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Sklaverei und Sklavenhandel in Afrika

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Textdaten
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Autor: Karl Emil Jung
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Titel: Sklaverei und Sklavenhandel in Afrika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 188, 190-192
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[188]

Sklaverei und Sklavenhandel in Afrika.

Von Dr. Emil Jung.
Mit einer Karte der afrikanischen Sklavenhandelsgebiete.

In Brüssel tagt gegenwärtig auf Einladung des Königs von Belgien ein von den meisten Staaten Europas beschickter Kongreß, welcher sich mit der Frage befaßt, wie am besten dem Menschenhandel in Afrika ein Ende zu machen sei. Wohlverstanden, es handelt sich hier um den Verkauf von Sklaven über die afrikanischen Grenzen hinaus. Man ist keineswegs gesonnen, in die Verhältnisse, wie sie nun einmal bei den afrikanischen Völkern bestehen, soweit einzugreifen, daß man die Sklaverei überhaupt dort verbieten will. Ein solches Verbot würde auch ganz wirkungslos sein. Es ließe sich höchstens in einigen der Küstenstriche durchsetzen, denn, abgesehen von solchen Staaten und Kolonien wie Aegypten, Algerien, Tunis, der Kapkolonie und Natal, besitzen die Europäer keine genügenden Machtmittel, um ihren Beschlüssen die Ausführung durch ein entsprechendes Eingreifen zu sichern.

In allen anderen Theilen Afrikas ist die Macht der europäischen Staaten nur auf den Küstensaum mit jeweiligen Niederlassungen nach dem Innern zu beschränkt; was die Karte als ihrem [190] Einfluß unterworfen bezeichnet, besteht in diesem Verhältniß meist nur auf Grund von Abmachungen zwischen den europäischen Kabinetten, die Völker aber, welche in dergleichen Gebieten wohnen, haben auch nicht die entfernteste Ahnung, daß und wie man über sie verfügt hat; sie würden auch eine Uebersetzung der in Europa getroffenen Abmachungen in entsprechende Handlungen auf afrikanischem Boden entschieden zurückweisen.

An den inneren Einrichtungen will man nicht rütteln. Und eine der wichtigsten, in den afrikanischen Verhältnissen am tiefsten wurzelnden ist die Sklaverei. Nur müssen wir uns davor hüten, in dieses für unsere Ohren so mißtönende Wort alles das hineinzutragen, was wir aus andern Ländern, insonderheit aus den Vereinigten Staaten, darüber erfahren haben. Die Greuel von „Onkel Toms Hütte“ auf afrikanischen Boden zu versetzen, wäre abgeschmackt. Freilich sind die hier verübten Barbareien nicht weniger entsetzlich, nur finden wir sie nicht in der häuslichen Sklaverei, sondern bei dem Fange, der Beschaffung der Sklaven.

Wo der Sklave „nur ein Rädlein in einem mächtigen Arbeitsmechanismus“ ist, wird die Ausnutzung und Belastung seiner Kräfte eine ganz andere als bei niedrigstehenden Völkern. Es ist eine traurige, nicht zu leugnende Thatsache, daß die Fortschritte menschlicher Kultur mit dem Fortschreiten der Sklaverei Hand in Hand gingen. Das klingt widersinnig, aber es ist unzweifelhaft wahr. Solange der Mensch auf der niedrigen Stufe des Jägers verharrt oder als Nomade die Triften wüste liegen läßt, braucht er keine Sklaven. Darum tödtet das Hirtenvolk der Massai in Ostafrika stets alle Gefangenen. Sobald aber die höhere Stufe des Ackerbaus erreicht ist, werden Arbeiter gebraucht, und da den Menschen in den ersten Stadien ihrer Entwicklung die Arbeit immer als eine Last erschien, so war es natürlich, daß überall der Versuch gemacht wurde, die widerwillig getragene Bürde auf die Schultern anderer abzuwälzen. Bei den beständigen Kriegen bot sich in den Gefangenen immer ein Ersatz, der Sieger konnte feiern, während die Hörigen sich plagten.

