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Skizzen aus Niederdeutschland (3)

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Textdaten
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Autor: Ferdinand Lindner
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Titel: Waakhausener Zustände
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 762–767
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[762]
Skizzen aus Niederdeutschland.
3. Waakhausener Zustände.
Hamme und Wümme. – Bauerngehöfte. – Der Kukuk. – Im Wald. – Geborstnes Terrain. – Der Todtenweg. – Aufgetriebene Felder. – Das Dorf. – Der hohe Steg. – Das Wirthshaus. – Speisekarte. – Besuch in den Häusern. – Das schwimmende Land. – Das verschiedene Aufschwimmen. – Die Bewirthschaftung des schwimmenden Landes. – Die Wege und Brücken. – Der Nordweststurm. – „Drunter und drüber!“ – Der durchgebrannte Garten. – Die umfallenden und wiederaufstehenden Bäume. – Das überschwemmte Haus. – Das Aufblocken. – Das Bivouakiren. – Das Einsinken und Aufschrauben der Häuser. – Rückkehr. – Die Betten und das Frühstück.

Nachdem wir dem Leser in unseren früheren Skizzen eine Reihe Bilder aus dem Leben und Treiben der großen Hansastadt Hamburg (1877, Nr.25; 1878, Nr. 28) vorgeführt, möge er uns heute nach einem abgelegenen stillen Winkel des Wesergebietes begleiten.

Im Westen der Lüneburger Haide entspringt ein Flüßchen, die Wümme, welches in vielen Windungen der Weser zufließt und kurz vor seiner Mündung in dieselbe sich mit einem anderen, nördlich aus den Mooren herunterkommenden Wasserlauf, der Hamme, in der Nähe von Lesum vereinigt. In dem Zipfel Landes nun zwischen den beiden genannten Flüssen, der aus Sumpf-, Marsch- und Moorland besteht und alljährlich von ihnen förmlich eingeweicht wird, liegt nahe der Hamme das Dorf Waakhausen, das Ziel unserer Wanderung.

Das Sumpfgebiet des St. Jürgenlandes hinter uns lassend, betreten wir in nordöstlicher Richtung ein sich etwas erhebendes Terrain, auf dem sich nach allen Seiten hin ausgedehnte Weidegründe ausbreiten, hier und da unterbrochen von einzelnen aus Eichen, Erlen, Tannen etc. sich zusammensetzenden Büschen, die wie Oasen im Grünlande liegen. Der des Landes Kundige weiß, daß solch ein Busch die Existenz eines Bauerngehöftes andeutet, denn jedes derselben sitzt, gleich dem Nußkern in der Schale, behaglich im Innern eines solchen Busches oder „Kampes“.

Von allen Seiten ertönt fast ununterbrochen der Ruf des Kukuks; wenn Niederdeutschland einen Wappenvogel wählen sollte, so müßte es unbedingt dieser sein, denn sein weitschallender Ruf begleitet uns durch alle Niederungen und erst wenn wir auf die Geest hinaufgestiegen sind, bleibt er mehr hinter uns zurück.

Während wir in der schattenlosen Landschaft, von den Strahlen der Sonne arg bedrängt, an weidenden Rindern und Pferden vorüber, vorwärts schreiten, tauchen vor uns dichtere Landmassen auf – die Waldungen, in denen wir unser Ziel zur suchen haben. Auch der Boden beginnt sich zu ändern, Moor- und Haideland, mit einzelnen Birken und Nadelbäumen bestanden, tritt an Stelle der ausgedehnten Wiesen, und endlich gelangen wir in den Schatten eines dichten Gehölzes – hier aber ist guter Rath theuer, denn wenn uns auch der Weg einigermaßen beschrieben ist, so müssen wir doch sehr auf der Hut sein, daß wir nicht vom gebahnten Pfade ab in die ringsum drohenden Sümpfe gerathen.

