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Stanley vor zwanzig Jahren

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Textdaten
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Autor: Wilhelm Lauser
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Titel: Stanley vor zwanzig Jahren
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 140–142
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Stanley vor zwanzig Jahren.

Fern im Süd, im schönen Spanien, trafen wir uns das erste Mal. Die Kunde von der Septemberrevolution, von der die Spanier allzukühn eine Wiedergeburt ihres Vaterlandes erhofften, hatte aus allen vier Weltgegenden Männer der Presse nach Madrid gezogen, einige von bereits anerkanntem Rufe, andere wieder erst aufkeimende Berühmtheiten, einzelne auch, denen eine nichts weniger als schöne Zukunft bestimmt war. So ziemlich alle aber waren in dem Bewußtsein einig, daß sie in dem schönen Pyrenäenland eine mindestens ebenso wichtige Sendung zu erfüllen hätten als die konstituirenden Cortes, über deren Reden und Thaten sie berichteten. Von den Franzosen thaten einige freiwilligen, andere bezahlten Dienst für den Orleanismus, indem sie sich die Finger für den Herzog von Montpensier wund schrieben, der die Verschwörung gegen seine Schwägerin Isabella angezettelt hatte; die meisten, wie E. Maison vom „Journal des Débats“, G. de Coutouly vom „Temps“, mein alter Stuttgarter Schulkamerad und nunmehr unzertrennlicher Reisegefährte in Spanien, jetzt französischer Gesandter in Bukarest, glaubten, man könne der republikanischen Sache Frankreichs nicht besser dienen, als indem man die Rückkehr der Monarchie in Spanien verhindere; die übrigen schließlich, wie Elie Reclus, später Vorstand der Nationalbibliothek, und sein Gesinnungsgenosse, der alte Garibaldiner Lucien Combatz, später Vorstand des Postwesens unter der Pariser Commune, hielten den spanischen Boden für geeignet, Bakunins anarchistische Ideen aufzunehmen. Während etliche holländische und deutsche Schwärmer für die Rückberufung der einst durch die Inquisition vertriebenen Juden wirken zu können vermeinten, arbeitete Chamerovzow vom „Morning Star“, wenn er seinen politischen Wochenbericht fertig hatte, an der Bekehrung der Spanier zum Protestantismus, indem er als Bevollmächtigter einer englischen Missionsgesellschaft Traktätchen an alle Firmen schickte, die er in einem dickleibigen spanischen Geschäftskalender fand. Einige Berufsgenossen schrieben und sprachen theils für, theils gegen die Sklavenbefreiung, ein Nordamerikaner eiferte dafür, Spanien solle, um aller seiner Schwierigkeiten los zu werden, Cuba an die Vereinigten Staaten verkaufen: kurz, es herrschte der denkbar größte Wirrwarr der Meinungen unter dem internationalen Federvolke auf der Zuhörertribüne des Kongresses, daneben aber auch, wie in freundlicher Erinnerung an jene Zeit bestätigt werden darf, ein herzlicher Verkehr der Berufsgenossen unter einander und mit den Mitgliedern der Cortes selbst. Man besuchte in Gesellschaft die herrlichste Gemäldesammlung der Welt im Museo real, die Stiergefechte und Hahnenkämpfe, Volkssänger und Tänzer, Schauspielhäuser und öffentlichen Bälle und lud sich zu gemeinsamer Tafel ein. Mehr als einmal schickte der Präsident des Hauses, zu dessen Vollmachten auch die Vertheilung von Bonbons unter die Kongreßmitglieder gehörte, die süßesten seiner Süßigkeiten, die Mahonesas (Bonbons aus Mahon) zu uns Herren von der Feder herauf. Und mehr als einmal vereinigten sich Abgeordnete, denen wir zu ihren rednerischen Erfolgen Glück gewünscht hatten, mit uns zur Plünderung eines mit Leckereien und Malagafläschchen gefüllten Korbes, der den Weg vom Abgeordnetenbuffet zu uns gefunden. Neues Leben brachte noch in unsern Kreis ein Paar seltsamer Käuze, das mit dem Anfang des Juni (1869) aus Paris angerückt kam: der eine, klein und bucklig, das blasse, geistvolle, semitische Gesicht von einer undurchdringlichen Mähne schwarzen Haares eingefaßt, der andere, eine lange, dürre Hopfenstange, mit mongolischer Gesichtsbildung, die rothblonden Haare kurz geschoren. Jener, Alfred Naquet, damals noch Chemiker seines Zeichens und wüthender Republikaner, später Senator und Urheber des berühmten Ehescheidungsgesetzes in Frankreich und darnach Schleppträger des Generals Boulanger; dieser der fruchtbare russische Romandichter und panslavistische Wühler Boborykin: beide natürlich gleichfalls mit unfehlbaren Allheilmitteln für die Rettung Spaniens versehen. Leider konnten sie dieselben aber nicht öffentlich anpreisen, denn sie litten dermaßen unter der allerdings schon zu Anfang des Sommers sehr starken Hitze, daß sie vorzogen, ihre Tage in einem dunkel verhängten Zimmer und abwechselnd in einer stets aufs neue mit frischem Wasser gefüllten Badewanne zuzubringen. Ein unvergeßlicher Anblick, wenn, einem Böcklinschen Meergreise vergleichbar, Naquet in der Wanne kauerte, während sein russischer Freund im Bademantel mit Riesenschritten das Zimmer auf- und abwandelte oder der letztere seine dürren Beine über den Rand der Wanne heraushing und den Strom der südfranzösischen Beredsamkeit seines auf einem Lehnstuhl neben ihm hockenden Freundes über sich ergehen ließ!