Es ist richtig, daß bei den höchstgebildeten Völkern die Einrichtung der Sklaverei längst nicht mehr besteht. Dennoch hat die Milderung dieses der Menschheit zur Unehre gereichenden Verhältnisses keineswegs einen gleichmäßigen Schritt eingehalten mit dem Gang der Geschichte. Die Odyssee zeigt uns den schlauen Herrscher von Ithaka als geliebt von seiner Dienerschaft, solchen Leuten wie der „göttliche Sauhirt“ und die alte Amme; die Römer der Kaiserzeit aber erachteten es kaum für verwerflich, die Fische ihrer Teiche mit Sklaven zu mästen. Das Christenthum brachte eine Wandelung. Es forderte für alle die gleichen Menschenrechte, nur die Nachkommen Hams, d. h. im wesentlichen die afrikanischen Völkerstämme, auf denen der Fluch Noahs lastete, wurden ausgenommen. Sie hatte der Patriarch zu Knechten aller Knechte der Brüder Sem und Japhet verdammt. Mehr als dreiundeinhalbes Jahrhundert sind verflossen, seit der Priester Las Casas aus den menschenfreundlichsten Beweggründen die Einführung von Negersklaven zum Ersatz für die schnell hinsterbenden Urbewohner Amerikas empfahl, und erst am 13. Mai 1888 wurde der letzte Sklave in Brasilien frei. Damit war der bis dahin am Körper des amerikanischen Festlands nagende Krebsschaden in seiner einzigen noch bestehenden Spur entfernt. Aber dieser Prozeß hat einen blutigen Krieg entzündet und einen Thron gestürzt!

Man darf nicht meinen, daß die Sklaverei nach Afrika erst von außen hereingebracht worden sei. Sklaverei und auch Sklavenhandel sind eine mit den Anschauungen der afrikanischen Völker eng verwachsene Einrichtung. So tief eingewurzelt ist dieselbe, daß in Französisch-Senegambien, wo die Sklaverei bereits seit 40 Jahren aufgehoben ist, Neger sich immer noch für Sklaven halten. In Westafrika finden wir eine Theilung in Feld- und Haussklaven; letztere sind die Freunde und Vertrauten ihrer Herren, erstere Last- und Arbeitsthiere. Es ist hier bemerkenswerth, daß die Behandlung der Sklaven bei den höher stehenden Völkern am schlechtesten, bei den niedrigeren am besten ist. Man überläßt ihnen gewöhnlich alle Arbeit, nur nicht den Handel, ohne sie aber zu überbürden oder hart zu behandeln. Aber sie sind und bleiben nur eine Sache und es ist durchaus selbstverständlich, daß, wenn die Nothwendigkeit es erheischt, ein Menschenopfer zu bringen, unbedenklich einer der Sklaven hingeschlachtet wird. Doch finden die Sklaven in Westafrika auch einen gewissen Schutz durch die Priester. Mißhandelte Sklaven können ihre Freiheit erlangen, indem sie den großen Fetisch anrufen, sie hinfort als seine Sklaven anzunehmen. Besprengt dann der Priester oder Hohepriester den Schutzsuchenden mit Weihwasser, so ist er fortan Sklave des Fetisches, kann aber auch unter Umständen frei gehen, wohin er will.

Wir wissen durch Wolf und Wißmann, daß, wiewohl die Sklaverei in Westafrika von Rechts wegen abgeschafft ist, dieselbe thatsächlich noch immer besteht und daß der als Arbeiter gekaufte Sklave bei seinem Herrn in der Regel ausharrt.