Wir entdecken bald einen Weg, der seitab in das sumpfige Gehölz, und zwar durch eine reizende frische Vegetation mit malerischer Gruppirungen, über grüne Wiesen, dann wieder durch Haide und Wald in regellosen Windungen führt, bis wir plötzlich mit einem Aufrufe des Staunens aus dem Holze auf eine Lichtung hinaustreten, deren Anblick allerdings zu den lebhaftesten Zeichen der Verwunderung berechtigt.

Wenn ein europäischer Maler ein von einem Erdbeben heimgesuchtes Land des tropischen Amerikas darstellen wollte, so brauchte er sich nur mit Pinsel und Palette an die Stelle zu setzen, an der wir eben aus dem Walde heraustraten. Erdschollen von einem Umfange und einer Mächtigkeit, daß sie beide Eichbäume zu tragen vermöchten, sind wild über einander gestaut – hier steigt eine solche kerzengerade aus der Erde empor – dort bäumen sich zwei wie im Kampfe gegen einander – weiterhin sieht, es fast aus, als rollten schwarzbraune Wogenkämme heran – dazwischen laufen tiefe Risse und Spalten hin, welche sich zum Theil mit trübem Schlammwasser angefüllt haben. Gesteigert wird der wüste Eindruck noch dadurch, daß jede Scholle die helle Pflanzendecke des ruhig weitergrünenden Haidelandes, selbst mit kleineren Bäumen untermischt, auf ihrem Rücken trägt, während sie im grellen Contraste dazu von allen anderen Seiten den düstergefärbten Moorboden aufzeigt. Ein Bild von wirklich unheimlichem Eindrucke.

Von den hier thätigen Gewalten und Erscheinungen werden wir gleich reden; für jetzt wenden wir uns dem jenseits sich zeigenden erhöhten Wege zu, in dem wir mit Recht den sogenannten „Todtenweg“ vermuthen, einen mit Sand belegten Moordamm, der im Winter noch über das Wasser emporragt, wenn ringsum schon Alles überschwemmt ist.

Auf dem Todtenwege angelangt, gewahren wir ein neues Bild der Zerstörung: hier blicken wir weithin über Getreidefelder – ein Gemenge von über einander gedeckte Schollen, auf denen die Getreidehalme nach allen Richtungen hinauswachsen; in dem niedriger liegenden Acker hockt hier und dort mitten im Getreide, wie eine Kröte im Blumenbeete, ein großer schwarzer Brocken Moorlandes mit Haidevegetation auf dem borstigen Rücken, der offenbar zwischen den Kindern der Ceres nichts zu suchen hat.

Wir schreiten jetzt auf eines der wenigen und vereinzelt in der Nähe des Todtenweges liegenden Häuser zu, um das Wirthshaus herauszufinden, denn der Durst macht sich peinlich geltend. Da erfahren wir denn zu unserer nicht gerade angenehmen Ueberraschung, daß wir, um dahin zu gelangen, westwärts an der und jener Haidestrecke vorüber, dann über der „hohen Steg“ und endlich seitwärts am Wasser hingehen müssen, also ungefähr noch eine gute Viertelstunde Weges vor uns haben. Es ist eine Eigenthümlichkeit „Niederdeutschlands“, daß die Gehöfte bald in größeren, bald in kleineren Entfernungen, aber fast durchweg isolirt liegen, und ein solches Dorf kann daher oft den vierfachen Flächenraum eines mitteldeutschen einnehmen, ohne mehr als die Hälfte von dessen Seelenzahl zu besitzen. Wir wandern also westwärts weiter; auf den zum Theil gleichfalls geborstenen Strecken „Haidelandes“, an denen wir vorüberkommen, sitzen nun, gleichsam als Pendants der Moorstücke im Roggenfelde, Brocken dieses Roggenfeldes selbst in einzelnen Exemplaren verstreut, deren Halme sonderbar genug über dem Haidekraut emporragen, als schauten sie sehnsüchtig nach den Genossen in ihrer eigentlichen Heimath hinüber. Jetzt gelangen wir auch an den „hohen Steg“, dessen Bau seinen Namen rechtfertigt, indem man auf Stufen mit Geländer versehen an dem einen Ufer hinauf und an dem andern ebenso hinunter steigt. Man könnte versucht sein, diese sonderbare Bauart als eine Concession an die eigenthümlichen Bodenerscheinungen zu betrachten, doch ist dies nicht der Fall, sondern die Gründe dafür sind hier dieselben wie im Spreewalde für die nämliche, nur etwas halsbrechendere Construction – die Möglichkeit nämlich, hochbeladene Heukähne hindurchtransportiren zu können. Endlich liegt auch das ersehnte Wirthshaus auf hoher Warf vor uns. Es unterscheidet sich durch rein gar nichts von den Bauernhäusern, nicht einmal durch ein äußeres Abzeichen.

