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Seite:WuerttVjhhLG Jhg 01.djvu/203

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Bernhard Grueber: Peter von Gmünd genannt Parler. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. Jahrgang I.

Diese Stammtafel würde nach den von Mauch aufgefundenen Nachrichten und Steinmetzzeichen folgendermaßen zu ergänzen sein.

1. Heinrich der Stammvater soll 1377 die ersten Plane für das Ulmer Münster entworfen haben und auch daselbst, ein Kirchenmodell auf dem Rücken tragend, abgebildet sein.
2. Johann von Gmünd, ein dritter Sohn des alten Heinrich, wird zwischen 1356–1360 in Basel und Freiburg als leitender Steinmetz genannt.
3. Heinrich, Michaels Sohn, soll vor seiner Uebersiedlung nach Mailand in Ulm Werkmeister gewesen sein. Diese Nachricht steht indes mit den Kölner Urkunden und den Brünner Ueberlieferungen in einigem Widerspruch. Vielleicht ist er mehrmals hin- und hergereist, was auch bei seinem Vater Michael der Fall gewesen sein mochte.
4. Ulrich Ensinger, der Hauptmeister des Ulmer Münsterbaues, welcher längere Zeit in Straßburg wirkte und auch nach Mailand berufen wurde, wäre als Angehöriger der Gmünder Familie einzureihen. Verschwägert war Ulrich mit Michael oder Johann von Gmünd wahrscheinlich. Der enge Anschluß der beiden Familien läßt sich kaum bezweifeln, da auch die Steinmetzzeichen übereinstimmen. Demnach würde die zahlreiche Familie Ensinger einen Zweig der Gmünder bilden.

Aus dieser Tafel und den beigeschalteten Notizen geht hervor, daß die in Köln, Böhmen und Schwaben aufgefundenen Nachrichten in allen Hauptpunkten übereinstimmen und sich gegenseitig ergänzen. In Bezug auf das Alter des Stammvaters Heinrich könnte das Bedenken erhoben werden, ob er bei seinem frühen Auftreten nicht zu bejahrt gewesen sei, noch 1377 die Münsterplane zu entwerfen. Allein eine Unmöglichkeit oder nur Unwahrscheinlichkeit liegt hier nicht vor. Damals pflegten die Leute sich frühe zu verheiraten und Heinrich dürfte (die Geburt seines ältesten Sohnes als Grundlage angenommen) etwa 66 Jahre gezählt haben, als er die Münsterplane fertigte. Michel Angelo, Luca della Robbia und in neuerer Zeit Cornelius, Thorwaldsen, Rauch und Andere haben in noch höherem Alter Meisterwerke ersten Ranges geschaffen.

In Bezug auf den Namen des ältern Heinrich möchte es am richtigsten sein, bei der bisherigen Schreibweise „Arler“ zu verbleiben: ein Familienname war Arler eben so wenig als Parler, auch konnten Vater und Sohn wohl verschiedene Bezeichnungen erhalten haben, wie es in Werkstätten und Schulen heute noch vorkommt. Mir war unter andern ein angesehener Mann, Namens Johann N. bekannt, welcher als Knabe den Spitznamen Antony erhielt und der bis zu seinem Tode im gewöhnlichen Verkehr nur mit dem Spitznamen bezeichnet wurde. Seine Kinder hießen die „Tony“, obgleich in der ganzen Familie sich kein Anton befand. Wir erinnern nebenbei an Cronaca, Ghirlandajo und andere berühmte italienische Künstler, deren Beinamen durchaus persönlicher Art war, während die übrigen Familienglieder anders genannt wurden.


Material, aber die sämmtlichen Nachrichten über das Herkommen der Juncker und ihre angebliche Thätigkeit bei Erbauung des Straßburger Münsterthurmes beruhen auf eitlen Voraussetzungen, welche jeder Begründung entbehren. Die Behauptung, daß die in Straßburg vorhandenen alten Thurmplane von den Junckern herrühren, ist völlig aus der Luft gegriffen; nach den in Ulm befindlichen Originalrissen hat Ulrich Ensinger das erste Anrecht, diese Plane gefertigt zu haben. Der Ursprung einer in der zweiten Schrift besprochenen und sogar abgebildeten Junckherrnmedaille erscheint so zweifelhaft, daß der Sache wohl eine Mystification zu Grund liegen mag. Die von Matthäus Roritzer erwähnten Jungkherrn sind entweder aus der Parler’schen Schule (und vielleicht aus seiner Familie) hervorgegangen, oder sie waren gewandte Abenteurer, welche mit dunkeln Redensarten dem guten Roritzer zu imponiren verstanden. Baumeister waren die Jungkherrn schwerlich, auch bezeichnet sie Roritzer nicht als solche, sondern als Kunstverständige, „Wissende“. Ueber das Wirken der Juncker in Straßburg existirt nicht ein einziges vollgiltiges Datum und hat auch Seeberg keines beigebracht.

Empfohlene Zitierweise:
Bernhard Grueber: Peter von Gmünd genannt Parler. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. Jahrgang I.. H. Lindemann, Stuttgart 1878, Seite 195. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:WuerttVjhhLG_Jhg_01.djvu/203&oldid=- (Version vom 1.8.2018)