Sklaven zu dem billigen Preis von 50 bis 60 Mark fürs Stück zu erhalten, ist nicht schwer, denn die Negerstämme im Innern Afrikas halten überall Sklaven, die einige derselben sehr gut, andere aber sehr schlecht behandeln. Bei manchen Stämmen würde den Besitzer eine schlechte Behandlung seiner Sklaven bei seinen Stammesgenossen unfehlbar stark heruntersetzen. Dennoch schwebt wie ein Damoklesschwert stets die Gefahr über dem Sklaven, verkauft zu werden, eine Gefahr, welche Frauen und Kinder mit ihm theilen: nur die erwachsenen Söhne sind ausgenommen. Bei einigen Stämmen am Kongostrom werden ältere Männer gekauft, um bei dem Tode angesehener Eingeborener als Schlachtopfer zu dienen, und je vornehmer und reicher die Familie ist, welcher der Verstorbene angehört hat, desto größer die Zahl dieser Opfer. Der Menschenhandel steht in diesem Theil Afrikas noch in voller Blüthe, ohne daß derselbe durch die Bedürfnisse außerafrikanischer Länder erregt wäre.

Aber diese Seite der Sklaverei ist nicht die schlimmste. Nicht die einheimische Sklaverei ist es, welche so unaussprechliche Greuel über Afrika gebracht hat, vielmehr war es Europa, insonderheit England, welches dem in kleinem Maßstabe längst bestehenden Handel einen mächtigen Schwung gab. England war es aber auch wieder, welches die ersten Schritte zur Abschaffung dieses Schandflecks christlicher Gesittung gethan, ungeheure Summen hergegeben, um den bisher Geknechteten ihre Freiheit zu erkaufen, und bis heut eine Flottille unterhalten hat, um das schändliche Gewerbe auszurotten. Vorher aber hatte es freilich an diesem Handel nach einer glaubwürdigen Berechnung an 400 Millionen Dollar verdient, während das unglückliche Afrika um 40 Millionen Menschen ärmer geworden war. Und dabei erreichte nur ein kleiner Prozentsatz dieser ungeheuren Menschenmenge sein Ziel, die Pflanzungen der Neuen Welt. Der bei weitem größte Theil ging zu Grunde auf den Märschen zur Küste, auf der Fahrt, deren Entsetzlichkeit man nur mit Grauen lesen kann, endlich im Hafen nach der Ankunft infolge der ausgestandenen Leiden.

Dem Handel an der Westseite Afrikas wurde ein Ende gemacht. Dafür sorgte das englische „Sarggeschwader“, so benannt nach der entsetzlichen Sterblichkeit der Schiffsmannschaften an der fieberhauchenden Küste. Die aus den gekaperten Schiffen befreiten Neger brachte man auf das menschenleere St. Helena oder siedelte sie auf den englischen Besitzungen an der Küste Nordwestafrikas an. Aber den Sklavenhandel nach dem afrikanischen Norden und Osten aus der Welt zu schaffen, das hat sich trotz aller Bemühungen Europas bisher als unerreichbar erwiesen.

Der ganze Norden Afrikas ist dem Islam verfallen, nicht nur die einstmals christlichen Landschaften am Mittelmeer, auch das Oasengebiet in dem weiten Wüstenstrich der Sahara und die südlich sich daran schließenden gutbevölkerten Negerstaaten des Sudans, vom Atlantischen Ocean bis zum Rothen Meer, in dessen Nähe das christliche Abessinien auf hohem Felsplateau wie ein von der Sturmfluth umbrauster Fels sich behauptet.

Islam und Sklaverei sind untrennbar, denn wenn auch Mohammed die Sklaverei verbot, so hat dies Verbot doch nie bezüglich der Ungläubigen gegolten. Die Seeräuberstaaten an der nordafrikanischen Mittelmeerküste waren lange Jahre der Schrecken der Christenheit und Tausende der Hinweggeschleppten schmachteten in afrikanischer Gefangenschaft, zu den schwersten und niedrigsten Diensten verdammt, während die christlichen Staaten Gleiches mit Gleichem vergalten und von italienischen und spanischen Herren gern mohammedanische Gefangene an die Ruderbänke ihrer Galeeren gekettet wurden.

