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Sponsel Grünes Gewölbe Band 1/Geschichte des Grünen Gewölbes

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Das Grüne Gewölbe: eine Auswahl von Meisterwerken in vier Bänden. Band 1 Das Grüne Gewölbe: eine Auswahl von Meisterwerken in vier Bänden. Band 1 (1925) von Jean Louis Sponsel
Geschichte des Grünen Gewölbes
Der Inhalt des Grünen Gewölbes – Übersicht über den I. Band des Tafelwerkes
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GESCHICHTE DES GRÜNEN GEWÖLBES


Das Grüne Gewölbe ist eine Schöpfung des Sächsischen Kurfürsten Friedrich August I., r. 1694–1733, der als König von Polen seit 1697 den Namen August II. führte und unter dem Namen August der Starke volkstümliche Berühmtheit erlangt hat. Einer der prachtliebendsten und kunstsinnigsten Fürsten aller Zeiten, hat er die Stadt Dresden mit ihrer Umgebung nicht nur durch neue Bauten, wie den Zwinger, das Japanische Palais, die Augustusbrücke, die neuen Anlagen der Schlösser Pillnitz, Großsedlitz und Moritzburg, ferner die der Neustadt, sowie durch die Ausstattung des Großen Gartens zu einer der schönsten Residenzen Europas umgewandelt, sondern auch durch seine glänzenden Hoffeste, durch die Pflege der Musik und des Theaters, durch eine großartige Sammlertätigkeit und durch die Gründung und Einrichtung von Museen zu einer der ersten Kunststädte emporgehoben. Mag sein ebenso kunstsinniger, doch willensschwacher Sohn, Kurfürst Friedrich August II., als König von Polen August III., r. 1733–1763, den Schöpfungen seines Vaters auch die schönste Barockkirche hinzugefügt, in der Pflege der Musik und der Oper Dresden zu noch höherem Rang erhoben haben, und insbesondere der Gemäldegalerie durch die glücklichsten Erwerbungen erst ihren Weltruf verschafft haben, so folgte er darin doch den von seinem Vater eingeschlagenen Bahnen, ja er hat zum Teil die weitere Entwicklung des allseitig von jenem angelegten Sammlungswesens ins Stocken geraten lassen. Insbesondere sind zu der Sammlung des Grünen Gewölbes seit den Tagen Augusts des Starken keine deren Charakter wesentlich erweiternde neuen Erwerbungen hinzugekommen, und erst im 19. Jhdt. sind die von jenem Fürsten begonnenen Überweisungen aus der Kunstkammer durchgreifender fortgesetzt worden. Die alte Einrichtung und Aufstellung der Sammlung aber, die ihren besonderen Reiz hat, ist im wesentlichen so erhalten geblieben, wie sie August der Starke getroffen hatte. So bietet noch heute das Grüne Gewölbe, auch nach seiner Erweiterung und grundlegenden neuen Aufstellung von 1914, ein treues Spiegelbild der Geschmacksrichtung jenes feinsinnigen Fürsten und seiner Vorfahren.

Die Wettiner der Albertinischen Linie sind in fast allen ihren Mitgliedern durch hohen Kunstsinn ausgezeichnet gewesen, der sich in der Pflege des ererbten Besitzes und im Sammeln immer von neuem betätigte. Unter den Vorfahren Augusts des Starken war Kurfürst August, r. 1553–1586, der Bruder [2] des genialen und tatkräftigen Kurfürsten Moritz, des Eroberers der Kurwürde für die Albertiner, derjenige Fürst, der, unter dem Einfluß der Renaissancebildung zuerst von einer allseitigen Sammelleidenschaft ergriffen, dieser durch die Gründung einer Kunstkammer nach dem Sinn seiner Zeit und nach seinen vorwiegenden Interessen Organisation und Ausdruck gab. In dieser waren Werke der sogenannten hohen Künste nur vereinzelt vertreten, weil das Interesse der Sammler diesseits der Alpen mehr den verschiedensten Gebieten der Naturwissenschaften und der Technik zugewendet und ihr Geschmackssinn für künstlerisch veredelte Handwerksarbeit besonders ausgeprägt war. So finden sich also in der alten Kunstkammer Geräte und Gefäße sowie Gebrauchsgegenstände aller Art, auch Werkzeuge, Instrumente und Modelle, diese allerdings in oft wertvoller künstlerischer Bearbeitung, daneben gedrehte Arbeiten aus Elfenbein, Holz und Serpentin, Bücher über alle Gebiete der Technik, Klebebände mit Kupferstichen und Holzschnitten und Ölbilder, bei denen das Interesse am Inhalt voranstand.

Die Kunstliebhaberei war damals in unseren Landen noch verquickt mit allen anderen Interessen, insbesondere die fürstliche Kunstliebhaberei. Zuhöchst schätzte sie den Besitz von Gegenständen kostbaren Materials, die als Erbe der Vorfahren bewahrt und möglichst bereichert wurden, sei es, daß sie zum Schmuck der Person verwendet, oder als prunkvolles Haus- und Tischgerät geschätzt und bei besonderen Gelegenheiten benutzt wurden. Mag auch die Aufbewahrung dieser Gegenstände eine ganz private Angelegenheit des fürstlichen Hauses gewesen sein, so zeigt doch deren Vereinigung mit anderen aus weniger kostbaren Stoffen hergestellten und aus anderen Ursachen, „kuriosen“, d. h. das Interesse erregenden Gegenständen und deren Schaustellung in zusammenhängenden Räumen die ausgesprochene Absicht einer Museumsgründung. Allerdings war die Besichtigung dieser Räume nur den fürstlichen Gästen und besonders Begünstigten vorbehalten. Immerhin aber stehen die Kunstkammern im Anfang des modernen Museumswesens, und bei dem noch ungeordneten und oft wenig entwickelten künstlerischen und wissenschaftlichen Sinn der Sammler bildeten sie eine Art von Universalmuseum, in denen das Interesse für die „künstliche“ Herstellung und für den Inhalt der Darstellung, für technische und mechanische Fertigkeiten, für Werkzeuge und Instrumente, für Seltenheiten von Naturformen und für Naturalien aller Art, für Reliquien und geheime Kräfte, für mikroskopische und andere Künsteleien [3] neben dem eigentlichen Kunstinteresse zumindest den gleichen und zumeist den höheren Rang einnahm.

Die Kunstkammer, die Kurfürst August 1560 in Dresden einrichtete, befand sich in sieben Zimmern im zweiten Obergeschoß des Residenzschlosses über seinen eigenen Wohnräumen und zum größeren Teil auch über den Räumen, die später im Erdgeschoß von August dem Starken für das erweiterte Grüne Gewölbe bestimmt wurden. Auch bestand schon von Anfang an eine Verbindung von jenen Räumen zu diesen, indem eine Wendeltreppe vom zweiten Obergeschoß bis in das Zimmer, das zuerst im 17. Jhdt. als „Grünes Gewölbe“ erwähnt wird, hinabführte, und das seit der Erweiterung des Schlosses unter Kurfürst Moritz und August für die „geheime Verwahrung“ diente.