[763] Beim Eintritt in die Deele empfängt uns der dicke Qualm eines auf der Herdkuhle eben neuangeschürten Torffeuers, und eine Frau tritt uns mit der Frage nach unserem Begehr entgegen.

„Unterkommen und Wasser!“

Dem ersteren wird entsprochen, indem wir in die Dönse (Stube) geleitet werden, dem letzteren, indem unsere Wirthin bald mit einigen Gläsern voll – Kaffee erscheint. Wir machen ihr begreiflich, daß wir für später keinen Kaffee verschmähen werden, vor der Hand aber ein Glas frisches Wasser haben möchten.

„Dat is Water,“ erklärt unsere Hebe, auf die braune Flüssigkeit im Glase zeigend.

„Dat – is – Water?!“

„Ja, dat is Water.“

Unsere Bestürzung über diesen zweifelhaften braunen Stoff ist daher nicht gering, und so bleibt nichts übrig, als zum Bier zu greifen.

„Beer? ne, Beer, dat hefft wi nich.“

Auch kein Bier! „Na, wat hefft Se denn?“

„Snaps.“

Man bedenke – in unsere heißen, ausgedörrten Kehlen – Schnaps! Vor diese Alternative gestellt, beginnen wir schon mit der braunen Flüssigkeit im Glase zu liebäugeln, als es uns vorkommt, wie wenn sich etwas darin bewege, und bei näheren Hinschauen nehmen wir denn wahr, daß eine Menge kleiner Thierchen in der Form und Größe von „Hüppers“ (plattdeutsche Bezeichnung des Flohes) mit großer Schnelligkeit darin umherschießen. Das genügt freilich! Doch wir können auf den Genuß um so eher verzichten, als sich den Conflicte von Leib und Seele gegenüber eine einsichtsvolle Kuh in’s Mittel legt, indem sie uns durch ihr Gebrüll an die Existenz von Milch erinnert. Und Milch gab es, viel Milch, vortreffliche Milch, die wir in durstigen Zügen schlürften.

Wir haben diese ganze Scene in ihren Details wiedergegeben, weil sie besser als irgend eine ausführliche Schilderung ein bezeichnendes Licht auf die Zustände in dieser Gegend wirft. Selbst ein Trunk frischen Wassers ist dem Bewohner versagt – Wasser haben sie überall genug, zu Zeiten mehr, als ihnen lieb ist – aber ein Wasser, das von den modrigen Substanzen des Moorbodens, vegetabilischen und animalischen, vollständig angefüllt und braungefärbt ist. Sie trinken daher auch nie Wasser, sondern immer „Kaffee“ – wenigstens nennen sie das Gebräu so – wobei dann der Kaffee den das Wasser belebenden Thierchen gegenüber die Rolle von Insectenpulver übernehmen muß; gewiß eine neue Auffassung dieser edeln, in unserem großen Vaterlande so verschiedenartig gemißhandelte Colonialfrucht!