In welche Kategorie von Politikern und Menschen gehörte aber der letzte fremde Ankömmling, der mit einem Mal auf unseren Bänken erschien? Es war ein untersetzter, breitschulteriger Mann, eher einem kühnen Geschäftsunternehmer als einem Schriftsteller ähnlich, mit blitzenden, durchbohrenden Augen unter kraftvoll herausgewölbter Stirne, die Backenknochen stark hervortretend, die Oberlippe mit einem dünnen Bärtchen bedeckt, das Kinn energisch herausgearbeitet, das dichte, dunkle Haupthaar nach rückwärts gestrichen. Schweigend pflegte er einige Tage hindurch in unserer Mitte Platz zu nehmen; die Verhandlungen über die neue spanische Verfassung schienen ihm nur geringer Aufmerksamkeit würdig; um so eifriger beobachtete er das Gebahren der maßgebenden Persönlichkeiten der Revolution, Prims, Serranos, [141] Topetes u. a. Das Eis brach denn auch, als Prim einmal ein besonders heftiges Donnerwetter gegen die Republikaner losließ; da zupfte er mich am Aermel und frug mich: „Prim es muy …“ (Prim ist sehr …), ohne im Spanischen weiter zu können; ich suchte ihm mit dem Französischen auf die Spur zu helfen, aber ohne Erfolg. Er kam erst ins richtige Fahrwasser, als ich ihm mit Englisch aufwartete. Nun wurde er warm und entwickelte mir im Fluge seine Meinung, daß alle die langen Verhandlungen über die beste Regierungsform keinen Deut werth seien und alles vielmehr davon abhänge, welcher der Revolutionsgenerale in der entscheidenden Stunde die größte Entschlossenheit und Macht besitze. Es schien ihn zu freuen, daß ich dieser seiner Ansicht eine gewisse Berechtigung zuerkannte, und er stellte sich nun als Henry Stanley, Berichterstatter des „New-York-Herald“, vor.

Im Unterschiede von den anderen fremden Berufsgenossen, die in Gasthöfen oder sogenannten Casas de Huespedes wohnten, hatte sich Stanley gleich nach seiner Ankunft in Madrid häuslich eingerichtet; dies habe er auch in Frankreich, woher er komme, überall so gehalten. Und wie behaglich es sich unter seinem Zelte leben ließ, erfuhren wir alsbald, als wir, Coutouly, Boborykin, Naquet und ich, seiner Einladung zum Essen folgten. Der amerikanische Kollege erfüllte seine Wirthspflichten aufs gewandteste und liebenswürdigste; Speisen und Getränke ließen nichts zu wünschen übrig; und was uns Stanley vom abessinischen Feldzuge, den er mitgemacht hatte, zu erzählen wußte, war für mich wenigstens ebenso anregend wie Boborykin; und Naquets Scherzchen aus dem Lateiner Viertel zu Paris. Einmal platzten freilich die Geister etwas lebhaft auf einander, als Stanley, dessen stärkste Leidenschaft damals sein Yankeestolz war, die Verdienste der Nordamerikaner um die Menschheit denjenigen der alten Kulturvölker Europas gleich stellte und sich hierfür im wesentlichen auf die Zahl der in Amerika gedruckten Bibeln und die Leistungen der amerikanischen Wohlthätigkeitsanstalten berief. Wohl mochte Boborykin beim Nachhausegehen bedenklich den Kopf darüber schütteln, wir hatten aber doch schon damals den Eindruck einer ungewöhnlich starken Persönlichkeit. Und zwei Dinge sind mir von dem jungen Stanley besonders lebhaft in der Erinnerung geblieben, sein Berufseifer und die Liebe zu seiner Mutter und Schwester, von denen er mir oftmals sprach, während er sonst eine geringe Achtung vor dem weiblichen Geschlechte zur Schau trug.