Einen Einblick in den Inhalt der Kunstkammer verschafft uns das nach dem Tod des Vaters August von seinem Sohn Christian I. 1587 hergestellte erste Inventar, das folgende Einteilung hatte:

I. Reiss-Kammer: Instrumente zum Zeichnen, für Mathematik und Astronomie, für die Meßkunst. Erd- und Himmelsgloben zum Teil mit Uhrwerk, astronomische Kunstwerke mit beweglichen Sphären, Astrolabien, Datumzeiger, ewige Kalender, Sonnenringe, Uhren aller Art, zum Teil mit Schlagwerken, Weckapparate, Sand-, Wasser-, Sonnen-, Stern- und astrologische Planetenuhren, flache und hohle Spiegel, Lesegläser und Brillen.

Zum Zeichnen: Lineale, Dreiecke, Winkelhaken und Storchschnäbel, Schreib- und Reißfedern, Tintenfässer.
Zum Messen: Normalellen, Zollstäbe, Kompasse, Quadranten, Zirkel, Schrittzähler, Visierruten, Lote und Maßstäbe.
Zum Wägen: Hand-, Setz- und Schnellwagen mit einheimischen und ausländischen Gewichten.
Kurfürst Augusts für Reisen bestimmte Meß- und Zeichenwerkzeuge und ein Wegemeßinstrument zur Herstellung von Reisekarten, zum Anlegen an den Körper eingerichtet oder an den Sattel.
Möbel: Schreibtische mit kostbarem Schmuck, aus Ebenholz, Marmor, Jaspis. Ein Positiv von Chr. Walther. Zwei kristallene Spiegel vom Herzog von Savoyen. Smaragdstufe, Geschenk vom Kaiser Rudolf II. Andere fürstliche Geschenke: astronomisches Uhrwerk, Uhr in Kristallgehäuse.
Kunstwerke: Alabasterbildnisse der vier Jahreszeiten von Michelangelo, Bronzestatuen von Gio. da Bologna und viele aus Wachs und

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Gips. 12 Bildnisse der römischen Kaiser von Nosseni und Bildnisse der deutschen Kaiser und der sächsischen Kurfürsten. Landschaften von Bol.
Landkarten von Sachsen und Thüringen, eigene Arbeiten, Reiseverzeichnisse vom Kurfürsten August. Geometrische Traktate und Zeichnungen von Abraham Riese. (Heute Bibliothek und H. St. A.).
Meerschnecken und Muscheln und seltsame Tiere. 3 Ellen langes Einhorn.

II. Grüne Schränke und lange Tafeln: 2 Positive. Geometrische Instrumente, Kompasse, Wasserwagen, Zirkel, Maßstäbe, Quadranten, Lote.

Gedrehte Kugeln, Büchsen, Schachteln, Schalen, Becher aus Elfenbein und Holz teils von den Hofdrechslern, teils Geschenke vom König von Dänemark, den Herzögen von Bayern und Florenz, dem Erzherzog Karl von Österreich.
Mehr als 200 Gefäße aus Serpentin von Zöblitz und aus Marmor von Weissensee.
Werkzeuge für Tischler, Drechsler, Schlosser, Goldschmiede, Barbiere, Wundärzte,
ferner Feuerzeuge, Schreibmaterialien.
Künstliche Schlösser, Stempel und Petschafte, Schach-, Mühl- und andere Spiele, Wagen und Gewichte, ein Prisma.
Fischangeln, Geräte zum Vogelfang, Gärtnergeräte und Propfzeug. Modelle und Berechnungstafeln für die Artillerie, Richtinstrumente, Handfeuerwaffen, Kugelformen, Geschützkugeln.
Werkzeuge für Tischler, Schlosser, Büchsenmacher.
Geräte zum Aufbrechen von Türen und Fenstern, Öffnen von Schlössern, Sprengen von Fesseln, Folterinstrumente; türkische Waffen, Geschenke des Erzherzogs Matthias von Österreich, Gemälde, Bildnisse, Ansicht von Venedig.
Bücher: 288 Bände und Handschriften, theologische, juristische und medizinische, die von Annaburg 1586 ins Schloß kamen, doch nicht mit verzeichnet sind. Meist sind verzeichnet Werke astronomischen, mathematischen und technischen Inhalts, alle wichtigeren Werke sind vertreten. Werke der Völkerkunde, Bilderwerke in Sammelbänden, Wappen, Stammbäume, Fürstenbildnisse, Turnierbücher, Aufzüge, Architekturwerke. Anweisungen zur Herstellung

[5] von Kompassen, Sonnenuhren, Meßwerkzeugen und anderen mechanischen Instrumenten. Seekarten. Es fehlen Werke der schönen Literatur, außer Hans Sachs.

III. Handwerkszeug für Münzschläger, Drahtzieher, Tischler, Bernsteindrechsler, Barbiere und Chirurgen, künstliche Uhrwerke und Meßinstrumente.

Prägezeug für Münzen und Medaillen.
Hirschgeweihe, Gemsengehörne und Bilder von Städten, Belagerungen, Landkarten.

IV. Geräte zum Fisch- und Vogelfang, Landkarten, Festungspläne und Modelle.

V. Geräte zum Vogelfangen, allerlei Wagen, Modelle zu Gebäuden und Maschinen, ausländische Hölzer zum Drechseln. Großer Himmelsglobus. Forstkarten. Sächsische Gesteinsarten von Nosseni gesammelt. Darunter Serpentine aus Zöblitz, bunte Schiefer von Plaunitz, Marmorarten, Basalt u. dgl., Gehörne und Geweihe, Bilder von Jagdtieren, Bildnisse.

VI., VII. Zurückgestellte, teils unscheinbar gewordene, teils beschädigte Gegenstände, Futterale.

Ein zweites Inventar mußte infolge der reichen Zuwendungen des Kurfürsten Christian I., r. 1586–1591, und des Administrators Friedrich Wilhelm, r. 1591–1601, im Jahr 1595 angefertigt werden.

Die wichtigsten Zugänge seit dem Inventar von 1587 unter Kurfürst Christian I. waren folgende:

1588: Formen zum Kugelgießen, Wachsfiguren, Erzstufen, Skelett eines Zwerges.
Gedrehte Elfenbeinbecher von Lobenigk und Wecker.
Gemälde, 8 neue Bilder von Bol und viele andere. Kupferstiche und Holzschnitte von Dürer. Dürers Buch: Unterweisung der Messung.
1589: Truhe, das Geschenk von Kurfürst Christian an seine Gemahlin, angeblich von W. Jamnitzer.
Kirschkern mit 185 Köpfen, Geschenk vom Hofmarschall von Loß. Messingbilder.
1590: Brillen des Kurfürsten August, 12 Löffel, angeblich türkische, Nähkästchen von vergoldetem Silber, Geschenk des Kurfürsten von Brandenburg. Porzellangeschirr vom Herzog von Florenz.

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1591: Brillen zum Gebrauch beim Drechseln, teils vom Kurfürsten August.
Goldenes Brettspiel, Geschenk vom Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg an seinen Schwiegersohn Kurfürst Christian I.

Unter dem Administrator kamen hierzu noch:

1592: 2 Tische von J. M. Nosseni.
1593: Möbel, Schmucksachen, Tafelgeräte.

Ebenso ein drittes Inventar im Jahr 1610, nachdem Kurfürst Christian II., seitdem er 1601 mündig geworden war, die Sammlung besonders durch Gemälde, darunter viele fürstliche Bildnisse, durch mechanische Kunstwerke und Automaten vermehrt hatte.

Hiervon sind hervorzuheben:

1601: Kunstuhren, kriechende Schnecken von Schissler in Prag, Erzstufen.
1602: Bank von Jaspis von Nosseni.
1604: Spinne von Tobias Reichel.
1606: 3 Kunstschreine, eingelegt von Schifferstein.
1608: Gemälde.