Nachdem wir uns noch durch den Genuß von Schinken, Eiern und Schwarzbrod zur Genüge gestärkt und erquickt haben, machen wir uns von Neuem auf den Weg, um einige der vereinzelt liegende Gehöfte zu besuchen und uns dort von den Bewohnern genauere Auskunft über die wunderbaren Erscheinungen ihres Heimathdorfes zu holen. Ueberall werden wir in der düsteren Deele mit einem treuherzigen Händedruck empfangen, ein Stuhl von alterthümlicher Form wird uns an die schweelende Herdkuhle gerückt, und nachdem wir, Hals, Nase und Augen voll Torfgeruch unser Wandersprüchlein hergesagt, von wannen wir kommen, was wir wollen etc., verschwindet der Hausvater in der Dönse und kehrt gleich darauf mit einer Flasche nebst Spitzgläschen zurück, um uns den unvermeidlichen Willkommenschnaps zu credenzen. Um die Leute nicht zu kränken, thun wir Bescheid, indem wir uns bemühen, die entsetzliche Grimasse beim Hinunterschlucken in ein verbindliches Grinsen zu verwandeln. Von diesen Details abgesehen hinterläßt der schlichte gastfreundliche Empfang in der alterthümlichen Umgebung einen ebenso angenehmen wie charakteristischen Eindruck.

Die Erklärungen aber, welche wir auf unsere Fragen erhielten, ergaben Folgendes.

Die Ufer der Hamme, obgleich sie auf beiden Seiten des Flusses zunächst Grünland und weiterhin Moor aufweisen, unterscheiden sich doch wesentlich. Auf dem rechten Ufer ist ausgesprochen Marschlandschaft, von Wasserrinnen durchschnitten, weit ausgedehnt bis zum Teufelsmoor hin, wo sie dann in das öde, düstere Hochmoor übergeht, welches nördlich bis dicht an die Geest heranreicht. Das linke Ufer dagegen zeigt zwar auch Marschland, aber allenthalben von Sumpf durchsetzt, und auch nicht in der gleichen Ausdehnung; völlig eigenartig aber ist die Erscheinung des Moorbodens. Erstlich tritt hier der Charakter des Hochmoors zurück und die Oberfläche trägt verschiedenste Vegetation, Wald, Wiesen, Getreidefelder und Haide; dann aber, und das ist für uns hier das Wichtigste, liegt das Moor mit seinen unteren Schichten auf dem Sande des ehemaligen Meeresbodens, über dem es emporgewachsen ist, unverbunden auf, ungefähr wie ein gestrandetes Floß. Die Folge hiervon ist, daß, wenn die Weser, Hamme und Wümme zu schwellen anfangen, das Wasser zwischen jenen Sandboden und das Moorfloß eindringt und das letztere in die Höhe hebt. Dann beginnt für die Waakhausener Bäume, Felder und Wiesen ein in Wirklichkeit „flottes“ Leben – sie schwimmen! Ist die Thatsache einer ganzen schwimmenden Landschaft an sich schon und namentlich für unsere Begriffe von einem soliden Erdboden etwas höchst Wunderbares, ja Lächerliches, so verwickeln sich die Verhältnisse erst recht dadurch, daß die verschiedenen Theile des fraglichen Gebietes ganz verschiedene Schwimmfähigkeit besitzen.

Dieselbe hängt im Wesentlichen von drei Factoren ab. Erstens von der Mächtigkeit und Qualität und dem entsprechend von dem Gewichte des schwimmenden Moorbodens. Die Mächtigkeit des Moores wechselt zwischen fünfzehn und dreißig Fuß. Ebenso ist die Qualität eine verschiedene und zwar eine dreifache, indem zu oberst eine weiße, in der Mitte eine braune und zu unterst eine schwarze Moorschicht lagert. Da nun das Wasser nicht nur unter die gesammte Moorschicht, sondern auch zwischen die beiden unteren schweren Schichten einerseits und die obere, sehr leichte andererseits einzudringen vermag, so wird dadurch die Verschiedenartigkeit des Aufschwimmens erst recht vermehrt. Die Mächtigkeit der oberen Schicht beträgt zwischen fünf Fuß und zwanzig Fuß.

