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Seltsame Geburtsstätte

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: H. H.
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Titel: Seltsame Geburtsstätte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 32
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[32] Seltsame Geburtsstätte. Ich bin genau befreundet mit der Gräfin M., einer liebenswürdigen jungen Frau, die leider kinderlos ist und ihre ganze etwas überschwängliche Zärtlichkeit auf eine Menge kleiner geflügelter Sänger übertragen hat, welche in großen Volièren in ihren Zimmern herumflattern.

Als ich dieselbe neulich besuchte, fand ich sie unten auf der Treppe stehend, bemüht, einen stattlichen, buntglänzenden Hahn, der sich mit aller Gewalt und List dagegen sträubte, zur Thür hinaus zu scheuchen. Das prachtvolle Thier wies muthig alle Angriffe der Gräfin mit hochgeschwungenen Flügeln und trotzigem Kollern zurück, während es sein kluges Auge nicht einen Augenblick von seiner Widersacherin abwandte. Ich sah erstaunt und lächelnd bald die hübsche Frau, bald den streitbaren Vogel an, indem ich der ersteren aber zu Hülfe kommen wollte, wehrte sie mir und wies mich mit der Bitte zurück, ihrem besten Freunde ja nichts zu Leide zu thun. Als der Hahn nach manchen Bemühungen endlich sich doch bequemt hatte, auf den Hof zurückzukehren, erzählte mir die Gräfin folgende Geschichte über denselben.

„Ich habe ein paar Lachtauben, die ich zärtlich liebe. Im vorigen Jahre hatten diese ein Ei, welches der Täuberich leider zertrat. Die arme Taube war darüber so betrübt, daß ich ihr aus Mitleiden ein Hühnerei unterlegte. Tag und Nacht saß die Getröstete nun frohen Muthes auf dem Neste und brütete emsig wie vorher; da nun aber bekanntlich die Tauben eine kürzere Brütezeit haben, als die Hühner, so verließ die Taube, ihrem Naturtriebe folgend, das Ei, als die gewöhnliche Zeit um war.

Es dauerte mich, das junge Leben in demselben grausam zu Grunde gehen zu sehen, und ich beschloß daher, zu versuchen, ob ich dasselbe nicht selbst ausbrüten könnte. Gedacht, gethan. Ueber acht Tage trug ich dasselbe unter meiner Achselhöhle mit mir umher, es erwärmend und ängstlich behütend; kaum gönnte ich mir den nöthigsten Schlaf, aus Furcht, das Ei zu zerdrücken, und siehe da, – denken Sie sich meine Freude – nach Verlauf einer Woche fühlte ich Leben in der zarten Hülle – das gelbe Küchelchen pickte sich an das Tageslicht hervor!

Sie würden mich auslachen, Sie Spötter, wollte ich Ihnen schildern, was ich empfand, wie ich mich über das kleine, zarte Wesen freute, dem ich gewissermaßen das Leben gegeben hatte, das meinem alleinigen Schutze anvertraut war; sorgfältig packte ich dasselbe in ein Kästchen mit Watte und Federn und pflegte und fütterte es. Zu meinem Bedauern aber fing nach wenigen Tagen schon das Thierchen zu kränkeln an. Es wurde matt und matter, und so blieb mir nichts weiter übrig, als es wieder an seiner alten Stelle in Pension zu geben. Das half. Der Hahn gedieh, wuchs heran und ward schön und groß; dabei ist er dankbar und ist mir treu ergeben. Schon von ferne erkennt er meine Schritte, meine Stimme. Mit geschwungenen Flügeln und freudigem Krähen begrüßt er mich schon von Weitem und läuft mir nach wie ein Hund.

Täglich besucht er mich in meinen Zimmern; er kräht und scharrt so lange vor der Thür, bis ich ihn einlasse und ihm seine gewohnten Leckerbissen reiche, aber besonders eigenthümlich ist es, daß das dankbare und kluge Thier nirgends lieber sitzt, als auf meiner Achsel, der Stätte seiner Geburt. Und nun lachen Sie, mein Herr, so viel Sie wollen, über meine zärtlichen Gefühle gegen meinen Schützling, – was wollen Sie – bin ich nicht seine Mama, habe ich ihn nicht selbst ausgebrütet?“
H. H.