Nach dessen Ableben im Jahr 1611 kamen unter seinem Bruder Kurfürst Johann Georg I., r. 1611–1656, wieder einige wertvolle Erwerbungen hinzu, so 1624 Elfenbeinarbeiten von Johann Wecker und viele Werke aus Achat und Jaspis, im Kaufwert von 2229 Gulden, 1612 der St. Georg, ein Automatenwerk aus vergoldetem Silber, 1615 ein Schreibtisch aus Ebenholz mit Einlagen aus Elfenbein von Hans Schifferstein, ferner Naturalien, wie Tierskelette, Meteore, ferner indianische Waffen und ein Perpetuum mobile, weiter 1622 aus dem Nachlaß des Hofarchitekten Johann Maria Nosseni Gemälde und Kunstbücher, auch Statuen von Terrakotta, Gips und Metall und 1623 aus dem Nachlaß der Kurfürstin Sophie, der Witwe Kurfürst Christians I., kostbare Möbel, Uhrwerke, Gemälde, Kunstkästen aus Silber, Ebenholz, Elfenbein und Perlmutter, Erzstufen, sowie Prunkgeräte und Schmucksachen.

Die Tür des südlichen Turmzimmers im Grünen Gewölbe ist bemalt mit dem gevierten Wappenschild von Sachsen, Jülich, Cleve und Berg und in der Mitte mit dem Kurschild und hat darüber in Versalien die Inschrift: Johannes Georgius Elector Saxoniae Technotecae Locupletator MDCXXXI. Diese Tür bekundet also, welche Bedeutung der Kurfürst nicht nur seinen Ansprüchen auf jene Fürstentümer, sondern insbesondere der durch ihn wesentlich bereicherten [7] Kunstkammer beimaß. Daß diese Bereicherung auch durch Kriegsbeute von Johann Georg I. gemacht sei, dafür haben sich bisher Beläge nicht finden lassen. Heinrich Zimmermann berichtet in Ilgs Kunstgeschichtlichen Charakterbildern aus Österreich-Ungarn, Wien 1893, S. 228, Johann Georg I. habe, als er nach Tillys Niederlage bei Breitenfeld 1631 als Verbündeter Gustav Adolfs nach Prag zog, dort zahlreiche Kostbarkeiten auf fünfzig Wagen und mehreren Schiffen fortschaffen lassen. Die Angabe geht wohl zuerst aus von J. M. Schottky, Prag, wie es war usw., Prag 1830, S. 56 und ist schon von Graesse in dem Katalog des Grünen Gewölbes von 1872 als haltlos zurückgewiesen worden. Wenn sich also Kurfürst Johann Georg I. 1631 der Bereicherung der Sammlung rühmen konnte, so boten hierzu die erwähnten Ankäufe und die beiden Nachlässe schon hinreichend Anlaß. Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges aber mußte schon infolge der Kriegszeiten für lange Zeit ein Stillstand in der Entwicklung der Kunstkammer eintreten. Dieser war aber insofern wieder günstig, als infolge der durch die Zugänge eingetretenen Überfüllung der Räume die Notwendigkeit der Ausscheidung der nicht zugehörigen Gegenstände erkannt wurde und nach deren Durchführung eine Neuordnung vorgenommen werden konnte, durch die jedesmal die gleichartigen Gegenstände in zusammengehörige Gruppen vereinigt wurden, wodurch der Inhalt der Zimmer an einheitlichem Eindruck gewonnen hat. Das hiermit zugleich begonnene und 1640 abgeschlossene neue Inventar, dessen Fortführung der Kurfürst seinen Nachfolgern zur Pflicht machte, gibt den Inhalt der Kunstkammer, die seit 1619 um ein Zimmer erweitert worden war, nach den acht Zimmern, wie folgt an:

I. Prunkmöbel und Handwerksgeräte.
II. Die Werkzeuge des Kurfürsten August, Bildnisse.
III. Gestelle, Kredenzschränke und eingelegte Tische, angefüllt mit Kristallgefäßen, Venezianischen Gläsern, silbernen und goldenen Geschirren, Edelsteinen und Schmucksachen, sowie Kunstarbeiten aus Elfenbein, Korallen, Perlmutter, Nautilusschnecken und Straußeneiern. Fürstenbildnisse und Landschaften.
IV. Vier lange Tafeln und vier Tische, besetzt mit Kunstschränkchen und Schreibzeugen, Kunstkästchen mit silbernen und goldenen Verzierungen oder mit Perlmutter in Elfenbein eingelegt, angefüllt mit kleineren Kunstarbeiten. Ein Holzmodell des Schlosses. Gemälde aus der Schule Dürers

[8]

und Cranachs, Bildnisse, darunter Vater August von C. Reder und Mutter Anna von Z. Wehme.
V. 334 Kunstbücher, Handschriften meist geometrischen und astronomischen Inhalts, mathematische, geodätische und optische Instrumente des Kurfürsten August, Modelle, Orgelwerke und Landkarten.
VI. Spiegel und andere Glasarbeiten, silberne Gefäße, Kunstuhren, Brettspiele, Trinkgeschirre mit Nephrit, Porzellane, das berühmte Einhorn, getriebene Reliefs aus Silber von S. Dattler und Werke von Daniel Kellerthaler, ferner 50 Gemälde meist historischen Inhalts.
VII. Naturalien, darunter Erzstufen, sächsiche Steinarten, Meteorsteine, Kokosnüsse, ausgestopfte Tiere, Muscheln, Straußeneier, Elefantenzähne, Geweihe, Urnen mit Münzen. Ölgemälde mit Tierdarstellungen.
VIII. Kunstwerke aus Elfenbein von G. Wecker und seinen Söhnen, von E. Lobenigk, J. Zeller und Th. Lohse. Uhren, Statuen, Gemälde. Figuren und Büsten aus Gips, Wachs und gebranntem Ton und einige Bronzen, so die Büste Christians II. von Adriaen de Vries und von demselben eine Gruppe Venus und Adonis, Werke von Jean Boulogne in größerer Anzahl, eine Büste in Relief aus Marmor vom Kurfürsten August von Juan Battista Buonhomini, ein Relief aus Zypressenholz, Kurfürst Johann Georg I. zu Pferd von dem Hoftischler Georg Weniger, von Zacharias Hegewald Adam und Eva aus Stein in Lebensgröße. Endlich Gemälde: die zwölf ersten römischen Kaiser aus dem Nachlasse Nossenis, Bildnisse der Kurfürsten August, Christian I. und II., Johann Georg I. von Christian Schiebling und 26 Aquarelle von Hans Bol.