Die Eroberung Algeriens durch Frankreich und die spätere Besitzergreifung von Tunis haben in diesen beiden Ländern den Sklavenhandel endgültig beseitigt, und seitdem Aegypten unter englischer Verwaltung steht, kann auch dort das bis dahin trotz [191] aller amtlichen Versicherungen immer noch betriebene Geschäft nicht mehr recht gedeihen. Es bleiben noch Tripolis und Marokko, wo der Sklavenhandel sicher so lange fortbestehen wird, als die Eifersucht der Mittelmeerstaaten Europas diesen beiden Ländern die Selbständigkeit wahrt. Auch mit den Ansichten, Sitten und Gebräuchen der mohammedanischen Bewohner des Sudans ist das Bestehen der Sklaverei eng verknüpft. Es läßt sich allerdings nicht leugnen, daß die Behandlung des Sklaven in mohammedanischen Ländern fast immer eine sehr menschliche ist, die Art der Beschaffung der Sklaven aber, wie sie unter dem Einfluß, gegenwärtig zumeist auch unter der Leitung von Mohammedanern betrieben wird, ist, wie schon angedeutet, das gerade Gegentheil von allem, was menschlich genannt werden kann. Und im Sudan ist Europa ohne alle Macht. Wohl war unter europäischem Einfluß Aegypten, so lange ihm die ungeheuren Gebiete zu beiden Ufern des Nils bis an die Quellen dieses Stromes hinan gehörten, durch Gordon, Gessi, Munzinger, Emin und so manchen andern bemüht, dem schmählichen Handel ein Ende zu machen. Hier bildete der Sklavenhandel schon seit alten Zeiten ein Monopol der arabischen Elfenbeinhändler, welche ihre kostbare Ware durch gekaufte Sklaven bis zur Küste bringen ließen und dann Träger und Lasten zugleich verkauften. Ehe Dar Fur von ägyptischen Paschas erobert wurde, ertheilte der dortige Sultan den Händlern förmliche Erlaubnißscheine zum Betrieb der Sklavenjagd in den südlichen Grenzländern seines Gebiets.

Die Gebiete des afrikanischen Sklavenhandels.
Nach Dr. E. Jung.

Seitdem die ägyptische Herrschaft durch die Mahdisten gestürzt wurde, steht Sklavenraub und Sklavenhandel wie zuvor in vollster Blüthe, und es ist sicher, daß gerade die Sklavenhändler es gewesen sind, welche dieser theils religiösen, theils nationalen mahdistischen Bewegung einen starken Antrieb gaben. Würde doch auch durch das Aufhören der Zufuhr von Sklaven die materielle Wohlfahrt der Länder des Sudans in entschiedener Weise bedroht, und sah sich doch Gordon selber veranlaßt, sein letztes Auftreten in Khartum, das ein so unglückliches Ende nahm, mit dem Widerruf aller früher gegen den Sklavenhande1 erlassenen Verbote zu beginnen! Freilich ohne die hereinbrechende Katastrophe aufhalten zu können!

Heute ist das ganze große Gebiet im Süden des Sudans vom Westen bis zum Osten Afrikas ein großes Sklavenjagdgebiet, ebenso die großen, ehemals so dicht bevölkerten, jetzt auf große Strecken fast menschenleeren Landschaften an beiden Ufern des oberen Kongos bis zu den großen Seen Tanganjika und Njassa. Araber sind es, welche bis hierher vorgedrungen sind, ihre Stationen inmitten einer fleißigen und friedliebenden Bevölkerung errichtet haben und mit Hilfe von Pulver und Blei ihre Verwüstungen in das ehedem gesegnete Land tragen konnten.

Nachtigal war Zeuge solcher Sklavenjagden und schildert uns haarsträubende Scenen, die sich bei der Einnahme und Niederbrennung von Negerdörfern, bei dem Kampf mit den hoch in den Wipfeln der Bäume wohnenden Eingeborenen abspielten. Noch entsetzlicher fast sind die Schilderungen, welche der verdiente Livingstone von den Greueln entwirft, die zum Theil unter seinen Augen in dem südlicheren Seengebiet verübt wurden. Stanley fand auf seinen Reisen am Kongo in einem einzigen Lager von Sklavenjägern 2300 gefangene Weiber und Kinder, deren Väter und erwachsene Brüder todt in den niedergebrannten Dörfern zurückgelassen waren. Und dies war die Beute aus einem Bezirk, so groß nur wie Bayern und Württemberg zusammengenommen! In einem andern Lager war eine noch größere Zahl untergebracht und diese 5000 zum Theil völlig nutzlosen Geschöpfe, von denen vielleicht [192] dreiviertel, jedenfalls die Hälfte auf dem Marsch zur Küste zu Grunde gehen mußten, hatten nicht weniger als 33000 Opfer gekostet, ein weites, ehedem mit glücklichen Dörfern besätes Gefilde war nun der Verödung preisgegeben.

