahe völlig unfruchtbaren Arbeit erschöpfen, indem sie längst entdeckte und bekannte Dinge noch einmal und immer wieder von Neuem entdecken, statt daß sich die Forscher der verschiedenen Nationen in dieser großen Culturarbeit gegenseitig stützen und ergänzen sollten zu einem schnelleren Fortschreiten vermittelst einer möglichst weitgetriebenen Arbeitstheilung.

Die „Gartenlaube“ hat ihre Stimme oft – zuletzt in dem Artikel über Gay-Lussac – in diesem Sinne erhoben, und man kann diese Mahnung nicht oft genug wiederholen. Denn noch immer ist die Summe unseres Wissens gering gegen die Masse dessen, was wir nicht wissen, und darum keine Arbeitskraft auf dem unendlichen Gebiete der Forschung entbehrlich.

Doch kehren wir von dieser Abschweifung zurück zu der strahlenden Materie! Welche Hoffnungen muß nicht ein Forschungsgebiet erwecken, in welchem wir jene kleinsten Theile, von denen schon die alten Philosophen träumten, daß sie die Welt aufbauen, von den Hemmnissen des Atmosphärendruckes befreit, alle ihre Kräfte entfalten sehen! „Wir haben thatsächlich,“ sagt Crookes, „das Grenzgebiet berührt, wo Materie und Kraft in einander überzugehen scheinen, das Schattenreich zwischen dem Bekannten und Unbekannten, welches für mich immer besondere Reize gehabt hat. Ich denke, daß die größten wissenschaftlichen Probleme der Zukunft in diesem Grenzlande ihre Lösung finden werden und selbst noch darüber hinaus; hier, so scheint mir’s, liegen letzte Realitäten.“

In der That dürfte dies nicht zu viel gesagt sein; denn an den Grenzen des geballten Stoffes der Weltkörper, jenseits ihrer Atmosphären, muß ja eine große Wirksamkeit der strahlenden Materie beginnen, und wir können noch nicht einmal ahnen, welche Rolle ihr spätere Forscher in der Weltentstehung und in der Wechselwirkung der Himmelskörper zuerkennen werden.

Carus Sterne.