Auf die Herstellung dieses Inventars von 1640 folgten, durch die Friedenszeiten begünstigt, bis zum Jahr 1658 über 1000 Stück einzelner von dem Kunstkammer-Inspektor Beutel verzeichneter Zugänge. Darunter besonders reich der Zuwachs an Juwelen, kostbaren Gefäßen und Goldschmiedearbeiten, die teils in Dresden verfertigt, teils in Augsburg, Nürnberg und Frankfurt erkauft waren, teils als Geschenke befreundeter Fürsten und einzelner Hofbeamten eingingen. In künstlerischer Hinsicht bedeutsamer scheinen aber dann die Erwerbungen geworden zu sein, die Kurfürst Johann Georg II., r. 1656–1680, für die Kunstkammer machen ließ. Denn er konnte sich dabei auf die Sachkunde des als Oberstleutnant nach Dresden berufenen, vorher als Kriegsingenieur in Italien und Griechenland tätig gewesenen Wolf Kaspar [9] von Klengel stützen, der als Wiedererwecker der Baukunst für Dresden von Bedeutung wurde, nicht minder aber auch als erfahrener Kunstkenner. Dieser wußte den Kurfürsten für die Kunst Italiens einzunehmen und wurde von ihm zum Zweck von Erwerbungen dorthin auf Reisen geschickt, begleitet von dem Geheimkämmerer Domenico de Melani. Von seinen Reisen in Griechenland und Italien hat er Altertümer, venezianische Gläser, italienische Majoliken, Bronzen, Pietraduratischplatten und -bilder, Kupferstiche und Bücher mitgebracht, auch zwei Elfenbeinstatuetten von dem in Italien lebenden Dresdner Bildhauer Melchior Barthel. Von Melani wurde dann 1672 aus Italien der Crucifixus von Jean de Boulogne (Giovanni da Bologna) mitgebracht und vier Jahre darauf der Kunstkammer überwiesen, in demselben Jahr auch zwei Büsten römischer Kaiser aus Italien. Besonders reich war in diesem Zeitraum auch die von Klengel betriebene Vermehrung der Gemälde, zumeist deutscher und niederländischer Meister des 16. und 17. Jhdts., wenn auch nur einzelne ersten Ranges, darunter auch die auf Holz gemalten Aufrisse und Ansichten von Dresden, ferner Burgkmairs Triumphzug des Kaisers Maximilian, Kupferstiche von Lukas von Leyden und eine von dem Hofmaler Samuel Bottschild aus Italien mitgebrachte Handzeichnung von Andrea Mantegna. Von Werken des Kunstgewerbes kamen noch hinzu u. a. aus dem Nachlaß der Kurfürstin Magdalene Sybille, gest. 1659, zweiten Gemahlin von Kurfürst Johann Georg I., ein elfenbeinernes Schränkchen und ein Schränkchen in der Art des Schifferstein, ferner an deutschen Arbeiten 1660 eine Glasschale auf Fuß mit Deckel und mit eingeschnittener Landschaft des Glasschneiders Hans Henning, 1661 ein elfenbeinerner Kompaß von Carl le Blond in Dieppe, 1662 verschiedene kostbare Gefäße aus Bernstein, zwölf gegossene Brustbilder aus Messing von Karl V., Luther, Erasmus und anderen von dem Bruder des Stückgießers Herold in Nürnberg, 1665 der auf Buchsbaum geschnittene Glückwunsch des Tobias Vopaelius in Zittau, 1667 die Reiterstatuette des Königs Karl II. von England von Gottfried Leygebe in Nürnberg in Eisen geschnitten samt gedrucktem Bericht, als Geschenk des Kurfürsten von Brandenburg. 1668 des Dresdner Hofbildhauers Sebastian Walthers Alabasterrelief der Geburt Christi, 1671 verschiedene Elfenbeingefäße, z. T. mit geschnitzten Reliefs, ein Alabasterrelief mit Johannes dem Täufer als Kind von dem Schneeberger Bildhauer Melchior Böhme, und von demselben ein Alabasterrelief mit dem Bildnis des knieenden Kurfürsten Johann [10] Georg II., 1675 ein kunstvolles Schloß von Benjamin Hoppert in Nürnberg für 20 Taler gekauft, 1677 wieder ein geschnittenes eisernes Schloß von Bartholomaeus (?) Hoppert in Nürnberg, 1678 mehrere Luther-Reliquien, zwei Ringe, sein Mundbecher und ein Löffel, sowie seine Hauswehr, 1679 ein Bildnis des Kurfürsten Johann Georg II. an einer Kette aus einem Stück Elfenbein geschnitten von einem Holländer für 50 Taler geliefert. Von ganz besonderer Bedeutung war aber der Ankauf einer Sammlung geschnittener mit Gold und Edelsteinen verzierter Ziergefäße aus Bergkristall und Rauchtopas, für deren Kostbarkeit die hohe Schätzungssumme von über 20 000 Talern ein sprechendes Zeugnis ablegt. Alle diese Stücke sind heute noch teils im Grünen Gewölbe, teils im Historischen Museum vorhanden, die gegossenen Medaillen im Münzkabinett, Uhren und Instrumente im Mathematischen Salon.

Unter Kurfürst Johann Georg III., r. 1680–1691, bestanden die Erwerbungen wieder zumeist in Gemälden, wenn auch diese nicht allzu hervorragend, doch immerhin ein Anzeichen für den jetzt mehr den hohen Künsten zugewandten Sinn der Zeit. Bis zum Ende des Jahrhunderts haben seine Söhne Johann Georg IV.,r. 1691–1694, und August der Starke der Vermehrung der Kunstkammer keine besondere Aufmerksamkeit erweisen können.

Neben der Kunstkammer bestand schon von alters her am Hof zu Dresden, man darf wohl sagen als früheste Sammlung, die „Rüstkammer“, die aber nicht als ein Museum durch Sammlertätigkeit zustande gekommen war, sondern die vielmehr als Vorratskammer für den Bedarf des Hofhalts alle Schutz- und Trutzwaffen, die für die ritterlichen Spiele und auch für den Ernstfall aufbewahrt wurden, vereinigte. Erst unter Kurfürst August mehrte sich auch hier der Bestand an Waffen und Geräten, denen die wachsende Zierfreude der Zeit ein künstlerisches Gepräge gab, und auch hier ist Kurfürst August der erste, der über den Zweck hinaus Freude am Besitz mannigfach verzierter Waffen und Harnische betätigte, während seine nächsten Nachfolger gerade auf diesem Gebiet in großartigster Weise die Sammlung bereichert haben. So war also die früheste Spezialsammlung entstanden, zu der auch am frühesten aus dem Bestand der Kunstkammer eine Ergänzung hinzukam, indem 1690 das zumeist durch Ätzung mit feinster Ornamentik überzogene Gärtnereizeug aus dem Nachlaß des Kurfürsten August (gest. 1586) dem „Stall“, wo die Rüstkammer aufgestellt war, überwiesen wurde.

[11] Eine ähnliche für den Bedarf des Hofhalts eingerichtete Sammlung war die „Inventionskammer“, die auch wohl unter Kurfürst August gegründet und für die Hoffeste und Aufzüge zu den ritterlichen Spielen der Zeit, die stets in ein phantasievolles Gewand gekleidet wurden, die nötigen Ausstattungs-Gegenstände bereit zu halten hatte.