Stanley vor 20 Jahren.

Stanley in der Gegenwart.

Gegen Mitte des Monats Juni erging von seiten einiger spanischer Freunde an die Vertreter der auswärtigen Presse die Einladung zu einer Fahrt nach dem schönen Andalusien. Auch Stanley schloß sich uns an, und ich weiß, daß manchmal auch ihn in den afrikanischen Urwäldern und Wüsteneien die Erinnerung an unsere damaligen phantastischen Erlebnisse erheitert hat. Wer weiß, welcher Begriff von unserer Bedeutung und unserem Einfluß in der Welt den ohnedies leicht erregbaren südspanischen Bevölkerungen beigebracht worden sein mochte: kurz, als wir in der sonst so stillen Stadt Cordoba anlangten, wurden wir durch die Hochrufe von Tausenden, durch Ansprachen des Alcalden und verschiedener Arbeiterabgesandtschaften empfangen und in feierlichem Zuge nach der Fonda de Suiza (Schweizer-Hof) geleitet, wo ein Festmahl unser harrte. Auf die Willkommreden der Vertreter der Provinz und des Gemeinderathes von Cordoba hieß es nun, in gleichfalls möglichst begeisterungsvoller Rede zu antworten; die Franzosen entledigten sich zumeist ihrer Aufgabe, indem sie feurige Glückwünsche auf die nahe Verkündigung der spanischen Republik ausbrachten; ich sprach von der stolzen Stellung Spaniens im Schriftthum der Welt; und endlich erhob sich Stanley, wie wenn er sich auf der Platform eines nordamerikanischen Wahlbezirkes befände, um mit Donnerstimme, und indem er sich häufig mit der Faust auf seine wie ein Faß erdröhnende Brust schlug, in viertelstündiger Rede auszuführen, die Zeit der lateinischen Rasse in der Neuen Welt gehe zu Ende, die Angelsachsen allein seien berufen, das Sternenbanner der Freiheit und Gesittung von einem Ende Amerikas bis zum andern zu tragen. Zum Glück sprach er englisch, das die spanischen Zuhörer nicht verstanden; aber es bedurfte immerhin einer sehr diplomatischen Uebersetzungskunst, um einen ungünstigen Eindruck dieser rednerischen Leistung Stanleys abzuwenden. Eine ernstere Verwicklung drohte sich an einen andern Zwischenfall dieses Tages zu knüpfen. Wir hatten, auf die Einladung des Gemeinderathes, vom Balkon des Rathhauses aus einer Volksversammlung angewohnt, in der, wie damals üblich, die opfermuthigsten Beschlüsse zu Gunsten der Republik gefaßt wurden, und wir waren, ohne übrigens die Sache weiter zu beachten, einigermaßen erstaunt, als uns Stanley abends mittheilte, er habe ein Kabeltelegramm von mehreren hundert Worten über die Vorgänge des Tages nach New-York geschickt. Die Frage, was ihm denn so wichtig erschienen sei, ließ er unbeantwortet. Als wir aber von der Rundfahrt durch Sevilla, Cadiz und andere andalusische Städte, wo sich die Festlichkeiten von Cordoba wiederholten, nach Madrid zurückgekehrt waren, sahen wir zu unserem allerdings nicht geringen Staunen den langen Drahtbericht im „New-York-Herald“, dem zufolge am Tag unserer Anwesenheit in Cordoba ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den Monarchisten und Republikanern ausgebrochen und die letztere Partei Sieger geblieben wäre!