Als Wißmann im Jahre 1881 durch das Land der Basongo reiste, begegneten seinen Augen überall schöne Dörfer, deren Bewohner das Land ringsum mit umsichtigem Fleiß bestellten und mit kundiger Hand Zeuge, Töpferwaren, Eisengeräthe und Schnitzwerk aus Holz zu fertigen verstanden. Als er aber fünf Jahre später desselben Weges zog, waren die ausgedehnten Dörfer zerstört und verlassen und das ehedem so reiche Land so arm geworden, daß er 80 seiner Leute durch Hunger und Kankheiten infolge von Entbehrungen verlor.

An dem großen Njassasee hat die englische Mission in Verbindung mit der großen englischen Afrikanischen Seen-Gesellschaft den Versuch gemacht, die Bevölkerung für die Gesittung und das Christenthum zu gewinnen. Aber wie anderwärts vernichteten die auch hierher dringenden Araber mit der Bevölkerung alle bislang geleistete Arbeit. Ein kriegerischer Raubzug zerstörte die Dörfer, schlachtete die Widerstand Leistenden ab und führte den Rest als Gefangene fort, um das von jenen Arabern eingehandelte Elfenbein zur Küste zu tragen. Ein Augenzeuge schilderte uns den Zug der 3000 Köpfe zählenden Karawane des mächtigen Händlers Kabunda:

„Zuerst kamen die Waffenträger, tanzend, gestikulierend und ihre Flinten in die Luft werfend und wiederfangend, wie nur Araber es thun können, zum Klang von Trommeln, Pfeifen und anderen weniger musikalischen Instrumenten. Dann folgte langsam und gemessen der große Mann selber in weißem goldgestickten Gewand, seidenem Turban, Schwert und Dolch reich mit Silber verziert, begleitet von seinem Bruder und anderen Häuptlingen, während sein prächtig aufgeschirrter Esel nebenher ging. Nun kamen die Frauen und Dienerinnen, lachend und scherzend, mit dem Hausgeräth und manchem Gut ihrer Herren, und auf diese folgte die eigentliche Karawane selber, bewacht von wildblickenden Männern mit Flinten, Speeren und Aexten. Von den unglücklichen Gefangenen waren die starken Männer, von denen man sich vielleicht nichts Gutes versah oder um sie am Weglaufen zu verhindern, in die schreckliche Sklavengabel[1] gespannt, ihre Hände auch wohl an dieselbe gebunden, alle aber mit schweren Halsringen und Ketten beladen und zu Zehn oder Zwölf aneinander gefesselt. Oft mußte eine schwerbeladene Mutter noch das ganz junge oder ermüdete Kind tragen, nicht selten wohl brach sie unter der doppelten Last zusammen und Speer und Axt sorgten dafür, daß das nothgedrungen zurückgelassene Eigenthum keinem andern in die Hände fiel. Das schauerliche nächtliche Geheul der Hyänen, welche der Spur des Zugs folgten, verkündete nur zu deutlich das Folgende.“

Nicht immer aber endet Kugel, Speer oder Schwert die Leiden des zusammenbrechenden Sklaven; das ist noch ein mildes Verfahren! Nur zu oft siegt die barbarische Lust an menschlicher Qual über die Habgier, und der Unglückliche wird mittels der Sklavengabel in aufrechter Stellung an einem Baum festgemacht und so einem Todeskampfe überlassen, schmerzlicher, weil länger als Kreuzigung oder Pfählen.