Eine ebensolche Vorratssammlung war die Silberkammer, über deren Bestand schon ein im Jahr 1443 aufgenommenes Inventar berichtet und deren Entwicklung, ebenso wie die der mit einer reichen Sammlung kostbarer deutscher Gläser ausgestatteten Hof-Kellerei, ô Byrn in seinem anonymen Buch: Die Hof-Silberkammer und die Hof-Kellerei zu Dresden, Dresden 1880, auf Grund eingehender urkundlicher Forschungen bis auf den letzten Bestand eingehend geschildert hat. Außer dem Gebrauchssilber wurden hier auch schon frühzeitig einige Kostbarkeiten aufbewahrt, dann aber, weil die Kammer unverschlossen war, in eine andere Kammer überführt. Ein Inventar von 1469 vermerkt schon in der Silberkammer außer dem Gebrauchsgeschirr Bergkristallgefäße in Silberfassung, Kredenzen und Greifenklauen, Tiere mit Straußeneiern, ferner zwei Kurschwerter, zwei Gesellschaftsstücke der von Kurfürst Friedrich II. 1450 gestifteten „Ritter-Gesellschaft des hl. Hieronymus“, weiter silberne Gefäße, die als Geschenke vom Kaiser in Wiener Neustadt und in Graz und vom König Matthias Corvinus in Preßburg an Herzog Albrecht den Beherzten gelangt waren, endlich Tuch- und Stoffvorräte. Ein späteres Inventar, unter Herzog Georg dem Bärtigen aufgenommen, verzeichnet die Kleinodien, die im Besitz aller Mitglieder der Familien sich befanden, ohne daß ein bestimmter Ort der Aufbewahrung der einzelnen Stücke angegeben ist. Erst das Inventar, das Herzog Moritz 1543 hat aufnehmen lassen, wird als das der „Chammer zu Dresden“ bezeichnet, gemeint ist zweifellos die Silberkammer, die auch unter dessen Bruder, Kurfürst August, und seinen Nachfolgern weiterbestand.

Sie befand sich bis zum Jahr 1701 im alten Teil des Schlosses in einem Raum des Erdgeschosses des südlichen Flügels zwischen dem Tor unter der Laterne, das von dem kleinen in den großen Schloßhof führt, und dem (östlichen) Schloßstraßenflügel. Auch in anderen kurfürstlichen Schlössern befanden sich solche Silberkammern. Außer dem Gebrauchsgeschirr wurden in der Silberkammer zu Dresden auch Kostbarkeiten und Prunkstücke, sowie kirchliche Geräte aufbewahrt. Die einzelnen Gegenstände wechselten gelegentlich den [12] Ort ihrer Aufbewahrung, kamen aus der einen in die andere Silberkammer, oder aus der Dresdner Silberkammer in die Kunstkammer. So wurden 1607 aus dem Lusthaus zu Pirna Trinkgeschirre in die Dresdner Kammer überwiesen: ein Elefant, ein Schiff, ein Faß, eine Windmühle, ein Rungenstock, ein Bär mit einer Büchse, ein Geschütz auf Rädern, ein Weinhacker, eine Bäuerin, ein Kamel, ein Ochse, ein Pferd, eine Laterne, der Bacchus, ein Hahn. Viele Gegenstände sind auch je nach Bedarf wieder eingeschmolzen worden, um das Material zu neuem Geschirr zu liefern. Andere aber haben sich bis heute im Grünen Gewölbe erhalten, so die Tischbestecke mit Korallengriffen, ein in Silber gefaßtes Gießbecken aus Perlmutter, Leuchter aus Bergkristall in Silberfassung, Doppelscheuern und Trinkgefäße aus Perlmutter und Silber.

Andere kostbarere Gegenstände wurden, wie schon in dem Inventar der Silberkammer von 1586 und in dem der Kunstkammer von 1587 vermerkt ist, nachträglich zur „Geheimen Verwahrung“ genommen. Diese befand sich im Westflügel des Schlosses in einem Raum des Erdgeschosses unter der im zweiten Obergeschoß gelegenen Kunstkammer, mit der sie, wie erwähnt, durch eine Wendeltreppe in Verbindung stand. Es ist dies der Raum im Grünen Gewölbe, der heute als Silberzimmer bezeichnet wird, der im Jahr 1610 „Das Gewelb“ genannt wird und in einem Verzeichnis des Jahres 1638 zuerst als „Grünes Gewölbe“ vorkommt. Diese Bezeichnung ist dann später auf die sämtlichen von August dem Starken für die 1724 erfolgte neue Aufstellung seiner Sammlung von Kostbarkeiten und Kunstwerken in Anspruch genommenen Erdgeschoßräume im Westflügel des Schlosses ausgedehnt und von da ab beibehalten worden. Hier waren wohl zuvor in erster Linie wichtige Urkunden und Aktenstücke aufbewahrt, doch wurden in frühester Zeit solche auch in der Silberkammer untergebracht. Schon der Ausdruck „die Geheime Verwahrung“ deutet darauf hin, daß dieser Raum als sicherster Ort für die wichtigsten und wertvollsten Besitzstücke zur Aufbewahrung zu dienen hatte. Auch noch bis in das 19. Jhdt. wird, nachdem längst der Name „Grünes Gewölbe“ für den Inhalt der Sammlung gebräuchlich geworden war, die Bezeichnung „die Geheime Verwahrung in dem Grünen Gewölbe“ dienstlich gebraucht.

Das Verzeichnis der „Geheimen Verwahrung im Grünen Gewölbe“ vom Jahr 1638, das die Brüder Erbstein in dem Führer des Grünen Gewölbes von 1884 erwähnen, ist mir nicht bekannt geworden. Die Überweisungen von Kostbarkeiten [13] lassen erkennen, daß diese schon früh zur Aufbewahrung nicht nur von wichtigen Urkunden, sondern auch als Schatzkammer verwendet wurde.

Auch läßt sich ein anderes Zeugnis dafür anführen, daß dieses Gewölbe tatsächlich schon im 17. Jhdt. als Schatzkammer diente. Der Augsburger Patrizier Philipp Hainhofer, 1578–1647, ein vielseitiger Gelehrter und Sammler im Sinne seiner Zeit, der selbst eine berühmte Kunstkammer besaß, hielt sich zweimal auf seinen Reisen in Dresden auf und hat über seine Beobachtungen eingehende Berichte hinterlassen. Im Jahr 1617 auf seiner Reise nach Stettin zur Ablieferung des berühmten “Pommerschen Kunstschrankes“, einer Kunstkammer im Kleinen (heute im Schloßmuseum zu Berlin), an Herzog Philipp II. von Pommern, und dann im Jahr 1629 kam er nach Dresden, diesmal um als Mitglied einer Gesandtschaft aus Augsburg den Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen um Vermittlung beim Kaiser zu bitten zur Wahrung freier Religionsübung der Evangelischen in Augsburg. Seine Aufzeichnungen, als die eines typischen Vertreters des damaligen Kunstgeschmacks, insbesondere über die Kunstkammer, sind in vielfacher Hinsicht auch für die Geschichte der Dresdner Sammlungen von Wert und Bedeutung. So erhalten wir auch durch ihn allein einige Kenntnis über den Inhalt der Schatzkammer, denn nur diese kann gemeint sein. Bei einem Besuch der Münze in Dresden erwähnt er 1629, der Kurfürst präge wie seine löblichen Vorfahren „gut Geld und schön braite große neue taler“ und er fährt fort: „Vnd werden vil tausent in das schöne schätz gewelb deponiert, in welchem auch, neben dem silbernen die gantz guldine, vnd die auß edlen stainen vnd Cristallen gemachte geschürre verwahret, vnd etliche million goldes hier innen verborgen werden“. Da Hainhofer an anderer Stelle den Besuch der Silberkammer mit kurzen Worten erwähnt, so ist daraus zu entnehmen, daß nicht diese als „das Schatz-Gewelb“ gemeint ist, sondern die „geheime Verwahrung“, die also damals schon zur Aufbewahrung der kostbarsten Werke der Goldschmiedekunst und der durch ihren materiellen Wert teuersten Stücke verwendet wurde, nicht so sehr zur Schau, als zur größeren Sicherheit ihrer Erhaltung.