Hierzu kommt zweitens die Zerschneidung des Terrains, theils durch Wasserläufe, hauptsächlich aber durch Grenzgräben und Canäle, welche die einzelnen Terraingruppen isoliren und zu einer um so selbständigeren Bewegung befähigen. Drittens aber tritt noch, und zwar als eine Hauptsache, die dem Wasserdrucke entgegenwirkende Belastung der Oberfläche hinzu. Naheliegend ist eine solche Belastung durch den Häuser- und Wegebau. Abgesehen von der eigenen Schwere, werden diese Häuser noch auf einer Warf und einer Unterlage von Sand über dem Moorboden errichtet; ebenso werden zur Festigung der Wege Sand und Grus verwendet, und es ist natürlich, daß diese Belastung den Häuser wie Wege tragenden Boden niederhält.

Ueber den Grad, welchen die Belastung erreichen muß, um das Moorstück unter Wasser zu drücken, kann man wohl nichts Definitives feststellen; zwar gab einer der Bewohner an, es genüge schon eine Lage von zwölf Zoll Sand, um eine größere Strecke zum Sinken zu bringen; doch wirken hier noch so verschiedene andere Bedingungen mit, daß man dies wohl nicht als Norm ansehen kann.

Weit wichtiger, und zwar die ganze Landwirthschaft der Waakhausener beherrschend, ist aber die Belastung der Felder durch Dung und Sand; das ist so recht geeignet, zu zeigen, wie die Verhältnisse hier vollständig auf dem Kopfe stehen. Während anderwärts eine dauernde Bodenmelioration ein Zeichen des Fortschritts bedeutet, ist sie hier nicht nur nicht durchführbar, sondern selbst jede unmittelbare Düngung und Verbesserung der Ackerkrume führt das betreffende Feld je um einen Schritt seinem Untergange näher. So lange ein Feld schwimmt, ist es zur Production vortrefflich geeignet; von oben her ist der Boden durchlassend, während die Bewässerung von unten her Nichts zu wünschen übrig läßt. Wird aber die Oberfläche auf die angegebene Weise durch Dung etc. beschwert, so kommt schließlich der Zeitpunkt, wo der Moorgrund nicht mehr zu steigen vermag, der Acker wird überfluthet und geht schließlich der Bewirthschaftung vollständig verloren. So lange der Boden also nur als Wiese benutzt wird, bleibt er stets schwimmend. Die Aecker dagegen schwimmen, je nachdem sie von den angegebenen Bedingungen beeinflußt werden, dem Raume und der Zeit nach verschieden auf, am spätesten diejenigen welche dem vollständigen Untergange am nächsten sind; diese könnten dann nur für die Sommersaat benutzt werden. Das Ufer der Hamme ist allerdings zunächst derselben kleigrundig und vom Schlamme beschwert und deshalb versumpft, aber da, wo in der Richtung nach dem Dorfe zu der [764] Moorboden beginnt, besteht der Sumpf aus solchen durch Schlamm überdies niedergedrückten und untergegangenen Feldern.

Aufschrauben einer Scheune in Waakhausen. Originalzeichnung von F. Lindner.

Das Aufsteigen des Landes kann die Höhe von drei Meter erreichen, in seltenen Fällen und nur bei ganz besonderen Hochfluthen kommt es an vier Meter heran. Man kann sich aber vorstellen, welche vollständige Veränderung nun im Aussehen der Gegend vor sich geht. Das Land fängt an sich zu trennen, neben einem zum Teiche gewordenen Acker steigt der Wald empor und sieht wie von einer Hügelreihe in die Fluth hinab; neben den Warfen der Häuser berstet das Erdreich, löst sich von diesem los, und der Bauer, welcher vordem von seiner Warf herab in seinen Eichenkamp und Garten und auf seine Wiesen hernieder sah, blickt jetzt zu ihnen hinauf, ja beim Höhertreiben des Landes muß er sogar mit Leitern auf dasselbe klettern! – Ebenso verwandeln sich die Wege in Folge ihrer Schwere in Canäle, neben denen das Terrain an der Seite wie ein hohes Ufer emporsteigt. Auch die Brücken und Stege über die Canäle kommen in ähnliche Lage; bald bleibt der eine Steg, wenn er tief eingerammte Träger besitzt, in der Tiefe, während die Ufer hüben und drüben aufschwimmen, bald steigt er nur mit dem einen Ufer und folglich nur mit einem Ende in die Höhe, während das andere mit dem noch nicht oder überhaupt nicht auftreibenden gegenüberliegenden Ufer unter Wasser verbleibt, sodaß ein solcher Steg dann aussieht, als mache er verzweifelte Anstrengungen an dem Wasser auf’s Trockne zu klettern.