Bei Stanley waren die rauschenden Redensarten der Volksredner auf der Stelle zu blutigen Thatsachen geworden. Aber der Russe Boborykin kam schlecht weg, als er dem Amerikaner Vorstellungen hierüber machen wollte. Stanley gab ihm gar keine Antwort, sondern eilte zu mir mit dem Ansinnen, seine Forderung an Boborykin zu überbringen, der außer acht gelassen habe, daß sich ein Gentleman nicht in die Geschäfte eines andern mengen dürfe! Zum Glück gelang es, wieder einen leidlichen Frieden zwischen den beiden Heißspornen herzustellen, und die übrige Zeit, die wir noch zusammen auf spanischem Boden zubringen durften, verlief ohne aufregenden Zwischenfall. Aus jenen spanischen Tagen stammt die mir gewidmete Photographie Stanleys, deren Nachbildung diesem Aufsatze beigegeben ist.

Als wir von einander Abschied nahmen, gaben wir uns Stelldichein in – Afrika. Und ich freute mich nicht wenig darauf, an Stanley, namentlich wegen seiner gerühmten Kenntniß des Arabischen, einen tüchtigen Führer drüben zu finden. Nun wollte es der Zufall, daß ich nach langen Monaten eines Abends auf dem Esbekieh-Platz in Kairo mit ihm zusammentraf und ihm mit meinen paar Brocken Arabisch im Handel mit einem Eseltreiber half, mit dem er sich nicht verständigen konnte. Wir machten nun mehrere Ausflüge in die Umgebung der ägyptischen Hauptstadt und schließlich in größerer Gesellschaft die herrliche Fahrt nach den Nilfällen bei Philä. Vor einigen Wochen erst hatte [142] ich Gelegenheit, mit L. Pietsch, der sich in unserer Mitte befand, die mancherlei Erlebnisse dieser Nilreise wieder durchzusprechen. Mit Stanley befanden sich auf einem Boote u. a. der berühmte, inzwischen verstorbene Berliner Archäolog Professor Friedrich und die Franzosen Cambon und Elie Reclus. Diese wunderten sich sehr, daß Stanley sich allabendlich unter englische Reisewerke über Aegypten vergrub und ohne aufzublicken dicke Hefte daraus zusammenschrieb. Auf die Frage, was er da mache, erwiderte Stanley, er schreibe an einem Geschichtswerke über Aegypten; die Frage, ob er denn Altägyptisch verstehe, verneinte er. Als sich darob das Gemüth des deutschen Gelehrten Friedrich entsetzte, sagte Stanley stolz, er habe auch, ohne ein Wort Griechisch zu kennen, eine in Amerika vielgelesene Geschichte Griechenlands verfaßt; dies war mehr, als der deutsche Gelehrte vertragen konnte; es fiel das Wort „Leichtfertigkeit“ von der einen, „Schulfuchserei“ von der andern Seite, und ein peinlicher Zusammenstoß war jeden Augenblick zu befürchten. Bei mir beklagte sich Stanley bitter über die alten Zöpfe, die aus Mißgunst die aufstrebenden Jungen niederzudrücken suchten. Es stand sich hier auch wirklich die Alte und die Neue Welt in unversöhnbarem Gegensatze gegenüber. Inzwischen ließ sich Stanley doch über die wahren Gesinnungen und Beweggründe des deutschen Gelehrten aufklären und er blieb einige Tage recht nachdenklich, als ihn E. Reclus mit folgenden Worten vor den Scheideweg gestellt hatte: „Wollen Sie durch Ihre Werke einen kleineren Kreis auserwählter Geister befriedigen, so müssen Sie allerdings einige Jahre Ihres Lebens opfern, um auf irgend einer Hochschule nachzuholen, was Ihnen an klassischer Bildung fehlt; ist es Ihnen aber bloß darum zu thun, bei den Massen in Ihrem Vaterlande sich einen Namen zu machen und sich hierdurch vielleicht eines Tages den Posten eines Senators zu erobern, so fahren Sie getrost auf dem bereits eingeschlagenen Wege fort.“