Zur gleichen Zeit bestand schon das Bedürfnis, solche kostbaren Gegenstände auch zur Ausschmückung von Prunkräumen zu verwenden. Ein solches Gebäude mit Prunkräumen war da, wo heute das Belvedere steht, in dem Lusthaus auf der Bastei an der Elbe, das 1747 durch eine Pulverexplosion vernichtet wurde, im Jahr 1629, gerade als Hainhofer in Dresden weilte, [14] fast vollendet. Es war von Giovanni Maria Nosseni (1545–1620, in Dresden seit 1575) begonnen und damals von seinem Nachfolger Sebastian Walther (1574–1643) so weit gefördert worden, daß in drei Jahren alles vollendet sein sollte. Hainhofer berichtet, in dem unteren Saal dieses Lusthauses, in dem die kurfürstliche Tafel aufgestellt werden sollte, sei eine schöne Grotte und er fährt fort: „Diese Grotte wirt für einen trisor dienen, auf welchem herumb gestellt werden die köstliche crystalline, iaspine, topasine, agatine vnd andere frembde in gold gefaßte stainine geschirre, darunder aine in gold gefassete nave von Böhmischem diamant (Bergkristall), die 4 maß fasset, auf m/20 cronen aestimiert wirdt, vnd vom jetzigen Kayser Ferdinando Ihrer Churf. Drl. ist verehret worden“.

Andere in ähnlicher Weise prächtig ausgestattete Räume befanden sich im ersten Obergeschoß des Stallgebäudes, in dem die Rüstkammer aufgestellt war. Sie waren mit Marmorplatten belegt und mit Möbeln aus Holz, Marmor und Serpentin ausgestattet, von denen noch einiges erhalten ist. Die zwei Eckstuben, von denen die eine das Fürstengemach hieß, waren, wie Hainhofer berichtet, mit je einem Tresorberg ausgestattet, der aus Felsgestein erbaut und mit Nischen in Bergwerksart versehen war, und darin ein Reiter mit Willkomm in der Hand, der durch ein Gehwerk sich heraus bewegte, und dem Gast den Willkomm darbrachte. Beide Tresors waren „voller schönen Silbergeschirrs“ „zwischen den Stufen und Handsteinen“. Sie stehen heute noch im Historischen Museum. Anstatt des an das Grüne Gewölbe abgegebenen Silbergeschirrs sind sie mit emaillierten deutschen Trink- und Ziergläsern ausgestattet. Während die Prunkgefäße aus dem Lusthaus wohl schon bei Gründung des Grünen Gewölbes in dieses überführt wurden, kamen die silbernen Gefäße aus dem Stall erst im 19. Jhdt. dorthin und bilden seitdem einen wertvollen Bestandteil des Emaillen- und des Silberzimmers.

Andere Bestände stammen aus dem Besitz der Kurfürstinnen. Hatte schon Mutter Anna die gleiche Sammelleidenschaft, wie ihr Gemahl, und die gleiche Freude an Werken der Goldschmiedekunst und des Geschmeides, so sind auch aus ihrem Nachlaß noch heute im Grünen Gewölbe kostbare Geräte und besonders schöne Schmuckstücke und Ketten vorhanden. Ihre Nachfolgerinnen waren nicht minder sammelfreudig. Ja, sie hatten sogar ihre eigene Kunstkammer, sowohl Sophie, die Gemahlin von Kurfürst Christian I., geborene Prinzessin von Brandenburg, geb. 1568, verm. 1582, Witwe 1591, gest. [15] 1622, wie auch ihre Schwiegertochter Magdalene Sibylle, die zweite Gemahlin des Kurfürsten Johann Georg I., geb. 1586, verm. 1607, Witwe 1656, gest. 1659, wiederum eine Brandenburgische Prinzessin aus dem Hause Hohenzollern. Die Kunstkammer der letzteren durfte Hainhofer, der die Kunstkammer mancher deutschen Fürsten schon gesehen hatte, 1629 in ihrer Gegenwart besichtigen. Es waren „vier Zimmer voll schöner Sachen“, und zwar dieselben Zimmer, in denen die Kurfürstinmutter auch ihre Kunstkammer gehabt hatte. Hainhofer zählt alle Dinge darin auf, darunter befinden sich kostbar ausgestattete Geräte und Silbergeschirr aller Art, eine Kunstuhr mit tanzenden Figuren, Muschelschalen, Schnecken, Straußeneier und ein Handbecken „von des Kellerthalers khunstlicher Hand“, sowie „geschmelzte, gammalierte Geschirr von Limosiner arbait“ – heute im Grünen Gewölbe. Einer zweiten Magdalene Sibylle, ihrer 1617 geborenen Tochter, der Gemahlin des Erbprinzen Christian von Dänemark und nach dessen Tod der zweiten Gemahlin von Friedrich Wilhelm II. von Sachsen-Altenburg, gest. 1668, verdankt das Grüne Gewölbe gleichfalls sehr wertvolle Stücke.

Aus allen diesen verschiedenen und an verschiedenen Orten aufbewahrten Beständen hat August der Starke die durch ihr kostbares Material oder ihre künstlerische Bearbeitung wertvollsten Stücke in dem Grünen Gewölbezusammengetragen. In erster Linie wurden der Kunstkammer die meisten künstlerisch wertvollen Werke für das Grüne Gewölbe entnommen. Auch mußte hierzu die Silberkammer alle ihre älteren kostbaren Gegenstände hergeben, so daß diese nach dieser Zeit, ausgenommen ein später hinzu erworbenes Stück, nur Gegenstände bewahrt, die unter August dem Starken und seinen Nachfolgern für den Hofhalt entstanden sind. Zu einer alle Kostbarkeiten seines Hauses bergenden Schatzkammer wurde das Grüne Gewölbe ausschließlich also erst unter August dem Starken, und mit seiner Erweiterung und prächtigen Ausstattung in den Jahren 1721–1724 gleichzeitig zu einem Museum im Sinn der neueren Zeit.

Als äußerer Anlaß zu dieser grundlegenden Änderung wird der Schloßbrand des Jahres 1701 angegeben. Dieser Brand, der den Flügel an der Schloßstraße niederlegte und in den benachbarten Elbflügel übergriff, hatte allerdings die im Westflügel nach dem Zwinger zu gelegene Kunstkammer nicht gefährdet, doch mochte er die Erwägung nahelegen, daß bei einem nochmals ausbrechenden Brand die im zweiten Obergeschoß befindliche Sammlung der [16] Vernichtung ausgesetzt war. Die Kunstkammer fand daher eine provisorische Unterkunft im Regimentshaus am Jüdenhof. Es ist dann ein Zeitraum von zwanzig Jahren verstrichen, bis man in Dresden daran ging, die Kunstkammer, die nur noch als Magazin, nicht als Aufenthalt zum Genuß der dort aufgestapelten Werke betrachtet werden konnte, in ihre Hauptbestandteile aufzulösen, indem der Anfang damit gemacht wurde, die für das erweiterte Grüne Gewölbe geeigneten Stücke aus ihr zu entnehmen. Dabei kamen die Reste der Kunstkammer 1723 vorläufig in das Japanische Palais.