Da aber, wo die verschiedenen eben geschilderten Bedingungen des Druckes und Gegendruckes in Conflict gerathen, fängt das Land an, der Kreuz und Quer zu bersten und zeigt, nachdem sich das Wasser verlaufen, jene unheimlich wüsten Bilder, wie sie uns auf dem Wege nach dem Dorfe in Erstaunen setzten.

Wer aber meint, das sei Alles, der irrt; es kommt noch viel bunter. Wenn nämlich jener Unhold, der Niederdeutschland ganz besonders zu seinem Tummelplatz ausersehen – wenn der

Geborstene Felder in der Gegend von Waakhausen. Originalzeichnung von F. Lindner

[765]

Das „Aufblocken“ der Kühe und das Herdfeuer in Waakhausen.
Originalzeichnung von F. Lindner.

[766] Nordweststurm sich in ungewöhnlicher Stärke erhebt und sich auf das schwimmende Waakhausen wirft, die Fluth der Hamme rückwärts staut, die Aeste der Bäume erfaßt und damit einzelne Landparzellen gleichsam an den Haaren hin- und herzerrt, dann fängt in der That Alles an, „drunter und drüber“ zu gehen – und zwar ist das wörtlich zu nehmen.

Leichtere Partieen spazieren über schwere und zum Theil gesunkene hinweg, schieben sich bald neben, bald über einander, und jene Stücken Moorbodens im Roggenfelde oder Roggenfeldes im Haideland, wie wir sie auf unserem Wege beobachten konnten, sind dann gewissermaßen die Visitenkarten, welche das eine bei seinem Besuche dem andern zurückgelassen hat. Uebrigens muß sich der Besitzer des Grundstückes, auf dem sich eine größere Portion solchen fremden Landes niedergelassen hat, sehr dazuhalten, dieselben zu entfernen, so lange noch Hochwasser ist, sonst mag er zusehen, wie er damit fertig wird, jedenfalls kann er später nur unter mühsamer Arbeit seinen Saatboden wieder freilegen.

Während der Sturm hier in solcher Weise wirthschaftet, sprengt er an einer anderen Stelle die Canäle und Grenzgräben zu breiten Wasserspalten auseinander, an einem dritten Punkte aber reißt er einem Bauer eine ganze Parzelle aus seinen Grundstücken, treibt sie als schwimmende Insel in die zum See gewordene Umgebung der Hamme und landet sie bei einem andern Bauern.

Die Waakhausener haben dann ihre liebe Noth, wieder Ordnung in das Chaos zu bringen, und es kommt ihnen dies durchaus nicht lächerlich vor, wie es uns allerdings erscheinen muß, wenn wir uns vorstellen, daß der eine Bauer beim andern seinen Garten abholt, wie man bei uns etwa einen verlaufenen Hammel reclamirt.

Berstet das Land in unmittelbarer Nähe von Baumwurzeln oder steigt es ungleichmäßig, so kommt es vor, daß die daraufstehenden Bäume umsinken wie Schlagbäume, sogar in ganzen Reihen, einer über den anderen, daß sie sich aber, wenn der Boden in seine Normallage zurückkehrt, kerzengerade wieder aufrichten.