Stanley dankte es einem gütigen Geschicke, daß seine ungeschulte, aber auch unbeugsame Arbeits- und Thatkraft bald in eine Bahn gelenkt wurde, aus der er mit der Weltberühmtheit zugleich die Anerkennung der ernsten Männer der Wissenschaft ernten durfte. Noch bevor wir uns trennten, hatte Stanley Ursache, seinerseits mir einmal den Kopf tüchtig zu waschen. Wir lagerten nach glücklich vollendeter Bergfahrt bei frohem Mahle unter den Tempel-Ruinen von Philä, als ein Mitglied der Expedition S. Bakers, von der ein Theil noch bei Assuan vor Anker lag, mit dem Antrage bei mir erschien, ich solle mich dem englischen Unternehmen als Geschichtschreiber desselben anschließen. Das Abenteuer einer mit bis dahin unerhört großartigen Vorbereitungen unternommenen Fahrt nach Innerafrika war für einen jungen, gesunden Mann verlockend genug; auch die äußeren Bedingungen entsprachen so ziemlich; ich hätte rasch nach Kairo zurückfahren, meine Ausrüstung daselbst auf Bakers Kosten bewerkstelligen und dann so schnell als möglich zur Mannschaft desselben stoßen sollen. Stanley war denn auch die ganze Zeit hinter mir her, ich solle mit beiden Händen zugreifen. Es war aber ein Punkt in dem Antrage, der nur nicht zu Sinne wollte; ich hätte mich auf fünf Jahre verpflichten müssen und dieses Zeitopfer schien mir besonders deswegen zu groß, weil ich als Laie in den Naturwissenschaften mir keinerlei dauernden Gewinn fürs Leben von der Theilnahme an dem Unternehmen versprechen konnte. Als ich denn endgültig ablehnte, fand Stanley nicht Worte genug, mich ob einer solchen Unbegreiflichkeit auszuschelten. Er selber hatte freilich auch kaum Lust, statt meiner einzutreten, denn er wollte damals nichts mit Engländern zu thun haben.

Im übrigen hat sich später das Geschick der Expedition Bakers mit dem persönlichen Geschick Stanleys auf eine wundersame Weise verflochten, von der nicht viele Kenntniß haben dürften. Man kennt die romantische Geschichte, wie der reiche Besitzer des „New-York-Herald“ eines Tages seinen Berichterstatter Stanley nach Paris zu sich berief und ihm in einer Unterredung von wenigen Minuten den Auftrag und die Mittel gab, Livingstone zu suchen. Es war aber beim Gelingen der Fahrt zu Livingstone wie beim frühen Mißlingen der Bakerschen Expedition auch der Einfluß des damaligen Khedive Ismail Pascha sehr erfolgreich thätig gewesen. Der Khedive, der Baker anfangs in jeder Weise gefördert, ihm ägyptische Soldaten zum Schutze mitgegeben und ihn mit Empfehlungen an die innerafrikanischen Stammeshäuptlinge ausgestattet hatte, wurde bald von Mißtrauen beschlichen, daß die Engländer bei ihrem Vordringen neben den wissenschaftlichen auch für ihn sehr bedenkliche politische Zwecke verfolgten. Seinen Verdacht bestärkten die Briefe Bakers an den Prinzen von Wales, die sein schwarzes Cabinet in Kairo erbrach und ihm vorlegte, und die, mit bösen Bemerkungen über des Khedive zweideutige Haltung, insbesondere seine Beziehungen zu den Sklavenhändlern im Innern erfüllt, zu seinem immer größeren Verdrusse, regelmäßig nachdem sie der Prinz von Wales gelesen hatte, wortgetreu in der „Times“ ab- gedruckt wurden. Dafür wußte sich nun der Khedive in doppelter Weise zu rächen. Zunächst begegnete der Weitermarsch Bakers, dem zuvor alle Wege geebnet schienen, mit einem Male solchen Schwierigkeiten, daß bald nichts anderes als die Rückkehr der Expedition übrig blieb. Und dann konnte dem englischen Nationalgefühl, das noch nicht so dickhäutig war wie bei der späteren Preisgebung Gordons, der empfindlichste Schlag versetzt werden, wenn es ein Amerikaner mit Erfolg unternahm, Livingstone aufzusuchen, zu dem keiner seiner englischen Landsleute mehr vorzudringen wagte. In Stanley, der sich damals noch längere Zeit in Kairo aufhielt, hatte Ismail Pascha den richtigen Mann zur Ausführung seines Gedankens gefunden; und wir glauben auch in diesem Punkte, daß der Ruhm, den sich Stanley mit der Reise zu Livingstone und mit allen seinen späteren afrikanischen Thaten verdiente, nur noch heller erstrahlen muß, wenn man auf seine kleinen Anfänge vor zwanzig Jahren zurückblickt. Stanley selber bewahrt jenen Zeiten, die doch so weit hinter ihm liegen, eine lebendige, freundliche Erinnerung, und so oft er aus dem Dunkel Afrikas wieder zum Licht emportaucht, beweist er durch Briefe voll rührender Anhänglichkeit an seine Freunde, daß in seiner von dreifachem Erz umschirmten Brust ein gutes und treues Herz schlägt. W. Lauser.