Die Veranlassung zu der damit begonnenen Auflösung der alten Kunstkammer bildeten die Pläne, die August der Starke auf Grund der auf seinen Reisen gemachten Erfahrungen für eine Reorganisation des Kunstbesitzes seines Hauses gefaßt hatte und zu verwirklichen dachte. In Frankreich, in Spanien, in Italien, in Wien hatte er methodisch angelegte Sammlungen kennengelernt, Gemäldegalerien, Skulpturensammlungen, Kabinette mit Gemmen, Münzen und Medaillen, Sammlungen von Kostbarkeiten des Kunstgewerbes, von wissenschaftlichen Instrumenten, von Naturalien, endlich Bibliotheken und Kabinette für Handzeichnungen und Kupferstiche, in denen der vorhandene Besitz in übersichtlicher Anordnung ungleich eindrucksvoller zur Geltung kam und genossen werden konnte, als es in dem Sammelsurium der heimischen Kunstkammer möglich war. Er hatte zugleich auch beobachtet, daß diese Sammlungen an den Höfen des Auslandes ganz anders, als es an den deutschen Fürstenhöfen bisher üblich war, in den Dienst fürstlicher Repräsentation gestellt waren. Und er hatte gesehen, daß manche Sammelgebiete von seinen Vorfahren, besonders in Hinsicht auf künstlerische Werte, nur in ungenügendem Umfang gepflegt worden waren. Bisher war noch am meisten die Waffensammlung am Dresdner Hof, die Rüstkammer, in ihrer Anlage und Aufstellung begünstigt gewesen, hier waren also kaum erhebliche Änderungen erforderlich.

Zunächst war August der Starke bestrebt, durch den vorhandenen Besitz an Gemälden seinem Hofhalt einen glänzenderen Hintergrund zu geben. Schon im Jahr 1707, also noch in der Zeit, in der kriegerische Verwicklungen dafür durchaus nicht günstig waren, ließ er nicht weniger als 614 Gemälde der Kunstkammer entnehmen, also wohl den größten Teil der dort aufgestellten Bilder oder doch den künstlerisch wertvollsten Teil, um sie in den Redoutensaal und in die anderen Zimmer der Residenz überführen zu lassen. Die Bilder also, die [17] bis dahin zur Ausfüllung der oberen Teile der Wände als ein Bestandteil der Kunstkammer inmitten von Raritäten aller Art kaum genügend betrachtet werden konnten, dienten jetzt zur Ausschmückung der vom Hof benutzten Räume und sie luden jetzt ganz anders als früher zu ihrem Genuß ein. Doch war das nur ein Provisorium.

Um dieselbe Zeit trug sich August der Starke mit Plänen für einen großen Schloßneubau, die er allerdings infolge der kriegerischen Unruhen zunächst wieder zurückstellen mußte, um bald darauf einer fürstlichen Liebhaberei der Zeit nachzugehen und sich an Stelle des alten Zwingergartens am hohen Wall eine Orangerie errichten zu lassen, die gleichzeitig auch als Schauplatz für ritterliche Spiele und Feste dienen sollte. Während diese, der heutige „Zwinger“, im Bau war, knüpften daran großzügige Pläne des Königs an, in Erweiterungsbauten des Zwingers bis zur Elbe und über den westlichen Festungswall hinaus alle Arten von Museen und Räume für künstlerischen und festlichen Genuß dieser „Schauburg“ anzugliedern, von denen die künstlerischen und wissenschaftlichen Sammlungen jede für sich ihre wirkungsvolle und das Studium wie die Betrachtung erleichternde Aufstellung erhalten sollte. Das bedeutete das Ende der alten Kunstkammer.

Zwar sind die geplanten Erweiterungsbauten zum Zwinger nicht zur Ausführung gekommen, dagegen aber hat August der Starke bekanntlich seine Absicht, die Sammlungen seines Hauses neu zu organisieren, zum größten Teil durchgeführt, wenn auch in bescheideneren Verhältnissen als anfangs geplant war. In den Galerien und Pavillons des Zwingers kamen 1728 die einzelnen seither in der Kunstkammer vereinigten Sammlungen zu gesonderter Aufstellung in systematischer Anordnung ihrer Bestände, so die Bibliothek, die Sammlung von Instrumenten (Mathematischer Salon), die Kupferstichsammlung, die Naturaliensammlung, die Münz- und Medaillensammlung und zuletzt auch 1733 die Reste der Kunstkammer, die jenen Sondersammlungen nicht hatten zugewiesen werden können. Eine einzige Ausnahme sollte die Porzellansammlung bilden. Für diese seine leidenschaftlichste Liebhaberei hat er bekanntlich das Japanische Palais errichten lassen und er wollte dort, ähnlich wie es im Grünen Gewölbe in kleinerem Umfang geschehen ist, die zusammengehörigen Gruppen seiner um die Meißner Erzeugnisse wesentlich bereicherten Sammlung in immer neuem Wechsel ihres dekorativen Zusammenklingens zu prachtvollsten Raumausstattungen verwenden. Sein vorzeitiger Tod hat dies verhindert. Doch [18] ist der in der Welt einzig dastehende Besitz der Sammlung an chinesischen und japanischen Porzellanen ihrer Blütezeiten nur ihm zu verdanken. Für seinen Besitz an Kostbarkeiten in Juwelen, in den besten Erzeugnissen der Gold- und Silberschmiedekunst und der Kleinkünste hat er aber die künstlerische Ausstattung und Aufstellung des Grünen Gewölbes in gleicher Art vollständig durchführen können, und er hat auch die übrigen Sammlungen wenigstens methodisch zusammengebracht. Unter den Resten der Kunstkammer waren allerdings noch wertvolle Gruppen wie einige Kunstschränke, die erst 1914 in das Grüne Gewölbe kamen. Manche durch Vernachlässigung unansehnlich gewordene oder in ihrem Wert verkannte Stücke der Kunstkammer wurden aber leider 1832 versteigert, darunter einige höchst wertvolle Gegenstände, wie die kunstvoll ausgestattete Drahtziehbank des Kurfürsten August, eine Arbeit des Dresdner Kunstschreiners Leonhard Tanner, die seitdem im Cluny-Museum einer höheren Wertschätzung teilhaftig wird. Der Rest der Kunstkammer kam im 19. Jhdt. in das Historische Museum (die alte Rüst- und Inventionskammer) und der alte Name der Kunstkammer ist mit diesem erhalten geblieben. Doch würde mit größerer Berechtigung dieser Name mit der Sammlung im Grünen Gewölbe zu verbinden sein, in welche die für den Kunstgeschmack und die Sammeltätigkeit des 16. und 17. Jhdts. charakteristischsten Bestandteile der Kunstkammer außer Naturalien und Instrumenten überführt worden sind.

Aus der Kunstkammer stammen im Grünen Gewölbe die meisten Gegenstände des Elfenbeinzimmers, die silbervergoldeten Gefäße und solche mit Perlmuttermuscheln, Kokosnüssen, Straußeneiern und Nephritkörpern, die Schalen und Gegenstände aus Halbedelsteinen, die Gefäße aus Serpentin, die Gefäße mit Körpern aus Bergkristall, die Greifenklauen und Gefäße aus Rhinozeroshorn, die Kunstkästchen aller Art, die Uhren in künstlerischen Gehäusen, die Eßbestecke, die Gefäße aus kunstvollem Glas, die Mosaik- und Pietraduraarbeiten, die Reihe der Wettiner Fürstenbildnisse, die Spazierstöcke und viele andere einzelne durch ihr Material oder ihre Bearbeitung bemerkenswerte Gegenstände. Einige Silberarbeiten werden vordem auch der Silberkammer angehört haben. Die goldenen Ketten und Anhänger, die edelsten Erzeugnisse der Goldschmiedekunst der letzten Jahrzehnte des 16. und vom Anfang des 17. Jhdts., werden wohl vor ihrer Aufstellung im Grünen Gewölbe an derselben Stelle in der „Geheimen Verwahrung“ der Schatzkammer aufbewahrt gewesen sein.