Allerdings muß hier ausdrücklich hervorgehoben werden, daß alle die zuletzt geschilderten Erscheinungen mehr den Charakter von acuten Fällen tragen, durch ungewöhnliche Fluthen oder Sturm hervorgerufen, daß dagegen die alljährlich wiederkehrenden Erscheinungen ein regelmäßiges Steigen und Sinken im Zeitraume vom Spätherbst bis zum Frühjahr darstellen, wobei natürlich auch Verschiebungen und dergleichen, nur nicht in so großer Ausdehnung, eintreten.

Mitten in dem Umsturz des Bestehenden fällt dem Menschen eine nicht minder wunderliche Rolle zu. So lange die Fluth eine gewisse Höhe nicht überschreitet, ragt das Haus auf seiner für eine normale Ueberschwemmung berechneten Wurf darüber empor; wächst der Fluthstand aber, so tritt das Wasser in das Haus, und nun werden mehrere Manipulationen nöthig, für welche sich die Bewohner eine gewisse traditionelle Technik ausgebildet haben. Vor allem muß zweierlei sicher gestellt werden: das Vieh und das Herdfeuer. Das Vieh wird in seinen Ständen auf Blöcke gestellt, über welche querhin Bohlen und Bretter gelegt werden – das sogenannte „Aufblocken“ der Kühe. In gleicher Weise wird das Feuer der Herdkuhle, welches sich zu ebener Erde befindet und auf Grund verschiedener Einrichtungen an diese eine Stätte gebunden ist, vor dem Wasser geschützt, indem man auf Blöcken und Brettern Steine zusammenlegt und darauf das Feuer anzündet. Ferner wird der Dünger, um ihn vor dem Wegspülen zu bewahren, mit Strohgeflechten umgeben. Die Menschen selbst aber steigen auf Leitern zum Boden hinauf, wo sie während der Dauer der Ueberschwemmung verbleiben und mit den Schinken um die Wette räuchern mögen.

Jene eben geschilderte Situation giebt unsere Illustration wieder. Kann man sich ein barockeres Bild denken? Draußen vor der Thür schwankt ein hochaufgetriebener Eichenkamp hin und her, wie ein Schiff vor Anker; unten fluthet das Wasser mit leichtem Wellenschlage in die düstere Deele hinein, während oben der Rauch des Herdfeuers in trägen Wolken hinauszieht; drüben an der Seite blicken die Kühe von ihrem erhöhten Stande verwundert in die fremdartige Situation hinab, während an der aufgeblockten Herdkuhle die Hausfrau, mitten über dem Wasser stehend, die Speisen mit demselben Gleichmuth zubereitet, wie in trockenen Tagen. Und dazu heult der Sturm um die altbemoosten Hausgiebel, setzt pfeifend durch die kahlen Aeste des Kamps und jagt an der Seite, wo das Haus offen liegt, hohe Wellen in förmlicher Brandung gegen die Außenwandung, welche auch, wenn nicht genügend fest hergestellt, dem Durchspülen ausgesetzt ist.

Doch läßt sich das Alles ansehen, so lange die gastliche Flamme des Herdfeuers noch herausfordernd in die unten emporleckenden Fluthen hinabschaut; wenn diese aber höher und höher steigen – wenn das Feuer erlischt, dann ist der Moment gekommen, da der Mensch mit Vieh und all dem Seinen auf den neben dem Hause schwimmenden Kamp übersiedelt, wobei namentlich der Transport der Kühe die größten Anstrengungen erfordert. Dort wird nur unter einem Nothdache campirt, bis die Fluth wieder einigermaßen gesunken ist, und das kann sogar mehrere Wochen dauern. Doch gehört ein solcher Fall zu den seltenen.