Stanley hat auf seinem Zuge zur Befreiung Emin Paschas den alten Sklavenhändler Tippu-Tip gegen ein Jahresgehalt dafür gewonnen, das Amt eines Gouverneurs am oberen Kongo zu übernehmen. Wißmann erzählt uns, wie er das Lager Sayols, eines der Offiziere dieses Arabers, besuchte. Bei seinem Eintritt sah er fünfzig rechte Hände an Balken genagelt und Flintenschüsse bezeugten, daß Sayol sich damit vergnügte, an seinen Gefangenen als Zielscheibe Schießübungen zu machen, ehe dieselben geschlachtet und zertheilt wurden, um Tippu-Tips Hilfstruppen vom Lomami als Festmahl zu dienen. Das war, ehe der Araber jene Gouverneursstelle annahm, daß es aber seit jener Zeit nicht viel besser geworden ist, bezeugen uns die Offiziere des Kongostaats selber.

Doch genug und übergenug der Greuel! Das Schlimmste, das Unaussprechbare ist dabei noch nicht gesagt. Kann und darf das so bleiben? Können christliche Nationen, welche jetzt Anspruch auf große Theile Afrikas erheben, es dulden, daß Scheußlichkeiten, wie die Welt sie nie schlimmer kannte, gewissermaßen unter ihrem Schutze weiter verübt werden? Sicherlich nein und abermals nein! Aber wie soll man sie verhindern? Wie soll dem vorgebeugt werden, daß Afrika jährlich an zwei Millionen seiner Kinder verliert, und zwar auf die unmenschlichste, grauenhafteste Weise verliert?

Findet sich kein Käufer, so wird auch keine Ware angebracht werden. Den Sklavenhandel im Innern freilich können wir nicht beseitigen, noch auch die Skaverei ersticken, welche in den Anschauungen der Afrikaner so fest begründet ist. Ihre Entfernung ist eine Frage der Zeit, sie wird mit dem Eindringen unserer Kultur, mit der Verbreitung des Christenthums verschwinden, wenn auch erst nach langer Zeit, und inzwischen sind die Schrecken, die ihr anhaften, die geringeren.

Dem Sklavenhandel aber, welcher den Weg zur Küste nimmt, um von dort aus seine unglücklichen Opfer übers Meer nach dem mohammedanischen Asien und dem Norden Afrikas fortzuführen, können und müssen wir unbedingt ein Ende machen. Die Meeresränder an der Ostseite sind jetzt in den Händen Portugals, Deutschlands, Frankreichs, Englands und Italiens. Verbinden sich diese fünf Mächte zu einmüthigem, gemeinsamem und zweckentsprechendem Handeln, so wird die Ausfuhr von Sklaven sehr bald unmöglich. Noch hat der Sultan von Sansibar das Recht, Neger von der afrikanischen Küste in seine Besitzungen auf den Inseln und an der Küste zu schaffen, und diese Vergünstigung öffnet dem Sklavenhandel Thür und Thor. Sie muß ihm genommen werden. Dann wird es ausführbar sein, mit solchen Maßregeln, wie Portugal sie der in Brüssel versammelten Konferenz vorgeschlagen hat, durch eine sorgsame Ueberwachung der Küste nach jetzt ja möglicher Kontrolle der ostafrikanischen Hafenplätze dem Sklavenhandel in ähnlicher Weise ein Ende zu machen, wie das an der Westküste geschehen ist. Ohne Zweifel wird das viel Geld, viele Arbeit und auch manches uns werthe Menschenleben kosten. Aber Deutschland und ebenso alle anderen genannten europäischen Mächte haben mit der Besitzergreifung afrikanischen Bodens und der Erklärung der Schutzherrschaft über die daselbst wohnenden Völker auch Pflichten übernommen. Oder wäre das eine Schutzherrschaft, welche fremden Eindringlingen erlaubt, die ihrer Hut Empfohlenen in grausamster Weise zu mißhandeln, der Freiheit zu berauben, hinzumorden?



  1. Die „Gartenlaube“ hat im Jahrgang 1889, Seite 745 ein Bild gebracht, nach welchem man sich diese Art der Fesselung veranschaulichen kann.