[19] Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Gegenstände des Grünen Gewölbes aber ist erst von August dem Starken selbst erworben worden. So die Gruppe der Elfenbeinstatuetten und kleinen Nippesfiguren aus Elfenbein, aus Ebenholz, aus monströsen Perlen und aus Halbedelsteinen, deren Ausstattung mit silbervergoldeten Sockeln und mit kostbaren Edelsteinen und Kameen schon die hohe Wertschätzung ihrer Zeit erkennen läßt, ferner die an materiellem Wert so einzigartigen Edelsteingarnituren für die Kleidung Augusts des Starken, und endlich die vielen Galanteriearbeiten Dinglingers und seiner Zeitgenossen, von den großen Kabinettstücken bis zu den Dosen, Uhren und Ringen. Hierzu kam noch der Besitz der ausgestorbenen Albertinischen Nebenlinien mit einigen recht wertvollen Stücken. Verschwindend gering ist der Zuwachs an solchen Werken aus der Zeit nach August dem Starken. Aus dem späteren 18. Jhdt. verdient allein der Prunkkamin von 1782 des Dresdner Juweliers und Edelsteinschleifers Christian Neuber (1735–1808) besondere Erwähnung.

Im Zusammenhang mit allen diesen Werken der Handwerkskünste aber ist von besonderer Bedeutung die Art, wie August der Starke diese Sammlung von Kostbarkeiten aller Art zur Aufstellung brachte, wie die Ausstattung des Grünen Gewölbes jedem Zimmer besonderen kunstvollen Charakter verlieh.

Es war damals für fürstliche Herren die Mode aufgekommen, ihren Besitz an Werken der Kleinkünste, die mit besonderem Eifer zu jener Zeit gesammelt wurden, in einzelnen sogenannten Kabinetten so aufzustellen, daß alle Wände des Raumes mit symmetrisch angeordneten Konsolengruppen bedeckt wurden, so daß die dort aufgestellten Gegenstände zu einem möglichst reichen und prunkvollen dekorativen Eindruck des Raumes zusammenwirkten. Man war dabei auf eine einheitliche Massenwirkung bedacht, der zuliebe die Wirkung und Betrachtung des einzelnen Gegenstandes zurückzutreten hatte. Diese Betrachtung war ja damals nach Bedarf jedesmal leicht durch Herabnahme des Stückes von seiner Konsole zu ermöglichen. Und es handelte sich ja meist nicht um ausgedehnte Sammlungen, sondern nur um einzelne Kabinette, die auch nicht jedermann zugänglich waren.

August der Starke hat seine Absicht, so eingerichtete „Kabinette“, die in den Schlössern des endenden 17. und des 18. Jhdts. einzelne Glanzpunkte bildeten, wie ja auch das Turmzimmer im Residenzschloß einen solchen bedeutet, [20] durch das erweiterte Grüne Gewölbe zu vervielfältigen, in einer Weise durchgeführt, die noch heute neben dem Zwinger seine künstlerischen Ideale zu sprechendstem Ausdruck bringt. Der „Ordonneur du Cabinet“ Raymond Le Plat hatte von Paris den Entwurf des 1711 verstorbenen, durch seine Ornamentstiche berühmten Zeichners Jean Berain d. Ä. mitgebracht. Im Dezember 1718 verlangte August der Starke außer diesem Entwurf auch noch solche von Le Plat, Longuelune, Dinglinger und anderen zur Vorlage. Der stilistische Einfluß Berains kommt in den am prächtigsten ausgestatteten Räumen, dem Pretiosensaal und dem Eckkabinett, sowie dem Juwelenzimmer deutlich zum Ausdruck. In den Jahren 1721–1724 folgte dann die Ausführung, bei der auch Kändler, der spätere Modelleur der Meißner Porzellanmanufaktur beteiligt war, und darauf die Aufstellung der zu einem Museum von Kostbarkeiten und Werken der Kleinkunst vereinigten Sammlung.

Von Anfang an hat August der Starke bei der Gründung und Neuorganisation seiner Sammlungen die Absicht gehabt, diese auch den gebildeten Ständen zugänglich zu machen. Es geschah dies bei dem Grünen Gewölbe in Führungen unter den gleichen Vorsichtsmaßregeln, wie sie schon 1658 bei der Bestallung des Kunstkämmerers Tobias Beutel für den Besuch der Kunstkammer vorgeschrieben waren. Diese Führungen wurden, nachdem das Grüne Gewölbe 1831 unter staatliche Verwaltung kam, auf die Wintermonate beschränkt und sie kamen 1913 in Fortfall, wo dann für alle Monate des Jahres der Einzelbesuch, der vorher nur für die Sommermonate zugelassen war und der eine ungleich eingehendere Besichtigung ermöglicht, eingeführt wurde.

Waren schon zur Zeit Augusts des Starken die Räume stark angefüllt, so kamen noch im 18. Jhdt. Zugänge und besonders im 19. Jhdt. Überweisungen aus der Kunstkammer hinzu, die eine solche Häufung in der Aufstellung verursachten, daß viele Gegenstände, auch solche von feinster Durchbildung der Formen, auf den Konsolen bis unter der Decke aufgestellt und dadurch der eingehenden Betrachtung und Würdigung entzogen waren. Zudem waren im 19. Jhdt. in allen Räumen Gitter aufgestellt worden, um das allzunahe Herankommen der Besucher zu verhindern, selbst vor den Fensternischen, die so gegen das Licht nichts genügend erkennen ließen. Ferner hatte die ungenügende Belichtung mancher Zimmer, besonders zur Winterszeit, und der Mangel einer Heizungsanlage sich empfindlich als Mißstand geltend gemacht.

[21] Dies führte in den Jahren 1912 und 1913 zu einer Erweiterung des Grünen Gewölbes, indem die Räume bis zum südlichen Eckturm des Schlosses, die früher das Münzkabinett in sich aufnahmen, nach dessen Übersiedlung in das Kanzleigebäude, hinzugenommen wurden. Dadurch wurde es mir möglich, das Elfenbeinzimmer und das Bronzenzimmer auf die doppelte, den benachbarten Zimmern gleichkommende Größe zu bringen und einen ersten Raum hinzuzufügen, in dem der große Kamin, die Wandtafeln und die größeren Kunstschränke geeignete Aufstellung fanden. Eine wesentliche Neuerung wurde gleichzeitig von mir durch Aufstellung von Wandschränken in den Fensternischen vorgenommen, und hier wurden im besten Tageslicht und in direkter Augennähe nunmehr die künstlerisch wichtigsten Gegenstände aufgestellt. Ebenso konnten im Zusammenhang hiermit die übrigen bedeutenderen Stücke der Sammlung an den Wänden in besseres Licht und in direkte Augennähe gebracht werden. Gleichzeitig wurde die Eingangshalle größer und heller gemacht, sowie eine Notbeleuchtung und eine unter den Marmorfußboden gelegte Heizung eingeführt. Es ist also seit 1914 die Möglichkeit geschaffen, daß die Besucher der Sammlung sich in jedem Raum nach Belieben aufhalten und dabei die künstlerisch wertvollsten Gegenstände aus nächster Nähe und in bestem Tageslicht besichtigen und genießen können. Ein eingehenderes Studium wird unterstützt durch den von mir in erster Auflage 1915, in zweiter Auflage 1921 herausgegebenen „Führer durch das Grüne Gewölbe“.