Unser Bild von den Waakhausener Zuständen würde kein vollständiges sein, wenn wir zuletzt nicht auch noch den Zimmermann besuchten, der in Waakhausen eine viel bedeutungsvollere Rolle spielt, als in anderen Dörfern. Das hängt so zusammen. Jedermann weiß, daß Torfmoor ein Körper von verhältnißmäßig geringer Dichtigkeit ist und folglich durch eine darauf ruhende Last zusammengepreßt werden kann; da nun diese Substanz den Grund bildet, auf welchem die Waakhausener Gehöfte ruhen, so ist die Folge davon, daß die Häuser, den Moorboden zusammendrückend, einzusinken beginnen und natürlich meist nicht gleichmäßig, sondern auf der einen Seite mehr als auf der andern. Um dem allzu tiefen Sinken zu begegnen, hilft man sich mit dem sogenannten Schrauben, das im Durchschnitt nach Ablauf eines Decenniums nöthig zu werden pflegt.

Das Schrauben nun ist Aufgabe des Zimmermanns, in dessen Eigenthum sich auch die dazu nöthigen Apparate befinden. Dieselben bestehen aus vier Theilen; zunächst aus einer Unterlage, an Form einer Eisenbahnschwelle ähnlich, ungefähr fünf Fuß lang mit flachen Aushöhlungen, in welche die unteren Schraubenenden passen. Darauf ruht eine zweite Holzbohle von derselben Form, aber mit Schraubengängen an den beiden Enden. In diese letzteren werden die ungefähr vier Fuß langen Schrauben eingeführt. Sollen sie nun in Thätigkeit kommen, so wird unter dem Grundbalken des Hauses ein Loch ausgehöhlt, groß genug, die beiden beschriebenen Bohlen hineinzuschieben, was dergestalt geschieht, daß das eine Ende mit der einen Schraube sich an der Innenwand, das andere mit der anderen Schraube außerhalb des Hauses an der Außenwand befindet; durch das Schrauben trennen sich nun die beiden Bohlen, und der so entstehende Zwischenraum wird mit Sand und anderem festem Material ausgefüllt. Je nach der Größe des Hauses werden zugleich 15 bis 20 solcher Schrauben in Thätigkeit gesetzt, und das Haus wird dadurch oft bis zu einem halben Dutzend Fuß in die Höhe gebracht. Dieses Schrauben hat freilich die zwei Nachtheile, daß es erstlich ziemlich viel Kosten verursacht, und dann, daß das Haus häufig in seinem Gefüge darunter leidet. Deshalb suchen die Bewohner in dem schiefgesunkenen möglichst lang auszuhalten und ihren Haushalt unter einem Winkel von 70 Grad weiter zu führen – in solch einem Hause ist dann Alles schief, und man ist fast versucht, die Bewohner darauf hin anzusehen, ob nicht der Eine eine hohe Schulter, der Andere eine hohe Hüfte habe.

Mit dem Besuche beim Zimmermann schließt aber unsere Entdeckungsreise, und wir wenden uns unserem Wirthshause zu. Der Abend ist inzwischen über die stille Gegend gekommen, der Ruf des Kukuks ist verhallt – wir wandern den neuen Canal entlang, dessen schwarzbraunes Wasser träge über eine düstere Vegetation ebenso schwarzbrauner am Moorboden wuchernder Pflanzen hinzieht, bis wir unser Ziel erreicht haben.

Im Wirthshause wird uns nach einem frugalen Abenbrod [767] eines der dort üblichen wunderlichen Betten zu Theil, und den dicht über unserer Nase herabhängenden Bettquast anstierend, wir mögen wollen oder nicht, schlafen wir ein, um am anderen Morgen noch halb im Schlafe mit dem Gedanken zu erwachen: Herr Gott, raucht der Ofen! bis wir, zu voller Besinnung gelangt, zwar unseren Irrthum in Bezug auf einen Ofen erkennen, aber an dem Torfrauche, den man im ganzen Hause riecht und schmeckt, wahrnehmen, daß die Herdkuhle an der Zubereitung unseres Frühstücks des bereits beschriebenen Kaffees, thätig ist, den wir mit Resignation einnehmen, um alsbald unsern Wanderstab weiter zu setzen.